Das gute Leben - Nadine Schneider - E-Book

Das gute Leben E-Book

Nadine Schneider

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Beschreibung

Nadine Schneiders Roman »Das gute Leben« ist eine große Mütter-Töchter-Geschichte über vier Generationen, ein Buch von Abschied, Neuanfang und der Arbeit des Lebens. Es ist Spätsommer, und im Garten sind die Trauben reif, als Christina das Haus ihrer Großmutter Anni erbt. Hier, in einem kleinen Dorf bei Nürnberg, ist sie bei Anni aufgewachsen: Anni, die Mitte der sechziger Jahre aus Rumänien nach Deutschland flieht. Anni, die ganz allein ihr Kind und ihr Enkelkind aufzieht und beim Quelle-Versand Pakete packt, die ins Wirtschaftswunderland verschickt werden. Die gegen Einsamkeit, Armut und Fremdsein kämpft, mit Zähigkeit, Kraft und Pflichtbewusstsein. War das das Leben, von dem sie geträumt hat? Oder hat sie beim Leben das Leben verpasst? Zögernd verabschiedet sich Christina von Anni und ihrem Haus. In der stillen Wärme der letzten Sommertage versinkt sie immer tiefer in ihren Erinnerungen, stößt auf überraschende Fundstücke und fährt auch zu dem inzwischen verlassenen Gelände des Quelle-Versandzentrums. Ihren eigentlich geplanten Urlaub hat sie abgesagt, und von ihrer Arbeit dringen nur gelegentliche Mails zu ihr. Und allmählich erkennt sie, was sie ihrer Großmutter wirklich verdankt: die Freiheit, loszulassen und selbst den Ort zu finden, wo das gute Leben zu Hause ist. »Dieser Sprache gelingt etwas: atemlos und gleichzeitig voller Ruhe zu erzählen.« Zsuzsa Bánk

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Seitenzahl: 369

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Nadine Schneider

Das gute Leben

Roman

 

 

Über dieses Buch

 

 

Es ist Spätsommer, und im Garten sind die Trauben reif, als Christina das Haus ihrer Großmutter Anni erbt. Hier, in einem kleinen Dorf bei Nürnberg, ist sie bei Anni aufgewachsen: Anni, die Mitte der 60er Jahre aus Rumänien nach Deutschland flieht. Anni, die ganz allein ihr Kind und ihr Enkelkind aufzieht und beim Quelle-Versand Pakete packt, die ins Wirtschaftswunderland verschickt werden. Die gegen Einsamkeit, Armut und Fremdsein kämpft, mit Zähigkeit, Kraft und Pflichtbewusstsein. War das das Leben, von dem sie geträumt hat? Oder hat sie beim Leben das Leben verpasst?

Zögernd verabschiedet sich Christina von Anni und ihrem Haus. In der stillen Wärme der letzten Sommertage versinkt sie immer tiefer in ihren Erinnerungen, stößt auf überraschende Fundstücke und fährt auch zu dem inzwischen verlassenen Gelände des Quelle-Versandzentrums. Ihren eigentlich geplanten Urlaub hat sie abgesagt, und von ihrer Arbeit dringen nur gelegentliche Mails zu ihr. Und allmählich erkennt sie, was sie ihrer Großmutter wirklich verdankt: die Freiheit, loszulassen und selbst den Ort zu finden, wo das gute Leben zu Hause ist.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Nadine Schneider, geboren 1990 in Nürnberg, stammt aus einer rumäniendeutschen Familie. Sie studierte Musikwissenschaft und Germanistik in Regensburg, Cremona und Berlin. Ihr erster Roman »Drei Kilometer« wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Hermann-Hesse-Förderpreis und dem Literaturpreis der Stadt Fulda. 2021 las sie beim Ingeborg-Bachmann-Preis, im selben Jahr erschien ihr zweiter Roman »Wohin ich immer gehe«. Nadine Schneider lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Nürnberg. Für »Das gute Leben« erhielt sie ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds.

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Gaeb & Eggers.

Die Autorin dankt dem Deutschen Literaturfonds e.V. für die Unterstützung der Arbeit an diesem Roman.

 

Für diese Ausgabe:

© 2026 S. Fischer Verlag GmbH,

Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com

ISBN 978-3-10-492263-8

 

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

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Inhalt

[Motto]

I

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Dank

I just wanted a place but I ended up gone.

AIMEE MANN: GOOSE SNOW CONE

I

1

Ich will hier nicht sein. Mit jedem Schritt denke ich es, jeden Schritt drücke ich fester in den Schotter, stampfe, trete nach hinten kleine Kiesel weg. Anni dreht sich zu mir um, zieht die Brauen hoch.

Ich will hier nicht sein, es ist Sommer und so heiß, dass ich mich gestern im Keller meiner Urgroßmutter im Halbdunkel auf die Stufen setzte und eine der Wassermelonen in meinen Schoß nahm, ich schlang die Arme darum, krümmte den Rücken und legte die Stirn an die kühle Schale. Oben riefen sie nach mir, und ich schloss die Augen, die Hitze pochte in meinen Schläfen. Ich will hier nicht sein, heute nicht und an keinem anderen Tag, ich kann mich nicht erinnern, jemals gerne hierhergekommen zu sein.

Anni geht schnell, sie hat es eilig. Anni hat es immer eilig, die Toten zu sehen, die Toten, so scheint es mir, will sie dringender sehen als die Lebenden. Jedes Mal ist es das Erste, was wir hier tun, ein Besuch, der keinen Aufschub duldet. Hungrig und zittrig von der langen Fahrt, mit steifen Gliedern vom Sitzen im Reisebus stehen wir dann an den Gräbern, und dass wir gestern noch nicht hier waren, lag nur an mir, an mir, die sich im Keller versteckte, vor der Hitze und der Landschaft, die hinter dem Haus unter der Sonne brütet und die so weit ist, dass der Blick an nichts hängen bleiben kann. Und auch vor meiner Urgroßmutter, die es schafft, immer älter zu werden, verstecke ich mich. Ich kenne sie nicht anders als alt, und doch schleicht sich in den Monaten, in denen wir uns nicht sehen, immer wieder ein neues Altsein in ihr Gesicht. Bei jedem Abschied von ihr denke ich, dass es diesmal der letzte sein wird.

Anni dreht sich noch einmal halb um, ich gehe ihr nicht schnell genug. Dass ich ihren Drang, die Toten zu sehen, nicht teile, empört sie. Ein Schweißtropfen brennt mir im Augenwinkel, ich wische ihn mit dem Fingerknöchel weg.

Ich will hier nicht sein, und Anni, das weiß ich, will es auch nicht, aber zugeben würde sie das nicht. Sommer für Sommer und Winter für Winter setzt sie sich in den Reisebus nach Rumänien, siebzehn Stunden hin und siebzehn zurück. Im Sommer schwellen während der Fahrt ihre Finger an, sie atmet schwer in der verbrauchten Luft, im Winter trägt sie zwei Paar Socken und zieht die ganze Zeit ihren Pelzmantel nicht aus. Sie wird mit diesen Reisen nicht aufhören, solange meine Urgroßmutter nicht gestorben ist, meine Urgroßmutter, eine sanfte, eine nachgiebige Frau, von der ich nicht glauben kann, dass sie überhaupt etwas mit Anni, etwas mit uns zu tun hat. Doch in einem Punkt gibt sie nicht nach. Sie will nicht mit uns nach Deutschland kommen. Sie will bleiben, wo sie ist, in ihrem flachen Haus mit den langen Zimmern. Sie wolle hier sterben, sagt sie, und Anni entgegnete einmal, dann stirbst du halt allein, und meine Urgroßmutter schluckte und schaute kurz in ihren Schoß. Ja, sagte sie nur, ja.

Ich will hier nicht sein, es ist das letzte Mal, ich schwöre es. Wütend starre ich Annis Rücken an, ihre Schritte sind energisch. Zu den Toten geht sie wie auf eine Hochzeit, sie trägt ein Cocktailkleid, cremefarben mit schwarzen Punkten, und läuft mit den Pumps so sicher auf dem Schotter, als wäre es der ebene Boden eines Tanzsaals. In ihrem ausrasierten Nacken sehe ich Schweißperlen, die sich nicht lösen, noch nicht, doch wenn wir zurückkommen zu meiner Urgroßmutter, werden wir beide nassgeschwitzt sein, und Anni wird die Füße in einen Eimer mit Brunnenwasser stecken, die Augen schließen und sich Luft zufächeln. Meine Urgroßmutter wird die Pumps in die Höhe halten, du machst dir hier die guten Schuhe kaputt, und Anni wird nicht antworten, wird verschweigen, dass die Schuhe sowieso nur zweite Wahl sind, genauso wie das Kleid und die Handtasche, alles zweite Wahl aus dem Versandhaus, für das sie über dreißig Jahre gearbeitet hat.

Der Friedhof liegt vor dem Dorf, umstellt von nichts als Feldern, der Himmel darüber gespannt, ein dünnes, strahlend blaues Tuch. Wir biegen von der Straße in den Feldweg ein, und beinahe laufe ich in Annis Rücken, die so plötzlich stehen geblieben ist, dass sie kurz das Gleichgewicht verliert, für einen Moment knickt unter einem ihrer Füße der Absatz weg, doch sie streckt beide Arme zur Seite und fängt sich. Was denn, sage ich, und schaue an ihr vorbei.

Einige Meter vor uns sehe ich eine Kuh. Ein dürrer Junge geht neben ihr und hält sie an einem Horn, langsam trottet sie neben ihm, der Körper zu schwer bei der Hitze.

Anni macht einen kleinen Schritt nach links, weicht aus. Hat sie Angst vor der Kuh, ich will sie nicht fragen, ich will auf den Friedhof, schnell, und dann zurück zum Haus, will mich in den Keller setzen, zu den Kartoffeln und Melonen, so lange, bis der Schweiß auf meinem Rücken kalt wird und mich frösteln lässt.

Als ich an Anni vorbeigehe, ruft sie erschrocken meinen Namen, ruft: Christina!, und ich sehe, wie der Junge die Kuh fester packt und nach links vom Weg zu ziehen versucht, weg von mir. Bevor ich es mit der Angst zu tun kriege, bin ich schon am Friedhofstor. Ich ziehe es auf und schließe es hinter mir, so langsam ich kann. Die Kuh ist stehen geblieben. Ihre Augenlider sind schwarz vor Fliegen, und sie beginnt, den Kopf zu schütteln. Für einen Moment entgleitet sie dem Griff des Jungen, und ich höre, wie Anni scharf die Luft einzieht. Der Junge reagiert schnell, greift mit der einen Hand in das Fell am Nacken, und mit der anderen packt er das Horn, die Bewegung des schweren Kopfes erfasst seinen ganzen Oberkörper, doch er lässt nicht noch einmal los. Kurz treffen sich unsere Blicke, und mir fällt auf, dass meine Hand noch auf der Klinke des Friedhofstors liegt. Ich ziehe sie zurück und will mich abwenden, als er etwas zu mir sagt. Er sagt etwas über die Kuh, so viel verstehe ich, aber ich kann nicht antworten. Ich öffne den Mund und suche nach den richtigen Worten, fange leise einen Satz an, doch dann antwortet Anni für mich, schnell und lachend, und ich höre, dass sie sagt: Sie versteht nicht, sie kann kein Rumänisch, und dann lacht sie noch einmal, sie klingt verlegen.

Ich senke den Blick. Ich höre noch, wie sie sich in meinem Rücken unterhalten, während ich an der Kapelle vorbeigehe, geradeaus und dann die fünfte Reihe links, wir waren so oft hier, ich kenne den Weg im Traum. Als ich am Grab ankomme, halte ich nicht inne, ich falte meine Hände nicht. Ich setze mich auf die Steinplatte, die so heiß ist, dass ich fast wieder aufstehen will, stütze die Unterarme auf die Knie und warte auf Anni.

2

Dass ich ausgerechnet jetzt daran denke. An den Jungen mit der Kuh. Und an den letzten Sommer meiner Urgroßmutter, es muss der letzte gewesen sein, meine Erinnerung an sie hört nach diesem Sommer auf. Es war der einzige Sommer, in dem Anni und ich getrennt nach Hause fuhren, für mich fing die Schule wieder an, doch Anni musste bleiben, weil meine Urgroßmutter Wasser in den Beinen hatte und kaum noch gehen konnte. Wie ich mich von ihr verabschiedete, weiß ich nicht mehr. Aber an diesen heißen Tag in Rumänien erinnere ich mich, an den Weg zum Friedhof und den Moment, als die Kuh den Kopf schüttelte, mit dieser Trägheit, in der so viel Kraft steckte.

Nur warum ich ausgerechnet jetzt daran denke, verstehe ich nicht. Vielleicht ist es die Ruhe hier, an die ich nicht mehr gewöhnt bin, die Hitze, die den ganzen Tag Zeit hatte, in den Asphalt zu kriechen, so dass die Wärme nun von unten und oben kommt, aus dem Boden und dem Himmel. Mir rinnt der Schweiß aus dem Haaransatz, ich will endlich ankommen und bin fast erleichtert, als ich das Haus sehe, das an der Ecke steht, sich zwischen den Neubauten wegduckt.

Die Rollen meines Koffers klacken rhythmisch über die Platten des Gehwegs. Ich bin zu laut hier, zwischen den Vögeln und dem Zischen eines Rasensprengers, dem sachten Klirren eines Sonntagsgeschirrs und dem einzelnen Glockenschlag, der eine abendliche Viertelstunde anzeigt. Ich bin müde und hungrig, doch im Haus wird irgendetwas sein, irgendetwas Eingelegtes, etwas werde ich essen können auf der Terrasse, die jetzt schon im Schatten liegen muss.

Jemand grüßt mich. Ich drehe den Kopf, ein Nachbar schaut mich prüfend an. Er erkennt mich nicht wieder, ich lächele, und er zögert so lange mit seinem Lächeln, dass ich den Blick abwende.

Ich schiebe die Hand in die Hosentasche. Den Schlüssel, dass ich ihn bloß nicht vergessen habe, dass es auch der richtige ist. Immer wieder musste ich ihn während der Zugfahrt herausnehmen, mich vergewissern, weil ich einfach nicht mehr weiß, wo Anni den Ersatzschlüssel versteckt hat, und auch, wo ihr eigener Schlüssel abgeblieben ist, weiß ich nicht. Dass er mit Anni begraben wurde, dieser Gedanke kommt mir ständig, dabei wird ja wohl kaum jemand mit dem Inhalt seiner Handtasche begraben. Aus dem Krankenhaus nahm ich einen ihrer Ringe mit, ihre Brieftasche, ihre Uhr und ihre Kleidung, aber dass sich unter ihren Sachen kein Schlüsselbund befand, fiel mir erst später auf, und ich fragte mich, ob Anni etwas geahnt hatte. Ob sie gewusst hatte, dass sie den Schlüssel zu ihrem Haus nicht mehr brauchen würde, ob sie die Tür am Tag der Aufnahme in die Klinik einfach nur hinter sich zuzog und sich verabschiedete von den ganzen letzten leisen Jahren, den Jahren, die ich mir einsam vorstelle, und all den Jahren davor, die mühselig gewesen sein müssen: Annis Tochter, meine Mutter Helene, ging fort und ließ mich, die Enkelin, bei Anni zurück. Noch ein Kind großziehen, als ob eines nicht gereicht hätte. Und nie sei ihr gedankt worden dafür, dass sie das gute Leben, das sie hätte haben können, das angesparte Geld, die schöne Kleidung und die Kaffeefahrten für all diese Mühen aufgegeben hatte. Ein Leben wie die Schickedanz hätte ich haben können, pflegte sie zu sagen, und ich pflegte lange Zeit, nicht zu verstehen und auch nicht zu fragen, was sie damit überhaupt meinte.

Mein Handy vibriert in der Hosentasche, Helene wird wissen wollen, ob ich angekommen bin. Ich schaue nicht nach, ich schaue zum Haus, die Fassade leuchtet gelb im Licht der tiefstehenden Sonne, das Grau vom Ruß der vielen Winter ist jetzt kaum zu sehen. Die Dachschindeln sind moosig und an einer Stelle eingedellt, im Dachstuhl muss etwas nachgegeben haben, aber Anni hat nichts mehr richten lassen. Wozu, sie sei ohnehin die Letzte von uns, die dieses Haus bewohnen würde, wir würden es doch sowieso nur verkaufen, Helene und ich, uns sei es nichts wert, wir hingen nicht daran. Wenn sie gewusst hätte. Wenn sie gewusst hätte, wie oft ich an anderen Orten nach dem Licht in dieser Straße Ausschau gehalten hatte, nach der Einfärbung des Himmels über dem kleinen Waldstück, das man vom Badezimmerfenster aus sehen kann, wie ich nach den Momenten im Garten suchte, die unvermittelt eine andere Jahreszeit andeuteten, nach den Momenten, wenn der August auf einmal nach gefallenem Laub roch und der Februar sich plötzlich anhörte wie ein Morgen im Frühling, die Vögel hatten ihre Stimmen zurück. Wenn sie gewusst hätte, wie ich an sie und uns, an unser Leben gedacht hatte, unser gemeinsames Leben, das so plötzlich vorbei gewesen war. Ich hatte uns aufgeschoben, Anni und mich, ich hatte gedacht, es gäbe noch Zeit für uns. Zeit für Erzählen, für Erklärungen und ein Zurückschauen und Verstehen. Zeit für Annis Geschichte.

 

Anni ist nicht hier geboren. Anni ist hier auch nicht aufgewachsen, und nicht hier meint nicht die Entfernung bis zum nächsten Ort, bis zur nächsten größeren Stadt oder einem anderen Bundesland, es ist ein nicht hier, das nicht einmal in ein anderes Land gehört, denn Anni ist an einem Ort geboren und aufgewachsen, den es streng genommen nicht mehr gibt. An diesem Nicht-Ort war sie ein Mädchen, eine junge Frau, bevor es ihr langte, wie sie später oft sagte, bevor es ihr bis hier stand und sie nicht mehr konnte, und mit nichts war sie gegangen und mit nichts gekommen, und schau, was ich jetzt habe, pflegte sie zu sagen, ein Haus und einen Garten, einfach war’s ja nicht gerade, aber das hab ich jetzt, und das nimmt mir keiner mehr weg.

Annis Garten ist strohgelb, ausgebleicht vom Sommer und ihrer Abwesenheit. Als ich an den Zaun trete, sehe ich, dass das Gras fast kniehoch steht. Von dort, wo die reifen Zwetschgen vom Baum gefallen und aufgeplatzt sind, ist ein durchdringendes Summen zu hören. Das Reh aus Kunststoff neben dem Sommerflieder muss ein Gewitterwind umgeworfen haben, es liegt mit steif von sich gestreckten Beinen auf der Seite, über die Jahre sind seine Farben blass geworden, die einmal dunklen Augen grau, als wäre das Tier erblindet.

Ich lege die Hand auf die Klinke des Gartentors, und als ich es öffne und sein Knarren bis in den Ellbogen spüre, zögere ich kurz, weil ich mich erinnere. An den Moment, wenn ich mich auf Rollschuhen in voller Fahrt gegen das Tor fallen ließ, an das kurze Nachgeben der Holzlatten unter meinem Gewicht, und daran, wie ich gleichzeitig schon die Klinke zu fassen bekam und herunterdrückte, so dass ich mit dem letzten Schwung auf den gepflasterten Gartenweg rollte. Und dann die Enttäuschung, wenn ich merkte, dass Anni im Haus war und sich nicht darüber aufregte, dass ich einmal noch das Tor kaputt machen würde, aufhören solle ich damit, und wie oft sie das noch sagen müsse.

Ich ziehe den Koffer durch das Türchen und schließe es hinter mir. Man merkt dem Garten an, dass er schon nicht mehr will, dass er in den letzten Zügen liegt. Das, was in den Wochen zuvor nicht gegossen wurde, ist verdorrt, in den Ampeln hängen Geraniengerippe, und der Boden darunter ist blütenübersät. Der Flieder riecht so durchdringend wie etwas Verdorbenes. Ich lasse den Koffer stehen und nehme den Weg nach hinten in den Garten. Als ich im Augenwinkel eine Bewegung sehe, zieht mein Herz sich zusammen, und ich zucke zurück, bevor ich verstehe, dass ich es bin, dass es meine Spiegelung in einem der beiden Fenster ist, vor dem der Rollladen nur halb heruntergelassen ist. Kurz lege ich eine Hand an den groben Putz des Hauses, die Mauer noch warm von der Nachmittagssonne, und atme aus. Es ist niemand hier, sage ich mir, keiner ist mehr da.

3

Sie will hier nicht sein. Anni verschränkt die Finger im Schoß. Noch fünf Minuten. Fünf Minuten, dann wird sie aufstehen und gehen. Sie lässt sich doch nicht für dumm verkaufen und wartet hier noch länger, schon seit bald zweieinhalb Stunden sitzt sie hier wie ein Depp, und nichts ist passiert, noch nicht einmal eine Tür hat sich geöffnet. Außer ihr ist niemand da, es werden keine Namen aufgerufen, nichts. Vielleicht, denkt sie sich, sitzt hinter den Türen nicht einmal jemand, vielleicht sind die Räume leer, und sie lassen die Leute nur zum Spaß herkommen. Lassen sie warten wie die Deppen, Stunde um Stunde, so lange, bis sie aufgeben oder es wagen, irgendwo anzuklopfen, nur um dann festzustellen, dass die Räume leer sind, dass dort schon seit Jahren niemand mehr arbeitet. Es würde so gut passen, denkt sie sich, es würde passen zu diesem Land, das seit Jahren einstaubt wie ein Zimmer, welches nur vorgibt, noch eine Bedeutung zu haben.

Noch fünf Minuten, dann würde sie gehen. Annis Magen rumort, der Hunger ist das Schlimmste, der ständige Hunger. Früher hat sie vom Frühstück an vier, fünf Stunden arbeiten können, ohne hungrig zu werden, jetzt kann sie nirgendwohin, ohne sich vorher eine Scheibe Brot in ein Taschentuch zu wickeln, ohne vier, fünf Biskotten in der Manteltasche. Sie zieht die in Papier eingeschlagenen Kekse heraus, nimmt einen davon und schiebt ihn in den Mund, kaut zweimal und schluckt. Nicht genug. Sie will nach dem nächsten greifen und lässt es. Wie lang. Wie lang soll ich hier noch warten, ihr Hunde.

Eine Tür öffnet sich, und Annis Herz ist sofort da, von jetzt auf gleich sitzt ihr sein Pochen auf der Zunge.

Anna, sagt der Mann, der in der Tür steht, sein Blick klebt auf einem Stück Papier. Anna, wiederholt er und schaut in den Gang, als säßen dort hundert Leute. Was, denkt sie sich, Anna was? Kannst meinen Nachnamen nicht sagen, ohne dir einen Knoten in die Zunge zu machen? Sie steht auf.

Da, sagt sie, ihre Stimme ist belegt, und sie räuspert sich.

Er mustert sie kurz, von oben nach unten.

Poftiți, er stellt sich neben die Tür, drückt sie mit dem ausgestreckten Arm auf, und Anni geht an ihm vorbei in das Zimmer. Die Einrichtung ist karg, vor einem großen Fenster steht der Himmel wie eine graue Wand. Anni nimmt auf einem der beiden Stühle vor dem Schreibtisch Platz und zieht den Brief aus der Handtasche. Ich hab eine Reisegenehmigung, sagt sie, eine Reisegenehmigung für drei Wochen.

 

Als Anni später auf die Straße tritt, entlässt der Himmel winzige Tropfen, ein dünner, kalter Film aus Feuchtigkeit legt sich auf ihre Haut. Dass es geschafft ist, endlich geschafft, denkt sie, was soll jetzt noch passieren, sie hat so gut gelogen wie in ihrem ganzen Leben noch nicht, ihre eigene Mutter hat sie noch nicht so gut angelogen. Wen sie besuchen ginge und wieso und wo sie wohnen würde, wer sie abholen würde und wer sie zurückbrächte zum Bahnhof, welchen Zug sie nehmen würde hin und zurück, und bloß keine Umwege. Nein, nein, keine Umwege, Anni schüttelte den Kopf, als sei ihr das noch nie in den Sinn gekommen. Nur dass der Rudi-Onkel in Deutschland sich für sie so krank hat machen müssen, sterbenskrank, darum tat es ihr leid. Sie würde daheim im Dorf eine Kerze anzünden gehen für ihn und beten, dass er nie wirklich so krank wurde, wie er sich für sie gemacht hatte, zusammen mit seinem Bekannten vom Roten Kreuz hatte er es geschafft, es so hinzubiegen, als würde er tatsächlich schon bald den Löffel abgeben.

Meinen Onkel, ich will ihn so gern noch einmal sehen, hat sie zu dem Milizmann gesagt, und sogar eine Träne war ihr gekommen, so sehr stellte sie sich vor, der Onkel läge im Sterben, und eigentlich war die Träne umsonst, denn der Mann sah sie während des ganzen Gesprächs kaum an. Eigentlich war der weite Mantel umsonst, den sie anließ in dem Zimmer mit der grauen Himmelswand vor dem Fenster. Eigentlich war vieles umsonst, wegen vielem hatte sie sich völlig sinnlos verrückt gemacht, und am Ende hat sie dem Mann nicht unter den Schreibtisch speien müssen, wie sie es sich ausgemalt hatte, am Ende fiel kein einziger seiner Blicke auf die leeren Schlaufen ihres Mantels, wo der Gürtel fehlte, und auch ihre Träne sah er nicht, die ihr jetzt noch, als sie auf die Straße tritt, im Augenwinkel hängt. Sie wischt sie mit dem Fingerknöchel weg, schwarze Tusche bleibt auf ihrer Haut zurück.

Sie ist erst wenige Schritte gegangen, als die Tropfen dichter fallen, sie bindet sich das Kopftuch um und flucht, weil sie keinen Schirm mitgenommen hat. An den Brief hat sie gedacht, nur an den Brief, und an das Essen natürlich, nur das Essen nicht auf der Anrichte liegen lassen, ohne das Essen, dachte sie, schaffe ich es nicht.

Seit Wochen schon hatte beinahe alles einen neuen Geschmack. Die Brotrinde wie Ruß so rauchig und beißend, der Schafskäse sauer, so dass es einen schüttelte, und die Baton, die sich Anni neulich, kurz nachdem sie das Haus verlassen hatte, in den Mund schob und schluckte, noch bevor sie richtig zerkaut waren, brannten bitter bis in die Nase, als Anni sich erbrach. Sie hatte noch versucht, zu atmen, tief einzuatmen, und als sie merkte, dass es nichts mehr helfen würde, dachte sie, was soll’s, ist egal, ging auf die Knie und öffnete den Mund. Die Baton klatschten als dicker Brei ins Wintergras. Wie ein kleiner Kuhfladen, dachte sie, keuchte und würgte noch einmal, aber es war vorbei, es gab nichts mehr. Sie zog ein Taschentuch aus der Manteltasche und wischte sich den Mund, sie spürte, dass sie nassgeschwitzt war, und im nächsten Moment, dass sie Hunger hatte, immer noch Hunger.

Was sich geschmacklich wenig veränderte, wenn man es erbrach, waren die eingelegten Tomaten, fad und wässrig, die Marmelade einfach süß, der Rachen war danach verklebt, und wenn sie sich räusperte, schmeckte es zuckrig. Die Suppen waren erträglich, waren Flüssigkeit, die schnell herauskam, in großen Stößen, man musste sich nicht quälen, musste nicht fürchten zu ersticken, wie bei dem Brot, das sich, noch fast unverdaut, als klumpige Brocken wieder nach oben quälte, so dass einem die Tränen aus den Augen liefen und der Oberkörper sich bog wie ein Zweig, auf dem ein schwerer Vogel landet.

Dass sie nicht mehr wolle, dachte sie oft. Dass Helene, die damals noch nicht Helene war, verschwinden, dass sie doch als blutiger Abort in der Toilette in der Fabrik landen solle. Dass es vorbei sein solle, dass es verhungern solle, denn wie war es überhaupt möglich, dass es noch lebte, wenn Anni schon halb tot war, wenn sie bei ihren Nachtschichten neben der Maschine zitterte, die Hand auf dem Magen, und versuchte zu schlucken, nicht aufzustoßen, und irgendwann rannte. Kraft zu rennen hatte sie immer. Zur Toilette, in den Hof aufs Plumpsklo, zum Blecheimer in der Winterküche, zur Tür der Straßenbahn, aus der sie einmal noch während der Fahrt gesprungen war. Sie hörte, wie jemand entsetzt die Luft einsog, als sie die Türen aufriss und nicht dachte, sondern sprang. Der Aufprall stach bis in die Hüften, aber sie stürzte nicht, taumelte nur kurz, hastete dann über die Straße und kotzte in den Rinnstein. Und sie dachte, hat dich nicht mal das umgebracht jetzt, bist du immer noch da, um mich zu quälen, sag, wo muss ich runterspringen, damit du endlich fort bist.

Und fort ist es noch immer nicht. Sie schämt sich, gleich nachdem sie das denkt. Sie hebt den Blick und blinzelt die Regentropfen weg. In diesem Teil der Stadt kennt sie sich nicht gut aus, sie muss kurz schauen, sich orientieren.

Hoffentlich wird sie gleich eine Straßenbahn erwischen, dann ist sie endlich raus aus diesem Sauwetter. Und daheim dann noch schnell in die Kirche, die Kerze anzünden, am besten auch gleich eine für ihren Chef, der für sie gebürgt hat, der geschrieben hat, was für eine brave Sozialistin sie ist und wie sie immer mehr arbeitet, als sie soll.

Sie schiebt die Hände in die Manteltaschen und betastet ihren Bauch. Nichts, noch immer nichts zu spüren, und doch hatte sie vorsichtshalber den Gürtel aus den Schlaufen gezogen, den Mantel weit um sich hängen lassen für die Vorladung, denn wenn die dort gesehen hätten, was mit ihr los war, wäre Schluss gewesen, die Reise hätte sie sich abschminken können.

Endlich hört sie nicht weit entfernt das Klingeln der Straßenbahn. Anni beschleunigt ihre Schritte, biegt um die Ecke und sieht sie in die Station einfahren. Sie beginnt zu laufen und spürt ein Gewicht in sich, das sie langsam macht, ihre Füße fallen schwer in den Boden, die Schritte sind klein, aber sie denkt nicht daran, stehen zu bleiben und diese Straßenbahn zu verpassen, denn Anni ist jung. Anni ist zweiundzwanzig Jahre alt, und sie ist gewöhnt daran, dass ihre Beine sie überallhin tragen, und mitten im Laufen stehen zu bleiben, sich vornüberzubeugen und sich die Seite zu halten, nach Luft zu schnappen wie eine alte Frau, das fiele ihr im Leben nicht ein.

4

Am Grund der Regentonne schimmert ein bleicher Fleck, eine ertrunkene Maus. Hell hebt sie sich vor dem Tannengrün der Tonne ab und ist in einer seltsamen Position, aufrecht und die Pfoten von sich gestreckt, bis nach unten gesunken. Sie sieht aus, als hätte sie an einem unsichtbaren Tisch Platz genommen.

Unter meinen Schuhen bricht knirschend der vertrocknete Rasen, als ich zurück in den vorderen Garten gehe. Ich nehme den Koffer und ziehe ihn bis zur Haustür, stecke den Schlüssel ins Schloss, wie immer lässt er sich nicht sofort drehen. Ich ziehe am Türgriff, so fest ich kann, dann endlich gibt das Schloss nach.

Mit einem schleifenden Geräusch öffnet sich die Tür ins Halbdunkel, in der Hitze hat sich das Holz verzogen und schabt über die Dielenfliesen. Oma, rufe ich in all den Jahren zuvor, doch jetzt liegt mir das Wort im Mund herum, nichts damit anzufangen, niemand mehr, den ich so rufen kann.

Und ich meine, dass der Flur seinen Geruch verloren hat. Den Geruch nach Weichspüler, nach Shampoo und Haarspray in den Lockenwicklern. Nach dem Parfüm in dem hellblauen, undurchsichtigen Flakon, dem Geruch der letzten Luft, die der Zerstäuber aus der Flasche drückt. Den Geruch nach den von unseren Wangen blank geriebenen Kissen, dem herzförmigen Seifenstück und dem Dill, der wie ein abgeschnittener Zopf in einem Glas in der Küche steht. Das alles ist verschwunden, aber das allein kann es auch nicht gewesen sein, wonach wir rochen. Vielleicht hatte unsere Angst einen Geruch, unsere Freude und unser Ärger. Und auch das ist verschwunden, hier hat lange niemand mehr eine Tür zugeschlagen, sich ungeduldig die Schuhe ausgezogen, hat gerufen: Ich bin’s, hat gelauscht. Hat es nicht erwarten können, etwas zu erzählen. Ich atme ein und könnte nicht sagen, wonach es noch riecht, vielleicht nach Holz, nach sommerwarmen Möbeln, höchstens danach.

Ich schlüpfe aus den Sandalen, der Fliesenboden kühlt meine nackten Sohlen. Durch die geöffnete Tür hinter mir fällt die Abendsonne in den Flur, der Staub rieselt durch den scharf begrenzten Lichtstrahl und verschwindet danach im Dunkeln. Rechter Hand die Treppe, weiter vorne die Küche, geradeaus das Wohnzimmer. Nach links zweigt der Gang ab, dort sind das Bad und Annis Schlafzimmer. Mein altes Zimmer ist oben, und ich gehe dort als Erstes hin, nehme immer zwei Treppenstufen auf einmal, öffne meine Tür und schalte das Licht an. Die Hitze steht im Raum, obwohl alle Rollläden heruntergelassen sind. Ich ziehe sie nach oben und öffne die Fenster. Im Kastanienbaum im Garten gegenüber hängt das letzte Sonnenlicht, auf der Straße fahren zwei Kinder mit Fahrrädern vorbei. Sie treten im Stehen und rufen einander etwas zu. Ich stütze beide Hände auf die warme Fensterbank, strecke den Rücken durch und atme aus.

 

Vor ein paar Wochen rief ich Helene an. Ich wartete den ganzen Vormittag und frühen Nachmittag, bis es endlich gegen neun Uhr war in Florida.

Ich krieg tatsächlich das Haus, sagte ich statt einer Begrüßung. Ich hob das Schreiben des Nachlassgerichts kurz vom Tisch, schaute darauf, ohne etwas zu lesen, und legte es wieder hin.

Ich hörte, wie sie sich sortieren, wie sie überlegen musste.

Hab ich dir ja gesagt, meinte sie schließlich und klang gefasst. Ich hab mit ihr ja schon vor Ewigkeiten, als sie zum Notar gegangen ist, ausgemacht, dass ich es nicht will.

Sie hielt kurz inne. Und du kennst sie doch, sagte sie dann, mir hätte sie es ja auch nicht geben wollen.

Sie lachte. Es hörte sich beinahe erleichtert an, und ich beneidete sie darum. Helene ist Anni losgeworden, vor Jahren schon, vor Jahren hat sie Anni bereits abgeschüttelt, ist schnell genug und weit gerannt, hat sich erfolgreich versteckt, was weiß ich, wie sie es genau gemacht hat. An Helene jedenfalls war Anni nicht mehr herangekommen, mit keiner List, keinem Vorwurf, nicht mit ihrer trotzigen Einforderung von Liebe und auch nicht mit ihrer manchmal unverhohlenen Ablehnung, die nie aufhörte, mich zu erschrecken, die aus dem Nichts kam und sich dann schnell als etwas tarnte, als ein Spaß, eine Unbeholfenheit, als etwas, was ihr nur herausgerutscht war.

Sei doch froh, sagte Helene, und ich merkte, dass sie von etwas abgelenkt war. Im Hintergrund zwitscherten Vögel, sehr wahrscheinlich stand sie auf der Veranda ihres kleinen, weißen Bungalows, hielt mit einer Hand das Handy und zupfte mit der anderen verblühte Petunien aus ihren Kästen. Sei doch froh, sagte sie noch einmal und seufzte, verkauf es und fertig, wer weiß, was man heutzutage verlangen kann für ein Haus in der Lage.

Annis Haus, das zuvor ihrem Onkel gehört hat, liegt in einem Vorort am Stadtrand von Nürnberg. Grundstück drängt sich an Grundstück. Die Leute haben Hunde, Katzen, Kinder und Gemüsebeete, die Leute bleiben in ihren Häusern, bis sie nicht mehr können, bis die Gärten verwildern und die Pergolen und Holzbänke verwittern, bis die Katzen sich selbst füttern müssen, und auch Anni ist lang geblieben, so lange, wie es eben ging. Ihre einzige und letzte Sorge war der Garten, wer mäht den Rasen, wer erntet die Beeren, und wer gießt die Tomaten. Wenn ich Anni in den letzten Monaten fragte, wie es ihr ging, erfuhr ich nichts über ihren Zustand, aber alles über den des Hauses, darüber, wie es sich in der Sommerhitze aufwärmen würde und wie das Unkraut bis zu ihrer Rückkehr von der Reha alles überwuchert haben würde.

Wo Anni lebte, ist es still nachts, so still, dass man sich vor seinem eigenen Atem erschrecken kann, dass man sich fürchten kann vor dem Geräusch des eigenen Herzschlags in den Ohren, so still, dass man sich in manchen Nächten wünscht, es gäbe ein Auto draußen, es gäbe Menschen, die spät nach Hause kommen und noch eine Weile auf der Straße reden, dass man sich wünscht, es gäbe Nachbarn, die man durch dünne Wände leise streiten hört. Und wenn man im Sommer, frühmorgens, kurz nach Sonnenaufgang, aufsteht, wenn alles nass ist im Garten und tropft von der Nacht, wenn Kühle durch das geöffnete Fenster kommt und man fröstelnd die Arme auf dem Fensterbrett verschränkt, den Kopf darauf bettet und mit müden Augen in die Straße schaut, dann sieht es so aus, als lebte dort niemand, als wären über Nacht alle fortgegangen oder gestorben und man selbst wäre übrig geblieben und wäre jetzt der letzte Mensch auf der Welt.

Soll ich es wirklich verkaufen?, sagte ich, ohne zu überlegen, und wunderte mich selbst über diese Frage. Helene war einen Moment lang still, und ich glaubte, dass sie innehielt in dem, was sie zuvor abgelenkt hatte, dass sie dastand, die Hand voller klebriger Blüten, und auf einen Punkt zwischen den Bungalows gegenüber schaute: Wie meinst du?

Na ja, ich muss es ja nicht unbedingt verkaufen, oder?

Nein, antwortete sie, und mit Sicherheit schloss sie jetzt die Finger fest um die Blüten und legte die Faust an die Stirn, nein, aber was willst du sonst damit machen? Du hast deine Arbeit und deine Wohnung in Berlin, du willst ja nicht zurückkommen, oder?

Ich weiß nicht, Mama, sagte ich. Ich weiß nicht, ob ich es schon hergeben kann.

5

Wie Auftauchen ist das. Schwimmen kann Anni nicht, sie weiß nicht, wie das ist, aber wie man untertaucht, das weiß sie. Sie und ihr Bruder, wie sie sich in der Temesch, nah am Ufer, wo man noch stehen kann, an den Händen fassen, eins, zwei, drei, und dann tauchen sie, und Anni gewinnt immer, sie bleibt unter Wasser, bis ihr die Lunge anfängt weh zu tun, bis der Drang einzuatmen so groß ist, dass er einem den Mund aufreißen will.

Wie hältst du das aus?, der Bruder keucht, wischt sich mit Zeigefinger und Daumen beide Augen vom Wasser frei. Du spinnst doch, er schlägt auf die Wasseroberfläche, so dass ihr die Tropfen ins Gesicht schießen, und sie lacht nur, lacht über ihn.

Und so ist es, wie Auftauchen, das Gefühl, das sie hat, wenn sie ihre Habseligkeiten durchgeht, sich überlegt, was sie mitnimmt und was hierbleibt, zu viel darf sie nicht mitnehmen, am Ende sieht es noch verdächtig aus.

Die Mutter weint die ganze Zeit. Dass sie schon wisse, dass es das Richtige sei, aber was solle denn aus ihr werden. Und dass es hier vielleicht ja doch besser wird, jetzt, mit dem neuen, dem Ceaușescu.

Nix wird da besser, da ist einer wie der andere, und das weißt du so gut wie ich.

Die Mutter wiegt den Kopf. Erst der Sohn und jetzt auch die Anni, beide Kinder fort, und sie sei doch schon alt.

Du bist überhaupt nicht alt, entgegnet Anni, mach dich nicht immer älter, als du bist.

 

Ob es ihr nicht leidgetan habe, ihre Mutter zurückzulassen. Ich fragte sie das einmal im falschen Moment, es gab, um Anni solche Dinge zu fragen, keine richtigen Momente. Ich glaube, es war kurz nach dem Begräbnis meiner Urgroßmutter. Wochenlang war ihre Urne zu uns nach Deutschland unterwegs gewesen, was so lange dauerte, erfuhren wir nie, und auch daran, ob es am Ende wirklich die Asche meiner Urgroßmutter war, die bei uns ankam, hatten wir unsere Zweifel.

Als ich Anni fragte, saßen wir vielleicht beim Abendessen, vielleicht standen wir auch nebeneinander in der Küche, Anni wusch den Salat, ich öffnete ein Glas mit Gurken, weiß der Teufel, was wir machten, aber die Frage ging mir im Mund herum und dann einfach heraus, und es war falsch, der Zeitpunkt, die Frage, alles. Anni fuhr mich an, was ihr denn anderes übrig geblieben sei, ob sie denn in Rumänien hätte versauern sollen, ob sie denn Helene, ihrem Kind, noch so ein Leben hätte antun sollen, wie sie es gehabt hatte. Ein Leben im Dreck. Weißt du, wie dreckig es dort war, sagte sie.

Ich war doch dort, entgegnete ich.

Das ist ja nicht dasselbe, dort Urlaub zu machen und dort zu leben.

Darauf sagte ich nichts mehr, ich fragte auch nichts mehr, aber ich stellte mir vor, dass meine Urgroßmutter viel geweint hatte, dass sie sich gefürchtet hatte vor dem Alleinsein. Ich hol dich doch nach, hatte Anni vielleicht gesagt, und meine Urgroßmutter dachte sich, aber ich will gar nicht weg, was ist, wenn ich gar nicht fort will.

 

Für meine Urgroßmutter ist es wie Ertrinken, wie ein Zurückwollen an die Oberfläche und nicht können, während Anni auftaucht. Jeden Morgen steht sie jetzt auf mit dem Gefühl, dass es besser geht, der Hunger wird endlich Appetit, und irgendwann ist es das letzte Mal, dass sie sich erbricht, sie speit noch einmal ihr Abendessen in das dunkle Loch des Plumpsklos, fröstelt in der Winterkälte, wischt sich den Mund mit dem Handrücken, und das war’s, es ist zu Ende, auch wenn sie es da noch nicht weiß.

Sie geht durch den Hof zum Haus zurück. Aus dem Küchenfenster scheint Petroleumlicht, und kurz muss sie stehen bleiben, kurz muss sie schauen, weil sie vielleicht doch ein Bild mitnehmen will, ein einzelnes Bild von dem, was ihr Zuhause war, und wenn es nur das ist: der Schein eines sanftgelben Lichts, der kaum weiter reicht als bis zur Fensterbank und auf den sie zugeht mit dem Wissen, dass dort jemand ist, dass die Mutter dort sitzt und darauf wartet, dass Anni hereinkommt, um sie zu fragen: Und ist es besser?, und Anni wird nicken: Ist besser jetzt, schon besser.

 

Dann kommt der Tag, der der letzte vor dem entscheidenden ist, später kann sie sich so viel deutlicher an diesen Tag erinnern als an den ihrer Abreise. Wie lange sie fuhr, wie viel Gepäck sie dabeihatte, wie das Wetter gewesen war, das vor dem Zugfenster vorbeizog, noch winterlich oder zögernd frühlingshaft, daran kann sie sich später kaum erinnern, aber an den Morgen ihres letzten Tages zu Hause, an den erinnert sie sich, daran, wie sie die Fensterläden aufstieß und wie der Nebel noch im Hof lag, dicht und kalt, und an die kurze Enttäuschung darüber, dass der Morgen nicht klar war, nicht so, wie sie ihn gerne gesehen hätte, und etwas zog auf einmal in ihrer Brust, keine Wehmut, kein verfrühtes Heimweh und auch keine Angst vor dem morgigen Tag, sondern das Wissen, noch etwas erledigen zu müssen, etwas hatte sie noch zu tun, bevor sie fort war. Sie wollte nicht, aber es gehörte sich so, sie würde es tun, weil es sich anders nicht gehörte.

 

Selbst über der Stadt hängt der Nebel. Wie graue Watte verstopft er die Sicht auf die Dächer der höheren Gebäude. Das also soll mein letzter Tag hier sein, denkt Anni, passt ja, dass mir das Paradies noch einen Arschtritt gibt zum Abschied.

Den Weg, den sie jetzt mit der Straßenbahn fährt, ist sie nicht oft gefahren, aber oft genug. Es hat gereicht für dieses ganze Durcheinander, in dem sie sich jetzt befindet. Der Student aus der Stadt. Was hat er damals überhaupt gemacht auf dem Dorffest, er war doch ohnehin nur gekommen, um sich lustig zu machen. Er hatte am Rand einer Eckbank gesessen und geraucht wie ein Schlot, ein Aschenbecher nur für sich allein, eine beige Strickweste, in die seine Arme dreimal hineingepasst hätten. Und obwohl er, wie Anni später erfuhr, gerade erst sechsundzwanzig geworden war, hatte er Geheimratsecken, die schon fast bis in die Mitte des Schädels reichten, Haare in dunklen Wellen, sehr dunkel, aber man sah jetzt schon, dass sie ihm nicht mehr lange bleiben würden. Und an das leise Lächeln, daran erinnert sie sich jetzt, als die Stadt vor dem winterschmutzigen Straßenbahnfenster vorbeizieht, der Waggon rüttelt sich durch eine Kurve, und Anni hält sich an der Lehne des Sitzes vor ihr fest. Das leise Lächeln, das wird sie nicht vergessen, lange nicht, das Lächeln, das ihr verraten hatte, dass er nur zum Ball gekommen war, um sich insgeheim zu amüsieren. Er amüsierte sich über die Musik, die Tänze, über die, die Trachten trugen, und über die, die keine trugen, die Nylonstrumpfhosen trugen, Schlaghosen, über die amüsierte er sich erst recht. Wie ein Großvater mit dem Gesicht eines Jungen sah er aus mit der albernen Strickjacke, einer braunen Cordhose, die an den Knien ein wenig abgeschabt war, als wäre er damit auf dem Boden herumgerutscht. Sie ärgerte sich über ihn von der ersten Sekunde an. Was kam er denn überhaupt, wenn er dann nur auf der Bank herumsaß, ganz am Rand, so als würde er gleich schon wieder aufstehen und gehen. Was kam er denn, wenn er alles so furchtbar fand, so furchtbar lustig, dass er ständig dieses blöde Lächeln im Gesicht hatte, was kam er denn, wenn ihm nichts Besseres einfiel, als sich eine Zigarette nach der anderen anzustecken, sie so klein zu rauchen, dass er sie kaum noch halten konnte, was kam er denn dann überhaupt. Kennst du den?, hatte sie die Lissi gefragt, und die hatte ihn kurz angeschaut und den Kopf geschüttelt. Dass der sie nicht interessierte, hatte Anni gleich gesehen. Meinst du, der kann tanzen?, fragte Anni, und Lissi zog die Brauen hoch. Was willst du denn mit dem?, sagte sie, und Anni trank ihr Glas leer, zwei letzte, warme Schlucke Wein: Na schauen, ob er tanzen kann.

Anni weiß nicht mehr genau, wer die Frau an diesem Abend war, die zu dem Fremden ging, auf den hohen Hacken ihrer guten Schuhe, und sich bemühte, gerade zu laufen, der Wein zog links und rechts an ihr. Als sie jetzt, schon wieder müde, obwohl sie vor kaum zwei Stunden aufgestanden ist, daran denkt, weiß sie nicht mehr, wer das war. War das wirklich sie, woher hatte sie so viel Übermut gehabt und Wut vor allem, so viel Wut auf einen Fremden, der sie, so fühlte es sich an, verhöhnte, sie und ihr Leben und das Leben aller auf dem Ball. Er verhöhnte sie, weil sie Freude hatten mitten in diesem Drecksloch, weil sie sich mitten im Dreck einen Raum schön gemacht hatten, mit Tischdecken, Musik und ihrer besten Kleidung, weil sie hierblieben und hin und wieder so taten, als gefiele es ihnen hier sehr gut.

Tanzt du?, hatte sie ihn gefragt und sich geärgert über den kleinen Ausfallschritt nach links, den sie machen musste, weil sie beim Stehenbleiben kurz das Gleichgewicht verlor. Er hörte sofort auf zu lächeln und vergaß sogar, die Zigarette wieder in den Mund zu nehmen. Es dauerte ein wenig, bis er sich fing. Nein, sagte er, ich tanze nicht. Der Satz klang unsicher, das Lachen danach aber schon nicht mehr.

Kannst du nicht, oder willst du nicht?

Er legte die Zigarette auf den Rand des Aschenbechers, verschränkte die Arme und lehnte sich zurück. Ich will nicht, sagte er so freundlich, dass sie noch wütender wurde. Sie beugte sich nach vorn, legte eine Hand vor ihm auf den Tisch. Man geht nicht zu einem Ball und sitzt dann nur blöd rum, sagte sie, und er lachte: Wer sagt das?