Das Halsband der Tauben - Raja Alem - E-Book

Das Halsband der Tauben E-Book

Raja Alem

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Beschreibung

In einer Gasse in Mekkas Altstadt wird eine unbekannte Tote gefunden, nackt, mit entstelltem Gesicht. Die Bewohner sind in Aufruhr, und allmählich kommen verborgene Geheimnisse an den Tag: verbotene Liebesbeziehungen, Familientragödien, aber auch zwielichtige Geschäfte inmitten dieser aufgewühlten Stadt, in der religiöse Tradition und brutale Spekulation aufeinanderprallen. Inspektor Nassir wird mit der Untersuchung beauftragt. Er taucht ein in die Lebensgeschichten von zwei vermissten Frauen, die an den Hindernissen ihrer Umgebung zerbrochen sind. Bald stößt er auf bedrohliche Mächte: Korruption und Immobilienprojekte bedrohen die alte, ehrwürdige, heilige Stadt Mekka. Raja Alems Mekka ist ein Ort der Gegensätze: aufrichtig und bestechlich, reich und arm, sündig und rein. Geschichte, Gegenwart und Fantasie vereinigen sich zum Lebensbild einer Stadt, die so in der Literatur noch nie beschrieben wurde. Prize for Arabic Fiction (Arab Booker) 2011 Auf Platz 1 der Weltempfänger-Bestenliste (Dez. 2013)

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EPUB

Seitenzahl: 969

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über dieses Buch

In einer Gasse in Mekkas Altstadt wird eine unbekannte Tote gefunden, nackt, mit entstelltem Gesicht. Die Bewohner sind in Aufruhr, und allmählich kommen verborgene Geheimnisse an den Tag. Geschichte, Gegenwart und Fantasie vereinigen sich zum Lebensbild einer Stadt, die so in der Literatur noch nie beschrieben wurde.

Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.

Raja Alem (*1970) studierte Anglistik in Dschidda, Saudi-Arabien. Für den Roman Das Halsband der Tauben erhielt sie den renommierten International Prize for Arabic Fiction.

Zur Webseite von Raja Alem.

Hartmut Fähndrich (*1944) ist seit 1978 Lehrbeauftragter für Arabisch und Islamwissenschaften an der ETH Zürich. Neben seiner Übersetzertätigkeit arbeitet er auch als Herausgeber und Publizist.

Zur Webseite von Hartmut Fähndrich.

Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Taschenbuch, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Raja Alem

Das Halsband der Tauben

Der Roman Mekkas

Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich

E-Book-Ausgabe

Unionsverlag

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Impressum

Die arabische Erstausgabe erschien 2010 unter dem Titel Tauq al-hamâm in Casablanca/Beirut.

Übersetzer und Verlag danken der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und dem International Prize for Arabic Fiction für die Unterstützung.

Lektorat: Lutz Kliche

Originaltitel: Tawq al-Hamam

Die Zitate aus Liebende Frauen von D. H. Lawrence folgen der Übersetzung von Petra-Susanne Räbel (© by Manesse Verlag, Zürich 2002)

© by Raja Alem 2010

© by Unionsverlag, Zürich 2022

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Shadia Alem, The Supreme Kaaba of God, Collage

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30828-2

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Version vom 21.06.2022, 21:20h

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Über dieses Buch

Titelseite

Impressum

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Inhaltsverzeichnis

DAS HALSBAND DER TAUBEN

Erster TeilDie VielkopfgasseDie HülleWas vor dem Leichnam warDie LeicheIn der Tiefe des KrugsEngelmädchenKonfisziertes MaterialFußspurenAischa: erste Kandidatin für den LeichnamBruchstückeDer PrinzFenster für ein FensterAsa: mögliche Kandidatin für den Leichnam»Der Einzige«Jussufs RippeEine Erinnerung im RegalDie Schlange der StilleDer FliegerSchleiermann gegen SirenenmannLiebende FrauenRöntgenstrahlenEin Fenster für AsaEine fixe IdeeDie HöllenkandidatenBegegnungen mit dem TodesengelJabis, der LatrinenreinigerVergehenTabak mit ApfelaromaMuadh – eine geheimnisvolle ZukunftDie al-Bait-TürmeDie ZitherDie MantelodeDie EselskaiserinEin GummihymenDas Mädchen mit dem Bündel und die Zeit der DinosaurierAuge und AugeSchaufensterpuppenDiscoveryIm UntergrundBefreiungEin weiterer KreisDschuhaimanUmm KulthumDatenbankHochzeitsnachtVirtuelle ExistenzDie PilgersänfteDschamilaHaarEin Fenster für AsaEntschuldigung an AsaEin HennahalbmondDer Verlust der TraurigkeitEine körperliche WahrheitEine Schicht TeerEin SchwindelAbschlussErstens: Ein CadillacZweitens: HoffnungslosigkeitDrittens: Die LösungEine Pepsi-DoseViertens: Die GebetsrichtungErschütterungZweiter TeilMadrid 2007SchlaflosDer SuperkaiserKaviarEin Monster am Ende der ZeitIm MüllrotDer Schlüssel für einen Schlauch WeinHat uns Akil auch nur einen Schatten gelassen?Tritt sanfter auf!Ihre SchritteZwischen zwei HeiligtümernIsmailDer Tod der ProphetenVerbindungenLektüre zu drittWohltatenAm ZielEine SkizzeDie SatanshörnerDie GrablegungEin AmulettDon QuijoteDer Stammbaum als TapeteNächtliche AnkunftEin papierener StammbaumBundukMedienDie Abstraktion einer VergangenheitWillenBlauAbrahams HandAngriff auf die DatenbankRosarotEin KnackenEin FeuerzeugWorterklärungen

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Gewidmet dem Haus meines Großvaters Abdallatif, jenem Haus mit dem roten X. Es ist dem Untergang geweiht. An seiner Stelle wird Obdach für diese seltsamen, vierrädrigen Wesen geschaffen, die offenbar das Erbe Mekkas antreten sollen, wie es denn im Hadith über die Vorboten des Jüngsten Gerichts heißt: »Das Gold wird auf die Straße geworfen.« Als Kinder fanden wir das lustig und lachten darüber. Unmöglich, aber ein hübscher Gedanke. Doch liegt es wirklich auf der Straße – bei diesen schwindelerregenden Preisen für Autos, die in dieser Stadt längst die Zahl der Menschen übertreffen. Dafür werden die Berge geköpft und gekappt, die altehrwürdige Architektur verschwindet und mit ihr das Haus meines Großvaters dort oben auf dem Hügel, den man als »den Balkon des Heiligen Bezirks« oder als »das Istanbul Mekkas« kennt. All diese schlichte Vergangenheit ist inzwischen passé. Es gibt sie nur noch in diesem Buch.

Dieses Buch ist auch meinem Urahn Jussuf al-Alim gewidmet, einem mekkanischen Gelehrten, dem beim täglichen Gebet in der Heiligen Moschee seine ganze Welt erstand. Ein Muster an Lethargie, so könnte man meinen, aber nur, wenn man heute den Knopfdruck zum Verschicken einer E-Mail von Mekka nach China auch als Lethargie versteht. Ja, mein Urahn gehörte zu denen, die jede Distanz in Sekundenbruchteilen zurücklegen können.

Er war ein echter Gelehrter. Überliefertes Wissen war ihm Wissen von Toten über Tote. Den Tod sah er als etwas Künstliches, das innere Leben dagegen als das wahre, das aus dem Meer des Lebendigen schöpft und in die Seele des Erkennenden strömt. Darum mied mein Großvater alles, was Tradition heißt, und schenkte seine ganze Aufmerksamkeit all jenem, was sich aus dem Meer des Lebendigen ergießt, bis ihm unter seinem Gebetsteppich das Leben erwuchs, das Land unter seinen Füßen und das Licht, das aus den Gesichtern seiner Kinder, darunter mein Vater Muhammad, leuchtete und ihm Sicht und Einsicht schenkte.

Erster Teil

Die Vielkopfgasse

Unleugbar in diesem Buch ist einzig der Ort, an dem die Leiche lag: eine enge Gasse namens Abu-l-Rus, das vielköpfige Ungeheuer. Die Vielkopfgasse.

Wer außer mir selbst, der Vielkopfgasse mit ihren mannigfachen Häuptern, könnte es wagen, über diese Gasse zu schreiben? Ich bin es selbst, ein unscheinbares Geviert am Rande von Mekka, dort, wo die Umra-Pilger sich auf ihr Ritual vorbereiten, wo sie die Waschung vollziehen, sich von den Sünden des vergangenen Jahres reinigen, um für die Verfehlungen des kommenden gerüstet zu sein.

Ich bin die Vielkopfgasse, die Königin der Düfte. Ein Beiname, den mir meine Fähigkeit erworben hat, unerträgliche Gerüche auszuhalten. Da sich nie jemand darum gekümmert hat, mich zu erleuchten, musste ich lernen, im Dunkeln zu leben und tief durch die Nase zu atmen, benommen von einer Luft, die typisch ist für vergessene Gassen: schwer von faulendem Abfall, dem Kloakenwasser der Abflussrohre und der Kakofonie von Stimmen. Wenn ich nach ein paar Minuten sanft diese Luft durch den Mund wieder ausatme, setze ich Gerüchte, Märchen und Geheimnisse frei, an denen meine Bewohner fast ersticken, die in ihrer Geschichte nach Trost wühlen, weil sie ihre finstere Wirklichkeit nicht ertragen oder das Atomzeitalter nicht verstehen können, das sie zermalmen wird.

Mag sein, dass ich als Gasse nicht so alt bin wie andere und nicht auf die Zeit der legendären Geschlechter der Giganten zurückgehe, die einst Mekka bewohnten. Sicher kann ich jedoch stolz darauf sein, dass meine Geschichte vom Fall eines Königreichs zum Aufstieg eines anderen reicht, eine Geschichte voller Krieg und Blut.

Vielköpfig zu sein, ist gar nicht so übel, und eigentlich beneide ich keine Gasse außer der Ellbogen-Gasse, denn hier stand angeblich das Haus des Prophetengefährten Abu Bakr al-Siddik samt seinem Seidenladen. In die Mauer gegenüber diesem Haus ist ein Stein gefügt, von dem es heißt, er grüße, wenn berührt, den Propheten, Gott segne und beschütze ihn. Wahrscheinlich meinte der Prophet ihn, als er sagte: »Ich kenne einen Stein in Mekka, der mich in Nächten, in denen mir eine Offenbarung zuteilwurde, zu grüßen pflegte.« Links davon ist in die Mauer eine Steinplatte eingelassen mit einer Vertiefung, in die ein Ellbogen passt. Hierher pilgern die Leute, sind sie doch überzeugt, der Prophet, Gott segne und beschütze ihn, habe sich darauf gestützt, während er mit dem Stein sprach, und sein gesegneter Ellbogen habe diesen Abdruck hinterlassen. Der Gang vom Hause Chadidschas, der ersten Frau des Propheten, zu diesem Stein heile, so heißt es auch, von Unfruchtbarkeit und lasse jeder Frau eine Nachkommenschaft zuteilwerden wie Sand am Meer.

Eine solche Gasse mit sprechenden Mauern, die die Passanten grüßen, mit ihnen plaudern und auf ihre Berührungen reagieren, das wäre ich gern! Mit derart legendenreichen Straßen kann ich zwar nicht konkurrieren, aber ich bin dennoch vielen anderen Gassen überlegen; zum Beispiel dieser »Drück-dich-an-mich«-Gasse, die zwei Leiber nur durchlässt, wenn sie sich eng umschlungen aneinanderpressen, wo also jede Bewegung Steinigung verdiente; der tristen Leichenzug-Gasse, die jeder nur einmal durchquert; der Mörser-Gasse, die allzu zarte Häupter besser meiden, um nicht zerdrückt zu werden, (sollen sie doch lieber frei durch meine Winkel spazieren). Und ganz besonders überlegen bin ich der Elendsgasse, wo sich hungrige Bettler in Lumpen um Feuer scharen, wo Derwische Lobgesänge anstimmen und die Notleidenden um Almosen bitten; oder schließlich der Kohlegasse, die man auch Rotgasse nennt, weil sie sich eines einzigen einsamen Johannisbrotbaums rühmen kann, der blutfarbene Früchte abwirft.

Die Vielkopfgasse, das bin ich. Manchmal ruhe ich nur und bete – ja, keine Überraschung, hier betet alles –, und manchmal schließe ich die Augen und lasse mich unter der Wirkung von Tryptizol, von dem ein großer Schluck bei Depression, ein kleinerer bei Bettnässen verschrieben wird, zum Denken hinreißen. Ich nehme eine 50-mg-Kapsel, breche sie auf und teile die winzigen Körnchen darin in fünf Portionen. Manchmal erhöhe ich die Dosis, manchmal, wenn meine Darmwände zu schmerzen beginnen, vermindere ich sie oder setze das Mittel ganz ab und schere mich nicht um das Bettnässen.

Die Vielkopfgasse. Gibt es einen besseren Namen für eine Gasse, die keiner von all jenen kennt, in deren Macht es läge, mein Schicksal zu verändern und mich auf der Karte von Mekka einzuzeichnen?

Die Hülle

Vielkopfgasse. Warum, woher dieser Name?

Nun, schon vor meiner Zeit stieß man beim Graben an dieser Stelle unweit der Umra-Station, wo sich die Pilger reinigen, auf vier Männerköpfe. Vorsicht, hier ist noch nicht vom Körper der Frau die Rede, die aus dieser Geschichte fiel wie eine Perle aus einem Halsband und mich zwang, mein Schweigen aufzugeben. Hier geht es erst um die vier Männerköpfe, die zur Zeit eines Scherifen, vielleicht des Haschimiten Aun, vielleicht auch eines türkischen Gouverneurs, abgeschlagen wurden. Und so hat sich dies alles zugetragen …

Während der Ankunftsfeierlichkeiten für die neue, grünseidene Kaabahülle mit der roten Verzierung über der Tür hatten vier Männer die Abwesenheit des Scherifen und seiner Soldaten ausgenutzt, die gemeinsam mit den Honoratioren von Mekka die ägyptische Karawane in Empfang nahmen. Sie hatten die letztjährige Kaabaumhüllung entwendet, die, säuberlich zusammengelegt, von den Moscheedienern am al-Fath-Tor deponiert worden war. Von dort sollte sie wie üblich von den Bani Schaiba, den Wächtern der Kaaba, zum Juweliermarkt gebracht werden, wo die mit Gold und Silber in die Umhüllung eingearbeiteten schönsten Namen Gottes eingeschmolzen und verkauft wurden. Der daraus gewonnene alljährliche Segen stand den Bani Schaiba zu. Die vier Männer aber luden die alte Kaabahülle auf ein Kamel und machten sich Richtung Umra davon. Doch die Wächter des Scherifen fassten sie, nachdem sie das riesige Tuch zum Zelt umfunktioniert hatten, als Obdach für sich selbst und für Personen, die in Not waren, Aussätzige, Wahnsinnige und Kranke. Sie alle verließen es nach kurzer Zeit wie neugeboren, befreit von den Leiden, den Krankheiten, den Sorgen und manchmal auch von der Last ihrer irdischen Leiber. Über diese Geschichte von Diebstahl und Wunderheilungen ließ man nichts verlauten, hätten sie doch habgierige Gauner nachahmen können. Die offizielle Version lautete, die vier seien westliche Reisende in muslimischem Pilgergewand gewesen: ein Jude, ein Christ, ein Pseudoprophet und der Vierte ein Feueranbeter. Man zwang den Kadi von Mekka, die vier umgehend wegen Götzendienerei zu verurteilen, wodurch es rechtens wurde, ihr Blut zu vergießen – was ohne Umschweife geschah. Eines Nachts wurden sie geköpft und ihre Körper in den Jachurbrunnen geworfen, in den sich die Abwässer Mekkas ergießen. Die Köpfe wurden auf Speere gespießt und am Stadttor ausgestellt.

Hier muss auch von jener Frau erzählt werden, die barfuß auf der glutheißen Straße von Mekka herbeizukommen pflegte, sich unter die Köpfe setzte, Totenklagen anstimmte und manchmal auch die 67. Sure, »Die Herrschaft«, rezitierte. Sie soll alle vier Männer gleichzeitig geliebt haben. Morgen um Morgen sei sie aufgetaucht, habe sich hingesetzt, mit den Köpfen geplaudert und sie angestachelt, um ihre Gunst zu kämpfen. Wenn es dunkel wurde, verschwand sie wieder, damit sich die Leute nicht das Maul über sie zerrissen.

Aus den Liebesklagen dieser trauernden Frau wuchs diese Gasse. Jawohl, ich gestehe, dass ich dem Verlangen im Leib eines Weibes, den Wunden in ihrem Herzen und an ihren Händen entstamme. Welch eine Frau. Keine Träne vergoss sie für die Häupter, um die krächzend die Krähen kreisten, gierig, einen Bissen aus ihren Augen zu picken. Sie klagte nur und seufzte. Bis eines Tages aus dieser Leidenschaft die Gasse hervorbrach, aus Leidenschaften geboren. An ihrem einen Ende die Radwa-Moschee, erfüllt vom Glaubenseifer der Pilgermassen. Am anderen Ende die Musikshops mit ihrem einlullenden Geplärre. Dazwischen eine Geschichte, die ihr Haupt bedeckt, Dschinnengemurmel anstimmt, uns ihre Türen halb offen stehen lässt für den Kummer und die Fenster vernagelt gegen die Leidenschaften.

Ihr größtes Tor aber ist jenes, das sich klammheimlich weit auftut: das Tor der Begierde und der Sehnsucht, das Tor zu jener Parkanlage, die der erste – oder war es der letzte – der Scherifen schuf (Aun oder Hussain, egal). Der Park wurde allmählich zur Oase, die die Wundersucher anzieht wie das Wasser die Durstigen und die Soldaten, die die Pilger vor den Banditen beschützen, Männern, die Leim schnüffeln und darob den Verstand verlieren. Die dem Anisschnaps verfallen sind, den man in verlassenen Hinterhöfen brennt.

Was vor dem Leichnam war

Die Geschichte beginnt, ich sagte es schon, mit einer Leiche. Doch es ist meine Geschichte, und ich erzähle sie, wie es mir passt. Lassen wir also vorerst die Leiche, denn was bedeutet schon eine Tote im Vergleich zu den Lebenden. Bis zum Skandal mit dieser Leiche konnte ich Liebesaffären und Racheakte gleichermaßen hinter geschlossenen Türen versteckt halten. Und wenn ich hier von Asa erzähle, oder von Aischas amourösen Abenteuern, will ich nicht voreilig behaupten, eine der beiden sei jene Leiche. Nein, jede Tochter der Gasse könnte es sein. Jedes Wort zählt, ich darf keine Namen verwechseln, Opfer und Täter nicht durcheinanderbringen und schon gar nicht voreilig den Mordverdacht auf eine bestimmte Person lenken, jedenfalls nicht bevor die Geschichte ausgebreitet ist. Zuerst muss klar sein, was sich in den vier Köpfen abgespielt hat, auf die sich der Mordverdacht richtet. Noch sehe ich alle vier undeutlich, wie durch einen dunklen Vorhang:

Da gibt es einmal den geschichtsbesessenen Jussuf. Seine Bachelor-Urkunde hat der Dekan mit grüner Tinte unterschrieben, und die Universität der Ewigen Stadt hat sie mit fälschungssicherem blauem Stempel beglaubigt. Seinen Abschluss hat er mit einer Arbeit über die Minarette auf den Bergen von Mekka erworben, er selbst ein Minarett leidenschaftlicher Liebe, von dem aus der Ruf zur Feier seiner zwei Göttinnen erscholl: Asa und Mekka. Er kam nie von seinen Höhen herab und verlor sich schließlich in einem Wahn, in dem ihm die beiden eins wurden.

Dann ist da Muadh, der Nachfolger seines betagten Vaters als Imam an der Moschee werden soll, der sich aber heimlich in einem Fotostudio als zeitweiliger Gehilfe betätigt. Außerdem Chalil, dem die Fluglizenz entzogen wurde und der von privaten Fluggesellschaften nichts als Absagen bekommt. Und schließlich noch der »Bock der Moscheediener«, der Pflegesohn des Kochs al-Aschis, der sich Leiber aus Kunststoff besorgt, um an ihnen seine Laster auszuleben.

Sie alle hätten es verdient, dass man ihren Kopf auf Stangen spießt. Das jedenfalls versichert auch Scheich Musahim, der im Gefolge des Ibn Saud’schen Feldzugs im Jahre 1926 auftauchte, nach dem Abkommen, das die Übergabe der lange belagerten Stadt Dschidda durch König Ali Ibn al-Husain und die kampflose Unterwerfung Mekkas regelte.

Dieser Musahim wurde, damals fünfzehnjährig, durch die Schlacht von Taraba zur Waise, jenes Gemetzel, dessen Kunde den ganzen Hidschas bewog, die Waffen zu strecken und sich den Truppen von Ibn Saud zu ergeben. Dort bei Taraba hatte er mit ansehen müssen, wie sich die Fuß- und Fingernägel seiner getöteten Verwandten zu silbernen Dünen türmten, mit denen der Wind spielte. Heute versucht man, den zum Greis gewordenen Mann wegen des Silbers zu verunglimpfen, das er vor seiner Flucht noch rasch aus dem Besitz seiner gefallenen Ahnen zusammenraffte. Er vergrub alles unter seinem Laden und widmete sich hinfort ausschließlich dem Verkauf von »Gottes Segnungen«, wie die Leute hier Mehl, Reis, Weizen, Zucker und Tee nennen. Kurz, Scheich Musahim handelt sackweise mit diesen Segnungen und leidet an chronischer Verstopfung, von der ihm nur ein anal eingeführtes Mandelölzäpfchen Linderung verschafft, was im Ramadan zu Problemen führt. Deshalb sieht er der Sichel des Neumonds mit brennendem After und steinharten Eingeweiden entgegen und bemüht sich intensiv um eine Fatwa, die ihm versichern soll, dass die Einführung von Mandelöl in den After keine Nahrungsaufnahme im eigentlichen Sinn und damit auch keinen Bruch des Fastens darstellt.

Die Leiche

Muadh, der Fotografenlehrling, sprang wieder einmal von Dach zu Dach, als er plötzlich wie gelähmt fast mitten in der Luft innehielt und völlig entgeistert auf das starrte, was er da tief unter sich entdeckte. Unten zwischen den beiden Häusern erblickte er eine Leiche. Die Leiche einer jungen Frau in wundervoller Nacktheit: ein Bein war angewinkelt, das andere ausgestreckt. Das Gesicht der Leiche war zerschmettert, die Züge waren nicht mehr zu erkennen. Und schon hatten sich unzählige Augenpaare versammelt und richteten sich auf das Blut, das unter ihrem Haar hervorquoll.

»Was für ein Bild! Der vollkommene Tod!«, stieß Muadh hervor und schoss ein Foto.

Eine Laute war am Ende der Gasse verstummt, doch man hörte noch eine Trommel, von ungeübter Hand geschlagen.

Plötzlich erschien am Eingang der Gasse eine Frau, wie ein Pinguin in ihrem flatternden Umhang, der weiße Trauerkleider darunter erkennen ließ. Sie schlurfte um den Leichnam herum und rief ein ums andre Mal: »Fürchtet Gott und deckt das Mädchen zu!« Das war Kauthar, die Frau des Latrinenreinigers Jabis und Mutter des ausgewanderten Achmad. Die Leute drängten sich an ihrem massigen Körper vorbei, der ihnen den Blick auf die Tote versperrte. Ein alter Mann, den Bart mit Henna gefärbt, kämpfte sich, auf einen Stock gestützt, zum Schauplatz durch. Der Blick aus seinen wässrigen blauen Augen fiel auf die Brustwarzen, deren jede in eine andere Richtung wies. Eine einzige Sorge beseelte ihn. »Gott verhüte, dass ich meine Tochter Asa jemals so finde, schamlos sogar noch im Tod.« Und um die Gefahr abzuwenden, dass die Tote von seiner Tochter Besitz ergreifen könnte, murmelte Scheich Musahim: »Aber nein, Asa ist ein Falke. Als ich sie gestern schlug, hat sie mich mit ihren Blicken zerrissen. Asa würde nie so lüstern leben und so ehrlos sterben. Mein Gott, schenke mir und ihr einen seligen Tod und eine ehrenvolle Auferstehung an den Flüssen der Paradiesjungfrauen.«

Hinter verschlossenen Fensterläden murmelten Frauen Gebete, und Mütter bliesen gegen den Leichnam, damit die Welle der Unmoral nicht von der Toten her zu einem Meer anschwellen möge, das die Töchter der Gasse verschlänge.

Ein Inspektor, zwei Polizeiautos und ein Krankenwagen bahnten sich von meinem, der Gasse, engen Eingang her einen Weg durch das Getümmel um die Leiche. Alle Stimmen verstummten, als die offiziellen Papiere den Namen des Opfers verlangten.

»Unbekannt.«

Es war das erste Mal, dass eine Frau unverhüllt vor aller Augen in der Gasse lag. Man bedeckte sie mit einem weißen Tuch und hob sie auf eine Trage. Das rechte Bein rutschte herab, ein schlanker, baumelnder Schenkel. Der Fuß streifte über meinen Boden bis zum Krankenwagen. Dort hob ihn der Sanitäter wieder hoch, als der Leichnam in den Wagen mit seinem Gewirr von Wiederbelebungsgeräten geschoben wurde.

Die Tote hinterließ keine Spur außer der schmalen Furche, die ihr Fuß in mein Rückgrat geritzt hatte, an dem man kurz die rund geschnittenen und mit Rosenwasser polierten Nägel hatte erkennen können, und dem dunklen Blutfleck in der Lücke zwischen dem Haus von Scheich Musahim und dem von Aischa, der Lehrerin.

In der Tiefe des Krugs

Halima steht auf ihrem Dach. Ihr Blick fällt auf die Wände meiner Häuser und trifft auf Dächer, die von Armut zerfressen und mit Gerümpel bedeckt sind. Halimas Dach ist leer bis auf ein paar Töpfe mit dem wohlriechenden Schara-Kraut. Sie wundert sich über meine anderen Bewohner, die sich nie von einem schadhaften Stuhl oder einem zerschlissenen Sofa trennen und ihr Mobiliar lieber dem Regen, der Hitze und der Zeit aussetzen. Erinnerungen an Asa gehen ihr durch den Kopf, schmerzliche Szenen aus einem langen Film. Jedes Haus zählt seine Töchter und will mit dem Skandal um den Leichnam nichts zu tun haben.

Lange verweilt sie so, schweigend. Plötzlich bemerkt sie eine Krähe, die in den einsamen Krug am anderen Ende des Daches schlüpft, kurz darauf mühsam durch den halb geöffneten Deckel wieder hinausflattert und mit einem schwarzen Fetzen im Schnabel davonfliegt.

Halima hebt den morschen Holzdeckel hoch. Der Krug ist voller Papiere, zugedeckt mit ein paar Plastiktüten. Vorsichtig greift sie nach den vergilbten Blättern. Das werden doch wohl nicht die Reste der Zeitungsartikel meines Jungen sein? Die lagen, sauber geordnet, in einer Ecke ihres gemeinsamen Zimmers gestapelt, bevor er sie in einem Anfall von Wahnsinn zerstört hatte. Neugierig fischt sie einige Blätter hervor, hält sie sich vors Gesicht, unter ihre Nase. Der Schweiß von Jussufs Händen, seine unerfüllte Sehnsucht, ja, sein Wahnsinn schlagen ihr aus den Buchstaben entgegen, vom ersten Blatt oben auf dem Haufen bis zu dem Fetzen groben Papiers eines Zementsacks mit der Kohlezeichnung von einer Schwangeren. Diese Darstellung eines Frauenleibs von den Knien bis zur Taille lässt Halima stutzen. Die Schenkel der Frau sind kräftig, ihr Bauch hat die Umrisse einer riesigen Birne.

Halima, die nicht lesen und schreiben kann, weiß mit keinem der datierten Blätter etwas anzufangen, doch sie prägt sie sich ein: Blätter, auf denen Wörter auftauchen und wieder am Horizont verschwinden, wie eine mit Brennholz beladene Kamelkarawane, die beim Niederknien Spuren hinterlässt. Die Wörter beunruhigen sie, sie springen herum wie rollige Katzen, beißen sich gegenseitig maunzend in den Schwanz, verspritzen viel Tinte und Miau. Einige ballen sich mitten auf der Seite, andere wollen fast über den Seitenrand fallen. Wieder andere sehen aus wie ein Netz mit Rissen und Knoten. Halima spürt, dass sie mit diesen Blättern das Innerste ihres verschwundenen Sohnes in Händen hält, den der Leichnam fliehen ließ, wohin, weiß sie nicht.

Gar keinen Reim kann sich Halima auf Dutzende von groben Papierstücken machen, Fetzen aus Zementsäcken, mit Kohlezeichnungen und Reifenspuren bedeckt. Darauf sind Wesen, halb Mensch, halb Motorrad, inmitten von Neonreklamen oder Werbetafeln, die der Rost zerfressen hat, ähnlich den Ladenschildern, wie sie sich in der Gasse zuhauf finden. Halima hebt den Packen Papier an die Nase. Die feuchte Kohle riecht frisch. Ihr Herz klopft angstvoll. Dann stopft sie alles wieder in den Krug und drückt den Deckel darauf.

»Wenn ich doch nur lesen könnte«, murmelt sie im Weggehen.

Engelmädchen

Ich, die Vielkopfgasse, schloss die Augen, als in allen meinen Ecken und Winkeln der Ermittlungswirbel losging. Niemand wurde verschont. Alle wurden vorgeladen. Razzien, Durchsuchungen und Konfiszierungen folgten rasch aufeinander. Alle Videofilme, die man im Café fand, wurden beschlagnahmt. Die Krähen kreisten besonders über Muschabbabs Garten, den sein Besitzer ein paar Tage vor dem Auftauchen der Leiche bei einem Börsengeschäft verloren hatte. Muschabbab war verschwunden, ebenso wie Jussuf.

Es war also nicht überraschend, dass auch Jussufs Mutter Halima, die Teeköchin, auf die Polizeiwache vorgeladen wurde. Als Expertin im Gedankenlesen beobachtete ich, die Vielkopfgasse, die Mienen derer, die gingen, und derer, die zurückkamen; und auch die Tintenspuren an den Fingerspitzen, mit denen sie die Protokolle unterzeichneten.

Halima richtete sich für die Befragung her wie für eine Teezeremonie. Sie erneuerte sogar den Hennamond auf ihrer Handfläche. Als sie im Verhörraum Inspektor Nassir gegenübersaß, wurde ihr etwas unwohl. Sie hatte Ali erwartet, den Beamten, der an jenem Morgen den Fall mit der Leiche aufnahm, nicht diesen Nassir, dem jeder Anflug von Freundlichkeit fehlte. Ali war locker und ungezwungen gewesen, während er die Leiche umkreiste. Dabei lachte er unaufhörlich und flirtete mit einer Frauenstimme aus dem Handy, das sich nie von seinem Ohr löste. Er ließ seinen Blick über die Gesichter der Umstehenden schweifen und machte seinem Assistenten Zeichen. Schließlich gab er ihm die Anweisung, die Leiche wegzuschaffen und die Untersuchung am Tatort abzuschließen.

»Ja, wollen Sie denn keine Fingerabdrücke aufnehmen?« Chalil, der Taxifahrer, klang vorwurfsvoll und ein bisschen lächerlich, fast wie im Film. Das amtliche Lächeln gefror in der Hitze, und ohne sein Telefongeplauder zu unterbrechen, nahm Ali die Herausforderung an. Er blickte scharf in die Runde.

»Behauptet jemand, mit der Leiche verwandt zu sein?«, fragte er bissig. »In diesem Fall müsste er zu einer eingehenden Befragung mit aufs Revier kommen. Danach kann ein Dossier eröffnet und bei den zuständigen Stellen eine Abnahme von Fingerabdrücken beantragt werden. Das wird seine Zeit dauern, und währenddessen müssen die etwaigen Verwandten immer wieder bei uns vorsprechen. Für einen Monat oder ein Jahr, Gott allein weiß, wie lange, werden sie sich zur Verfügung halten müssen. Fälle dieser Art sind langwierig. Das ist ja hier nicht wie im Fernsehen.«

Daraufhin hatte sich die Menge verlaufen, und Inspektor Ali hatte seinem Assistenten bedeutet, alles zum Abmarsch klarzumachen.

Halima musterte diesen Inspektor, der ihr gegenübersaß. Keine Spur von Alis harmlosem Blick, der auf leicht blasierte Art den Eindruck von Kompetenz zu erwecken versuchte. Dieser Nassir schien vor Arroganz fast vertrocknet. Die Klimaanlage und der Deckenventilator, der ihr eiskalte Luft ins Gesicht blies und die Farbe von den Zimmerwänden schälte, verstärkten den Eindruck noch. Die Spinnweben, die ein dickes Geflecht auf den Elektrodrähten bildeten, schienen auch das Gesicht dieses Mannes zu überziehen, der den immer gleichen finsteren Mördern gegenübersaß und die immer gleichen Fragen stellte und Hiebe austeilte, bis seine Haut schließlich so rau und hart geworden war wie der Kamelhaarteppich auf dem Boden seines Büros.

Die Tausende von Verdächtigen, die von Inspektor Nassir al-Kachtani während seiner fünfundzwanzig Jahre als Chef der Mordkommission verhört worden waren, hatten ihn alle mit demselben Eindruck verlassen: Dieser Mann war nicht irgendein Inspektor, das musste der Todesengel in Person sein. Doch statt der Trompete des Jüngsten Gerichts bediente er sich der Klimaanlage, um die Gesichter der Verdächtigen zu Eis erstarren zu lassen.

»Dieser Nassir ist ein Besessener.« Der Gedanke zuckte, nicht ohne Mitleid, durch Halimas Kopf. Nassir drehte seinen Stuhl um fünfundvierzig Grad nach rechts und legte den Arm mit den Rangabzeichen wie eine Barriere vor sich auf den aschgrauen Schreibtisch, so als müsse er sich gegen den eindringlichen Blick jener Frau schützen, die ihn an seine Tante Atra erinnerte. Atra, die Königin von Wadi Michrim in den Sarat-Bergen, war mit einem halben Dutzend Männer verheiratet gewesen, alle um Jahre jünger als sie. Wie jene berühmte Schlange konnte sie einen Mann mit dem Blick lähmen und sich ihm begehrenswert machen. Man sagte, sie könne jedem Mann bis tief in die Lenden schauen und alle seine empfindlichen und empfänglichen Punkte erkennen. Einmal hatte sie gesagt, sie wolle ihr geheimes Wissen vor ihrem Tod an das unbändigste Mädchen der Gegend weitergeben, damit ihre Kenntnisse nicht verloren gingen. Die alten Scheiche in Wadi Michrim, Männer am Rande des Grabes, kämpften verbissen um Tante Atras Gunst, damit sie auch an ihren Körpern diese Punkte aufspürte und sie zu neuem Leben erweckte.

Tante Atra war es, die ihn bis in seine Träume verfolgte. Er sah sie immer in dieser letzten Szene, als sie es nach der Beerdigung seiner Schwester Fatima gewagt hatte, sich ihrem Bruder, seinem Vater, entgegenzustellen. Nassir wurde mit einem Male bleich. In seinem Büro roch es plötzlich nach dem Blut dieser Vergangenheit. Es war derselbe Geruch, der vom Körper seiner ins Leichentuch gehüllten Schwester aufgestiegen war, einem weißen Bündel, an dem sich nur noch die Brüste abzeichneten und sich in sein Gedächtnis eingruben. Damals war er fünf Jahre alt gewesen. Alle Erinnerung an die einzelnen Szenen jenes Tages ist verschwunden. Geblieben ist nur der Geruch von Hitze und drohender Gefahr, genauso tief in seine Erinnerung eingegraben wie jene Wölbungen, zwei dunkle Kreise von sechs Zoll Durchmesser, die durch die staubige Straße im Märtyrerviertel in Taif schweben. Glotzende Männeraugen hecheln dem nackten Körper, den dunklen Brustwarzen hinterher. Und der Zorn seines Vaters, der ihr nachrennt, sich im Laufen den Umhang herunterreißt und ihn der nackten Fatima überwirft, der sie völlig außer sich packt, einwickelt und nach Hause schleppt. Dort stößt er sie durch die Tür, reißt ihr den Umhang ab und wirft ihn angeekelt beiseite. Fatima erhebt sich mühsam vom Boden, die Hand des Vaters greift nach dem nächstbesten Gegenstand, einer Kaffeekanne. Ein dumpfer Schlag ist zu hören, und niemals wird Nassir diesen Anblick vergessen: Der Schnabel der Kanne bohrt sich in den Kopf seiner Schwester, das rote Blut fließt ihr über Gesicht und Hals herab.

Der Finger seines Vaters erhebt sich drohend: »Eure Schwester ist an einem Asthmaanfall gestorben!« Danach verbrennt er den Umhang, seinen besten, den er nur zu religiösen Festen und für das Freitagsgebet trug.

Der Arzt, der den Totenschein ausstellte, war ein Verwandter. Er schaute betreten zu Boden, voller Mitgefühl mit dem Vater. Er kannte die Geschichte: Der Vater, der den von Fatima geliebten Nachbarsjungen ablehnte … Der Cousin, dem sie versprochen war und der sich von ihr lossagte, als er von dem Nachbarsjungen hörte … Das Mädchen mit dem großen, fröhlichen Herzen, das von seiner Verzweiflung, dem Wahnsinn nah, nackt auf die Straße hinausgetrieben wurde.

Alle Nachbarn hielten sich strikt an die Rituale einer Ehrenmordbestattung. Sie kamen und stimmten mit Vater und Mutter die Totenklage an. Sie erzählten sich Geschichten von unzähligen Todesfällen durch Asthma oder durch einen Insektenstich. Am Ende war der Tod so harmlos wie ein verpasster Atemzug geworden. Gleichzeitig trafen mitleidige Blicke, Trauerfeierblicke, die jüngeren Schwestern. Die Schande der Verstorbenen war auch für sie das Ende ihres guten Rufs, ihrer Möglichkeit, je heiraten, je normal leben zu können.

Nur Tante Atra schwor, den Fuß nie mehr über die Schwelle ihres Bruders zu setzen. Sie ging zum Polizeiposten, um den Vorfall mit der Kaffeekanne anzuzeigen, erntete dort aber nur mitleidiges Lächeln. Sie begriff, dass sie eher einen Guinness-Rekord brechen als diese Köpfe aufbrechen konnte, die mit jener unerbittlichen Ehre gepanzert waren.

All das liegt vier Jahrzehnte zurück. Eine Tragödie, die mit dem Tod seines Vaters ihren Schlusspunkt fand, der nicht etwa aus Gram über seine Tochter, sondern aus Trauer über seine verlorene Ehre gestorben war. Nassir war vaterlos aufgewachsen, wie gelähmt durch eine schreckliche Schmach. So lief er bei der erstbesten Gelegenheit davon, nach Mekka, um dem Blutgeruch zu entkommen, der an ihrem Haus haftete. Als ihm nun der Fall mit der Leiche aus der Vielkopfgasse zugefallen war, spürte er den unbezwingbaren Drang herauszufinden, wer diese Leiche war und wem die Hand gehörte, die sie auf die Straße geworfen hatte. Mit fieberhaftem Eifer machte er sich daran, den Fall zu untersuchen.

Halimas sanfter Blick durchdrang den Panzer der Dienstgradabzeichen auf seiner Brust und traf das Herz des kleinen Jungen, der noch immer am Schicksal seiner Schwester litt. Zwischen seinen Schultern und an seinen Schläfen brach der Schweiß hervor.

»Ihr Sohn Jussuf steht unter Verdacht«, sagte er mit rauer Stimme, um die gewichtige Aura zurückzugewinnen, mit der er sich all die Jahre gewappnet hatte.

Doch sie wusste ihm wohl einzuschenken, hatte genau den Kaffee mitgebracht, auf den er ansprach. Als sie hörte, dass es im Samowar brodelte, griff sie nach den richtigen, glänzenden Tassen und servierte dem Inspektor den passenden Trunk aus der Gasse.

»Jussuf ist empfindsam und ängstlich. Als er unten vor dem Haus den Tod gesehen hat, ist er einfach weggelaufen. Jussuf kennt sich in Geschichte aus. Er hat das Fach geknetet, gebacken und verdaut und einen guten Abschluss an der Universität gemacht. Dann wurde er bei der Zeitung ›Die Ewige Stadt‹ angestellt, und er hat dort ordentlich gearbeitet.«

Nassir unterbrach sie nicht. Er lauschte dem Ventilator an der Decke und dachte bei dem Duft von Halimas Kaffee an seine eigene Liebe zu Mekka. Das ist der geheiligte Schoß, dessen Ehre zu schützen ich mir gelobt habe.

»Er ist mit Muschabbab befreundet.« Halima fügte ihrer Geschichte noch eine Prise Ingwer bei. »Für den ist Mekka, die ganze Stadt, Religion und Heimat. Solange wir ihn kennen, ist er immer wieder mal verschwunden und hat bei seiner Rückkehr irgendetwas Wertvolles mitgebracht.« Nach dem ersten Aufkochen stellte sie den Topf nun auf kleinere Flamme. Sie wechselte nahtlos das Thema und sprach über die Mädchen aus der Vielkopfgasse und wie anständig sie seien, richtige Engel.

»Aischa und Asa sind wirklich erbarmungswürdige Geschöpfe. Aischa zum Beispiel, die lebt völlig abgekapselt. Ihr ganzes Leben ist nur dieser Computerbildschirm. Und Asa, wenn ich sie nicht hin und wieder mit einem Stück Stoff aufheitern würde, wäre sie schon längst in ihrem Papier und ihren Kohlezeichnungen untergegangen. Nein, keins der beiden Mädchen kommt für einen Mord infrage. Und ich schwöre, wenn es sein muss, auf den Koran, dass Jussuf unfähig ist, auch nur einer Fliege ein Haar zu krümmen. Sein Speis und Trank sind Papier und Tinte. Und wenn er der Welt mal etwas hinterlässt, dann die Blätter in dem Krug auf dem Dach, die von der Feuchtigkeit und den Krähen zerfressen werden.«

Konfisziertes Material

6. April 2000 – Ein Fenster für Asa

Mein erstes Wunder, das ist Asa. Ich schrieb über sie, und ihre Liebe brachte mich zu Fall.

Warum liebe ich Asa?

Ich beobachte sie: Sie versteckt ihre Geheimnisse im Gehäuse eines alten Radios unter der Treppe zur Dachterrasse. Sie holt die Fetzen meines ersten Briefchens hervor, von mir als Neunjährigem.

Die Zeichnung zeigt ein kleines Mädchen, als Dreieck, mit Haaren wie sieben gerissene Saiten. Damals griff Asa zum ersten Mal zur Holzkohle und begann einen Dialog mit dem Mädchen. Mit drei Linien brachte sie aus dem ersten ein zweites, identisches Mädchen hervor. Ich ließ ihm ein weiteres, kurzhaariges, folgen. So wanderte das Blatt zwischen uns hin und her, bis sie mich mit einem Jungen überraschte, den sie Jussuf nannte. Es war wie eine erste Berührung. Für Worte war kein Platz. Das Erscheinen dieses Jungen sprach überlaut von Sünde und Leidenschaft.

Ohne Asa hätte ich nie erfahren, was Leidenschaft ist. Damals erlebte ich, jung, wie ich war, meinen ersten Höhepunkt. Und in Asa verschmolzen für mich danach alle Mädchen und alle Frauen.

Ich bemerkte, dass der Junge auf der Zeichnung das Mädchen befreit hatte wie eine Taube, die man aus dem Käfig holt und am Hals streichelt. So war er in die verbotene Frauenwelt eingebrochen. Danach hat die Taube nie mehr zurückgeblickt, bis zu jenem Tag, als ich sie noch einmal aus ihrem Versteck im Gehäuse des alten Radios holte und ihr mit dem Finger auf die Stirn schrieb: »Asa hat die Augen einer Paradiesjungfrau.«

Das Papier raschelte, das Mädchenherz zog sich unter den Worten der Verführung zusammen. Sie lachte. »Ja, wenn ich das Halsband abnehmen und die Haare des Mädchens, das man aus mir machen will, abschneiden könnte, würde ich den Jungen verschlingen und mit ihm fortfliegen.«

Inspektor Nassir blätterte durch das zerfledderte Tagebuch. Einiges darin war mit 1987 oder früher datiert, anderes für den Zeitraum von 355–1120 der Hidschra. Das ganze Konvolut war aus dem Krug auf Halimas Dach konfisziert und durch den Bericht eines Experten ergänzt worden, der alles durchgesehen und geordnet hatte: »Die Person namens Jussuf nennt ihre Erinnerungen ›Fenster‹ und teilt sie in zwei Kategorien: ›Fenster für Asa‹, worin er über die Gasse für seine Geliebte schreibt; und ›Fenster für Mekka‹, worin es um die Geschichte der Stadt geht.«

Es war schon fast Mitternacht, und Inspektor Nassir al-Kachtani saß noch immer in seinem Büro. Er betrachtete den Stapel Verhörprotokolle und dachte darüber nach, dass die Ermittlungen in einer Sackgasse steckten. Jeden Tag gingen Dutzende solcher Fälle durch seine Hand, Fälle von Totschlag und Vergewaltigung, die alle in einer Anklage gegen unbekannt endeten. Doch dieser Fall hier war anders. Diese Gasse mit ihren vielen Köpfen kannte die Ermordete, kein Zweifel. Aber die Anwohner weigerten sich, Auskunft zu geben, forderten ihn heraus und ließen so an seinem Ruf als legendärer Polizeiinspektor Zweifel aufkommen. Natürlich konnte er die Angelegenheit einfach auf sich beruhen lassen. Das Archiv würde sie verschlingen, samt Jussufs Tagebuchblättern und den E-Mails der Lehrerin Aischa. Doch es gab da, in diesen Haufen von Papieren, eine geheimnisvolle Absicht, ihn zu reizen. Längst vermochte er nicht mehr zwischen der Wahrheit und den Wahnvorstellungen zu unterscheiden, die ihm ein gehobener Cholesterin- und Zuckerspiegel vorgaukelte, nach Nächten ohne Schlaf und Tagen der Fast-Food-Ernährung, die er sich ins Büro bringen ließ.

Nassir ließ den Blick auf einer Akte verweilen. »Aischas E-Mails« stand darauf. Seine Mitarbeiter hatten sie aus einem Ordner namens »Der Einzige« vom Computer der verschwundenen Lehrerin Aischa heruntergeladen und ausgedruckt. Im Bericht stand, sie seien »an eine unbekannte Person geschickt worden, immer ohne Antwort«. An welche schlafende Zelle waren sie gerichtet? Wen würden sie wecken und mit welchem teuflischen Auftrag?

30. August 2001 – Ein Leichentuch für Asa

Wäre die Welt ein Tuch, wie viele Meter brauchte man davon, um sich warm einzuhüllen, mit einem oder zwei Kindern und mit Asa?

Ich weiß, wie viel: acht bis zehn Meter weißen Baumwollstoff, einen Extrastreifen, um die Scham zu verbergen, und einen, um den noch im Tod ungehörig geöffneten Mund zuzubinden. Das Leichentuch, das jedem in dieser Welt zusteht. Erlaubst du mir, davon zu träumen, mit dir wenigstens darin zusammenzuwohnen und ein Kind zu zeugen?

Ich denke an das Kabuff, das ich mit meiner Mutter zusammen bewohne und das uns dein Vater, Scheich Musahim, gnädig auf seinem Dach zur Verfügung gestellt hat. Ein paar Quadratmeter für mich, und ein paar für meine Mutter. Ein Zimmerchen, den Platz davor und einen Waschplatz in der Ecke. Und um über Erniedrigung und Elend hinwegzukommen, kochen wir wie die Engel unter freiem Himmel die fauligen Reste aus dem Warenlager oder was meine Mutter von da und dort mitbringt.

Ich sitze bei meiner Mutter, zwischen Samowars und blitzsauberen Tassen, und stelle mir vor, dass die Engel sich darin spiegeln, nicht mein eigenes Gesicht. Es ist ein Spiel, das mein Selbstwertgefühl hebt.

Ich will von Glücksbringern schreiben, ohne aufzuhören, dein Bild im Samowar meiner Mutter zu suchen. Würde es dich stören, wenn ich vom Tod schriebe? Meine ersten Schreibversuche waren ein heimlicher Briefwechsel mit meinem Vater, den der Tod ereilte, als ich meine Existenz im Leib meiner Mutter ankündigte. Ich schrieb ihm, um schließlich zu dir zu gelangen, Asa. Um deinen dichten Schleier zu durchbrechen, der nachtschwer auf mir lastet. Ich mühe mich, so einfach zu schreiben wie das Kleid, das du, ich erinnere mich genau, bei unserer ersten Begegnung trugst: schwarz, ausgeschnitten, mit halblangen Ärmeln.

Bitte, spotte nicht über mein Schreiben.

Wer schreibt, will seine Toten aufrütteln, damit sie sich nicht gemütlich in ihrem Tod einrichten. Man wählt das Schreiben als Alternative zum Leben. Erträumt einen Raum, in dem die Kinder spielen können, überzeugt, dass der Vater für sie alles gegeben hat. Dass er ein Held ist, dessen einzige Verdienstorden seine Kinder sind. Am schmerzlichsten und zugleich wahnhaftesten wird das Schreiben, wenn man sich an eine Frau richtet und bittet, einem zu gewähren, was sie nie einem anderen gewährt hat und gewähren wird. Und bedauernswert ist jener Mann, der sich das Schreiben zum Metier macht, der unermüdlich in tiefer Einsamkeit arbeitet und der nach so manchem geschriebenen Buch entdeckt, dass er in einer Gasse von Analphabeten haust, wo niemand liest, was er schreibt, und wo seine Geschichtsschwarten nur den Motten zum Fraß dienen. Wir schreiben, um Leben zu geben und Leben zu nehmen. So musst du mich sehen.

Ich schreibe weiter und weiter, nicht für dich, sondern für andere Leser, die nach dir diese Zeilen lesen und zwischen den Zeilen schnüffeln werden, um herauszufinden, wer ich bin, wer ich war. Ihnen allen sage ich: Ich bin Jussuf, Schriftsteller und Historiker. Seit einem Unfall halb Mensch, halb Ersatzteillager, das war in den Achtzigerjahren des Zwanzigsten Jahrhunderts, als mich ein Fluch traf und ich missgestaltet zur Welt kam.

Mein wahres Geheimnis aber sei hiermit preisgegeben: Ich schwöre dir, lieber Leser, ich bin mit schönem und vollkommenem Körper schon in den Fünfzigerjahren geboren und habe in den Sechzigern die ersten zehn Jahre meines Lebens verbracht. Asa ist mir schon damals begegnet, hat sich in mich verliebt und ist mir durch die Zeiten gefolgt.

Was richtig, was unrichtig, was wahr, was unwahr ist, danach darfst du nicht fragen.

Glaube einfach, du liest etwas von einem schlafenden Ungeheuer, das in diesem neuen 21. Jahrhundert erwacht, sich reckt und streckt, ein Spuk. Mein Pseudonym: Jussuf Ibn Anak, der Riese, der mit bloßer Hand einen Fisch vom Grund des Meeres holt und ihn in der Sonne brät; der eine Karawane ihn tagelang vom Scheitel bis zur Sohle zu bewandern heißt, um die Fliegen zu vertreiben, nur um am Ende zu entdecken, dass es Wölfe sind, die an ihm reißen; der in Noahs Flut nicht unterging, weil sie ihm nur gerade bis an die Hüfte reichte; der durch die Zeit reiste und den Israeliten in der Wüste begegnete und einen Felsen, groß wie ein Berg, aufhob, um sie zu zermalmen – hätte nicht Moses gebetet, worauf der Fels zerbröselte und sich wie eine Kette um seinen Nacken legte.

Meine Kolumne in der Zeitung »Die Ewige Stadt« ist nichts anderes als eine Ehrung für jenen Awadsch Ibn Anak von einst.

Inspektor Nassir hatte das Gefühl, dieser Jussuf schreibe zwar ausgeklügelt verklausuliert, wolle aber doch gelesen werden. Nein, er versteckte sich nicht, er blickte seinem Leser voll ins Gesicht und sagte, was Menschen sonst verbergen. Der Inspektor fühlte sich unbehaglich. Vielleicht sollte er nicht weiterlesen, um diesem Angeber kein Publikum zu bieten. Doch dann sagte er sich, sein sechster Polizistensinn werde schon imstande sein, auch in den unschuldigsten Beichten den Verbrecher zu erkennen und dingfest zu machen.

20. September 2004 – Ein Fenster für Asa

Ich komme heim durch unsere Gasse und schaue auf das Fensterchen eures Badezimmers, meine neue Kibla, auf der Suche nach unserem Zeichen: das ans Fenstergitter gebundene Stück Stoff, das mich über das Kommen und Gehen deines Vaters, Scheich Musahims, informiert.

Es ist weithin sichtbar. Ein roter Stofffetzen schreit: »Gefahr! Abstand halten!« Ich schiebe eines meiner Fenster für dich unter deiner Tür hindurch und gehe hinauf in unser Zimmer über dem deinen. Ich trete besonders fest auf und hoffe, mich so in deinen Kopf und deinen Körper einzugravieren, dich und deine Einsamkeit auszufüllen.

Ich hätte aufhören sollen, dir diese Briefchen, unsere »Fensterchen«, zu schreiben. Wir sind ja keine kleinen Kinder mehr wie damals, als wir dieses Spiel begannen. Damals waren meine Geheimnisse trivial. Ich weiß noch, was ich dir schrieb, als ich in der vierten Klasse war. Zwei Wörtchen: »Ehe vollziehen«.

Als ich dich das lesen sah, stieg mir das Blut ins Gesicht. Ich glaubte damals, es heiße so viel wie Umarmung oder Schmusen. Es hat mich erregt. Egal, was der Lehrer für islamisches Recht auch über den Eheschluss erklärte, mir werden diese Wörter immer zuzwinkern und zuflüstern: »Umarm sie, drück sie fest an dich, bis ihr fast die Rippen brechen.«

Ich suche ständig nach diesen Wörtern, die etwas anderes meinen, als sie sagen, nach den Gesichtern, die eine Miene aufsetzen, um eine andere dahinter zu verbergen, und nach den Träumen, die uns im Traum eines anderen wohnen lassen, der uns in seinen Träumen gar nicht haben will, Träume, die nicht seine eigenen sind, sondern der großen Bibliothek längst von Menschen geträumter Träume entstammen.

Ich verliere den Boden unter den Füßen und will doch nur erklären, dass ich versuche, Masken wegzureißen, und zwar als Erstes die deine. Stimmt, was du sagst: dass du zur Frau geworden bist, Asa? Und hängt nun wirklich »ein Tuch zwischen meinem Gesicht und dem deinen«, wie du mich warntest? Was mich angeht, so bin auch ich jetzt ein Mann. Und wie alle Männer unserer Gasse brauche ich ein Tuch, aber ein weißes, um würdig zu scheinen, um mich nicht vor dir zu blamieren. Wie kannst du von einem Mann erwarten, ein weißes Blatt Papier zu deiner Verfügung zu sein? Der Mann, den ich dir versprochen habe, den gibt es nicht mehr, die Korken, die seinen Geist einsperrten, sind herausgeplatzt, und er ist davongeflogen.

Ich muss weiteratmen, damit du Sauerstoff in deine Lungen bekommst. Jawohl, ich höre meine Widersprüche, wie immer, wenn es um dich geht, und weiß, dass es dich ärgert.

Ich sitze im Bus und schreibe dir diese Notiz. Unvermittelt muss ich an mein Tierkreiszeichen denken, den Wassermann, der unablässig Wasser schöpft. Und plötzlich sehe ich mich wie ein Gefäß, das sich nach und nach leert. Erschrocken springe ich mitten im Bus auf. Die Blätter fliegen umher. Die staubschweren Augen der Arbeiter richten sich auf mich, dieser Männer, die keine Furcht hinderte, hierher auszuwandern, um ihre Träume zu verwirklichen. Ich dagegen …

Wie alt bin ich jetzt?

Mein Kopf wird bei jedem Halt des Busses durcheinandergeschüttelt, bei jedem Aussteigen und jedem Einsteigen, jedem Körper, der auf den Sitz neben mir sinkt. Ich muss die Splitter meiner Identität zusammenlesen, wie alle, die zu dieser Erdölgeneration gehören. Weißt du eigentlich, was die Körper alles durch ihren Schweiß mitteilen können? Dieser Arbeiter, der gerade ausstieg – er hatte eine ölverschmierte Plastiktüte mit Reis und Hühnchen in der Hand –, erzählte mir, er sei eigentlich ratlos, was er tun solle. Auf seiner Baustelle sei gestern ein Kollege vom Gerüst gestürzt, und sie hätten stundenlang auf ein Auto, irgendeines, gewartet. Schließlich hätten sie den Schwerverletzten auf einem Lastwagen in die nächste Klinik gebracht. Dort sei er gestorben. Und das alles habe auch noch 400 Rial Gebühren gekostet. Sein Schweiß hat das Eis zwischen uns gebrochen, und ich sage: Wir alle rennen eigentlich nur von einer Baustelle zur anderen: der, wo alles gebaut, und der, wo alles zerstört wird.

Ich werfe meinen Blick mal auf eines dieser Blätter, die sich nach deiner Lektüre sehnen, dann wieder auf die Straße. Bei jedem Aufschauen bin ich von Menschen und Läden geblendet, schockiert. Ich wette: Auf keinen zwei Quadratmetern gibt es denselben Typ Mensch zweimal. Mekka ist wie eine Taube, deren schillernder Hals alle Tönungen menschlicher Hautfarben zeigt. Spürst du wie ich die Aufdringlichkeit all dieser Schaufenster? Einwanderer, die wer weiß wann gekommen sind und eine zahlreiche Nachkommenschaft gezeugt haben. Die Bevölkerung Mekkas besteht eigentlich nur noch aus zwei Gruppen: denen, die mit allem handeln, unablässig alles Mögliche verkaufen, und denen, die das alles kaufen. Im Dunst religiöser Rituale setzen sie in einem einzigen Pilgermonat fünf Milliarden Dollar um: Ihre Kunden trinken Tee mit Milch, Minze mit Pinienkernen, starken Kaffee, 7Up, Pepsi, Shahi, BumBum, Bison: »Tanken Sie Energie!« Sie verschlingen Basmatireis und kaufen Teppiche, die die Erfüllung aller Gebete verheißen. »Lass nie deinen Gebetsteppich ausgebreitet liegen«, hat mich meine Mutter immer gewarnt. »Der Satan betet auf vergessenen Teppichen.« Vom Bus aus sehe ich all die Satane, die auf den Teppichen in den Schaufenstern beten. Und es sieht so aus, als ob die neuen Marketingmethoden den Satanen durchaus entgegenkommen. Ach, die Teppiche von Mekka, wenn ich doch nur einen geschenkt bekäme, der meine Gebete erfüllt!

»Die Bewohner von Mekka sind schlau, verschlagen und scharf wie Pfefferschoten. Geborene Händler, die noch den Schatten und den Wind verkaufen. Die drehen dir noch die Plazenta deiner eigenen Mutter an.« Meine Mutter Halima lacht immer über diesen Spruch, er legt ein stolzes, boshaftes Grinsen über die Hügel von Mekka.

Gerade habe ich ein Vorstellungsgespräch bei der Elaf-Gruppe hinter mich gebracht. Dieses Konsortium hat mit fast allen Entwicklungs- und Immobilienprojekten zu tun, und die Grundstücke hier sind mehr wert als angereichertes Uran. Worum es ging? Um eine Anstellung als Archivar. Die Aufgabe wäre es, diejenigen Grundstücke ausfindig zu machen, die entwicklungsfähig sind, ohne den historischen Charakter des Heiligen Bezirks zu beschädigen.

Eine Menge Leute mit jeder Art von Qualifikation hatte sich beworben, bevorzugt wurden die mit dem Diplom einer ausländischen Universität. Ich hatte nicht übel Lust, dem Projektleiter die Zähne einzuschlagen, als er mich, Zweifel in der Stimme, fragte: »Sie sind also Jussuf al-Hudschubi?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: »Wenn Ihre Qualifikationen unseren Erwartungen entsprechen, könnten wir Sie vielleicht für eine Probezeit nehmen. Sollten wir Sie endgültig einstellen, wären Sie dann in der Lage, für uns alle Wakf-Grundstücke in Mekka ausfindig zu machen, also die Immobilien, um die sich niemand kümmert, weil die Erben sich streiten oder anderweitig beschäftigt sind?«

Der arrogante, inquisitorische Blick ärgerte mich, und am liebsten hätte ich ihm geantwortet, ich sei Historiker, kein Spezialist für Familienzwiste. Doch da entspannte sich der Blick des Mannes, und er sagte: »Lassen Sie Ihre Telefonnummer hier. Wir werden Sie anrufen«, und brachte damit die Wand zwischen uns zum Einsturz, an der ich mich abgemüht hatte.

Auf dem Heimweg schaute ich bei Muschabbab vorbei, der sofort hellhörig wurde, als er von diesem Interesse an angeblich vernachlässigtem Grundbesitz erfuhr. Wir setzten uns an seinen Computer und googelten die Elaf-Gruppe. Du glaubst nicht, was wir alles fanden! Ein riesiger Krake von Firmen, Fabriken, Hotels, Krankenhäusern und privaten Hochschulen. Ein Reich, in dem die Sonne nicht untergeht. Muschabbab meinte, es wäre dringend notwendig, die Machenschaften dieser Firma im Auge zu behalten. »Das würde uns vielleicht etwas weiterhelfen.« Ich sage dir ganz ehrlich: Allein die Niederschrift meiner Zweifel hat mir die Augen dafür geöffnet, wie sie unter unseren Füßen die ganze Stadt umgestalten wollen. Heute will ich aber nicht diese Gedanken Muschabbabs weiter verfolgen, denn ich fühle mich wie eine zerschnittene Bogensehne.

Letzte Nacht habe ich von einer dünnen, weißen Schnur geträumt. Ich legte dir ein Ende davon in die Hand, hielt dich ganz fest, und wir flogen gemeinsam davon. Du saßest auf mir wie in einem Sessel, während ich mit dir über die Berge schwebte. Wir betrachteten das erwachende Mekka, genau gesagt, nicht das erwachende Mekka, denn es schläft ja nie, sondern träumt nur immer: von den Gebeten, die die Luft erfüllen, den Pilgerfüßen, die die Kaaba umkreisen, und diesen Tauben, deren Halsbänder wir zerbrachen und herabregnen ließen. Das ließ die Schnur zu einem Regenbogen werden, der ganz Mekka überspannte.

Mein Gott, wie bin ich durstig nach dir, und genau an diesem glühend heißen Tag musste es sein, dass sich dein Vater nicht schlafen legte. Ich verzehre mich nach dem schwarzen Tuch an deinem Fenster, das mir sagt: »Mein Vater ist fort, für immer und ewig.«

In diesen Tagebüchern will ich mehr zu mir selbst als zu dir reden.

Wer stellt schon jemanden ein, dessen Geist durch die frühabbassidische Epoche schweift, der bei seiner Reise durch die Zeiten bis nach Andalusien gelangt, wo er beim Fall von Granada dabei ist und den Schlüssel übergeben muss? Immer wieder dieser Schlüssel, der Inbegriff meiner Albträume. Ich suche nach einem Schloss, das keinen Schlüssel hat und das ich für immer hinter dir und mir zuschließen kann.

Hastig griff Inspektor Nassir nach einem weiteren Blatt. Er schluckte leer. Dann las er weiter, wie ein Einbrecher, der plötzlich die splitternackten Bewohner eines Hauses entdeckt und ihnen schamlos bei ihrem Treiben zuschaut.

In seine Hand fiel jetzt ein Fenster über die »Ewige Stadt«.

Das Dach überm Kopf. Eine fixe Idee unserer Vorfahren. Der Mekkaner hat sein Lebensziel erst dann erreicht, wenn er behaupten kann, ein Dach gebaut und seinen Erben für den Schatten auf ihren Häuptern hinterlassen zu haben. Es gibt Mekkaner, die ihre Häuser und Grundstücke Gott vermacht, das Eigentumsrecht am Land dem Schöpfer zurückgegeben haben und sich selbst und ihren Nachkommen einzig das Nutzungsrecht gewähren – es zu bebauen, es zu bewohnen, es zu verpachten, jedoch nicht, es zu verkaufen oder frei über die Einkünfte zu verfügen. Verboten ist ihren Erben die Veräußerung oder Verschleuderung eines Erbes aus Stein und Erde im Heiligen Bezirk. Boden wird nur veräußert, um anderen Boden zu erwerben. So will es die Weisheit der Ahnen: Einkünfte aus dem Verkauf von Boden müssen wiederum in den Kauf von Boden fließen, der auch wieder Gott überlassen wird.

Eine Weisheit, die durch die immensen Leerräume auf der Wakf-Karte längst aufgeweicht ist.

Fußspuren

Sacht glitt Halima in die Menge der Pilger, die im Heiligen Bezirk die Kaaba umkreiste, und bemerkte plötzlich den Vollmond, der hoch am Himmel über ihr stand. Silbern glänzte er im Atem der Menschen. Zwei Runden lang ließ sie sich vom klagenden persischen Singsang eines jungen Iraners tragen. Er führte vier in Sifsaris gehüllte Frauen an, die nach frischem Teig rochen. Von den oberen Rängen des Heiligen Bezirks hörte sie das Quietschen der Rollstühle mit den altersschwachen Männern, die die Umkreisung nicht mehr zu Fuß vollziehen konnten. Einen dieser Rollstühle, das wusste sie, schob ihr Sohn Jussuf, um sich in der Umra-Saison ein wenig Geld zu verdienen. Trotz des unvermeidlichen Rabatts konnte das immerhin noch zweihundert Rial einbringen.

Den Namen des Höchsten – o Allgewaltiger – auf den Lippen, umkreiste sie das Allerheiligste, um Kraft zu schöpfen. Plötzlich durchlief sie ein Zittern. Sie spürte den schmächtigen Körper, der sich durch die Menge an sie heranschob und ihr folgte. Ohne von ihren zum Gebet geöffneten Händen aufzuschauen, ging sie weiter und vollendete die sieben Umkreisungen: Im Namen Gottes, Er ist der Größte … Als sie zum Schwarzen Stein in der Ecke der Kaaba aufschaute, trat die Inschrift »Der Lebendige, der Wachsame« in Gold auf dem schwarzseidenen Tuch über dem Heiligtum hervor. Und noch immer ohne ihrem Begleiter einen Blick zu schenken, umschloss sie seine Hand mit der ihren und drückte sie an die Brust. So tat sie es seit seiner Geburt, um ihn an ihrer Seelenruhe teilhaben zu lassen und seinen aufwallenden Wahn zu bändigen.

»Schläfst du auch genug?« Jussuf kannte ihre immer gleiche Frage nur zu gut. Das rote Irrlicht in seinen Augen wurde sanft.

»Ich habe ihnen alles gegeben, was du geschrieben hast, verzeih mir.«

Er erwiderte nichts. Sein Schritt wurde plötzlich leicht wie das Trippeln eines Vogels. Er hielt ihre Hand, zog sie aus dem Ring von Menschen um die Kaaba und führte sie zu den Fußabdrücken unseres Herrn Ibrahim hinüber. Dort, wo er gestanden hatte, als er die Kaaba errichtete, hatten sie sich in den Stein geprägt. Eine Kristallkuppel mit einem vergoldeten Gitter überwölbte die beiden Füße auf einem Marmorfundament, umkränzt von dem in massivem Silber geschriebenen Thronvers, daneben der Schlüssel der Kaaba auf grünem Samt. Halima vermied es, ihrem Sohn direkt in die geröteten Augen zu sehen, und zog es vor, den Schlüssel zu betrachten, der Jussuf so beschäftigte. »Diese Fußspuren und den Schlüssel«, dachte sie, »werden Millionen von Menschen betrachten bis zum Ende der Zeit. Welches Geheimnis liegt darin verborgen?« Es drängte sie, dem Schlüssel und den Fußspuren zu folgen, und einen Schritt, nur einen einzigen Schritt, in jenen Raum zu tun, den ihr Sohn und andere Suchende wie er sich zur Heimat wählen. »Türen und Schlüssel sind das Herz meines Lebens, sind mein Schicksal. Mal öffnen sie sich, mal schlagen sie vor mir zu.«

Jussuf sah mager und bleich aus, und ihr Schuldgefühl wuchs. Plötzlich ließ sie seine Hand los. »Man sucht nach jemandem, den man mit der Leiche in Verbindung bringen kann …« Und nach kurzem Zögern: »Es kann sein, dass Scheich Musahim mir das Zimmer auf dem Dach kündigt.« Der Zorn, den sie jetzt in Jussufs Schritten spürte, verwirrte sie.

»Es gibt einen Streit um das Haus. Scheich Musahim behauptet, man zöge seine Eigentumsrechte in Zweifel. Du weißt ja, das Haus hat einmal meinem Vater gehört. Er hat es an Musahim verkauft. Und jetzt gibt es da angeblich jemanden, der behauptet, er hätte eine ältere Besitzurkunde.«

»Scheich Musahim klagt und jammert ununterbrochen, damit die ganze Gasse glaubt, er kämpfe für einen edlen Zweck. Aber schließlich und endlich wird er sich von niemandem auch nur um ein einziges Sandkörnchen betrügen lassen. Und für dich spielt er dabei die Rolle des ewigen Retters.«

»Du hast ja recht. Es ist ja auch noch nichts entschieden. Und wenn es zum Schlimmsten kommt, ist da immer noch Jusrija, die Schwester Chalils, des Piloten. Sie hat mich ins Asyl eingeladen.«

»Ins Wohnheim? Du lebst davon, bei Musik- und Hochzeitsfesten Tee auszuschenken. Die Atmosphäre im Wohnheim wird dich umbringen. Vielleicht verflucht uns Mekka ja, weil wir nichts als Heuchler sind.«

Halima spürte, wie sich Jussufs Stimme auflud. Es erinnerte sie an jenen Morgen einige Monate zuvor. Imam Dawud hatte mit den Gläubigen in der Moschee der Vielkopfgasse gebetet und dabei den zweiunddreißigsten Vers aus der 5. Sure, »Der Tisch«, vorgetragen: »Wenn jemand einen Menschen tötet, der keinen anderen getötet, auch sonst kein Unheil auf Erden gestiftet hat, so ists, als töte er die Menschen allesamt. Wenn aber jemand eines Menschen Leben bewahrt, so ists, als würde er das Leben aller Menschen bewahren.«

Als Jussuf damals diesen Vers durch die Gasse hallen hörte, explodierte etwas in seinem Kopf. Gerade noch in der Kammer auf dem Dach, rannte er im nächsten Augenblick schon durch die Gasse, seine Augen stoben Funken wie die eines verwundeten Raubtiers. Mit Getöse stieß er das Tor der Moschee auf und stürmte zwischen den Reihen der Betenden hindurch, die ihn zu ignorieren versuchten. Er rannte zum Schalter der Klimaanlage und stellte sie ab. Auch das Licht löschte er. Wie eine verirrte Kugel raste er zwischen den Betenden hin und her. Schließlich stand er vor Imam Dawud und riss ihm das Mikrofon aus der Hand.