Das Haus bei den fünf Weiden - Liz Balfour - E-Book

Das Haus bei den fünf Weiden E-Book

Liz Balfour

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Beschreibung

Die Spuren eines vergangenen Lebens: Der Familiengeheimnisroman »Das Haus bei den fünf Weiden« von Liz Balfour jetzt als eBook bei dotbooks. Die junge Anwältin Hannah steht vor den Scherben ihres Lebens, als sie ein ungewöhnlicher Auftrag erreicht: In einem kleinen Dorf nahe Cork soll sie den Nachlass eines Verstorbenen sichten. Nur zu gerne lässt Hannah ihre Probleme für eine Weile hinter sich und fährt zu dem abgelegenen Haus nahe der irischen Südküste. Aber wer war dieser Mr. Oliver, der zurückgezogen zwischen den Relikten seiner Vergangenheit lebte? Je mehr seiner Briefe und Notizen Hannah entdeckt, desto tiefer taucht sie ein in die Erinnerungen an eine Liebe, traurig und schön zugleich – und desto mehr wird ihr klar, dass das Glück manchmal genau dort zu finden ist, wo man es am wenigsten erwartet … Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der fesselnde Roman »Das Haus bei den fünf Weiden« von Liz Balfour wird alle Fans der Bestseller von Kate Morton und Nora Roberts begeistern. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 325

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über dieses Buch:

Die junge Anwältin Hannah steht vor den Scherben ihres Lebens, als sie ein ungewöhnlicher Auftrag erreicht: In einem kleinen Dorf nahe Cork soll sie den Nachlass eines Verstorbenen sichten. Nur zu gerne lässt Hannah ihre Probleme für eine Weile hinter sich und fährt zu dem abgelegenen Haus nahe der irischen Südküste. Aber wer war dieser Mr. Oliver, der zurückgezogen zwischen den Relikten seiner Vergangenheit lebte? Je mehr seiner Briefe und Notizen Hannah entdeckt, desto tiefer taucht sie ein in die Erinnerungen an eine Liebe, traurig und schön zugleich – und desto mehr wird ihr klar, dass das Glück manchmal genau dort zu finden ist, wo man es am wenigsten erwartet …

Über die Autorin:

Liz Balfour ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Autorin, die 1968 geboren wurde und nach ihrem Studium der Theaterwissenschaften unter anderem als Dramaturgin arbeitete. Ihre große Liebe zu Irland, zum County Cork und zur wildromantischen Küste der grünen Insel inspirierte sie zu ihren erfolgreichen Familiengeheimnisromanen.

Bei dotbooks erschienen bereits die Romane »Das Lied von Irland« und »Die dritte Schwester«, »Das Geheimnis von Irland« und »Das Haus bei den fünf Weiden«.

***

eBook-Neuausgabe Mai 2024

Copyright © der Originalausgabe 2015 by Liz Balfour

Copyright © 2016 by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2024 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive

von © shutterstock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ah)

ISBN 978-3-98952-207-7

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Liz Balfour

Das Haus bei den fünf Weiden

Roman

dotbooks.

Kapitel 1

Hannah wusste nicht, ob sie dieses Haus nie wieder betreten oder sich monatelang darin einschließen wollte. Von außen war dem großzügigen Landsitz aus dem 19. Jahrhundert noch nicht anzusehen, was sie hinter den vielen Türen erwarten sollte. Die Nachlassverwalterin Mrs. Foley warnte sie vor: »Ich vermute, so etwas haben Sie noch nicht gesehen.« Sie führte Hannah aus der strahlenden Frühlingssonne in die dunkle, kühle Halle. Die Sonnenstrahlen, die durch die Kastenfenster fielen, wirkten wie durchsichtige Balken, projiziert aus einer anderen Welt. Zwar zeugten die abgetretenen Teppiche, die leicht vergilbten Tapeten, die altmodischen Vorhänge von einer gewissen Nachlässigkeit des Hausbesitzers gegenüber einer moderneren Gestaltung der Räume, aber ansonsten wirkte die Halle vollkommen normal. Anders als der Rest des Hauses.

In den Küchenschränken fanden sich Dosenvorräte, als würde ein mehrmonatiger Belagerungszustand erwartet. Geschirr und Besteck gab es allerdings nur in überschaubarer Menge, so als hätte der Bewohner des Hauses nie einen Gast erwartet, und alles, vom Boden über den Herd bis hin zu den Fenstern, war makellos sauber, wenn auch altmodisch. Ein blau lackierter Holzstuhl, von dem an manchen Stellen die Farbe abblätterte, stand an dem quadratischen Küchentisch, auf dem eine weiße Tischdecke lag. In den Bädern türmten sich Seifenschachteln, alle von derselben Sorte, außerdem Toilettenpapier, ebenfalls nur eine Sorte, frisch gewaschene, aber bereits etwas fadenscheinige Handtücher, die sich rau anfühlten, als Hannah vorsichtig die Hand nach ihnen ausstreckte. Es gab Dutzende Flaschen mit Rasierwasser von einer Marke, deren Produktion vor Jahren eingestellt worden war, verpackte neue Zahnbürsten, alle blau und identisch, und nur wenige persönliche Dinge. In dem großen Badezimmer im ersten Stock gab es keine Dusche, nur eine Badewanne, und die Wasserhähne sahen aus, als stammten sie aus dem frühen 20. Jahrhundert. Wie in der Küche war auch hier alles sehr rein.

Als Nächstes ging die Frau mit Hannah zum Schlafzimmer. Es war, als verfolgte sie bei dieser Hausführung eine eigene Dramaturgie, und tatsächlich sagte sie, bevor sie die Tür öffnete: »Ich will Sie langsam auf das vorbereiten, was auf Sie zukommt.«

Dort stand ein breites Bett mit einem riesigen Kopf- und Fußteil aus dunklem Holz. Nur auf einer Seite lag Bettzeug, es war abgedeckt mit einer grau-braunen Tagesdecke, die so alt wirkte wie das Haus, das Bett und der wuchtige Kleiderschrank, in dem sich bequem eine ganze Schulklasse hätte verstecken können. Mrs. Foley öffnete den Kleiderschrank und zeigte auf mehrere identische, aus der Mode gekommene Anzüge und weiße Hemden. Alles war sauber und akkurat aufgehängt. Hannah vermutete, dass Unterwäsche und Socken in den unteren Schubladen lagen, und stellte sich auch da eine geradezu unheimliche, uniforme Ordnung vor. Das alles hätte sie vielleicht nur kurios gefunden, wären da nicht die Regalwände gewesen, die offensichtlich nachträglich in das Schlafzimmer eingebaut worden waren. Die Regale ließen an den Wänden nur Platz für Bett, Schrank, Tür und Fenster und reichten vom Boden bis unter die Decke. In den einzelnen Fächern standen alte Bücher, die Regalbretter waren so angebracht, dass kein Platz verschwendet wurde. Sie verliefen sogar unter dem Fenster und über der Tür entlang. Die Bücher waren offenbar vor allem nach ihrer Größe sortiert. Als Hannah einen Schritt näher trat, sah sie, dass jedes Buch auf dem Rücken einen kleinen Zettel mit einer Art Archivnummer trug.

»Er hat wohl gern gelesen«, sagte Hannah.

»Nein«, erwiderte die Nachlassverwalterin.

Hannah hob erstaunt die Augenbrauen.

»Er hat die Bücher vor allem gesammelt und archiviert.« Als Mrs. Foley Hannahs fragenden Blick sah, lachte sie. »Wir sind noch nicht fertig mit unserer Hausbesichtigung.«

Es gab noch sieben weitere Zimmer. Im Normalfall hätte Hannah erwartet, dass die oberen Räume ebenfalls als Schlaf- oder Kinderzimmer genutzt würden, die vier unteren als Wohnräume. Der Verstorbene aber hatte aus all diesen Zimmern etwas gemacht, das sich am besten als eine Art Archiv beschreiben ließ. Regale mit Büchern und Ordnern, alten Zeitungen und Magazinen, Alben und Notizheften, stapelweise Kisten, alles war ordentlich beschriftet und folgte mit Sicherheit einem System. In jedem Zimmer gab es einen kleinen quadratischen Tisch, so groß wie der in der Küche, aber aus Metall, dazu einen zweckmäßigen Stuhl, ebenfalls aus Metall. Nur in einem der unteren Räume, dem größten im ganzen Haus, fand sich zwischen den Regalen so etwas wie eine gemütliche Leseecke vor einem Kamin: ein abgenutzter, mit grünem Samt bezogener Chippendale-Sessel, eine passende Fußbank, ein Abstelltischchen. Dieses Zimmer unterschied sich auch dadurch, dass ein Teil der Regale die Register beherbergte, in denen aufgelistet war, was unter welcher Archivnummer wo zu finden war. Ein Stehpult fand sich vor dem Register; es sah aus, als hätte es einmal in einer Kirche gestanden. Es war aber kein Kreuz darauf zu erkennen.

Hannah war aufgefallen, dass die Luft hier kühler war als im Rest des Hauses.

»Die Luft hier drin ...«, begann sie.

»Ja. Klimaanlage. Sie sehen ja, dass er sonst nicht viel Geld ausgegeben hat, aber die Klimaregulierung der Räume ist auf dem modernsten Stand. Luftfeuchtigkeit, Temperatur, alles ist genau eingestellt.«

»Er muss eine beeindruckende Stromrechnung gehabt haben.«

»Die hatte er.«

»Warum stellen Sie die Klimaanlage nicht ab?«

Mrs. Foley schien in ihrem dunkelblauen Kostüm kurz zu erschauern, dann sagte sie: »Lassen Sie uns in die Sonne gehen.«

Die beiden Frauen gingen in die Küche und traten durch die Hintertür in den weitläufigen Garten. Das Haus lag ein paar Kilometer nördlich von Bandon. Es gab keine direkten Nachbarn, und der Garten, der zum Haus gehörte, war nur durch einen kaputten Holzzaun von den umliegenden Feldern getrennt. Der Besitzer, ein Dr. Thomas Oliver, hatte vielleicht in seinem Haus penibel auf Ordnung geachtet, sein Garten aber schien ihm egal gewesen zu sein. Scheinbar wuchs und wucherte es hier, wie es der Natur gefiel, und erst auf den zweiten Blick sah Hannah, dass wohl doch gelegentlich ordnend eingegriffen wurde: Kleine Wege waren freigeschnitten, sie erkannte Blumenbeete neben Sträuchern und Büschen, und je länger sie hinsah, desto mehr glaubte sie, einen kreativen Geist zu spüren, der das Freie und Wilde der Natur liebte und schätzte und damit umzugehen wusste. Hannah merkte erst jetzt, wie eine Anspannung von ihr abfiel, die sich durch die Strenge und Kühle des Hauses in ihr aufgebaut hatte.

»Jemand aus dem Dorf kommt zwei, drei Mal im Jahr vorbei und kümmert sich um das Nötigste.« Mrs. Foley hatte bemerkt, wie Hannah das wilde Grün betrachtete. Sie deutete auf eine weiß gestrichene Holzbank, die unter einer Birke stand. Die Farbe der Bank platzte längst ab und ähnelte dadurch dem Stamm der Birke, das Weiß war verwaschen und angegraut und an manchen Stellen auch schon etwas grünlich. Sie setzten sich.

Mrs. Foley nahm eine Packung Zigaretten aus ihrer Handtasche, bot Hannah eine an, die aber ablehnte, und zündete sich ihre an. »Thomas Oliver hat in seinem Testament verfügt, dass die Klimaanlage für seine Sammlungen weiterläuft, bis alles begutachtet wurde. Der Erlös aus dem Verkauf seines Nachlasses soll an eine Organisation gehen, die sich um Kriegsflüchtlinge kümmert. Er hat mir eine Liste mit Antiquitätenhändlern und Antiquaren gegeben, die auch berechtigt sind, Gutachten zu erstellen, darunter Ihre Mutter. Tja, und was soll ich sagen, ich habe Sie ausgewählt. Wenn Sie wollen.« Mrs. Foley blies Rauch aus und legte den Kopf in den Nacken. »Wollen Sie?«

Hannah lehnte sich ebenfalls zurück und legte den Kopf in den Nacken. Mrs. Foley blies wieder Rauch aus, und Hannah sah zu, wie er zu den Ästen der Birke aufstieg und dabei immer dünner wurde.

»Wie lange dauert es, das alles durchzusehen?«, fragte sie.

»Keine Ahnung. Jahre?«

Hannah lachte. »Sie scherzen.«

»Machen Sie sich keine Sorgen. Er hat genug Geld hinterlassen, um noch sehr lange Zeit die Unterhaltskosten für das Haus zu zahlen. Daran wird es kaum scheitern.«

Hannah dachte nach. »Wäre es nicht besser, ein paar Mitarbeiter von einem Archiv oder einer historischen Gesellschaft dranzusetzen?«

»Das hat er ausdrücklich untersagt. Er wollte nicht, dass jemand möglicherweise einen persönlichen Nutzen daraus zieht oder Persönlichkeitsrechte verletzt werden, bevor alles von neutraler Stelle gesichtet wurde.«

»Persönlichkeitsrechte?«

»Fotos, Briefe ...«

»Du meine Güte.«

»Ja, es gibt einiges zu bedenken. Was darf an die Öffentlichkeit, was bleibt unter Verschluss, und vor allem: Wo gehen die Dinge hin, die unter Verschluss bleiben ... finden sich da noch Erben?«

»Du meine Güte.«

»Das sagten Sie schon. Jedenfalls sind deshalb alle Gutachter, die infrage kommen, aus England, Kanada oder den USA, und keiner von ihnen hat auch nur entfernt Verwandtschaft in Irland.« Sie setzte sich wieder gerade hin, Hannah tat es ihr gleich. »Er hat besonders akribisch Material über die Familien aus dem County gesammelt. Nicht nur das, er hat wirklich alles aufgehoben: Einkaufslisten, Quittungen, Parktickets, Werbeblättchen ...«

»Und das soll wirklich begutachtet werden?«

»Oh, es sind auch wertvollere Dinge darunter, nicht nur alte Parktickets. Bei den Büchern könnten einige Erstausgaben dabei sein. Und dann gibt es ja Sammler für die verrücktesten Dinge, die sogar für alte Werbeblättchen eine Menge Geld ausgeben.«

»Im Ernst?«

Mrs. Foley hob die Schultern, warf den Zigarettenstummel vor sich auf die Erde und trat die Glut aus. »Sie sind hier, um festzustellen, ob etwas dabei ist, das sich lohnt. Wenn es irgendwo Sammler für Kassenzettel aus irischen Metzgereien der Fünfzigerjahre gibt, werden Sie sie finden. Das ist der Deal, nicht wahr?«

»Ich dachte, es ginge um Möbel.«

»Auch. Die stehen auf dem Speicher, in der Garage und im Gartenhaus. Er hatte ja keinen Platz dafür.«

Hannah hatte kein Gartenhaus bemerkt. Mrs. Foley zeigte auf ein Grüppchen eng beieinanderstehender Weiden, hinter denen eine hohe Hecke wucherte. Jetzt erkannte Hannah ein Dach hinter der Hecke. Das Gartenhaus, offenbar.

»Mit den Möbeln machen Sie sicherlich das meiste Geld. Aber vergessen Sie nicht den Deal. Es muss wirklich alles durchgesehen werden. Darauf hat er besonderen Wert gelegt.«

»Aber warum?«

»Das können wir ihn nicht mehr fragen, nicht wahr?«

Hannah legte den Kopf ein wenig schief. »Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass Sie gar nicht neugierig waren und ihn nie danach gefragt haben.«

Mrs. Foley blinzelte in die Sonne. »Er sagte mal: ›Diese ganzen alten Geschichten, ich weiß nicht, ob sie erzählt oder vergessen gehören. Sollen das die Menschen entscheiden, die nach mir kommen.‹«

»Klingt, als steckte mehr dahinter.«

»Möglich. Wie auch immer, es wurde testamentarisch verfügt. Und der Erlös aus dem Verkauf wird gespendet.«

Hannah verstand immer noch nicht recht, was hinter diesem ganzen Aufwand steckte. Irgendein Geheimnis musste es doch geben. Warum reichte es nicht, die Möbel zu verkaufen und die Unterlagen an ein Archiv zu geben, dessen Mitarbeiter sich dann um alles Weitere kümmern würden? Aber sie merkte schon, dass sie bei Mrs. Foley nicht weiterkommen würde, also sagte sie: »Sie hätten uns sagen können, dass er ein ... Messie war.«

Mrs. Foley lachte. »Aber nein, das war er nicht. Ein Messie muss zwanghaft Dinge horten und kann seine Wohnung, sein ganzes Leben nicht in Ordnung halten. Dr. Oliver war das genaue Gegenteil! Er konnte sich problemlos von Dingen trennen – es sei denn, sie interessierten ihn. Und wie ordentlich er war, haben Sie selbst gesehen.«

»Was hat ihn denn interessiert?«

Mrs. Foley hob die Schultern. »Sehen Sie selbst nach. Also? Was sagen Sie?«

Langsam wurde Hannah klar, dass nicht nur Thomas Oliver etwas exzentrisch gewesen war. Seine Nachlassverwalterin hatte er wohl nicht ohne Grund ausgesucht. Sie schien zumindest eine große Sympathie für die Verschrobenheiten ihres verstorbenen Klienten gehabt zu haben.

Mrs. Foley nahm die nächste Zigarette aus der Schachtel und zündete sie sich an. Wieder bot sie Hannah eine an.

»Schütteln Sie wegen der Zigarette den Kopf oder weil Sie nun doch kalte Füße bekommen haben? Ich könnte es verstehen.«

Hannah dachte daran, wie sie sich schon als Kind am liebsten durch die alten Bücher und Fotoalben ihrer Großeltern gewühlt hatte. Wie sie mehr Zeit in der Schulbibliothek als auf dem Schulhof verbracht hatte. Wie es ihr später an der Universität anders als den meisten ihrer Kommilitonen nichts ausgemacht hatte, Tage und Nächte über komplizierten Prozessakten zu brüten und Präzedenzfälle zu studieren. Sie hatte es geliebt, sich in etwas hineinzugraben, sich zu verbeißen, in anderen Welten zu wühlen. Und sie hatte es mindestens ebenso sehr geliebt, die Möbelstücke und Gemälde zu erkunden, die im Antiquariat ihrer Mutter aufbereitet und dann verkauft wurden, mit den Fingern über die Oberflächen zu streichen, ihren Geruch einzuatmen ... Irgendwann durfte sie dabei helfen, Schubläden zu leimen oder Scharniere auszutauschen, und es kamen immer mehr Arbeiten hinzu, die sie mit Hingabe und Akribie ausführte, und zwar nicht nur, um sich ihr Taschengeld aufzubessern.

Die Welt von Thomas Oliver konnte sie auf Wochen, wenn nicht Monate verschlingen. Ohne auch nur einen Blick in einen einzigen Ordner, auf ein einziges Dokument geworfen zu haben, spürte sie, dass das, was in diesem Haus auf sie wartete, intensiver und leidenschaftlicher war als alles, womit sie sich bisher beschäftigt hatte. Warum sonst hätte sich ein fast hundertjähriger Mann jahrzehntelang mit diesen Dingen umgeben?

Oder er war einfach nur senil oder gestört, dachte Hannah, während sie dabei zusah, wie Mrs. Foley mit ihren spitzen Absätzen kleine Löcher in die Erde grub.

»Darf ich eine Nacht darüber schlafen? Ich muss mich auch erst noch mit meiner Mutter beraten. Damit«, sie zeigte auf das Haus und dann zur Sicherheit noch in Richtung des Gartenhäuschens, »haben wir nicht gerechnet.«

Mrs. Foley erhob sich und lächelte. »Wenn Sie Ja gesagt haben, richte ich Ihnen hier ein kleines Gästezimmer ein.« Hannahs Augen mussten sich vor Schreck geweitet haben, denn sie fuhr fort: »Keine Sorge, ich mute Ihnen nicht zu, in sein Schlafzimmer zu ziehen. Aber vielleicht in einen der unteren Räume, dort, wo der Lesesessel steht? Ich denke, da könnte man Platz für ein Bett machen. Oder wir finden eine andere Lösung. Okay, ich sehe es Ihnen an. Sie wollen lieber in der Pension wohnen. Kein Problem.«

»Ich muss wirklich erst darüber nachdenken«, murmelte Hannah, stand nun ebenfalls auf und folgte der Frau. Sie gingen um das Haus herum über einen fast überwucherten Pfad, vorbei an frisch ausschlagenden Büschen und Bäumen und nach vorn, wo Hannah den Mietwagen geparkt hatte.

»Sie würden das sehr gut machen, das weiß ich«, sagte Mrs. Foley zum Abschied. »Sie wirken wie jemand, der weiß, worauf es ankommt.«

»Wie meinen Sie das?«

Die Nachlassverwalterin lachte laut auf. »Na, Sie sind immerhin nicht sofort schreiend rausgerannt. Ich halte das für ein sehr gutes Zeichen.« Sie reichte Hannah zum Abschied die Hand. »Wir telefonieren morgen, in Ordnung?«

Hannah verabschiedete sich und stieg in den Mietwagen. Auf der kurzen Fahrt zurück zu der Pension in Bandon schwankte sie zwischen einer Begeisterung, die ihr fast schon Angst machte, und Fluchtgedanken, die sie für absolut angemessen hielt. Dann entschied sie sich, nicht auf ihr Zimmer zu gehen, sondern sich in den kleinen Biergarten des Pubs zu setzen, der zur Pension gehörte.

Der Mann hinter der Theke hatte bemerkenswerte blaue Augen. Obwohl er bestimmt in Hannahs Alter, wenn nicht einige Jahre älter war – sie tippte auf vierzig, höchstens –, hatte er den jungenhaften Charme eines Studenten. Kurz überlegte Hannah, mit ihm zu flirten. Es wäre an der Zeit, sich wenigstens testweise wieder für Männer zu interessieren. Sie warf einen prüfenden, aber – wie sie hoffte – unauffälligen Blick auf die spiegelnde Oberfläche ihres Smartphones: Der dunkelblonde Zopf ließ sie etwas streng wirken, die helle Stoffhose und die grüne Bluse unterstrichen diesen Eindruck vermutlich noch. Keine gute Ausgangsbasis.

Und dann dachte sie: Wozu auch, ich komme sowieso nicht wieder hierher zurück.

Kapitel 2:THOMAS

Die allergrößte Liebe im Leben ist manchmal die, die sich nicht erfüllen kann. Es mag Menschen geben, die sagen, dass sich die Liebe abnutzt, sobald sie sich erfüllt, und vielleicht haben sie recht. Mich hat es tatsächlich nie unglücklich gemacht, Sara zu lieben. Aber ich kann nicht glauben, dass ich sie jemals weniger geliebt hätte, wenn wir ein Paar geworden wären.

Ich weiß noch, wie ich sie zum ersten Mal sah. Ich war zu Besuch bei meinen Eltern. Das letzte Jahr meiner Doktorarbeit stand bevor, und ich wollte zwei Wochen weit weg von Dublin verbringen, wo ich damals studierte, um mich ein wenig zu erholen. Meine beiden Brüder würden zu der Zeit ebenfalls dort sein, und ich freute mich, sie wiederzusehen. Charles, der ältere, war sechsundzwanzig und Lehrer für Naturwissenschaften an einem Jungeninternat im County Meath, und Patrick, gerade mal zwanzig, war gleich nach der Schule in die Armee eingetreten. Er war südlich von Dublin stationiert. Nach der anstrengenden Reise und einem fröhlichen Abendessen, das bis tief in die Nacht angedauert hatte, schliefen wir lange, fast bis zum Mittag. Schließlich kam ich runter zu meinen Eltern, die hinter dem Haus im Garten saßen und die Sommersonne genossen. Von meinen Brüdern war noch nichts zu sehen oder zu hören.

»Ich kümmere mich jetzt um den Abwasch«, sagte ich.

»Das musst du nicht«, antwortete meine Mutter.

Verärgert rief ich: »Ihr habt doch nicht etwa selbst alles sauber gemacht! Wir haben euch versprochen, dass wir uns darum kümmern!«

Jetzt lächelte sie beruhigend. »Die neue Haushälterin ist schon gekommen. Sie hat gehört, dass wir zwei Wochen lang Besuch haben würden. Irgendjemand im Dorf muss es ihr gesagt haben. Da ließ sie sich nicht davon abbringen, schon früher anzufangen.«

»Sie sollte erst in ein paar Tagen anfangen, am 1. September«, sagte mein Vater. »Eine tüchtige Person, die Neue. Das merkt man sofort.«

»Ich habe es versprochen«, wiederholte ich. »Vielleicht ist sie noch nicht fertig, und ich kann doch noch helfen.«

Meine Eltern lachten und riefen mir nach, sie sei bereits seit sieben Uhr im Haus.

Als ich die Küche betrat, war sie natürlich längst mit dem Abwasch fertig und bereitete schon das Mittagessen vor. Ich konnte gar nichts sagen, ich war einfach schockiert von ihrem Anblick. Und ich weiß nicht mal genau, was es war, das mir die Sprache verschlug.

»Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken«, sagte sie ruhig. »Haben Ihnen Ihre Eltern nicht gesagt, dass ich hier bin?«

Ich stammelte etwas, ich wusste selbst nicht, was ich da von mir gab.

Sie hob ein wenig die Augenbrauen. »Ich bin Sara. Sie müssen Mr. Thomas Oliver sein, der mittlere Sohn, nicht wahr?« Sie kam mir entgegen und hielt mir die Hand hin.

Stumm schüttelte ich sie und schaffte es gerade noch zu nicken. Meine Eltern legten Wert darauf, dass die Frauen, die ihnen im Haushalt halfen, nicht wie niedere Dienstboten behandelt wurden, sondern wie das, was sie waren: selbstbewusste Frauen, die mit harter Arbeit Geld verdienten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen und ihre Familien durchzubringen. Meine Familie war seit Generationen sehr wohlhabend. Man hatte uns dazu erzogen, diesen Wohlstand nicht als selbstverständlich hinzunehmen, sondern demütig und dankbar zu sein. »Bemüht euch immer, Gutes zu tun, und tut es nie mit Herablassung«, hatte mein Vater oft gesagt, dabei hätte er es gar nicht sagen müssen. Er lebte es vor. Deshalb stand die neue Haushälterin – wie schon ihre Vorgängerinnen – mit festem Blick vor mir und reichte mir die Hand.

Als ich immer noch nichts erwiderte, lächelte sie knapp und sagte: »Ich muss Sie ja wirklich furchtbar erschreckt habe. Das tut mir sehr leid. Hoffentlich gewöhnen Sie sich trotzdem an mich, damit wir die nächsten beiden Wochen gut miteinander auskommen.«

Wieder konnte ich nichts weiter tun, als zu nicken. Ich murmelte eine entschuldigende Ausrede, warum ich dringend gehen müsse, und lief zurück in den Garten zu meinen Eltern.

Mittlerweile waren auch meine Brüder aufgestanden, und wir verbrachten die Zeit bis zum Mittagessen damit, den wunderbaren Garten zu bewundern. Mein Vater schlug vor, bei dem schönen Wetter draußen zu essen. Wir halfen ihm, Tisch und Stühle hinauszuschleppen, und als Sara zusammen mit meiner Mutter den Tisch deckte, hatte ich Gelegenheit, sie in Ruhe zu betrachten. Ich hatte viele schöne Mädchen in Dublin gesehen, und mit der einen oder anderen war es zu einer flüchtigen Liebesbeziehung gekommen, mit ein paar wenigen auch zu mehr – allerdings nichts, wovon man seinen Eltern erzählen würde. Seit ein paar Monaten aber gab es eine, die mir den Kopf verdreht hatte. Eine intelligente, schöne junge Studentin, melancholisch und zärtlich an manchen Tagen, wild und ungestüm an anderen. Eine Frau, die es mir nicht einfach machte, und das gefiel mir. Ich erzähle das, um zu sagen: Ich war nicht unerfahren, ich war nicht ausgehungert, ich fühlte mich auch nicht einsam oder verzweifelt. Es gab keinen Grund, warum mich Sara so faszinierte, außer dem einen: Sie war der faszinierendste Mensch, der mir je begegnet war. Selbst die junge Frau, in die ich bis dahin unsterblich verliebt zu sein glaubte, erschien mir mit einem Mal belanglos, meine Gefühle zu ihr oberflächlich. Wie könnte ich diese Magie erklären, die mich von der ersten Sekunde an gefangen hielt? Ich kann es nicht.

Sara war schön, aber auf eine andere Art als die jungen Mädchen in Dublin. Sie war so schön, wie es nur eine erwachsene Frau sein konnte. Ich schätzte sie auf Ende dreißig, um die grünen Augen herum zeigten sich feine Fältchen, und der erste Anflug von einzelnen weißen Haaren war in ihren fast schwarzen Locken zu erkennen, wenn man genau hinsah. Sara war fast so groß wie ich, über eins siebzig. Ihr Auftreten war selbstsicher, aber zurückhaltend. Sie sprach nicht mehr als nötig, obwohl ich mir wünschte, ihre weiche, dunkle Stimme öfter zu hören. Ihr Blick war wach und klar, und mir kam es vor, als würde ihr nicht das geringste Detail entgehen, als könne sie in uns allen lesen wie in einem offenen Buch.

Ich weiß, wie das klingt. Wie albern und schwärmerisch und übertrieben ... Aber es war genau so. Diese erste Begegnung berührte etwas in mir, erweckte Gefühle zum Leben, die mir bis dahin unbekannt gewesen waren. Dreiundzwanzig Jahre war ich alt und genoss mein Studentenleben in vollen Zügen – und jetzt stand ich hier und verliebte mich rettungslos in eine so viel ältere Frau, von der ich nichts wusste. Nichts außer der Tatsache, dass ihr mein Herz gehörte. Ich konnte nicht ahnen, dass sie es für immer behalten würde, noch über ihren Tod hinaus. Aber vielleicht spürte ich es an diesem Tag. Manchmal denke ich wirklich, dass ich es damals schon wusste.

Nach dem Essen bereiteten mein Vater und Charles eine Schachpartie vor. Patrick und ich rauchten, und ich zog ihn damit auf, dass wir ihn manchmal immer noch »den kleinen Paddy« nannten, weil er der Jüngste war. Aber mittlerweile überragte er uns alle, und ich musste den Kopf fast in den Nacken legen, wenn ich ihn beim Reden ansah. Lang und dünn war er, kein Kraftprotz, sondern ein zäher Ausdauersportler. Sein noch jungenhaftes Gesicht reizte uns aber trotzdem immer wieder, den alten Spitznamen zu verwenden.

Meine Mutter nahm sich ein Buch, las aber nicht wirklich darin, sondern blinzelte vergnügt in die Sonne, bis sie irgendwann einschlief. Sara räumte den Tisch ab. Als Patrick und ich ihr helfen wollten, lehnte sie ab, lächelte aber sogar und sagte: »Bestimmt haben Sie im Leben noch oft genug Gelegenheit, Tische abzuräumen. Aber jetzt haben Sie zwei Wochen frei.«

Ich konnte nicht sitzen bleiben und mich bedienen lassen. Trotz ihrer Proteste half ich ihr, und Patrick folgte etwas mürrisch meinem Vorbild. In der Küche fragte ich: »Woher kommen Sie? Sind Sie aus Bandon? Ich habe Sie noch nie dort gesehen.«

Sara sah mich ruhig an. »Sie waren einige Jahre nicht hier.«

»Ich habe meine Eltern besucht. Sie wären mir doch bestimmt ...« Aufgefallen, hätte ich fast gesagt, aber ich konnte mich gerade noch rechtzeitig korrigieren: »... mal über den Weg gelaufen, oder nicht?«

Der kleine Paddy war längst nicht so sensibel wie Charles, aber selbst er merkte, dass da gerade etwas mit mir geschah. Eilig verschwand er aus der Küche.

Sara ließ sich Zeit mit der Antwort. »Ich war auch einige Zeit nicht hier«, sagte sie schließlich. »Meine letzte Anstellung war in Wexford.«

»Ach, das ist aber wirklich ein Stück weg«, sagte ich und war mir bewusst, dass ich wie ein Idiot klang. Sie drehte sich um, und ich vermutete, dass sie sich ein Grinsen verbiss. Kläglich versuchte ich, die Situation zu retten, indem ich sagte: »Wie ist es denn in Wexford? Ich war noch nie dort. Ist es schön?«

Sie wandte sich wieder mir zu, und ich konnte ihr ansehen, dass sie meine Frage ernst nahm. »Es ist wohl nicht mehr so viel los, seit sie vor dreißig Jahren den Hafen in Rosslare gebaut haben. Jedenfalls hat man es mir so erzählt. Ich fand es schön dort. Ich mag Hafenstädte. Auch wenn nicht so viel los ist.« Jetzt lächelte sie, aber nicht, weil sie sich über mich lustig machte. Ihre grünen Augen funkelten.

Ich stellte ihr noch ein paar Fragen über die kleine Hafenstadt und den Südosten, achtete dabei jedoch darauf, nicht zu persönlich oder indiskret zu werden. Mein Eindruck war, dass es ihr auffiel und sie es sehr zu schätzen wusste. Wir hörten erst auf zu reden, als Charles den Kopf zur Tür hereinsteckte und mich fragte, ob ich jetzt mit unserem Vater weiterspielen wolle. Wie viel Zeit vergangen war, wusste ich nicht. Aber ich ging hinaus in den Garten und spielte die Partie Schach so unkonzentriert wie nie, sodass mein Vater mir unterstellte, ich ließe ihn gewinnen, weil ich wohl der Meinung sei, man dürfe einen alten Mann nicht zu sehr fordern.

Ich wurde erst wieder ruhiger, als es Abend war und Sara fortging. Am liebsten wäre ich ihr nachgegangen, hätte sie gefragt, ob ich sie begleiten soll, aber ich wusste, dass ich das unmöglich tun konnte. Ich hätte mich zum Gespött gemacht, vor meiner Familie, vor Sara. Und was wusste ich denn schon von ihr? Wahrscheinlich kehrte sie zurück zu Mann und Kindern. Am nächsten Tag würde ich sie wiedersehen, sagte ich mir. Zwei Wochen lang jeden Tag. Bestimmt, so dachte ich, würde sich diese Unruhe in mir legen – ja, das redete ich mir die ganze Nacht lang ein, obwohl ich es tief in mir längst besser wusste.

Ich stellte mir vor, wie ich zwei unbeschwerte Wochen mit meinen Brüdern und unseren Eltern verbringen würde. Wie wir über schöne Ereignisse in unseren Leben sprechen, aber auch den Weg Irlands, die politische Situation Europas durchnehmen würden. Es würde uns keine Sekunde langweilig werden, nicht bei so unterschiedlichen Geschwistern, wie wir es waren. Wir verstanden uns trotz aller Meinungsverschiedenheiten stets gut, weil wir gelernt hatten, die Haltung der anderen zu respektieren. Ich freute mich auf diese anregende Zeit, und war sicher, dass ich sie erleben würde. Bevor ich im Morgengrauen endlich einschlief, glaubte ich sogar daran, Sara davon überzeugen zu können, sich wenigstens von mir küssen zu lassen, und wenn es nur ein flüchtiger Kuss am letzten Tag wäre. Ich hatte keine Vorstellung davon, was tatsächlich kommen würde.

Es war nicht irgendein August, in dem ich Sara kennenlernte.

Es war der August des Jahres 1939.

Kapitel 3

Als Hannah in Carolines fragendes Gesicht sah, bekam sie ein schlechtes Gewissen.

»Wenn du das gesehen hättest, wärst du auch wieder gegangen«, sagte sie schnell.

»Hallo. Wie war dein Flug? Warum hast du nicht angerufen? Ich hätte dich abholen können«, begrüßte Caroline ihre Tochter.

Hannah zog ihren Rollkoffer hinter sich her, während sie an ihrer Mutter vorbei ins Hinterzimmer des Antiquitätenladens ging. Dort setzte sie sich auf den kleinen Sessel vor dem überfüllten Schreibtisch. Sie musste an die akribische Ordnung von Thomas Oliver denken, dann an Mrs. Foley in ihrem dunkelblauen Kostüm und den hochhackigen Schuhen. Ihre Mutter achtete mindestens genauso sehr auf ihr Äußeres wie die irische Nachlassverwalterin, sie war ebenso darauf bedacht, seriös und kompetent zu wirken. Aber sie hatte sich für einen vollkommen anderen Look entschieden: flache, elegante Schuhe, die trotzdem sehr bequem waren, weite Marlenehosen, dazu raffiniert geschnittene Blusen, die einerseits sehr feminin und modisch wirkten, gleichzeitig aber praktisch und bequem genug waren, dass Caroline zupacken konnte, wann immer es nötig war. Ihre Lieblingsfarbe war Schwarz, sie trug es sommers wie winters. Hannah glaubte, dass es ihr um den Kontrast zu dem blonden langen Haar ging. Ihr Haar war ihr sehr wichtig, sie tönte es immer sorgfältig nach und trug die Lockenpracht mit Stolz stets offen.

Caroline war im Türrahmen stehen geblieben und hatte die Arme verschränkt. »Also?« Ihr Blick war neugierig, vielleicht sogar ein wenig belustigt.

»Es geht um einen Haufen alter Bücher und noch viel mehr Dokumente. Und ich rede hier nicht von ein paar Kisten, sondern von mehreren Zimmern. Acht, um genau zu sein. Und es sind große Zimmer.« Sie sah, wie sich die sanfte Belustigung ihrer Mutter in Staunen verwandelte. »Ja, der Mann hat ein Archiv, darauf wäre jede Stadtbibliothek neidisch. Die Möbel stehen auf dem Speicher, in der Garage und im Gartenhaus. Er hat sie weggeräumt, um Platz für die vielen Regale zu haben. Er hat sogar eine Klimaregulierung einbauen lassen, damit das Papier nicht schimmelt. Unglaublich.«

»Klingt großartig«, sagte Caroline, ohne sich vom Fleck zu rühren. »Warum bist du gegangen?«

Hannah hob die Arme. »Klingt großartig? Es ist eine Lebensaufgabe, sich dort umzusehen. Und ich habe keine Ahnung, ob es sich lohnt.«

»Dann sieh dich ein paar Tage lang um und finde heraus, ob es sich lohnt. Was ist mit den Möbeln?«

Hannah schwieg.

»Du hast sie dir gar nicht richtig angesehen?«

»Na ja.« Sie zögerte. »Das eine geht ja nicht ohne das andere. Wenn wir uns um die Möbel kümmern, müssen wir uns auch um alles andere kümmern.«

Ihre Mutter sah sie nur schweigend an.

Hannah wurde unruhig. »Du hast keine Ahnung, wie viel Zeug das war. Und jetzt hör auf, mich so anzusehen.«

»Ohne die Möbel begutachtet zu haben, kannst du gar nicht entscheiden, ob es sich lohnt.« Caroline seufzte. »Ach, Hannah. Du hast genauso viel Sachverstand wie ich. Nur mit dem Unterschied, dass ich als Hausrats- und Kunstsachverständige offiziell geprüft und vereidigt bin. Warum tust du gerade so, als würde dich die Sache überfordern?«

»Das hab ich gar nicht gesagt.«

»Hannah.«

Sie sah ihre Mutter nicht an, lehnte sich im Sessel zurück und schloss die Augen. »Ich bin müde.« Was sie eigentlich sagen wollte, war: Ich will mich nicht wochenlang mit diesen Dingen beschäftigen, weil ich weiß, dass es eine Art Beschäftigungstherapie für mich sein soll, damit ich nicht verzweifle, weil ich meinen Job verloren habe und Matthew mich verlassen hat.

»Hannah?«

Sie hörte, wie ihre Mutter näher kam. Als sie die Augen wieder öffnete, hockte Caroline neben ihr und sah sie besorgt an.

»Alles in Ordnung?«

Hannah nickte. »Ja. Entschuldige. Es war dumm von mir.« Sie richtete sich etwas auf. »Ich habe nicht alle Möbel gesehen, aber was ich gesehen habe, sah sehr gut aus. Hervorragender Zustand und durchaus wertvoll. Die Gemälde sind nicht so der Hammer, aber auch da: sehr guter Zustand, und man könnte damit etwas anfangen. Aber es gehört nun mal dazu, dass wir uns auch um diese Papierberge kümmern, und die scheinen in erster Linie von regionalem Interesse zu sein. Warum nicht alles einfach einem Heimatverein übergeben werden darf, weiß ich auch nicht.«

»Der Verstorbene wird seine Gründe gehabt haben«, sagte Caroline und erhob sich. Sie legte ihrer Tochter kurz die Hand auf den Arm. »Also? Was tun wir?«

Hannah schüttelte den Kopf. »Es würde Monate dauern.«

»Du hast Zeit.«

»Na toll.«

»Was?«

»Drück es mir nur rein.«

Ihre Mutter setzte sich auf die andere Seite des Schreibtischs. »Hast du Angst vor einer Lücke im Lebenslauf? Das kann man alles hinbiegen. Außerdem bist du erst fünfunddreißig.«

Fünfunddreißig und schon auf ganzer Linie gescheitert. Wahrscheinlich konnte sie nie wieder in ihrem eigentlichen Beruf als Anwältin arbeiten. Jedenfalls nicht in London. Oder in England. Sie war gefeuert worden, weil sie einen unverzeihlichen Fehler gemacht hatte. Zähneknirschend gab sie ihrer Mutter recht: Sie hatte gerade nichts Besseres zu tun. Aber da war noch etwas anderes, das ihr, wenn sie ehrlich war, keine Ruhe ließ. Es musste doch irgendeinen Grund geben, warum der alte Mann wollte, dass jemand sich durch die Papiere wühlte. Welches Geheimnis wohl dahinterstecken mochte? In einem neunundneunzigjährigen Leben gab es doch bestimmt so einige kleine und vielleicht auch große Geheimnisse zu entdecken ...

»Und es macht dir doch auch Spaß. Jedenfalls hat es das früher immer, hm?« Caroline schien ihre Gedanken gelesen zu haben.

Schließlich nickte Hannah. »Ich rufe die Nachlassverwalterin an und sag ihr, dass wir es machen.«

»Du.«

»Hm?«

»Dass du es machst.«

Hannah sagte misstrauisch: »Ich habe nicht die formelle Qualifikation.«

»Ich nehme am Ende natürlich alles noch mal ab. Und vielleicht hast du irgendwann Lust, dich für die Prüfung anzumelden.«

Spätestens jetzt war ihr klar, dass dieser Wahnsinnsauftrag aus Irland bei ihrer Mutter nicht nur auf so viel Interesse gestoßen war, weil sie darin eine vorzügliche Möglichkeit zur Therapierung ihrer Tochter gesehen hatte, sondern auch, weil sich dadurch mit etwas Glück endlich die Nachfolge für ihren Betrieb regeln ließe. Das Antiquitätengeschäft mit angeschlossenem Antiquariat sowie einer Werkstatt, in der Möbel, Gemälde und auch Bücher liebevoll und sachgerecht restauriert wurden, genoss nicht nur im Londoner Stadtteil Marylebone, sondern im ganzen Land und mittlerweile sogar über die britischen Grenzen hinaus einen hervorragenden Ruf. Caroline hatte drei feste Mitarbeiter und beschäftigte freie Mitarbeiter aus einem Pool von Spezialisten, deren Arbeit ihren Ansprüchen genügten. Sie selbst wurde als Gutachterin von Museen, Auktionshäusern und Privatleuten bestellt. Aber sie war nun zweiundsechzig, und bei aller Liebe zu ihrem Beruf wünschte sie sich mehr Freizeit – und dass jemand, dem sie bedingungslos vertrauen konnte, in ihre Fußstapfen trat. Jemand wie ihre Tochter.

Genau dagegen hatte sich Hannah immer gewehrt, und das, obwohl sie eindeutig das Talent ihrer Mutter geerbt hatte: den untrüglichen Blick für den Wert, den alte Dinge hatten. Sie hatte sich für ihren eigenen Weg entschieden und Jura studiert, promoviert, sich auf Wirtschaftsrecht spezialisiert und bei einer großen internationalen Kanzlei in London angefangen. Sie war schnell aufgestiegen und noch schneller in Ungnade gefallen.

Was war die Alternative? In London herumsitzen und jammern? Versuchen, ihren ehemaligen Kollegen aus dem Weg zu gehen, indem sie die Cafés, Bars und Restaurants mied, in denen sie verkehrten? Versuchen, ihrem Exfreund auf dieselbe Art aus dem Weg zu gehen? London war manchmal viel kleiner, als man dachte. In Irland würde sie niemandem begegnen, den sie gerade nicht sehen wollte. Vielleicht konnte sie es ja doch als eine Art Urlaub oder Auszeit sehen, als Sabbatical, um dann, wenn Gras über die Sache gewachsen war, wieder zurückzukommen. Vielleicht war es tatsächlich die beste Idee. Sich in den nächsten Wochen, vielleicht Monaten mit nichts anderem zu beschäftigen, als den Aufzeichnungen eines fast hundertjährigen Mannes, seinen Möbeln, seinen Büchern. Sie musste sich ohnehin auf zu neuen Ufern machen, sich überlegen, wie ihr Leben weitergehen sollte. Warum es also nicht wenigstens einmal ausprobieren?

»Ich verspreche nichts«, sagte Hannah zu ihrer Mutter und nahm ihr Handy, um Mrs. Foley anzurufen. Die Nachlassverwalterin freute sich, dass Hannah den Auftrag annehmen würde, wunderte sich darüber, dass sie schon wieder in London war, ging aber wohl davon aus, dass Hannah bereits Koffer packte und sich auf den Aufenthalt von unbestimmter Länge im County Cork vorbereitete. Nachdem Hannah das Gespräch beendet hatte, wurde sie wieder unsicher und fragte sich, ob sie tatsächlich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, hierzubleiben und sich der Realität zu stellen. Floh sie gerade vor sich selbst? Wollte sie sich den Problemen, für die sie letztlich selbst die Verantwortung hatte, nicht aussetzen? Jetzt war es aber zu spät, sie hatte verbindlich zugesagt, vor den Augen ihrer Mutter. Sie würde es also tun und in zwei Tagen zurück nach Irland fliegen.

»Gibt es dort ein schönes Hotel?«, fragte ihr Vater später beim Abendessen.

»Eine Pension«, sagte Hannah.

»Aber nett und sauber?« Er senkte gleich wieder den Kopf.

Sie antwortete nicht, weil sie wusste, dass er längst wieder in seiner eigenen kleinen Welt war. Ein ornithologisches Magazin lag neben seinem Teller. Er las auch beim Essen und konnte sich nur mit Mühe länger als zwei Minuten auf etwas anderes als seine Vogelkunde konzentrieren. Die beiden Frauen sahen sich, wie üblich in solchen Situationen, an und nickten einander lächelnd zu. Ihr Vater Edward war zehn Jahre älter als ihre Mutter, aber man konnte nicht sagen, dass er senil oder verkalkt war, nur war er eben mit dem Alter immer schrulliger geworden, exzentrischer, und sein Interessensgebiet hatte sich deutlich verkleinert, während sich das seiner Frau stetig ausweitete.

Hannah musste an Thomas Oliver denken, der seine Schrullen offensichtlich auch immer stärker ausgelebt hatte. Ob ihr Vater so geworden wäre, wenn er Caroline nicht geheiratet hätte?