Das Haus der Buchstaben - Sophia Langner - E-Book

Das Haus der Buchstaben E-Book

Sophia Langner

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Beschreibung

Buchdruck, Pest und Reformation: ein wahres Frauenschicksal im 16. Jahrhundert Der historische Roman »Das Haus der Buchstaben« erzählt die wahre Geschichte der Buchdruckerin Magdalena Morhart aus Tübingen weiter – glänzend recherchiert und mitreißend.   Die verheerenden Folgen der Pest und die überhastete Flucht nach Reutlingen haben Magdalena Morhart und ihre Familie beinahe ruiniert. Auch nachdem sie endlich nach Tübingen zurückkehren können, stehen sie vor schier unüberwindlichen Schwierigkeiten. Nur unter großen Mühen würde es Magdalena gelingen, ihr Geschäft wiederaufzubauen. Inzwischen haben die katholischen Habsburger ihren Spion Bartholomäus ins protestantische Württemberg entsandt, um das Land auf infame Weise zum »wahren Glauben« zurückzuführen. Bartholomäus, ein erklärter Feind aller »Ketzer«, erkennt schnell, welche entscheidende Rolle Magdalenas Druckerei im Herzogtum spielt – und wie er ihr am meisten schaden kann: Er verbündet sich mit einem anderen Druckherren, der noch eine persönliche Rechnung mit Magdalena  offen hat. Bald steht Magdalena vor einer Vielzahl von Herausforderungen, die immer bedrohlichere Ausmaße annehmen …   Wie Magdalena Morhart sich gegen alle Vorurteile und Widerstände durchsetzt und als Frau eine Druckerei übernimmt, schildert Sophia Langner im ersten Teil ihrer historischen Roman-Biografie »Die Herrin der Lettern«.   »Ein außergewöhnliches Frauenleben des 16. Jahrhunderts, detailreich und mitreißend veranschaulicht […].« Elbe-Weser-Aktuell über den historischen Roman »Die Herrin der Lettern«    

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Seitenzahl: 625

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Sophia Langner

Das Haus der Buchstaben

Historischer Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Buchdruck, Pest und Reformation: ein Frauenschicksal im 16. Jahrhundert

Die verheerenden Folgen der Pest und die überhastete Flucht nach Reutlingen haben Magdalena Morhart und ihre Familie beinahe ruiniert. Auch nachdem sie endlich nach Tübingen zurückkehren können, stehen sie vor neuen, schier unüberwindlichen Schwierigkeiten. Nur unter großen Mühen würde es Magdalena gelingen, ihr Geschäft wiederaufzubauen. Sie ahnt nicht, dass die katholischen Habsburger inzwischen ihren Spion Bartholomäus ins protestantische Württemberg entsandt haben, um das Land auf infame Weise zum »wahren Glauben« zurückzuführen. Bartholomäus erkennt schnell, welche entscheidende Rolle Magdalenas Druckerei im Herzogtum spielt – und wie er ihr am meisten schaden kann …

 

Inhaltsübersicht

Personenverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Epilog

Nachwort

Glossar

Weiterführende Literatur

Personenverzeichnis

(Historische Persönlichkeiten sind mit einem Sternchen versehen.)

Magdalena Morhart*

Buchdruckerin in Tübingen, Witwe von Ulrich Morhart dem Älteren

 

Ulrich Morhart der Jüngere*

Magdalenas Stiefsohn (aus einer früheren Ehe ihres Mannes)

 

Oswald*, Jakob*, Georg*, Moritz*, Magda*

Magdalenas Kinder

 

Bartholomäus

Katholischer Spion

 

Michel und Karl

Studenten an der Universität Tübingen, Helfer von Bartholomäus

 

Primus Truber*

Slowenischer Reformator im württembergischen Exil

 

Jakob Andreae*

Lutherischer Theologe und Reformator

 

Margarethe Egenolff*

Buchdruckerin in Frankfurt am Main

 

Leonhart Fuchs*

Professor an der Universität Tübingen

 

Nikodemus

Professor an der Universität Tübingen

 

Franz Kurtz*

Kammersekretär von Herzog Christoph von Württemberg

 

Anna

Tochter des Papierers in Urach

 

Katharina Morhart*, geb. Kuhn

Ehefrau von Ulrich Morhart dem Jüngeren

 

Anna*, Johann*

Kinder von Katharina und Ulrich Morhart dem Jüngeren

Kapitel 1

Spanien, Januar 1555

Der Ketzer auf dem Scheiterhaufen hatte schon vor einiger Zeit aufgehört zu schreien. Trotzdem sah Bartholomäus gebannt zu, wie die Flammen den Körper des Mannes gierig verschlangen. Der stechende Geruch von verbranntem Fleisch und Haaren lag in der Luft. Viele der Anwesenden hielten sich ein Stück Stoff vor Mund und Nase. Nicht aber Bartholomäus, der den beißenden Geruch zufrieden einzuatmen schien. Das Königreich Spanien wird endlich Stück für Stück vom Gift des Protestantismus gesäubert, dachte er bei sich. Er sah diese »neue Lehre« als ein bösartiges Geschwür an, das sich nach und nach im ganzen Körper ausbreitete, bis der Tod eintrat. Wenn man nicht handelte und schnell und rigoros gegen es vorging. Genau das hatte sich Bartholomäus vorgenommen. Er würde alles in seiner Macht Stehende tun, um sein Land zu retten. Allerdings waren die Ketzer wie Ratten. Es gab viele von ihnen, aber man konnte sie kaum ausfindig machen, da sie sich feige in ihren Löchern versteckten.

Er konnte den Körper des Ketzers in den Flammen kaum noch erkennen. Einige Frauen standen in der ersten Reihe direkt am Scheiterhaufen. Die Funken, die vom Feuer zu ihnen herüberstoben, schienen sie nicht zu spüren, obwohl sie sicherlich Brandlöcher in den Kleidern hinterlassen würden. Einige schrien, andere sahen dem Geschehen mit stummem Entsetzen zu. Bartholomäus war zufrieden mit sich und seiner Leistung. Wieder einmal hatte er eine der Ratten aufspüren können, die nun ihrem gerechten Schicksal auf dem Scheiterhaufen zugeführt wurde. Über mehrere Wochen hatte sich Bartholomäus das Vertrauen des Mannes erschlichen und sich ebenfalls als Protestant ausgegeben. Die beiden hatten sich immer heimlich getroffen, und der Dummkopf hatte ihm schließlich sogar angeboten, mit zu einem geheimen Gottesdienst zu kommen. Dann hätte Bartholomäus noch mehr Protestanten denunzieren können. Aber diese Ketzer mussten von ihm und seinen Plänen Wind bekommen haben, denn von dem Gottesdienst wurde schließlich nicht mehr gesprochen, sodass Bartholomäus letztendlich nicht zum Zuge gekommen war.

Doch das war nicht weiter schlimm. Er müsste nur warten. Er blickte die Frau an, die vor dem Scheiterhaufen besonders laut geschrien hatte. Sie war die Frau des Verurteilten, wie er herausgefunden hatte. Bartholomäus war sich sicher, dass sie auch eine Protestantin war, und sie würde ihn nichtsahnend bald zu weiteren Ketzern führen, hatte er erst einmal ihr Vertrauen gewonnen. Danach würde sie ihrem Ehemann in die Hölle folgen.

Du bist als Nächstes dran, dachte er, und ein maliziöses Lächeln schlich sich auf seine Lippen. Sieh dir genau an, was dir blüht, mein Kind. Sein Blick wanderte wieder zum Scheiterhaufen.

Nachdem die Menge sich zerstreut hatte, ging Bartholomäus langsam auf die Frau zu. Er trug ein schlichtes Wams über seiner braunen Hose und einen dunklen Hut. Für viele sah er damit aus wie ein gewöhnlicher Arbeiter und nicht wie ein Adeliger, der er in Wirklichkeit war. Sein voller Bart und seine zotteligen Haare verstärkten den Eindruck noch. Er hatte sich über die Jahre hinweg angewöhnt, wie ein einfacher Mann des Volkes zu sprechen, um sich so das Vertrauen seiner Opfer zu erschleichen. Viele waren dank dieser List auf ihn hereingefallen, und einige hatten sogar Mitleid mit ihm gezeigt. Er konnte sich in diesen Momenten das Lächeln kaum verkneifen. Wie leichtgläubig die Menschen doch waren. Aber was blieb ihnen auch anderes übrig. Schließlich war er ein guter Schausteller.

Auf gleicher Höhe mit der Frau blieb er etwas abseits stehen. Während er noch überlegte, wie er am besten das Wort an sie richten könnte, beobachtete er unauffällig, wie zwei Frauen neben ihr sie mit heftigen Gesten dazu bewegen wollten, sich endlich von dem grausamen Anblick abzuwenden. Doch sie sträubte sich. Schließlich gaben die beiden Frauen auf. Sie wandten sich nach einem letzten Blick auf sie um und gingen ihres Weges. Bartholomäus ergriff die Gelegenheit. Er näherte sich der Frau und sah, dass ihr Tränen über die Wangen liefen. Als er in ihr Blickfeld trat und sie ihn kurz ansah, drehte er sich betont nach allen Seiten um, um ihr zu bedeuten, dass sich niemand mehr in ihrer Hörweite befand. Zusätzlich sprach er mit verhaltener Stimme, um ihr zu zeigen, dass er nicht so hart wie die Obrigkeit über ihren Mann urteilte.

»Eine entsetzliche Strafe. Nur weil er einem anderen Glauben angehörte.« Er war stolz, wie echt sein geheucheltes Mitgefühl klang. Um dem Ganzen noch mehr Gewicht zu verleihen, griff er bestürzt nach seinem Hut, führte ihn zur Brust und deutete eine Verbeugung an. »Ihr tut mir sehr leid, meine Teure, dass Ihr solch einen Schmerz ertragen müsst.« Er hoffte, mit seiner Anrede nicht zu weit gegangen zu sein, und forschte in ihrer verweinten Miene, wie sie seine Worte aufgenommen hatte. Allerdings konnte er ihren Gesichtszügen nichts entnehmen.

»Wart Ihr mit ihm verwandt?«, wagte er einen neuen Vorstoß. »Ich komme nicht von hier und bin nur auf Durchreise. Ihr könnt mich Carlos nennen.«

Kaum hörbar hauchte sie »Maria«. Sie konnte ihren Blick immer noch nicht vom Scheiterhaufen abwenden, auf dem die Gestalt inzwischen nicht mehr sichtbar war. Nach einer Weile hatte er Maria entlockt, dass sie als Wäscherin im Ort arbeitete. Ein wahrer Glücksgriff, dachte er bei sich. Sie ist durch ihre Arbeit mit sehr vielen unterschiedlichen Haushalten in Kontakt. Wahrscheinlich auch mit Mägden von vornehmeren Familien, die ebenfalls dem falschen Glauben anhängen. Das könnte die Gelegenheit sein, auch endlich arrogante Bürger brennen zu sehen.

»Ich werde für Euch und Euren Mann beten, liebe Maria«, sagte er und verabschiedete sich, bevor seine Miene doch noch verriet, was er in Wirklichkeit dachte. Je weniger es von euch gibt, desto besser für Spanien! Er würde ihr in den nächsten Tagen einen Besuch abstatten und mit weiteren Gesprächen langsam die Beziehung zu ihr vertiefen. Trauernde Witwen waren im Umgang mit Fremden meist unvorsichtig, wie er aus Erfahrung wusste.

Hochzufrieden ging er zu seiner Herberge. Es war ein einfaches Haus, welches nur Platz für wenige Gäste bot. Daher fiel ihm sofort im Schankraum ein unauffällig gekleideter Mann auf, der in einer Ecke am Tisch saß. Bartholomäus war dem Mann vorher nie begegnet, aber er erkannte das vereinbarte Zeichen, das sein Auftraggeber mit ihm ausgemacht hatte: Ein Handschuh lag vor dem Fremden auf dem Tisch, der andere lag auf dem Boden unter dem rechten Fuß des Mannes. Merkwürdig!, schoss es Bartholomäus durch den Kopf. Eigentlich wäre es an ihm gewesen, nun seinen Auftraggeber von der gelungenen Ausmerzung eines weiteren Ketzers in Kenntnis zu setzen. Dessen ungeachtet tat Bartholomäus das, was er beim Anblick des Zeichens zu tun hatte. Er hustete zwei Mal kurz, aber laut, und verließ nach kurzer Zeit die Herberge, um einen nahe gelegenen, doch recht unauffälligen Ort anzusteuern, an dem man sich ungestört unterhalten konnte. Tags zuvor hatte Bartholomäus ganz in der Nähe eine Nische in der Stadtmauer entdeckt, die, wenn man nah beieinanderstand, zwei Leute gut vor den Blicken Vorbeilaufender versteckte. Er zwängte sich in die Nische, und kurz darauf gesellte sich auch schon der Fremde zu ihm, der ihm gefolgt war.

Ohne Umschweife kam der zu seinem Anliegen. »Ich muss Euch warnen«, flüsterte er erregt. Mit einem Blick hatte Bartholomäus sein Gegenüber eingeschätzt: jung, adelig, noch recht unerfahren als Ausspäher der Regierung, weswegen er bisher auch nur zu Botendiensten wie diesem eingesetzt wurde. »Man ist Euch auf der Spur. Ihr habt zu viele Ketzer gerichtet. Das ist unserem Feind nicht verborgen geblieben. Unsere Ausspäher haben erfahren, dass von einigen hochrangigen Ketzern ein Mörder auf Euch angesetzt wurde. Aber noch weiß der Mörder wohl nicht, wie Ihr ausseht.« Der Junge schnappte nach Luft. Dann sagte er eindringlich: »Ihr müsst schnell diese Gegend verlassen. Es ist zu gefährlich.«

Bartholomäus musste dem anderen recht geben, hatte er doch selbst schon vermutet, dass sein hiesiger Aufenthalt bereits zu lange dauerte. Die Protestanten waren nicht dumm und hatten inzwischen ebenfalls einige Ausspäher im Einsatz. Die konnten zwar den katholischen nicht das Wasser reichen – vielfach agierten sie sehr stümperhaft und waren zu auffällig in ihrem Verhalten und Vorgehen –, aber unterschätzen sollte man sie trotzdem nicht.

»Wie schade«, entgegnete Bartholomäus ungerührt, sehr zum Erstaunen des Jungen. »Wo ich doch gerade eine besonders heiße Spur hatte.« Aber der Junge war zu aufgeregt, um den Witz von Bartholomäus zu verstehen. Du musst noch viel lernen, hijo. »Nun gut. In anderen Orten werde ich sicherlich auch genügend Ketzer finden.« Den letzten Satz sprach er mit einem starken Akzent aus, der im Süden des Landes gesprochen wurde, wo er sich wohl nun als Nächstes betätigen würde.

Doch der andere erwiderte: »Unser Auftraggeber hat eine andere Verwendung für Euch. Ihr sollt noch heute Abend zu ihm gehen.«

Nachdem Bartholomäus seinen neuen Auftrag erhalten hatte und spät in der Nacht wieder in sein Quartier zurückgekehrt war, war er noch immer überrascht. Er würde diesmal wieder außerhalb Spaniens arbeiten. Offenbar war seinem Herrn inzwischen aufgefallen, wie schnell Bartholomäus sich das Vertrauen von anderen sichern und diese manipulieren konnte. Sein Auftraggeber hatte deshalb einen kühnen Plan gefasst. Anstatt die Ketzer einzeln in Spanien auszurotten, sollte Bartholomäus nun ins Ursprungsland der Ketzerei reisen und dort, direkt an der Quelle, dafür sorgen, dass das Gerüst des Protestantismus in sich zusammenfiel. Dabei spielte das Herzogtum Württemberg in El Imperio als einer der wichtigsten Orte eine bedeutsame Rolle, denn hier wurden seit Jahren Reformen im Namen des sogenannten neuen Glaubens durchgeführt. In jungen Jahren war Bartholomäus schon einmal in El Imperio gewesen, um in Wittenberg Einblicke in den Irrglauben zu gewinnen. Damals hatte er sich als Konvertit ausgegeben, der die Wahrheit erkennen wollte. Dabei hatte er sich auch gute Kenntnisse dieser barbarischen Sprache angeeignet. Doch dieses Mal, da sich die Verführung zum Bösen seitdem immer weiter ausgebreitet hatte und in Wittenberg verschiedene Ausspäher eingesetzt waren, würde er an anderer Stelle tätig werden.

Bartholomäus hatte seinen Herrn gefragt, ob er denn am Hof des Herzogs von Württemberg eingesetzt würde, worauf ihm erklärt worden war, dass man Ausspäher dort am ehesten erwartete. Weitaus sicherer wäre es, wenn er an der einzigen Universität im Herzogtum tätig sein würde, denn dort wurden die Reformen von den Professoren mitentworfen und geprüft. Wenn Bartholomäus die dortigen Reformen genauestens beobachten und schnell weitergeben könnte, um damit den katholischen Widerstand zu nähren, wäre die Position der Protestanten erheblich geschwächt. Bartholomäus war sofort die Perfidie des Vorhabens aufgefallen. Wer würde schon einen Ausspäher in einer Universitätsstadt vermuten? Trotzdem waren seine Aufgaben nun anderer Art als bisher. Er musste sich nun nicht mehr das Vertrauen von Bauern oder Wäscherinnen erschleichen, sondern das von Bürgern und Akademikern. Das würde nicht einfach werden, aber Bartholomäus sah der Herausforderung entgegen. Er schmunzelte zufrieden und rieb sich die Hände.

Kapitel 2

Reutlingen, Juni 1555

Magda Morhart lief vorsichtig die Gasse entlang und zwängte sich an den vielen Leuten vorbei. Sie mochte das Gedränge nicht, doch wollte sie sehen, was heute passieren würde. Schon seit Tagen strömten die Menschen nach Reutlingen. Morgen begann der große Jahrmarkt, und dafür kamen die Leute aus vielen umliegenden Orten. Ihren Bruder Moritz, der meinte, dass es sich für einen Schüler nicht ziemte, zu rennen, hatte sie schon weit hinter sich gelassen.

Sehr wohl, Herr Academist, hatte Magda schon auf der Zunge gelegen. Doch sie wollte ihn nicht ärgern. Seine Mitschüler hänselten ihn schon genug, weil er öfters ungeschickt war.

Nun pirschte sich Magda langsam, aber zielstrebig voran und war ganz in der Nähe eines der Stadttore. Sie hörte laute Rufe, Pferdegetrappel und Musik. Auswärtige aus Ulm waren angekommen, begleitet von Trommeln und Pfeifen. Sie alle trugen prächtige, farbige Gewänder, und vier offenbar wichtige Persönlichkeiten saßen auf Pferden, deren Mähnen mit Federn geschmückt waren. Schon eilte eine Gruppe Jungen zu ihnen, bereit, ihnen das Gepäck abzunehmen und es zur Herberge zu bringen. Um die Reiter herum hatte sich ein Halbkreis von Schaulustigen gebildet, die sie bestaunten und bewunderten, während Pferdewirte und Hufschmiede sich um die Tiere kümmerten. Magda sah auch einige Bettler auf die Männer zukommen, doch sie wurden rigoros von den Stadtwächtern zurückgedrängt. Unter ihnen befand sich auch eine noch jung aussehende Mutter mit einem kleinen Kind im Arm. Sie ging tief gebückt, und ihr Gesicht war ganz verdreckt. Ihr Kind hielt sie eng an die Brust gedrückt. Sie reckte die rechte Hand mit einer kleinen Schale, die einige Kreuzer enthielt, den Menschen entgegen. Magda meinte, schon von ihr gehört zu haben. Sie war die Frau eines Goldschmieds, der seine Schulden nicht mehr bezahlen konnte und den man deshalb in den Kerker geworfen hatte. Seitdem blieb ihr nichts anderes übrig, als für sich und ihr Kind zu betteln. Doch ein Stadtwächter versperrte ihr den Weg, und als sie sich an ihm vorbeidrängen wollte, versetzte er ihr unbarmherzig einen harten Schlag. Sie stürzte, und Magda hielt den Atem an. Die Schale mit den Münzen war ebenfalls zu Boden gegangen. Die anderen Bettler stürzten sich auf die Kreuzer. Wimmernd lag die Frau am Boden, doch keiner half ihr. Magda wollte zu ihr gehen, doch inzwischen kam der Stadtrat aus dem Rathaus geschritten, um die Neuankömmlinge zu begrüßen, und das Gedränge wurde immer dichter. Die Menschen schoben sich zwischen die Frau und Magda. Obwohl Magda mehrfach versuchte, zu ihr zu kommen, gelang es ihr nicht.

Ihr Bruder Georg war unterdessen in der Druckerei oder, besser, in dem Haus, das seine Mutter und Geschwister Druckerei nannten. Seit die Familie Morhart im Frühjahr vor der Pest in Tübingen nach Reutlingen geflohen war, hatte sie ihre hiesige Unterkunft notdürftig in eine Werkstatt umgewandelt. Ihre erste Bleibe, die sie in der fremden Stadt bezogen hatten, hatte durch ihre Druckerpresse und die schweren Metalllettern deutlichen Schaden erlitten. Der Holzboden war, kurz nachdem sie die Presse aufgestellt und benutzt hatten, eingebrochen. Die Traglast der Dielen war nicht für diese schwere Last ausgelegt gewesen. Dem Vermieter mussten sie daraufhin den Schaden bezahlen und sich auch noch eine neue Bleibe suchen. Diese war zwar etwas besser als ihre erste, weil sie nun im Wohnraum mehr Platz für die Presse und zudem eine separate Schlafkammer für die Familie bot. Aber die Wohnung war kein Vergleich zu ihrem mehrstöckigen Haus in der Tübinger Burgsteige, das sowohl Platz für zwei Pressen auf einem belastbaren, verstärkten Boden als auch für mehrere Schlafkammern, einen Verkaufsraum und ein geräumiges Lager hatte.

Georg dachte wehmütig an seine alte Heimat. Nicht zuletzt wegen der dortigen zahlreichen Aufträge. Seit die Familie in Reutlingen war, kamen immer weniger Käufer in die neue Druckerei. Manchmal blieben sie sogar tagelang aus. Wenigstens heute in der Mittagspause, in der Georg die Stellung hielt, während seine Mutter und sein Bruder Oswald einige Besorgungen und Auslieferungen machten, war der Hauslehrer eines Adeligen gekommen, der für den großen Jahrmarkt nach Reutlingen gereist war.

Der ältere Mann murmelte leise vor sich hin, während er die wenigen Bücher betrachtete, die Georg ihm gegeben hatte. Der hatte sich danach in den hinteren Teil des Raumes zurückgezogen, um dort einige Bogen zusammenzulegen, weil sich der Besucher die Bücher zunächst allein ansehen wollte. Erst als er sich räusperte und Georg einen Blick zuwarf, eilte dieser sofort an seine Seite und hoffte auf ein Geschäft.

»Junger Mann«, die Stimme des Hauslehrers klang so streng, als würde er mit einem seiner Schüler sprechen. »Was ist das hier für ein Schund?« Georg wusste nicht, worauf der Mann hinauswollte. Er sah sich das Druckbild der Bogen an, die dieser in den Händen hielt, konnte aber keine Mängel feststellen. Doch als er näher trat und der Mann die Bogen zu ihm hinschob, sah er, was dieser meinte. Am unteren Rand befanden sich dunkle Schimmelflecken auf dem Papier. Georg spürte, wie seine Ohren heiß wurden und ihm die Röte ins Gesicht stieg. Er hatte gerade erst heute Morgen seine Mutter, die Buchdruckerin, gebeten, an diesem Tag, falls Käufer in die Druckerei kämen, die Exemplare eigenhändig heraussuchen und das Gespräch mit den Interessenten allein führen zu dürfen, da er endlich mehr Verantwortung im Geschäft übernehmen wollte. Er hatte sich die Bücher dann jedoch nur im fahlen Morgenlicht, das durch das Fenster fiel, angesehen. Nun, da die Sonne hoch am Himmel stand und durch die offene Tür der Druckerei schien, war der Schimmel deutlich zu sehen. Wie unangenehm, dass ihm ein solch grober Fehler unterlaufen war, vor allem weil es wegen der Feuchte in den Wänden der Reutlinger Druckerei leider immer wieder zu Flecken in den Büchern kam, die schon längere Zeit lagerten.

Georg murmelte eine Entschuldigung und kam nach kurzer Zeit mit einem weiteren Exemplar aus dem hinteren Teil des Raumes wieder. Dieses hatte er aus dem einzigen Regal genommen, das sie besaßen und auf welchem die Drucke einigermaßen trocken blieben. Aber auch dieses war nicht fehlerfrei, was Georg jedoch erst sah, als der ältere Mann das Exemplar schon in den Händen hielt. Diesmal waren die Seiten von Mäusen angenagt worden. Georg wusste nicht, was er sagen sollte.

»Ein anderes Exemplar habt Ihr wohl nicht zu bieten?«, meinte der Besucher ungnädig.

»Es tut mir sehr leid, mein Herr. Aber wenn ich Euch einen Vorschlag machen dürfte?« Georg sah eine Gelegenheit, das fehlerhafte Exemplar doch noch zu verkaufen. »Wenn Ihr die Ränder abschneidet, dann sieht man von den Mäusebissen nichts mehr. Da das Buch vor dem Binden sowieso noch geschnitten werden muss, macht es also keinen Unterschied.« Er nahm an, dass der Hauslehrer – im Gegensatz zu vielen anderen Käufern – die meisten seiner Bücher binden ließ, und hoffte daher, dass ihn dieses Argument überzeugen würde.

Doch Georg hatte sich getäuscht, denn der Mann drehte die geknickten Bogen weiterhin unschlüssig in den Händen. Als er kurz davor war, Georg das Buch zurückzugeben, machte der einen weiteren Versuch.

»Vielleicht möchtet Ihr es dennoch kaufen, wenn ich Euch etwas vom Preis nachlasse?« Der Hauslehrer hob interessiert seine Augenbrauen, kaufte das Buch aber erst, als Georg bis zur untersten Grenze des Preises gegangen war. Somit hatte die Familie Morhart gerade einmal die Produktionskosten des Buches abgedeckt, aber keinen Gewinn gemacht. Als der Käufer schließlich die Druckerei verließ, ließ sich Georg enttäuscht auf einem Schemel nieder und nahm sich vor, umgehend alle von ihm zur Seite gelegten verkaufbaren Exemplare noch einmal gründlich auf Mangelhaftigkeiten zu untersuchen.

Doch noch bevor er sich an die Arbeit machte, kam seine Mutter von ihrer Auslieferung zurück. Sie hatte mehrere unverkaufte Bogen unter ihrem Arm. Neben der großen Presse wirkte sie klein und zierlich, doch sie schritt wie gewohnt zügig und zielstrebig zum Tisch. Dort legte sie die Bogen ab.

»Ich hoffe, du hattest mehr Glück als ich. Sind einige neue Käufer gekommen?«

»Nur einer. Aber ich musste ihm das Buch fast schenken.«

Dann brach es aus ihm heraus.

»Es kommen immer weniger Käufer in die Druckerei. Und warum sollten sie auch? Wir haben ihnen schließlich nichts Ordentliches anzubieten. Das eine Buch ist verschimmelt, das andere angenagt. Wenn sich herumspricht, was für minderwertige Ware wir hier verkaufen, kommt bald gar keiner mehr!«

Er spürte, wie Zorn in ihm aufstieg. Seit Wochen wusste er bereits, dass es so nicht weitergehen konnte. Doch bislang hatte er seinen Ärger immer verdrängt. Er wollte seiner Mutter das Leben nicht noch schwerer machen, als es seit der Flucht aus ihrer Heimat ohnehin schon für sie war. Dennoch beschlich ihn immer häufiger das Gefühl, dass sie nicht ausreichend auf das vorbereitet war, was ihnen drohte. Es kam ihm vor, als würde sie die Augen vor der düsteren Zukunft, die ihnen bevorstand, verschließen. Deswegen sagte er nun geradeheraus: »Hier können wir kein vernünftiges Geschäft führen. Die württembergische Regierung gibt uns zwar den ein oder anderen Auftrag, aber das reicht gerade einmal aus, um unser Überleben zu sichern, aber nicht, um wieder eine gewinnbringende Druckerei zu führen. Und die Tübinger Universität, die wegen der Pest nach Calw gezogen ist, gibt uns sogar fast gar keine Aufträge mehr.«

In der Zwischenzeit war auch sein Bruder Oswald hereingekommen und hatte Georgs Ausbruch schweigend verfolgt. Georg und Magdalena sahen ihn nun fragend an. Nach einem kurzen Augenblick nickte Oswald und sagte: »Ich glaube, Georg hat recht. Wir können die wenigen Bücher, die wir bei unserer Flucht aus Tübingen mitgebracht haben, hier nicht richtig lagern! Und Verkäufe machen wir auch nur noch wenige. Daher sind die Gelder, die wir auf unserer Flucht mit hierhergenommen haben, auch schon fast vollständig aufgebraucht. Und die Miete für den nächsten Monat steht auch bald wieder zur Bezahlung an.«

»Und die Steuern«, warf nun wieder Georg ein. »Dabei machen wir momentan noch nicht einmal Gewinn!«

Magdalena wusste genau, was die beiden meinten. All das war ihr nicht neu. Doch die letzten Wochen in Tübingen, in denen die Seuche gewütet hatte, waren ein Albtraum für sie alle gewesen. Die vielen Toten, die Angst, auch noch krank zu werden, die Schreie der Nachbarn, als sie von brutalen Plünderern überfallen worden waren und Magdalena und ihre Familie nichts dagegen hatten tun können … Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so hilflos gefühlt! Sie hätten damals gleich fliehen müssen, dann aber vor dem Nichts gestanden. Nur der Umstand, dass sie noch länger in der Stadt geblieben waren, um den Druck des Landrechts abzuschließen und die Bezahlung der Regierung bei Ablieferung der vereinbarten Druckexemplare zu erhalten, hatten es der Familie ermöglicht, danach wenigstens eine bescheidene Druckerei in Reutlingen einzurichten, um für sie alle den Lebensunterhalt zu sichern. Magdalena wusste, dass sie bei alldem noch großes Glück gehabt hatten. Ganz im Gegensatz zu ihrem alten Freund Hannes, dem Fuhrmann, der seine Familie und seinen ganzen Besitz verloren hatte. Obwohl er zuletzt noch in der Tübinger Druckerei mitgeholfen hatte, wollte er der Familie Morhart nicht mit nach Reutlingen folgen. Einen alten Baum verpflanzt man nicht, hatte er gesagt und angeboten, stattdessen, so lange und so gut es ging, ein Auge auf die Tübinger Druckerei zu haben, bis die Morharts zurückkehrten. Doch nachdem die schrecklichen Nachrichten aus Tübingen nicht abrissen, hatten sie ihren Aufenthalt in Reutlingen notgedrungen verlängern müssen. Aus Wochen waren inzwischen Monate geworden, und Magdalena zögerte immer noch, in ihre Heimat zurückzukehren. Sie hatte das ungute Gefühl, dass die Pest dort noch nicht überwunden war. Hoffentlich hatte sie nicht auch Hannes dahingerafft. Er wäre doch besser mitgekommen. Dieser Sturkopf!

Mittlerweile hatte sich Magdalena gedankenverloren auf einen Schemel neben Georg gesetzt. Oswald suchte den Blick seines Bruders. Jetzt war eine gute Gelegenheit gekommen, über die nächsten Monate in der Druckerei zu sprechen. Die beiden jungen Männer hatten sich schon öfters darüber ausgetauscht, was in Reutlingen alles schieflief, allerdings ohne dass Oswald jemals über die Zukunft der Druckerei sprechen wollte. Georg fragte sich jedoch immer dringlicher, warum sie damals in Tübingen unter den schlimmsten Bedingungen ausgeharrt hatten, nur um jetzt in Reutlingen letztlich alles zu verlieren. Ihm war klar, dass sie mit den wenigen Einnahmen, die sie nun hatten, nicht länger über die Runden kommen würden.

»Mutter«, sagte Georg sanft und legte seine Hand auf die ihre. Als sie ihn anblickte, fuhr er beherzt fort. »Wir haben hier sehr hohe Ausgaben. Da wir nun keine Universitätsangehörigen mehr sind wie in Tübingen, müssen wir höhere Abgaben an die Stadt leisten. Zudem müssen wir auch noch für die Reparaturen in unserer vorherigen Unterkunft aufkommen, und wir müssen Miete bezahlen, und das, obwohl sich auch diese Unterkunft kaum für das Drucken eignet. Wir haben hier zu wenig Platz, um die Bogen zu trocknen, und die wenigen, die wir aufhängen können, trocknen nicht richtig. Noch dazu macht uns das Ungeziefer zu schaffen.«

Er sah sie eine Weile fest an und sprach dann mit sanfter Stimme weiter. »Ich habe heute Morgen schon viele Bücher aussortieren müssen, die wir nicht mehr verkaufen können. Und ich habe dabei trotzdem noch einige fehlerhafte Exemplare übersehen. Wir haben also noch viel weniger brauchbare Bücher, als wir bisher angenommen haben. Alle anderen können wir nur noch zum Heizen benutzen. Hoffentlich lassen sich die paar Exemplare, die noch in Ordnung sind, wenigstens auf der Frankfurter Messe verkaufen. Dafür sollten sie allerdings nun besonders trocken gelagert und sichergestellt werden, dass ihnen in den nächsten Wochen nichts mehr widerfährt.«

Magdalena nickte langsam. Sie hatte zuletzt noch gezögert, dieses Jahr endlich zum ersten Mal auf die große Messe zu fahren, da die Familie sich die Reise eigentlich nicht leisten konnte. Doch war ihr in der letzten Zeit immer klarer geworden, dass sie die hohen Kosten in Kauf nehmen musste, um dort die Bücher zu veräußern, die in ihrem Geschäft in Reutlingen keine Käufer fanden. Außerdem hatte ihr Jakob, ihr Zweitältester, der bei einem Tübinger Buchbinder lernte, der mit der Universität nach Calw gegangen war, etwas ausrichten lassen: Er würde dieses Jahr auch auf der Messe sein, weil er sich von dort aus auf seine Wanderschaft begeben wolle. Für Magdalena war dies eine gute Gelegenheit, ihn zuvor noch einmal zu sehen. Wer wusste schon, wie lange seine Walz dauern würde. Es konnten mehrere Jahre vergehen, bis er wieder heimkehrte.

Oswald stimmte seinem jüngeren Bruder zu, hatte aber noch einen letzten Einwand. »Der Verkauf auf der großen Messe wird uns aber nicht retten. Selbst wenn Ihr es schafft, einige Bücher zu verkaufen, steht uns das Wasser immer noch bis zum Hals. Und wer weiß, ob die meisten Käufer Euch sofort bezahlen oder uns die Kosten erst später erstatten werden.«

Georg war der gleichen Meinung. »Über kurz oder lang muss sich jedenfalls etwas ändern. Wir müssen wieder mehr Kontakte zu Buchhändlern aufbauen. Früher hat sich noch Ulrich darum gekümmert.« Bei der Erwähnung ihres Stiefsohns verfinsterte sich Magdalenas Blick. Doch Georg fuhr unbeirrt fort. »Nun müssen wir die Beziehungen zu ihnen wieder aufbauen. Zumal sich immer mehr zeigt, dass wir darauf angewiesen sind, unsere Bücher auch in anderen Städten anbieten zu lassen.« Das hatte Georg schon öfters angemerkt, und Magdalena wusste durchaus, dass er damit recht hatte. Sie wusste auch, dass er darauf beharrte, weil er es war, der sich darum kümmern wollte. Denn während seinem Bruder Oswald neben der Produktion auch noch die Papierbestellung oblag, hatte Georg noch keinen einzigen Bereich, für den er allein zuständig war.

»Außerdem müssen wir schnellstmöglich nach Tübingen zurück. Daran führt kein Weg vorbei.«

»Aber wir können nicht zurück! Die Seuche ist bestimmt immer noch dort«, protestierte Magdalena. Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust.

Doch Georg gab so schnell nicht auf. »Denkt Ihr nicht, dass das Schlimmste längst überwunden ist? Ich habe gehört, dass sich einige Tuchhändler bereits wieder in die Nähe der Stadt trauen. Auch dürfen die Fischer, die von außerhalb kommen, ihren Fang nicht mehr nur am Stadttor verkaufen, sondern schon wieder zu den Brunnen in der Stadt gehen und dort ihre Ware anbieten. Vielleicht sollten wir es also wagen? Bis zum Winter wird unser Geld ohnehin nicht mehr reichen.«

Doch seine Mutter schüttelte nur den Kopf. »Nein, es ist zu gefährlich.«

Georg überlegte, dann fing er erneut an. »Wenn wir weiterhin in Reutlingen bleiben, werden wir aber die Presse, die wir hierher mitgenommen haben, verkaufen müssen. Das wäre der allerletzte Ausweg, denn wer weiß, in was für einem Zustand die zweite Presse ist, die wir in Tübingen zurückgelassen haben. Sicherlich benötigt sie einige Reparaturen, bevor sie wieder einsatzbereit ist. Wenn wir aber keine Presse mehr haben, die wir hier benutzen können, müssten Oswald und ich uns woanders Arbeit suchen. Und da wir nichts anderes gelernt haben, heißt das, dass wir dann dazu gezwungen sind, uns entweder in einer Druckerei in einer anderen Stadt oder aber als Tagelöhner zu verdingen.«

Zu seinem und Oswalds Schrecken schien Magdalena ernsthaft über diese Möglichkeit nachzudenken, denn sie murmelte: »Ich und Magda könnten vielleicht als Näherinnen etwas dazuverdienen. So könnten wir über den Winter kommen und dann erst im nächsten Jahr nach Tübingen zurückkehren. Um die dortige Presse müssen wir uns aber keine Sorgen machen. Wir haben das Haus schließlich gut gesichert. Warum sollte die Presse daher Reparaturen benötigen?«

»Aber Mutter«, setzte Georg ungläubig an. »Das kann doch nicht Euer Ernst sein.«

»Doch. Bevor wir alle ins Armenhaus gehen müssen, wird uns gar nichts anderes übrig bleiben. Du hast selbst gesagt, dass sich unsere Vorräte dem Ende zuneigen, und wenn wir die Presse verkaufen, wie sollen wir dann noch weiter an Einnahmen kommen? Wir sollten die von dir vorgeschlagene Möglichkeit nicht völlig verwerfen, bevor wir stattdessen zu früh nach Tübingen zurückkehren und alle an der Pest sterben. Ich möchte nicht für immer hier in Reutlingen bleiben, denn schließlich haben wir ein Haus und eine zweite Presse in Tübingen. Wir sollten nur sicher sein, dass wir nicht doch noch der Pest zum Opfer fallen.«

Das überzeugte ihre Söhne allerdings nicht. Georg versuchte erneut, seine Mutter umzustimmen. »Aber ich sagte doch, dass jetzt schon einige Händler wieder in die Stadt gehen. Und man sagt, die Universität wird auch bald zurückkehren.«

Magdalena blieb jedoch hart. »Das weißt du doch alles nur vom Hörensagen. Wer weiß, ob das wirklich stimmt. Aber wenn wir nun daraufhin zurückgehen, könnte das bedeuten, dass wir alle zum Tode verurteilt sind.«

Kapitel 3

Mittlerweile war es bereits Ende der Woche, aber Oswald hatte das Gespräch, das er und Georg mit ihrer Mutter geführt hatten, nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Nachdem diese einst den Buchdrucker Ulrich Morhart geheiratet hatte und die Familie in dessen bereits bestehende Druckerei gezogen war, hatte sich Oswald immer mehr für den Buchdruck interessiert. Schnell stand für ihn fest, dass er später selbst eine Druckerei leiten wollte, und seine Mutter schien der Idee, dass einmal eine zweite Morhart’sche Druckerei eröffnet würde, nicht abgeneigt gewesen zu sein. Doch nun war dieser Traum in weite Ferne gerückt. Seine ganzen Ersparnisse waren, genauso wie die der übrigen Familienmitglieder, für die Nahrungsbeschaffung während der Pestzeit verbraucht worden. Denn die Preise waren über Monate hinweg um ein Vielfaches des ursprünglichen Preises gestiegen. Er hatte gehofft, dass sie mit dem Umzug nach Reutlingen wieder zu Geld kommen würden, war in dieser Hinsicht aber bitter enttäuscht worden. Danach hatte er seine Hoffnung darauf gesetzt, dass sie bald wieder in Tübingen für die Universität und die Regierung drucken könnten. Doch dieser Fall würde nun auch nicht eintreten, wenn sie vorerst, und wahrscheinlich sogar noch bis ins nächste Jahr, hier in Reutlingen ausharrten. Ohne Ersparnisse konnte Oswald nur noch sehr selten auf ein Bier in eine Gaststätte gehen, geschweige denn seine Schuhe reparieren lassen. Die wiesen schon mehrere kleine Löcher auf, und er mochte deshalb gar nicht an den Winter denken, wenn ihm die Füße frieren würden. Trotzdem hatte er sich in den Streit zwischen Georg und Magdalena nicht einmischen wollen. Denn eigentlich zögerte er, genau wie seine Mutter, nach Tübingen zurückzugehen. Was, wenn die Pest noch nicht vorbei war? Oder wiederkommen würde? Aber andererseits konnten sie auch nicht in Reutlingen bleiben.

Er war hin- und hergerissen. Doch all das war noch nichts im Vergleich zu dem, was ihn am meisten schmerzte. Denn je länger er auf seine eigene Druckerei warten müsste, desto länger blieb es ihm verwehrt, seine geliebte Anna zu heiraten und mit ihr eine Familie zu gründen. Seitdem er vor gut einem Jahr die Tochter des Papiermachers, von dem sie für eine gewisse Zeit das meiste Papier bezogen hatten, kennengelernt hatte, war sein Leben nicht mehr das gleiche wie früher. Dieser Gedanke erinnerte ihn erneut an jenen Nachmittag, an dem er ihr das erste Mal begegnet war. In ihrem Kittel und mit ihren kurzen Haaren hatte er sie zunächst für einen Jungen gehalten. Sie verhielt sich auch ganz anders als die Frauen, die er bis dahin kennengelernt hatte. Sie wies schon einmal einen älteren Gesellen zurecht, wenn er bei der Arbeit die nötige Vorsicht vermissen ließ, und hatte mit ihren klugen Ratschlägen auch der Familie Morhart hinsichtlich deren feuchten Papiers in der Druckerei geholfen. Anna war klug, wissbegierig, hilfsbereit … Er ertappte sich dabei, wie er wieder ins Schwärmen geriet. Leider hatte er sie seit dem Ausbruch der Pest und aufgrund des Umzugs der Druckerei kaum mehr gesehen, weil seine Mutter nun hauptsächlich das Papier in Reutlingen statt bei Annas Vater in Urach kaufte. Doch er hoffte inständig, dass sie zum Reutlinger Jahrmarkt kommen würde, so wie sie es bei ihrem letzten Treffen versprochen hatte. Wie sehr wünschte er sich, sie wieder in den Arm nehmen zu können und ihre Lippen auf den seinen zu spüren.

Oswald hatte sich zwar schon länger auf den heute beginnenden Jahrmarkt gefreut, doch nun war er in Gedanken versunken. Auf seinem Weg zum Festplatz beachtete er die vielen Spielmänner kaum, die auf ihren Pfeifen spielten. Selbst an einem Feuerschlucker ging er vorbei, obwohl hier viele Leute stehen blieben, um zu sehen, wie der magere Mann eine Fackel langsam in die Höhe hob und sie dann in seinen Mund und Hals absenkte. Die Menge klatschte und legte seinem Gehilfen Münzen in den Hut, den dieser ihnen entgegenhielt. Am eigentlichen Festplatz angekommen, blieb Oswald schließlich doch für einen Moment stehen und ließ seinen Blick über die hier versammelte Menschenmenge schweifen.

Anna zu finden würde nicht einfach sein. Oswald hatte bei ihrem letzten Treffen vorgeschlagen, dass sie sich vor der Druckerei treffen könnten, doch Anna, die noch nicht wusste, ob sie tatsächlich kommen konnte, hatte gesagt, dass sie ihm in diesem Fall nicht den Spaß verderben wolle. Sie würden sich schon auf dem Platz finden, weil sie doch innerlich miteinander verbunden seien, hatte sie gelacht. Wahrscheinlich war ihr nicht bewusst gewesen, wie viele Menschen das Fest besuchten, zumal schon seit Tagen die Sonne schien und wegen des guten Wetters umso mehr Leute nach Reutlingen kamen. Es wogte die Menge. Die Menschen lachten und schrien. Jungen verkauften Wein aus Schläuchen, die sie sich umgehängt hatten. Mädchen boten Kleinigkeiten aus Körben zu essen an und machten lauthals auf ihre Waren aufmerksam. Es war ein einziges Durcheinander.

Nachdem Oswald eine lange Zeit vergebens nach ihr gesucht hatte, ließ er sich schließlich erschöpft etwas abseits vom Geschehen auf der Wiese nieder. Selbst das laute Schnarchen des neben ihn liegenden Mannes, der anscheinend zu viel getrunken hatte, störte ihn nicht. Er legte sich für eine kurze Pause rücklings ins warme Gras und beobachtete die wenigen Wolken am Himmel. Sobald er sich kurz ausgeruht hätte, wollte er wieder nach Anna suchen.

»Ach, da ist wohl die innerliche Verbindung doch nicht so stark!«, vernahm er plötzlich Annas Stimme. Erschreckt richtete er sich auf und sah sich um. Anna kam von der Stadtmauer her winkend auf ihn zu. Sie trug wieder das helle Kleid mit den Blumenranken, das er schon bei ihrem letzten Besuch auf dem Jahrmarkt in Tübingen an ihr bewundert hatte, ihr nun aber um den Leib schlackerte. Auch an ihr war die leidvolle Zeit der Pest nicht spurlos vorübergegangen. Die ohnehin schon schlanke junge Frau war noch schmaler und blasser geworden. Jetzt lag auf ihrem Gesicht jedoch ein glückliches Lächeln, und der Wind spielte mit ihren kurzen Haaren. So schnell er konnte, rappelte er sich auf und lief ihr entgegen.

»Entschuldige. Ich habe die ganze Zeit nach dir Ausschau gehalten, aber …«, sagte er verlegen, als er vor ihr stand. Doch er konnte den Satz nicht beenden, denn Anna griff mit ihrer rechten Hand nach seinem Hemd, zog Oswald an sich und küsste ihn leidenschaftlich. Er erwiderte ihren Kuss nicht minder leidenschaftlich und umarmte sie dabei innig. Würde dieser Augenblick doch nie vorübergehen. Nach einer Weile lösten sie sich voneinander, und Anna grinste Oswald verschmitzt an.

»Was wolltest du sagen?«

»Ich … ich … habe es bei diesem Überfall glatt vergessen«, stammelte er und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

»So, und nun zeig mir mal dieses Fest, von dem seit Wochen alle sprechen«, forderte sie ihn auf und schmiegte sich an seine linke Seite, worauf er den Arm um ihre Schultern legte und sie gemeinsam über die Wiese zurück zum Festplatz schlenderten. Während Oswald ihr von den Vorbereitungen für das Ereignis erzählte, steuerten sie auf einen der Jungen zu, die Wein verkauften. Oswald bezahlte für zwei Becher mit seinem letzten Geld und reichte einen Anna. Ihre Fragen zu den Geschäften in der Druckerei beantwortete er ausweichend. Stattdessen versuchte er, das Gespräch auf die Geschäfte des Papierers in Urach zu lenken. Anna erzählte ihm von den Aufträgen der Papiermühle. Auch ihnen hatte der Wegzug der Universität Probleme bereitet, denn nun kauften die Akademiker das von ihnen unter anderem für die Administration benötigte Papier von einem anderen Papiermacher. Auch Anna hoffte, dass die Universität bald nach Tübingen zurückkehrte und sie dadurch wieder mehr Aufträge bekommen würden. Sie stellte sich kurz auf die Zehenspitzen und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Wenn wir dann heiraten, werden wir ein sehr gutes Gespann abgeben. Wenn wir nämlich neben einer Druckerei auch noch eine Papiermühle haben, werde ich diese für uns übersehen, während du die Geschäfte in der Druckerei leitest. Ich habe von meinem Vater gehört, dass es einige Drucker gibt, denen auch eine Papiermühle gehört. Und da könnte ich uns helfen.«

Oswald verlangsamte seinen Schritt. »Zwei Geschäfte? Eine Druckerei zu führen bedeutet schon nicht wenig Arbeit. Wie sollen wir es da bewerkstelligen, gar zwei zu betreiben, und noch dazu an verschiedenen Orten?«, sagte er.

»Nun, wenn wir die Druckerei in Urach einrichten, könnten wir doch die Mühle meines Vaters nach seinem Ableben weiterführen. Und mit dir als seinem Schwiegersohn wäre er sicher sehr zufrieden.«

Oswald stockte bei dem Gedanken, wie weit Anna sich offenbar schon ihrer beider Zukunft ausgemalt hatte. Er blieb stehen. Als sie ihn fragend ansah, bemerkte sie für einen Bruchteil seinen sorgenvollen Gesichtsausdruck. Doch dann lächelte er sie an. »Du steckst schon wieder voller Eifer«, sagte er und zog sie erneut an sich, um sie zu küssen. Allerdings merkte sie, dass ihn etwas bedrückte.

»Aber … du hast inzwischen eine andere kennengelernt?«, scherzte sie. Als er jedoch nicht auf ihre neckende Frage einging, wurde auch sie ernst. »Was ist denn? Ist irgendetwas passiert?«

Einen Moment zögerte er, doch dann sagte er leichthin: »Nein, nein. Es ist alles in Ordnung. Und ich würde niemals eine andere haben wollen als dich.« Erneut zog er sie an sich heran und umarmte sie fest, damit sie sein trauriges Gesicht nicht bemerkte. Er konnte doch noch nicht einmal eine Druckerei eröffnen, wie sollte er es da schaffen, zusätzlich noch eine Papiermühle zu betreiben? Dafür würde er viel Geld brauchen, und er hatte ohnehin schon keins. Doch das wollte er ihr nicht eingestehen. Während er sie drückte, kreisten seine Gedanken um seine Zukunft. Schließlich sah er nur einen Weg. Er wollte alles dafür tun, dass es der Morhart’schen Druckerei bald wieder besser ging und er wieder Ersparnisse anlegen konnte. Denn er wollte Anna unbedingt für den Rest seines Lebens an seiner Seite wissen. Seine Familie konnte nun nicht länger in Reutlingen ausharren. Hier liefen die Geschäfte einfach zu schlecht. Sie mussten das Risiko, so schnell wie möglich nach Tübingen zurückzukehren, eingehen und die Gefahr, an der Pest zu erkranken, in Kauf nehmen.

Kapitel 4

August 1555

Doch alle Bemühungen, die Oswald in den nächsten Wochen unternahm, um seine Mutter von der Notwendigkeit der Rückkehr zu überzeugen, waren vergebens, was Oswald zunehmend ärgerte. Magdalena hielt weiterhin daran fest, in Reutlingen zu bleiben und die Rückkehr nach Tübingen so weit wie möglich hinauszuschieben. Da sie den letzten Regierungsauftrag nun fertiggestellt hatten und Georg die gedruckten Bücher an den Hof in Stuttgart brachte, machte sich Magdalena auf den Weg, um mit einigen Händlern in der Stadt zu sprechen. Auch wenn sie noch nicht ernsthaft darüber nachdachte, ihre Presse hier in Reutlingen zu verkaufen, wollte sie dennoch wissen, wie viel man ihr dafür bieten würde. Nachdem sie die einzige Druckerei in Reutlingen waren, musste Magdalena versuchen, einen Händler zu finden, der für sie Erkundigungen in den größeren Nachbarorten und Reichsstädten anstellte, wer gegebenenfalls an einer Presse interessiert sei. Was wiederum bedeutete, dass sie wahrscheinlich erst in den nächsten Wochen eine Antwort bekommen würde. Inständig hoffte sie, dass sie bis dahin vielleicht schon bessere Nachrichten aus Tübingen erhalten hätten, um doch noch vor Jahresende wieder in das eigene Haus mit der zweiten Presse zurückkehren zu können. Dann hätten sie endlich das Schlimmste überstanden.

Nachdem das gemeinsame Abendmahl beendet war, setzte sich Georg mit Magda nach draußen in den Hof. Den ganzen Tag über war es bedeckt gewesen. Doch zur Abenddämmerung brachen noch ein paar letzte Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Georg nutzte dies, um seiner kleinen Schwester bei ihren Leseübungen mit dem Katechismus zu helfen. Magdalena hingegen, die sich währenddessen dem Rechnungsbuch widmete, war ganz in ihre Arbeit vertieft und bemerkte erst nach dem zweiten Klopfen, dass sie noch einen späten Besucher bekommen hatten. Sie kannte den Mann nicht, der vor ihrer Tür stand, doch sie ließ ihn hinein. Der Mann erschien ihr auf den ersten Blick eigenartig und kam ihr zugleich unauffällig wie rätselhaft vor. Seine Kleidung war die eines Pfarrers, doch man sah ihm an, dass er nicht aus den umliegenden Landen stammte. Was ihn so rätselhaft machte, konnte Magdalena nicht genau sagen. Sein fester Blick richtete sich auf die Buchdruckerin, deren Gesicht er genau betrachtete, bevor er mit ernster Miene zu sprechen begann.

»Magdalena Morhart, nehme ich an?« Seine Stimme klang rau, und sie bemerkte einen starken Akzent, den sie aber nicht zuordnen konnte.

»Ihr liegt richtig. Womit kann ich Euch dienen, Herr …?«, fragte Magdalena und lud ihn mit einer einladenden Handbewegung ein, auf einem der beiden Schemel Platz zu nehmen und ihr sein Anliegen vorzutragen.

»Mein Name tut nichts zur Sache«, sagte er knapp und übersah ihre Geste. Bevor sie auf seine harsche Entgegnung reagieren konnte, machte er jedoch eine beschwichtigende Handbewegung. Er sah über ihre Schulter hinweg in den hinteren Teil des Raumes. Magdalena vermutete, dass er sicherstellen wollte, dass sie allein waren. Misstrauen erwachte in ihr.

»Der hochwohlgeborene Doktor Vergerius hat Euch empfohlen. Ihr habt schon einige seiner Werke zu seiner Zufriedenheit gedruckt. So denke ich, dass Ihr mir auch mein Buch drucken könnt. Und hier ist auch ein Empfehlungsschreiben von ihm.« Magdalena nahm das Schreiben entgegen, das er ihr hinhielt. Sie hatte in der Tat schon einige kleine Bücher von Vergerius gedruckt, der einer der Berater von Herzog Christoph von Württemberg war, jedoch war er noch nie persönlich in ihrer Druckerei erschienen. Er hatte ihr seine Werke immer nur per Boten geschickt, obwohl er wie sie in Tübingen wohnte. Magdalena kannte den Doktor daher nicht näher, sondern hatte ihn nur ab und zu in den Straßen von Tübingen gesehen. In dem Schreiben machte sie aber sofort die Handschrift von Vergerius aus, die sie von seinen Manuskripten kannte. Ihr anfängliches Misstrauen gegenüber dem Fremden legte sich wieder.

»Um was handelt es sich?«, fragte sie ihn.

Der Mann zog langsam ein dickes Bündel aus seiner Tasche. Das Bündel war mehrfach in dickes Papier eingeschlagen und gut verschnürt worden. Es dauerte eine Weile, bis Magdalena die beschriebenen Seiten ausgepackt hatte. Sie vermutete, dass er dieses Manuskript drucken lassen wollte. Sie fuhr kurz mit ihrem Daumen über das Papier und überschlug den Umfang des Werkes. Sie würde dafür sicherlich fast zwei Dutzend Druckbogen benötigen. Je nachdem, wie viele Exemplare sie davon verkaufen könnte, bedeutete das, dass der Druck dieses Buches sie für einen weiteren Monat über die Runden brächte. Damit stünde der Verkauf der Presse nicht mehr sofort an. Sie spürte, wie Hoffnung in ihr aufkeimte.

Sie wollte sich gerade bei ihm erkundigen, wie viele Exemplare er drucken lassen wollte, als ihr etwas ins Auge stach. Die Handschrift auf den Seiten war sehr regelmäßig und sauber. Es waren kaum Tintenflecken zu sehen. Der Mann vor ihr musste daher sehr akribisch arbeiten, ganz im Gegensatz zu so manch einem Kanzleischreiber, dessen Schrift sie manchmal verzweifeln ließ. Der gute Zustand des Manuskriptes war allerdings nicht das, was sie stutzen ließ. Ganz im Gegenteil. Es war der Umstand, dass sie kein einziges Wort verstehen konnte.

»Welche Sprache ist das?«, fragte sie langsam. Lateinisch, Italienisch und Französisch hätte sie erkannt. Die Buchstaben in dem Manuskript waren ihr auch vertraut. Insofern würde sie das Buch drucken können. Aber die Wörter ergaben für sie keinen Sinn. Die Sprache war ihr gänzlich unbekannt.

»Das ist Windisch«, antwortete er knapp. Als er allerdings sah, dass Magdalena ihn immer noch fragend ansah, fügte er hinzu: »Das ist die Sprache in meiner Heimat, im Südosten des Reiches. Im Herzogtum Krain. Und was Ihr gerade in Euren Händen haltet, ist ein Schulbuch.«

»Aber da hier keiner diese Sprache spricht, kann ich auch kein Exemplar davon verkaufen, selbst wenn Ihr mir einen Zuschuss zu den Kosten gebt«, entgegnete sie enttäuscht. »Es könnte sogar einen Verlust für mich bedeuten.« Im Gegensatz zu den Aufträgen einer Institution, wie zum Beispiel der württembergischen Regierung, die ihr alle Exemplare abkaufte, waren die Aufträge von Autoren immer mit einem Risiko verbunden. Zwar trugen diese meist auch einen Teil der Druckkosten, aber eben nur einen Teil, und in ihrer momentanen Lage konnte sie sich ein Verlustgeschäft unter gar keinen Umständen leisten. Noch dazu besaß sie außer dem Empfehlungsschreiben keine weitere Sicherheit. Der Mann kam nicht von hier, hatte wahrscheinlich auch keine Verwandten im Land und somit keinen Bürgen, der ihr den Schaden ersetzte, wenn er sie nicht bezahlen und auf den Kosten sitzen lassen würde. Und ob Vergerius dann für diese aufkäme, war fraglich.

Der Fremde lächelte kurz, wurde dann aber schnell wieder ernst. »Ein Verlust wird es für Euch nicht«, sagte er und griff an seinen Gürtel, von dem er ein kleines, aber prall gefülltes Säckchen abmachte. Er reichte es ihr, und sie schaute hinein. Es waren alles württembergische Münzen. Damit müsste sie in Reutlingen noch nicht einmal in eine Wechselstube gehen. Sie schätzte, dass sie mit diesem Geld sogar bis zum Christfest in Reutlingen ausharren konnten. Doch bevor sie die Münzen genau abzählen konnte, nahm der Pfarrer ihr das Beutelchen wieder weg.

»Falls wir uns einig werden, gebe ich Euch die Münzen bei Fertigstellung des Schulbuches, und Ihr gebt mir im Gegenzug alle Exemplare.«

Doch damit gab sich Magdalena nicht zufrieden. »Wenn wir uns einig werden, dann werdet Ihr mir eine ordentliche Anzahlung geben. Immerhin werde ich in den nächsten Wochen schon einige Ausgaben für Euer Buch tätigen müssen. Unsere Papiervorräte sind aufgebraucht, und neue Druckfarbe benötigen wir auch.« Das stimmte zwar nicht ganz, sie hatten noch einige Dutzend Bogen übrig, aber sie wollte eine Sicherheit haben. Für den Fall, dass der Fremde sie schließlich mit den unverkäuflichen Büchern sitzen ließe.

Nach einigem Zögern willigte er ein und brummte: »Das ist nur … wie sagt man im Deutschen noch einmal … recht und billig.« Er begann, einige Batzen abzuzählen und sie auf den Verkaufstisch zu legen.

»Da wir mit der Sprache nicht vertraut sind, wird die Korrektur der einzelnen Bogen länger dauern. Schließlich müssen wir Buchstabe für Buchstabe abgleichen. Ich vermute, dass wir daher in gut zwei Monaten die ersten Exemplare fertiggestellt haben werden.«

Der Fremde hielt inne. »Nein. Das muss schneller gehen. In einem Monat muss ich spätestens abreisen.« Er ließ die Münze, die er gerade in der Hand hatte, zurück in den Beutel fallen und machte Anstalten, das bereits abgezählte Geld ebenfalls wieder an sich zu nehmen.

Aus einem Impuls heraus packte Magdalena ihn am Arm. Für einen Moment glaubte sie, dass er seinen Arm wegziehen würde und sie ihn gänzlich vergrämt hatte, doch er hielt inne und blickte dann langsam auf. Magdalenas Gedanken überschlugen sich, während sie nach einer Lösung suchte. Sie müsste bald auf die Frankfurter Messe reisen. Dann wären ihre Kinder hier in der Druckerei allein und auf sich selbst gestellt. Könnten sie den Druck so schnell ohne sie herstellen? »Wir könnten …«, begann sie gedehnt, während sie verschiedene Möglichkeiten blitzschnell in ihrem Kopf durchspielte. Sie räusperte sich, um mehr Zeit zu gewinnen. »Wir könnten einen anderen Auftrag eventuell nach hinten verschieben und Euren bevorzugt behandeln.« Sie sah in seinen Augen, dass er noch nicht entschieden hatte, ihr den Auftrag zu entziehen. Eine Möglichkeit gab es noch. Nur wusste Magdalena noch nicht, wie sie sie nutzen konnte.

»Könnt Ihr mir dann die Fertigstellung in einem Monat garantieren?«, fragte er.

Magdalena presste die Lippen aufeinander. »Das Problem mit der Korrektur bleibt. Wir haben niemanden, der diese Sprache spricht. Es sei denn, Ihr kennt jemanden?« Sie hob die Augenbrauen und sah ihn an.

Der Pfarrer musterte sie und überlegte. Vielleicht kannte er tatsächlich jemanden?

»Ich werde selbst kommen und Korrektur lesen.«

Damit hatte Magdalena nicht gerechnet. Hatte er keine anderen Verpflichtungen oder Aufgaben auf seiner Reise? »Nun, Ihr müsstet jeden Tag kommen. Nur dann schaffen wir es innerhalb eines Monats. Könnt Ihr mir dies denn zusagen, habt Ihr die Zeit dazu?«

Der Fremde zögerte. Er schaute auf seinen Geldbeutel, den er noch nicht ganz zugeschnürt hatte. Dann sprach er einige unverständliche Worte. Wahrscheinlich dachte er laut in seiner Muttersprache nach. Magdalena wartete gespannt auf seine Antwort. Sie selbst freundete sich langsam mit dem Gedanken an, dass er die Korrektur persönlich übernehmen würde. Denn wenn er jeden Tag käme, hätte sie eine zusätzliche Garantie, dass er es mit dem Auftrag ernst meinte und sie am Schluss keinen Verlust machen würde.

Letztendlich schluckte er und stimmte zu. »Es passt mir eigentlich nicht. Aber ich werde es einrichten.« Magdalena nickte zufrieden. »Auf diese Weise«, fügte er noch hinzu, »kann ich auch überprüfen, dass Ihr keine Zeit für andere Dinge verschwendet und Euer Wort haltet.« Magdalena überging diese Spitze seinerseits und streckte ihm die Hand hin. Er nahm sie, und sie beschlossen ihr Geschäft per Handschlag.

Kapitel 5

Nachdem der Pfarrer die Druckerei verlassen hatte, nahm Magdalena sein Manuskript noch einmal zur Hand. Sie blätterte es langsam durch. Dabei sah sie kein einziges ihr bekanntes Wort. Noch nicht einmal eine Überschrift auf Latein oder eine kleine Glosse. Sie schüttelte langsam den Kopf, ordnete die Seiten wieder und ging in den Hof hinaus zu Georg und Magda. Ihr Sohn hatte schon bemerkt, dass Magdalena Besuch bekommen hatte, und sah seine Mutter nun fragend an.

»Wer war das? Gibt es gute Neuigkeiten?« Den Gesichtsausdruck seiner Mutter wusste er nicht zu deuten. Dann sah er das Manuskript in ihrer Hand. »Ein neuer Auftrag?«

»Ja, aber ein seltsamer.« Sie gab ihm das Buch und erzählte ihm von dem Fremden und seinem Auftreten. Georg öffnete das Manuskript langsam. »Was ist es denn für ein Buch?« Er fuhr mit dem Finger über einige Zeilen.

Sie setzte sich neben ihn auf die Bank. »Er sagt, es sei ein Schulbuch.« Georg sah kurz auf. »Woher sollen wir das wissen, wenn wir die Sprache nicht kennen?«

»Das wird schon seine Richtigkeit haben. Er hat mir ein Empfehlungsschreiben von Doktor Vergerius gezeigt.« Sie sah, dass Georg weiterhin Zweifel hatte. Er dachte wahrscheinlich an das Gleiche wie sie kurz zuvor, nämlich an die Konfiszierung der übersetzten Kirchenordnung im letzten Jahr. Für deren Druck hatten sie damals keine Erlaubnis vonseiten der Regierung gehabt, woraufhin diese die gesamte Auflage nicht nur beschlagnahmt, sondern auch noch eine hohe Geldstrafe für die Morharts verhängt hatte. Es war ein herber Schlag für die Druckerei gewesen. Aber diesmal waren sie auf der sicheren Seite. Schließlich hatten sie das Empfehlungsschreiben von Doktor Vergerius.

»Die einzige Schwierigkeit wird sein, dass ich während der Abwicklung des Auftrags die meiste Zeit nicht hier sein werde. Aber ich hoffe, dass wir in den ersten Tagen so gut mit dem Pfarrer zusammenarbeiten, dass auch danach alle Arbeitsschritte reibungslos verrichtet werden können.«

Als Oswald sich nun zu ihnen gesellte und von dem windischen Manuskript erfuhr, meldete auch er Zweifel an. »Natürlich würde ich mir wünschen, dass wir endlich wieder einen einträglichen Auftrag haben. Aber was ist, wenn dieser Mann, der Euch nicht einmal seinen Namen nennen wollte, mit gezinkten Karten spielt? Können wir ihm vertrauen? Und können wir dem Empfehlungsschreiben Glauben schenken? Habt Ihr es Euch genau angesehen? Vielleicht ist es gefälscht.«

Sie warf ihm einen durchdringenden Blick zu. »Natürlich habe ich es mir genau angesehen. Ich habe schließlich schon einige schlechte Erfahrungen mit Schreiben gemacht, die unter falschen Namen verfasst worden sind.« Magdalenas letzter Satz war gegen Georg gerichtet. Er verzog das Gesicht, hatte er doch damals hinter ihrem Rücken in ihrem Namen ein Gesuch bei der Universität eingereicht, um zu verhindern, dass sich in Tübingen ein zweiter Drucker niederließ. Doch ließen sich die beiden Fälle schlecht miteinander vergleichen, fand Georg, denn er hatte schließlich nicht die Handschrift seiner Mutter gefälscht. Trotzdem verkniff er sich jede Erwiderung.

»Ich glaube ihm. Er hat auch schon eine stattliche Anzahlung geleistet. Wenn wir seinen Auftrag ausführen, werden wir die Presse außerdem nicht verkaufen müssen, sondern können fürs Erste die Druckerei weiterbetreiben. Ist das nicht genau das, was ihr wolltet?«

Verlegen sahen ihre beiden Söhne daraufhin zu Boden. Jetzt haben wir endlich einen großen Auftrag, und ihr seid immer noch nicht zufrieden, dachte Magdalena bei sich. Versöhnlich meinte sie dann: »Wenn wir mit dem Auftrag fertig sind, wird es vielleicht schon wieder bessere Nachrichten aus Tübingen geben. Sobald sicher ist, dass die Pest dort nicht mehr grassiert, werden wir wieder zurückkehren.« Ihre Söhne wirkten immer noch nicht überzeugt, hatten aber keine weiteren Argumente und ließen es vorerst dabei bewenden.

Kapitel 6

Am nächsten Morgen begann Georg mit dem Setzen der seltsamen Schrift. Da ihm zwar die einzelnen lateinischen Buchstaben vertraut, aber die Wörter insgesamt alle unbekannt waren, brauchte er dafür deutlich länger als sonst. Normalerweise entwickelte er beim Setzen eines Textes schnell Routine, sodass man das regelmäßige leise Klicken der metallenen Lettern auf dem Winkelhaken hören konnte. Aber heute war das Geräusch nur in großen Abständen zu vernehmen.

Magdalena warf ihm immer wieder verstohlene Blicke zu und sah, wie er von Mal zu Mal eine Seite des Manuskripts in die Hand nahm und mit zusammengekniffenen Brauen die Schriftzeichen darauf betrachtete. Magdalena hatte eigentlich gehofft, dass er nach einigen Anfangsschwierigkeiten in einen guten, wenn auch etwas langsameren Rhythmus finden würde. Aber Georg kam immer wieder ins Stocken. Dabei war Magdalena nicht sicher, ob es tatsächlich nur daran lag, dass er Mühe mit den fremden Wörtern hatte oder ob sich in ihm auch ein gewisser Widerwillen gebildet hatte. Seit ihrem Gespräch gestern Abend spürte Magdalena, dass ihren beiden Söhnen der Auftrag nicht geheuer war. Sie hatten nach dem Gespräch mit ihrer Mutter noch lange leise miteinander im Hof gesprochen. Auch beim Morgenmahl waren die zwei sehr wortkarg gewesen. Magda hatte zwar versucht, die Stimmung aufzuheitern, war damit aber kläglich gescheitert.

Am späten Vormittag kam der Fremde, wie verabredet, wieder in die Druckerei. Er nickte Magdalena kurz zu und schaute direkt über die Presse auf die dort gespannte Leine, an der schon ein Exemplar des ersten Bogens hängen sollte. Doch dort war keins. Überrascht und ein wenig verärgert fragte er Magdalena, wieso sie mit dem ersten Bogen noch nicht fertig wären.

»Mein Herr, wir kennen Eure Sprache nicht, und daher dauert es etwas länger. Wir müssen uns erst in sie einfinden, aber wir werden Euch den ersten Bogen noch vor dem Mittagsmahl geben können. Bitte setzt Euch doch. Darf ich Euch in der Zwischenzeit eine Erfrischung anbieten?«

Er brummte etwas Unverständliches, das Magdalena als Zustimmung deutete. Schnell holte sie eine Karaffe Wein und goss ihm einen Becher ein. Unwirsch nahm er den Becher entgegen, setzte sich auf den Schemel und starrte wortlos auf den Boden.

Magdalena war darum bemüht, ihren Gast bei Laune zu halten. »Ich hoffe, Ihr habt eine gute Herberge in der Nähe finden können?«

»Ja«, antwortete er kurz angebunden. Dann fügte er noch widerwillig hinzu: »Im Schwan.« Sie kannte die Herberge in der Nähe der Stadtmauer. Es handelte sich dabei um eine recht einfache Unterkunft, von der gesagt wurde, dass sie bald schließen müsste. Kaufleute, vor allem die Tuchhändler von außerhalb, machten seit Langem einen großen Bogen um den Schwan und nächtigten eher in einer der besseren Herbergen in der Nähe des Marktplatzes. Die miserablen Speisen im Schwan waren ein weiterer Grund, dort nicht einzukehren. Böse Zungen behaupteten sogar, dass dort mit Rattenfleisch gekocht würde.

Einem plötzlichen Impuls folgend, sagte Magdalena deshalb: »Falls Ihr möchtet, könnt Ihr auch gerne mit uns speisen.« Er warf ihr einen fragenden Blick zu. Schnell fügte sie noch erklärend hinzu: »Nur damit Ihr nicht Eure Arbeit unterbrechen müsst. Ihr seid an unserem Tisch immer willkommen«, denn sie wollte ihm keinesfalls das Gefühl geben, ihn als arm einzustufen, weil er in solch einer Unterkunft nächtigte.

Sie beschloss, die Unterhaltung weiterzuführen, auch wenn er ihr nicht antwortete, und gab ihrem Gast ein paar Ratschläge, wo man sich zum Beispiel am besten ein Fuhrwerk leihen konnte, welche Apotheke zu bevorzugen sei und welche Boten am schnellsten Briefe und Nachrichten überbrachten. Er schien nur halbherzig an dem interessiert zu sein, was sie ihm erzählte, horchte jedoch beim letzten Punkt auf. Daher führte Magdalena noch weiter aus, was sie über die städtischen Boten wusste. Er stellte ihr jedoch keine Fragen, und nach einer Weile versank er wieder in Gedanken.

Schließlich hörte sie, wie Georg den Satz in die Presse legte und seinen Bruder von draußen hereinrief, damit er die Presse bediente. Magdalena erhob sich, ging zu ihren Söhnen, nahm sich die Druckballen, färbte den Satz ein und klemmte das Papier in den Rahmen. Georg widmete sich bereits dem Setzen der nächsten Seite. Oswald zog den Bengel, und kurz danach hielt Magdalena den fertigen Bogen in der Hand. Sie hing ihn zum Trocknen auf und gesellte sich wieder zu ihrem Gast, der schon ungeduldig mit den Fingern auf seinen Oberschenkel klopfte.

Nach kurzer Zeit stand er auf, ging zu der Leine und nahm den Bogen herunter.

»Aber die Farbe ist noch nicht getrocknet«, protestierte Magdalena.

»Ich habe heute aber noch einiges zu tun«, erwiderte er und begann den Bogen hin und her zu schwenken. Dass er wusste, wie er den Trocknungsprozess beschleunigen konnte, zeigte Magdalena, dass er schon einmal in einer Druckerei gewesen sein und beim Drucken zugesehen oder aber sogar in einer gearbeitet haben musste. Denn beileibe nicht jeder Autor war mit den Abläufen in der Druckerei so vertraut.