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Ein glänzend geschriebener und recherchierter und hochspannender historischer Roman über die erste erfolgreiche Buchdruckerin Deutschlands von der promovierten Historikerin Sophia Langner Tübingen 1554: Als Ulrich Morhart, der einzige Buchdrucker Württembergs, überraschend stirbt, geht die Druckerei an seine Frau Magdalena und seinen Sohn Ulrich über – und für Magdalena beginnt eine harte Zeit. Sie hat zwar bereits seit Jahren in der Werkstatt mitgeholfen und sogar das Zeichen der Druckerei entworfen, doch stößt sie plötzlich bei den Arbeitern auf Widerstand: Sie sehen eher ihren Stiefsohn Ulrich als ihren neuen Herrn an und können eine Frau als Vorgesetzte nicht akzeptieren. Doch als sich ihr Stiefsohn als unfähig erweist und den Betrieb fast zugrunde richtet, trifft Magdalena eine folgenschwere Entscheidung: Sie übernimmt die alleinige Leitung der Buchdruckerei. Von nun an hat sie nicht nur ihren Stiefsohn gegen sich, sondern auch die Bürger der Stadt, denn eine Frau als Herrin einer Buchdruckerei verstößt gegen die göttliche Ordnung! In den unruhigen Zeiten der Reformation muss Magdalena bald nicht nur um ihr Ansehen, sondern um ihre Existenz kämpfen …
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Seitenzahl: 680
Veröffentlichungsjahr: 2019
Sophia Langner
Historischer Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Tübingen 1554:
Als Ulrich Morhart, der einzige Buchdrucker Württembergs, überraschend stirbt, geht die Druckerei an seine Frau Magdalena und seinen Sohn Ulrich über – und für Magdalena beginnt eine harte Zeit. Sie hat zwar bereits seit Jahren in der Werkstatt mitgeholfen und sogar das Zeichen der Druckerei entworfen, doch stößt sie plötzlich bei den Gehilfen auf Widerstand: Sie sehen eher ihren Stiefsohn Ulrich als ihren neuen Meister an und können eine Frau als Herrin nicht akzeptieren.
Doch als sich ihr Stiefsohn als unfähig erweist und den Betrieb fast zugrunde richtet, trifft Magdalena eine folgenschwere Entscheidung: Sie übernimmt die alleinige Leitung der Druckerei. Von nun an hat sie nicht nur ihren Stiefsohn gegen sich, sondern auch viele Einwohner der Stadt, denn eine Frau als Herrin einer Buchdruckerei verstößt gegen die göttliche Ordnung! In den unruhigen Zeiten der Reformation muss Magdalena bald nicht nur um ihr Ansehen, sondern um ihre Existenz kämpfen …
Personenverzeichnis
Prolog
Die Buchdruckerin
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Gefährliche Gerüchte
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Die Pest
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Epilog
Nachwort
Historischer Hintergrund
Glossar
Weiterführende Literatur
(Historische Persönlichkeiten sind mit einem Sternchen versehen.)
Magdalena Morhart*, geborene Breuning
Ulrich Morharts Ehefrau und spätere Witwe
Jakob Gruppenbach*
Magdalenas erster Ehemann, der Stadtschreiber in Dornstetten
Ulrich Morhart*
Magdalenas zweiter Ehemann, Buchdrucker in Tübingen
Ulrich Morhart der Jüngere*
Ulrichs Sohn aus einer früheren Ehe
Oswald*, Jakob*, Georg*, Moritz*, Magda*
Magdalenas Kinder
Leonhart Fuchs*
Professor an der Universität Tübingen und ebenfalls Rektor 1554/1555
Nikodemus
Professor an der Universität Tübingen
Kaspar Beer*
Jurist an der Universität Tübingen
Franz Kurtz*
Kammersekretär von Herzog Christoph von Württemberg
Eberhard
Pedell der Universität Tübingen
Anna
Tochter des Papierers in Urach
Katharina Morhart*, geborene Kuhn
Ehefrau von Ulrich Morhart dem Jüngeren
Anna*, Johann*
Kinder von Katharina Kuhn und Ulrich dem Jüngeren
Katharina »Käthe« Vogler*
Magdalenas Schwester
Jakob Vogler*
Ehemann von Katharina Vogler
Es war ein ungewöhnlich kalter Tag im Januar 1554, an dem Franz nach Tübingen ritt. Die Reise von Stuttgart dauerte zwar nur einen Morgen, doch es war so eisig, dass der Reiter sein Pferd unbarmherzig antrieb, um die Stadt in kürzester Zeit zu erreichen und endlich in die Wärme zu gelangen. Vor dem Kammersekretär des Herzogs von Württemberg tauchten nun die beiden mächtigen, parallel zueinander verlaufenden Mauerringe der Universitätsstadt auf, hinter denen die Türme und Dächer der größeren Gebäude emporragten. Und über allem thronte die Festung Hohentübingen, die Residenz der Herzöge des Landes. Ein großes, eindrucksvolles Schloss, das jedem Betrachter die Stärke des Hauses Württemberg verdeutlichen sollte. Franz merkte, wie er seinen Mund vor Anspannung verzog.
Wenn die Leute wüssten, wie schlecht es in Wirklichkeit um das Haus Württemberg bestellt ist … ihnen würden die Haare zu Berge stehen, dachte er bei sich. Tatsächlich wuchs die Spannung im Reich zwischen den Katholiken und Evangelischen täglich, und einige katholische Herrscher wurden zunehmend ungeduldig mit der Politik des Kaisers. Wenn es zu einem Angriff kommt, wer weiß, wie lange das Haus Württemberg überhaupt noch dieses Schloss sein Eigen nennen kann. Unwillkürlich schüttelte Franz den Kopf. Er musste alles dafür tun, damit es gar nicht erst zu einem Angriff kam. Entschieden trieb er sein Pferd an und hielt auf den äußeren Mauerring zu.
Als er durch das Lustnauer Tor ritt, setzte ein scharfer Wind ein, der ihn an den ähnlich kalten Wintertag vor mehr als drei Jahren erinnerte, an dem er anlässlich der Beisetzung des alten Herzogs Ulrich die Stadt besucht hatte. Wie viel sich seitdem doch geändert hatte! Damals war Franz noch einer von mehreren Kanzleisekretären gewesen und durfte nicht wie die höheren Beamten in den Sitzreihen der Stiftskirche Platz nehmen, sondern musste während der langen Trauerfeier still und regungslos hinter den Holzbänken stehen. Doch das hatte ihn an diesem grauen Novembertag nicht im Geringsten gestört. Ganz im Gegenteil. Er hatte lange auf diesen Tag hingearbeitet. Endlich würde das geschehen, wofür er sich zunächst als einfacher Kanzleischreiber und später als Sekretär jahrelang gemüht hatte. Und kurz darauf war es wirklich so weit gewesen – der neue Herzog Christoph hatte ihn zum Kammersekretär ernannt und ihn somit zu einem der wichtigsten Beamten der württembergischen Regierung gemacht. Damit oblag ihm die Leitung der Hofkanzlei, und er war der Referent für viele wichtige Beamte. Nun konnte er endlich selbst dafür Sorge tragen, dass dem Herzogtum bessere Zeiten beschert wurden – Zeiten, in denen man nicht täglich darum fürchten musste, dass das Land von einer fremden, katholischen Macht erobert werden würde.
Endlich war er an seinem Ziel, dem mehrstöckigen Nonnenhaus direkt am Ammerkanal, angekommen. Es war ein imposantes Haus, das einst den Beginen als Kloster gedient hatte und dann im Zuge des neuen Glaubens zum Wohnhaus des Universitätsrektors umgestaltet worden war. Franz stieg vom Pferd, nahm seine schwere Satteltasche und übergab die Zügel einem Bediensteten des Hauses. Der junge Bursche schenkte dem Fremdling keine besondere Beachtung, denn er hielt ihn, dank seiner wohlbedachten Verkleidung, für einen ganz gewöhnlichen, reisenden Boten, der seinem Herrn neue Kunde brachte. Erst nachdem Franz sichergestellt hatte, dass der Knecht seinem Pferd ausreichend Hafer gab, ging er die Stufen zum Haus empor, wo ihn bereits der wohlige Duft von trocknenden Kräutern umfing. Seitdem Medizinprofessor Fuchs nach Tübingen berufen worden war, hatte er sich einen Namen damit gemacht, dass er verschiedenste Pflanzen als Arznei verwendete. Einige seiner Kollegen, die diese Heilmethode zutiefst ablehnten, hatten sich vehement gegen seine Wahl zum Rektor gewehrt. Doch Professor Fuchs hatte dennoch eine knappe, aber ausreichende Mehrheit erzielen können.
Als Franz in das Studierzimmer des Rektors trat, sah er, dass dieser seit ihrem letzten Zusammentreffen deutlich gealtert war. Sein volles Haar, welches er bis zum Ohr trug, war nun fast gänzlich ergraut, ebenso sein kräftiger Bart, der nur noch hie und da das einstige helle Braun erkennen ließ. Trotz seines Alters erhob sich der Professor sofort von seinem Stuhl vor der Feuerstelle und begrüßte seinen unerwarteten Gast standesgemäß. Im Gegensatz zu den vielen Menschen, denen Franz auf seiner Reise heute begegnet war, ließ er sich auch nicht lange von seinem dunklen Umhang und dem herkömmlichen Hut täuschen. Ein Blick auf die kostbare Ledertasche, die wachen Augen und die stolze Haltung seines Gastes genügte, um ihn zu erkennen.
»Seid gegrüßt«, sagte Professor Fuchs, während er Franz seine Hand reichte. Der war überrascht, wie fest der Händedruck des alten Herrn noch immer war. »Was führt Euch an diesem grauen Tag nach Tübingen? Noch dazu in dieser Verkleidung? Aber bitte setzt Euch erst einmal hier ans Feuer und wärmt Euch. Nach Eurer langen Reise von Stuttgart hierher seid Ihr sicher durstig. Ich werde meiner Magd auftragen, Euch umgehend etwas zu trinken zu bringen.«
Erleichtert ließ sich Franz auf dem ihm angebotenen Stuhl nieder und streckte seine Beine aus. Obwohl der Stuhl deutlich unbequemer war als die Stühle in der Kanzlei, fühlte sich Franz nach dem langen Ritt, als hätte er auf einem weichen Kissen Platz genommen. Die Wärme des Feuers tat seinen müden, schmerzenden Gliedern gut, und er bemerkte, wie ihn die Müdigkeit überkam. Abrupt richtete er sich auf. Er konnte es sich nicht erlauben, in diesem so wichtigen Moment unkonzentriert zu sein.
Als er den angebotenen Trunk in den Händen hielt, kam Franz daher auch sofort auf den Anlass seines Besuches zu sprechen. »Es gibt ein weiteres Gesetzbuch von Herzog Christoph«, sagte er mit gedämpfter Stimme an den Professor gewandt. Franz hatte über die Jahre hinweg gelernt, über wichtige Themen stets nur im Flüsterton zu sprechen. Vor allem in der Kanzlei war man nie sicher und musste unter allen Umständen vermeiden, dass man insgeheim belauscht und die dabei erbeuteten Informationen umgehend nach außen getragen wurden. Gerade in so unsicheren Zeiten wie diesen war Verschwiegenheit eine unschätzbare Tugend.
»Ein weiteres Gesetzbuch? Und zudem ein wichtiges, wenn Ihr Euch persönlich damit auf den Weg gemacht habt«, stellte Professor Fuchs fest, allerdings ohne seine Stimme zu senken, wofür er sogleich einen vorwurfsvollen Blick seines Gegenübers erntete. Fuchs senkte augenblicklich seine Stimme, er schien die Befürchtung seines Gastes, dass es auch in seinem Haus Lauscher geben könnte, zu verstehen.
»Da Ihr recht überraschend gekommen seid, gebt mir einen Augenblick, um eine Unterredung mit meinen Studenten zu verschieben, die gleich stattfinden soll«, sagte er entschuldigend und erhob sich.
Die Hand des Professors lag schon auf dem Türriegel, da drehte er sich noch einmal um und sagte nachdenklich: »Ein weiteres Gesetzbuch. Damit hätte Herzog Christoph in den drei Jahren seiner Regierungszeit schon fast so viele Gesetze erlassen wie sein Vater Ulrich in seinem ganzen Leben.« Nach diesen Worten wartete er keine Antwort mehr ab, sondern verließ den Raum.
Herzog Ulrich, dachte Franz verächtlich, als er alleine zurückblieb, was hat er diesem Land nicht alles angetan! Schon zu Beginn seiner Herrschaft war es offensichtlich gewesen, dass er nicht zum Regieren taugte. Kaum war er an die Macht gekommen, hatte er jeden Heller aus dem Volk herausgepresst, und das nur, um rauschende Feste zu feiern. Doch als sich das gebeutelte Volk friedlich erhob, um sich gegen noch höhere Steuern zur Wehr zu setzen, ließ der Herzog diesen Aufstand blutig niederschlagen. Hunderte wurden damals gefoltert und grausam getötet, selbst hochrangige Persönlichkeiten, die es gewagt hatten, mit dem Volk zu sympathisieren und den Armen und Schwachen Schutz zu gewähren. Württemberg hatte jahrelang unter diesem Herrscher zu leiden gehabt, bis sich schließlich – durch eine glückliche Fügung – so viel Widerstand gegen ihn gebildet hatte, dass der Herzog von seiner eigenen Regierung verbannt worden war.
Doch die Hoffnung, dass nun endlich wieder Frieden herrschen würde, hatte sich schon bald darauf in Luft aufgelöst. Die darauffolgende Herrschaft der Habsburger Statthalter stellte nur eine geringfügige Verbesserung dar, denn sie brachte andere große Nachteile mit sich. Damals hatte Martin Luther mit seinen zahlreichen Pamphleten und Drucken auf die furchtbaren Zustände in der Kirche aufmerksam gemacht und damit vielen Württembergern aus der Seele gesprochen. Auch sie wollten sich endlich aus der Unterdrückung durch den Klerus befreien. Doch die neuen Herrscher standen aufseiten des Papstes und zogen daher hart gegen jeden Anhänger der neuen Lehre zu Gericht. Abermals wurden Menschen gefoltert und getötet, und die Habsburger unterbanden mit drakonischen Strafen, dass die neue Religion gelehrt oder gar über sie gesprochen wurde.
Gleichzeitig bemühte sich der verbannte Herzog nach Kräften, sein Territorium wiederzuerlangen. Er ließ Zettel drucken, auf denen er seinem Volk versprach, sich als ehrenwerter und würdiger Landesfürst zu erweisen, ließe dieses ihn nur zurückkehren. Im Exil verbrachte er viel Zeit mit evangelischen Beratern und ließ sich über die neue Bewegung unterrichten. Und als der habsburgische Statthalter Württembergs dann in Ungarn weilte, nutzte der Herzog diese Gelegenheit geschickt, um sein Land zurückzuerobern.
Allerdings löste er seine zuvor an die Bevölkerung gegebenen Versprechen nicht ein. Zwar führte er, wie angekündigt, den neuen Glauben ein, doch tat er dies viel zu rigoros: Er ließ umgehend alle Bilder aus den Kirchen entfernen, die bunten Wände und Säulen weiß waschen und alles Gold und Silber darin einschmelzen. Er löste fast alle Klöster auf, zum Teil sogar mit Gewalt, und zwang die vielen Mönche und Nonnen, die bisher abgeschieden von der Welt gelebt hatten, sich dem neuen Glauben zu unterwerfen. Dieses strikte Vorgehen erboste selbst die Anhänger Luthers. Doch der Herzog ließ sich nicht erbarmen und forderte die Bevölkerung auf, ihm auch ihre privaten Andachtsgegenstände wie Heiligenspiegel und Amulette auszuhändigen.
Auch war ihm das Regieren immer noch fremd, und schon bald litt das Herzogtum wieder unter seiner Unberechenbarkeit. Als die Kosten für den Umbau der Kanzlei in Stuttgart seiner Meinung nach zu hoch wurden – obwohl sie sich immer noch im Rahmen hielten –, ließ er den Verantwortlichen für den Bau einsperren und so lange foltern, bis er starb. Wochenlang empfing er keinen seiner Berater, wodurch wichtige Regierungsgeschäfte verzögert wurden. Wenn er sich dann endlich einmal dazu bequemte, die Meinung seiner Berater zu hören, nahm er zu keinem ihrer Bedenken Stellung, sondern schwieg so lange, bis sie ratlos wieder gingen.
Und das, obwohl sich die evangelischen Fürsten, zu denen Ulrich mittlerweile gehörte, ihrer Stellung im Reich durchaus nicht sicher sein konnten. Kaum einer wusste, ob die neue Religion Bestand haben würde, und die Württemberger mussten jederzeit damit rechnen, von den großen katholischen Mächten im Süden des Reiches, allen voran den Wittelsbachern in Bayern und den Habsburgern in Österreich, eingenommen zu werden.
Doch obwohl sich die Lage immer mehr zuspitzte und der Kaiser, der nach einem Sieg über die evangelischen Fürsten verfügt hatte, dass sich Württemberg wieder dem katholischen Glauben unterordnete, und dies auch mittels eigens entsandter Soldaten kontrollierte, blieb ein solcher Angriff aus. Stattdessen starb der Herzog überraschend und hinterließ sein Land seinem Sohn Christoph. Ein Umstand, der sich als wahrer Segen erwiesen hat, dachte Franz. Denn der neue Landesfürst zeigte bereits kurz nach seinem Amtsantritt, wie man in solch einer politisch schwierigen Lage regieren musste. Statt den Konfrontationskurs seines Vaters fortzuführen, setzte er auf die Versöhnung der beiden Glaubensrichtungen. Dazu ließ er ein besonderes Schriftstück erstellen, die Confessio, in dem er auf die gemeinsamen Tugenden von Katholiken und Evangelischen, Glaube, Hoffnung, Liebe, verwies – ein Gesprächsangebot an die Gegenseite. Nachdem er dann auch noch das Ende des Interims und damit den Abzug der kaiserlichen Truppen herbeigeführt hatte, erließ Christoph eine Vielzahl von Ordnungen und Gesetzen und baute die evangelische Kirche Stück für Stück in Württemberg auf.
Trotzdem bleibt noch einiges zu tun, damit Württemberg endlich wieder sicher ist und der Friede lange anhält. Franz sah auf seine lederne Satteltasche hinab, die er neben seinen Stuhl gestellt hatte. Er wusste, dass dem sich darin befindlichen geheimen Schriftstück hierbei eine große Rolle zukam. Daher hatte er auch selbst den Weg nach Tübingen angetreten, damit die Schrift unterwegs auf keinen Fall in die falschen Hände geriete. Niemand durfte wissen, dass der Herzog eine entscheidende Reform plante, die nicht wenige Adelige ihrer Sonderrechte berauben würde. Denn sollten diese vorzeitig von der Publikation erfahren, bliebe ihnen möglicherweise noch genug Zeit, die Einführung des neuen Gesetzbuches zu verhindern. Das durfte unter keinen Umständen geschehen!
Inzwischen war Rektor Fuchs zurückgekommen und hatte sich wieder neben Franz vor das Feuer gesetzt. Neugierig fragte er: »Was ist nun so dringlich, dass Ihr persönlich zu mir gekommen seid?«
»Hier drin«, Franz legte seine linke Hand auf die lederne Tasche, »befindet sich ein erster Entwurf des neuen Landrechts.«
Sein Gegenüber zog überrascht die buschigen Brauen hoch. »Ich dachte, die Vereinheitlichung des Rechts in Württemberg sei ein Ding der Unmöglichkeit?«, brummte der Professor und musterte seinen Gast skeptisch.
Doch Franz verzog seine Mundwinkel zu einem kurzen Lächeln. »Das dachten wir in der Kanzlei bis zuletzt auch. Jede Stadt und jedes Amt pocht auf sein eigenes althergebrachtes Recht und will – besonders in Erbfällen – genauso verfahren, wie es das bisher getan hat. Selbst wenn diese Gesetze bislang niemals niedergeschrieben wurden.« Er schüttelte den Kopf und schnaubte verächtlich. Schon als junger Student hatte Franz sich über diese eigenwillige Rechtsauslegung in seiner Heimat geärgert.
In der warmen Schreibstube des Professors schüttelte Franz erneut den Kopf, als könne er damit die Vergangenheit vertreiben. »Diese Willkür hat nun ein Ende. Die vielen Verhandlungen und Abstimmungen und die jahrelange Arbeit haben sich endlich ausgezahlt. Württemberg wird als eines der ersten Herzogtümer ein einheitliches Recht bekommen und damit zum Vorbild für die Städte und Territorien im gesamten Reich werden. Das wird unserem Herzogtum endlich die gewünschte starke Position verleihen.«
Zufrieden sah er zu seinem Gastgeber hinüber. Der Rektor lehnte sich in seinem Stuhl zurück, um sich das Gesagte durch den Kopf gehen zu lassen. Geistesabwesend spielte er mit der schweren Kette, die ihm als Oberhaupt der Universität verliehen worden war. Für Franz war es ein Leichtes zu erraten, woran der Professor dachte. Die vielen Vorzüge für das Herzogtum lagen schließlich auf der Hand. Aber Fuchs würde sich sicherlich auch vorstellen können, dass die Einführung dieser neuen Reform auf Widerstand stoßen würde.
Der Kammersekretär ließ dem Professor eine Weile Zeit, sich das Gesagte durch den Kopf gehen zu lassen. Dann fuhr er fort: »Der Herzog befiehlt, diesen ersten Entwurf in fünfzig Exemplaren drucken zu lassen, die er seinen Beratern und einigen anderen ausgewählten Personen überreichen will. Das wird die abschließende Überarbeitung erheblich erleichtern.«
Franz griff nach seiner Satteltasche und entnahm ihr das umfangreiche Schriftstück. Wissbegierig streckte der Professor seine Rechte aus, um das Manuskript entgegenzunehmen, doch der Kammersekretär hielt inne.
»Bevor wir diesen Druck in Auftrag geben, möchte ich mich noch einmal versichern, ob Ihr Eurem Drucker auch wirklich uneingeschränkt vertrauen könnt. Ich weiß, dass Ulrich Morhart nun schon seit drei Jahrzehnten für die Universität druckt und sich als Universitätsverwandter bislang nichts zuschulden kommen lassen hat. Dennoch frage ich, ist dem tatsächlich so?«
Erneut sah Franz, wie Professor Fuchs die buschigen Brauen hochzog. Bislang hatte sich wohl noch kein Regierungsbeamter sonderlich für den Buchdrucker in Tübingen interessiert und die Publikationen einfach der Universität überbracht, damit diese sie ihrerseits an die Druckerei weitergab. Allerdings waren die bisherigen Publikationen auch nicht von so großer Bedeutung gewesen wie das Landrecht.
»Ich kann Euch versichern, dass der Drucker mein vollstes Vertrauen genießt. Er ist zwar nur ein gewöhnlicher Handwerker, doch er druckt tadellos und zügig. Und bis jetzt hat er auch noch nie eine wichtige Ordnung vor deren Bekanntmachung verkauft oder irgendwelche Leute vorab über deren Inhalt informiert.« Die leichte Änderung seines Tonfalls entging Franz nicht. Der Rektor war bekannt dafür, dass er ein reizbares Gemüt hatte und schnell in die Defensive ging. Doch sagte er auch wirklich die Wahrheit?
Franz musterte ihn lange. »Natürlich werfe ich Euch nichts vor. Ich möchte nur sichergehen können. Man sagte mir nämlich, dass Ulrich Morhart eine Breuning zur Frau genommen habe. Und diese Familie – nun, wie soll ich es am besten ausdrücken – war dem alten Herzog nicht gerade zugetan.« Beide wussten, dass diese Formulierung eine große Untertreibung war. Seitdem der alte Herzog zwei ehrenwerte Mitglieder dieser adeligen Familie wegen Taten, die er ihnen jedoch nicht nachweisen konnte, grausam hatte foltern und hinrichten lassen, hatte die Familie die Vertreibung Herzog Ulrichs ins Exil begrüßt und mit den Habsburger Statthaltern eng zusammengearbeitet. Als der Herzog nach einigen Jahren sein Territorium jedoch wiedererlangt hatte, waren viele Familienmitglieder geflohen, und man munkelte, dass diese nun mit den Österreichern zusammenarbeiteten, um den neuen Herzog zu stürzen. Das wichtige Manuskript könnte ihnen dabei äußerst behilflich sein.
»Ja«, entgegnete Professor Fuchs und nickte mehrmals bestätigend. »Ja, er hat eine Breuning geheiratet. Doch diese hat sich ebenso wenig zuschulden kommen lassen wie ihr Ehemann.« Er warf seinem Gegenüber einen scharfen Blick zu. »Und es gibt noch weitere Breunings in Tübingen, denen die Landesregierung durchaus mehr Vertrauen schenken sollte.« Dies war einer der vielen Punkte, in denen der Professor nicht mit der Landesregierung übereinstimmte. Die kursierenden Gerüchte bezüglich eines geplanten Verrats der Familie Breuning hielt er schlichtweg für unwahr, und es war ihm seit Langem ein Dorn im Auge, dass die durchaus fähigen Breunings in Tübingen seitens der Regierung von höheren Ämtern ferngehalten wurden, wie zum Beispiel im Stadtrat. Statt ihrer befanden sich dieses Jahr dafür besonders engstirnige und unerfahrene Männer im Amt, mit denen der Professor schon einige Auseinandersetzungen geführt hatte.
Doch Franz ging nicht auf seine spitze Bemerkung ein, sondern entgegnete stattdessen unbeeindruckt: »Ich bin hierhergekommen, um Euer Urteil über die hiesige Druckerei zu erfahren. Sonst muss ich mich nach einer anderen umsehen. Was könnt Ihr mir nun über sie sagen?«
Der Mediziner zögerte. Er wollte eigentlich die Gelegenheit nutzen, dem Hofbeamten einige Zugeständnisse abzuringen, die die Zusammenarbeit zwischen Universität und Stadtrat vereinfachen würden. Andererseits durfte er es aber auch nicht übertreiben und lenkte daher schließlich ein.
»Was die Druckerei betrifft, so gab es ab und an einmal Beschwerden von Gesellen über die Bezahlung, aber in welchem Ort gibt es die nicht? Ich habe bereits öfters von Gesellen gehört, die versuchen, weit mehr abzugreifen, als ihnen zusteht, und die sich dabei noch nicht einmal gescheit anstellen.« Der Blick des Rektors verfinsterte sich und wanderte langsam zum Feuer zurück, das prasselnd in der Feuerstelle brannte. Franz, der noch heute Abend zurückreiten musste, wollte sich zuvor jedoch noch vergewissern, dass das geheime Schriftstück auch wirklich sicher war in Tübingen.
»Ihr vertraut also sowohl dem Drucker als auch seinem Eheweib.« Professor Fuchs wandte sich Franz wieder zu und nickte bestätigend. »Trotzdem möchte ich, dass Ihr den Drucker schwören lasst, dass er dieses Schriftstück höchst vertraulich behandelt. Und wenn sich irgendetwas in der Druckerei ereignet, möchte ich davon unverzüglich in Kenntnis gesetzt werden. Wir dürfen uns jetzt keine Fehler oder Verzögerungen mehr erlauben. Das Landrecht muss so schnell wie möglich den Räten zur letzten Überprüfung vorgelegt und danach unverzüglich publiziert werden.«
Wieder nickte sein Gastgeber. »Wie ich Euch bereits sagte, bis jetzt hat der Drucker immer zu unserer vollsten Zufriedenheit gearbeitet, und ich wüsste nicht, warum sich das in nächster Zeit ändern sollte.«
Das können wir nur hoffen, dachte Franz und übergab Fuchs endlich das Schriftstück. Denn wenn diese Reform des Herzogs aus irgendwelchen Gründen verzögert wird, kann das unser aller Untergang bedeuten.
Teil 1
Februar 1554
Magdalena Morhart war mit ihrer Jüngsten gleich nach dem Frühstück aufgebrochen, um einige Besorgungen auf dem Tübinger Wochenmarkt zu machen. Es war ein klarer Vormittag, und in der Druckerei wurde sie gerade nicht gebraucht. Schon steuerte sie mit der siebenjährigen Magda auf das große Rathaus zu, das inmitten der Häuser reicherer Bürger hervorstach. Die Vorderfront des vierstöckigen vorkragenden Gebäudes wurde von starken Holzsäulen getragen, zwischen denen an Markttagen die Bäcker, Metzger und Salzer ihre Waren anboten, um bei schlechtem Wetter besser geschützt zu sein. Heute wehte ein scharfer Wind. Die Stockwerke oberhalb der Säulen beherbergten nicht nur die Räume der Ratsherren und die Amtsstube, sondern auch das württembergische Hofgericht, das höchste Gericht des Herzogtums. Die Sonne beschien die mit Pflanzengirlanden bemalte Fassade des Rathauses und brachte die Farben der Motive zum Leuchten. Besonders die der kunstvoll verzierten Uhr, die in Höhe des ersten Geschosses angebracht war.
Als sie den Rathausvorplatz erreichten, erhob sich auf dem hinteren Teil des Marktes plötzlich empörtes Geschrei, und Magdalena bemerkte, dass die Menge dort einen Halbkreis um zwei etwa zwanzigjährige, ungewaschen und heruntergekommen aussehende Burschen gebildet hatte. Deren Gesichter waren verdreckt, die Haare standen in alle Richtungen ab, und am Körper trugen sie nur Lumpen. Wahrscheinlich waren es Bettler vom Lande, und den Ausrufen der Leute nach zu urteilen, hatten sie wohl versucht, den ein oder anderen Marktbesucher zu bestehlen.
Obwohl die aufgebrachte Menge die beiden Diebe beschimpfte und bespuckte, blickte der eine von ihnen, ein Dunkelhaariger, noch immer herausfordernd um sich. Sein Begleiter, dessen aufgeplatzte Lippe davon zeugte, dass man ihm schon einen Hieb verpasst hatte, wirkte entsprechend eingeschüchtert.
»Diebespack!«
»Abschaum!«
»Widerwärtige Kreaturen, aufgehängt gehört ihr«, tönte es nun von allen Seiten. Der Blick des Dunkelhaarigen glitt abschätzend über die immer näher rückenden Menschen. Plötzlich packte er ein junges Mädchen, das unglücklicherweise in einer der vorderen Reihen stand, und hielt ihm drohend ein Messer an die Kehle. »Rührt mich nicht an«, schrie er verzweifelt und verstärkte den Druck auf das Messer. Selbst aus der Ferne sah Magdalena die angstvoll aufgerissenen Augen der Kleinen. Sie war nicht viel älter als Magda, nach deren Hand Magdalena nun instinktiv griff. Zum Glück konnte ihre Tochter das Geschehen wegen ihrer geringen Körpergröße nur teilweise verfolgen. Magdalena hingegen sah bereits die ersten Blutstropfen am Hals des Mädchens hinabrinnen. »Ich mache Ernst. Wir sind doch ohnehin schon verdammt – die Ungläubigen werden uns bald alle abschlachten«, fügte der Dieb noch hinzu. Erschrocken wichen die Leute vor ihm zurück.
Doch bevor einer von ihnen die Fassung wiedergewinnen und etwas unternehmen konnte, ertönte plötzlich eine dröhnende Stimme: »Lasst sofort das Messer fallen!« Wie aus dem Nichts war der Vogt mit vier Männern der Stadtwache aufgetaucht. Nun bahnten sie sich den Weg durch das verängstigt zurückweichende Volk und zogen einen engen Kreis um die beiden Diebe. Die Männer der Stadtwache trugen robuste Rüstungen, starke Schilde und scharfe Schwerter, die allesamt auf den Dieb und das Mädchen gerichtet waren. Der zog das Mädchen daraufhin noch dichter an sich heran und blickte wie ein wildes Tier von einem Wächter zum anderen. Schon fürchtete Magdalena, dass er in einem Akt der Verzweiflung zum Angriff übergehen würde. Vor Anspannung hielt sie die Luft an und flüsterte dann: »Herr, steh uns bei!« Doch offenbar lag dem Dieb noch etwas an seinem Leben, denn er kapitulierte vor der Übermacht. Das Mädchen rannte weinend davon, und der Vogt ließ beide Diebe in Ketten legen.
Kaum waren er und seine Männer mit den beiden Gefangenen verschwunden, als die Unterhaltungen auf dem Markt erneut einsetzten und auch Magdalena sich aus ihrer Erstarrung löste. Ihre Tochter hatte zwar nicht alles mitbekommen, wohl aber das Entsetzen der Umstehenden gespürt. »Was ist denn passiert, Mutter?«
»Da waren zwei üble Burschen, die sich nicht direkt ergeben haben. Doch der Vogt hat sie überwältigen können.« Sie drückte Magda erleichtert an sich. Was für ein Morgen!
In der Zwischenzeit hatte um sie herum ein lebhaftes Gespräch über die neuesten Gerüchte aus dem Reich, auf die der Dieb angespielt hatte, begonnen. Magdalena wandte sich den Händlern zu, deren Stände sich vor dem Rathaus dicht an dicht drängten.
»Frische Eier!«
»Fette Hühner!«
»Köstlicher Käse!« Es gab viele verlockende Angebote, doch Magdalena interessierte sich nicht für sie. Die Frau des Buchdruckers hatte ihren Blick auf einen kleinen Stand ganz am Rande des Marktplatzes gerichtet. Sie zog ihren Umhang etwas fester um sich und die Haube tiefer ins Gesicht, um sich vor dem Wind zu schützen. Zielstrebig bewegte sie sich zwischen den großen Verkaufstischen auf den Stand zu, vorbei am Metzger, der mit seiner blutbespritzten Schürze und einem großen Schlachtermesser gerade ein Stück Fleisch zurechtschnitt.
Magdalena war weder besonders groß noch besonders hübsch, aber ihre Art zu gehen zeugte von Entschlossenheit. Ihr auf den Fersen folgte Magda, die nur zwei Köpfe kleiner war als ihre Mutter und diese nicht aus den Augen ließ, denn sie wollte sie in der Menschenmenge nicht verlieren. Nur ab und zu drehte sie ihren Kopf in die Richtung der verführerischen Düfte, die ihr in die Nase stiegen. Als sie am Stand des Bäckers zwischen den Holzsäulen des Rathauses vorbeigingen, blieb Magda eine Weile stehen und starrte die süßen Wecken mit großen Augen an, die genauso braun waren wie die ihres Vaters. Doch als sie merkte, dass Magdalena bereits einige Schritte weitergegangen war, holte sie schnell wieder auf und hielt sich sicherheitshalber wie schon zuvor an der Schürze ihrer Mutter fest.
Endlich hatten sich die beiden zu ihrem Ziel, dem Stand des Bauern Breitkreuz, durchgearbeitet. Er hatte auch dieses Mal seinen groben Holztisch aufgestellt, der sich unter dem Gewicht seiner Waren zu biegen schien. »Guten Morgen, Josef«, begrüßte ihn Magdalena und reichte ihm wie immer ihren Korb. »Wisst Ihr, was die beiden Burschen eben verbrochen haben?«
»Genau gesehen habe ich es nicht«, brummte der Bauer und schaute noch einmal zu der Stelle, an der die beiden Diebe eben in Gewahrsam genommen worden waren.
»Offenbar haben die beiden Halunken gestohlen und wurden auf frischer Tat ertappt, als sie gerade einen weiteren harmlosen Marktbesucher berauben wollten. Man hat sofort den Vogt gerufen, aber einige Männer sind davor schon handgreiflich geworden und haben ihre Wut an den Dieben ausgelassen. Da muss man sich zur Not schon selbst verteidigen, vor allem wenn Württemberg auch noch bald angegriffen werden soll.«
Magdalena hörte diese Gerüchte schon seit Wochen, wusste aber nicht, ob sie der Wahrheit entsprachen. Wahrscheinlich sollte mit ihnen nur wieder Panik geschürt werden, um den Leuten mehr Geld aus der Tasche zu ziehen. So waren in den letzten Wochen fast täglich Straßensänger in die Universitätsstadt gekommen, die für einige Heller über die Gräueltaten der Türken sangen, welche sich angeblich auf dem Weg nach Württemberg befanden. Daraufhin waren von den Einwohnern der Stadt vermehrt Vorratslager angelegt worden, was die Händler aus dem Umland natürlich freute. Auch wurde in den bürgerlichen Haushalten zunehmend nach kampferfahrenen Knechten gesucht, die ihre Herren im Ernstfall schützen sollten. Auch sie glaubten, dass große Heere auf dem Weg nach Württemberg waren und Tübingen bald einnehmen würden. Doch würde dies stimmen, hätte die Obrigkeit sicher schon längst ausreichende Vorsichtsmaßnahmen getroffen.
Magdalena entschied sich daher, die Gerüchte nicht weiter anzuheizen, und ließ stattdessen ihren Blick über die köstlichen Früchte und die vielen unterschiedlichen Gemüsesorten schweifen. Karotten, Kohlköpfe, Rote Bete, Wirsing und Sellerie lagen fein säuberlich in kleinen Holzkisten nebeneinander. Ganz hinten war ein großer geflochtener Korb, prall gefüllt mit glänzenden roten Äpfeln. Die Frau des Bauern muss sie heute in den frühen Morgenstunden auf Hochglanz poliert haben, dachte Magdalena. »Eure Äpfel sehen ja wieder einmal zum Anbeißen aus.« Auf das wettergegerbte Gesicht des Bauern stahl sich ein Lächeln. »Wir hatten letztes Jahr wirklich Glück mit dem Wetter, und wir wissen jetzt, wie wir die Ernte im Winter lagern müssen, damit die Früchte und das Gemüse lange gut aussehen und auch schmecken«, erwiderte er ungewöhnlich heiter. »Wie viele Äpfel darf ich Euch denn geben?« Er griff rasch nach dem Weidenkorb, den sie ihm eben gegeben hatte, um die gewünschten Früchte hineinzulegen, denn er wusste, dass seine treue Kundin gerne schnell bedient werden wollte.
»Da sie so gut aussehen, werde ich ein Dutzend nehmen«, meinte sie und fügte dann noch hinzu: »Bei dem guten Wetter werden die Männer heute wieder viel drucken können, und da haben sie sich eine Belohnung verdient.« Diese Worte ließen die Ohren des Bauern leicht erröten, der sich über das erneute Lob seiner Äpfel freute.
»Dann laufen die Geschäfte ja inzwischen wieder gut. Ihr scheint die schlechten Zeiten nun endlich überstanden zu haben, und ich wünsche Euch, dass dieses Jahr noch viele Aufträge für Euch bereithält«, revanchierte sich Josef nun seinerseits mit Nettigkeiten, während er die gewünschte Menge abzählte. Dabei achtete er darauf, nur die Unversehrten zu nehmen. Darüber freute sich wiederum Magdalena, die dies natürlich bemerkte. Die nette Art, mit der er ihr stets nur die besten Früchte gab, war neben der Güte seiner Ware mit ein Grund, warum Magdalena nur zu ihm und zu keinem der anderen Bauern ging. Sie mögen größere Stände haben, aber so gut wie Josef behandelt mich keiner, sagte sie sich.
»Danke für Eure guten Wünsche, Josef. Ja, wir haben uns von den mageren Jahren wieder erholen können, weil der Herzog uns mit immer mehr Aufträgen betraut. Zudem hat Ulrich vier tüchtige Gehilfen an seiner Seite. Sie machen deutlich weniger Fehler als die Männer, die wir davor hatten.«
Josef lachte laut auf. »Ja, das glaube ich gern. Besonders der Seppel hat damals ja sehr dem Wein zugesprochen. Ein lustiger Schalk, aber wahrscheinlich hat er immer alles doppelt gesehen.«
»… oder er hat gar nichts mehr gesehen«, murmelte sie, während sie nach ihrem Geldsäckchen tastete, das sie in ihrer Rocktasche verstaut hatte. Aus dem Augenwinkel heraus sah sie, wie der Bauer Magda zwinkernd ein kleines Apfelstück hinhielt. Diese griff gierig danach, um dann sofort wieder hinter ihre Mutter zu treten. Mit Händen, die von harter Arbeit zeugten, zog Magdalena den braunen Lederbeutel hervor und zählte die Münzen ab. Dankend nahm der alte Breitkreuz das Geld entgegen. Gerade wollte sie sich erkundigen, ob Josef wusste, was aus dem ehemaligen Druckergehilfen Seppel geworden war, als sie trotz des Stimmengewirrs um sich herum auf einmal die hohe Stimme ihres Sohnes Moritz hörte, der verzweifelt über den Platz rief.
»Mutter! Magda! Wo seid Ihr?«
Blitzschnell drehte sie sich um und sah in die Richtung, aus der die Rufe gekommen waren. Ihre Augen suchten die Menge ab. Endlich entdeckte sie den blonden Haarschopf ihres Zweitjüngsten, der sich durch die Leute am Fischstand drängte. Mit glühenden Wangen kam er auf sie zugerannt.
Irgendetwas musste passiert sein.
Magdalena lief es kalt den Rücken herunter. Auch Magda schien zu spüren, dass etwas nicht stimmte, denn sie blickte ihrem Bruder erschrocken entgegen.
»Was ist denn los?«, rief Magdalena ihrem Sohn zu, während sie Magda gleichzeitig beruhigend ihren Arm um die Schulter legte.
Als Moritz die beiden erblickte, schöpfte er noch einmal neue Kraft und lief los. Dabei wich er gerade noch rechtzeitig den langen Armen des heftig gestikulierenden Universitätspedells aus, der zwei Studenten zurechtwies, die gerade Kunststücke auf dem Marktplatz aufgeführt hatten. Offenbar hatten sie damit gegen eine Abmachung mit ihm verstoßen, wofür sie nun von dem Hünen gerügt wurden. Als Hüter von Recht und Ordnung in allen Universitätsangelegenheiten nahm Eberhard seine Aufgaben sehr genau, duldete keine Regelübertretung und machte auch daher keinen Platz für den aufgeregten Jungen.
Als Moritz endlich vor seiner Mutter stand, rang er erst einmal nach Luft. »Vater …«, keuchte er dann und hielt sich die Seite. Seine Brust hob und senkte sich rasch unter seinem braunen Wams. Magdalena sah ihn beunruhigt an und beugte sich zu ihm hinunter. Moritz schloss kurz die Augen, holte noch einmal tief Luft und stieß dann hervor: »Ihr müsst sofort zur Druckerei kommen … Vater … er hatte einen schlimmen Unfall. Er rührt sich nicht mehr.«
»Heilige Jungfrau Maria. Was sagst du da? Was ist passiert?«, entfuhr es Josef, der alles mit angehört hatte. Mit weit aufgerissenen Augen schaute der Bauer den Jungen an.
Doch Magdalena wartete die Antwort ihres Sohnes nicht mehr ab. Ohne zu zögern, richtete sie sich auf, drehte sich zu der verdutzten Magda um, die wie angewurzelt neben ihr stand, und sagte: »Nimm den Korb und komm mit deinem Bruder so schnell wie möglich zurück zur Werkstatt.« Dann raffte sie ihren grauen Wollrock und rannte in Richtung Burgsteige davon.
Josef sah ihr voller Sorge nach. Die Druckerei war in der ganzen Stadt bekannt. Ulrich Morhart war nicht nur einer der wenigen, die neben den betuchten Händlern und der Obrigkeit in der Oberstadt leben und arbeiten durften, sondern wohnte noch dazu in einem Haus in unmittelbarer Nähe von Schloss Hohentübingen – eine der begehrtesten Lagen der Stadt. Er war zudem der erste Drucker, der es geschafft hatte, dauerhaft im Herzogtum Württemberg zu bleiben, und zählte darüber hinaus zu den Universitätsverwandten, deren eigener, unabhängiger Gerichtsbarkeit er damit unterstand. Das bedeutete allerdings auch, dass seine Werkstatt vom kleinlichen Pedell Eberhard überwacht wurde. Aber selbst für ihn gab es kaum etwas an der Druckerei zu beanstanden. Ulrich Morhart verstand es, sich mit den unterschiedlichsten Leuten in der Stadt gut zu stellen. Aber wenn er nun stirbt?, dachte Josef. Was wird dann aus der Werkstatt? Wer soll sie an seiner statt fortführen? Sein Sohn, der junge Ulrich etwa? Und was wird dann aus Magdalena werden, die schließlich nicht seine leibliche Mutter, sondern nur seine Stiefmutter ist?
Josefs Blick fiel auf die beiden Kinder, die immer noch vor seinem Markttisch standen. Moritz hatte sich auf seine Schwester gestützt, um besser Luft zu bekommen. Die Kleine wusste nicht, wie ihr geschah, und schaute den Bauern Hilfe suchend an. »Hier ist euer Korb.« Schnell kam Josef um seinen Stand herum und stellte sich neben die beiden. »Wenn ihr nicht durch das Gedränge zurückwollt, geht doch durch die Kronenstraße. Ihr wisst schon, am Calwer Haus vorbei. Das ist zwar länger, aber dafür etwas einfacher.« Die beiden nickten langsam und machten sich dann umgehend auf den Heimweg. Nachdenklich sah der Bauer ihnen nach. Das, was jetzt auf sie zukommt, wird nicht einfach für sie werden, dachte er noch, bevor er sich wieder hinter seinen Stand begab.
Als Magdalena wenig später durch die eichene Haustür trat, hinter der sich direkt der Verkaufsraum auftat, war der Bader bereits vor Ort. Er war ein älterer, beleibter Mann mit einer spitzen Nase, auf der ein paar Augengläser saßen. Sein grauer Bart reichte ihm bis auf die Brust. Sorgenvoll stand er über Ulrich Morhart gebeugt, der auf dem großen Verkaufstisch in der Mitte des Raumes lag. Man hatte die Ansichtsexemplare auf der großen Platte notdürftig zur Seite geschoben, wobei wohl einige heruntergefallen waren. Normalerweise hätte Magdalena diese sofort aufgehoben und beiseitegelegt, damit sie nicht beschmutzt wurden. Doch jetzt schenkte sie den Büchern und Blättern am Boden keine weitere Beachtung, sondern ging sofort zu ihrem Mann. Ulrichs braunes Hemd war an einigen Stellen zerrissen und nach oben geschoben, sein Körper wies eine Reihe blutiger Schürfwunden auf. Seine vier Gehilfen hatten sich um den Druckherrn versammelt und blickten auf ihn herab. Magdalenas Söhne Oswald und Georg befanden sich jedoch nicht im Haus. Sie lieferten gerade Bücher an die Universität und waren noch nicht zurück.
Magdalena schob sich sofort neben den Bader in seinem dunklen Gewand. »Was ist passiert? Wie geht es ihm?« Sie sah in das schmerzverzerrte Gesicht ihres Mannes und ergriff seine rechte Hand, die schlaff vom Tisch herunterhing. Zwar hatte Ulrich seine Augen geschlossen, doch schien er ihre Berührung zu spüren.
Die Gehilfen antworteten zuerst. »Er ist einfach gefallen …«, stammelte Paul, während er mit seinen breiten Fingern verlegen an seiner Mütze herumzupfte, die er in der Hand hielt.
»Ja, von der obersten Stufe …«, ergänzte Matthias mit seiner tiefen Stimme.
»Die gesamte Stiege runter bis ins Lager«, mischte sich nun der sonst so übellaunige Kaspar mit besorgter Miene ein.
»Und dabei gab es ein ganz schreckliches Geräusch«, kam es von Andreas, dem Vierten in der Runde. Dabei nickte er so heftig, dass seine widerspenstigen roten Locken wippten.
»Es war richtig laut.«
»Sogar noch lauter als die Presse.«
Magdalena schaute sich die vier genau an. Der füllige Paul und der hagere Kaspar in ihren schwarzen Lederschürzen sahen etwas hilflos aus. Offensichtlich waren die beiden heute Morgen zum Bedienen der Presse abgestellt worden. Auf der anderen Seite des Tisches drängten sich Matthias und Andreas, der eine bärtig, der andere mit seinem auffällig roten Lockenschopf. Erschrocken richteten sie ihre Blicke abwechselnd auf den ohnmächtigen Druckherrn und seine Frau.
»Ruuuuhe, ich kann so nicht arbeiten!«, donnerte da auf einmal der Bader, dem bisher noch von keiner Seite Aufmerksamkeit geschenkt worden war. »Lasst mich allein, wenn Ihr wollt, dass der Drucker wieder zu sich kommt.« Seine Stimme war von den jahrelangen Anpreisungen seiner Heilkünste auf dem Markt so gut trainiert, dass er sich in diesem Durcheinander mühelos Gehör verschaffen konnte. Seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Mit einem letzten Blick auf den Verletzten verließen die Gehilfen daraufhin mit hängenden Schultern den Verkaufsraum und begaben sich in den Hinterhof. Magdalena hörte, wie dort der Eimer in den Schacht heruntergelassen wurde. Ulrich hatte das Haus damals nicht zuletzt wegen des Brunnens gekauft, weil er aufgrund des Wassers die Druckmaterialien gleich vor Ort säubern konnte.
Als sie hörte, wie die Männer draußen arbeiteten, wandte sie sich wieder dem Bader zu. »Ist es sehr schlimm?«, fragte sie, die Augen immer noch auf Ulrich gerichtet. »Warum ist er denn von der Stiege gestürzt? Er ist doch sonst nie gefallen«, sagte sie leise, mehr zu sich selbst als an den Bader gerichtet.
Der beachtete sie kaum. Er tastete den Körper des Druckers langsam von oben nach unten ab. Als er bei den unteren Rippen ankam, zuckte Ulrich leicht zusammen. Vorsichtig, aber kontinuierlich tastete der Bader weiter. Seine langen, dünnen Finger bewegten sich zielstrebig über Ulrichs Leib. Als er mit seiner Untersuchung fertig war, überlegte er kurz und zog dann ein kleines, an beiden Seiten offenes Glasröhrchen aus einer seiner vielen Manteltaschen. Dann holte er eine winzige Flasche aus der Ledertasche, die er zu Füßen des Kranken platziert hatte. Das Röhrchen, dessen obere Öffnung er mit dem Daumen verschloss, steckte er in die stark riechende Flüssigkeit im Fläschchen und entnahm ihm auf diese Weise einige Tropfen, die er behutsam auf die Zunge des Verletzten träufelte. Der schluckte die Tropfen hinunter, regte sich ansonsten aber nicht.
Als sich der Bader vergewissert hatte, dass Ulrich die Arznei genommen hatte, nickte er zufrieden und wandte sich endlich Magdalena zu, deren Frage er noch immer nicht beantwortet hatte. Seine müden Augen verrieten ihr, dass er wohl eine lange durchwachte Nacht hinter sich hatte. Wahrscheinlich gönnte ihm das heftige Fieber, das momentan in Tübingen wütete, zurzeit nur wenige Stunden Schlaf. Erst gestern war eine der großen Färberfamilien daran erkrankt, die in der Unterstadt am Ammerkanal wohnte, und deren Nachbarn nun große Angst hatten, sich ebenfalls anzustecken.
»Er wird gleich wieder ansprechbar sein«, sagte der Bader tröstend. »Wie es aussieht, ist er die Stiege heruntergefallen, warum, kann ich Euch allerdings nicht sagen, und hat sich dabei ein paar Rippen gebrochen. Allerdings scheint er großes Glück gehabt zu haben. Das hätte auch ins Auge gehen können. Schließlich ist er nicht mehr der Jüngste mit seinen fast sechzig Jahren.«
»Aber immer noch genauso zäh wie früher«, protestierte Ulrich da kaum hörbar. Magdalena und der Bader drehten sich überrascht zu ihm um. Eben waren seine Augen noch geschlossen gewesen, nun waren seine Lider halb geöffnet, und seine kastanienbraunen Augen lugten unter ihnen hervor. »Wo bin ich?«
Der Bader setzte eine zufriedene Miene auf. »Ah, da weilt der Herr Drucker also wieder unter uns. Ihr seid natürlich in Eurem Laden.« Doch Magdalena hörte ihm kaum zu. Voller Freude sah sie ihren Mann an und ergriff seine Hände, die von der Druckfarbe fast vollkommen schwarz waren. Aber auch das bemerkte sie nicht. Seit ihrer ersten Begegnung vor über zehn Jahren hatte sie ihn so gut wie kein einziges Mal ohne Farbe an den Händen gesehen.
»Was machst du denn für Sachen? Hast du es denn so eilig, in den Himmel zu kommen?«, schalt sie ihn liebevoll. »Du weißt doch, dass die Werkstatt ohne dich nicht läuft.« Sie hob seine rechte Hand und legte sie an ihre Wange, die noch immer ganz heiß von ihrem hastigen Lauf zurück zur Werkstatt war. Er versuchte zu lächeln, aber dann kehrte der Schmerz zurück, und er schloss erneut die Lider. Nach wenigen Augenblicken entspannten sich seine Gesichtszüge wieder, und er sah zu ihr und dem Bader hoch.
»Ich spürte plötzlich stechende Schmerzen in meiner linken Brust«, erklärte er mit schwacher Stimme. »Ich konnte gar nichts mehr machen, und mir wurde schwarz vor Augen.« Als der Bader und seine Frau nichts darauf erwiderten, fuhr er fort: »Das Einzige, an das ich mich noch erinnern kann, ist, dass ich hierhin auf den Verkaufstisch gelegt wurde.«
Nachdenklich nickte der Bader. »Nun, das würde ich einmal als ernsthafte Warnung betrachten. Euer Körper möchte, dass Ihr endlich kürzertretet – sonst wird es leider Gottes bald mit Euch vorbei sein.« Dann wurde seine Stimme sanfter. »Heute müsst Ihr Euch auf jeden Fall gut ausruhen, und in den nächsten Tagen solltet Ihr Euch so wenig wie möglich bewegen. Verlasst Euer Lager erst einmal nicht. Mit Euren blauen Flecken werdet Ihr wohl sowieso nicht das Verlangen haben, sofort wieder herumzulaufen.«
Dann nahm er Magdalena zur Seite und ging mit ihr ein paar Schritte auf das große Bücherregal zu, damit ihr Ehemann nicht hören konnte, was er ihr zu sagen hatte. Mit gedämpfter Stimme sagte er: »Ich mache mir Sorgen um ihn. Stiche in der linken Brust sind nicht zu unterschätzen. Ihr solltet gut auf ihn achtgeben und ihn daran erinnern, sich zu schonen. Ich weiß, dass Ihr wahrscheinlich viel in der Druckerei zu tun habt. Aber es ist von großer Bedeutung, dass er diese Sache nicht auf die leichte Schulter nimmt.« Der groß gewachsene Mann sah sie dabei so eindringlich an, wie seine müden Augen es ihm erlaubten. Erst als sie nickte, drehte er sich um und wandte sich wieder an den Kranken. »Ich lege Euch jetzt einen Verband an und werde in den nächsten Tagen noch einmal nach Euch schauen. Bis dahin bin ich sicher, dass Ihr hier in guten Händen seid«, sagte er mit einem Seitenblick auf Magdalena. Dann machte er sich ans Werk, wobei er nur mit Mühe ein Gähnen unterdrückte, und verließ kurz darauf die Druckerwerkstatt.
Als sie alleine waren, seufzte Magdalena laut auf. Unzählige Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Wie soll das nur gehen? Wir haben doch gerade unter strengster Geheimhaltung diesen neuen umfangreichen Regierungsauftrag erhalten. Und das, obwohl wir gleichzeitig noch so viel anderes zu tun haben. Und ausgerechnet jetzt, da der junge Ulrich auch noch auf Reisen ist. Wie sollen wir das alles bloß schaffen? Wir brauchen dringend jemanden, der das Heft in die Hand nimmt. Die Gehilfen sind zwar tüchtig, aber einer muss ihnen bei der Arbeit auf die Finger schauen. Sonst kommen wir noch in Verzug. Bekümmert zog sie den Schemel heran, der vor dem Regal stand und den sie anstelle einer teuren Leiter benutzten, um an die oberen Fächer heranzukommen. Mit hängendem Kopf setzte sie sich und fasste wieder nach der Hand ihres Mannes. Sie überlegte, wer von den vier Gehilfen wohl der Geeignetste wäre, um für Ulrich einzuspringen. Wahrscheinlich Kaspar, der als Einziger seine Lehre schon beendet hatte und als Geselle arbeitete. Aber auch er war noch nicht mit allen Abläufen in der Druckerei vertraut.
Ulrich drückte schwach ihre Hand. »Das schaffen wir schon.« Seine Stimme war sehr leise und verriet, dass es ihm Mühe bereitete zu sprechen. »DU musst mich vertreten. Sonst kann das keiner hier.« Magdalena sah ihn entsetzt an. Das war nun wirklich das Letzte, mit dem sie gerechnet hatte. »Ich?«, fragte sie ungläubig und merkte, dass sie die Stirn runzelte. Doch Ulrich fuhr unbeirrt, wenn auch langsam, fort: »Du kennst die genauen Abläufe des Druckens … und du weißt, wo alle Materialien lagern.« Wieder musste er eine kurze Pause machen, so sehr strengte ihn das Sprechen an. Dann redete er weiter: »Du weißt, wie man prüft, ob die Papierbogen feucht genug für das Drucken sind.«
»Aber ich weiß doch nur, dass Materialien im Lager sind, aber ich weiß nicht, was wir genau haben. Und ich habe dich noch nie bisher vertreten. Das hat doch immer dein Sohn getan …«, protestierte sie, doch ihr Mann unterbrach sie. Er rang nach Luft. »Heute ist seit Langem wieder ein Tag, an dem es nicht friert, und es sieht auch nicht nach Regen aus. … Wir müssen das gute Wetter ausnutzen … Ihr könnt heute viel schaffen, auch wenn nur mit einer Presse gedruckt werden kann. Am Abend haben wir hoffentlich schon den neuen Rahmen, und dann kann ab morgen wieder mit zwei Pressen gearbeitet werden.«
Mit einer kurzen Handbewegung bedeutete er ihr, die Gehilfen von draußen hereinzurufen, während er sich mühsam aufrichtete. Als sie alle vor seinem Notlager beisammenstanden, erklärte er unter großer Anstrengung: »Da mein Sohn Ulrich noch auf Reisen ist, wird Magdalena von nun an meine Stellvertreterin sein.« Alle Augen richteten sich auf die kleine Frau, die sich sichtbar unwohl in ihrer Haut fühlte.
Aber sie nickte tapfer und blickte in die Runde. »Ja, Männer«, begann sie und gab sich dann innerlich einen Ruck. Denn sollte Ulrichs Gesundheit nicht bald wiederhergestellt sein, könnte sein Unfall schnell das Ende der Druckerei bedeuten. »Ihr wisst, dass wir viel zu tun haben, also werden wir ohne Umschweife mit der Arbeit beginnen.« Sie war selbst überrascht, wie fest ihre Stimme klang. »Matthias, Andreas, könnt ihr dem Meister die Stiege hochhelfen und ihn auf sein Lager legen? Paul und Kaspar, ihr zwei geht zurück an die Presse. Wir müssen die verlorene Zeit aufholen.«
Die Männer machten sich sofort ans Werk, wofür ihnen Magdalena äußerst dankbar war. Fürs Erste würde alles so weiterlaufen wie gehabt. Die drei Lehrlinge und Kaspar, der Geselle, hatten ihre Arbeitsaufträge für den heutigen Tag, und wer wusste schon, ob Ulrich nicht schon bald wieder auf den Beinen wäre und die Druckerei leiten könnte.
Und was, wenn nicht?, fragte eine bange Stimme in ihr. Das wird sich zeigen, wenn es so weit ist! Magdalena war selbst erstaunt, wie entschlossen und selbstsicher sie in dieser misslichen Lage handelte.
Als die Presse wieder im monotonen Rhythmus quietschte, ging Magdalena in den geräumigen Lagerraum im rückwärtigen Teil des Hauses und stieg die Treppe in den ersten Stock hinauf, um dort nach ihrem Mann zu schauen. Der Verkaufs-, der hinter der Verkaufstheke liegende Lager- und der Druckraum waren jeweils mit schweren Vorhängen voneinander abgetrennt worden. Die Idee, Vorhänge zu benutzen, war Ulrich auf einer seiner Reisen gekommen, und obwohl der Stoff recht teuer gewesen war, hatte sich die Anschaffung doch gelohnt, denn die Vorhänge dämpften den Lärm der Pressen und hielten den gröbsten Schmutz vom Verkaufs- und Lagerraum fern.
Vorsichtig kletterte sie die Stiege im Lagerraum empor. Der schmale Gang, der nun im ersten Stock vor ihr lag, führte auf der einen Seite zum großen Trockenraum und auf der anderen Seite zu den beiden Schlafkammern des Hausherrn und der Kinder. Da das Haus groß genug war, schliefen die drei Lehrlinge nicht im Druckraum, sondern im Dachgeschoss, zu dem eine weitere enge Stiege hinaufführte. Sie hatten dort etwas mehr Platz, weil Kaspar bereits in seinem eigenen Haus wohnte, in das er jeden Tag nach der Arbeit zurückkehrte.
Vorsichtig trat sie in ihre und Ulrichs Schlafkammer. Paul und Andreas hatten ihren Mann vorhin auf sein Strohlager in der linken hinteren Ecke der Schlafkammer gelegt. Das Mittel, das der Bader ihm verabreicht hatte, schien zu wirken, denn er lag schlafend da. Mit einem solchen Unfall hatte niemand gerechnet, am wenigsten er selbst. Hatte sie auf dem Markt vorhin nicht noch zu Josef gesagt, dass die mageren Jahre jetzt überstanden wären? Schon lange bevor er eine Werkstatt in der Universitätsstadt eröffnete, hatte Ulrich einen erlebnisreichen Werdegang hinter sich gebracht. Einmal musste er sogar fast seine gesamte Werkstatt verkaufen, um über die Runden zu kommen und nicht verhungern zu müssen. So gefährlich war das Druckgeschäft – und Ulrich kein Einzelfall.
Magdalena lächelte und strich ihm zärtlich über den Arm. Das war es auch, was sie so sehr an ihm schätzte und liebte: seine Lebenserfahrung und seinen unermüdlichen Frohsinn. Man hatte ihn mit der Aussicht nach Tübingen gelockt, dass die dortige Universität genaue Angaben bezüglich der zu druckenden Stückzahl machen und ihm nach Fertigstellung alle Exemplare auf einmal abkaufen würde. Welcher Drucker hätte da widerstehen können? Zudem war Ulrich der Einzige in der Stadt. Und das bedeutete Sicherheit. Weitere Sicherheit ergab sich auch durch die Schließung der Druckerei in Stuttgart, kurz nachdem Ulrich nach Tübingen gekommen war, weil die Stuttgarter Regierungsdrucke nun ebenfalls an Ulrich gingen. Zwar hatte es danach trotzdem noch schwierige Zeiten gegeben, die letzte lag noch gar nicht so lange zurück. Doch sie hatten niemals ernsthaft über den Verkauf der Werkstatt nachdenken müssen.
Magdalena sah Ulrich voll Stolz an, der in der Vergangenheit auch viel diplomatisches Geschick bewiesen hatte, vor allem während der vergangenen Regierungswechsel in Württemberg. Obwohl er schon seit Anbeginn ein Anhänger der neuen Religion war, musste er seine persönliche Überzeugung lange geheim halten, um nicht so zu enden wie der Stuttgarter Drucker Hans Wehrlich. Der hatte nämlich – obwohl er damals eigenhändig das Verbot der Habsburger, ketzerische Bücher zu drucken, gesetzt und vervielfältigt hatte – gegen eben dieses Verbot verstoßen. Daraufhin war seine Druckerei umgehend geschlossen und er der Stadt verwiesen worden.
Allerdings waren diese Zeiten nun vorüber, denn der neue Glaube war von Herzog Christoph nunmehr offiziell im ganzen Land eingeführt worden; ein weiterer Glücksfall für Ulrich, denn die umwälzende Erneuerung des Glaubens erforderte eine Vielzahl von Drucken. Fast jeden Monat wurden neue Ordnungen auf dem Marktplatz verlesen, wie zum Beispiel, dass an Sonn- und Feiertagen die Predigt zu besuchen sei. Ulrich druckte diese Ordnungen meist in mehreren Hundert Exemplaren, damit sie nach dem Verlesen auch an den Kirchtüren oder Rathäusern des gesamten Herzogtums angeschlagen werden konnten.
Ulrich hatte daher sichere Einnahmen, auch wenn die Aufträge zeitlich gesehen nicht immer regelmäßig kamen. Es gab noch immer Durststrecken, wie die im letzten Jahr. Auch hatte ihn in den vergangenen Tagen das Pech verfolgt, und es waren ein hölzerner Druckrahmen und sogar der Ersatzrahmen kaputtgegangen. Doch im Großen und Ganzen konnte Ulrich nun mehr Geld für neues Material ausgeben als früher und sich mehr Holzschnitte für seine Drucke leisten, aber auch griechische und sogar hebräische Lettern anfertigen lassen, um mit diesen auch theologische Werke herzustellen. Dadurch gab es kaum noch ein Werk, das er nicht zu drucken vermochte. Magdalena schüttelte langsam den Kopf. Ulrich hatte endlich erreicht, wovon er immer geträumt hatte. Doch nun war dies alles in Gefahr.
Magdalena seufzte, als sie sich am Nachmittag einen ersten Überblick über die speziellen Drucksegmente verschaffte. Sie war zwar mit Ulrich schon mehr als acht Jahre verheiratet, kannte sein komplettes Inventar aber immer noch nicht. So stand sie nun im hinteren Teil des Lagerraums und sah sich die einzelnen Holzschnitte und Lettern genau an. Als vorübergehende Herrin der Druckerei musste sie schließlich wissen, wo was zu finden war.
Plötzlich fiel ihr Blick auf ein kleines eckiges Stück Holz, das auf einem der unteren Regalbretter lag. Magdalena bückte sich, um es in die Hand zu nehmen. Es war besonders dunkel, weil man es schon häufig zum Drucken benutzt hatte und dabei jedes Mal etwas Druckerschwärze an ihm haften geblieben war. Da sie die Titelseite des momentan zu bearbeitenden Werkes bereits gedruckt hatten, benötigten sie das Holz vorerst nicht mehr. Sie wusste, noch bevor sie mit dem Daumen über die Konturen der Vorderfläche fuhr, was es abbildete. Es war der Holzschnitt, den sie damals für Ulrich hatte anfertigen lassen – mit seiner Druckermarke. Ulrich war ganz erstaunt gewesen, als sie ihm dieses Geschenk gemacht hatte. Er hatte bis dahin seine Bücher nur mit einem kurzen Vermerk versehen, der aus seinem Namen und dem Ort bestand, wo man seine Druckerei finden konnte. Doch ein eigenes Zeichen, so wie die berühmten Drucker in Venedig oder Antwerpen, hatte er nicht besessen. Daher hatte Magdalena sich heimlich ein Motiv für ihn ausgesucht und es bei einem bekannten Künstler anfertigen lassen. Das Ergebnis war noch schöner ausgefallen, als sie gehofft hatte. Der Holzschnitt zeigte das erhabene Lamm Gottes, das mit wehender Siegesfahne einen grausamen Drachen bezwang. Um die beiden Tiere befand sich ein Schriftzug, der in Großbuchstaben ein Wort formte: VICTORIA, der Sieg. Der Gedanke war ihr gekommen, als sie wieder einmal das Fenster in der Tübinger Stiftskirche bewundert hatte, das den Sieg des heiligen Georg über den Drachen darstellte. Magdalena fuhr mit ihren Fingern über die Konturen des Druckerzeichens. Nach dem heutigen Unfall ihres Mannes empfand sie das Wort victoria als Ermutigung und spürte, wie ihre Selbstsicherheit wuchs. Sie würde Ulrich nach besten Kräften vertreten, es ging schließlich um ihrer aller Leben!
Sie hätte nicht gedacht, dass sie jemals eine Druckerei leiten würde – wenn auch nur für kurze Zeit –, obwohl sie einen Drucker geheiratet hatte. Magdalenas erster Mann Jakob, der Stadtschreiber von Dornstetten, hatte sich jedes Mal lobend über Ulrich Morhart geäußert, wenn er von ihm Bücher gekauft hatte. Dann hatte das Schicksal sowohl Magdalena als auch Ulrich im selben Jahr zu Witwe und Witwer gemacht, und aus einer anfänglichen Zweckgemeinschaft war nach und nach so etwas wie Liebe geworden. Ihre vier Söhne aus erster Ehe, Oswald, Jakob, Georg und Moritz, hatte Ulrich gerne in seinem Haus aufgenommen und ihnen die Gelegenheit gegeben, in der Druckerei mitzuhelfen.
Inzwischen war Oswald ein schneller Drucker geworden, und auch Georg konnte sowohl drucken als auch setzen. Wann immer es die Arbeit in der Druckerei zuließ, lieferten die beiden zudem Bücherbestellungen aus und erledigten kleinere Materialbesorgungen. Auch heute brachte Oswald Bücher zu mehreren Professoren, und Georg holte die bestellten neuen Druckrahmen ab. Sie würden wohl nicht vor dem Abend wiederkommen, was Magdalena unter den gegebenen Umständen mehr als bedauerte. Auch Jakob würde erst zum Sonnenuntergang wieder in die Burgsteige zurückkehren, da er eine Buchbinderlehre machte. Es war also niemand von der Familie da, der ihr hätte beistehen können, außer den beiden Jüngsten, Moritz und Magda. Nicht einmal ihr Stiefsohn, Ulrich der Jüngere genannt, weilte zurzeit in Tübingen. Selbst ihn wünschte sich Magdalena nun herbei, obwohl er sie nach all den Jahren immer noch nicht als die neue, wenn auch bereits vierte Ehefrau seines Vaters akzeptiert hatte. Ulrich hatte ihr oft versichert, dass dies bei seiner dritten Frau, der vorherigen Stiefmutter Ulrichs des Jüngeren, genauso gewesen wäre und auch nicht weiter verwunderlich sei, da dessen leibliche Mutter früh gestorben war. Tatsächlich war ihr beiderseitiges Verhältnis erst besser geworden, seitdem der junge Mann geheiratet und sein eigenes Heim in der Unterstadt bezogen hatte. Trotzdem war sich Magdalena sicher, dass sie und ihr Stiefsohn niemals miteinander vertraut werden würden.
Magdalena holte ob dieser Erinnerungen tief Luft und legte das Signet beiseite. Was musste sie als vorübergehende Vertreterin ihres Mannes nun als Erstes tun? Es gab momentan viel Arbeit, aber ein Auftrag war wahrscheinlich am wichtigsten: Die fünfzig Exemplare des Landrechtsentwurfs, die Herzog Christoph geordert hatte. Mit ihrem Druck war noch nicht einmal begonnen worden, weil man noch auf die Korrekturen nach dem ersten Satz wartete. Dabei mussten die fertigen Exemplare so bald wie möglich an den Hof geliefert werden, und das unter größter Geheimhaltung. Ja, in der Tat, der Druck des Landrechts hatte oberste Priorität. Denn Herzog Christoph, er war erst vor gut vier Jahren zum Herzog ernannt worden, war zwar ein gütiger Herrscher, aber kein sehr geduldiger.
Sie ging zurück in den Arbeitsraum, wo sie die vier Gehilfen und Moritz antraf. Der Geruch von Druckerschwärze und säuerlichem Wein lag in der Luft. An einer der beiden Pressen, die an der Wand zum Verkaufsraum standen, arbeiteten Paul und Kaspar. Moritz fegte derweil den Boden.
In der Ecke, neben der Tür zum Hinterhof, stand Matthias vor einem der beiden großen Setzkästen. Er hatte einen Winkelhaken in der Hand und schaute von Zeit zu Zeit auf das am Kasten befestigte Blatt mit dem zu setzenden Text. Dann griff er wiederholt nach den metallenen Lettern und setzte sie Zeile für Zeile spiegelverkehrt in den Winkelhaken ein. Andreas legte gerade mehr Holz auf die Feuerstelle, die sich zwischen den Setzkästen und dem Küchenbereich befand. Trotzdem war es recht kalt im gesamten Raum, weil sie die Hintertür offen stehen lassen mussten, damit Matthias zum Setzen genug Tageslicht hatte.
»Wann können wir mit dem Druck des Landrechts beginnen?«, fragte Magdalena Matthias, als sie sich neben ihn stellte. Mit seinen zwanzig Jahren war er einer der ältesten Lehrlinge, die bisher in der Werkstatt gearbeitet hatten. Dabei beobachtete sie Kaspar, wie er gerade den Rahmen über das im Pressdeckel befestigte Papier klappte und dann unter den Tiegel, die Druckplatte, schob. Als er fertig war, betätigte er den Pressbengel, der sich knarrend in Bewegung setzte.
Matthias antwortete, ohne aufzublicken. Immer wieder griff er nach den Lettern und setzte sie in den Winkelhaken. »Erst wenn wir die Rhetorica fertiggestellt haben. Wir sind nun fast zur Hälfte mit ihr durch.«
Kaspar zog währenddessen den Karren wieder heraus, entnahm das Blatt und hing es zum Antrocknen auf das Seil über seinem Kopf. Dann spannte er ein neues Blatt ein.
Matthias fuhr fort: »Der Druckherr war gerade im Begriff, die bereits schon beidseitig bedruckten Bogen im Trockenraum zusammenzulegen, als er die Stiege runterfiel.« Bei diesen Worten glitt Kaspar der Rahmen aus der Hand und fiel krachend auf die Unterlage. Magdalena sah ihn vorwurfsvoll an. »Vorsicht. Wenn dieser Rahmen nun auch noch kaputtgeht, bringt uns das noch weiter in Verzug.«
Kaspar nickte unwillig und machte sich dann vorsichtiger wieder an die Arbeit. Währenddessen hatte Paul die Druckform mit Druckerschwärze eingefärbt. Die leichtere Arbeit mit den Druckballen lag ihm mehr als das kräftezehrende Ziehen des Pressbengels. »Gut, ich werde nachsehen, wie viele Bogen wir noch dazu benötigen«, sagte Magdalena wieder an Matthias gewandt und durchquerte dann die große Druckwerkstatt mit energischen Schritten.
