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Sechs Kilometer Erinnerungen. Sechs Kilometer Schmerz. Sechs Kilometer Komik. Irgendetwas stimmte mit diesem Ort nicht. Möglicherweise ist es das Trinkwasser. Oder die abgeschiedene Lage. Warum sonst sollten sich sonst so viele Menschen das Leben nehmen oder vor Bäume rasen. Oder ist es der Fluss, der im Frühjahr über die Ufer trat, die Landschaft
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Seitenzahl: 31
Veröffentlichungsjahr: 2024
Michael R. Richter
Das Heim auf den Bergen
Seche Kilometer Heimaterinnerungen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Sechs Kilometer Heimaterinnerungen
Impressum neobooks
Vorabbemerkung
Die Geschichte beruhrt auf Kindheitserfahrungen, die aber vom Autoren verfremdet und erweitert wurden. Handelnde Personen sind frei erfunden.
Gewidmet meiner Mutter, die die immer ihr warmes Herz am rechten Platz hatte..
Sechs Kilometer Erinnerungen. Sechs Kilometer Schmerz. Sechs Kilometer Komik. Irgendetwas stimmte mit diesem Ort nicht. Möglicherweise ist es das Trinkwasser. Oder die abgeschiedene Lage. Warum sonst sollten sich sonst so viele Menschen das Leben nehmen oder vor Bäume rasen. Oder ist es der Fluss, der im Frühjahr über die Ufer trat, die Landschaft in eine Seenplatte verwandelte, Zufahrtsstraßen versperrte und immer wieder Tribut fordert. Liegt es an der leeren Kirche und den immer vollen Gasthöfen. Aber vielleicht kommen und kommen die Menschen einfach nur aus Langeweile ums Leben.
Auf sechs Kilometer fährt der Autor zurück in seiner Vergangenheit. Ein Mann kehrt zurück und stellt am Ende der idyllischen Allee fest, dass es für ihn schon als Kind immer nur ein Ziel gab, die Heimat zu verlassen.
Er kam selten in seinen Heimatort, vielleicht zwei oder dreimal im Jahr, selten auch zu Feiertagen, eher an Wochenenden, die ihm unverdächtig erschienen, frei von feierlichen, familiären Verpflichtungen. Schon seit Jahren hatte er zum Unmut seiner Mutter das Weihnachtsfest der Familie nicht mehr besucht, aber immer in der Woche vor Heiligabend. So auch in diesem Jahr. Drei Stunden Autobahnfahrt lagen hinter ihm. Mehrere Baustellen, zwei gefährliche Staus in Autobahnkurven und ein roter Kombi im toten Winkel, den er beim Überholmanöver fast übersehen hatte, und dem er nur mit einem raschen Ruck am Lenkrad ausweichen konnte. Das heftige Schlingern des Wagens steckte ihm noch in den Knochen.
Es war bereits dunkel. Nils fuhr mit seinem geliehenen nachtblauen BMW auf die Stadtgrenze jenes Ortes zu, in dem er die Grund- und Hauptschule besucht hatte. Ein verschlafenes Provinznest im Münsterland, nicht der Rede wert, außer vielleicht, dass sich die Stadtfürsten in den siebziger Jahren unbedingt ein Denkmal setzen wollten, den halben Stadtkern abrissen und als schöne neue Betonwelt wieder aufbauten. Eine halbseitig entseelte Stadt. Erst Ende der achtziger Jahren begann man vorsichtig, die Innenstadt lebenswerter zu gestalten und mit der verbliebenen Bausubstanz behutsamer umzugehen. Für Aufsehen und viel Unruhe unter der Bevölkerung sorgte der postmoderne Brunnen eines einheimischen Künstlers auf dem zentralen Stadtplatz, den eine weitsichtige Bürgermeisterin mit Vehemenz durchsetzte. Nach Fertigstellung gab es wochenlang wütende Proteste traditionsbewusster Bürger, die sich aber rasch legten. Schließlich wurde der Brunnen geliebtes, oft verschicktes Postkartenmotiv, und auch konservative Bürger schlossen ihren Frieden mit dem abstrakten Blütenkelchen gleichenden Brunnen. Das unmittelbar angrenzende Café mit Außenterrasse gab dem Ganzen im Sommer gar etwas südländisches Flair.
Vor Nils lagen noch sechs Kilometer bis zum Heim auf den Bergen, dem Wortstamm des Dorfnamens. Der Name weist auf den Ursprung des Dorfes hin – ein stattlicher, Burg-ähnlicher Haupthof auf einer Anhöhe, umringt von Wällen und Gräben. Laut einer alten Chronik soll in Vorzeiten eine aussätzige Gräfin in diesem Gehöft residiert haben, die sich der Welt fernhalten musste. Der Grund liegt verborgen im Dunkeln der Zeit.
Von Bergen konnte wahrlich nicht die Rede sein, eher mickrige Hügel, eine leicht gewellte Landschaft, aus der hin und wieder ein stolzer Kirchturm emporragte und bezeugte, dass diese Gegend überhaupt besiedelt war. Das Haus seiner Eltern lag auf den höchsten dieser Berge, nur fünf Fußminuten entfernt von der alles dominierenden Dorfkirche des sechshundert Seelen Ortes.
