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Warum gibt es Fusselknäuel im Bauchnabel? Nehmen wir die Form unserer Lebensmittel an? Wie erotisch sind Neckermänner in Frotte-Slips? Was macht Hipster aus? Ist Zigeunersauce noch eine politisch korrekte Bezeichnung? All diesen und anderen Fragen stellt der Autor in grotesken Kolumnen und Gedichten nach
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Seitenzahl: 23
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Michael R. Richter
Berlin zartbitter
Kolumnen, Gedichte, Short Stories
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Püsselbüren
Rotweiß am Morgen
Impressum neobooks
Inhaltsverzeichnis
Zartbitter __Fusselrollen für den Bauchnabel __Kleine Mimose __ Klischees gefällig? __ Orangina-Boy __ Hip(p)ster __ Neckermänner in Frottee-Slips __ Allerlei Sylter Schmetterlinge __ Flipper mit Tripper __ Real existierende Bambule__ Püsselbüren __ Zigeunersauce, politisch korrekt __ Rotweiß am Morgen
© Michael R. Richter, 10439 Berlin 2013
Alle im Text vorkommenden Bilder sind Eigenmotive von Michael R. Richter. Kontakt: [email protected]
Zartbitter
Kennen Sie das Gefühl auf der Zunge? Wie ein Stück zartbitterer Schokolade ist das Leben auf den Straßen Berlins. Wohltuend süßlich der erste Geschmack, dann anhaltend fade und die Zähne fühlen sich seidig belegt an? Aber der Zustand nötig mehr Schokolade zu essen. Stück für Stück. Lange hält sich der von Bitterstoffen beladene Geschmack. Mit Berlin ist es ebenso.
Warum ich das erzähle? Auch mir ist zartbitter zumute. Bei ganz banalen Alltagserlebnissen, wie beim Belauschen der Tischnachbarn im Restaurant, den monotonen Gesprächen von Reisenden im Zug, verzweifelten Hilferufen Prenzlauer Berg Mamis beim Shoppen, den Geplapper der Mitte-Hipster in der Tram, den belanglosen, aber gut gemeinten Einwürfen der Kollegen am Mittagstisch oder das Geplänkel verliebter Paare im Mauerpark. Belanglos? Wirklich? Mitunter kann ein einziger Satz eine ganze Lebensphilosophie offenbaren, ohne dass der Kundtuende es selbst merkt. Die Schamlosigkeit mancher Personen ist erstaunlich.
Passierte es doch letztens, dass ein kleinwüchsiger, blond toupierter südländischer Typ mit großen funkelnden Kreolen beim Telefonieren mit dem Smartphone unverfroren seiner körperlichen Begehrlichkeit Auslauf ließ. „Lass Unterhose unten, ich komm mit Taxi“.Ein Satz, intoniert wie der nächtliche Fernsehklassiker„ruf! mich! an!“, der es gar zum ehrenvollen Platz neunundvierzig in der Hitparade brachte. Kundgetan in einem Mitte-Hauseingang bei strömenden Regen, rundherum mindestens fünf weitere schutzsuchende Zeitgenossen, genervt grinsend beim scheuen Seitenblick.
Was sollte dies der notgedrungen moralischen Solidarität Suchenden sagen? Kein Zweifel – die öffentlich ausgetragene erotische Begierde lässt sich in mancherlei Hinsicht genussvoll sezieren. Was heißt denn eigentlich „Unterhose“? Meine Vorstellungskraft entpackte zugleich ein weiß fein geripptes frisch duftendes Stück Stoff, aprilweich und unbefleckt – wie am Wühltisch im KaDeWe. Jungfraulich, verlockend zum Kauf. Das kann aber hier nicht der Fall sein – schließlich spannt sich das schöne Stück Gewebe bereits zwischen zwei gespreizten Beinen. Möglicherweise ist das Wäschestück vorne gelblich gefärbt und hinten ziehen bräunliche Schleifspuren ihre verwegenen Bahnen... Verdrängung der Phantasie des Autors, bevor es zu schmutzig wird und ich noch Charlotte Roche links wie rechts überhole.
