Verlag: Goldmann Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

Das Herz des Bösen E-Book

Joy Fielding

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E-Book-Beschreibung Das Herz des Bösen - Joy Fielding

Ziehen Sie sich warm an!Valerie Rowe ist in keiner beneidenswerten Lage. Sie muss nicht nur der Tatsache ins Auge blicken, dass ihr Mann Evan sie wegen einer jüngeren Frau verlassen will. Eine Verkettung von Umständen führt auch noch dazu, dass sich Valerie plötzlich mit ihrer pubertierenden Tochter und ihrer verhassten Rivalin gemeinsam in einem entlegenen Luxushotel in den Bergen wiederfindet. Doch die Schönheit der Natur ist trügerisch, denn in der Weite der Wälder hat sich kurz vorher eine grausame Mordserie ereignet – und Valerie ahnt nicht, dass sie sich geradewegs auf einen mörderischen Abgrund zu bewegt ...

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E-Book-Leseprobe Das Herz des Bösen - Joy Fielding

Das Buch

Auch das schönste Luxushaus in Brooklyn kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Valerie Rowes Leben aus den Fugen geraten ist: Nach langer Ehe ist ihr Mann Evan im Begriff, sie wegen einer jüngeren Frau zu verlassen, und zudem droht ihr ihre pubertierende Tochter Brianne völlig zu entgleiten. Dann gerät Valerie plötzlich auch noch in die absurdeste aller denkbaren Situationen: Evan hatte den Plan gefasst, gemeinsam mit seiner Verlobten Jennifer und Brianne ein Wochenende in einer luxuriösen Lodge in der Wildnis der Adirondack Mountains zu verbringen. Als er wegen eines Termins aufgehalten wird, will es aber eine Verkettung von Umständen, dass Valerie mit von der Partie ist und sich mit ihrer verhassten Rivalin in einem entlegenen Hotel in den Bergen wiederfindet. Valerie ahnt indes nicht, dass es kurz vorher zu einer rätselhaften Mordserie in der Gegend gekommen war – und eine blutige Spur die Wälder durchzieht, die auch ihren Weg kreuzen wird ...

 Joy Fielding 

gehört zu den unumstrittenen Spitzenautorinnen Amerikas. Seit ihrem Psychothriller „Lauf, Jane, lauf“ waren alle ihre Bücher internationale Bestseller. Joy Fielding lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Toronto, Kanada, und in Palm Beach, Florida. Weitere Informationen unter www.joy-fielding.de

Mehr von Joy Fielding:

Die Schwester • Sag, dass du mich liebst • Das Herz des Bösen • Am seidenen Faden • Im Koma • Herzstoß • Das Verhängnis • Die Katze • Sag Mami Goodbye • Nur der Tod kann dich retten • Träume süß, mein Mädchen • Tanz, Püppchen, tanz • Schlaf nicht, wenn es dunkel wird • Nur wenn du mich liebst • Bevor der Abend kommt • Zähl nicht die Stunden • Flieh wenn du kannst • Ein mörderischer Sommer • Lebenslang ist nicht genug • Schau dich nicht um • Lauf, Jane, lauf! 

(alle auch als E-Book erhältlich)

Joy Fielding

Das Herz des Bösen

Roman

Deutsch von Kristian Lutze

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.Die Originalausgabe erscheint 2012 unter dem Titel »Shadow Creek« bei Atria, New York.

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2012 by Joy Fielding, Inc.Copyright © der deutschsprachigen Erstveröffentlichung 2012by Wilhelm Goldmann Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlagagentur: UNO Werbeagentur

Umschlagmotiv: Mark Owen/plainpicture/ArcangelSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-08046-4V002

www.goldmann-verlag.de

PROLOG

»Es war eine dunkle und stürmische Nacht«, zitierte Ellen den berüchtigten ersten Satz eines lange vergessenen Romans, der die zweifelhafte Ehre genoss, einmal zum schlechtesten Buchanfang aller Zeiten gewählt worden zu sein. So übel war er nun auch wieder nicht, fand Ellen und war sich ziemlich sicher, dass sie notfalls mit Schlimmerem aufwarten könnte, obwohl ihr früher erstaunliches Gedächtnis zugegebenermaßen auch nicht mehr das war, was es einmal gewesen war. Aber so ging es schließlich mit allem, dachte sie lachend.

Für eine Frau ihres Alters klang ihr Lachen erstaunlich jugendlich, eher ein teenagerhaftes Kichern als das einer Frau, die vor Kurzem ihren siebzigsten Geburtstag gefeiert hatte.

»Das kann man wohl sagen«, meinte Stuart Laufer, seit beinahe fünfzig Jahren ihr Ehemann. Er legte seine für einen fast Fünfundsiebzigjährigen erstaunlich muskulösen Arme um seine Frau, und gemeinsam starrten sie aus dem Fenster ihrer alten Blockhütte auf die Bäume, deren Äste von dem Furcht einflößenden Wind regelrecht zur Raserei gepeitscht wurden.

Seit fast fünf Stunden goss es in Strömen, kurz nach drei hatte der Dauerregen begonnen. Wie aus dem Nichts war eine bedrohliche Wand dunkler Wolken aufgezogen, die die blasse Sonne rasch verdeckt hatte. Beinahe unmittelbar danach waren große schwere Tropfen niedergeprasselt wie Kugeln aus einem himmlischen Maschinengewehr, bevor der Wind aufgefrischt war, begleitet von lautem Donner und wild zuckenden Blitzen, dann noch mehr Sturm, mehr Blitze, Kugelhagel. Wunderschön, hatte Ellen gestaunt, und gleichzeitig erschreckend, wie so häufig bei allem Schönen.

Ich war auch einmal schön, dachte sie.

»Das ist viel zu heftig, um lange zu dauern«, hatte Stuart sie beide zu beruhigen versucht. »Da hab ich mich wohl geirrt«, hatte er zugegeben, als der Nachmittag sich in den Abend gedehnt und von dem immer dunkler werdenden Himmel verschluckt worden war. Die Lampen in der kleinen Hütte begannen zu flackern und warfen unscharfe Schatten an die weißen Wände, wie huschende Tiere. »Ich zünde besser ein Feuer an, falls der Strom ausfällt«, sagte Stuart jetzt.

»Ich werde husten und prusten und dir dein Haus zusammenpusten«, flüsterte Ellen und erinnerte sich an das Märchen von den drei kleinen Schweinchen und dem großen bösen Wolf, das ihre Mutter ihr als Kind immer vorgelesen hatte. Unerwartet schossen Tränen in ihre tief liegenden blauen Augen. Erstaunlich, dachte sie, da weinte sie mit siebzig um die Mutter, die sie vor fast zwanzig Jahren verloren hatte. Als ob sie noch immer das kleine Mädchen wäre, das zusammengerollt im Schoß seiner Mutter lag, von ihren schützenden Armen umhüllt. Sie vermisste sie nach wie vor schmerzhaft, spürte ihre Abwesenheit beinahe so intensiv wie früher ihre Anwesenheit. Bis heute fühlte sie die weiche Berührung ihrer Lippen auf ihrer Stirn. Sie hatte noch den Blick vor Augen, mit dem ihre Mutter sie jedes Mal stolz angesehen hatte, den dramatischen Ton ihrer Stimme im Ohr, mit dem sie ihr die Märchen der Gebrüder Grimm vorgelesen hatte. Ellen war immer davon ausgegangen, dass sie dieselben Geschichten eines Tages ihren eigenen Kindern und danach ihren Enkeln vorlesen würde. Aber keiner ihrer Söhne hatte sich besonders für Märchen interessiert oder auch nur lange genug still gesessen, dass sie über das obligatorische »Es war einmal« hinausgekommen wäre. Sie hatten sich zappelnd aus ihrem Schoß gewunden und erst Modellflugzeuge spannender gefunden als Bücher und später dann Mädchen spannender als so ziemlich alles andere. Beide Jungen waren inzwischen erwachsene Männer von dreiundvierzig und vierzig Jahren, hatten Frauen geheiratet, die sie an der Uni kennengelernt hatten – Todd hatte in Berkeley studiert, Ben in Stanford –, und waren mit ihnen an der Westküste geblieben. Keine der beiden Ehen hatte mehr als ein paar Jahre gehalten, beide Männer hatten wieder geheiratet, Ben sogar mehrmals, zuletzt eine Pole-Dancerin aus Russland. Aus den diversen Ehen waren fünf Kinder hervorgegangen, drei Jungen und zwei Mädchen – Mason, Peyton, Carter, Willow und Saffron – woher hatten sie bloß diese Namen? Alle waren mittlerweile Teenager und hatten keinen Kontakt mehr zu ihren Großeltern väterlicherseits an der Ostküste. Ellen konnte sich nicht erinnern, wann sie einen von ihnen zum letzten Mal gesehen hatte. Jahrelang hatte sie zu Weihnachten und Geburtstagen Geld geschickt. Manchmal erhielt sie eine Dankeskarte, häufiger jedoch nicht. Sie hatte sich bei ihren Söhnen beklagt, aber die hatten ihr erklärt, sie seien machtlos. »Exfrauen«, hatte Ben achselzuckend gemeint, als ob das alles erklären würde. In letzter Zeit hatte Ellen versucht, per E-Mail mit ihren Enkeln zu kommunizieren, doch ihre kurzen Fragen nach Gesundheit und Wohlbefinden waren unbeantwortet geblieben. Sie bezweifelte, dass einer von ihnen sich die Mühe machen würde, zu der Goldenen Hochzeit zu kommen, die Stuart und sie im Herbst feiern wollten. »Und so lebten sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage …« Was war nur daraus geworden, fragte sie sich.

Ellen hörte, wie Stuart sich ächzend und mit knackenden Kniegelenken bückte, um die Scheite in dem alten gemauerten Kamin aufzuschichten. Sie betrachtete sein wettergegerbtes, aber immer noch attraktives Gesicht. Seine sanften braunen Augen waren konzentriert zusammengekniffen, seine hohe Stirn gerunzelt, während er sich mit seinen arthritisch geschwollenen Fingern bemühte, ein langes Streichholz anzuzünden. Trotz seines Alters sah der Mann noch immer blendend aus. Selbst nach all der Zeit ließ er ihr Herz noch immer höher schlagen. Ellen staunte über ihr Glück und fühlte sich schuldig, weil sie nicht in der Lage gewesen war, dieses Glück an ihre Söhne weiterzugeben.

Nur dass eine Ehe ebenso sehr harte Arbeit wie Glücksache war. Auch für sie hatte der Himmel nicht immer nur voller Geigen gehangen, der Alltag war nicht auf Rosen gebettet, das Leben kein Zuckerschlecken gewesen. Es hatte Tage, manchmal sogar Wochen am Stück gegeben, in denen ihr der Gedanke mehr als nur flüchtig verlockend erschienen war, dass Stuart unter die Räder eines Busses geraten könnte. Es hatte Zeiten gegeben, in denen sie daran gedacht hatte, ihn zu verlassen. Einmal hatte sie den Hörer sogar schon in der Hand gehabt, auf dem Küchentisch die aufgeschlagenen Gelben Seiten mit einer Liste prominenter New Yorker Scheidungsanwälte.

Aber dann hatte sie sich an einen Rat erinnert, den ihre Mutter ihr gegeben hatte: In schweren Zeiten solle sie sich an die Gründe erinnern, aus denen sie Stuart geheiratet hatte. Und sie hatte an sein süßes Lächeln, seinen verschmitzten Humor und die Art gedacht, wie seine goldgefleckten, braunen Augen jedes Mal aufleuchteten, wenn sie einen Raum betrat. Bald fielen ihr seine kleinen überraschenden Freundlichkeiten und aufmerksamen Gesten ein, seine stets sanften Berührungen, sein wacher Verstand und seine Duldsamkeit. Und kurz darauf waren die Gelben Seiten wieder in der Schublade verschwunden, und sie kochte ihm sein Lieblingsessen Maccaroni & Cheese. Denn das war noch etwas, was sie an ihm liebte – es war so leicht, ihm eine Freude zu machen.

Dass sie sich auch im Bett gut verstanden, schadete bestimmt auch nicht. Selbst in ihrem fortgeschrittenen Alter liebten sie sich immer noch oft und leidenschaftlich, vielleicht nicht mehr mit der Akrobatik der Jugend, doch darunter hatte ihre Gabe, einander Lust zu schenken, nicht gelitten. »Weißt du, welche Sexualpraktik unter Senioren am beliebtesten ist?«, hatte Stuart einmal gefragt und von seiner Zeitung aufgeblickt. »Oralsex«, hatte er seine eigene Frage augenzwinkernd beantwortet. »Sie reden darüber?«, hatte sie entgegnet. Und wie hatten sie gelacht.

Jetzt lachte sie wieder und wunderte sich, wie viele ihrer Freunde Sex mittlerweile ganz aufgegeben hatten, einige anscheinend ohne Bedauern. Nicht dass sie und Stuart abgesehen von Wayne und Fran McQuaker noch viele enge Freunde hatten, gestand sie sich traurig ein, und das Lachen erstarb in ihrer Kehle, als sie an die Freunde dachte, die an Krebs gestorben oder durch andere Schicksalsschläge aus ihrer Mitte gerissen worden waren.

Ihr Entschluss, das Stadtleben gegen die abgeschiedene Idylle einer Hütte einzutauschen, die sie Jahre zuvor als Investitionsobjekt gekauft hatten, war nicht unriskant gewesen. Ellen hatte sich immer als eine echte Großstadtpflanze gesehen und sich deswegen von vornherein gegen die Idee gesträubt. Aber nachdem ihre anfänglichen Befürchtungen bezüglich Insekten, wilder Tiere und der Einsamkeit zerstreut waren, stellte sie zu ihrer eigenen Verwunderung fest, dass sie den Frieden und die Stille der Natur in Wahrheit genoss. Sie liebte die malerischen Fahrten durch die Adirondack Mountains, die endlos gewundenen Straßen, gesäumt von hohen Bäumen, die sie schützend umfingen, den verklingenden Lärm der Stadt, bis er in den Bergen ganz verstummte und man nur noch den Gesang der Vögel und das Plätschern von kleinen Bächen in der Nähe hörte. Je mehr Zeit sie dort verbrachten, desto weniger verlockend wurde der Gedanke, die Hütte abzugeben, bis sie am Ende stattdessen das Haus in White Plains verkauft hatten und vor zwei Jahren ganz hierhergezogen waren. Ihr Sohn Ben hatte dringend davon abgeraten. Aber Ben, ein Anwalt, hatte seine zweite Frau, ebenfalls Anwältin, wegen einer russischen Pole-Dancerin verlassen, die er in einer Striptease-Bar namens Cheaters kennengelernt hatte, was nicht unbedingt für sein Urteilsvermögen sprach. »Was wollt ihr machen, wenn es einen Notfall gibt?«, hatte er gefragt.

»Wir haben ein Telefon und einen Computer«, hatte Ellen ihn erinnert. »Es ist schließlich nicht so, als ob wir fern jeder Zivilisation wären.«

»Es ist eine blöde Idee«, hatte Ben entgegnet, obwohl er die Hütte nie mit eigenen Augen gesehen hatte. »Schon der Name ist mir irgendwie unheimlich«, hatte er gesagt und schaudernd hinzugefügt: »Shadow Creek«. Schattenfluss wurde der kleine Bach genannt, der hinter der alten Blockhütte floss. »Außerdem hasst Katarina Moskitos.«

»Im Gegensatz zu uns anderen, die Moskitos lieben«, murmelte Ellen jetzt. Denn es gab hier draußen tatsächlich jede Menge Fliegen. Vor allem jetzt im Juli. Und Spinnen. Und Schlangen. Und Kojoten. Sogar Bären, dachte sie, obwohl sie bisher noch keinen zu Gesicht bekommen hatte. Die aufdringlichste aller Plagen in den Adirondacks waren jedoch die Touristen, die in den Sommermonaten scharenweise ausschwärmten. Viele von ihnen verirrten sich auf den nahe gelegenen Wanderwegen im Wald, einige klopften sogar an ihre Tür und baten darum, ihre Toilette benutzen zu dürfen. Wenn Ellen an der Tür war, wies sie sie freundlich ab. Stuart mit seinem viel zu weichen Herzen ließ sie manchmal herein.

»Hast du was gesagt?«, fragte er jetzt.

»Was? Oh, nein. Ich hab wohl nur laut gedacht.«

»Was denn?«

»Ich hab mich bloß gefragt, wie lange dieser Sturm noch dauert«, sagte Ellen. Sie wollte keine Diskussion über Ben und seine jüngste Gespielin beginnen, weil das Thema unweigerlich in einer Debatte über ihr Versagen als Eltern endete. Ja, es stimmte, ein Sohn war Arzt geworden, der andere Anwalt, also hatten sie wohl irgendwas richtig gemacht. Aber ebenso offensichtlich hatten sie auch etwas falsch gemacht, obwohl nicht ganz klar war, was das sein könnte. Ellen hatte schon viel zu viel Zeit damit vergeudet, es zu ergründen. Kinder kamen ohne Gebrauchsanweisung, hatte sie einmal gelesen, und Stuart und sie hatten bestimmt ihr Bestes gegeben, so gut sie es eben wussten und konnten.

Tatsache war jedoch auch, dass sie und Stuart schon immer in ihrem eigenen kleinen Kokon gelebt und außer einander im Grunde nie wirklich einen anderen Menschen gebraucht hatten, gestand sie sich ein. Was in Bezug auf ihre Söhne auch immer ein wunder Punkt gewesen war. Trotzdem erklärte das nicht, warum keiner von beiden in der Lage war, eine dauerhafte Beziehung zu führen. Wenn die fast ein halbes Jahrhundert währende Ehe ihrer Eltern nicht Vorbild genug für sie war, wusste Ellen nicht, was es sonst hätte sein können. Außerdem, was geschehen war, war geschehen, und nun war es zu spät, noch etwas daran zu ändern.

Oder nicht?

Ellen ging durchs Wohnzimmer in die Küche und nahm das kabellose schwarze Telefon. »Ich rufe Ben an«, sagte sie, bevor ihr Mann fragen konnte.

Er nickte, als wäre er nicht überrascht, und schürte weiter das Feuer. Das wohlige Aroma brennenden Zedernholzes erfüllte den großen Raum mit der offenen, hellen Küche. Auf der Rückseite der Hütte gab es drei Schlafzimmer und ein Bad. Die Betten in den beiden Gästezimmern waren noch unbenutzt, obwohl die McQuakers versprochen hatten, am Wochenende zu kommen, ein Besuch, auf den Ellen sich sehr freute.

Sie wählte die Telefonnummer ihres jüngeres Sohnes und wartete, während es ein, zwei, drei Mal klingelte.

»Hallo?«, meldete sich eine Frauenstimme, deren starker Akzent selbst dieses schlichte Wort einfärbte.

»Hallo, Katarina«, sagte Ellen fröhlich. »Hier ist …«

»Wer spricht da?«, unterbrach Katarina sie.

»Hier ist Ellen. Bens Mutter.«

»Tut mir leid. Verbindung ist sehr schlecht. Bitte rufen Sie später an.«

Erst nach ein paar Sekunden begriff Ellen, dass Katarina sie abgehängt hatte. »Ich glaube, die Verbindung wurde unterbrochen«, erklärte sie Stuart in dem Bemühen, positiv zu denken, und beschloss, stattdessen Todd anzurufen. Aber es gab kein Freizeichen mehr. »Oh. Ich glaube, die Leitung ist tot.«

»Wirklich? Lass mal sehen.« Stuart erhob sich mühsam und kam mit ausgestrecktem Arm auf seine Frau zu.

Ellen bemühte sich, ihren Unmut zu unterdrücken, als sie ihrem Mann das Telefon gab. Er wollte bestimmt nicht andeuten, dass er ihr nicht glaubte oder es irgendwie ihre Schuld war, dass die Leitung tot war, trotzdem fand sie es ärgerlich, dass er sich selbst vergewissern musste.

»Und?«, fragte sie.

»Ist tatsächlich tot«, bestätigte er und gab ihr das Telefon zurück.

»Heißt das, der Computer geht auch nicht?«

»Nein, der hat ja einen Akku. Du kannst es ja mal probieren, wenn du willst.«

»Nein«, sagte Ellen, deren Bedürfnis, mit einem ihrer Söhne zu sprechen, verflogen war. »Wahrscheinlich gehen als Nächstes die Lichter aus.«

Stuart grunzte zustimmend. »Lust auf ein Glas Wein?«

Ellen lächelte. »Ja, genau darauf hätte ich Lust.«

Stuart ging um das blaurot gestreifte Sofa zu dem Weinschrank an der gegenüberliegenden Wand. Er wollte gerade nach einer Flasche Sauvignon Blanc greifen, als sie ein lautes Klopfen hörten.

»Was war das?«, fragte Ellen, während das Klopfen drängender wurde und den Raum erfüllte. »Ist das an der Haustür?«

Stuart machte zögernd ein paar Schritte in die Richtung.

»Mach nicht auf«, warnte Ellen ihn.

»Hallo!«, rief eine Stimme. »Hallo! Bitte, ist da jemand?«

»Klingt wie ein Kind«, flüsterte Stuart.

»Was sollte ein Kind bei diesem Wetter draußen machen?«, fragte Ellen, als Stuart den Türknauf fasste. »Mach nicht auf«, wiederholte sie.

»Sei nicht albern«, tadelte Stuart sie und riss die Tür auf.

Auf der anderen Seite der Schwelle stand ein Mädchen im tosenden Sturm, Wasser strömte von der Kapuze ihres Plastikregenmantels. Der Regen wehte ihr so heftig in Augen und Nase, dass man ihre Gesichtszüge kaum erkennen konnte, nur, dass sie jung war. Nicht direkt ein Kind, dachte Ellen, aber auch keine Erwachsene. Ein Teenager vermutlich.

»O Gott sei Dank«, sagte das Mädchen, stürzte in die Hütte, ohne dazu eingeladen worden zu sein, und schüttelte sich das Wasser aus dem Haar und von den Händen wie ein großer zottiger Hund. »Ich hatte schon Angst, dass niemand da ist.«

»Was in Gottes Namen machen Sie bei diesem Sauwetter da draußen?«, fragte Stuart und schloss unter dem wütenden Geheul des Windes die Tür vor dem Sturm.

»Ich hab mich mit meinem Freund gestritten«, sagte das Mädchen, während sie sich mit großen dunklen Augen nervös umsah.

»Mit ihrem Freund?«, wiederholte Ellen mit einem Blick zur Tür. »Wo ist er denn?«

»Wahrscheinlich noch immer in dem blöden Zelt. Er ist so verdammt stur. Er hat sich geweigert, in ein Motel umzuziehen, selbst als es angefangen hat, wie aus Eimern zu gießen. Nicht mit mir. Ich hab ihm gesagt, dass ich mir irgendein warmes Plätzchen suche. Aber dann hab ich mich natürlich verlaufen, genau wie er es vorhergesagt hat, und bin mindestens eine Stunde im Kreis rumgeirrt. Dann habe ich die Lichter von Ihrer Hütte gesehen. Gott sei Dank waren Sie zu Hause. Haben Sie vielleicht einen Tee oder irgendwas? Ich bin völlig durchgefroren.«

»O du armes Ding«, sagte Ellen und biss sich auf die Zunge, um nicht hinzuzufügen: »Du armes, dummes Ding!« Wer fing an einem Abend wie diesem einen Streit mit seinem Freund an? Wer brach bei so einem Sturm auf und rannte bei Blitz und Donner durch den Wald? Wer machte so etwas?

Halbwüchsige Mädchen, beantwortete sie sich ihre Frage im nächsten Atemzug stumm.

Ellen ging eilig in die Küche und setzte einen Kessel Wasser auf. »Dauert nur ein paar Minuten«, sagte sie und drehte sich zu dem jungen Mädchen um. Rotkäppchen, dachte sie, während das Mädchen tropfend auf dem Teppich stand und beiläufig ihre Umgebung taxierte. Warum hast du so große Augen, dachte Ellen und unterdrückte ein Schaudern.

»Lassen Sie mich Ihren Mantel aufhängen«, bot Stuart an, und das Mädchen zog hastig ihren Regenmantel aus. Darunter verbarg sich ein schlanker Körper in einem weißen T-Shirt und Jeans-Shorts. Über der Schulter trug sie eine große Stofftasche.

Ellen bemerkte die langen Beine, die vollen Brüste und die großen Augen des Mädchens, die ihre Umgebung weiter aufmerksam musterten. Ihre Augen waren definitiv das Attraktivste an ihr. Das übrige Gesicht war ziemlich unscheinbar, die Nase lang, die Lippen schmal. Aber tropfnass war es auch schwer, wie aus dem Ei gepellt auszusehen, dachte Ellen und entschied, dass sie wieder einmal zu kritisch war. Genau das hatten ihr ihre Söhne bei Gelegenheit vorgeworfen. Sie nahm sich vor, freundlicher zu sein. »Ich bringe Ihnen ein Handtuch«, bot sie an und holte ein flauschiges weißes Badetuch aus dem Bad.

Das Mädchen hatte es sich bereits auf dem Sofa bequem gemacht, die nackten Füße unter die Schenkel gezogen, die nassen Sandalen vor sich auf dem Boden, daneben die Stofftasche. Stuart saß ihr in dem dunkelblauen Samtsessel gegenüber, seine gütigen Augen strahlten großväterliche Sorge aus. Er war immer der Nettere von ihnen beiden gewesen, dachte Ellen und merkte, wie sehr sie sich in ihren fünfzig gemeinsamen Jahren darauf verlassen hatte, dass er ihre harten Kanten gegenüber anderen glättete.

»Das ist ein wunderschönes Haus«, sagte das Mädchen, zog ihre Füße wieder auf den Boden und nahm das Handtuch, das Ellen ihr hinhielt. »Sie haben es wirklich sehr nett eingerichtet. Ich liebe den Kamin.« Sie begann, mit dem Handtuch die Spitzen ihres feuchten Haars abzurubbeln. »Vielen Dank.«

Ellen bemühte sich zu übersehen, dass die dreckigen Füße des Mädchens ihr Sofa beschmutzten und dass sie unter ihrem knappen T-Shirt keinen BH trug. Du bist bloß eine eifersüchtige alte Frau, ermahnte sie sich und erinnerte sich an die Zeit, als sie selbst noch volle, feste Brüste gehabt hatte. »Ich bin Ellen Laufer«, zwang sie sich, sich vorzustellen. Wenn sie netter zu Katarina und all den anderen Frauen ihrer Söhne gewesen wäre, hätte sie heute vielleicht eine bessere Beziehung zu ihren Enkeln, dachte sie unwillkürlich. »Das ist mein Mann Stuart.«

»Nennen Sie mich Nikki«, sagte das Mädchen und trocknete sich weiter lächelnd das Haar. »Mit zwei K. Der Name gefällt mir. Was meinen Sie? Sie haben nicht zufällig einen Fön, oder?«

»Nein, tut mir leid«, log Ellen. Dem Mädchen ein Handtuch und eine Tasse Tee anzubieten, war eine Sache, aber genug war genug. Und was meinte sie mit »Nennen Sie mich Nikki«? War das nun ihr Name oder nicht?

»Das heißt, Ihr Haar ist von Natur aus so lockig? Das ist fantastisch.«

»Danke.« Ellen fasste sich an ihr blondes Haar, das sie am Morgen eine ganze Stunde mit dem Curlingstab bearbeitet hatte, und fühlte sich sofort schuldig. Ich hätte sie meinen Fön benutzen lassen sollen, dachte sie. Was war mit ihr los?

»Hat das Wasser jetzt bald gekocht?«, fragte Nikki.

»Oh. Ja, ich glaube schon.« Ellen ging wieder in die Küche. Die Kleine war jedenfalls nicht zu schüchtern, danach zu fragen, was sie wollte, dachte sie, nahm einen Becher aus dem Kieferholzschrank und kramte in einem anderen Schrank nach Teebeuteln. Sie fragte sich, wie lange sie die Gastgeber für das Mädchen spielen mussten, das kaum älter als sechzehn sein konnte. Wo war bloß ihre Mutter, Himmel noch mal? Was hatte sie sich dabei gedacht, ihrer Tochter zu erlauben, mit einem jungen Mann in den Adirondack Mountains zu zelten, der offenbar nicht genug Verstand hatte, bei diesem Regen ins Trockene zu fliehen? »Was hätten Sie lieber, English Breakfast oder Red Rose? Ich habe beide.«

»Haben Sie auch Früchtetee?«, fragte Nikki.

Ellen spürte, wie sich ihre Kehle zuschnürte. »Ja, schon. Preiselbeere oder Pfirsich. Das ist meine Lieblingssorte.«

Das Mädchen zuckte die Achseln. »Okay.«

Ellen hängte einen Teebeutel in den Becher mit heißem Wasser und bemerkte besorgt, dass die Packung zur Neige ging. Ihre Mutter wäre ohnehin entsetzt gewesen. Wie oft hatte sie erklärt, dass man für einen guten Tee lose Blätter fünf Minuten in der Kanne ziehen lassen musste? Aber ihre Mutter war schon lang tot, dachte sie wieder, und die Zeiten änderten sich.

Zwanzig Jahre, wiederholte Ellen stumm, und der Gedanke kroch ihr unter die Haut und breitete sich aus, wie der dunkle Tee in dem heißen Wasser. War das wirklich schon so lange her?

»Warum braucht der Tee so lange?«, fragte Stuart und riss Ellen jäh in die Gegenwart zurück. »Das arme Mädchen fängt schon an, mit den Zähnen zu klappern.«

»Kann ich Milch dazu haben?«, fragte Nikki.

»Zu Früchtetee? Ich glaube, das ist wirklich nicht nötig …«

»Ich mag ihn lieber mit Milch. Magermilch, wenn Sie haben.«

»Ich fürchte, wir haben nur entrahmte.«

»Oh.« Ein erneutes Achselzucken. »Okay. Und vier Löffel Zucker.«

Ellen gab gehorsam einen Schuss Milch und vier Löffel Zucker in den ohnehin süßen Tee, trug ihn ins Wohnzimmer und gab Nikki den robusten blauen Becher. »Vorsicht«, warnte sie. »Er ist heiß.« Sie setzte sich in den rot-beigen Polstersessel neben ihrem Mann und beobachtete, wie das Mädchen den Becher behutsam an die Lippen führte.

»Das sagt meine Großmutter auch immer.« Nikki trank erst einen und dann noch einen Schluck.

»Klingt so, als wäre Ihre Großmutter eine sehr weise Frau.«

»Sie ist eine Hexe«, sagte Nikki. »Haben Sie Kekse oder irgendwas?«

Was soll das heißen, sie ist eine Hexe, wollte Ellen fragen.

»Bestimmt.« Stuart sprang auf, bevor Ellen den Gedanken laut aussprechen konnte.

»Tut mir leid, dass ich eine solche Plage bin«, sagte Nikki, »aber ich habe seit heute Mittag nichts mehr gegessen, und ich sterbe vor Hunger.«

»Nun, dann finden wir bestimmt was Besseres als Kekse«, sagte Stuart. »Wir haben im Kühlschrank doch noch was von dem Roastbeef, oder Ellen?«

»Ich glaube schon«, sagte Ellen, obwohl sie dachte, dass sie das Fleisch eigentlich für ihr Mittagessen morgen eingeplant hatte. Nun musste sie am Vormittag nach Bolton Landing fahren, um Neues zu kaufen. Vorausgesetzt, bis dahin hatte es aufgehört zu regnen. Und wie lange wollte dieses Mädchen, das so respektlos von ihrer Großmutter sprach, überhaupt bleiben? Ja, natürlich konnten sie sie schlecht wieder in den Sturm rausschicken, antwortete sie Stuart stumm, obwohl der kein Wort gesagt hatte. Aber was, wenn es die ganze Nacht regnete? Was, wenn es tagelang nicht aufklarte? »Vielleicht sollten Sie versuchen, Ihre Eltern anzurufen«, schlug Ellen Nikki vor. Das Mädchen hatte doch bestimmt ein Handy in ihrer Tasche.

»Wozu?«

»Um ihnen zu sagen, dass Sie in Sicherheit sind. Und wo sie Sie abholen können«, fügte sie hinzu und strengte sich an, die Betonung nicht zu auffällig auf das Ende des Satzes zu legen.

Nikki schüttelte den Kopf. »Nee. Ich komme schon zurecht.«

»Wir haben Roastbeef und noch ein bisschen geräucherte Pute«, sagte Stuart, den Kopf halb im Kühlschrank.

»Ich bin eigentlich eher Vegetarierin«, informierte Nikki ihn.

Ellen musste sich auf beide Hände setzen, um dem undankbaren Mädchen nicht an die Gurgel zu gehen.

»Wie wär’s dann mit einem Sandwich mit überbackenem Käse?«, fragte Stuart freundlich, obwohl das leichte Zucken an seiner Schläfe erkennen ließ, dass auch er langsam die Geduld mit ihrem unerwarteten Gast verlor.

»Klingt gut«, sagte Nikki. »Ich nehme an, Sie bekommen nicht oft Besuch.«

»Nicht oft«, bestätigte Ellen. »Wir sind hier ein bisschen ab vom Schuss.«

»Wem sagen Sie das! Haben Sie keine Angst, ganz alleine hier draußen?«

»Es gibt ein paar Hütten in der Nähe«, sagte Stuart.

»Die sind aber ziemlich weit weg. Wo ist denn Ihr Fernseher?«, fragte Nikki plötzlich und ließ ihren Blick wieder durch den großen Raum wandern.

»Wir haben nie viel ferngesehen«, erklärte Ellen. Wahrscheinlich ein weiterer Grund, warum ihre Enkel wenig Neigung zeigten, sie zu besuchen.

»Wir haben ein Radio«, warf Stuart ein, nahm ein kleines Stück Cheddar aus dem Kühlschrank und zwei Scheiben Brot aus dem Kasten auf dem Tresen, die er mit Butter bestrich. »Und wir können uns die Sendungen auch auf dem Computer ansehen, wenn wir wirklich wollen.«

»Ich könnte nicht ohne Fernseher leben. Ich würde mich zu Tode langweilen«, sagte Nikki. »Und haben Sie eine Waffe?«

»Wozu sollten wir eine Waffe haben?«, fragte Stuart.

»Na ja, zu Ihrem Schutz.«

»Warum sollten wir Schutz brauchen?«

»Sie haben offensichtlich noch nichts von den Leuten gehört, die letzte Woche in den Berkshires ermordet worden sind«, erwiderte Nikki nüchtern.

Stuart ließ das Buttermesser fallen. Es prallte von dem Tresen ab, fiel auf den Boden und rutschte auf den glatten Holzdielen unter den Herd. »Was für Leute?«, fragten er und Ellen gleichzeitig mit sich überschlagenden Stimmen.

»Ein altes Ehepaar in den Berkshires«, sagte Nikki. »Sie wohnten allein, meilenweit vom nächsten Nachbarn entfernt. Genau wie Sie. Irgendjemand hat sie niedergemetzelt.«

Ellen merkte, dass sie den Atem anhielt.

»Regelrecht in Stücke gehackt«, fuhr Nikki fort. »Es war ziemlich übel. Die Polizei hat gesagt, die Hütte hätte ausgesehen wie ein Schlachthaus. Überall Blut. Es stand in allen Zeitungen. Haben Sie es nicht gelesen?«

»Nein«, sagte Ellen und sah ihren Mann mit einem Blick an, der sagte, schaff dieses Mädchen sofort aus meinem Haus.

»Schreckliche Geschichte. Die Täter haben dem armen Kerl offenbar fast den Kopf abgesäbelt. Hier, wollen Sie mal lesen?« Sie fischte ihre Stofftasche vom Fußboden, kramte darin herum und zog eine ordentlich zusammengelegte Zeitungsseite heraus, die sie entfaltete und Ellen gab.

Ellen warf einen Blick auf die grelle Schlagzeile Älteres Ehepaar in entlegener Hütte brutal ermordet und das körnige Schwarzweißfoto von zwei Leichensäcken auf Bahren, umringt von Polizisten mit grimmigen Gesichtern. »Warum bewahren Sie so etwas auf?«, fragte sie.

Nikki zuckte mit den Achseln. »Was macht mein Sandwich, Stuart? Brauchen Sie Hilfe?« Sie erhob sich von dem Sofa und ging in die Küche.

Was war hier los, fragte Ellen sich, bemüht, die Ruhe zu bewahren. »Ich denke, wir sollten versuchen, Ihre Eltern zu erreichen«, hörte sie sich sagen, so zaghaft, dass sie ihre eigene Stimme kaum erkannte.

»Geht nicht. Mein Handy hat keinen Empfang, und Ihre Leitung ist tot.«

Einen Moment lang war es vollkommen still.

»Woher wissen Sie, dass unsere Leitung tot ist?«, fragte Ellen.

Nikki schenkte ihr ein süßes Lächeln. »Oh. Weil mein Freund das Kabel durchgeschnitten hat.« Dann ging sie entschlossen zur Haustür und öffnete sie.

Ein junger Mann füllte den Türrahmen. Wie aufs Stichwort zuckte ein Blitz am Himmel und ließ die kalte Wut in seinen Augen aufleuchten, die zu einem brutalen Lächeln verzogenen Lippen und die glänzende Klinge der Machete in seiner Hand.

»Hi, Babe«, sagte Nikki kichernd, als der junge Mann in die Hütte trat.

»Darf ich dir die Zeitungsausschnitte von morgen vorstellen.«

Stuart stürzte zu der Schublade mit diversen Küchenmessern, aber trotz jahrelangen regelmäßigen Trainings wurde er von dem gnadenlosen jungen Mann mühelos überwältigt. Mit seiner Machete schlitzte er in einer fließenden, beinahe anmutigen Bewegung Stuarts runzeligen Hals auf. »Ellen«, hörte sie ihn wimmern, ein Gurgeln in seiner offenen Kehle, bevor er zusammenbrach, während der junge Mann über ihm stand und mehrfach auf Stuarts reglosen Körper einhieb, bis dessen Augen, die immer voller Leben gewesen waren, sich stumpf zur Decke verdrehten.

»Stuart!«, rief Ellen und drehte sich hilflos im Kreis, weil sie wusste, dass es keinen Ausweg gab. Sie spürte das Mädchen in ihrem Rücken, Hände, die grob ihr Haar packten, ihren Kopf in den Nacken rissen und ihre Halsschlagader für die Klinge des Henkers entblößten. Sie spürte den Schnitt in ihrer Kehle, sah voller Entsetzen die Blutfontäne, die in hohem Bogen aus ihrem Körper schoss, und hörte, wie die Luft aus ihrer durchlöcherten Lunge entwich. Sie dachte an Todd und Ben und fragte sich, ob ihre beiden Söhne zur Beerdigung der Eltern kommen würden. »Sie waren sich selbst genug«, konnte sie sie auch jetzt noch vorwurfsvoll sagen hören. »Es passt, dass sie gemeinsam gestorben sind.«

Fünfzig Jahre zusammen, dachte sie. Eine so lange Zeit. Und dann war es plötzlich ohne jede Warnung vorbei. Das ist viel zu heftig, um lange zu dauern, erinnerte sie sich an die Worte, die ihr Mann vorhin über das Unwetter gesagt hatte.

Sie sank auf die Knie, sah, wie der Raum sich vor ihren Augen drehte, und fragte sich, wie lange es dauern würde, bis man sie fand.

Das Letzte, was sie sah, bevor ein letzter Stoß des Messers ihre Augen ein für alle Mal schloss, war das warmherzige, liebevolle Gesicht ihrer Mutter.

KAPITEL 1

»Brianne«, rief Valerie an der Treppe, »wie kommst du da oben voran?«

Keine Antwort.

»Brianne«, rief sie ein zweites Mal. »Es ist fast elf. Dein Vater wird jeden Moment hier sein.«

Nach wie vor keine Antwort, was Val nicht überraschte. Ihre Tochter antwortete frühestens nach dem dritten Versuch.

»Brianne«, tat sie ihr den Gefallen, »wie kommst du mit dem Packen voran?«

Eine Tür ging auf, nackte Füße tapsten eilig über den Flur im ersten Stock, eine schulterlange, braune Mähne und lange Beine huschten vorbei, der schockierende Anblick eines G-Strings aus schwarzer Spitze samt passendem Push-up-BH mit jeder Menge nackter Haut dazwischen. Die Fäuste hatte sie mit vertrauter Ungeduld in die schlanken Hüften gestemmt. »Ich würde prima vorankommen, wenn du mich nicht dauernd unterbrechen würdest.« Briannes Worte purzelten die mit grünem Teppich ausgelegten Stufen herunter und hätten Valerie mit der Wucht ihrer beiläufigen Geringschätzung beinahe umgeworfen.

»Du bist nicht mal angezogen«, stotterte sie. »Dein Vater …«

»… kommt sowieso zu spät«, sagte ihre Tochter mit der unverschämten Gewissheit, über die offenbar nur sechzehnjährige Mädchen verfügen. »Er kommt immer zu spät.«

»Es ist eine lange Fahrt«, wandte Valerie ein. »Er hat gesagt, er wollte vor dem Abendessen dort sein.«

Aber Brianne war schon vom oberen Treppenabsatz verschwunden. Kurz darauf hörte Valerie die Zimmertür ihrer Tochter zuknallen. »Sie ist noch nicht einmal angezogen«, flüsterte sie an die elfenbeinfarbenen Wände gewandt. Wahrscheinlich hatte sie auch noch nicht einmal angefangen zu packen. »Na super. Super.« Das bedeutete, sie würde ihren zukünftigen Exmann und seine neue Verlobte unterhalten müssen, bis ihre Tochter fertig war. Aber das war vielleicht gar nicht so schlecht, dachte sie, zumal Evan in letzter Zeit angedeutet hatte, dass es mit der liebsten Jennifer nicht so gut lief und es vielleicht der größte Fehler seines Lebens gewesen sei, Valerie zu verlassen.

Es wäre nicht das erste Mal, dass er diesen speziellen Fehler machte, dachte Val, öffnete die Haustür ihres modernen, großzügig verglasten Backsteinhauses in Park Slope und ließ den Blick auf der Suche nach Evans Wagen in beide Richtungen über die schicke Brooklyner Straße schweifen. Er hatte sie schon einmal verlassen und war nur Tage vor ihrer Hochzeit mit einer der Brautjungfern durchgebrannt. Sechs Wochen später war er wieder da gewesen und hatte sie voller unterwürfiger Entschuldigungen angefleht, ihm noch eine Chance zu geben. Das Mädchen habe ihm nichts bedeutet, hatte er beteuert. »So dumm werde ich nie wieder sein«, hatte er geschworen.

Aber das war er natürlich doch.

»Du bist alles, was ich je brauche«, hatte er ihr erklärt.

Aber das war sie natürlich nicht.

In ihren achtzehn gemeinsamen Jahren hatte Val ihn mindestens eines Dutzends Affären verdächtigt und jedes Mal beide Augen fest zugedrückt. Irgendwie war es ihr gelungen, sich selbst einzureden, dass er die Wahrheit sagte, wenn er anrief, um ihr mitzuteilen, dass er Überstunden machen oder wegen eines dringenden Meetings ein verabredetes Mittagessen absagen musste. Besorgten Freunden, die Evan in einem beliebten Manhattaner Restaurant am Hals einer attraktiven Brünetten hatten knabbern sehen, versicherte sie sogar, dass es keine große Sache sei. Ihr kennt doch Evan, sagte sie mit einem selbstbewussten Lachen. Er flirtet halt gerne. Es hat nichts zu bedeuten.

Sie hatte es so oft gesagt, dass sie es beinahe selbst geglaubt hatte.

Beinahe.

Und dann war sie, nachdem sie sich den ganzen Tag um ihre Mutter gekümmert hatte, eines Nachmittags müde und deprimiert nach Hause gekommen und hatte ihn mit der jungen Frau im Bett erwischt, die er kurz zuvor engagiert hatte, damit sie eine neue Werbekampagne für seine Hotelkette entwarf. Ihre muskulösen und wohlgeformten Beine waren hoch in die Luft und über seine breiten Schultern gestreckt, beide waren vollkommen vertieft in ihre beeindruckende Gymnastik, und Val war endgültig gezwungen, ihre fest zugedrückten Augen zu öffnen.

Sogar dann noch war es seine Entscheidung gewesen auszuziehen.

Ich sollte ihn hassen, dachte sie.

Aber die schreckliche, unverzeihliche Wahrheit war, dass sie ihn nicht hasste. Die schreckliche und noch unverzeihlichere Wahrheit war, dass sie ihn immer noch liebte und betete, er möge wieder zur Vernunft kommen wie damals, als er wenige Tage vor ihrer Hochzeit abgehauen und zu ihr zurückgekehrt war.

Was ist bloß los mit mir?

Es war ihre eigene verdammte Schuld. Sie hatte gewusst, wie er war, als sie ihn heiratete. Vom ersten Moment an, als sie ihn in der Lobby des kleinen Chalets in der Schweiz erblickte, hatte sie gewusst, dass er sie ins Unglück stürzen würde. Sonnengebräunt und fit und umringt von bewundernden Skihäschen hatte er damals vor einem prasselnden Feuer Hof gehalten. Genau der Typ Mann, den sie in den einundzwanzig Jahren bis zu diesem Moment zu meiden gesucht hatte, ein Mann von großen Gesten und kleinen Grausamkeiten, ebenso charmant wie unverfroren. Sie kannte den Typ gut, weil sie von genau so einem Mann aufgezogen worden war.

»Es hat nichts zu bedeuten«, hatte sie ihren Freundinnen erklärt, die gleichen Worte, die ihre Mutter zu ihr gesagt hatte.

Nun, vielleicht bedeutete es für Männer wie ihren Vater und Evan wirklich nichts, hatte Val begriffen, aber es bedeutete etwas für die Frauen, die sie liebten.

Und wohin führte all deren tapfere Nachsicht?

Nirgendwohin.

Sie wurden trotzdem abserviert.

Ihre Freunde hatten einen kollektiven Seufzer der Erleichterung getan, als Evan ausgezogen war. »Er ist ein Schwachkopf«, hatte ihre beste Freundin Melissa verkündet. »Er hat dich nicht verdient«, pflichtete ihr gemeinsamer Freund James ihr bei. »Glaub mir, so bist du besser dran.«

Ihre Mutter war zu betrunken gewesen, um irgendetwas zu sagen.

Val hatte noch das betroffene Gesicht ihrer sonst stets lächelnden Mutter vor Augen, als ihr Vater ihr erklärt hatte, dass er sie für eine seiner sehr viel jüngeren Eroberungen verlassen würde. »Das hat nichts zu bedeuten. Er kommt zurück«, hatte ihre Mutter Valerie und ihrer jüngeren Schwester Allison versichert. Aber er war nicht zurückgekommen, sondern hatte irgendwann wieder geheiratet und zwei weitere Kinder gezeugt, beides Mädchen, mit denen er die ersetzte, die er so leichtfertig verlassen hatte. Derweil hatte Vals Mutter sich von einer fröhlichen, einnehmenden Frau nach und nach in ein freudloses und verbittertes altes Weib verwandelt, das vor allem in der Flasche Trost suchte. Wollte Val das Gleiche für Brianne?

»Brianne, brauchst du Hilfe?«, rief sie, schloss die Haustür gegen die drückende Julihitze, kehrte an den Fuß der Treppe zurück und strich sich ein paar kinnlange hellbraune Locken aus der feuchten Stirn. Als ließen sich so auch derlei beunruhigende Gedanken beiseiteschieben.

Evan hatte ihr bei der Scheidungsvereinbarung so ziemlich alles zugestanden, wonach sie verlangt hatte – das Haus, den weißen Lexus-SUV, einen beträchtlichen Unterhalt für sie und mehr als großzügigen Kindesunterhalt. Nur wenige Tage nach seinem Auszug aus ihrem großen Haus in Brooklyn war er in Jennifers kleine Wohnung in Manhattan eingezogen, allem Anschein nach nicht im Geringsten mitgenommen.

Ich sollte ihn hassen, dachte Val noch einmal.

Aber man hörte nicht einfach auf, jemanden zu lieben, den man fast sein halbes Leben lang geliebt hatte, nur weil er einen schlecht behandelte, hatte sie festgestellt, unabhängig davon, was man tun sollte. Trotzdem war es unfair, dass eine Frau, die sich anschickte, ihren vierzigsten Geburtstag zu feiern, einem Mann hinterhertrauerte, der sie unverhohlen betrogen hatte. Sie führte sich auf wie ein liebeskranker Teenager, der sich nach dem Einen verzehrte, der mit ihr Schluss gemacht hatte.

Allerdings war er nicht irgendein Mann. Er war seit fast zwanzig Jahren und noch mindestens einen weiteren Monat ihr Ehemann, bis ihre Scheidung rechtskräftig war, auch wenn er schon mit einer anderen verlobt war. Er war die Liebe ihres Lebens, ein Mann, mit dem sie mehrfach um die Welt gereist war, mit dem sie in den Schweizer Alpen zum Helikopter-Ski, in Colorado zum Wildwasser-Rafting und auf dem Gipfel des Kilimandscharos gewesen war. »Die einzige Frau, die mit mir mithalten kann«, hatte er gesagt. Wie oft sie das wohl schon gehört hatte …?

Es war auf einer Wanderung durch die Adirondack Mountains, als sie unvermittelt auf die Knie gefallen war und sie beide mit ihrem Heiratsantrag überrascht hatte. »Was soll’s«, hatte er lachend gerufen. »Das wird bestimmt ein Abenteuer.«

Ein Abenteuer war es auf jeden Fall gewesen, dachte Val und versuchte vergeblich, sich nicht in Nostalgie zu verlieren. Die ersten paar Jahre vor Briannes Geburt waren ein derart berauschender Taumel gewesen, dass es ihr relativ leicht gefallen war, Evans schweifende Blicke zu ignorieren und sich einzureden, sie würde sich das alles nur einbilden. Als sich das als zunehmend unmöglich erwies, hatte sie die Schuld zumindest zum Teil bei sich gesucht und sich bemüht, sich mehr anzustrengen, begehrenswerter, verfügbarer zu sein … all das, was sie offensichtlich nicht war. Und immer wieder erinnerte sie sich daran, wichtig war nur, dass sie diejenige war, die er wirklich liebte, und dass er, egal wie oft und weit er herumstreunte, immer zu ihr zurückkehren würde.

Evan war nicht ihr Vater.

Sie war nicht ihre Mutter.

Der Gedanke ließ Val aufstöhnen. Voller Entsetzen war ihr klar geworden, dass sie in dieselbe Falle getappt war wie ihre Mutter, deshalb war sie umso entschlossener, anders zu reagieren, nicht aufzugeben und mit jeder Faser ihres Seins um ihren Mann zu kämpfen. Nicht einmal von ihrer Schwangerschaft hatte sie sich bremsen lassen, war ihm selbst dann noch auf die steilsten Hänge und höchsten Gipfel gefolgt. Sie hatte den ersten Geburtstag ihrer Tochter verpasst, um ihn in den Himalaya zu begleiten, und die Reise damit gerechtfertigt, dass ein einjähriges Kind einen Tag nicht vom anderen unterscheiden konnte und sie Briannes Geburtstag feiern würden, wenn sie nach Hause kamen. Sie schrieb sogar einen Artikel über diesen Trip, der im Reiseteil der New York Times gedruckt wurde.

Es war der Beginn einer unerwarteten und unerwartet erfolgreichen Karriere, die zu einem abrupten und ebenso unerwarteten Ende gekommen war, als sie eines Tages früher als sonst nach Hause gekommen war, um Evan in ihrem Ehebett anzutreffen, wo er es der niedlichen Jennifer besorgte.

Damals hatte Val sich eingeredet, dass es ihre Schuld war. Sie war unaufmerksam geworden, selbstzufrieden. Und als Brianne im Laufe der Jahre vom Säugling zum Kleinkind und dann zu einem kleinen Mädchen herangewachsen war, das ihre Mutter brauchte, hatte sie sie zunehmend ungern allein gelassen. Der Kitzel der Gefahr reizte sie nicht mehr so wie früher. Sie war jetzt eine Mutter. Sie hatte Verantwortung. Sie machte sogar Karriere. Es ging nicht mehr nur um sie.

Obwohl es im Grunde eigentlich nie um sie gegangen war, sondern immer nur um Evan.

Sogar jetzt noch.

Wie hatte das passieren können?

Val hatte sich immer für eine starke Frau gehalten. Sie neigte nicht zum Klagen und war auch keine Heulsuse. Sie hatte so ziemlich jeden Aspekt ihres Lebens im Griff bis auf einen – Evan. Und vielleicht ihre Mutter. Also dann eben zwei. Oder drei, entschied sie, als sie an Brianne dachte. »Brianne«, rief sie in dem erneuten Versuch, die Stimmen in ihrem Kopf zum Schweigen zu bringen, »mach voran.«

Das Telefon klingelte.

Wahrscheinlich meine Mutter, die mir zum Geburtstag gratulieren will, dachte Valerie und ging durch den Flur in die Edelstahlküche auf der Rückseite des Hauses. War es möglich, dass sie tatsächlich daran gedacht hatte? Val schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich rief sie an, um zu fragen, ob Val ihr auf dem Weg nach Manhattan ein paar Flaschen Merlot vorbeibringen könnte.

Für einen Moment brach die Sonne durch die schweren Regenwolken, die den Himmel seit einer Woche praktisch lückenlos verdunkelten. Ihre Strahlen fielen durch das große, über zwei Etagen durchgehende Fenster, das eine komplette Wand der Küche einnahm. Val hoffte, dass der Regen endlich aufhören würde. Die Adirondack Mountains waren unbestreitbar schön, aber im Regen machte Zelten keinen Spaß, und Brianne war im Gegensatz zu Val bestenfalls ein widerwilliger Camper.

ENDE DER LESEPROBE