Verlag: Goldmann Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2010

Das Verhängnis E-Book

Joy Fielding

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E-Book-Beschreibung Das Verhängnis - Joy Fielding

Ein eiskalter Thriller!Als Suzy Bigelow eines Abends beschließt, in einer Bar in Miami Beach alleine einen Drink zu nehmen, kann sie nicht ahnen, dass sie damit eine wahre Lawine an verhängnisvollen Ereignissen lostreten würde. Denn am Tresen stehen drei Männer, die sie beobachten und schließlich eine Wette abschließen: Wer von ihnen es schafft, die attraktive junge Frau noch in derselben Nacht zu verführen, ist der Gewinner. Sehr schnell gerät Suzy in einen gefährlichen Strudel – und was wie ein harmloses Spiel begann, erfüllt sich in einem Hotelzimmer auf katastrophale Weise …

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E-Book-Leseprobe Das Verhängnis - Joy Fielding

Das Buch
Suzy Bigelow ist neu in Miami Beach, Florida – erst kürzlich ist sie mit ihrem Mann Dave, der als Arzt eine Anstellung in einer Klinik bekommen hat, hierhergezogen. Doch ihre Ehe ist nicht glücklich, denn Dave erweist sich zunehmend als Choleriker, der Suzy mit seinen unberechenbaren Wutausbrüchen das Leben zur Hölle macht. Eines Abends beschließt sie, in einer Bar einen Drink zu nehmen, um sich ein wenig abzulenken von ihren Sorgen. Schnell zieht die attraktive Unbekannte die Aufmerksamkeit von drei Männern auf sich, die am Tresen stehen – und plötzlich kommt einer von ihnen auf die Idee, eine Wette darüber abzuschließen, wer aus der Runde es schafft, Suzy noch am selben Abend zu verführen. Doch was zunächst beginnt wie ein harmloses Spiel, entwickelt sich mehr und mehr zu einer gefährlichen Gratwanderung – und schlägt schließlich um in eine wahrhafte Katastrophe ...
Joy Fielding 
gehört zu den unumstrittenen Spitzenautorinnen Amerikas. Seit ihrem Psychothriller „Lauf, Jane, lauf“ waren alle ihre Bücher internationale Bestseller. Joy Fielding lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Toronto, Kanada, und in Palm Beach, Florida. Weitere Informationen unter www.joy-fielding.de
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Die Schwester • Sag, dass du mich liebst • Das Herz des Bösen • Am seidenen Faden • Im Koma • Herzstoß • Das Verhängnis • Die Katze • Sag Mami Goodbye • Nur der Tod kann dich retten • Träume süß, mein Mädchen • Tanz, Püppchen, tanz • Schlaf nicht, wenn es dunkel wird • Nur wenn du mich liebst • Bevor der Abend kommt • Zähl nicht die Stunden • Flieh wenn du kannst • Ein mörderischer Sommer • Lebenslang ist nicht genug • Schau dich nicht um • Lauf, Jane, lauf! 
(alle auch als E-Book erhältlich)

Joy Fielding

DAS VERHÄNGNIS

Roman

Deutsch von Kristian Lutze

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel »The Wild Zone« bei Atria Books, New York.1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2010

by Joy Fielding, Inc.

Copyright © der deutschsprachigen Erstveröffentlichung 2010

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Coveragentur: UNO WerbeagenturCoverbild: Getty Images / Emmanuelle Brisson

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-04903-4V002

www.goldmann-verlag.de

Kapitel 1

So fängt es an.

Mit einem Witz.

»Also, kommt ein Mann in eine Bar«, begann Jeff und gluckste schon. »Er sieht einen anderen Mann, der griesgrämig an der Theke sitzt und an seinem Drink nippt. Vor ihm stehen eine Flasche Whiskey und ein winziges Klavier, auf dem ein ebenso winziger Mann spielt. ›Was ist los?‹, fragt der erste Mann. ›Trinken Sie einen mit‹, lädt ihn der zweite ein. Der erste Mann nimmt die Flasche und will sich gerade einen Schluck eingießen, als mit einer großen Rauchwolke ein Flaschengeist aus der Flasche aufsteigt. ›Wünsch dir was‹, weist der Flaschengeist den Mann an. ›Du sollst bekommen, was immer du begehrst.‹ ›Das ist leicht‹, sagt der Mann. ›Ich will zehn Millionen in kleinen Scheinen.‹ Der Flaschengeist nickt und verschwindet in einer weiteren Rauchwolke. Im nächsten Moment liegen zehn gegrillte Ferkel mit jeweils einer Melone im Maul vor dem Mann. ›Was zum Teufel soll das?‹, fragt der Mann wütend. ›Bist du taub? Ich hab gesagt zehn Millionen in kleinen Scheinen. Nicht zehn Melonen in kleinen Schweinen.‹ Beschwörend sieht er den Mann neben sich an. Der zuckt mit den Achseln und weist mit dem Kopf auf den kleinen Klavierspieler auf dem Tresen. ›Was? Glauben Sie, ich hätte mir einen dreißig Zentimeter langen Pianisten gewünscht?‹«

Nach kurzer Pause folgte eine laute Lachsalve, und die Art, wie sie lachten, war jeweils durchaus typisch für die drei Männer, die an der Theke der vollen Bar standen. Jeff, mit 32 der Älteste der drei, lachte am lautesten. Sein Lachen war wie er selbst – beinahe zu groß für den kleinen Raum; es übertönte die Rockmusik, die aus einer altmodischen Musikbox neben der Eingangstür dröhnte, hing über dem langen, glänzenden, schwarzen Marmortresen und drohte zarte Gläser umzuschmeißen und den Spiegel hinter den aufgereihten Flaschen zu zersplittern. Sein Freund Tom lachte beinahe genauso laut, auch wenn seinem Lachen Jeffs Resonanz und Leichtigkeit fehlte, was er durch längere Dauer und Tremolo in der Stimme wettzumachen suchte. »Der ist gut«, japste Tom immer noch schnaufend und glucksend. »Der ist echt gut.«

Das Lachen des dritten Mannes war zurückhaltender, aber genauso ehrlich. Ein bewunderndes Lächeln spannte seinen von Natur aus beinahe mädchenhaften Schmollmund bis zu seinen großen braunen Augen. Will hatte den Witz schon einmal gehört, vor fünf Jahren, um genau zu sein, als er noch ein nervöser Studienanfänger in Princeton gewesen war, doch das würde er Jeff gegenüber nie erwähnen. Außerdem hatte Jeff den Witz besser erzählt. Sein Bruder konnte fast alles besser als die meisten Leute, dachte Will und machte Kristin ein Zeichen, ihnen noch eine Runde zu bringen. Kristin warf lächelnd ihr langes, glattes, blondes Haar von einer Schulter auf die andere, wie es die sonnenverwöhnten Frauen von South Beach offensichtlich zu tun pflegten. Will sinnierte darüber, ob das eine spezielle Marotte in Miami oder in südlichen Klimazonen generell üblich war. Er konnte sich jedenfalls nicht daran erinnern, dass die jungen Frauen in New Jersey so oft und nachdrücklich ihr Haar geschüttelt hatten. Andererseits war er vielleicht auch nur zu beschäftigt oder zu schüchtern gewesen, um es zu bemerken.

Will beobachtete, wie Kristin drei große Gläser vollzapfte und sie routiniert über die Theke schob, wobei sie sich gerade weit genug vorbeugte, um den anderen Männern an der Bar einen kurzen Blick in den Ausschnitt ihrer Leopardenmuster-Bluse zu gönnen. Wenn man ein bisschen Fleisch zeigte, kriegte man mehr Trinkgeld, hatte sie ihm neulich anvertraut und behauptet, auf die Weise an manchen Abenden bis zu dreihundert Dollar zu verdienen. Nicht schlecht für einen kleinen Laden wie das Wild Zone, in dem höchstens vierzig Gäste bequem sitzen und vielleicht weitere dreißig an der immer belebten Bar stehen konnten.

YOU ARE IN THE WILD ZONE verkündete eine provokativ blinkende orangefarbene Neonschrift über dem Spiegel hinter dem Tresen. ENTER AT YOUR OWN RISK.

Ein entsprechendes Schild hatte der Besitzer des Lokals auch neben irgendeinem Highway in Florida gesehen und entschieden, dass Wild Zone der perfekte Name für die Nobelbar war, die er am Ocean Drive eröffnen wollte. Sein Instinkt hatte sich als richtig erwiesen. Im Oktober hatte das Wild Zone seine schweren Stahltüren geöffnet, gerade rechtzeitig für Miamis geschäftige Wintersaison, und acht Monate später brummte der Laden trotz drückender Hitze und der Abreise der meisten Touristen immer noch. Will liebte den Namen und seine Andeutung von Gefahr und Verantwortungslosigkeit. Und er musste bloß an dieser Theke stehen, um sich ein wenig verwegen zu fühlen. Er lächelte seinen Bruder an und dankte ihm stumm dafür, dass er ihn mitgenommen hatte.

Wenn Jeff das Lächeln seines Bruders bemerkte, zeigte er es nicht. Stattdessen griff er hinter ihn und nahm sein frisches Bier. »Und was würdet ihr Pappnasen euch wünschen, wenn ein Flaschengeist euch die Erfüllung eines Wunsches garantieren würde? Und es darf nicht irgendein Kitsch sein wie der Weltfrieden oder das Ende des Hungers«, fügte er hinzu. »Es muss etwas Persönliches sein. Etwas Egoistisches.«

»Zum Beispiel ein dreißig Zentimeter langer Penis«, sagte Tom lauter als nötig, fand Will. Etliche Männer, die in der Nähe standen, wandten den Kopf in ihre Richtung, auch wenn sie so taten, als würden sie nicht lauschen.

»Den hab ich schon«, sagte Jeff, kippte sein halbes Bier in einem langen Schluck herunter und lächelte einer Rothaarigen zu, die am anderen Ende des Tresens stand.

»Das stimmt«, bestätigte Tom lachend. »Ich hab ihn unter der Dusche gesehen.«

»Aber vielleicht wünsche ich ein paar Zentimeter mehr für dich«, sagte Jeff, und Tom lachte wieder, wenngleich nicht ganz so laut. »Und was ist mit dir, kleiner Bruder? Brauchst du magische Unterstützung?«

»Ich komm ganz gut so zurecht, danke.« Trotz der eiskalten Lüftung begann Will unter seinem blauen Button-down-Hemd zu schwitzen und konzentrierte sich auf den großen grünen Neon-Alligator an der gegenüberliegenden Backsteinwand, um nicht rot zu werden.

»Oh, ich bring dich doch nicht etwa in Verlegenheit«, neckte Jeff. »Scheiße, Mann. Der Kleine hat einen Doktor in Philosophie aus Harvard und wird rot wie ein kleines Mädchen.«

»Princeton«, verbesserte Will ihn. »Und ich habe meine Doktorarbeit noch nicht abgeschlossen.« Er spürte, wie die Röte von seinen Wangen bis zu seiner Stirn stieg, und war froh, dass der Raum nur schwach beleuchtet war. Ich müsste längst mit dieser verdammten Dissertation fertig sein, dachte er.

»Lass gut sein, Jeff«, ermahnte Kristin ihn von der anderen Seite der Theke. »Achte gar nicht auf ihn, Will. Er ist einfach mal wieder ein Arschloch wie üblich.«

»Willst du mir erzählen, dass es nicht auf die Größe ankommt?«, fragte Jeff.

»Ich sage nur, dass Penisse total überbewertet sind«, antwortete Kristin.

Eine Frau in der Nähe lachte. »Das kann man wohl sagen«, murmelte sie in ihr Glas.

»Na, du musst es ja wissen«, sagte Jeff zu Kristin. »Hey, Will, hab ich dir schon von dem Dreier mit Kristin und einer Freundin erzählt?«

Will wandte den Blick ab, ließ ihn über die dunklen Bodendielen und die Wand gegenüber gleiten, ohne irgendwo zu verharren, bis er schließlich am Foto eines Löwen hängen blieb, der eine Gazelle riss. Das ganze Prahlen und Feixen über Sex, in dem Jeff und seine Freunde sich offenbar gegenseitig zu übertreffen suchten, war ihm schon immer unbehaglich gewesen, aber er entschied, dass er sich nicht so anstellen durfte. War er nicht nach South Beach gekommen, um dem Stress des akademischen Lebens zu entfliehen, hinaus ins wirkliche Leben zu kommen und die Beziehung zu seinem älteren Bruder, den er jahrelang nicht gesehen hatte, wieder aufzufrischen? »Glaube nicht, dass du das erwähnt hast«, sagte er, stieß ein gepresstes Lachen hervor und wünschte, er wäre nicht so erregt, wie er es war.

»Sie war ein Superschuss, was, Krissie?«, fragte Jeff. »Wie hieß sie noch? Erinnerst du dich?«

»Heather, glaube ich«, antwortete Kristin leichthin, die Hände an den Seiten ihres kurzen, engen, schwarzen Rocks. Wenn es ihr peinlich war, ließ sie es sich nicht anmerken. »Noch ein Bier?«

»Ich nehme, was immer du uns auftischen willst.«

Kristin lächelte, ein wissendes, angedeutetes Grinsen, das ihre Mundwinkel umspielte, und warf ihr Haar von der rechten auf die linke Schulter. »Eine Runde Miller kommt sofort.«

»Braves Mädchen.« Wieder erfüllte Jeffs kräftiges Lachen den Raum.

Eine junge Frau drängte sich zwischen den Gästen an die Theke. Sie war Ende zwanzig, mittelgroß, ein wenig zu dünn mit schulterlangem dunklem Haar, das ihr ins Gesicht fiel, sodass man ihre Züge nur schwer erkennen konnte. Sie trug eine schwarze Hose und eine teuer aussehende, weiße Bluse. Wahrscheinlich Seide, dachte Will. »Ich hätte gern einen Granatapfel-Martini, bitte.«

»Kommt sofort«, sagte Kristin.

»Lassen Sie sich Zeit.« Die Frau strich eine Haarsträhne hinter ihr linkes Ohr, sodass man einen zierlichen Perlenohrring und ihr hübsches Profil sehen konnte. »Ich setze mich dort drüben hin.« Sie zeigte auf einen leeren Tisch in der Ecke unter einem Aquarell von einer galoppierenden Elefantenherde.

»Was zum Henker ist ein Granatapfel-Martini?«, fragte Tom.

»Klingt widerlich«, meinte Jeff.

»Schmeckt aber ziemlich gut.« Kristin räumte Jeffs leeres Bierglas ab und stellte ihm ein volles hin.

»Ach wirklich? Okay, dann probieren wir einen.« Jeff deutete an, dass die Bestellung auch Tom und Will mit einschloss. »Zehn Dollar für denjenigen, der seinen Granatapfel-Martini als Erster leer hat. Würgen verboten.«

»Abgemacht«, stimmte Tom eilfertig zu.

»Du bist verrückt.«

Als Antwort knallte Jeff einen Zehn-Dollar-Schein auf den Tresen, neben dem kurz darauf ein zweiter von Tom lag. Die beiden sahen Will erwartungsvoll an.

»Na gut«, sagte er, griff in die Tasche seiner grauen Hose und zog zwei Fünfer heraus.

Kristin beobachtete sie aus den Augenwinkeln, während sie der Frau, die an einem kleinen Tisch in der gegenüberliegenden Ecke Platz genommen hatte, den Granatapfel-Martini brachte. Von den drei Männern sah der wie immer ganz in Schwarz gekleidete Jeff mit seinen fein geschnittenen Zügen und seinem welligen, blonden Haar mit Abstand am besten aus. Kristin vermutete, dass er sich die Haare tönte, würde ihn jedoch nie danach fragen. Jeff war ziemlich jähzornig, und man wusste nie, was seine Wutausbrüche provozierte. Im Gegensatz zu Tom, dachte sie und ließ den Blick zu dem dünnen, dunkelhaarigen Mann in Jeans und kariertem Hemd wandern, der direkt rechts neben Jeff stand. Ihn provozierte alles. 1,85 Meter kaum kontrollierte Wut, dachte sie und fragte sich, wie Toms Frau das aushielt. »Seit Afghanistan ist er so«, hatte sie ihr erst in der vergangenen Woche anvertraut, als Jeff die Gäste an der Bar mit der Geschichte unterhielt, wie Tom, erzürnt über eine Schiedsrichterentscheidung, eine Pistole aus dem Hosenbund seiner Jeans gezogen und auf seinen brandneuen Plasmafernseher geschossen hatte, der noch nicht einmal ganz abbezahlt war. »Seit er zurück ist …«, hatte sie ihr in all dem Gelächter zugeraunt, das die Geschichte begleitet hatte, und den Gedanken unvollendet gelassen. Dass Tom seit fast fünf Jahren wieder zu Hause war, spielte offenbar keine Rolle.

Jeff und Tom waren seit der Highschool beste Freunde, die beiden Männer hatten sich gemeinsam bei der Armee gemeldet und mehrere Einsätze in Afghanistan absolviert. Jeff war als Held heimgekehrt, Tom in Schande, unehrenhaft entlassen, weil er ohne Grund einen unschuldigen Zivilisten angegriffen hatte. Das war eigentlich alles, was sie über die Zeit der beiden dort wusste. Weder Jeff noch Tom mochten darüber reden.

Sie stellte den pinkfarbenen Martini auf dem runden Holztisch vor der dunkelhaarigen jungen Frau ab und betrachtete beiläufig ihre makellose, wenngleich blasse Haut. War das ein Bluterguss an ihrem Kinn?

Die Frau gab ihr einen zerknüllten Zwanzig-Dollar-Schein. »Stimmt so«, sagte sie leise und wandte sich ab, bevor Kristin sich bedanken konnte.

Sie steckte das Geld hastig ein und ging zurück hinter die Bar. Die Knöchelriemen ihrer hochhackigen silbernen Sandaletten scheuerten auf ihrer nackten Haut. Die Männer wetteten mittlerweile, wer am längsten eine Erdnuss auf der Nase balancieren konnte. Das sollte Tom locker gewinnen, dachte sie. Seine Nase hatte an der Spitze eine natürliche Furche, die den beiden anderen fehlte. Jeffs Nase war schmal und gerade, so attraktiv gemeißelt wie der Rest von ihm, während Wills Nase breiter und ein wenig schief war, was den Eindruck verletzter Empfindlichkeit noch unterstrich. Sie fragte sich, woher diese Verletztheit rührte, und entschied, dass er wahrscheinlich nach seiner Mutter kam.

Jeff hingegen war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Das wusste sie, weil sie auf ein Foto der beiden gestoßen war, als sie kurz nach ihrem Einzug vor etwa einem Jahr eine Schublade im Schlafzimmer aufgeräumt hatte. »Wer ist das?«, hatte sie gefragt, als sie Jeff kommen hörte, und auf das Bild eines Mannes mit zerfurchtem Gesicht, welligem Haar und einem großspurigen Grinsen gezeigt, dessen Unterarm schwer auf den Schultern eines ernst aussehenden kleinen Jungen lag.

Jeff hatte ihr das Foto aus der Hand gerissen und in die Schublade zurückgelegt. »Was machst du da?«

»Ich versuche bloß ein wenig Platz für meine Sachen zu schaffen«, hatte sie gesagt und den warnenden Unterton seiner Stimme überhört. »Ist das dein Vater?«

»Ja.«

»Dachte ich mir. Du siehst genauso aus wie er.«

»Das hat meine Mutter auch immer gesagt.« Damit hatte er die Schublade polternd zugeschoben und war aus dem Zimmer gegangen.

»Ha, ha – gewonnen«, rief Tom jetzt und reckte triumphierend die Faust, als die Erdnuss, die Jeff auf der Nase balanciert hatte, an seinem Mund vorbei über sein Kinn kullerte und zu Boden fiel.

»Hey, Kristin«, sagte Jeff, und sein leicht gereizter Ton verriet, wie sehr er es hasste zu verlieren, selbst eine unbedeutende Wette wie diese. »Was ist eigentlich mit diesen Granaten-Martinis?«

»Granatapfel«, verbesserte Will ihn und wünschte sich sofort, er hätte es nicht getan. Wut blitzte in Jeffs Augen auf.

»Was zum Henker ist eigentlich ein Granatapfel?«, fragte Tom.

»Es ist eine rote Frucht mit harter Schale, tonnenweise Kernen und jeder Menge Antioxidantien«, antwortete Kristin. »Angeblich sehr gesund.« Sie stellte den ersten pinkfarbenen Martini vor ihnen ab.

Jeff hielt sich das Glas unter die Nase und schnupperte argwöhnisch daran.

»Was sind Antioxidantien?«, fragte Tom Will.

»Warum fragst du ihn?«, fauchte Jeff. »Er ist Philosoph und kein Naturwissenschaftler.«

»Lasst es euch schmecken«, sagte Kristin, als sie die beiden anderen Martinis auf den Tresen stellte.

Jeff hob sein Glas und wartete, bis Tom und Will es ihm nachtaten. »Auf den Gewinner«, sagte er. Alle drei Männer legten den Kopf in den Nacken und schluckten das Getränk, als würden sie nach Luft schnappen.

»Fertig«, johlte Jeff kurz darauf und stellte das Glas triumphierend wieder auf die Bar.

»Mein Gott, das Zeug ist ja grauenhaft«, sagte Tom eine halbe Sekunde später und verzog das Gesicht. »Wie können Leute solchen Mist trinken?«

»Was meinst du, kleiner Bruder?«, fragte Jeff, als Will sein Glas geleert hatte.

»Nicht übel«, sagte Will. Er mochte es, wenn Jeff ihn seinen kleinen Bruder nannte, obwohl sie streng genommen nur Halbbrüder waren. Derselbe Vater, verschiedene Mütter.

»Aber auch nicht gut«, sagte Jeff und zwinkerte niemandem Bestimmtem zu.

»Ihr scheint es zu schmecken.« Tom wies mit dem Kopf auf die Dunkelhaarige in der Ecke.

»Da fragt man sich doch, was ihr sonst noch so schmeckt«, sagte Jeff.

Will ertappte sich dabei, die traurigen Augen der Frau zu betrachten. Er erkannte selbst aus der Entfernung und in diesem Licht, dass sie traurig waren, an der Art, wie sie ihren Kopf an die Wand lehnte und ziellos ins Leere starrte. Er merkte, dass sie hübscher war, als er es auf den ersten Blick vermutet hatte. Nicht umwerfend schön wie Kristin mit ihren smaragdgrünen Augen, den hohen Wangenknochen eines Fotomodells und ihrem sinnlichen Körper. Nein, das Aussehen dieser Frau tendierte eher zum Gewöhnlichen. Hübsch, gewiss, aber ohne groß die Blicke auf sich zu ziehen. Ihre Augen waren das Einzige, was an ihr wirklich hervorstach: groß, dunkel und wahrscheinlich tiefseeblau. Sie sah aus, als hätte sie tiefschürfende Gedanken, dachte Will. Er beobachtete, wie ein Mann sie ansprach, und war unvermutet erleichtert, als er sah, dass sie den Kopf schüttelte und ihn abwies. »Was glaubt ihr, was das für eine Frau ist?«, hörte er sich laut fragen.

»Vielleicht die sitzen gelassene Geliebte eines britischen Prinzen«, spekulierte Jeff und trank den Rest seines Bieres. »Oder eine russische Agentin.«

Tom lachte. »Vielleicht ist sie auch nur eine gelangweilte Hausfrau, die ein bisschen Abwechslung sucht. Warum? Interesse?«

Will fragte sich, ob es das war. Er hatte schon seit ziemlich langer Zeit gar keine Freundin mehr gehabt. Seit Amy, dachte er und schauderte bei dem Gedanken daran, wie es geendet hatte. »Bloß neugierig«, hörte er sich sagen.

»Hey, Kristin«, rief Jeff, legte die Ellbogen auf die Theke und winkte Kristin heran. »Was kannst du mir über die Granatapfel-Lady erzählen?« Mit seinem kantigen Kinn wies er auf den Tisch in der Ecke.

»Nicht viel. Ich hab sie vor ein paar Tagen zum ersten Mal gesehen. Sie kommt rein, setzt sich in die Ecke, bestellt einen Granatapfel-Martini und gibt großzügig Trinkgeld.«

»Ist sie immer allein?«

»Ich hab sie noch nie mit jemandem zusammen gesehen. Warum?«

Jeff zuckte verspielt die Achseln. »Ich dachte, wir drei könnten uns vielleicht besser kennenlernen. Was meinst du?«

Will hielt unwillkürlich den Atem an.

»Sorry«, hörte er Kristin antworten, und erst dann konnte er den komprimierten Klumpen Luft in seinen Lungen wieder herauslassen. »Sie ist nicht direkt mein Typ. Aber, hey, lass dich nicht aufhalten.«

Jeff entblößte lächelnd seine makellosen, weißen Zähne, denen nicht einmal der afghanische Staub ihren Glanz hatte rauben können. »Ist es ein Wunder, dass ich dieses Mädchen liebe?«, fragte er seine Trinkkumpane, die beide staunend nickten, wobei Tom sich wünschte, dass Lainey in dieser Hinsicht mehr wie Kristin sein könnte, während Will nicht zum ersten Mal seit seiner Ankunft vor zehn Tagen darüber grübelte, was in Kristins Kopf eigentlich vor sich ging.

Von seinem eigenen ganz zu schweigen.

Vielleicht war Kristin einfach vorzeitig altersweise und nahm Jeff so, wie er war, ohne ihn umkrempeln zu wollen oder so zu tun, als wäre er anders.

»Ich hab eine Idee«, sagte Jeff. »Wir wetten.«

»Worauf?«

»Darauf, wer Miss Granatapfel als Erster flachlegt.«

»Was?« Toms Wiehern ließ den Raum beben.

»Was redest du da?«, fragte Will ungehalten.

»Einhundert Dollar«, sagte Jeff und legte zwei Fünfziger auf den Tresen.

»Was redest du da?«, fragte Will noch einmal.

»Ist doch ganz einfach. In der Ecke sitzt eine attraktive Frau ganz allein für sich und wartet nur darauf, von einem charmanten Prinzen angebaggert zu werden.«

»Wenn das kein Widerspruch in sich ist«, meinte Kristin.

»Vielleicht will sie einfach in Ruhe gelassen werden«, wandte Will ein.

»Welche Frau kommt in einen Laden wie das Wild Zone in der Hoffnung, dort in Ruhe gelassen zu werden?«

Eine durchaus vernünftige Frage, musste Will zugeben.

»Also gehen wir rüber, flirten mit ihr und gucken, wen von uns sie mit nach Hause nimmt. Einhundert Dollar darauf, dass ich es bin.«

»Abgemacht.« Tom kramte in seiner Hosentasche und fischte schließlich zwei Zwanziger und ein Bündel Ein-Dollar-Scheine heraus. »Für den Rest stehe ich auch gerade«, sagte er einfältig.

»Apropos nach Hause«, unterbrach Kristin sie und sah Tom direkt an, »solltest du dich nicht langsam auf den Weg machen? Du willst doch nicht, dass es so endet wie letztes Mal.«

In Wahrheit war Kristin diejenige, die nicht wollte, dass es so endete wie beim letzten Mal. Wenn sie wütend war, war Lainey ebenso eine Naturgewalt wie ihr Mann und auch keineswegs zu stolz, die halbe Stadt zu wecken, um den Aufenthaltsort ihres streunenden Gatten in Erfahrung zu bringen.

»Heute Abend muss sich Lainey keine Sorgen machen«, erklärte Jeff selbstbewusst. »Miss Granatapfel wird sich kaum für seinen knochigen Arsch interessieren. Und bist du dabei?«, fragte er Will.

»Ich glaube nicht.«

»Ach, komm schon. Sei kein Spielverderber. Was ist los? Hast du Angst zu verlieren?«

Will sah sich noch einmal zu der Frau um, die nach wie vor ins Leere starrte. Ihr Glas war inzwischen leer. Warum hatte er seinem Bruder nicht einfach gesagt, dass er Interesse hatte? Und hatte er das? Oder hatte Jeff womöglich recht, und er hatte nur Angst zu verlieren. »Nimmst du auch Kreditkarte?«

Jeff schlug ihm lachend auf die Schulter. »Gesprochen wie ein wahrer Rydell. Daddy wäre stolz auf dich.«

»Und wie genau wollen wir es anfangen?«, fragte Tom, genervt von all der neuen brüderlichen Kameradschaft. In den zwei Jahrzehnten, die seine Freundschaft mit Jeff jetzt dauerte, war Will nichts weiter als ein Stachel im Fleisch seines Bruders gewesen. Er war nicht mal sein richtiger Bruder, nur ein Halbbruder, ebenso unerwünscht wie ungeliebt. Jeff hatte nichts mit ihm zu tun, er hatte seit Jahren nicht mehr mit ihm oder auch nur über ihn gesprochen. Und dann stand Will vor zehn Tagen plötzlich wie aus heiterem Himmel vor der Tür, und auf einmal hieß es »kleiner Bruder« hier und »kleiner Bruder« da, dass man am liebsten kotzen würde. Tom grinste Will breit an und wünschte, »kleiner Bruder« würde seine Taschen packen und sich wieder nach Princeton verziehen. »Ich meine, wir wollen schließlich nicht den Eindruck erwecken, sie zu überfallen.«

»Wer redet denn von überfallen? Wir gehen einfach rüber, bedanken uns, dass sie uns mit den Freuden von Antioxidantien mit Wodka-Geschmack vertraut gemacht hat, und laden sie zu einem weiteren Drink ein.«

»Ich habe eine bessere Idee«, schaltete Kristin sich ein. »Ich könnte zu ihr gehen, ein bisschen mit ihr plaudern und versuchen herauszukriegen, ob sie Interesse hat.«

»Zumindest ihren Namen könntest du herausfinden«, sagte Will und überlegte, wie er sich aus der Situation herauswinden konnte, ohne sich zum Idioten zu machen oder seinen Bruder zu verärgern.

»Um wie viel wollen wir wetten, dass ihr Name mit einem J anfängt?«, fragte Tom.

»Ich setze fünf Dollar dagegen.«

»Mit J fangen mehr Namen an als mit jedem anderen Buchstaben.«

»Trotzdem gibt es noch fünfundzwanzig andere im Alphabet«, sagte Will. »Ich halte es mit Jeff.«

»Logisch«, sagte Tom knapp.

»Okay, Jungs, ich geh jetzt rüber«, verkündete Kristin und kam auf die andere Seite der Theke. »Soll ich der Lady irgendwas Bestimmtes ausrichten?«

»Vielleicht sollten wir sie lieber nicht belästigen«, sagte Will. »Sie sieht aus, als würde ihr viel im Kopf herumgehen.«

»Sag ihr, ich hätte was, worüber sie nachdenken kann«, sagte Jeff und gab Kristin einen verspielten Klaps. Alle drei Männer folgten ihrem übertriebenen Hüftschwung mit den Augen, als sie zwischen den Tischen bis zum anderen Ende des Raumes schlenderte.

Will beobachtete, wie Kristin das leere Glas vom Tisch der Frau abräumte und dabei so leicht ins Gespräch mit ihr kam, als wären die beiden Frauen schon ein Leben lang Freundinnen. Er sah, dass sich Miss Granatapfel plötzlich in ihre Richtung drehte, den Kopf provokativ zur Seite geneigt, und sich ein Lächeln über ihr Gesicht breitete, während Kristin weitersprach. »Siehst du die drei Typen am Ende der Bar?«, stellte er sich vor, würde Kristin sagen. »Den gut aussehenden in Schwarz, den wütend aussehenden neben ihm und den sensibel aussehenden in dem blauen Button-down-Hemd? Such dir einen aus. Irgendeinen. Er gehört dir.«

»Sie kommt zurück«, sagte Jeff, als Kristin wenig später den Tisch der Frau verließ und den langsamen Rückweg zum Tresen antrat, wo ihr die drei Männer im selben Moment die Köpfe entgegenreckten.

»Sie heißt Suzy«, verkündete sie, ohne stehen zu bleiben.

»Damit schuldest du mir noch fünf Dollar mehr«, erklärte Jeff Tom.

»Das ist alles?«, fragte Tom Kristin. »In der ganzen Zeit, die du an ihrem Tisch warst, hast du nicht mehr rausgekriegt?«

»Sie ist vor ein paar Monaten von Fort Myers hierhergezogen.« Kristin kehrte auf ihre Seite der Theke zurück. »Ach ja. Das hätte ich fast vergessen«, fuhr sie fort und wandte sich mit einem breiten Lächeln an Will. »Sie hat dich ausgewählt.«

Kapitel 2

»Was?« Will war sich sicher, dass er sie falsch verstanden hatte. Kristin sah ihn auch gar nicht richtig an. Ihr Lächeln galt offensichtlich Jeff. Es musste sich eindeutig um einen Fall von Wunschdenken handeln.

»Das ist ein Scherz, oder?«, fragte Jeff ebenso ungläubig.

Tom kicherte. »Sieht so aus, als wäre dein ›kleiner Bruder‹ der große Gewinner des Abends.«

»Bist du sicher, dass sie Will ausgewählt hat?«, fragte Jeff, als müsste er es noch einmal hören, um es zu glauben.

Kristin zuckte die Achseln. »Offenbar hatte sie schon immer eine Schwäche für Männer mit Button-down-Hemden.«

Tom lachte und genoss die unerwartete Wendung des Abends. Er hasste es genauso zu verlieren wie Jeff. Vor allem gegen einen blasierten Blödmann wie Will. »Der Auserwählte«, wie Jeff ihn immer genannt hatte. Das war er jetzt verdammt noch mal wirklich.

»Was gibt’s da zu lachen?«, fauchte Jeff. »Du hast gerade hundert Dollar verloren, du Schwachkopf.«

»Du auch. Außerdem schmerzt es dein Ego mehr als dein Portemonnaie.« Tom lachte wieder. »Keine Sorge. Das passiert uns allen mal.« Es würde Jeff guttun, einmal zu spüren, wie sich die Zurückweisung anfühlte, die er fast sein ganzes Leben lang ertragen musste, dachte Tom. Ein bisschen Demut hatte noch keinem geschadet.

Jeff sagte nichts, aber sein finsterer Blick war beredt genug.

»Außerdem«, fuhr Tom fort und trank sein Bier aus, »haben wir noch keinen Cent verloren, bis er die Braut nicht klargemacht hat.«

Jeffs Schultern entspannten sich sofort wieder, als hätte er die Zurückweisung wie ein ungeliebtes Jackett abgeschüttelt. Sein Lächeln kehrte zurück. »Das stimmt, kleiner Bruder«, sagte er und klopfte Will vielleicht ein wenig zu heftig auf die Schulter. »Der Abend ist noch jung. Es bleibt noch viel zu tun. Deine Prüfung fängt gerade erst an.«

Wills Mund wurde trocken, seine Handflächen wurden feucht. Er hatte Prüfungen schon immer gehasst. Und diesmal war es kein verknöcherter alter Professor, der ihn beurteilen sollte, sondern sein geliebter älterer Bruder. Ein Bruder, den zu beeindrucken er sich jahrelang – vergeblich – bemüht hatte. »Was soll ich tun?«, flüsterte er, unsicher, ob er bei dieser speziellen Prüfung besser bestehen oder durchfallen sollte.

»Da kann ich dir auch nicht helfen, kleiner Bruder. Da musst du schon allein durch.«

»Du könnest sie vor unseren Augen auf dem Tisch durchbumsen«, schlug Tom grinsend vor.

»Warum bringst du ihr nicht diesen Drink«, sagte Kristin und hielt ihm einen frisch gemixten Granatapfel-Martini hin.

Will nahm ihr das Glas aus der Hand und schaffte es nur mit schierer Willenskraft, nichts zu verschütten. Es war schon schlimm genug, dass Jeff und Tom garantiert jede seiner Bewegungen beobachteten. Er wollte ihnen auf keinen Fall die Befriedigung gönnen, seine Hände zittern zu sehen. Er atmete tief ein, setzte ein gezwungenes Lächeln auf, drehte sich auf dem Absatz um und setzte einen Fuß vor den anderen wie ein Kleinkind, das laufen lernt.

»Sei nett zu ihr«, rief Tom ihm nach.

Was war nur mit ihm los, fragte Will sich. Er spürte alle Blicke auf sich gerichtet, als er den Raum durchquerte. Schließlich machte er so etwas nicht zum ersten Mal. Er war schon mit vielen Mädchen ausgegangen und beileibe keine Jungfrau mehr, obwohl es alles in allem doch nicht so viele Mädchen gewesen waren, wie er sich eingestehen musste. Und seit Amy gar keine mehr. Verdammt, warum musste er gerade jetzt an sie denken. Er wollte den Gedanken mit aller Macht vertreiben und stieß dabei unwillkürlich die rechte Hand vor, sodass pinkfarbene Flüssigkeit auf seine Finger tropfte.

Suzy beobachtete seinen Anmarsch von ihrem Stuhl hinter dem Tisch. Ihre Augen funkelten verspielt, als er näher kam. Will war immer noch überzeugt, dass ein Irrtum vorliegen musste. Sie hatte bestimmt gemeint, dass Kristin Jeff rüberschicken sollte. »Was willst du denn hier?«, konnte er sie förmlich fragen hören.

»Lächeln, Kleiner«, sagte sie stattdessen. »Nimm dir einen Stuhl.«

Will zögerte, wenn auch nur kurz, ehe er tat, was sie gesagt hatte. Er zog sich den nächstbesten Stuhl heran, ließ sich wie ein Idiot grinsend darauf sinken, stellte den Drink auf den Tisch und schob ihn zu ihr rüber. »Für dich.«

»Vielen Dank. Trinkst du nichts?«

Will merkte, dass er sein Bier an der Bar vergessen hatte. Auf keinen Fall würde er zurückgehen und es holen. »Ich bin Will Rydell«, sagte er. Nicht gerade genial, das wusste er selber. Jeff wäre bestimmt etwas Provokanteres eingefallen. Verdammt, wahrscheinlich hätte sogar Tom etwas Forscheres hingekriegt, als nur seinen Namen zu nennen.

»Suzy Bigelow.« Sie beugte sich vor, als hätte sie etwas Wichtiges mitzuteilen, also tat er es ihr nach. »Sollen wir gleich zur Sache kommen?«

»Okay«, sagte Will und dachte: Welche Sache? Wovon redete sie? Er hatte das Gefühl, in einen Film geraten zu sein, der schon seit zehn Minuten lief.

»Was ist der Einsatz?«, fragte sie.

»Was?«

»Soweit ich weiß, habt ihr Typen eine Wette laufen«, sagte sie und riss ihre leuchtenden blauen Augen auf, damit er bestätigte, was sie offensichtlich schon wusste.

»Was genau hat Kristin dir erzählt?«

»Die Kellnerin? Nicht viel.«

»Genau genommen ist sie Barkeeperin.« Will biss sich auf die Zunge. Musste er sich gleich als Besserwisser aufspielen? Wenn er nicht aufpasste, würde er alles vermasseln. »Was hat sie denn gesagt?«

»Dass ihr drei irgendeine Wette laufen habt und ich dich glücklich machen könnte, wenn ich dich auswähle.«

Will spürte ein flaues Gefühl im Magen, und der Mut verließ ihn. Erklärte sie ihm, dass Kristin das Ganze nur inszeniert hatte und er eigentlich gar nichts gewonnen hatte?

»Wie viel kriegst du, wenn wir zwei hier zusammen rausgehen?«

»Zweihundert Dollar«, gab Will kleinlaut zu.

Sie schien beeindruckt. »Wow. Nicht übel.«

»Es tut mir leid. Wir wollten dich nicht beleidigen.«

»Wer sagt denn, dass ich beleidigt bin? Das ist eine Menge Geld.«

»Wenn du möchtest, kann ich wieder gehen.«

»Wenn ich wollte, dass du gehst, hätte ich dich gar nicht erst gebeten zu kommen.«

Nun war Will verwirrter denn je. Was hatte es nur mit den Frauen auf sich? Waren sie genetisch bedingt außerstande, ein geradliniges Gespräch zu führen?

»Eins möchte ich gleich von vorneherein klarstellen«, fuhr sie fort. »Ich werde nicht mit dir schlafen, falls du das denkst. Das kannst du also gleich vergessen.«

»Schon passiert«, sagte er und spürte einen unerwarteten Stich der Enttäuschung.

»Aber ich bleibe gern noch auf einen Drink mit dir hier sitzen. Dann verlassen wir gemeinsam das Lokal, machen vielleicht noch einen Strandspaziergang und gehen dann unserer getrennten Wege. Wie hört sich das an?«

»Klingt fair«, sagte Will und dachte: Klingt beschissen. Aber was soll’s, vielleicht konnte er sie noch umstimmen.

»Und ich werde meine Meinung auch bestimmt nicht ändern«, sagte sie, als hätte sie seinen Gedanken gelesen. »Aber deinen Kumpeln kannst du erzählen, was du willst.«

»Ein Gentleman genießt und schweigt. Oder er genießt nicht und schweigt auch«, fügte er hinzu, und sie lachte, wofür er unendlich dankbar war.

»Du bist irgendwie süß«, sagte sie. »Vielleicht schlafe ich doch mit dir. War nur ein Scherz«, fügte sie rasch hinzu. »Und willst du nichts trinken?«

»Doch, schon. Natürlich. Ein Miller vom Fass«, sagte er zu der Kellnerin, die gerade vorbeikam. »Ich habe gehört, Granatäpfel wären gesund.«

»Vor allem in Kombination mit Wodka«, sagte Suzy lachend und führte das Glas zum Mund.

Will entschied, dass er ihr Lachen mochte – es klang überraschend voll und kehlig.

»Ich glaube, Gesundheit ist vor allem eine Kombination aus Glück und guten Genen«, sagte sie.

»Biologie ist Schicksal«, stimmte Will ihr zu.

»Was?«

»Das glaube ich auch«, korrigierte Will sich hastig.

Suzy lächelte. »Und was machst du so?«

»Nichts.«

Ihr Lächeln wurde breiter, und zwei tiefe Grübchen rahmten ihren kleinen Mund. »Nichts?«

»Na ja, also nicht direkt nichts.«

»Nicht direkt nichts oder nichts direkt«, neckte sie ihn.

»Ich hör mich an wie ein absoluter Volltrottel, was?«, sprach Will seinen Gedanken laut aus. Das spielte jetzt auch keine Rolle mehr. Sie hatte ihm ja schon erklärt, dass sie nicht mit ihm schlafen würde, was also hatte er zu verlieren?

»Warum atmest du nicht ein paar Mal tief durch«, erklärte sie ihm. »Deine Wette hast du schon gewonnen. Du weißt, dass zwischen uns nichts laufen wird, also musst du dich nicht mehr so anstrengen, mich zu beeindrucken. Du kannst dich einfach entspannen und dir einen Spaß daraus machen.«

Wieder gehorchte Will ihr aufs Wort, atmete ein paar Mal tief durch und lehnte sich zurück. Entspannen war allerdings etwas anderes. Wann hatte er sich in Gegenwart einer Frau zuletzt richtig entspannen können? Ihm war vielmehr so, als wären die Wörter »entspannen« und »Frauen« überhaupt nicht in einem Satz unterzubringen.

»Und jetzt stelle ich dir die Frage noch mal. Was machst du so – wenn du nicht gerade nichts machst?«

Er könnte sich irgendwas ausdenken, dachte Will. Er konnte ihr erzählen, er sei Pilot oder Finanzberater, etwas, das entweder so offensichtlich war, dass er es nicht erklären musste, oder so kompliziert, dass sie es nicht erklärt haben wollte. »Ich bin Student«, entschied er sich für die Wahrheit. Ich bin Will Rydell. Ich bin Student. Rhetorisch wirklich brillant.

»Tatsächlich? Was studierst du denn?«

»Philosophie.«

»Was vermutlich die ›Biologie ist Schicksal‹-Bemerkung von eben erklärt«, bemerkte sie.

Nun war es an ihm zu lächeln. Sie hatte ihn also doch verstanden. »Genauer gesagt schreibe ich gerade meine Doktorarbeit.«

»Jetzt bin ich beeindruckt. Wo? An der University of Miami?«

»In Princeton.«

»Wow.«

»Heißt das, du überlegst es dir vielleicht doch noch mal, mit mir zu schlafen?«, fragte er.

»Keine Chance.«

»Dachte ich mir.«

Sie lachte wieder, und erneut kräuselten die reizenden Grübchen ihre blasse Haut. »Aber das war süß. Dafür gibt es Pluspunkte.«

»Danke.«

»Ernsthaft jetzt, du bist Student?«

»Ich bin ernsthaft ein ernsthafter Student«, sagte er. »Oder ich war es. Im Augenblick mache ich eine kleine Pause.«

»Für den Sommer.«

»Ich weiß noch nicht genau, wie lange.«

»Klingt so, als gäbe es einiges, was du nicht so genau weißt.«

Will versuchte, seinen Kopf ganz und gar zu leeren. Die Frau ihm gegenüber hatte eine unheimliche Gabe, seine Gedanken zu lesen. Er blickte zur Bar. Jeff starrte mit verschleiertem Blick zurück, während Tom sich zu ihm beugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte.

»Tut mir leid, ich wollte nicht anmaßend sein«, sagte Suzy.

»Das warst du auch nicht.«

»Du bist schon ein rätselhafter Typ, was?«

»Rätselhaft, na klar.« Will lachte und fühlte sich unwillkürlich geschmeichelt. »Meine Mutter hat immer gesagt, ich sei wie ein offenes Buch.« Die Kellnerin kam mit seinem Bier.

»Mütter kennen ihre Kinder manchmal gar nicht besonders gut.«

Will hob sein Glas und stieß mit ihr an. »Darauf trinke ich.«

Sie tranken beide einen Schluck, und als sie ihre Gläser wieder abstellten, streiften ihre Finger versehentlich seine. Will verspürte ein so heftiges Zucken, dass seine Hand zu zittern begann und er sie in den Schoß legte, damit sie es nicht bemerkte.

»Und was führt dich nach Miami?«, fragte sie.

»Ich besuche meinen Bruder.«

»Wie nett. Ist er heute Abend auch hier?« Sie blickte zur Bar.

Will nickte.

»Hat er auch mitgewettet?«

»Er war der Anstifter«, gab Will zu.

Suzy betrachtete die Gäste, die sich an der Bar drängelten. »Lass mich raten. Der gut aussehende in dem schwarzen T-Shirt?«

»Das ist er.« Natürlich war ihr Jeff aufgefallen, dachte Will und strengte sich an, nicht eifersüchtig zu sein. Natürlich fand sie ihn attraktiv. Wie könnte es anders sein? Ohne Kristins Hinweis hätte sie garantiert ihn erwählt. »Eigentlich sind wir nur Halbbrüder. Deswegen sehen wir uns auch nicht ähnlich.«

»Ach, ich kann eine gewisse Familienähnlichkeit erkennen«, sagte sie, während sie Jeffs Profil vielleicht einen Wimpernschlag zu lange betrachtete.

»Ich habe nicht so viel Muskeln wie er«, stellte Will das Offensichtliche fest.

»Und ich wette, er hat nicht so viel Verstand wie du«, entgegnete sie.

Will empfand dankbaren Stolz.

»Und was macht er, dein Bruder?«

Will schloss die Augen, und sein Stolz klappte in sich zusammen wie ein kaputter Regenschirm. Wie hieß es noch: Hochmut kommt vor dem Fall? »Bereust du deine Wahl schon?«, fragte er und wünschte sich im selben Moment, den Mund gehalten zu haben. »Tut mir leid, das muss sich unglaublich trotzig angehört haben?«

»›Unglaublich trotzig‹?«, wiederholte sie. »Das sind große Worte.«

»Tut mir leid«, sagte Will noch einmal.

»Ich hab bloß versucht, Konversation zu machen, Will. Du sprichst wohl nicht gerne über dich.«

»Mein Bruder ist Personal Trainer«, beantwortete Will ihre vorhergehende Frage.

Suzy nickte, und ihr Blick schweifte wie magnetisch angezogen zurück zu Jeff.

»Er lebt mit der Thekenkraft zusammen«, fügte Will hinzu.

»Die umwerfende Blondine, nehme ich an, nicht der fette Typ mit dem Goldkettchen.«

Will lachte. »Das ist der Besitzer.«

»Sie geben ein attraktives Paar ab«, sagte Suzy. »Dein Bruder und die Barkeeperin.«

»Ja, das finde ich auch.«

»Sie macht einen sehr netten Eindruck.«

»Das ist sie auch.«

Das Gespräch kam zum Erliegen. Suzy wandte sich wieder ihrem Drink zu.

»Kristin hat gesagt, du wärst aus Fort Myers hierhergezogen«, fragte Will nach einem verlegenen Schweigen.

»Kristin?«

»Jeffs Freundin.«

»Jeff?«

»Mein Bruder«, stellte Will klar. Was war mit ihm los? Hatte er sich bei Frauen schon immer so ungeschickt angestellt? Kein Wunder, dass Amy ihn abserviert hatte.

»Die Barkeeperin und der Bodybuilder«, stellte Suzy fest.

»Personal Trainer«, sagte Will und hätte sich am liebsten in den Hintern getreten. War er ein kompletter Idiot? »Was hat dich bewogen, von Fort Myers hierherzuziehen?«, fragte er.

»Warst du schon mal dort?«, fragte sie, als wäre das Antwort genug.

»Nein.«

»Es ist vermutlich eine ganz nette Stadt. Die Leute sind auf jeden Fall freundlich. Es war einfach Zeit für eine Veränderung.« Sie zuckte mit den Schultern und nippte wieder an ihrem Martini.

»Was sollte sich denn verändern?«

»Alles.«

»Und was hast du in Fort Myers gemacht?«

»Ich war stellvertretende Leiterin einer Bankfiliale.«

»Klingt interessant.«

»Sagen wir, es war genauso interessant, wie es sich anhört.«

Will lachte und spürte, wie er begann, sich wirklich zu entspannen, so als hätte er seinen Gürtel ein wenig weiter geschnallt. »Bist du hierher versetzt worden?«

»Nein, eine weitere Bank von innen zu sehen, ist so ziemlich das Letzte, was ich möchte. Es sei denn, um Geld einzuzahlen.«

»Und wo arbeitest du jetzt?«, fragte Will.

»Gar nicht. So ähnlich wie du, nehme ich an. Ich habe mir für den Sommer freigenommen.«

»Und danach?«

»Das habe ich noch nicht entschieden. Und bei dir?«

»Bei mir?«

»Was passiert, wenn der Sommer vorbei ist?«, fragte sie. »Bei deinem Bruder muss es doch auf Dauer ziemlich eng werden.«

Alle Wege führten immer zurück zu Jeff, dachte Will. »Ja, schon ein bisschen. Ich weiß nicht. Vielleicht gehe ich zurück zur Uni. Vielleicht reise ich nach Europa. Ich wollte schon immer mal nach Deutschland.«

»Wieso Deutschland?«

»Ich schreibe meine Doktorarbeit über einen deutschen Philosophen … Martin Heidegger.«

»Glaube nicht, dass ich schon mal von ihm gehört habe.«

»Das hat kaum jemand. Er schreibt über den Tod und das Sterben.«

»Ja, die beiden gehören irgendwie zusammen.« Sie lächelte. »Klingt ein bisschen deprimierend.«

»Das sagen die Leute immer. Aber das stimmt eigentlich gar nicht. Ich meine, der Tod gehört zum Leben. Früher oder später sterben wir alle.«

»Lehrt man das in Princeton? Wenn ja, gehe ich garantiert nicht dorthin.«

Will lachte. »Es gibt nichts, wovor man sich fürchten muss.«

»Reden wir jetzt vom Tod oder von Princeton?«

»Glaubst du an Gott?«, fragte er und dachte an all die ernsten Diskussionen, die er in seinen ersten Semestern über die Frage geführt hatte, an die Debatten mit Amy …

Suzy schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Du klingst, als wärst du dir sehr sicher.«

»Du klingst überrascht.«

»Das bin ich wohl auch. Die meisten Menschen antworten umsichtiger.«

»Umsichtiger?«

»Vorsichtiger«, sagte er, obwohl er ahnte, dass sie genau wusste, was er meinte. »Zurückhaltender, sie halten sich alle Optionen offen. Sie sagen, sie wüssten es nicht. Oder dass sie gerne an Gott glauben würden oder an irgendeine höhere Macht, ob man sie nun Gott oder die Kraft des Lebens nennt …«

»Umsichtig war wohl nie meine Stärke.« Ihr Blick schweifte zu dem Ventilator, der sich an der Decke drehte.

»Du siehst aus, als hättest du wirklich tiefschürfende Gedanken«, wagte sich Will vor.

Suzy lachte und sah ihn wieder direkt an. »Den Vorwurf höre ich zum ersten Mal.«

»Ich meinte es als Kompliment.«

»Dann nehme ich es auch so. Warst du je verheiratet, Will?«

»Nein. Du?«

»Ja. Aber lass uns nicht darüber reden, okay?«

»Von mir aus gerne.«

»Gut.« Sie nahm noch einen Schluck von ihrem Drink. »Wenn ich den leer habe, verschwinden wir hier, was meinst du?«

»Wie du willst.«

»Meine drei Lieblingswörter.«

»Du bist wirklich sehr schön«, erklärte Will ihr und überraschte damit sie beide. Bis zu diesem Moment hatte er das nicht einmal gefunden.

»Nein. Ich bin zu dünn«, sagte sie. »Ich weiß, dass das gerade absolut in ist, aber ich habe mir immer Kurven gewünscht. So wie, was hast du gesagt, wie sie heißt? Kristin?«

»Ja, sie ist ziemlich scharf.«

»Und sie hat nichts dagegen, dass dein Bruder …«

»Was ist mit ihm?« Hatte er ihr nicht gerade erklärt, dass sie schön war? Warum fragte sie wieder nach Jeff?

»Na ja, du hast gesagt, er hätte die Wette angestiftet. Was, wenn ich ihn ausgewählt hätte? Hätte sie wirklich nichts dagegen gehabt?«

»Ich glaube, sie führen eine ziemlich offene Beziehung.«

»Ach, wirklich«, sagte sie, und es klang nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung.

»Hast du ausgetrunken«, fragte er, als er sah, dass Suzys Blick wieder zu Jeff schweifte. Er stand auf, um ihr die Sicht zu versperren.

Suzy nahm einen letzten Schluck und stellte das leere Glas auf den Tisch. »Fertig. Gehen Sie voran, Dr. Rydell.«

Will versuchte, den Klang der Worte nicht zu sehr zu genießen, als er einen Zwanzig-Dollar-Schein unter sein Bierglas schob und Suzy auf ihrem Zickzack-Kurs zwischen den Tischen hindurch zur Eingangstür folgte. Er sah, wie sie Jeff und Tom mit einem kurzen Nicken würdigte und im Hinausgehen Kristin winkte.

»Scheiße«, hörte er Tom murmeln. »Ist das zu fassen?«

Will wartete darauf, dass Jeff etwas sagen würde, aber der schwieg. An der Tür drehte sich Will noch einmal um und hoffte, dass sein Bruder ihm zumindest mit einem erhobenen Daumen Mut machen würde. Stattdessen starrte Jeff durch ihn hindurch, als wäre er gar nicht da. So starrte er immer noch, als Will sich wieder umdrehte und Suzy hinaus in den warmen Abend folgte.

Kapitel 3

»Scheiße«, sagte Tom noch einmal. »Hast du das dämliche Grinsen in seinem Gesicht gesehen? Als ob er einen verdammten Kanarienvogel verschluckt hätte. Am liebsten würde ich ihm dieses Grinsen aus der Visage putzen, Mann.« Er schlug mit der Faust auf den Marmortresen.

»Lass gut sein«, ermahnte Jeff ihn.

»Bekommt ihr noch was da drüben?«, fragte Kristin vom anderen Ende der Bar.

Jeff schüttelte den Kopf.

»Ich meine, es ist eine Sache, die Wette zu gewinnen«, fuhr Tom fort. »Aber man muss es mit Stil machen. Man kann nicht rumlaufen wie die Wiederkunft Christi. Dieser angeberische Gang.«

Jeff hätte beinahe gelacht. Was wusste Tom über Stil? Trotzdem war er seltsam dankbar für Toms Wut, weil sie es ihm ersparte, mehr von seiner eigenen zu spüren. »Ich glaube, du schmeißt da ein paar Dinge durcheinander, Tommy-Boy.«

»Wovon zum Henker redest du? Willst du mir erzählen, du wärst nicht angepisst?«

»Was geschehen ist, ist geschehen.«

»Na, das wissen wir ja noch nicht so genau, oder?«

»Was soll das heißen?«

»Ich meine, wir wissen nicht, wo sie hingehen und was sie dort machen«, erklärte Tom. »Vorausgesetzt sie machen irgendwas. Vielleicht schickt Suzy Granatapfel deinen kleinen Bruder in diesem Moment mit einem Küsschen nach Hause, und wie wollen wir das Gegenteil beweisen? Sollen wir ihm denn einfach so abkaufen, dass er bei ihr gelandet ist?«

»Glaubst du, er würde lügen?«

»Würdest du nicht lügen?«

»Ich müsste nicht lügen«, sagte Jeff.