Verlag: Goldmann Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2009

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E-Book-Beschreibung Tanz, Püppchen, tanz - Joy Fielding

Die Anwältin Amanda Travis ist glücklich, in einem neuen Zuhause in Florida endlich mit der Vergangenheit abschließen zu können. In ihrer Heimatstadt Toronto hat sie ihre Mutter Gwen zurückgelassen, unter der sie zeitlebens leiden musste. Doch dann erhält Amanda einen unglaublichen Anruf: Gwen hat in der Lobby eines Luxushotels einen Mann erschossen und verweigert jede Aussage. Widerwillig reist Amanda zurück nach Toronto, um herauszufinden, welches Geheimnis ihre Mutter so eisern hütet. Doch dabei kommen Erinnerungen hoch, die sie bislang verdrängt hatte – und vor denen sie nun nicht länger fliehen kann ...

Meinungen über das E-Book Tanz, Püppchen, tanz - Joy Fielding

E-Book-Leseprobe Tanz, Püppchen, tanz - Joy Fielding

Das Buch
Amanda Travis lebt in Florida, sie ist erfüllt von ihrem Beruf als Anwältin, und die Männer können ihr nur schwer widerstehen. Doch hinter der glänzenden Fassade verbergen sich Dinge, über die Amanda nur ungern spricht: Sie hat zwei gescheiterte Ehen hinter sich, und seit sie ihre Heimatstadt Toronto vor vielen Jahren verlassen hat, besteht kein Kontakt mehr zu ihrer Mutter Gwen, unter der sie schon als Kind gelitten hat. Eines Tages tritt ihre Mutter aber mit Macht in ihr Leben zurück, denn Amanda erhält einen schockierenden Anruf aus Toronto: Gwen hat aus heiterem Himmel in der Lobby eines Luxushotels einen Mann erschossen und verweigert jede Aussage zu der Tat. Amanda reist nach Toronto, um herauszufinden, welches Geheimnis ihre Mutter so eisern hütet. Doch damit berührt sie weit zurückliegende Ereignisse in ihrem eigenen Leben, die sie ins Dunkel des Vergessens gedrängt hatte – und sie spürt, dass sie den bedrohlichen Schatten ihrer Kindheit nicht länger entkommen kann …
Joy Fielding 
gehört zu den unumstrittenen Spitzenautorinnen Amerikas. Seit ihrem Psychothriller „Lauf, Jane, lauf“ waren alle ihre Bücher internationale Bestseller. Joy Fielding lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Toronto, Kanada, und in Palm Beach, Florida. Weitere Informationen unter www.joy-fielding.de
Mehr von Joy Fielding:
Die Schwester • Sag, dass du mich liebst • Das Herz des Bösen • Am seidenen Faden • Im Koma • Herzstoß • Das Verhängnis • Die Katze • Sag Mami Goodbye • Nur der Tod kann dich retten • Träume süß, mein Mädchen • Tanz, Püppchen, tanz • Schlaf nicht, wenn es dunkel wird • Nur wenn du mich liebst • Bevor der Abend kommt • Zähl nicht die Stunden • Flieh wenn du kannst • Ein mörderischer Sommer • Lebenslang ist nicht genug • Schau dich nicht um • Lauf, Jane, lauf! 
(alle auch als E-Book erhältlich)

 Joy Fielding

Tanz, 

Püppchen, tanz

Roman

Deutschvon Kristian Lutze

Inhaltsverzeichnis
 
Das Buch
Die Autorin
Widmung
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
 
Danksagung
Copyright
Für Warren, Shannon und Annie.Mein Herz, meine Seele, mein Heil.
1
Was Amanda Travis mag: die Farbe Schwarz; Spinning-Kurse in der Mittagspause im Fitness-Center in der Clematis Street in Downtown Palm Beach; ihr ganz in Weiß gehaltenes Apartment mit Meerblick in Jupiter; willfährige Geschworene; und Männer, deren Frauen sie nicht verstehen.
Was sie nicht mag: die Farbe Rosa; wenn die Temperatur hinter ihrer durchgehenden Fensterfront unter achtzehn Grad fällt; Mandanten, die ihren Rat nicht befolgen; die Farbe Grau; beim Betreten eines Lokals ihren Ausweis vorzeigen zu müssen; Spitznamen jedweder Art und Bedeutung.
Und was sie auch nicht mag: Bissspuren.
Vor allem Bissspuren, die selbst nach mehreren Tagen noch so tief und deutlich ausgeprägt sind wie eine leuchtend violette Tätowierung vor einem Hintergrund aus senffarbenen Blutergüssen; Bissspuren, die sie von den Fotos auf ihrem Verteidigertisch förmlich anlächeln.
Amanda schüttelt das blonde schulterlange Haar aus ihrem schmalen Gesicht, schiebt das anstößige Foto unter einen Block mit gelbem, liniertem Papier, nimmt einen Stift und gibt vor, etwas Wichtiges zu notieren, während sie in Wahrheit schreibt Zahnpasta nicht vergessen. Diese Geste richtet sich an die Geschworenen für den Fall, dass einer von ihnen hinguckt. Was eher unwahrscheinlich ist. Heute Morgen hat sie bereits einen von ihnen, einen Mann mittleren Alters mit roten Haaren und schütterer Ronald-Reagan-Frisur, dabei ertappt, wie er eingedöst ist. Sie seufzt, lässt den Bleistift fallen, lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück und schürzt ihre Lippen zu einem missbilligenden Schmollen. Nur angedeutet, gerade genug, um den Geschworenen zu zeigen, was sie von der Zeugenaussage hält. Und sie würde sie gern glauben machen, dass das nicht viel ist.
»Er hat rumgeschrien wegen irgendwas«, sagt die junge Frau im Zeugenstand und zupft mit einer Hand abwesend an ihrem Haar. Sie blickt zum Tisch der Verteidigung, zieht an ihren platinblonden Locken, bis der dunkle Haaransatz sichtbar wird, und wickelt sie um ihre falschen, eckigen Fingernägel. »Er hat immer wegen irgendwas rumgeschrien.«
Amanda nimmt den Bleistift wieder in ihre rechte Hand und setzt Stouffer’s Tiefkühl-Makkaroni mit Käse auf ihre improvisierte Einkaufsliste. Und Orangensaft, fällt ihr noch ein, was sie mit übertriebenem Schnörkel notiert, als ob sie gerade eine entscheidende juristische Einsicht gehabt hätte. Dadurch verrutscht das Foto unter dem Block, sodass ihr der fotografische Abdruck der Zähne ihres Mandaten auf der Haut der Zeugin erneut entgegenstarrt.
Es sind diese Bissspuren, die ihr alles vermasseln werden.
Vielleicht könnte sie es schaffen, die Fakten zu frisieren, die Indizien zu vernebeln und die Geschworenen mit irrelevanten Details und nicht immer begründeten Zweifeln zu verwirren, aber um diese grausamen Bilder führt einfach kein Weg herum. Sie werden das Schicksal ihres Mandanten besiegeln und ihre eigene perfekte Bilanz beschädigen. Wie ein Fleck auf ansonsten makelloser Haut werden sie von beinahe einem Jahr voller herausragender Auftritte zugunsten der Armen, Unglücklichen und erdrückend Schuldigen ablenken.
Überhaupt dieser verfluchte Derek Clemens. Musste er so verdammt durchschaubar sein?
Amanda beugt sich vor und tätschelt die Hand des neben ihr sitzenden Mannes. Eine weitere Geste für die Geschworenen, obwohl sie sich fragt, ob irgendjemand sich davon täuschen lässt. Diese Leute gucken garantiert auch genug Fernsehen, um die diversen Tricks ihrer Zunft zu kennen: die geheuchelte Empörung, die mitleidigen Blicke, das ungläubige Kopfschütteln. Sie zieht ihre Hand zurück und reibt die Stelle, wo sie die Haut ihres Mandanten berührt hat, unter dem Tisch mehrfach an ihrem schwarzen Leinenrock ab. Idiot, denkt sie, während sie aufmunternd lächelt. Nicht mal ein Quäntchen Selbstkontrolle war drin. Du musstest sie auch noch beißen.
Der Angeklagte lächelt zurück, zum Glück mit geschlossenem Mund. Die Geschworenen werden demnächst noch mehr als genug von Derek Clemens’ Zähnen zu sehen bekommen.
Mit seinen achtundzwanzig Jahren und der drahtigen Statur von einsfünfundsiebzig ist Derek Clemens genauso alt und groß wie die Frau, die ausgewählt worden ist, ihn zu vertreten. Selbst ihr Haar ist von dem gleichen zarten Blond, ihre Augenfarbe eine Variation desselben kühlen Blaus, wobei ihre Augen dunkler und undurchsichtiger sind als seine, die blasser wirken und ins Pastellige tendieren. Unter anderen, angenehmeren Umständen hätte man Amanda Travis und Derek Clemens für Geschwister halten können, vielleicht sogar für Zwillinge.
Amanda schüttelt den unschönen Gedanken ab, wie immer froh darüber, ein Einzelkind zu sein. Sie dreht sich auf ihrem Stuhl um und blickte zu der langen Fensterfront auf der Rückseite des Gerichtssaals. Draußen ist es ein typischer Februartag in Südflorida – der Himmel türkisfarben, die Luft warm, der Strand eine Versuchung. Sie unterdrückt den Impuls, aufzustehen, den Kopf an die getönten Scheiben zu lehnen und über den Intercoastal Waterway hinweg auf den Ozean zu blicken. Nur in Palm Beach konnte es der Meerblick aus einem Gerichtssaal mit der Aussicht aus dem Penthouse eines Top-Hotels aufnehmen.
Perverserweise sitzt Amanda lieber hier im Gerichtssaal 5C des Palm Beach County Court House neben irgendeinem asozialen Abschaum, der der Körperverletzung sowie der massiven Bedrohung und sexuellen Nötigung seiner bei ihm lebenden Freundin beschuldigt wird, als neben einem zu leicht bekleideten, überfütterten Schneevogel auf dem kühlen Sand in der Sonne zu liegen. Ein paar Minuten auf dem Rücken, die nackten Füße von der Brandung umspült, reichen Amanda Travis meistens, bis sie sich wieder nach dem heißen Pflaster des Bürgersteigs sehnt.
»Ich würde die Ereignisse vom Vormittag des 16. August gern noch einmal Schritt für Schritt durchgehen, Miss Fletcher«, sagt der stellvertretenden Distriktstaatsanwalt, und seine tiefe Baritonstimme lenkt Amandas Aufmerksamkeit so unverzüglich auf die Geschehnisse im Gerichtssaal zurück wie das verführerische Seufzen eines Geliebten.
Caroline Fletcher nickt und spielt weiter an ihren zu stark gebleichten Haaren herum, während ihr chirurgisch vergrößerter Busen die Knöpfe ihrer lächerlich konservativen blauen Bluse zu sprengen droht. Es hilft dem Angeklagten, dass die Frau, die verletzt und gedemütigt zu haben man ihn beschuldigt, aussieht wie eine Stripperin, obwohl sie tatsächlich in einem Frisörsalon arbeitet. Amanda lächelt in dem Wissen, dass das weniger wichtig ist als das projizierte Bild. Vor Gericht wie in so vielen anderen Bereichen des Lebens zählt die Erscheinung weit mehr als die Substanz. Es ist schließlich der Anschein von Gerechtigkeit, nicht Gerechtigkeit an sich, den es zu verwirklichen gilt.
»Der 16. August?« Die Frau schiebt mit der Zunge das Kaugummi, auf dem sie seit Beginn ihrer Zeugenaussage kaut, auf die Seite.
»Der Tag des Angriffs«, erinnert der Ankläger sie, geht auf den Zeugenstand zu und baut sich vor seiner Starzeugin auf. Tyrone King ist knapp einsachtzig groß, mit schokoladenbrauner Haut und rasiertem Schädel. Als Amanda vor gut einem Jahr in die Kanzlei von Beatty und Rowe eingetreten ist, drangen Gerüchte an ihr Ohr, der attraktive stellvertretende Distriktstaatsanwalt wäre ein Neffe von Martin Luther King, aber als sie ihn danach fragte, erwiderte er lachend, dass man allen Schwarzen mit dem Nachnamen King nachsagte, mit dem ermordeten Bürgerrechtler verwandt zu sein. »Sie haben ausgesagt, dass der Angeklagte schlecht gelaunt von der Arbeit nach Hause gekommen ist.«
»Er war immer schlecht gelaunt.«
Amanda steht halb von ihrem Stuhl auf und erhebt Einspruch gegen diese Verallgemeinerung. Dem Einspruch wird stattgegeben. Die Zeugin zupft fester an ihren Haaren.
»Wie hat sich diese Laune manifestiert?«
Die Zeugin sieht ihn verwirrt an.
»Ist er laut geworden? Hat er gebrüllt?«
»Sein Boss hat ihn angebrüllt, also hat er zu Hause mich angebrüllt.«
»Einspruch.«
»Stattgegeben.«
»Warum hat er gebrüllt?«
Die Zeugin verdreht die Augen zu der hohen Decke. »Er hat gesagt, es würde aussehen wie in einem Saustall und dass nie was zu essen im Haus wäre und dass er die Schnauze voll hätte, nach der Nachtschicht in eine unaufgeräumte Wohnung zu kommen, in der es kein Frühstück gibt.«
»Und was haben Sie gemacht?«
»Ich habe gesagt, ich hätte keine Zeit, mir seine Beschwerden anzuhören, weil ich zur Arbeit musste. Und dann sagte er, dass es überhaupt nicht in Frage käme, dass ich ausgehen und ihn den ganzen Tag mit dem Baby allein lassen würde, weil er seinen Schlaf brauchte, und ich hab ihm gesagt, dass ich das Baby ja wohl schlecht mit in den Frisörsalon nehmen könnte und immer so weiter.«
»Können Sie uns sagen, was genau passiert ist?«
Die Zeugin zuckt die Achseln und schiebt das Kaugummi mit der Zunge nervös von einer Wange zur anderen. »Genau weiß ich es nicht mehr.«
»So genau, wie Sie sich erinnern können.«
»Wir haben angefangen, uns anzuschreien. Er sagte, ich würde nichts in der Wohnung tun und den ganzen Tag bloß auf meinem knochigen Arsch rumsitzen, und wenn ich schon nicht kochen oder sauber machen würde, könnte ich wenigstens auf die Knie gehen und ihm einen …« Caroline Fletcher bricht ab, strafft die Schulter und sieht die Geschworenen flehend an. »Sie wissen schon.«
»Er hat Oralsex von Ihnen verlangt?«
Die Zeugin nickt. »Dafür sind sie ja nie zu müde.«
Die sieben Frauen in der Jury glucksen wissend, genau wie Amanda, die hinter vorgehaltener Hand ebenfalls lächelt und beschließt, auf einen Einspruch zu verzichten.
»Was ist dann passiert?«, fragt der Ankläger.
»Er hat mich Richtung Schlafzimmer gezerrt. Ich hab immer wieder nein gesagt, ich hätte keine Zeit, doch er hat nicht zugehört. Dann ist mir ein Film wieder eingefallen, den ich im Fernsehen gesehen habe, mit Jennifer Lopez, glaube ich, aber ich weiß nicht mehr so genau, jedenfalls hat dieser Typ sie angegriffen, und sie hat gemerkt, je mehr sie sich gewehrt hat, umso geiler wurde er und umso schlimmer wurde es für sie, also hat sie aufgehört, sich zu wehren, was ihn irgendwie aus der Fassung gebracht hat, und sie konnte fliehen. Ich dachte, das probier ich auch.«
»Sie haben aufgehört, sich zu wehren?«
Wieder nickt Caroline Fletcher. »Ich hab mich ganz schlaff gestellt, so als würde ich nachgeben, und als wir an der Schlafzimmertür waren, habe ich ihn weggeschubst, bin ins Zimmer gerannt und hab abgeschlossen.«
»Und was hat Derek Clemens dann getan?«
»Er war total wütend. Er hat gegen die Tür gehämmert und gebrüllt, er würde mich platt machen«, erläutert Caroline Fletcher.
»Und wie haben Sie das interpretiert?«
»Ich dachte, dass er mich platt machen würde«, erklärte Caroline Fletcher.
Amanda blickt die Geschworenen direkt an. Diesen Ausbruch, sagen ihre Augen, kann man doch gewiss nicht als ernsthafte Morddrohung betrachten. Sie nimmt ihren Bleistift und fügt ihrer Einkaufsliste den Posten Weizenkleie hinzu.
»Fahren Sie fort, Miss Fletcher.«
»Also, er hämmerte gegen die Tür und brüllte rum. Und natürlich ist Tiffany aufgewacht und hat angefangen zu weinen.«
»Tiffany?«
»Unsere Tochter. Sie ist fünfzehn Monate alt.«
»Wo war Tiffany denn die ganze Zeit?«
»In ihrem Kinderbett im Wohnzimmer. Dort haben wir es hingestellt, weil die Wohnung nur ein Schlafzimmer hat, und Derek sagt, dass er seine Ruhe braucht.«
»Sein Gebrüll hat also das Baby geweckt.«
»Sein Gebrüll hat das ganze Haus geweckt.«
»Einspruch.«
»Stattgegeben.«
»Und was dann?«
»Also, mir wurde klar, wenn ich die Tür nicht aufmache, tritt er sie einfach ein, also hab ich ihm gesagt, dass ich aufmachen würde, aber nur wenn er verspricht, sich vorher zu beruhigen. Er hat es versprochen, und dann war es bis auf das Weinen des Babys ganz still, also hab ich die Tür aufgemacht, und ehe ich wusste, wie mir geschah, war er über mir, hat mich geschlagen und an meinem Kleid gerissen.«
»Ist dies das Kleid?« Mit zwei Schritten steht der stellvertretende Distriktsstaatsanwalt vor dem Tisch der Anklage, wo er ein formloses graues Jerseykleid in die Hand nimmt, das erkennbar schon bessere Tage gesehen hat. Er zeigt es der Zeugin, bevor er es den Geschworenen zur Begutachtung präsentiert.
»Ja, das ist es.«
Amanda lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück, um ihre Sorglosigkeit zu bekunden. Sie hofft, dass die Geschworenen von den beiden winzigen Rissen unten an beiden Seitensäumen ebenso wenig beeindruckt sind wie sie selbst; Risse, die Caroline Fletcher ebenso gut selbst verursacht haben könnte, als sie sich das Kleid über die Hüften zog, wie Derek Clemens, als er es nach oben zerrte.
»Was geschah, nachdem er Ihr Kleid zerrissen hatte?«
»Er hat mich aufs Bett geworfen und mich gebissen.«
Wie durch Zauberei tauchen die inkriminierenden Fotos in der Hand des stellvertretenden Distriktsstaatsanwalts auf. Sie werden rasch als Beweismittel zu Protokoll genommen und unter den Geschworenen verteilt. Amanda beobachtet sie, während sie den Abdruck von Derek Clemens’ Zähnen auf Caroline Fletchers Rücken betrachten, sieht den Ekel über ihre Mienen huschen wie den Widerschein der Flammen an einem Lagerfeuer, während sie sich bemühen, den Anschein von Unparteilichkeit zu wahren.
Die Jury ist wie immer ein bunt zusammengewürfelter Haufen – ein alter jüdischer Rentner sitzt eingeklemmt zwischen zwei schwarzen Frauen mittleren Alters, ein glatt rasierter Lateinamerikaner mit Anzug und Krawatte neben einem jungen Mann mit Pferdeschwanz, Jeans und T-Shirt, eine schwarze Frau mit weißen Haaren hinter einer weißen Frau mit schwarzen Haaren; Korpulente und Schlanke, Beflissene und Blasierte. Und alle haben eins gemeinsam – die Verachtung in ihrem Blick, als sie von den Fotos zu dem Angeklagten schauen.
»Was geschah, nachdem er Sie gebissen hat?«
Caroline Fletcher blickt zögernd auf ihre Füße. »Er hat mich auf den Rücken gedreht und Sex mit mir gehabt.«
»Er hat Sie vergewaltigt?«, formuliert der Ankläger ihre Antwort sorgfältig um.
»Jawohl. Er hat mich vergewaltigt.«
»Er hat Sie vergewaltigt«, wiederholt Tyrone King. »Und was dann?«
»Als er fertig war, hab ich im Salon angerufen und gesagt, dass ich ein bisschen später kommen würde, und er hat mir das Telefon aus der Hand gerissen und es mir an den Kopf geworfen.«
Was zum Anklagepunkt des Angriffs mit einer tödlichen Waffe geführt hat, denkt Amanda und schreibt eine ernst gemeinte Frage unter ihre Einkaufsliste. Sie haben den Salon angerufen und nicht die Polizei?
»Er hat Ihnen das Telefon an den Kopf geworden?«, wiederholt der Ankläger in einer Art, die schnell zur ermüdenden Marotte wird.
»Ja. Es hat mich seitlich am Kopf getroffen und ist dann auf den Boden gefallen und zerbrochen.«
»Was geschah danach?«
»Ich habe mich umgezogen und bin zur Arbeit gegangen. Er hat mir das Kleid zerrissen«, erinnert sie die Geschworenen. »Also musste ich mich umziehen.«
»Und haben Sie die Vorfälle der Polizei gemeldet?«
»Jawohl.«
»Wann war das?«
»Ein paar Tage später. Er fing wieder an, mich zu schlagen, und ich hab ihm gesagt, wenn er nicht aufhören würde, würde ich zur Polizei gehen, und er hat nicht aufgehört, also habe ich es getan.«
»Was haben Sie der Polizei erzählt?«
Caroline Fletcher wirkt verwirrt. »Na, was der Beamte Ihnen schon erzählt hat.« Sie meint Sergeant Dan Peterson, den Zeugen vor ihr, einen Mann, der derartig kurzsichtig ist, dass sein Gesicht beinahe während der gesamten Zeugenaussage buchstäblich in seinen Notizen verschwunden war.
»Sie haben ihm von der Vergewaltigung berichtet?«
»Ich hab ihm erzählt, dass Derek und ich gestritten haben, dass Derek mich immer schlägt und so, und dann hat er ein paar Fotos gemacht.«
Tyrone King hebt seine langen, eleganten Finger und bedeutet seiner Zeugin, eine Pause zu machen, in der er etliche weitere Fotos findet, die er Caroline Fletcher zeigt. »Sind das die Fotos, die der Polizeibeamte gemacht hat?«
Caroline verzieht das Gesicht, als sie die verschiedenen Bilder betrachtet. Ziemlich überzeugend, denkt Amanda und fragt sich, ob ihre Aussage einstudiert ist. Haben Sie keine Angst, Gefühle zu zeigen, kann sie Tyrone King mit seinem verführerischen Bariton förmlich flüstern hören. Die Sympathie der Geschworenen ist entscheidend.
Amanda blickt in ihren Schoß und versucht, die Fotos mit den Augen eines Geschworenen zu sehen. Nichts allzu Vernichtendes. Ein paar Kratzer auf der Wange der Frau, die auch die tastenden Finger ihrer kleinen Tochter hinterlassen haben könnten, ein kleine rote Stelle an ihrem Kinn, ein verblassender violetter Fleck am Oberarm, den man sich bei allem Möglichen hätte zuziehen können. Kaum der Stoff für eine schwere Körperverletzung. Nichts, was ihren Mandanten direkt belastet.
»Und dann hab ich ihm erzählt, dass Derek mich gebissen hat«, fährt Caroline unaufgefordert fort. »Und er hat Fotos von meinem Rücken gemacht und mich gefragt, ob Derek mich auch sexuell genötigt hätte, und ich habe gesagt, ich wüsste nicht so genau.«
»Sie wussten nicht so genau?«
»Nun, wir waren seit drei Jahren zusammen. Wir hatten ein Baby. Ich war mir über meine Rechte nicht im Klaren, bis Sergeant Peterson sie mir erklärt hat.«
»Und dann haben Sie beschlossen, Anzeige gegen Derek Clemens zu erstatten?«
»Ja. Ich habe also Anzeige erstattet, und die Polizei hat mich nach Hause gefahren, und dann haben sie Derek verhaftet.«
Ein Telefonklingeln unterbricht die natürliche Geräuschkulisse im Raum. Eine Melodie ertönt. Camptown ladies sing dis song – Doodah! Doodah. Und dann noch einmal. Camptown ladies sing dis song …
Amanda blickt zu der Handtasche neben ihren Füßen. Sie hat ihr Handy doch bestimmt nicht angelassen, hofft sie, greift jedoch wie mehrere Frauen aus der Jury dann doch in ihre Handtasche. Der Lateinamerikaner klopft sein Jackett ab. Der Staatsanwalt sieht vorwurfsvoll seine Assistentin an, aber sie reißt die Augen kopfschüttelnd auf, als wollte sie sagen: ich nicht.
»Oh mein Gott«, ruft die Zeugin plötzlich, und alle Farbe weicht aus ihrem ohnehin blassen Gesicht, als sie einen riesigen Leinenbeutel vom Boden aufhebt und darin herumkramt, während die Melodie immer lauter und aufdringlicher wird.
Camptown ladies sing dis song …
»Tut mir Leid«, entschuldigt sie sich bei dem Richter, der sie über die Metallfassung einer Lesebrille hinweg tadelnd ansieht, während sie ihr Handy abschaltet und wieder in ihre Tasche wirft. »Ich hab den Leuten gesagt, sie sollen mich nicht anrufen«, entschuldigt sie sich.
»Lassen Sie Ihr Telefon heute Nachmittag bitte zu Hause«, erklärt der Richter knapp und nutzt die Gelegenheit, die Sitzung für die Mittagspause zu unterbrechen. »Und Ihr Kaugummi auch«, fügt er noch hinzu, bevor er alle Anwesenden auffordert, sich um vierzehn Uhr wieder einzufinden.
»Und wo gehen wir essen?«, fragt Derek Clemens lässig und streift beim Aufstehen Amandas Arm.
»Ich esse mittags nicht.« Amanda sammelt ihre Unterlagen ein und verstaut sie in ihrem Aktenkoffer. »Ich schlage vor, Sie holen sich in der Cafeteria was zu beißen.« Sofort bereut sie ihre Wortwahl. »Ich treffe Sie in einer Stunde wieder hier.«
»Wohin gehen Sie?«, hört sie ihn fragen, ist jedoch schon auf halbem Weg den Mittelgang des Gerichtssaals hinunter. Als sie die Halle betritt und auf die Fahrstühle auf der rechten Seite zusteuert, hört sie wie von ferne das Tosen des Ozeans. Ein Fahrstuhl öffnet sich in dem Moment, als sie zur Tür kommt, was sie als gutes Omen nimmt. Sie betritt die Kabine und blickt auf die Uhr. Wenn sie sich beeilt, kommt sie gerade noch rechtzeitig zum Beginn des Spinning-Kurses in ihrem Fitness-Studio.
Während sie die Olive Street bis zur Clematis Street hinuntereilt, hört sie die Mailbox ihres Handys ab. Sie hat drei Nachrichten. Zwei stammen von Janet Berg, die in der Wohnung direkt unter ihr lebt und mit deren Ehemann Amanda vor einigen Monaten eine kurze und nicht weiter bemerkenswerte Affäre hatte. Ist es möglich, dass Janet davon erfahren hat? Amanda löscht rasch beide Nachrichten und hört sich die dritte an, die zum Glück von ihrer Sekretärin Kelly Jamieson ist. Amanda hat die gnadenlos muntere junge Frau mit den stacheligen roten Haaren von ihrer Vorgängerin bei Beatty und Rowe geerbt, einer Frau, die offenbar enttäuscht davon, überarbeitetes und unterbezahltes Mitglied einer der am meisten beschäftigten Kanzleien in der Stadt zu sein, es vorgezogen hatte, die Vorzeigeehefrau eines alternden Schwerenöters zu werden.
Dagegen ist nichts einzuwenden, denkt Amanda, als sie sich der Kreuzung Olive und Clematis Street nähert. Sie findet den Berufszweig Vorzeigeehefrau durchaus ehrenhaft.
Schließlich war sie selbst mal eine.
Sie ruft im Büro an und fängt an zu reden, bevor ihre Sekretärin Hallo sagen kann. »Was gibt’s, Kelly?« Sie überquert die Straße, während die Ampel von Dunkelgelb auf Rot umspringt.
»Gerald Rayner hat angerufen, um zu fragen, ob Sie einer weiteren Verschiebung im Fall Buford zustimmen; Naxine Fisher möchte wissen, ob Sie am Mittwoch um elf statt am Donnerstag um zehn kommen können; Ellie hat angerufen, um Sie an das Mittagessen morgen zu erinnern; Ron sagt, er bräuchte sie bei einem Termin am Freitag; und ein Ben Myers aus Toronto hat angerufen. Er möchte, dass Sie ihn zurückrufen; er sagt, es sei dringend. Er hat seine Nummer hinterlassen.«
Amanda bleibt wie angewurzelt mitten auf der Straße stehen. »Was haben Sie gesagt?«
»Ben Myers aus Toronto hat angerufen«, wiederholt ihre Sekretärin. »Sie stammen doch aus Toronto, oder?«
Amanda leckt frische Schweißperlen von ihrer Oberlippe.
Ein Auto hupt, kurz danach ein weiteres. Amanda versucht, einen Fuß vor den anderen zu setzen, aber erst als sie mehrere Wagen ungeduldig auf sich zurollen sieht, setzen sich ihre Beine widerwillig in Bewegung.
Püppchen!, hört sie ferne Stimmen rufen, während sie sich durch den fließenden Verkehr einen Weg auf die andere Straßenseite bahnt.
»Amanda? Amanda, sind Sie noch da?«
2
Als Amanda sich umgezogen, ihre Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und ihre Turnschuhe geschnürt hat, ist der Spinning-Kurs bereits voll im Gange, und alle Räder sind besetzt. »Verdammt«, murmelt sie, schlägt mit der flachen Hand auf ihre schwarze Lycra-Hose und stellt erstaunt fest, dass sie den Tränen gefährlich nahe ist. Das Studio sollte wirklich mehr Räder anschaffen, denkt sie, weil acht für einen derart beliebten Kurs wohl kaum ausreichen. Sie spielt kurz mit dem Gedanken, eine andere Frau vom Sattel zu schubsen, wobei sie sich zwischen einem muskulösen Teenager in der ersten Reihe und einer atemlosen Frau Mitte fünfzig, die sich weiter hinten abstrampelt, zu entscheiden versucht. Ihre Wahl fällt auf Letztere, da es ihrerseits wahrscheinlich ein Akt der Gnade wäre, sie von ihrem Platz zu vertreiben. Die arme Frau kriegt noch einen Herzinfarkt, wenn sie nicht aufpasst. Weiß sie nicht, dass Spinning-Kurse für diejenigen sind, die sie eigentlich gar nicht nötig haben?
Amanda steht eine Weile unschlüssig in der Tür und beobachtet voller Neid den Kurs, während sie hofft, dass eine der Teilnehmerinnen die Verzweiflung in ihrem Blick lesen und ihr ihren Platz abtreten wird. Versteht denn niemand, dass sie nur begrenzt Zeit hat? Dass sie im Gegensatz zu den meisten anderen hier einen richtigen Job hat, zu dem sie zurückkehren muss, dass sie in etwas mehr als einer Stunde wieder vor Gericht erwartet wird und diese fünfundvierzig Minuten quälenden Strampelns braucht, um ein wenig von dem am Vormittag angestauten Dampf abzulassen und ihre Kräfte für den Nachmittag zu sammeln?
»Okay, alle miteinander Popo hoch«, bellt der männliche Trainer über das ununterbrochene Wummern der Rock-musik hinweg. Die Frauen, denen der Schweiß schon in die glasigen Augen und offenen Münder tropft, heben unverzüglich ihr Hinterteil in die Höhe und strampeln schneller und härter und schneller und härter, um mit dem Vorturner mitzuhalten, während Blondie aus den Lautsprechern plärrt.
Die Erinnerung an das Gespräch mit ihrer Sekretärin schleicht sich erneut von hinten an und flüstert in Amandas Ohr. Und ein Ben Myers aus Toronto hat angerufen, sagt ihre Sekretärin. Er möchte, dass Sie ihn zurückrufen. Er sagt, es sei dringend.
Eilig flieht Amanda in den großen Raum des Studios, stürzt sich auf das erste unbesetzte Laufband vor den Fenstern mit Blick auf die unten liegende Straße und beschleunigt das Tempo, bis sie rennt. Drei Fernseher blicken strategisch platziert auf sie herab, ohne Ton, aber den Nahaufnahmen kann man sich nicht entziehen, und am unteren Bildrand laufen ununterbrochen die neuesten Nachrichten. Amanda spürt hinter ihren Augen den Ansatz von Kopfschmerzen und wendet den Blick ab, als der Nachrichtensprecher gerade eine wichtige aktuelle Entwicklung aus dem Nahen Osten vermeldet.
Er sagt, es sei dringend.
»Das sollten Sie nicht tun«, sagt ein Mann und bleibt neben ihr stehen.
Amanda spürt seinen warmen Atem auf ihrem nackten Arm.
»Was sollte ich nicht tun?«, fragt sie, ohne ihn anzusehen. Seine Stimme klingt unbekannt, und sie versucht, sich vorzustellen, wie er aussieht. Um die dreißig, entscheidet sie. Dunkle Haare, braune Augen, muskulöse Arme, kräftige Schenkel.
»Wenn Sie die Neigung so steil einstellen, riskieren Sie eine Verletzung. Ich spreche aus Erfahrung«, fügt er hinzu, als sie seine Warnung ignoriert. »Ich habe mir im letzten Jahr den Adduktor gerissen. Hat alles in allem ein halbes Jahr gedauert.«
Ohne ihre Schritte zu verlangsamen, blickt Amanda in seine Richtung und ist zufrieden, dass er ziemlich genauso aussieht, wie sie ihn sich vorgestellt hat, außer dass er wahrscheinlich eher vierzig als dreißig ist und keine braunen, sondern grüne Augen hat; auf eine übertrieben gepflegte Art attraktiv, nie allzu weit von seinem Föhn entfernt. Sie hat ihn schon öfter gesehen und weiß, dass sie ihm nicht zum ersten Mal auffällt. Sie drückt auf einen Knopf und spürt, wie der Aufstieg unter ihren Füßen weniger steil wird. »So besser?«
»Am besten wäre es ehrlich gesagt, wenn Sie ganz ohne Steigung laufen würden. Sie laufen ohnehin schon gegen Druck an. Die Steigung bedeutet nur eine zusätzliche Belastung Ihrer Unterleibsmuskulatur.«
»Na, das wollen wir doch nicht.« Amanda reduziert die Steigung auf null. »Vielen Dank«, sagt sie und fragt sich, wie lange der Mann braucht, um sich vorzustellen.
»Carter Reese«, sagt er, bevor sie den Gedanken zu Ende gedacht hat.
»Amanda Travis.« Sie verschlingt ihn mit einem Blick, während er auf das Laufband neben sie steigt: die breiten Schultern, die muskulösen Beine, der dicke Hals. Hat im College wahrscheinlich Football gespielt. Jetzt spielt er Golf und geht ins Fitness-Studio. Bestimmt ein Investment-Berater. Frisch geschieden oder seit kurzem getrennt. Dem fehlenden Ehering nach zu urteilen. Mehrere Kinder. Kein Interesse an etwas Ernstem. Sie gibt ihm drei Minuten, bis er vorschlägt, dass man sich später noch auf einen Drink treffen könnte.
»Nennen die Leute Sie Mandy?«
»Nie.«
»Okay, dann also Amanda. Kommen Sie oft hierher?«, fragt er nur halb im Scherz.
Amanda lächelt. Sie mag Männer, die sich im Klischee zu Hause fühlen. »So oft ich kann.«
»Normalerweise sehe ich Sie auf einem dieser verrückten Fahrräder.«
»Leider bin ich heute ein bisschen zu spät gekommen. Sie waren alle besetzt.«
»Wohnen Sie in der Nähe?«
»Ich wohne in Jupiter. Und Sie?«
»In West Palm. Erzählen Sie mir nicht, dass Sie den weiten Weg von Jupiter bis hierher gemacht haben, nur um zu trainieren.«
»Nein. Ich bin von der Arbeit gekommen.«
»Was arbeiten Sie denn?«
»Ich bin Anwältin.«
»Wirklich? Ich bin beeindruckt.«
Amanda lächelt. »Ach wirklich?« Sie fragt sich, ob er sich über sie lustig macht.
»Anwältinnen mit tollen Beinen beeindrucken mich«, redet er weiter.
Amandas Lächeln erstarrt. Sie hätte es wissen müssen. Zwei Minuten, denkt sie.
»Und Sie?«
»Ich bin Investment-Berater.«
»Jetzt bin ich diejenige, die beeindruckt ist«, erklärt sie, gratuliert sich insgeheim zu ihrer intuitiven Menschenkenntnis und hofft, dass sie sich nicht allzu unaufrichtig anhört.
Aber wenn er den Verdacht hegt, ihr Kompliment könnte nicht ganz ernst gemeint sein, lässt er es sich nicht anmerken. »Und in welchem Bereich arbeiten Sie als Anwältin?«
»Strafprozesse.«
Carter Reese lacht laut.
»Verzeihung, habe ich etwas Komisches gesagt?«
Er schüttelt den Kopf. »Sie kommen mir bloß nicht vor wie der klassische Strafverteidigertyp.«
»Und was für ein Typ wäre das?«
»Rau, knallhart und mit Bierbauch.« Er mustert sie demonstrativ und lächelt wohlgefällig, als ob ihr flacher Bauch allein für ihn gemeißelt worden wäre. »Ich sehe keinen Bierbauch.«
»Was man sieht, ist nicht immer das, was man kriegt«, warnt Amanda ihn verspielt.
»Ich würde gern mehr sehen.«
Eine Minute.
»Wann haben Sie Feierabend?«, fragt er.
»Gegen fünf sollte ich fertig sein.«
»Gegen fünf?«
»Ja, ungefähr.«
»Gegen fünf?«, wiederholt er mit übertriebener Betonung. »Höre ich da die Spur eines kanadischen Akzents?«
Sie stammen doch aus Toronto, oder?
Amanda ist ungehalten. Sie hat hart daran gearbeitet, jede Spur ihres Akzents zu tilgen. »Also, werden Sie mich jetzt fragen, ob wir später noch zusammen etwas trinken gehen oder nicht?«
Er stutzt und antwortet mit einem Grinsen in der Stimme: »Daran hatte ich tatsächlich gedacht.«
»Dann denken Sie schneller. Ich muss in weniger als einer Stunde wieder im Gericht sein.«
Er lächelt. »Eine Frau, die nichts davon hält, erst auf den Busch zu klopfen. Das gefällt mir.«
»Die Monkey Bar«, schlägt sie vor. »Sechs Uhr? Dann kann ich vorher noch mal in meiner Kanzlei vorbeischauen.«
»Ich habe eine bessere Idee.«
Das überrascht Amanda nicht, die an bessere Ideen von Männern wie Carter Reese gewöhnt ist.
»Ich kenne da ein fantastisches kleines Lokal in Ihrer Gegend. Wir könnten uns dort auf einen Drink treffen, vielleicht zusammen essen …«
»Klingt gut.« Amanda beobachtet, wie das Grinsen in seiner Stimme sich über sein kantiges Gesicht ausbreitet. Er ist ungeheuer stolz auf sich, denkt sie und ist selbst auch ziemlich zufrieden mit sich. Wenn es um den Abbau von Stress geht, ist Sex schließlich beinahe so gut wie Spinning.
 
»Hatten Sie nach dem Zwischenfall am 16. August noch Sex mit dem Angeklagten?«, fragt Amanda die Zeugin zu Beginn des Kreuzverhörs. Sie erhebt sich von ihrem Stuhl, knöpft den obersten Knopf ihrer maßgeschneiderten Kostümjacke zu und geht forsch auf Caroline Fletcher zu, die den Staatsanwalt flehend ansieht.
»Einspruch«, lässt er sich folgsam vernehmen.
»Weswegen?«, höhnt Amanda.
»Die Frage ist irrelevant«, erwidert Tyrone King und geht auf den Richtertisch zu. »Es geht hier um die Ereignisse an dem fraglichen Vormittag, Euer Ehren, und nicht darum, was möglicherweise später passiert ist.«
»Im Gegenteil«, widerspricht Amanda. »Meinem Mandanten werden mehrere schwere Verbrechen vorgeworfen. Die Zeugin behauptet, dass sie am Morgen des 16. August vergewaltigt wurde; Derek Clemens besteht darauf, dass der Sex im gegenseitigen Einvernehmen stattfand, und führt als Beweis dafür an, noch am selben Tag ein weiteres Mal mit der Zeugin geschlafen zu haben.«
»Der Einspruch ist abgelehnt«, stimmt der Richter ihr zu und weist die Zeugin an, die Frage zu beantworten.
»Wir hatten Sex, ja«, antwortet Caroline Fletcher.
»Am selben Abend?«
»Als ich von der Arbeit nach Hause gekommen bin.«
Amanda wendet sich den Geschworenen zu und zieht in einer gut einstudierten Geste der Ratlosigkeit ihre gezupften Brauen hoch. »Warum?«, fragt sie schlicht.
»Das verstehe ich nicht.«
»Ich offen gesagt auch nicht. Ich meine, Sie behaupten, dass Derek Clemens Sie am Morgen des Tages vergewaltigt hat. Warum haben Sie dann nur wenige Stunden später einvernehmlichen Sex gehabt?«
»Er hat gesagt, es täte ihm Leid«, antwortet Caroline ehrlich.
»Er hat gesagt, es täte ihm Leid?«
»Wenn er will, kann er sehr überzeugend sein.«
»Verstehe. Das war also nicht das erste Mal, dass so etwas passiert ist?«
»Dass was passiert ist?«
»Lassen Sie mich die Frage umformulieren.« Amanda atmet tief ein. »Wie würden Sie Ihre Beziehung zu dem Angeklagten beschreiben, Miss Fletcher?«
»Ich weiß nicht genau.«
»Würden Sie sie als stürmisch bezeichnen?«
»Wahrscheinlich.«
»Sie haben sich oft gestritten?«
»Er hat ständig wegen irgendwas rumgebrüllt.«
»Haben Sie zurückgebrüllt?«
»Manchmal.«
»Und waren diese Auseinandersetzungen schon vor dem Morgen des 16. August irgendwann einmal tätlich geworden?«
»Er hat mich manchmal geschlagen.«
»Und haben Sie je zurückgeschlagen?«
»Nur zur Selbstverteidigung.«
»Die Antwort ist also: Ja, Sie haben manchmal zurückgeschlagen.«
Die Zeugin funkelt Amanda wütend an. »Er ist viel stärker als ich.«
»Okay, nur um das noch mal klarzustellen: Sie und Derek Clemens hatten eine sehr stürmische Beziehung, Sie haben oft gestritten, was manchmal auch zu Handgreiflichkeiten führte. Ist das zutreffend?«
»Ja«, bestätigt Caroline widerwillig.
»Und haben diese Auseinandersetzungen häufig mit Sex geendet?«
Die Zeugin windet sich auf ihrem Stuhl. »Manchmal.«
»Ist es dann nicht möglich, dass Derek Clemens am Morgen des 16. August einfach gedacht hat, dass es Ihr übliches Spiel war?«
Caroline Fletcher verschränkt trotzig die Arme vor ihrer geblähten Brust. »Er wusste genau, was er tat.«
Amanda macht eine Pause und wirft einen Blick auf den Zettel in ihrer Hand, obwohl sie die Notizen längst auswendig kennt. »Miss Fletcher, als Mr. King Sie nach den Geschehnissen an jenem Vormittag befragt hat, haben Sie gesagt, dass Derek Clemens Sie aufs Bett geworfen, auf den Rücken gedreht und Sex mit Ihnen gehabt hätte.«
»Ich habe gesagt, dass er mich vergewaltigt hat.«
»Ja, aber Ihre eigenen Worte waren zunächst, dass er Sex mit Ihnen hatte. Und Sie haben zugegeben, dass Sie erst nach dem Gespräch bei der Polizei entschieden haben, dass Sie vergewaltigt worden sind.«
»Ich war mir meiner Rechte wie gesagt nicht sicher, bis Sergeant Peterson sie mir erklärt hat.«
»Sie brauchten jemanden, der Ihnen erklärt, dass Sie vergewaltigt worden sind?«
»Einspruch.«
»Stattgegeben«, sagt der Richter. »Fahren Sie fort, Miss Travis.«
Amanda wirft erneut einen überflüssigen Blick auf ihre Notizen. »Und nach dem angeblichen Angriff haben Sie den Frisörsalon angerufen, in dem Sie arbeiten.«
»Um Bescheid zu sagen, dass ich ein bisschen später komme.«
»Sie haben nicht die Polizei angerufen«, stellt Amanda fest.
»Nein.«
»Um genau zu sein, haben Sie sich erst zwei Tage später bei der Polizei gemeldet.«
Caroline Fletcher verzieht das Gesicht.
»Als Derek Clemens sagte, er würde Sie platt machen, haben Sie sich also nicht ernsthaft bedroht gefühlt, oder, Miss Fletcher?«
»Ich habe mich bedroht gefühlt.«
»Sie wussten, dass es nur so eine Redensart war, oder?«
»Ich habe mich ernsthaft bedroht gefühlt«, beharrt die Zeugin.
»So ernsthaft, dass Sie am Abend nach der Arbeit nach Hause zurückgekehrt sind?«
»Ich habe ein Baby, um das ich mich kümmern musste.«
»Ein Baby, dass Sie ohne Probleme mit einem Mann alleine gelassen hatten, der Sie, wie Sie behaupten, geschlagen und vergewaltigt hat. Von der Morddrohung ganz zu schweigen.«
»Derek würde dem Baby nie etwas tun.«
»Oh, da bin ich mir ziemlich sicher«, stimmt Amanda ihr herzlich zu und lächelt den Angeklagten an. »Tatsache ist, dass Derek Clemens ein wundervoller Vater ist, oder nicht?«
»Er ist ein guter Vater«, räumt die Zeugin sichtlich widerstrebend ein.
»Er ist Tiffanys Hauptbezugsperson, oder nicht?«
»Na ja, er war derjenige, der tagsüber zu Hause war.«
»Und jetzt?«
»Was jetzt?«
»Wer kümmert sich jetzt um Tiffany, nachdem Sie und Derek Clemens sich getrennt haben?«
»Wir beide.«
»Ist es nicht so, dass sie bei ihrem Vater lebt?«
»Die meiste Zeit.«
»Und Sie leben jetzt mit einem anderen Mann zusammen?« Amanda konsultiert ihre Notizen. »Mit einem Adam Johnson?«
»Nicht mehr.«
»Sie haben sich getrennt? Warum?«
Der stellvertretende Distriktstaatsanwalt ist sofort auf den Beinen. »Einspruch, Euer Ehren. Ich kann nicht erkennen, inwiefern die Intention dieser Frage für die Verhandlung relevant sein soll.«
»Ich glaube, dass ich die Relevanz mit der nächsten Frage deutlich machen kann, Euer Ehren.«
»Fahren Sie fort.«
»Ist es wahr, dass Adam Johnson eine Verfügung gegen Sie erwirkt hat, Miss Fletcher?«
»Einspruch.«
»Abgelehnt.«
»Warum hat Adam Johnson eine Verfügung gegen Sie erwirkt, Miss Fletcher?«
Die Zeugin schüttelt den Kopf und fängt an, nervös am Lack des Mittelfingers ihrer linken Hand zu kauen. »Adam Johnson ist ein Lügner. Er will mir bloß Ärger machen.«
»Ach so. Es hat also nichts mit der Tatsache zu tun, dass Sie ihn mit einer Schere angegriffen haben?«
»Es war bloß eine Nagelschere«, protestiert Caroline Fletcher matt.
»Ich habe keine weiteren Fragen an die Zeugin.« Als Amanda zu ihrem Verteidigertisch geht, bemüht sie sich, nicht zu lächeln.
 
Das Telefon klingelt, als Amanda an ihrer Sekretärin vorbei in ihr kleines Büro eilt. »Ich bin nicht da«, sagt sie im Vorbeigehen, macht die Tür hinter sich zu und blättert die Nachrichten durch, die sich auf ihrem Schreibtisch stapeln. Sie zieht ihre Jacke aus, streift die schwarzen Leinenpumps ab, die den ganzen Nachmittag gekniffen haben, und lässt sich in ihren schwarzen Ledersessel fallen. Sie ist kurz versucht, die Füße triumphierend auf die Tischplatte zu legen, wie es Männer in Filmen tun, wenn sie besonders selbstzufrieden sind, doch dafür ist es noch zu früh. Der Prozess ist noch lange nicht gelaufen, bloß weil die wichtigste Belastungszeugin des Anklägers keinen Starauftritt hingelegt hat. Da ist immer noch die Sache mit den grässlichen Bissspuren. Kann Derek Clemens es wirklich schaffen, die Geschworenen zu überzeugen, die Beweise vor ihren Augen zu übersehen?
Ein weiterer Grund, warum Amanda zögert, die Füße hochzulegen, ist der Umstand, dass dafür kein Platz ist. Ihr Blick schweift von dem leeren Computerbildschirm in der Mitte des Schreibtischs über diverse Akten und Unterlagen, die sich an beiden Seiten stapeln. Ein Dutzend schwarzer Filzstifte liegt zwischen einer wahllosen Sammlung von Briefbeschweren und Kristallminiaturen verstreut – ein kleiner Pudel, ein aufgeschlagenes Buch, ein vergoldeter Federkiel mit einem winzigen Tintenfass. Seltsame Erwerbungen für jemanden, der Nippes eigentlich nicht leiden kann, denkt sie abwesend, während sie aus dem Fenster ihres Büros im zweiten Stock blickt und wie jedes Mal das Gesicht verzieht, als sie das kaugummipinke Gebäude gegenüber sieht. Dabei ist sie in Dekorationsfragen nicht unbedingt in der Position, den ersten Stein zu werfen, nachdem ihr Versuch gescheitert ist, die Mächtigen bei Beatty und Rowe dazu zu überreden, ihre kanariengelbe Fassade mit einem gefälligeren Weiß zu überstreichen.
Es klopft leise, bevor die Tür aufgeht und Amandas Sekretärin den Kopf hereinsteckt. Unter ihrem orangeroten Schopf schielt Kelly Jamieson leicht, trotz einer Augenoperation und dicker Brille. Sie hat ein Mondgesicht mit einer langen, dünnen Nase; ihre Brust ist flach, ihre Beine sind kurz und etwas gebogen. Seltsamerweise ergeben diese kleinen Makel zusammen ein eigenartig reizendes Ganzes. »Das war wieder Ben Myers«, verkündet sie mit einer Stimme, die klingt wie im Feuer knackende Holzscheite.
Amanda nimmt eine Akte zur Hand und tut so, als ob sie liest.
»Ich habe ihm gesagt, dass Sie noch bei Gericht sind. Er hat seine Privatnummer hinterlassen und gesagt, Sie könnten ihn so spät anrufen, wie Sie wollen.«
Amanda lässt die Akte auf den Tisch fallen und spielt mit der Ecke einer anderen. »Es ist schon spät«, sagt sie. »Warum machen Sie nicht Feierabend?«
Kelly bleibt einen Moment im Türrahmen stehen. »Darf ich Sie etwas fragen?«
Amanda hebt den Blick, sieht ihre Sekretärin an und ertappt sich dabei, den Atem anzuhalten.
»Wer ist dieser Typ?«
Binnen Sekunden hat Amanda ein halbes Dutzend Lügen erdacht und ebenso schnell wieder verworfen. »Er ist mein Ex-Mann.«
»Ihr Ex-Mann?«, fragt ihre Sekretärin, ohne ihre Überraschung zu verbergen. Sie kneift die Augen zusammen. »Ich dachte, Ihr Ex-Mann wäre Sean Travis.«
»Der auch.«
»Sie haben zwei Ex-Männer?«
Amanda hört den stummen Zusatz – mit achtundzwanzig!
»Was soll ich sagen? Ich bin eine sehr gute Anwältin und eine sehr schlechte Ehefrau.«
Amanda wartet auf Kellys Protest – oh nein, ich bin sicher, Sie waren eine wunderbare Ehefrau -, der jedoch unterbleibt. »Was glauben Sie, was er will?«
»Ich habe keine Ahnung.«
»Er hat gesagt, es wäre wirklich wichtig.«
Amanda nickt und spürt, wie sich ihr ganzer Körper anspannt.
»Rufen Sie ihn später an?«
»Nein.«
Schweigen. Ihre Sekretärin tritt von einem Fuß auf den anderen. »Okay, also, dann gehe ich jetzt wohl mal nach Hause.«
3
Drei Gründe, warum Amanda Travis weiß, dass Carter Reese verheiratet ist, bevor er es gesteht: Nummer eins, das kleine entlegene Lokal, das er zum Abendessen ausgewählt hat, ist so klein und entlegen, dass Amanda, die die Gegend gut kennt, zweimal durch das nichts sagende Einkaufszentrum kurvt, bevor sie es schließlich eingeklemmt zwischen einer Zoohandlung und einem Schuh-Discount-Outlet entdeckt; Nummer zwei, in dem fensterlosen Raum ist es so dunkel, dass sie kaum erkennen kann, was sie isst, während sie beobachtet, dass ihr Begleiter jedes Mal nervös zur Tür blickt, sobald die sich öffnet; Nummer drei, er berührt ständig den Ringfinger seiner linken Hand, als wollte er sich vergewissern, dass er daran gedacht hat, seinen Ehering abzunehmen, eine nervöse Marotte, die absolut verräterisch ist.
»Es ist okay«, erklärt sie schließlich, nachdem sie ihre letzte Muschel gegessen und entschieden hat, ihn von seinem Elend zu erlösen. »Ich hab kein Problem damit, dass du verheiratet bist.«
»Was?« Selbst in dem schwachen Licht ist das Entsetzen in seinem Gesicht unübersehbar.
»Es macht mir nichts aus, dass du verheiratet bist«, wiederholt Amanda aufrichtig. »Im Grunde genommen macht es die Sache sogar leichter.«
»Was?«, fragt Carter Reese noch einmal.
»Ich bin nicht auf der Suche nach einer ernsthaften Beziehung. Ich habe einen sehr arbeitsintensiven Beruf und im Moment ein Million Dinge auf dem Zettel, und so ist es unkomplizierter. Du kannst dich also entspannen. Du musst mich nicht anlügen. Jedenfalls meistens nicht«, fügt sie lächelnd hinzu.
Einen Moment lang herrscht Schweigen, während Carter Reese versucht zu entscheiden, ob dies einer dieser schicksalhaften Momente ist. Die Flamme der Kerze auf dem Tisch flackert bedrohlich, als er haucht: »Ist das eine Art Test?«
Amanda lacht. »Ich sage bloß, dass es nicht wichtig ist, mehr nicht.«
Carter lehnt sich kopfschüttelnd zurück, verschränkt die muskulösen Arme vor der Brust und starrt in die Dunkelheit.
»Gibt es irgendein Problem?«, fragt Amanda.
»Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, wie ich das nehmen soll.«
»Wie meinst du das?«
Er lacht verlegen. »Nun, ich weiß wirklich nicht genau, ob ich begeistert oder beleidigt sein soll.«
Amanda fasst über den Tisch hinweg seine Hand. »Ich hatte bestimmt nie die Absicht, dich zu beleidigen.«
Er atmet ein weiteres Mal tief aus. »Also, gut.« Sein Lächeln schwankt bedrohlich zwischen Ich bin wohl der größte Glückspilz auf Erden und Irgendeinen Haken muss die Sache haben. »Also gut«, wiederholt er und drückt ihre Finger. »Dann begeistert.«
Amanda lacht. »Schön. Nachdem wir das geklärt haben, können wir vielleicht einen Nachtisch bestellen.« Sie sieht sich nach dem Kellner um, kann jedoch im Halbdunkel nur vage Konturen ausmachen.
»Möchtest du irgendetwas wissen?«, fragt Carter.
»Worüber?«
»Über meine Ehe.«
Amanda denkt kurz über die Frage nach. Er hat offensichtlich das Gefühl, ihr irgendeine Erklärung zu schulden, aber es gibt ehrlich gesagt nichts, was sie über seine Ehe wissen will. Aber sie spürt, dass es ihn verletzen würde, wenn sie das sagt, und entscheidet sich deshalb für die offensichtlichste Frage. »Wie lange seid ihr verheiratet?«
»Seit fünfzehn Jahren. Zwei Kinder. Ein Junge, Jason, er ist dreizehn, und ein Mädchen, Rochelle, die im März elf wird. Sandy ist eine Künstlerin«, fährt er unaufgefordert fort, als würde seine Frau neben ihm stehen und darauf warten, vorgestellt zu werden. »Sie malt. Sie ist sehr talentiert.«
Amanda gibt sich alle Mühe, interessiert zu wirken. Sie hofft, dass er nicht zu der bußfertigen Sorte Männer gehört, die so erleichtert sind, ertappt worden zu sein, dass sie den ganzen Abend ihre kleinen sündigen Geheimnisse wiederkäuen.
»Sie ist wirklich eine sehr nette Frau.«
»Ich bin sicher, sie ist wundervoll.«
»Mit unserer Ehe ist alles in Ordnung. Es ist nur, dass …«
»Ihr habt euch auseinander gelebt«, hilft Amanda ihm auf die Sprünge, weil sie das Drehbuch und den Text aller Beteiligten auswendig kennt.
»Es ist niemandes Schuld. Es ist einfach, na ja, du weißt schon.«
Amanda zieht ihre Hand zurück und rückt in der Hoffnung, ihn abzulenken, den tiefen Ausschnitt ihres schwarzen Pullis zurecht.
»Die Kindern verlangen ihr viel Zeit und Kraft ab«, fährt Carter fort, der ihr imposantes Dekollete scheinbar gar nicht bemerkt. »Sie hat kein besonders großes Interesse an Sex mehr. Sie sagt, sie ist zu müde und so.«
Amanda nickt, obwohl sie sich nicht vorstellen kann, je zu müde für Sex zu sein. Sie leert ihr Weinglas mit einem großen Schluck.
»Und«, sagt er mit dem Gespür, dass es vielleicht an der Zeit ist, das Thema zu wechseln, »erzähl mir etwas von dir. Wie ist eine so schöne Frau in einem so hässlichen Beruf gelandet?«
Amanda zuckt die Achseln. »Ich dachte, es würde Spaß machen.«
»Spaß?«
»Ich dachte, es wäre interessant«, verbessert sie sich, obwohl Spaß den Kern der Sache eigentlich besser trifft.
»Und ist es das?«
»Manchmal.«
»Hängt vermutlich von dem Verbrecher ab«, meint Carter.
»Nein«, entgegnet Amanda. »Im Allgemeinen sind die Verbrecher an sich ein ziemlich langweiliger Haufen und einander erstaunlich ähnlich. Die meisten sind nicht besonders intelligent oder phantasievoll. Es sind nur ihre Verbrechen, die sie interessant machen. Und die Tatsache, dass keiner von ihnen glaubt, er könnte erwischt werden.«
»Er?«
»Meistens schon. Vor allem bei Gewaltverbrechen.«
»Frauen sind nicht gewalttätig?«
»Das habe ich nicht gesagt«, erwidert sie und denkt an Caroline Fletcher.
»Sandy hat mir mal ein Omelett an den Kopf geworfen.«
Die beiläufige Erwähnung von Carters Frau lässt Amanda blass werden. Für eine Frau, die bis vor kurzem noch gar nicht existiert hat, ist sie sehr plötzlich zu einer Kraft geworden, mit der man rechnen muss. »Ein Omelett?«
»Sie hat Frühstück gemacht, und ich habe sie gefragt, ob sie in letzter Zeit ein paar Pfunde zugelegt hätte. Ehe ich mich versah, segelte das Omelett durchs Zimmer und klatschte direkt auf meine Stirn.«
Angriff mit einem tödlichen Ei, denkt Amanda. Laut sagt sie: »Es war wahrscheinlich nicht das Klügste, ihr das gleich morgens als Erstes zu sagen.«
Carter schmunzelt über die Erinnerung. »Gibt es dafür überhaupt einen guten Zeitpunkt?«
»Wohl nicht.«
»Warst du je verheiratet?«
»Nein«, lügt Amanda, weil sie es leichter findet. Zwei Ex-Männer wären zu viel Ablenkung für Carter Reese, der schon genug Probleme hat, den Gedanken an seine eigene Frau zu bewältigen. Außerdem hat sie keine Lust, die langweiligen Einzelheiten herunterzuleiern, warum ihre beiden Ehen gescheitert sind. Einfach ausgedrückt war sie beim ersten Mal noch zu jung, und beim zweiten Mal war er zu alt. Nun, vielleicht war es nicht ganz so einfach, aber welchen Unterschied macht das? Sie glaubt kaum, dass Carter Reese sich so lange halten wird, dass es eine Rolle spielen könnte. Sie ertappt sich bei dem Wunsch, dass er sie überrascht, und lächelt ihn mit der stummen Bitte an, vom vorgeschriebenen Drehbuch abzuweichen. Ich will, wenn du willst, versucht sie ihm mit Blicken zu sagen. Er tätschelt ihre Hand und blickt nervös zur Tür.
Als plötzlich der Kellner neben dem Tisch steht, zuckt Amanda zusammen, weil sie ihn nicht hat kommen sehen. »Hat es Ihnen geschmeckt?«, fragt er und fängt an, das Geschirr abzuräumen.
»Köstlich.«
»Danke«, sagt er, als hätte er das Essen persönlich zubereitet. »Vielleicht ein Dessert? Wir haben eine ausgezeichnete Limonen-Tart.«
»Klingt gut.«
»Für mich einen koffeinfreien Cappuccino«, erklärt Carter dem Kellner. »Und eine zusätzliche Gabel.«
Amanda erstarrt. Sie hat es immer gehasst, ihr Essen zu teilen, und mag es nicht, wenn ein anderer auf ihren Teller langt.
»Und was hat dich nach Florida geführt?«, fragt Carter.
Amanda fällt plötzlich auf, wie still es geworden ist, so als hätten alle Anwesenden ihre Gespräche eingestellt, um ihre Antwort zu hören. Sie späht durch das Halbdunkel zu den wenigen anderen Gästen, die alle mit dem Essen beschäftigt und auch ansonsten beruhigend desinteressiert an ihrer Anwesenheit wirken. »Vor acht Jahren habe ich hier Urlaub gemacht«, erklärt sie ihm. »Und was ich gesehen habe, hat mir gefallen. Also bin ich geblieben.«
Ab wann wird eine Halbwahrheit zur Lüge, fragt sie sich und denkt an den Eid, den alle Zeugen vor Gericht ablegen müssen. Schwören Sie die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit …?
Sagt irgendjemand je die ganze Wahrheit?
Vor acht Jahren habe ich hier Urlaub gemacht (um meinem ersten Mann zu entfliehen), und was ich gesehen habe (meinen zweiten Mann) hat mir gefallen. Also bin ich geblieben.
»Hast du hier Jura studiert?«
»Ja, ich habe Jura studiert.« Habe wieder geheiratet. »Habe die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen.« Bin wieder geschieden worden. »Habe für ein Jahr in einer kleinen Kanzlei in Jupiter gearbeitet, bevor das Angebot kam, bei Beatty und Rowe anzufangen.«
»Und wo lebt deine Familie?«
»Meine Mutter ist in Toronto. Mein Dad ist vor elf Jahren gestorben.«
»Ich habe meine Mutter im letzten Jahr verloren«, sagt Carter leichthin, als ob er sie lediglich verlegt hätte und sie, wenn er nur gründlich genug suchte, vielleicht einfach wieder auftauchen würde. »Krebs.«
Amanda nickt mitfühlend. »Es ist schwer …«
»Für meinen Vater nicht. Er hat zwei Monate später wieder geheiratet. Das Mädchen von nebenan«, fügt Carter bitter hinzu und verzieht die Mundwinkel zu einem höhnischen Grinsen.
Amanda findet die Mischung aus Verbitterung und einem höhnischen Grinsen beinahe unwiderstehlich. Sie verleihen einer ansonsten faden Stimme Charakter und Gesichtszügen ganz allgemein etwas Attraktives. Sie bereut es, einen Nachtisch bestellt zu haben. Je schneller sie von all den unerwünschten Verwandten loskommen, desto besser. »Ich habe übrigens auch eine Cappuccino-Maschine zu Hause«, sagt sie verführerisch.
Carter Reese ist sofort auf den Beinen. »Kellner«, bellt er in die Dunkelheit, wobei es ihm entweder entgeht oder plötzlich gleichgültig ist, dass er jetzt im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit steht. »Die Rechnung, bitte.«
 
Amanda trifft sich mit Carter Reese vor der eleganten, in Marmor und Glas gehaltenen Lobby ihres Apartmentgebäudes am North Ocean Boulevard. Sie haben ihre Autos geparkt, sie auf ihrem markierten Parkplatz in der Tiefgarage, er auf dem Gästeparkplatz vor dem Haus. »Guten Abend, Joe«, begrüßt sie den älteren Portier und schiebt Carter in Richtung der Aufzüge im hinteren Teil der Halle.
Während sie auf den Aufzug warten, hebt Carter seinen Blick kaum von den Troddeln an seinen schwarzen Slippern. Das helle Licht in der Lobby und all die Spiegel an den Wänden, die ihm das Bild des willigen Ehebrechers zigfach entgegenhalten, sind ihm sichtlich unangenehm. »Langsame Fahrstühle«, bemerkt er leise, obwohl sie noch gar nicht lange warten.
Als der Lift nach ein paar weiteren Sekunden endlich aufgeht, tritt eine attraktive Frau mittleren Alters mit einem weißen, an seiner Leine zerrenden Pudel aus der Kabine. Als der Hund Carter sieht, bellt er und stürzt sich auf ihn. »Pussycat«, ermahnt ihn sein Frauchen und zieht heftig an dem strassbesetzen Halsband des Tieres.
»Der Mann ist ungefährlich«, versichert Amanda sowohl der Frau als auch ihrem Hund, folgt Carter in den leeren Aufzug und drückt auf den Knopf für den 15. Stock. »Oder vielleicht auch nicht«, sagt sie lachend, als seine Hände ihre Hüften umschlingen, noch bevor sich die Fahrstuhltür wieder geschlossen hat. Er zieht sie an sich, bis ihre Lippen nur noch Zentimeter voneinander entfernt sind, als die Fahrstuhltür ruckend stockt und dann wieder aufgeht.
»Oh«, sagt die Frau, die die Kabine betritt.
Carter lässt unverzüglich die Hände sinken und blickt wieder zu Boden.
»Janet«, sagt Amanda, während die Frau demonstrativ auf die Tür starrt. Dies ist vermutlich nicht der beste Zeitpunkt, sie nach den beiden Anrufen in ihrer Kanzlei zu fragen, entscheidet Amanda, als auch noch ein attraktiver Mann Mitte dreißig mit einem Hawaii-Hemd und grimmiger Miene in den Fahrstuhl drängt. »Victor«, begrüßt Amanda ihn, während Janet ihren Mann wütend anstarrt. Amanda sucht im Gesicht der Frau nach Spuren einer angeblichen Schönheits-OP.
Bis das Paar im 14. Stock aussteigt, sagt niemand ein Wort.
»Freundliche Leute«, sagt Carter und nimmt sie wieder in die Arme, während er sanft ihren Hals küsst.
Schon im Flur vor ihrer Wohnung hören sie das klingelnde Telefon.
»Geh nicht ran«, sagt Carter, als sie die Wohnung betreten.
»Das habe ich auch nicht vor.« Sie wirft ihre Handtasche auf die weißen Fliesen und drängt sich an ihn, während das Telefon beharrlich weiterklingelt.
Er küsst ihren Hals und lässt seine Zungenspitze über ihre Ohrmuschel gleiten.
Sie nimmt seine Hand, führt ihn, verfolgt vom schrillen Klingeln des Telefons, vorbei an dem in Mondlicht getauchten, komplett weißen Wohnzimmer in das ebenfalls völlig weiße Schlafzimmer.
Nach viermaligem Klingeln ist es still, weil der Anrufbeantworter sich eingeschaltet hat. »Und was hältst du von meiner Aussicht?«
»Spektakulär«, sagt er und drückt ihr eine Reihe von Küssen auf die Wange, ohne das beeindruckende Panorama mit Meeresbrandung zu betrachten, das sich vor der komplett verglasten Front ausbreitet.
Sie lacht, als er unter ihren Pullover greift und ihre nackten Brüste mit den Händen umfasst. »Vollmond«, bemerkt sie.
»Das weckt das Tier in mir.« Er legt ihre Hand auf die Vorderseite seiner Hose und küsst sie heftig.
Das Telefon klingelt.
»Das ist aber ein hartnäckiger kleiner Quälgeist«, sagt Carter mit einem Blick auf das Telefon auf dem Nachttisch.
»Beachte es gar nicht.«
»Ganz sicher?«
Als Antwort zieht sich Amanda den Pullover über den Kopf und wirft ihn auf den Boden.
»Mein Gott, bist du schön«, flüstert Carter, und das Telefon hört auf zu klingeln.
Sie zerrt an seiner Gürtelschnalle, bis seine Hose über seine Hüften gleitet, und stolpert mit ihm auf das Bett in der Mitte des Raumes zu. Sekunden später liegen sie auf der weißen Decke und mühen sich mit ihren restlichen Kleidungsstücken ab. Noch ein wenig später sind sie nackt, und er streicht mit den Händen rau über ihren Körper, während seine Zunge die ihre sucht. Genau das, was der Arzt empfohlen hat, denkt sie, als er sich hinkniet und fest in sie eindringt, sodass sein Körper gegen ihren klatscht und das Rauschen der Wellen, das Summen der Klimaanlage und das erneute Klingeln des Telefons übertönt.
Carter wendet den Kopf in Richtung des Geräuschs. »Vielleicht ist es ein Notfall.«
Amanda packt seine Pobacken und zieht ihn noch tiefer in sich hinein. Sie greift zwischen seine Beine und signalisiert ihm, das Tempo seiner Stöße zu erhöhen. Weitere Ermutigung braucht er glücklicherweise nicht, und die nächsten zwanzig Minuten verstreichen aufs Angenehmste in einer bunten Folge leidenschaftlicher Positionen.
»Wow«, keucht er hinterher begeistert. »Das war eine Klasse für sich.«
Welche Klasse, liegt es Amanda auf der Zunge, doch stattdessen fragt sie: »Bereit für eine Zugabe?« Sie streckt die Hand nach ihm aus, als das schmerzhafte Schrillen des Telefons wieder loslegt.
»Warum nimmst du das verdammte Ding nicht einfach ab? Wer immer es ist, er gibt offensichtlich sowieso keine Ruhe.«
Amanda nickt, weil sie weiß, dass Carter Reese Recht hat. Mit ihrer Weigerung schiebt sie das Unvermeidliche nur auf und zieht die Tortur in die Länge. Also reißt sie den Hörer von der Gabel und zieht die Schnur über Carters Brust. »Hallo?«, faucht sie.
»Hab ich dich endlich weich gekocht, was?«, sagt die einst vertraute Stimme.
Amanda atmet tief ein, um ihr wütend pochendes Herz zu beruhigen. »Ich hoffe, es ist was wirklich Wichtiges.«
»Es geht um deine Mutter«, sagt Ben Myers.
Amanda versucht sich ihren Ex-Mann vorzustellen, aber es fällt ihr schwer, nicht den gefährlich gut aussehenden jungen Rebellen in schwarzer Lederjacke vor sich zu sehen, der ihr bei ihrer ersten Begegnung gegenüberstand. Sie fragt sich, ob er noch immer so schlaksig ist wie damals oder ob er in den Jahren, in denen sie sich nicht gesehen haben, zugelegt hat, ob sein dunkles Haar schütterer und seine weichen braunen Augen mit der Zeit härter geworden sind. Wahrscheinlich hat er immer noch Grübchen, wenn er lächelt, denkt sie, obwohl sein Lächeln immer vorsichtig war und sich nur zögernd zeigte. Amanda schiebt sich ein paar Strähnen aus dem Gesicht und lehnt sich an die Kopfleiste ihres Bettes. »Meine Mutter«, wiederholt sie benommen. »Ist sie tot?«
»Nein.«
»Krank?«
»Nein. Mandy …«
»Nenn mich nicht Mandy. Hatte sie einen Unfall oder so?«
»Sie steckt in Schwierigkeiten.«
»Tatsächlich? Wen hat sie umgebracht?«
Carter Reeses Stirn verschwindet hinter einer Reihe von tiefen Runzeln, die alle stumm die Frage wiederholen: Wen hat sie umgebracht?
»Ben?«
Das nachfolgende Schweigen dauert vielleicht einen Tick zu lange. »Einen Mann namens John Mallins.«
»Was?!«
»Schon mal gehört?«
»Wovon redest du überhaupt?«
»Gestern Nachmittag um vier Uhr hat deine Mutter in der Lobby des Four Seasons Hotels einen Mann namens John Mallins erschossen.«
Amanda spürt, wie heiße Wut durch ihren ganzen Körper schießt. »Was für ein kranker Witz soll das sein?«
»Glaub mir. Es ist kein Witz.«
»Willst du mir ernsthaft erzählen, dass meine Mutter gestern Nachmittag in der Lobby des Four Seasons Hotels jemanden erschossen hat?«
»Deine Mutter hat jemanden erschossen?«, fragt Carter Reese.
»Einen Mann namens John Mallins«, erklärt Ben Amanda. »Wer zum Teufel ist John Mallins?«
»Du hast keine Ahnung?«
»Woher sollte ich? Als ich zum letzten Mal mit meiner Mutter gesprochen habe, waren wir noch nicht geschieden.«
Carter kneift die Augen zusammen. Du hast mir erzählt, du wärst nie verheiratet gewesen, sagt sein vorwurfsvoller Blick.
»Was sagt meine Mutter?«
»Sie sagt gar nichts.«
»Warum überrascht mich das nicht?«
»Du musst nach Hause kommen, Amanda.«
»Was? Auf keinen Fall.«
»Deine Mutter sitzt im Gefängnis. Sie ist wegen Mordes verhaftet worden.«
»Meine Mutter sitzt im Gefängnis. Sie ist wegen Mordes verhaftet worden«, wiederholt Amanda und denkt, dass sie in einen postkoitalen Albtraum geraten sein muss.
Carter beginnt sich zentimeterweise zurückzuziehen und sucht in den Falten des Bettüberwurfs nach seiner Unterhose.
»Hör mal, dass Ganze ist offensichtlich ein Irrtum.«
»Nein, es ist kein Irrtum, Püppchen. Tut mir Leid.«
»Was?«
»Deine Mutter hat vor mindestens zwanzig Zeugen dreimal auf den Mann geschossen. Sie hat bereits gestanden.«
»Du hast kein Recht, mich so zu nennen.«
»Ich glaube, du hörst mir nicht zu.«
»Oh doch, ich höre dir zu. Glaub mir, ich hab dich gehört.«
»Dann verstehst du auch, dass du so bald wie möglich nach Hause kommen musst.«
»Das geht nicht. Ich stecke mitten in einem wichtigen Prozess. Ich kann nicht einfach alles stehen und liegen lassen.«
»Dann beantrage eine Vertagung.«
»Unmöglich. Ich bin sicher, du wirst dort schon alles regeln.«
»Unmöglich«, wirft er ihr ihr eigenes Wort an den Kopf.
»Ich kann nicht nach Hause kommen, Ben.«
»Sie ist deine Mutter.«
»Sag das ihr.« Amanda legt auf und zieht wütend den Stecker aus der Wand, bevor sie in die Küche stürmt und auch das Telefon dort außer Betrieb setzt. Dann marschiert sie ins Wohnzimmer, schiebt die gläserne Schiebetür auf, tritt auf den überdachten Balkon und atmet die kühle Meeresluft ein, verzweifelt bemüht, ein wenig Feuchtigkeit in ihre ausgedörrte Lunge zu saugen.
Püppchen, säuseln die Wellen unten. Püppchen. Püppchen.
4
»Schwören Sie die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit?«, deklamiert der Gerichtsschreiber ernst, als Derek Clemens seine linke Hand auf die Bibel legt und die rechte erhebt.
»Ich schwöre.«
Während er seinen Namen angibt und buchstabiert und dem Gericht seine Adresse nennt, mustert Amanda ihren Mandanten. Obwohl er auf ihre Anweisung ein sauberes weißes Hemd und eine gebügelte schwarze Hose trägt, wirkt seine Erscheinung irgendwie verlottert. Der offene Kragen schmiegt sich zu lässig um seinen Hals; sein Wildledergürtel ist zerkratzt und ausgefranst, die langen blonden Haare, in der Mitte gescheitelt und zu einem Pferdeschwanz gebunden, sehen strähnig und ungewaschen aus.