Das Herz des Wolfes - Lukas Bayer - E-Book

Das Herz des Wolfes E-Book

Lukas Bayer

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Beschreibung

Eigentlich hätte Kado nichts dagegen gehabt, bis an sein Lebensende in der Taverne seines Ziehvaters zu arbeiten. Doch als das Leben seiner Ziehschwester in Gefahr ist, geht er einen Handel mit dem Totengott Carnor ein: seine Seele und seinen Dienst als Streiter Carnors gegen das Leben seiner Schwester. Mit einer Menge Humor und ein wenig schlechter Laune muss Kado nun herausfinden, was seine Aufgaben als Streiter Carnors sind und sich ganz nebenbei auch noch mit den Agenten des Königs, dem Hohepriester Carnors, dem Streiter einer anderen Göttin und seinem nervigen Wolfsbruder Felan herumschlagen. Und zu allem Überfluss gibt es da noch diese eine Agentin - denn es gibt schließlich immer diese eine Frau ...

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Seitenzahl: 455

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Zu diesem Buch:

Ein kleiner Handel... und alles ist dahin. Im Austausch für das Leben seiner Schwester wird der Albinoelf Kado vom Totengott Carnor zu seinem Streiter ernannt. Soweit, so kompliziert, denn kaum ist der Handel vollzogen, findet sich Kado in der Gewalt der Agenten der meraldischen Krone wieder. Mit einem Übermaß an neuen Fähigkeiten muss er nun nicht nur mit den Agenten, sondern auch noch mit seiner Aufgabe als Streiter fertig werden - dabei wünscht er sich doch eigentlich nichts mehr, als endlich seine Ruhe zu haben.

Zum Autor:

Lukas Bayer, geboren 1997 in Neustadt, studiert Mathematik und Informatik auf Lehramt an der Technischen Universität Kaiserslautern, doch in seiner Freizeit widmet er sich unter anderem dem Erfinden von fantastischen Geschichten und Welten. Mit „Das Herz des Wolfes“ schafft es nun zum ersten Mal eine seiner Geschichten mit viel Herz und Humor in den Buchhandel.

Für meine Mutter

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Die Sache mit dem Obst

Über Misstrauen und Vertrauen

Aileen

Familienbesuch

Ein Stück Papier

Der alte Hirte

Der Mann aus Nebel

Der Bienenstock

Antworten

Lynn

Ein Plausch unter Feinden

Auf Nimmerwiedersehen

Ein kleines verschlafenes Dorf

Der oberste Agent des Königs

Eine wahre Händlerseele

Antworten

Auch eine Dummheit will geplant sein

Der Bogenschütze

Ein guter Plan?

Anhang

Personen

Orte

Trivia

Prolog

Die Kerze flimmerte im leichten Seegang der Rí’ama und ließ die Schatten wie Puppen an den Wänden tanzen. Sie war die einzige Lichtquelle in der Koje – eine Tatsache, der sich Kado nur allzu bewusst war.

Es wäre für ihn ein leichtes gewesen, eine zweite Flamme oder ein Irrlicht zu erschaffen, jedoch mochte er die dunkle Stimmung, die eine einzelne Kerze hervorrief. Es stimmte ihn auf das ein, was er sich für die restliche Reise vorgenommen hatte.

Mit fast schon zeremonieller Ruhe nahm er ein kleines Kästchen aus seinem Reisesack und öffnete es. Eine kleine Feder, gebettet auf rotem Samt, lag darin und wartete auf ihren Einsatz. Ein kurzer Gedanke genügte und die Feder erhob sich wie von magischer Hand geführt, bevor sie über dem Stapel Papier innehielt.

Kado musterte die Feder einen Moment mit seinen blutroten Augen, bevor er ihr mit einer Handbewegung gebot, sich auf das Blatt herabzusenken. Es wurde Zeit, seine Worte zu Papier zu bringen. Doch wie sollte er anfangen…?

Abwesend fuhr er sich über den Ring an seiner rechten Hand – eine Auszeichnung der Akademie. Sollte er damit beginnen? Mit seinen Fähigkeiten oder seiner Zeit unter den Magiern? Irgendwie erschien ihm das nicht passend genug.

Mit einem Schmunzeln fasste er sich an die Kette an seinem Hals: zwei Schlangen, die sich gegenseitig auffraßen. Sollte er mit ihnen anfangen? Mit den Geschwistern? Auch dies schloss er aus – es war ebenfalls kein guter Anfang.

Dann sah er zu seinem Bogen, der in der Ecke lehnte. Er war ein Geschenk von ihr vor Kados Abreise gewesen. Sollte er etwa mit ihr…? Nein, das war noch absurder als alles andere.

Nachdenklich nahm er den Becher und die Flaschen, die an seinem Tisch standen und schenkte sich ein. Es war Wein, den er mit etwas Wasser verdünnte. Er schmeckte nicht schlecht, doch ein Bier wäre ihm dennoch lieber gewesen – vor allem, wenn er an das Bier dachte, das sein Ziehvater immer in seiner Herberge ausgeschenkt hatte.

Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. Das war der Anfang, den er gesucht hatte! Es mochte vielleicht nicht der spannendste Beginn einer Geschichte sein, doch er war der passendste. Auf seinen ganzen Reisen hatte Kado sich verändert – sei es zum Guten oder zum Schlechten –, doch wenn jemand verstehen wollte, warum er sein Leben so geführt hatte, wie er es getan hat, dann musste dieser Jemand auch verstehen, wer er einst gewesen war.

Die Worte formten sich fast schon von selbst, als er die Feder auf das Papier herniedersinken ließ, jedoch… er hielt inne. Damit konnte er nicht anfangen – nicht sofort. Es fehlte ihm etwas… Das Grinsen wurde schmaler, bis es schließlich in den Anflug eines Lächelns überging.

Er nahm ein leeres Blatt Papier und legte es zur Seite. Erst wenn er den letzten Satz zu Papier gebracht hatte, würde er wissen, mit welchem Satz alles beginnen sollte. Bis dahin jedoch…

Mit einem weiteren Schluck sammelte er seine Gedanken und erinnerte sich zurück an die Zeit, die er bei Andrew und seiner Familie verbracht hatte. Dann begann die Feder zu schreiben…

1

Die Sache mit dem Obst

„Du triffst nicht“, meinte Felan mit einem breiten Grinsen und leckte sich genüsslich über die Zähne. „Aus Prinzip, Kado. Du hast einfach nicht zu treffen.“

Ein Schmunzeln stahl sich auf meine Lippen. „Mein herzallerliebstes Bruderherz“, neckte ich meinen Ziehbruder und zog in aller Ruhe einen Pfeil aus meinem Köcher. „Wie oft hast du mich mein Ziel bisher verfehlen sehen?“

„Noch nie“, entgegnete Felan eingeschnappt. „Deshalb wird es ja mal Zeit, du vermaledeiter Angeber! Kein Mensch kann so viel Glück haben!“

„Erstens“, setzte ich breit grinsend an und deutete auf meine spitzen Ohren, „bin ich kein Mensch und zweitens“, ich legte den Pfeil an und zog die Sehne durch, „ist das kein Glück – sondern Können.“

Vor uns, keine hundert Meter entfernt, graste eine kleine Gruppe Rehe, die nicht besonders unruhig schienen. Warum auch? Schließlich standen wir entgegen der Windrichtung und versteckten uns hinter einem Gebüsch… naja, Felan versteckte sich. Ich zielte.

Mein Opfer war schnell gefunden. Ein junges Reh wagte sich ein Stück zu weit in meine Richtung und entblößte seine Kehle, als es an einem kleinen Strauch knabberte. Damit wäre die Auswahl beendet.

Mit einem Schmunzeln legte ich auf das Reh an. „Bereit?“, fragte ich meinen wölfischen Bruder (zu der Sache kommen wir noch, keine Sorge). Felan nickte nur und machte sich zum Sprung bereit.

Ich behielt das Reh genau im Blick. „Dann los!“ Das Reh schien so, als hätte es mich gehört, denn es sah urplötzlich auf und blickte aus seinen dunklen, braunen Augen genau in meine Richtung. Ich entließ den Pfeil aus seinem Gefängnis – und fluchte kurz darauf.

Das Reh blieb noch einen Moment stehen, bevor der Pfeil mit tödlicher Präzision in sein Auge eintrat und es davon riss. So ziemlich im selben Augenblick sprang Felan über das Gebüsch und raste mit einem breiten Grinsen auf die nun verschreckte Herde zu, um sich sein eigenes Abendessen zu besorgen.

Ich schüttelte nur den Kopf, hängte in aller Ruhe die Sehne aus und steckte den Bogen in den Köcher zu den übrigen Pfeilen. Dann begab ich mich zu meiner Beute.

Dieses miese, dreckige, kleine, unschuldige Mistvieh! Was musste es auch zu mir schauen?! Wegen diesen dummen Augen hatte ich verzogen – und zwar genau in die selbigen. Als ich näher kam, konnte ich die ganze Sauerei betrachten.

Ein glatter Durchschuss. Der Pfeil hatte den Schädel einfach durchbohrt und am Hinterkopf ein breit klaffendes Loch hinterlassen. Das tote Tier war nicht gerade schön anzusehen, wie es da in einer Mischung aus Blut, Knochen und Hirnmasse lag. Zumindest war es sofort tot gewesen und hatte nicht gelitten – wie bei so manchem Fehlschuss.

„Fag ich ja“, meinte Felan mit vollem Mund, als er den Kadaver eines Rehbocks anschleppte. „Angeber.“

„Klappe“, entgegnete ich schlecht gelaunt und machte mich ans Verschnüren meiner Jagdbeute. „Guck dir den Schädel an, Felan. Die Trophäe für Andrew kann ich vergessen!“

„Na immerhin haft du ja noch mich!“ Felan zerrte den Rehbock direkt neben das tote Reh. „Der hier hat schließlich kein Loch im Hinterkopf. Aber ein Angeber bist du trotzdem!“

Mein Ziehbruder schnupperte an dem toten Reh und begutachtete das Einschussloch. „Bei deiner Tödlichkeit wird ja sogar ein Wolf wie ich neidisch!“ Die Ironie in seinen Worten war kaum spürbar, nein, wirklich nicht (und der Sarkasmus in diesem Satz war hoffentlich klar erkennbar).

Ach ja, die Wolfsache! Das ist kaum der Rede wert. Ich wurde als Kleinkind im Wald ausgesetzt und von Wölfen großgezogen. Und meine liebste aller Nervensägen – mein Ziehbruder Felan – ist eine bleibende Erinnerung an meine Kindheit (und wem es an dieser Stelle noch nicht aufgefallen ist: ich kann mit Tieren reden).

„Was an dem Wörtchen Klappe verstehst du nicht?“, fragte ich ihn und schnürte nun auch die Beine des zweiten Kadavers zusammen.

„Alles“, meinte Felan breit grinsend und leckte sich ungeduldig die Schnauze. Da hatte offensichtlich jemand Hunger.

Ich rollte genervt mit den Augen, bevor ich mir mein verunstaltetes Reh über die Schulter warf. „Dann sei so freundlich und benutze dein Maul für etwas Sinnvolles“, bat ich ihn so nett ich konnte und deutete auf den zweiten Kadaver. „Elaine wartet schon auf uns.“

„Und Ari erst!“, meinte Felan breit grinsend und schnappte schnell nach dem toten Rehbock, bevor ich Zeit hatte mein Jagdmesser zu zücken und nach ihm zu werfen. Ich hatte meinen Bruder wirklich lieb… daran musste ich mich nur oft genug erinnern.

„Macht’s Spaß?“, fragte ich meinen Ziehbruder, der genüsslich an einem Bein seines Rehbocks nagte, welchen ich schon fertig gehäutet hatte. Jetzt war mein verunstaltetes Reh dran.

„Dir beim Arbeiten zuschauen? Immer.“ Er grinste breit und schmatzte zufrieden, bevor er seine Schnauze in dem rohen Fleisch vergrub. Ich schüttelte nur den Kopf und begann, mit meinem Jagdmesser das Fell vom Fleisch zu trennen. Das war nun mal auch Teil der Jagd, wenn man das Fell anderweitig nutzen wollte.

Der Geruch von Blut trieb mir das Wasser in den Mund. Ich hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen… da waren zwei frische Rehe wie ein Eimer Wasser, den man vor einem Verdurstenden in der Wüste her trug: nicht nett und nicht hilfreich (ja gut, vielleicht doch hilfreich, weil ohne Wasser würde er ja dann verdursten, aber… ach, ihr wisst, was ich meine…). Jedenfalls bekam ich Hunger!

Meine spitzen Ohren zuckten herum, als sie Schritte vernahmen. Sie waren recht sanft und leise, jemand Zierliches also – wahrscheinlich weiblich. Da stieg mir auch schon ein alt bekannter Duft in die Nase.

„Wie ich sehe, war die Jagd erfolgreich. Und das sogar ohne zerrissenes Hemd!“, meinte Ari mit einem hörbaren Grinsen hinter mir und noch ehe ich mich zu ihr umdrehte, musste ich das Grinsen erwidern.

Ariana war nicht nur die Tochter von Andrew und Elaine, den beiden liebsten Menschen der Welt – die mich ganz nebenbei auch noch, seit sie mich aufgenommen hatten, ertrugen – und meine Ziehschwester, nein, sie war… nun… was war sie eigentlich?

„Einmal“, verteidigte ich mich, „einmal hatte ich vergessen, mich vor der Verwandlung auszuziehen. Wie oft willst du mir das noch vorwerfen?“

„Wieso vorwerfen?“, meinte sie mit einem bezaubernden Lächeln und funkelte mich aus hellblauen Augen verschmitzt an. „Ich… erinnere dich nur regelmäßig daran.“

Na schön, hier würde ich dann mal schnell unterbrechen, damit wir nun auch noch die letzten Punkte zu meiner Person klären konnten. Ich fasse mich kurz, versprochen. Also: ich bin ein Elf, bin unter Wölfen aufgewachsen, bis ich von Andrew und seiner Familie aufgenommen wurde und… kann mich jederzeit in einen Wolf verwandeln (seht ihr! Kurz. Wie versprochen).

Jetzt macht die Unterhaltung mit Ari hoffentlich ein wenig mehr Sinn, denn bei jeder Verwandlung konnte ich nur mich – also meinen Körper – verwandeln. Zog ich mich nicht vor einer Verwandlung aus, waren zerrissene Hosen und Hemden meistens die Folge.

Ari strich sich eine Strähne aus dem makellosen Gesicht und trat näher an die beiden toten Rehe heran. „Genau ins Auge?“ Sie pfiff anerkennend. „Du Angeber.“

„Hab ich ihm auch gesagt!“, meinte Felan stolz, auch wenn Ari nur ein leises Kläffen von meinem wölfischen Bruder hören durfte. „Klappe, Felan!“, knurrte ich in der Sprache der Wölfe, woraufhin dieser sich wieder grinsend seinem Mahl zuwandte.

Meine Schwester schmunzelte des Knurrlautes wegen. „Du weißt, dass Fel’rai bald kommt? Oder willst du dich wieder drücken?“

Ein leiser Seufzer entglitt mir. „Nein, ich mach das hier noch schnell fertig, damit Elaine die beiden einlegen, braten, räuchern oder sonst was kann.“

Ari nickte nur und machte sich wieder auf den Weg nach innen. Die Dämmerung würde bald von der Nacht abgelöst werden und dann würde der Hungrige Jägersmann wieder voll sein – und Ari würde wie immer das Schankmädchen spielen. Erstaunlich, dass sie jetzt überhaupt die Zeit für einen kleinen Plausch gefunden hat.

„Ach und Kado?“ Sie blieb kurz stehen und schaute über ihre Schulter zu mir zurück. „Wisch dir das Blut aus dem Gesicht und von den Händen – sonst bekommt schon wieder ein Gast Angst vor dir.“

„Einmal! Das war…“ Doch sie verschwand bereits durch den Hintereingang in die Küche, woraufhin ich nur grinsend den Kopf schüttelte.

Felan legte nachdenklich den Kopf schief. „Also nochmal für ganz dumme Wölfe“, setzte er an und sah abwechselnd zwischen mir und dem Jägersmann hin und her. „Warum genau nimmst du sie weder als Frau, noch als Partnerin?“

„Weil… na weil… argh!“ Ich warf das Messer in einen der Holzpfosten, die die Leine hielten, an der die Kadaver baumelten. Ich lehnte mich gegen den besagten Pfosten und ließ mich langsam auf den Boden nieder, darauf bedacht mich nicht in das Blut des Rehs zu setzen.

„Es fehlt etwas“, meinte ich nur, bevor ich zur Hintertür des Jägersmanns sah. „Sie ist wunderschön und klug, teilt meinen Humor und erträgt selbst dich, du wandelnde Nervenzerreißprobe…“

„Hey!“

„Aber…“ Ich seufzte. „Aber mir fehlt etwas. Irgendetwas hält mich davon ab… mehr zuzulassen.“ Ich wischte mir mit meiner blutverschmierten Hand durch mein schneeweißes Haar. „Außerdem ist sie fast wie eine Schwester für mich und… Moment mal!“

Ein Grinsen huschte über mein Gesicht. „Gerade weil du so viel mehr Erfolg hast als ich! Was ist denn mit dieser einen Wölfin? Die, die dir den Hasen geklaut hat?“

„Sie hat ihn mir nicht geklaut, ich hab‘ ihn ihr überlassen, weil ich im Gegensatz zu dir nett bin!“, beharrte Felan und stand mit einem Sprung auf. „Und das muss ich mir nicht anhören! Ich hab sowieso besseres zu tun!“

„Schlafen?“

Mein Ziehbruder knurrte noch eine Beleidigung, dann ging er hinüber zur Hintertür und legte sich demonstrativ daneben. Ich schmunzelte nur und stand wieder auf. Das Reh häutete sich schließlich nicht von selbst.

Ach ja, der Hungrige Jägersmann – Andrews kleine Herberge, die irgendwo zwischen Meraldias Hauptstadt Alaria und der Grenzstadt Sandorn lag. Es war ein kleiner, gemütlicher Gasthof mit einer Handvoll Zimmer, einem gemütlichen Schankraum und noch ein paar anderen Anbauten – kurz um sah es genauso aus, wie man sich eine Herberge vorstellen würde.

Vor allem der Schankraum hatte es mir angetan. Ein wunderschön gearbeiteter Tresen aus einer alten Eiche stand direkt neben dem Eingang zur Küche und stand in deutlichem Kontrast zu den einfachen Tischen und Bänken aus Ahorn. Doch was ich eigentlich viel mehr mochte, waren die ganzen Trophäen, die die Wände zierten: Köpfe von Hirschen, Bären und ja, auch Wölfen hingen im Schankraum verteilt und wer an manchen Stellen den Blick senkte, erkannte auch deren Felle auf dem Boden.

Der Duft von Bier und gebratenem Fleisch schlug mir entgegen, als ich den Raum betrat und vermischte sich mit einer Note Zimt, die nur von einer Speise stammen konnte: Elaines hausgemachtes Obstkompott – die mit Abstand herrlichste Süßspeise der Welt.

Woher sie den Zimt bekam, wusste ich nicht, nur, dass er verdammt teuer war, weshalb sie sich ihr Obstkompott auch einiges kosten ließ. Ganze zwei Kronen kostete ihre Spezialität. Und da ich auf meine Nase vertrauen konnte, hieß das wohl, dass jemand in diesem Raum sich diese zwei Kronen leisten konnte.

Das traf aber auf gar nicht mal so viele Menschen zu. Die meisten Gäste waren nämliche einfache Leute aus Markstein, die fast jeden Abend herkamen und ihr Bier tranken – dementsprechend kannte ich sie und sie fühlten sich durch meinen Anblick nicht ganz so verstört.

Da gab es in erster Linie den Tisch, von dem der meiste Lärm herrührte. Travor, Parlo und Gheni – drei Bauern aus Markstein – spielten wie immer mit Leni Karten. Lenis Mutter Ricka saß indessen hinter ihr und schaute mit einem Lächeln auf den Lippen dabei zu, wie ihre Tochter die drei Männer ausnahm. Sie hatte ein natürliches Talent für das Glücksspiel.

Markos saß derweil mit seiner Einheit in Türnähe und nippte an seinem Bier. Als Leutnant bei der Sandorner Stadtwache hatte sein Wort ein gewisses Gewicht – und damit hielt sich Andrew einen wertvollen Stammgast. An diesem Tag saß sogar der alte Joe bei den Stadtwachen. Wahrscheinlich erzählte er mal wieder von seiner Zeit in der Armee, doch den Wachen schien es immerhin zu gefallen.

Ansonsten gab es – bis auf eine Handvoll Bauern, die über die neuesten Ungerechtigkeiten von Lord Fardal stritten – nur noch an zwei Tischen Menschen, die mir gänzlich unbekannt waren. Die Gruppe an dem einen Tisch, die mir sowohl Angst einjagte, als auch meine Neugierde weckte, bestand aus vier Gestalten, die sich ihre Kapuzen tief ins Gesicht gezogen hatten und über ihre Becher hinweg leise miteinander zu sprechen schienen. Höchst mysteriös…

Der andere Tisch hingegen war schon etwas… lebhafter. Ich vermutete, dass es sich um Händler handelte, die auf der Durchreise im Jägersmann ein Nachtlager suchten. So wie ich das sah, saßen dort zwei Händler und ein gutes Dutzend Wachen, die wohl als Eskorte dienen sollten – und allesamt starrten mich und meinen Ziehbruder misstrauisch an.

„Was haben die denn falsches gefressen?“, fragte Felan und rollte sich unter meinem angestammten Tisch ein.

„Offensichtlich nichts“, entgegnete ich leise und ließ meinen Blick über den Tisch der Händler schweifen, schaute aber schnell wieder weg und setzte mich. Ich wollte schließlich keinen unnötigen Ärger verursachen – zumindest noch nicht.

„Das nächste Mal“, erklang die Stimme Andrews, der mir einen Krug Bier vor die Nase stellte, „solltest du besser woanders hin zielen. Das kann sich ja niemand ansehen.“

„Einmal!“, seufzte ich theatralisch und hob abwehrend die Hände. „Damit hat mich Ari schon aufgezogen, da musst du jetzt nicht auch noch damit anfangen.“

„Warum denn nicht?“, fragte der Wirt mit den langen blonden Haaren und dem wettergegerbten Gesicht. Er schmunzelte. „Von irgendwem muss sie es ja geerbt haben.“

Ich musterte den breit gebauten Wirt, dem man nicht im Geringsten ansah, dass er eine derart zierliche und wunderschöne Tochter hervorgebracht hatte. „Ja, aber doch nicht von dir und Elaine!“, beschwerte ich mich und erntete ein herzhaftes Lachen meines Adoptivvaters.

„Doppelt hält besser“, meinte er nur und ließ seinen Blick über den Schankraum gleiten. „Selbiges gilt für Vorsicht. Keine Verwandlungen, Kado. Selbst wenn Fel’rai hier ist! Zumindest keine offensichtlichen, verstanden?“ Er blickte kurz zu den Händlern. „Ich will niemanden unnötig nervös machen.“

„Hm… für einen saftigen Schinken aus deinem Keller könnte ich mich überreden lassen“, meinte ich breit grinsend. Andrew schüttelte nur fassungslos den Kopf. „Wenn ihr beide mal nicht mit eurem Magen denken würdet…“ Dann ging er wieder hinter die Theke.

„Wir beide?“, meckerte Felan mit einem leisen Knurren, doch ich ignorierte ihn und sah stattdessen hinüber zu Ari, die gerade mit einem Tablett zu den Händlern lief – und auf diesem befand sich Elaines Obstkompott. Bei Carnor, bekam ich in diesem Moment Hunger! Hoffentlich hatte Elaine den Braten bald fertig.

Ari stellte die Teller mit einem freundlichen Lächeln ab, ehe sie zurück zur Küche eilte, doch statt ihr hinterher zu schauen, starrte ich nur auf das Obstkompott, welches dort auf dem Tisch vor einem der Händler stand. Welch Köstlichkeit!

Der Mann wollte gerade zum Essen ansetzen, als er meinen Blick bemerkte und erschrocken innehielt. Meine blutroten Augen hatten ihn wohl ein wenig verstört, also wandte ich sofort den Blick ab und ließ ihn stattdessen über den Tisch mit den vermummten Gestalten schweifen, von denen mich niemand eines Blickes würdigte.

„Das ist immer wieder amüsant!“, meinte Felan da und erlaubte sich ein Kichern.

„Was?“

Er nickte zu den Händlern. „Andere würden sich daran stören, dass hier unter dem Tisch ein Wolf liegt, aber die da stören sich nur an dir und deinem Aussehen.“

„Klappe“, knurrte ich in der Sprache der Wölfe, was für Felans Ohren noch ein Stück bedrohlicher klang als in der Sprache der Menschen. Er schwieg mit einem erkennbaren Schmunzeln – er wusste schließlich, dass er recht hatte.

Dass ich ein Elf und ein halber Wolf war – das hatten wir ja schon geklärt. Doch zusätzlich zu meinen spitzen Ohren – die so manchen Menschen jenseits Saevias verwirrten – gab es doch ein winziges Detail, das Menschen davon abhielt, freiwillig mit mir ein Gespräch anzufangen.

Schneeweiße Haare, blasse Haut und blutrote Augen – als Albino ist man nicht unbedingt ein gewohnter Anblick für die Menschen. Selbst ohne die Tatsache, dass ich halb Wolf, halb Elf war, schreckten viele deshalb erst einmal vor mir zurück. Eigentlich ganz amüsant… ich musste mich noch nicht einmal anstrengen, wenn ich Leute erschrecken wollte.

Felan legte den Kopf schief und blickte unter dem Tisch hervor, was bei ihm ungefähr einem menschlichen Schulterzucken entsprach. „Ich mein‘ ja nur… Weiß ist nicht jedermanns Farbe.“

„Und du bist nicht unbedingt jedermanns Lieblingshaustier“, erwiderte ich trocken und verkniff mir jegliches Schmunzeln.

Sofort schreckte er auf und streckte seinen Kopf unter dem Tisch zwischen meinen Beinen hervor. „Hast du mich gerade Haustier genannt?“, knurrte er derart laut, dass man es auch an den anderen Tischen nicht überhören konnte. Gerade am Tisch der Händler wurde es plötzlich still.

Ich streckte meinen Kopf in seine Richtung und fixierte seine dunklen Augen. „Ja.“ Und dieses Mal grinste ich so breit ich konnte und entblößte meine Zähne.

„Du vermaledeites Spitzohr!“, keifte Felan eine klassisch menschliche Beleidigung und zog sich eingeschnappt und wütend zuerst unter den Tisch zurück, dann trat er unter diesem hervor. „Das muss ich mir hier nicht bieten lassen! Nicht von dir, du Halbwolf!“

„Immerhin bin ich noch ein halber Wolf und kein verweichlichtes Hündchen“, entgegnete ich und deutete auf seinen Bauch. „Du hast doch bestimmt schon wieder was von Elaine bekommen, als ich mal weg gesehen habe, oder?“

„Gespräch beendet!“, knurrte Felan in einem Ton, der wie eine deutliche Bedrohung klang. „Du kannst gerne vorbei kommen, wenn du dich entschuldigen willst!“

„Ach, willst du dich wieder in die Küche verziehen? Natürlich, da gibt es ja auch etwas zu futtern…“

„Gespräch beendet!“

Mit hoch erhobenem Haupt schritt mein Ziehbruder durch den Schankraum hindurch, an der Theke vorbei und – wie ich es mir gedacht hatte – direkt zu Elaine in die Küche. Andrews Frau schaute etwas überrascht durch die Tür hinaus zu mir und betrachtete die Szene einen kurzen Moment… dann zuckte sie mit den Schultern, strich sich eine braune Strähne aus dem Gesicht und machte sich wieder an die Arbeit.

Unser kleines Streitgespräch hatte indessen ungewollte Aufmerksamkeit erlangt. Nicht von den üblichen Gästen, von denen der ein oder andere hinter vorgehaltener Hand über die Szene lachte, sondern vielmehr von dem Tisch mit dem herrlichen Obstkompott – den Händlern.

Apropos Obst: Der Händler, der das Kompott essen wollte – ihm schien der Hunger irgendwie vergangen zu sein. Gleiches galt für seine Hautfarbe, denn er starrte nur mit einer deutlichen Blässe im Gesicht in meine Richtung.

Was tut der kluge Wolf also? Er lächelt, zuckt entschuldigend mit den Schultern und ignoriert den Vorfall wieder. Genau das tat ich dann auch. Überhaupt war ich ein Meister im Ignorieren! Ich ignorierte oft genug sogar die Arbeit, die ich für Andrew zu erledigen hatte (Ein Meister des Humors war ich übrigens auch…).

„Was war denn das eben?“, fragte mich Ari überrascht und stellte einen Krug Bier vor mir auf den Tisch, bevor sie fragend eine Augenbraue hochzog. „Hast du ihn etwa wieder einen Hund genannt?“

„Weißt du eigentlich“, begann ich und grinste breit, „wie sehr ich mir gerade ein Lachen verkneifen muss? Woher weißt du das denn nun schon wieder?“

Ihre hellblauen Augen funkelten, als sie sich ein Lächeln erlaubte und ihre braunen Haare nach hinten warf. „Nenn es weibliche Intuition… oder Erfahrung. Das ist meist sowieso dasselbe.“

Daraufhin drehte sie sich auf dem Absatz um und ging wieder ihrer Arbeit nach. Dabei hatte ich das Gefühl, dass sie mit Absicht mehr ihre Hüfte bewegte…

Felan hatte Recht. Warum bei den Hunden Niarnas hatte ich es noch nie mit Ari versucht? …wobei noch nie es nicht wirklich traf.

Da gab es mal einen Abend vor einigen Jahren, aber… es fehlte immer etwas. Ich weiß, es klingt dumm, aber irgendetwas hat mir immer bei ihr gefehlt… etwas, das ich nicht beschreiben konnte. Als würde eine kleine Stimme in mir immer Nein! sagen…

Aber das reicht jetzt mit diesem emotional aufgeladenen Palaver! …ungefähr das dürfte sich nämlich auch ein gewisser Elfenmagier gedacht haben, als er in diesem Moment in den Jägersmann eintrat.

Wenn zuvor jegliche Aufmerksamkeit auf mich gerichtet war, dann beachtete mich nun noch nicht einmal mehr Andrew, als die Tür aufging. Denn auch wenn Fel’rai eine Wanderrobe trug und die Kapuze seines Mantels ohne Probleme die Ohren verdeckte, wusste jeder Mann und jede Frau in diesem Raum, was es mit dem Stab in seiner Hand auf sich hatte.

Ein langer Holzstab aus massiver Eiche mit mehreren kleinen Insignien stieß im Takt seiner Schritte zu Boden, doch die in der Spitze eingelassenen Kristalle schienen von jeglicher Erschütterung unbeeindruckt. Stattdessen glommen sie in einem leichten Grünton vor sich hin.

Der Stab zeichnete Fel’rai unverkennbar als Meister der Akademie aus und somit als einer der mächtigsten Magier in Meraldia. Das allein sorgte bei den meisten Anwesenden bereits für Staunen, auch wenn sie schnell ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes richteten. Spätestens als Travor der abgelenkten Leni die Karten klauen wollte, nahm der Streit der Spielrunde überhand und rief auch Markos auf den Plan, der aufstand, um schlimmeres zu verhindern. So schnell konnte man in einer Taverne einen Elfenmagier vergessen.

Ich warf neugierig einen Blick zu den Händlern hinüber, die sich nicht ganz so schnell von dem Schock erholen konnten. Vor allem der Händler mit dem Obstkompott senkte den Löffel gerade wieder langsam ab, während er dem Magier mit einem etwas ängstlichen Blick nachsah.

Gemächlich schritt Fel'rai durch den Schankraum hinüber zu meinem Tisch und ließ sich ohne große Worte auf dem Platz mir gegenüber nieder. Den Stab lehnte er vorsichtig gegen die Tischkante, eher er die Kapuze nach hinten schlug und sein Gesicht nun in Gänze präsentiert.

Ohne seine Robe und seinen Stab mochte man Fel'rai auf höchstens Mitte dreißig schätzen – wenn er ein Mensch gewesen wäre. Als Magier jedoch nannte man sein Alter gerne undefinierbar. Ich wusste nicht, wie viel Jahrhunderte er schon gesehen hatte – mehr als ich auf alle Fälle, schließlich war ich gerade erst Mitte zwanzig.

Ich reichte ihm wortlos mein Bier, welches er mit einem dankenden Nicken annahm. Er nippte kurz daran, ehe er es mir wieder hinstellte.

„Was ist aus der Wanderrobe geworden?“, fragte ich ihn neugierig. Der Elf kam normalerweise nie in voller Montur in den Jägersmann. Meist verzichtete er auf derlei Prunk und wickelte sogar seinen Stab in Leder ein, damit ihn niemand als Magier erkannte. Normalerweise zumindest… nur heute nicht.

„Ungebetener Besuch“, meinte er mit einem Schmunzeln und winkte Andrew zu, was sowohl eine Bestellung, als auch ein Gruß war. „Besuch von der Akademie, Kado…“

Mein Lächeln verschwand, meine Lippen wurden zu einem Strich. „Nein“

Fel’rai seufzte. „Das habe ich ihnen auch gesagt, aber du weißt ja, wie es ist. Ich unterrichte dich, was dich in ihren Augen zu einem inoffiziellen Schüler der Akademie macht.“

„Du hilfst mir nur“, hielt ich dagegen, auch wenn helfen hier ein wenig untertrieben war. Fel’rai hatte mir alles beigebracht, was ich über Elfen, Menschen, Religion, Geschichte und all den anderen Kram wusste. Er unterrichtete mich in der Kontrolle meiner Fähigkeiten und sprang bei so manchen unangenehmen Situationen mit den Wachen von Markstein für mich ein.

Er schmunzelte, ignorierte es jedoch. „Sie wollen dich als meinen Schüler in der Akademie einschreiben. Ich weiß, dass du das nicht willst“, hielt er sofort dagegen, als ich etwas sagen wollte, „es ist jedoch unbestreitbar, dass ein Gestaltwandler wie du in der Akademie gut aufgehoben wäre. Du hast schließlich immer noch nicht dein ganzes Potential erreicht.“

„Mit Potential meinst du andere Verwandlungen, stimmt’s?“, meinte ich und zuckte mit den Schultern. „Warum sollte ich das bitte wollen? Als Wolf kann ich jagen und mehr brauche ich hier auch nicht.“ Jaja, die alte Diskussion mal wieder…

So mancher Dorfjunge träumte davon, in der Stadt sein Glück zu machen. So mancher Stadtjunge träumte davon als Hauptmann der Wache für Recht und Ordnung zu sorgen. Und so mancher Adliger träumte davon, ein Magier zu sein. Aber ich? Naja… ich war zufrieden.

Mich reizten keine Abenteuer und auch von Fel’rais Akademiegeschichten hielt ich nicht unbedingt viel. Wenn es nach mir ginge, würde ich bis an mein Lebensende bei Andrew und seiner Familie im Jägersmann arbeiten – wobei das mit dem Lebensende als Elf etwas dauern konnte.

Verdammt… jetzt deprimierte mich das schon wieder. Diese elendige Erkenntnis, alle, die mir lieb und teuer waren, zu überleben und niemals dem Totengott gegenüber zu treten – das erschien mir irgendwie… ungerecht. Aber hoffentlich musste ich mich damit noch nicht allzu bald beschäftigen.

„Was machen deine Übungen?“, fragte Fel’rai und lenkte das Thema lieber auf etwas anderes. Kluger Elf.

Ich schob mein Hemd ein Stück zurück, bis mein ganzer Unterarm entblößt war. Dann konzentrierte ich mich.

Mit einem Gedanken wuchsen meine Haare und bedeckten meinen Unterarm mit einem weißen Fell. Die Knochen wuchsen und verrenkten sich, ehe meine Hand zu einer seltsamen Klaue wurde, die höchst bedrohlich wirkte.

Fel’rai pfiff leise und anerkennend durch die Zähne. „Weißt du eigentlich, wie lange selbst Schüler der Akademie brauchen, um eine derart kontrollierte partielle Verwandlung zu meistern? Das ist erstaunlich gut, Kado!“

„Jaja…“, ich winkte mit der anderen Hand ab. „Nur habe ich immer noch keine Ahnung, wozu ich das jemals brauchen sollte…“

„Darum geht es nicht, Kado. Es…“ Meine Aufmerksamkeit glitt ab – ebenso wie mein Blick. Der Hunger ließ meine Augen unbeabsichtigt zu den Händlern hinüber gleiten, wo ein gewisser Jemand einen neuen Versuch startete, Elaines Obstkompott zu kosten.

Anscheinend hatte er meinen Blick bemerkt, denn er hielt inne und wandte sich mit einer gewissen Angst im Blick zu mir um. Ich erwiderte seinen Blick, lächelte freundlich und winkte – niemand konnte mir vorwerfen, ich würde mich nicht bemühen nett zu sein!

Die Angst in seinem Blick wurde zu blassem Entsetzen und kraftlos fiel der Löffel aus seiner Hand auf den Tisch, ehe er auf der Bank nach hinten rutschte und den Mund stumm zu einem Schrei öffnete. Was…

Verdammte Scheiße! Wie kannst du nur so dämlich sein, Kado?! Ich unfassbare Intelligenzbestie hatte eine Kleinigkeit vergessen: meinen Arm zurück zu verwandeln, bevor ich dem Händler gewunken hatte. Es gab nur einen einzigen Ausweg aus dieser misslichen Lage. Die Lösung für alle Probleme.

„Andrew!“, rief ich und hielt meinen Blick auf die unruhige Gruppe der Händler gerichtet, während ich meinen Arm zurückverwandelte. „Eine Runde Bier für die werten Herren dort üben. Ich zahle!“

…naja, der Abend endete dann damit, dass mein lieber Händlerfreund (sein Name war übrigens Ronan) und ich uns in den Armen lagen und gemeinsam halb betrunken irgendwelche Lieder trällerten – und ich war um das bisschen Geld gekommen, dass ich von Andrew sonst immer für meine Jagdbeute bekam.

2

Über Misstrauen und Vertrauen

Es war tiefste Nacht, als ich erwachte. Nur mit viel Fantasie konnte man den ersten Morgenschimmer erahnen, doch das war wohl eher Einbildung meinerseits. Dennoch… es war Sommer, also ging ich von mindestens drei Uhr in der Früh aus. Für mich hieß das eigentlich Schlafenszeit.

Ein melodisches Schnarchen drang an meine Ohren und mit einem leisen Seufzer erhob ich mich vom Boden des Schankraums, auf dem außer mir noch Ronan und Seldrin –Ronans Kollege - lagen. Der Rest der Wachen lag kreuz und quer auf Tischen und Bänken verstreut und schlief seinen Rausch aus – wenn Andrew nicht irgendwann einmal seine Philosophie bereuen würde.

Andrew war ein herzensguter Schankwirt – gerade gegenüber Betrunkenen. Wer sich übernommen hatte und bei der Schließung des Jägersmanns schlief… der wurde schlafen gelassen. Natürlich schloss Andrew dann alle anderen Türen ab – man wusste ja nie, wer da nachts auf dumme Ideen kommen würde. Ich nannte es das Prinzip des seligen Schlafes – wer besoffen war, flog raus, wer schlief, der nicht.

Ich fuhr mir erschöpft durch die schneeweißen Haare. Ein Glück, dass ich Übung im Betrinken hatte. Auch wenn mein Magen ein wenig rebellierte, ging es meinem Kopf halbwegs gut – abgesehen von der Müdigkeit, die in meinen Augen juckte. Bei Carnor, ich brauchte dringend ein Bett… mein Bett.

Vorsichtig schob ich Ronan ein wenig zur Seite und stand so leise wie möglich auf. Ja, gut, als Elf war es mir natürlich ein leichtes, mich leise zu bewegen, aber zusätzliche Vorsicht schadete nie. Betrunkene sollte man schließlich nicht wecken (und mich eigentlich auch nicht…)

Mit schnellen Schritten eilte ich so gut wie lautlos hinüber zur Treppe, die hinauf in die Gästezimmer führte. Im Gegensatz zu Andrew und seiner Familie hatte ich nämlich kein Zimmer im Erdgeschoss (welches Andrew um diese Uhrzeit wohl bereits abgeschlossen hätte), sondern das erste Gästezimmer auf der rechten Seite.

Die Treppe gab nicht einen Laut von sich, als ich abwechselnd einen Fuß auf die Stufen setzte und den Schankraum verließ. Ich schaute noch einmal zu den beiden schlafenden Händlern. So schlimm waren sie gar nicht. Nach drei Bier hatten sie die Wolfsache schon fast wieder vergessen. Und dass ich ein Elf war, konnte man nach sieben Bier auch nicht mehr so recht erkennen.

Mit letzten Kräften (so fühlte es sich zumindest an) schleppte ich mich über die letzte Treppenstufe nach oben… und hatte urplötzlich wieder vergessen, welches Zimmer meines war. Doch zum Glück hatte auch ein müder Elf ab und an einen wachen Gedanken und nach einer gefühlten Ewigkeit, die ich dort über das Leben, den Tod und vor allem mein Bett philosophiert hatte, griff ich nach dem Zimmerschlüssel in meiner Tasche und legte eine Hand an die Klinke der rechten Tür… mit einem leisen Klick öffnete sich das Schloss.

Doch bevor ich auch nur dazu kam, die Klinke herunter zu drücken, hörte ich ein… Geräusch aus dem gegenüberliegenden Zimmer. Nein, kein Geräusch… Stimmen!

„… dass keiner uns hört?“, sagte eine erste männliche Stimme, deren klarer Klang mir verriet, dass ich hier wohl einen Mann aus dem Süden Meraldias vor mir hatte (naja, nicht ganz vor mir…).

„Hast du denn nicht gesehen, wie die Schenke unten aussieht?“, antwortete eine weibliche Stimme nun mit einem vernehmbaren Schmunzeln. „Die halbe Herberge liegt besoffen und schlafend unten und der Wirt schläft mit seiner Familie einen Stock tiefer. Wer soll uns bitte belauschen?“

Nun… ich zum Beispiel?

„Können wir trotzdem etwas leiser sprechen?“, fragte die erste Stimme nun wieder und ich vernahm einen dumpfen Seufzer.

„Einverstanden.“

Der Rest des Gespräches fand um vieles leiser statt, doch wozu hatte ich Elfenohren, wenn nicht zum Belauschen von Gesprächen, die mich rein gar nichts angingen? Die Frage war nur, wie sinnvoll es war, an fremden Türen zu lauschen.

„Lasst uns jetzt einmal besprechen, wie wir weiterhin vorgehen werden.“ Die Frau räusperte sich ein wenig, bevor sie weitersprach.

„Unser Ziel befindet sich – wie ihr ja alle wisst – hier, in der Botschaft von Asanschad!“ Botschaft? Was bei den Hunden Niarnas haben die vor?

„In die Botschaft hineinzugelangen ist noch das Leichteste – so gut wie jeder Adlige Alarias ist eingeladen. Anschließend kommt der schwierige Teil.

Unsere Zielperson wird sich anfangs an die geladenen Gäste zur Begrüßung richten. Dort könnten wir zuschlagen, jedoch wäre das nicht nur ein höheres Risiko für uns, es würde auch mehr Aufmerksamkeit nach sich ziehen oder wir warten bis Mitternacht.

Zu diesem Zeitpunkt begeben sich die Gäste in den Garten, um die Taschenspielertricks der Akademieanwärter zu beobachten. Die Menge wäre abgelenkt und unsere Zielperson weitestgehend isoliert! Meinungen?“

„Ersteres!“, meldete sich dieses Mal ein zweiter Mann zu Wort und ich konnte sein Lächeln förmlich hören. „Ich mag es blutig und chaotisch.“

„Ich bin auch dafür, dass wir bei der Eröffnung zuschlagen.“, meinte nun auch die Frau. „Der Auftrag ist schneller erledigt und ich muss mir nicht das ganze Palaver anhören. Des Weiteren ist die Botschaft, die wir damit senden, um vieles deutlicher.“

„Um ehrlich zu sein, fände ich die letzte Option besser“, bemerkte eine zweite weibliche Stimme, die jünger klang. „Es ist um vieles sauberer und weniger riskant. Geringere Kollateralschäden.“

„Bei den Hunden Niarnas!“, fluchte der Dritte leise. „Eine Auftragsmörderin mit Gewissen. Das konnte auch nur uns passieren. Pass mal auf, Liebes!“ Der Tonfall des Mannes änderte sich schlagartig. „Versau mir den Spaß an meiner Arbeit nicht! Wir töten den verdammten Botschafter auf unsere Art und nicht anders!“

„Ich bezahle euch immerhin, also halt die Schnauze!“, fuhr die jüngere der beiden Frauen plötzlich den Mann an und für einen kleinen Moment kehrte Stille ein. Kurz darauf erahnte ich ein leises Grummeln.

„Eine Wildkatze als Lamm getarnt“, bemerkte nun wieder der erste der Vier und lachte kurz und leise auf. „Da hat sie dich, Orlo! Keine Aufmerksamkeit oder kein Geld – such‘s dir aus.“

„Hrmpf!“, war das einzige, was Orlo von sich gab, eh ihm – nach kurzer Zeit – eine Erwiderung einfiel: „Halt’s Maul, Sebastian!“

„Ruhe jetzt, alle beide!“, fuhr die ältere der beiden Frauen dazwischen. „Hebt euch eure Kindereien für später auf.“ Sie atmete tief durch. „Also schön. Wir tun uns das gesamte Spektakel bis Mitternacht an, dann schlagen wir zu. Alle einverstanden?“

„Ja, Reena“, ertönte es fast schon chorisch von den beiden Männern, wobei zumindest Orlo nicht ganz zufrieden klang.

„Gut, dann kommen wir nun zu den Einzelheiten….“

Auftragsmörder! Das waren verdammte Auftragsmörder, Attentäter, Assassinen – wie auch immer! Bei den Hunden Niarnas, was für Menschen saßen dort in diesem Zimmer? Und was war das für ein Auftrag? Irgendein Botschafter sollte ihr Ziel sein? Oh Kado… warum hast du dich nicht einfach hingelegt?

Spätestens seit es einen Anschlag auf den Sohn von Lord Fardal, dem Lord von Sandorn, gegeben hatte, war ich mir der Existenz dieser Menschen bewusst gewesen… nur dass es der Sohn des Lords auch verdient hatte, dieses vermaledeite, miese A…

Er war ein ziemlicher Dreckskerl gewesen, der seine Machtstellung in jeglicher Situation ausgenutzt hatte – bis zu dem Tag, an dem er bei der Frau des Alten Sepp ein wenig zu weit gegangen ist. Ich konnte mich noch gut an den altgedienten Soldaten erinnern…

Naja, die Kurzfassung der Geschichte war ein ermordeter Adliger, ein gefasster Attentäter und ein hängender Sepp… seitdem hatte ich eine sehr vorsichtige Meinung gegenüber Attentätern und Adligen. Aber im Falle der vier Menschen hinter der Tür hielt mich eher eine gesunde Vorsicht (und eine gute Portion Müdigkeit) davon ab weiter zuzuhören. Davon wollte ich nichts wissen.

Ich machte langsam ein paar Schritte zurück und drückte vorsichtig die Klinke zu meinem Zimmer nach unten. Ein kleiner Teil in mir wollte die Neugier nicht loslassen, wollte unbedingt in dieses Wespennest stechen und sehen, wer die Attentäter waren, doch ein weit größerer Teil – nennt ihn Vernunft oder Müdigkeit – schrie nur so nach meinem Bett.

Leichtfüßig schlich ich in mein Zimmer und schloss die Tür so leise wie möglich hinter mir (Carnor sei Dank, hatte Andrew die Scharniere vor ein paar Tagen geschmiert). Es klickte kaum merkbar, als ich die Klinke wieder losließ.

Mit schweren Augen und einem sichtlich verwirrten Schädel knöpfte ich mein nach Bier duftendes Hemd auf und warf es achtlos in die Ecke. Die Hose mitsamt Gürtel folgte sogleich und mit einem Gähnen setzte ich mich auf mein Bett.

Ignoranz war schon eine angenehme Gabe. Da waren vier Auftragsmörder, die ein Attentat planten, im Zimmer gegenüber… und was tat ich? Ich sägte im Schlaf einen Wald ab, von dem so mancher Bieber nur träumen konnte…

„Sag mal, Andrew? Wer hat eigentlich das Zimmer mir gegenüber? Erstes Zimmer, linke Seite.“

Es war früher Morgen und so sehr ich eigentlich noch hatte weiterschlafen wollen, so sehr hatte ich auch vergessen, dass ich heute Dienst hatte. Ari war mit dem Pferdegespann nach Markstein unterwegs, um Vorräte einzukaufen, weshalb es an mir hängen blieb, die Gäste zu bedienen.

„Hm…“ Er rieb sich den Kopf nachdenklich, bevor er zu dem Tisch mit den Händlern hinüber nickte (die an diesem Morgen nicht gerade sehr… frisch aussahen). „Die Jungs da. Zumindest die beiden Händler.“

Nachdenklich sah ich mich im Schankraum um und wandte den Blick von den Händlern ab, bis er an dem merkwürdigsten Tisch an diesem Morgen stehen blieb. „Und die vier seltsamen Typen dahinten?“

„Die?“ Andrew zuckte mit den Schultern. „Wollten wohl sparen. Sie haben die Kammer über dem Stall. Warum?“ Sein Tonfall hatte einen Anflug von Misstrauen.

Das Zimmer über dem Stall? Puh… ich hatte auch einmal eine Nacht dort oben geschlafen und kann euch einen guten Vergleich über die Geräuschkulisse geben. Dort oben hatte ich einen sehr guten Eindruck davon, wie ein Gast am anderen Ende des Jägersmanns von seiner Frau kurzzeitig zu seiner Göttin befördert wurde (…jedenfalls glaube ich, dass es seine Frau war).

Ich schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln. „Ach nur so.“ Und bevor er etwas sagen konnte, ergriff ich das Tablett, welches auf der Theke stand und eilte in die Küche.

Irgendwie hatte ich so ein ungutes Gefühl, dass die vier in Kapuzenmäntel gehüllten Gestalten, die das Stallzimmer gemietet hatten, diese Auftragsmörder waren… aber was ging mich das bitte an? Ich musste sie ja nur bedienen und wer weiß? Vielleicht hatte ich mir die Unterhaltung die Nacht zuvor nur eingebildet?

…na schön, wirklich überzeugt klang das nicht. Ich musste mich tatsächlich anstrengen, nicht sofort zu den Vieren hinüber zu laufen und sie zu fragen, wer sie denn waren. Die Vorsicht meldete sich zwar immer wieder zu Wort, aber irgendwie war ich auch neugierig… Auftragsmörder im Jägersmann… das war mal etwas Neues.

„Nicht schlafen, Kado!“, rief mich Elaines zarte Stimme aus meinen Gedanken. Andrews schlanke Frau, die man alleine anhand der Ähnlichkeit unschwer als Aris Mutter erkannte, stemmte lächelnd die Hände in die Hüften. „Du weißt doch, wie es so schön heißt?“

Ich winkte ab. „Wer trinken kann, kann auch arbeiten. Ist ja gut, ich weiß.“ Ein Schmunzeln glitt über meine Lippen, ehe ich mich überrascht umschaute. „Ist Felan nicht bei… oh nein.“ Ich seufzte. „Sag, dass das nicht wahr ist!“

Elaine zuckte mit den Schultern. „Ari wollte ihn mitnehmen, obwohl ich ihr davon abgeraten habe. Aber du weißt ja… wie könnte man Felan irgendetwas abschlagen?“ Sie lachte leise und stellte Essen auf das Tablett.

Wie konnte man Felan nicht irgendetwas ins Gesicht schlagen, war wohl die bessere Frage. „Jedes Mal, wenn die beiden mit dem Wagen nach Markstein fahren, fluchen irgendwelche Bauern, drehen Pferde durch oder fehlen mal wieder Vorräte beim Schlachter. Das kann sie dieses Mal schön alleine regeln.“

Elaine stellte den letzten Teller ab und reichte mir das Tablett. „Nein“, entgegnete sie und widmete sich wieder ihrer Arbeit.

„Was nein?“

Sie lächelte. „Ich kenne dich jetzt lange genug, Kado. Glaubst du wirklich, dass du Ari den kompletten Ärger alleine überlassen würdest?“

Ich wollte etwas sagen, aber… aber mir fiel keine sinnvolle und nicht gelogene Erwiderung ein, also ließ ich es sein und ging zum Tische der Händler hinüber. Warum mussten Mütter nur Recht haben, selbst wenn es noch nicht einmal die eigenen waren?

Der Jägersmann war an diesem Morgen nicht sonderlich gefüllt. Meine netten Saufkumpanen saßen ein wenig ramponiert an demselben Tisch wie am Abend zuvor, ebenso wie die vier vermummten Gestalten. Die einzigen, die ich noch nicht kannte, waren zwei Männer, die vielleicht Holzfäller, Jäger oder schlicht und ergreifend ein paar Reisende waren, die zu früh aufgestanden waren.

„Guten Morgen, Jungs!“, begrüßte ich die beiden Händler und ihre Garde mit einem breiten Grinsen und erntete genervte und überraschte Blicke.

„Wie, bei den Hunden Niarnas, kannst du nur so gut gelaunt sein?“, fragte Will, der Anführer der Garde, und rieb sich den Kopf. Er hatte von allen am meisten getrunken, wenn ich mich recht erinnerte. „Ich dachte gerade Elfen vertragen kaum einen Tropfen Alkohol!“

„Nun, sollte das so sein“, meinte ich und stellte lächelnd nacheinander das Essen ab, „würde das ja heißen, dass ihr noch schneller in die Knie geht, als ein einfacher Elf. Oder…“ Will wollte schon zu einer beleidigten Erwiderung ansetzen, doch ich sprach weiter.

„Oder aber ich sauf‘ euch unter den Tisch, obwohl ich ein Elf bin.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Normale Menschen können eben nicht mit mir mithalten.“ Daraufhin lachte Will herzhaft auf, bevor er sich dem Essen widmete.

„Und wie sieht es mit Zwergen aus?“, fragte der Händler Seldrin und schmunzelte. Der gute Ronan neben ihm wollte sich auch ein Lächeln abringen, doch wie es aussah, trieben ihm seine Kopfschmerzen dieses wieder aus.

„Ich habe absolut keine Ahnung!“, meinte ich und lachte. „Wenn ich einen treffe, lade ich ihn auf ein Wetttrinken ein!“ Unter – den Umständen entsprechend leisem – Gelächter verließ ich den Tisch der Händler und hielt – nach dem ich mir noch einmal bei Elaine ein neues, volles Tablett besorgt hatte – geradewegs auf den Tisch der vier Gestalten zu.

„Guten Morgen“, meinte ich freundlich lächelnd, erntete jedoch keine wirkliche Reaktion der Vier. Sie schauten noch nicht einmal richtig auf, sondern nickten viel mehr unter der Kapuze hervor, ohne etwas zu sagen.

Ich seufzte innerlich und stellte das Essen ohne ein Wort auf den Tisch. Bei Carnor, waren die Vier stumm? Sie redeten nicht. Sie reagierten noch nicht einmal, als ich beinahe einen ihrer Krüge umwarf, sondern zogen ihn einfach nur näher zu sich heran.

„Darf ich euch sonst noch etwas bringen?“, brachte ich den letzten Versuch auf, eine Reaktion zu erzeugen. Warum ich das tat? Nun ja… nennt es Dummheit oder Neugier – was euch als angemessener erscheint.

„Nein, Danke“, erklang ein erstaunliches zartes Stimmlein, dass ich nicht so zart in Erinnerung hatte. Dafür, dass sie am Abend zuvor so aggressiv gegenüber diesem Orlo gewesen war, schien sie nun erstaunlich ruhig zu sein. Sie blickte sogar ganz kurz ein wenig schüchtern zu mir nach oben. Da sah ich sie.

Einen Ansatz nussbrauner Haare konnte man unter der Kapuze erkennen, die eine oder andere Strähne fiel ihr sogar über eine Seite ihrer Stirn. Volle Wangen und hohe Wangenknochen zusammen mit der kleinen Stupsnase verliehen ihr ein wahrlich jugendliches Aussehen, doch ihre leuchtenden, nahezu strahlenden grünen Augen, die wie kleine Lichter unter ihrer Kapuze aufblitzten, hatten eine erstaunliche Tiefe. Man konnte sie wahrlich als wunderschön bezeichnen.

„Noch ‘n Bier“, berichtigte ein anderer der Vier das Mädchen und ich wandte mich ihm zu, um den leeren Krug entgegenzunehmen. Es war unzweifelhaft Orlo, wie ich an der Stimme erkannte. Das erste Mal bemerkte ich auch seinen Zungenschlag: ein Nordmann aus Forill oder Angris vielleicht. Unverkennbar, dieser raue Klang.

Ähnlich rau war auch sein Gesicht, welches ich kurz erahnen konnte. Ein blonder Vollbart zeigte sich unter der Kapuze und ganz kurz blitzten mich stahlblaue Augen genervt an, als ich nicht sofort mit dem Krug verschwand. Ich vermutete außerdem, dass er sich den Kopf kahlrasiert hatte, wie es die meisten Nordleute taten, wenn sie in den Süden reisten - gegen die Hitze, behaupteten sie.

„Wein, verdünnt“, setzte nun ein anderer hinterher, der somit – wenn ich mich recht an den Namen erinnerte – Sebastian hieß. Als ich ihm einen Blick zuwarf, schaute er kurz auf und nickte nur Richtung Theke. Ein unverkennbares Zeichen und ich nickte nur. „Natürlich.“ Dann ging ich davon.

Nicht nur sein Zungenschlag war erstaunlich klar, auch sein Bart wirkte wie der eines Edelmannes: ein gepflegter Schnauzbart, der sich an den Enden leicht zwirbelte. Doch seine Augen wirkten derart verschlagen, dass er mich mehr an einen wohlhabenden Dieb, als an einen Edelmann erinnerte.

„Glaubst du, er hat uns erkannt?“, hörte ich das hübsche Mädchen flüstern, als ich auf dem Weg zur Theke war. Wozu Elfenohren und Konzentration doch gut waren… Und ja, mir war bewusst, wie unfassbar dämlich und gefährlich meine Neugier sein konnte, aber… nein, eigentlich kein aber.

„Vielleicht…wir sollten sobald wie möglich verschwinden!“, setzte Sebastian nach und ich wollte gerade weiter zuhören, als mich Andrew in meiner Konzentration störte.

„Weißt du, was ich nicht verstehe?“, meinte der Wirt und wartete kurz mit seiner Ausführung, ehe ich ihm das mit dem Bier und dem Wein gesagt hatte.

„Warum genau gehst du nicht mit Fel’rai zur Akademie?“, meinte Andrew, als er das Bier zapfte und ich seufzte theatralisch. „Nicht das schon wieder… Hatten wir die Diskussion nicht schon oft genug?“

„Hatten wir, ja. Ich versteh dich trotzdem nicht.“ Er ließ das Bier einen Moment ruhen. „Jeder andere würde seinen linken Arm dafür geben, in der Akademie aufgenommen zu werden und du? Du willst lieber hier bleiben? Du bist ein Elf, Kado!“ Er lächelte. „Du wirst uns doch sowieso alle überleben.“

„Na und?“, ich zuckte mit den Schultern. „Dann kann ich die nächsten Jahre doch erst recht hier bleiben, oder?“

Andrew reichte mir den Bierkrug und einen Becher mit verdünntem Wein. „Ja, aber das mit der Akademie ist eine Chance, die du nicht verstreichen lassen solltest. Fel’rai geht zurück, Kado.“

„Bitte was?“ Ich hielt inne und stellte dann langsam den Krug ab. „Was tut er?“ Das konnte nicht sein, dass hätte er mir doch längst gesagt! Er würde… diese verdammten Akademietrottel! Dieser Besuch war bestimmt kein Höflichkeitsbesuch gewesen, sie hatten ihm garantiert befohlen in den Verfluchten Wald und zur Akademie zurückzukehren.

Andrew schmunzelte. „Auch wenn du es gerne anders hättest“, er ging Richtung Küche, „Dinge ändern sich, mein Freund. Und manchmal… manchmal solltest du auch über Veränderungen nachdenken.“ Würde ich es nicht besser wissen… ich hätte das Gefühl, dass mich Andrew loswerden wollte. Zum Glück wurden meine Gedanken jäh durchbrochen.

Die Tür wurde aufgerissen und aus dem Nichts heraus trat ein halbes Dutzend Soldaten ein. Das Wappen von König Nefil, schwarzer Rabe auf grünem Grund, prangte auf ihren Waffenröcken, was sie unverkennbar als Soldaten der Krone auszeichnete.

Sie stellten sich in einem kleinen Spalier auf, durch den letztlich ein einzelner, recht edel gekleideter Mann mit feinem Hut und einem Umschlag trat.

„Wer ist der Besitzer dieser Taverne?“, rief er in den Saal hinaus und Andrew, der gerade zu seiner Frau in die Küche wollte, hielt inne und drehte sich zu dem Mann um. „Ich. Wer will das wissen?“

Der Mann räusperte sich, streckte sich und schob die Brust nach vorne. „Ich bin Bote des Königs, seiner Majestät Nefil Barai‘ des Ersten, von den Göttern gesegneter Übergangskönig von Meraldia und…“

„Jaja“, winkte Andrew. „Kommt zum Punkt oder geht wieder. Das ist eine Taverne und kein königlicher Empfang oder so etwas in der Art.“ Wie ich diesen Mann liebte! Andrew konnte so schön unverschämt sein, wenn ihm etwas nicht passte. Das bemerkte auch der Bote.

Dieser, zunächst etwas verwirrt, fasste sich alsbald wieder und rollte die Schriftrolle – nein, die Ansammlung an Blättern – auseinander.

„König Nefil Barai lässt verlauten, dass die Steckbriefe folgender Verschwörer, die am Unglück von Alaria beteiligt waren, in allen Schenken des Landes ausgehängt werden sollen!“ Mit schwungvollen Bewegungen zog er nacheinander eines der Blätter hervor und zeigte es den Anwesend in einer ausschweifenden Bewegung.

„Und deswegen der ganze Aufstand?“, fragte Andrew genervt und ging wieder zur Theke hinüber. In aller Ruhe nahm er sich einen Krug und schenkte sich aus einer kleinen Flasche ein. „Wenn ihr meine Taverne verunstalten wollt, dann sagt das doch.“ Er nahm einen tiefen Schluck.

„Was erlaubt ihr euch…?“, stieß der Bote entrüstet aus, doch Andrew hob die Hand um ihm Einhalt zu gebieten.

„Ich erlaube mir, auf meinem eigenen Grund und Boden euch in aller Förmlichkeit zu bitten, die Steckbriefe hier abzulegen und euch anschließend mit dem Segen der Drei aufs höchste zu verpissen“, er nahm noch einen tiefen Schluck, „dann habt ihr euren Ballast los und ich endlich wieder meine Ruhe.“

Ich bemerkte, wie die Soldaten unruhig wurden, doch ich blieb ganz gelassen. Auch wenn die Eskorte der Händler nicht im besten Zustand war (und damit meine ich, sie sahen vollkommen be… ähm… scheiden aus), es waren immer noch doppelte so viele Wachen wie Soldaten – und das wusste der Bote auch.

Er schluckte sichtbar. „Wie ihr wünscht, mein Herr. Erlaubt jedoch, dass ich den Anwesenden zuvor noch die übrigen Gesichter der Verbrecher präsentiere.“ Bei Carnor, geschwollen reden konnte er!

Andrew nickte nur und schenkte sich nach. Er würde den Boten so lange anstarren, bis dieses Theater vorbei war – das wusste ich.

Mit neu gewonnener Ruhe zeigte der Bote einen Steckbrief nach dem anderen. Die meisten von ihnen waren eher allgemein gehalten, als dass sie wirklich zur Identifikation nützlich gewesen wären… bis auf einen.

Ich stutzte. Strahlende, kleine Smaragde glitzerten mich über eine niedliche Stupsnase hinweg an und auch wenn der Steckbrief keine rechten Farben besitzen wollte – ich wusste, dass ihre Haare nussbraun waren.

„Elf! Kennt ihr dieses Gesicht?“, rief mich der Bote und ich fluchte innerlich. Noch nicht einmal ein Stück Papier oder Pergament konnte man kurz anstarren, ohne direkt verdächtigt zu werden. Zugegeben, zu Recht zwar, doch das tat nichts zur Sache.

„Ich frage euch noch einmal, Albino“, setzte der Bote mit einem härteren Ton nach. Schön zu hören, dass der Bote sich sehr wohl auf mein Sprachniveau herab begeben konnte. Beleidigungen machten sympathisch.

„Kennt ihr Aileen Andrioma, Verräterin an der Krone und Angehörige der Verschwörung, die zum großen Feuer von Alaria geführt hat?“ Soso… Aileen hieß sie also. Und das war eine höchst interessante Titulierung, die der Bote da vornahm. Das klang so… gefährlich. Kaum vorstellbar, wenn ich an ihr freundliches, schüchternes Gesicht dachte.

Also Kado, folgende Möglichkeiten: Du könntest Aileen und ihre Kameraden, diese Auftragsmörder, verraten, sie an die Krone ausliefern, ein Kopfgeld kassieren und im Ansehen der Krone steigen. Oder…

Oder du erfindest irgendeine fadenscheinige Ausrede, gehst damit nebenbei noch dem Boten auf die Nerven, schaffst es vielleicht, mit den vier Gestalten zu reden und lernst Aileen ein wenig näher kennen. Wobei diese Möglichkeit eher unwahrscheinlicher war.

Zugegeben, so formuliert klang die Sache recht eindeutig. Aber irgendwie… aus irgendeinem Grund hatte ich so eine grundlegende Abneigung gegen Nefil.

Seit dem Tod von König Nesca Corleo hatte sich die Krone – und allen voran ihre Soldaten – bei mir immer unbeliebter gemacht. Vor allem immer dann, wenn sie der Meinung gewesen waren, ich würde in den Wäldern wildern. Pah! Ein wildernder Wolf… sehr lustig.

Und dann war da noch die Sache mit dem Unglück von Alaria… vor fast zwei Jahren gab es nämlich einen… Zwischenfall.

Im Oberen Viertel der meraldischen Hauptstadt war damals angeblich eine Armee von Söldnern unter Anleitung einer Gruppe Adliger gegen König Nesca aufmarschiert, woraufhin die Soldaten das Obere Viertel hatten abriegeln lassen.

Nach einer Nacht des Schreckens hatten die Söldner jedoch den Palast schließlich gestürmt und die königliche Familie getötet – der Grund, warum überhaupt der damalige königliche Berater Nefil nun die Krone auf seinem Haupt trug.

Das Seltsame an dieser Nacht war nicht nur die schwindend geringe Anzahl an Menschen, die wussten, was damals im Oberen Viertel geschehen war, sondern auch die Tatsache, dass der Tod der Kronprinzessin Ilyana Corleo nie bestätigt wurde. Aus diesem Grund war Nefil Barai auch nur ein Übergangskönig, bis zu ihrer Rückkehr – oder ihrem Tod.