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Ein abgelegenes Hotel in der englischen Moorlandschaft: »Eine beeindruckende Sammlung schauriger und eleganter Geschichten, die die glühende Frage nach der Rolle von Frauen im Horror stellt.« The Observer. 15 zusammenhängende Horrorgeschichten mit einem literarischen und feministischen Twist.
Mit seinen langen Schornsteinen und hohen Glasfenstern erhebt sich das Hotel über die Moorlandschaft. Es war nicht immer ein Hotel. Früher einmal war es nur eine Idee, in der Erde vergraben. Dann war es ein Bauernhof, ein See, ein Fluch. Auch heute ist es nicht immer ein Hotel: Es sieht für jeden und jede anders aus, tritt auf als Ort der Erinnerungen und Geheimnisse, als Spukhaus für die Lebenden und die Toten.
»Das Hotel« erzählt fünfzehn miteinander zusammenhängende Geschichten über wiederkehrende Protagonistinnen, aber nur eine Geschichte über ein Gebäude, von der Geburt bis zum Tod. Wir begegnen Kindern und Müttern, Konferenzteilnehmerinnen, Gästinnen eines Junggesellinnenabschieds, Angestellten. Sie alle fühlen sich zum Hotel hingezogen, suchen Abenteuer, aber auch Versöhnung, Selbsterkenntnis, Absolution.
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2025
Mit seinen langen Schornsteinen und hohen Glasfenstern erhebt sich das Hotel über die Moorlandschaft. Es war nicht immer ein Hotel. Früher einmal war es nur eine Idee, in der Erde vergraben. Dann war es ein Bauernhof, ein See, ein Fluch. Auch heute ist es nicht immer ein Hotel: Es sieht für jeden und jede anders aus, tritt auf als Ort der Erinnerungen und Geheimnisse, als Spukhaus für die Lebenden und die Toten.
»Das Hotel« erzählt fünfzehn miteinander zusammenhängende Geschichten über wiederkehrende Protagonistinnen, aber nur eine Geschichte über ein Gebäude, von der Geburt bis zum Tod. Wir begegnen Kindern und Müttern, Konferenzteilnehmerinnen, Gästinnen eines Junggesellinnenabschieds, Angestellten. Sie alle fühlen sich zum Hotel hingezogen, suchen Abenteuer, aber auch Versöhnung, Selbsterkenntnis, Absolution.
Daisy Johnson, geboren 1990, war mit ihrem ersten Roman »Untertauchen« die jüngste Autorin, die jemals Finalistin des Booker Prize war. Ihr zweiter Roman »Die Schwestern« wurde unter dem Titel »September & July« von Ariane Labed verfilmt. Für ihre Kurzgeschichten erhielt sie den Harper’s Bazaar Short Story Prize, den A. M. Heath Prize und den Edge Hill Short Story Prize. Daisy Johnson lebt mit ihrer Familie in Oxford.
Birgit Maria Pfaffinger studierte Literarisches Übersetzen in München. Sie ist seit 2006 als freiberufliche Übersetzerin und Lektorin tätig und lebt in Wien.
DAISY JOHNSON
Aus dem Englischenvon Birgit Maria Pfaffinger
Die englische Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel»The Hotel« bei Jonathan Cape, London.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Deutsche Erstausgabe Oktober 2025
btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Copyright © der Originalausgabe 2024
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Covergestaltung: Semper Smile | München
Unter Verwendung von Motiven von: © Shutterstock.com (LarysaPol, 2shrimpS), Trevillion Images (Ilona Wellmann)
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
MSP · Herstellung: KH
ISBN 978-3-641-32279-3V001
www.btb-verlag.de
www.facebook.com/penguinbuecher
Für TC
WIRWISSENFOLGENDESÜBERDASHOTEL:
Es ist innen größer als außen.
Geh nicht in Zimmer 63.
Seine Türen und Fenster bleiben nicht am selben Ort.
Das Hotel hört zu, wenn du etwas sagst.
Das Hotel beobachtet.
Das Hotel weiß alles über dich.
Das Hotel kannte dich schon, bevor du angekommen bist.
Das Hotel sieht für jeden anders aus.
Wir sind bald im Hotel.
Das Hotel ist uns vertraut.
Das Hotel ist ein Fremder in einer Gasse.
Es ist nicht leicht und erfordert eine gewisse Geduld, im Internet Informationen über Das Hotel zu finden. Die Sprache, in der über Das Hotel geschrieben wird, ist kompliziert und verworren. Es erscheinen Websites voller Geschichten, doch sie werden schon bald von Auslassungen zerfressen, von Sätzen, die weder Anfang noch Ende haben, von verschwindenden Satzzeichen. In einem Buch über Spukhäuser in Großbritannien gibt es ein Kapitel über Das Hotel, doch es wird noch vor der Publikation gestrichen und nie von jemandem gelesen. Fotos, die Das Hotel zeigen, neigen dazu, zu verschwinden. Aber trotz allem ist es möglich, bruchstückhafte Informationen ausfindig zu machen und die Vergangenheit nach Hinweisen zu durchforsten.
Wo jetzt Das Hotel steht, befand sich vorher eine Farm. Ein kleines Gebäude mit gerade mal genug Platz für ein paar Hühner, vielleicht auch ein paar Schweine. Aus dem Sterberegister der Gegend geht hervor, dass niemand lange auf dem Grundstück lebt, dass es heimgesucht wird von unglücklichen Unfällen und Totgeburten. Die Farm wird innerhalb einer Familie, die sicherlich schwer an ihren Schicksalsschlägen zu tragen hatte, von einer Generation an die nächste weitergegeben. Vor dem Brand, der das Gebäude zerstört und zum Verkauf des Landes und dem anschließenden Bau des Hotels führt, lebt dort eine Frau – die Ehefrau eines der Nachkommen – und stirbt auch dort. Offenbar ist sie in der näheren Umgebung als hellsichtig bekannt, und die Nachbarn begegnen ihr mit Misstrauen. Zu ihrer Lebzeit sterben aus heiterem Himmel mehrere Kinder, was heute darauf zurückgeführt werden kann, dass Abwasser von der Farm ins Trinkwasser gelangte, doch damals gibt man der Frau die Schuld. Dass sie selbst keine Kinder hat und ihre Familie aus einem anderen Land stammt, macht sie verdächtig und führt dazu, dass man sie in dem Teich hinter der Farm ertränkt. Vorher kratzt sie noch etwas in die Eingangstür. Sie schreibt: BALDSEHENWIRUNSWIEDER.
Das Hotel legt so etwas wie Persönlichkeitsmerkmale an den Tag. Es scheint genau zu wissen, wer zwischen seinen Wänden ein- und ausgeht. Und auf heimtückische Art und Weise fängt es Menschen ein, es besitzt eine Anziehungskraft, die manchmal unmöglich zu ignorieren ist. Man könnte die Schuld für den auf dem Hotel liegenden Fluch einfach bei der namenlosen Frau suchen, die dort getötet wurde, allerdings erscheint es wahrscheinlicher, dass jedes Unglück, das sich dort ereignet, der Erde selbst entspringt, und die Frau lediglich die Erste war, die dies bemerkte.
Beim Bau des Hotels geht vieles schief, und lange sieht es so aus, als würde es unvollendet bleiben. Der Boden ist aufgeweicht und schluckt das Fundament; es kommt zu Unfällen, als ein Gerüst einstürzt. Über das Wochenende erobern sich Bäume, die bereits beseitigt wurden, ihren Platz zurück. Dennoch gelingt das Vorhaben, und 1919 wird das Gebäude fertiggestellt. Es ist im neugotischen Stil erbaut, hat hohe Schornsteine und schmale, mit Verdachungen versehene Fenster, bunte Glasscheiben, um das einfallende Licht zu dämpfen, einen Obstgarten. Hier nimmt alles seinen Anfang.
In den 1950er-Jahren verfasst eine Lyrikerin, die vor allem für ihre mäandernden Naturgedichte bekannt ist, ein paar Zeilen über Das Hotel, eingebettet in ein längeres, eigenartiges Werk über eine verlorene Liebe und einen gescheiterten Selbstmordversuch. In diesem Gedicht ist Das Hotel flüchtig, beinahe mythisch, ein gefährlicher Ort, der im Laufe der Geschichte immer wieder in anderer Gestalt auftaucht. Ein Jahr später gelingt der Dichterin, woran sie zuvor scheiterte, und sie ertrinkt vor der Küste von North Norfolk im Meer. In der Pension, in der sie wohnte, findet man ein Notizbuch mit Textfetzen und ein paar mit Kugelschreiber hingeschmierte Zeichnungen, von denen die markantesten offenbar Das Hotel zeigen, erkennbar an seinen massiven Schornsteinen. Unter die Skizzen hat die Dichterin geschrieben: ICHBINBALDDA.
In den frühen 1990er-Jahren ereignet sich in der Nähe des Hotels eine Reihe von Unfällen. Die Geliebte eines relativ bekannten, verheirateten Politikers wird in einem der Zimmer eingesperrt aufgefunden, kurz vorm Verhungern und mit wildem Blick. Eine Gruppe Schulkinder, die im nahe gelegenen Wald zelten, verläuft sich. Als man sie findet, scheinen sie die Fähigkeit, zu sprechen oder Sprache zu verstehen, verloren zu haben. Kleinere Vorfälle gibt es etliche: Zimmerschlüssel brennen sich in Handflächen ein, Hotelangestellte stürzen die Treppe hinunter oder bleiben in einem der Aufzüge stecken. Ein Jahr lang ist Das Hotel wegen Restaurierungsarbeiten geschlossen. Über die erste Zeit nach der Neueröffnung gibt es nichts zu lesen. Das Hotel ist nicht länger Treffpunkt der feinen Gesellschaft, sondern wird zu einer beliebten Adresse für Hochzeiten, Jubiläen und Konferenzen.
Das Hotel scheint den Jahreszeiten und manchmal anderen Zyklen unterworfen, insofern als es mehrere Jahre lang ein relativ friedliches Dasein fristet, ehe etwas passiert. Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob diese Vorfälle auf äußeren Einflüssen beruhen, ob Das Hotel auf Verschiebungen der politischen Gegebenheiten oder des Friedenszustands reagiert, auf steigende Temperaturen oder die Eindämmung der lokalen Dachspopulation.
Mit Sicherheit lässt sich jedoch sagen, dass Das Hotel nicht jeden auf dieselbe Weise beeinflusst. Manche Menschen können dort absteigen und nichts Ungewöhnliches bemerken. Mit dem Zug ist Das Hotel sowohl von Cambridge als auch vom Meer aus gut zu erreichen. Im Winter brennt ein großes Feuer in der Bar, und die Zimmer sind warm, an der Innenseite der Badezimmertüren hängen Bademäntel. Am Morgen liegt die Zeitung vor der Zimmertür, und man kann sich das Frühstück ans Bett bringen lassen, der hellorange Dotter der Eier vom Bauernhof am Ende der Straße. Es gibt frische Austern. Manchmal findet man kleine Überraschungen auf dem Kopfkissen: eine Praline oder einen Apfel von einem der Obstbäume im Garten. In einer Onlinebewertung steht: Ich brauchte dringend eine Auszeit, und Das Hotel war der perfekte Ort dafür, ich fühle mich erholt, bin endlich zur Ruhe gekommen. In einer Onlinebewertung steht: Ich habe sie zum ersten Mal seit ihrem Tod gesehen, und sie hat sich nicht verändert. Die Seife im Hotel kommt von einer Lavendelfarm in den Cotswolds, und der Kaffee ist fair gehandelt und gut, die Milch von Kühen aus der Gegend. In einer Onlinebewertung steht: Nächstes Mal lassen wir uns Zimmer 63 geben. Manche können dort absteigen und zufrieden wieder abreisen, voller Vorfreude auf den nächsten Aufenthalt. Für andere gilt das nicht. Es ist schwer zu sagen, welcher Typ Mensch Das Hotel als das erkennt, was es wirklich ist. Oft sind es die Einzelgänger, ihrer Familie entfremdet oder aus freien Stücken alleinlebend, in sozialen Situationen und Menschenmengen angespannt. Viele von ihnen trinken zu viel oder haben Schlafprobleme und einen Hang zu zwanghaftem Verhalten. Manche tun sich schwer, loszulassen. Doch es gibt auch solche, die nicht trinken, die mit ihrer Familie oder Freunden anreisen, Menschenansammlungen und lange Telefonate mögen und ebenfalls hören, wie die Fernsehgeräte im Hotel miteinander sprechen und sich nachts die Fenster bewegen.
Keinesfalls kann man Das Hotel besuchen und sich in Sicherheit wiegen. Es ist nicht ratsam, dies je zu tun.
Es ist schwer zu sagen, warum die Leute in Das Hotel kommen, obwohl die meisten von ihnen die Gerüchte darüber kennen. Es gilt als eines der berüchtigtsten Spukhäuser in Großbritannien, die Berichte über die unerklärlichen Ereignisse, die sich dort zugetragen haben, sind weithin bekannt. Für viele ist allein das Grund genug für einen Besuch – sei es aus morbider Neugier oder Ungläubigkeit –, doch für andere, jene, die in der Nähe des Hotels leben und arbeiten, stellt sich stets die Frage nach dem Warum. Warum reisen sie nicht ab? Warum kehren viele von ihnen immer wieder an einen Ort zurück, der so offensichtlich nicht nur verstörend ist, sondern – für manche – auch gefährlich? Diese Frage kann nur jemand stellen, der noch nie im Hotel war. Es zu besuchen, und sei es nur ein Mal, fühlt sich so an, als wäre man den Gezeiten unterworfen. Anschließend ist es nicht nur schwer, physisch nicht dorthin zurückzukehren, sondern auch, seine Gedanken von dem Gebäude fernzuhalten, das groß und grau aus dem dunklen Moorland ragt.
2016 schließt Das Hotel für drei Jahre. Obwohl gelegentlich jemand Interesse bekundet, eilt ihm sein Ruf voraus, und es findet keinen Käufer. Die Natur erobert es sich zurück. Efeu bricht durch die Fenster und wuchert entlang der Decke, bahnt sich seinen Weg durch die verrottenden Böden. In den Wänden vermehren sich Mäuse. Im Sommer brechen Teenager ein und machen Feuer in den dunklen Räumen; im Winter schlagen gelegentlich Obdachlose ihre Zelte im Garten auf oder wagen sich auf der Suche nach einem trockenen Ort auch ins Innere vor. Gelegentlich dringen herrenlose Hunde und Katzen ein und finden nicht mehr heraus, und wenn es ihnen schließlich doch gelingt, dann mit gefletschten Zähnen. Manchmal kommen auch Gruppen von Okkultisten oder vereinzelte Pärchen auf der Suche nach Abenteuer.
2019 brennt Das Hotel auf seine Grundmauern nieder. Die Flammen sind von der Autobahn aus zu sehen. Als die Löschfahrzeuge das Gebäude erreichen, ist es bereits ausgebrannt. Im Außengelände findet man, unter einer Gruppe Weiden vergraben, eine Filmkamera. Die Aufnahmen sind zum Teil zerstört, doch allem Anschein nach stammen sie von Filmstudentinnen, die in der Woche vor dem Brand in das Gebäude eingedrungen sind. Von den Studentinnen fehlt noch immer jede Spur, und die Aufzeichnungen sind verschwommen und brechen plötzlich ab, sodass sich nicht feststellen lässt, ob die Mädchen für das Feuer verantwortlich sind oder wissen, wer es verursacht hat. Die jungen Frauen im Film sind in Aufregung, manchmal hört man ihre Stimmen, wie sie einander etwas zurufen oder sich direkt an die Zuschauer wenden. Als sie tiefer in Das Hotel vordringen, scheint der Film Schaden zu nehmen, und die Aufnahmen werden undeutlich. Gegen Ende sehen wir Bilder eines bestimmten Zimmers, die weißen Wände sind feucht und schimmeln. Im Bad, über der Wanne, hält die Kamera kurz auf eine Art Graffiti, ein Satz ist zu lesen: ICHBINBALDDA.
Es ist unmöglich, alle Geschichten, die über Das Hotel kursieren, zusammenzutragen und in eine sinnvolle Ordnung zu bringen. Anzufangen und zu einem Schluss zu kommen, einer Art Katharsis. Und wo sollte man anfangen? Bei den Träumen einer hundert Meilen vom Hotel entfernt lebenden Frau, in denen sie in einem großen Gebäude herumirrt und Türen öffnet, hinter denen sich nur weitere Türen befinden. Bei den Zeichnungen, die ein kleines Kind in einer Krippe in Cornwall anfertigt und auf denen eine rote Tür mit der Nummer 63 zu sehen ist. Bei der E-Mail, die eine Frau einen Tag vor ihrem Tod an ihren Sohn schreibt und in der sie mehrmals wiederholt: Ich bin bald da. Ich bin bald da. Oder bei der Kathedrale von Ely, in der nachts gelegentlich die Schimäre eines Hotelzimmers vor dem Altar gesichtet wird, mit gemachtem Bett und laufendem Fernseher.
Und wenn man einen Anfang versucht und irgendwie hinbekommt, wo soll man dann den Schlusspunkt setzen? Ist es möglich, dass der Brand das Ende des Hotels bedeutet? Oder ist es nicht wahrscheinlicher, dass das Gelände selbst eine finstere Identität besitzt? Was wächst jetzt dort? Nichts. Welche Türen befinden sich im Boden? Unzählige. Und ist es möglich, dass Das Hotel selbst jetzt, wo es nicht mehr existiert, an manchen Tagen kurz aufflackert, das erschreckende Nachbild eines Gebäudes mit hohen Schornsteinen und offener Eingangstür?
Dies ist noch nicht das Ende. Es ist Zeit für einen vorsichtigen Anfang. Vierzehn Geschichten über Das Hotel in den Fens.
MEINMANNHATMICHin dieses Farmhaus gebracht, als seine Ehefrau, und auch wenn ich nicht hier geboren wurde, ist das der Ort, an dem ich sterben werde.
Ich heiße Mary Southgraves und bin in fast jeder Hinsicht gewöhnlich, allerdings besitze ich seit meiner Kindheit das Talent, die Zukunft zu sehen. Dieses unheimliche Wissen ängstigte meine Mutter und verärgerte meinen Vater, weshalb ich lernte, es für mich zu behalten. Es überkommt mich in meinen Träumen, hallt im hellen Tageslicht laut durch meinen Kopf oder wird mir als Worte in den Mund gelegt. Als ich nach meiner Hochzeit auf dieses flache Land kam, hatte ich bereits gelernt zu schweigen, und mein Mann ahnte nicht, dass ich die Milch gerinnen sah, ehe sie es tat, oder wusste, wann und wie die alte Hofkatze sterben würde. Wenn ich könnte, würde ich einfach nichts sagen, aber dieses Land verstärkt eine Kraft, die immer klein und unbedeutend war und nun an Größe gewinnt, und dieses Farmhaus hockt darauf wie ein missmutiger Dämon und kitzelt mein Wissen hervor. Ich bin willentlich hier und verwildere langsam, aber das Schlimmste ist, dass mich dieses Wissen mit einer solchen Wucht überkommt, dass es die Zeit einebnet und mir beinahe die Fähigkeit raubt, die Gegenwart von der Zukunft zu unterscheiden.
Als mein Mann mir das Farmhaus beschrieb, machte er es größer und prachtvoller, fügte Zimmer hinzu und erschuf Wärme, da, wo es außer kaltem Stein nichts gibt. Es gibt eine Küche mit einem rauchenden Feuer und einem Holztisch, von dessen Beinen eines kürzer ist als die anderen. Es gibt ein fensterloses Schlafzimmer, das wir uns in den Wintermonaten mit den Hühnern teilen. Von der Küche gelangt man in eine Spülküche, in die ich nicht gehe. Das sind die Ausmaße meines Gefängnisses. Hinter den Fenstern liegen die Fens, große dunkle Felder, die Scheune, in der die Schweine leben, der Teich, in dem ich sterben werde.
Mein Mann hat ein gutes Herz, aber seit einigen Monaten fürchtet er sich vor mir, und ich weiß, dass er sich mit den anderen Männern, allesamt Bauern, trifft und seine Angst mit ihnen teilt. Ich kann nicht anders, als ihm zu erzählen, was ich sehe. Von den kleinen Fehlern, die er begehen und damit zum Verwaisen der Farm beitragen wird, von der Traurigkeit, die sein Leben bestimmen wird. Ich kann nicht anders, als ihm die Wahrheit über die Frauen zu sagen, die manchmal vorbeikommen, um etwas Tratsch oder ein paar kostenlose Eier abzustauben, und die seit geraumer Zeit Abstand halten und mir mit wachsamer Abneigung begegnen. Ich weiß, dass sie im Dorf über mich reden und manchmal ihre Kinder herschicken, damit sie die Laken, die ich am Waschtag zum Trocknen aufgehängt habe, in den Dreck ziehen. Sie sind scharfzüngig, doch das hält sie nicht davon ab, zu mir zu kommen, wenn sie ein Kind erwarten oder nicht schlafen können oder vor Angst mürbe sind und es einfach nur wissen wollen; ganz egal, ob dieses Wissen ihnen nun Frieden oder nichts als Verzweiflung bringt. Sie kommen nachts, ohne Licht, und kratzen mit den Fingernägeln am Küchenfenster. Ich spreche im Dunkeln mit ihnen, gesichtslos, und sie lassen mir Mehl oder Säcke voller Kartoffeln als Lohn da. Untertags wenden sie den Blick jedoch ab, wenn sie mich sehen, und sagen laut meinen Namen.
Für eine Weile umhegten mein Mann und ich gemeinsam die Liebe zwischen uns, behutsam, wie einen Korb voller Eier. Wenn sie aus dem Gleichgewicht geriet, brachte er sie ins Lot, und ich half mit, um uns auszubalancieren und glücklich zu machen. Manchmal hielten wir diese Liebe in den Händen und spürten, wie sie uns die Handflächen wärmte, und ich dachte an die kleinen Grübchen in seinen Wangen und die raue Haut an seinen Daumen. Das Farmhaus tauchte vor uns aus der Ebene auf, und er nahm mein Gesicht und sprach von Kindern und vielen Jahren und dass er es vor sich sähe. Ich wusste, dass wir nichts davon haben würden und dass der Boden unter der Farm krank vor Hass war. Stolz führte mein Mann mich durch das Haus, und als wir die Spülküche betraten, überkam mich eine Angst, wie ich sie noch nie gespürt hatte, eine mächtige Welle, die meine Stimme erstickte. Die Spülküche ist ein kleines Zimmer mit Regalen für Einmachgläser, der Boden ist aus Erde und oft in Aufruhr; Maulwürfe graben sich an die Oberfläche und hinterlassen Erdhaufen. Mein Mann erzählte mir fröhlich, dass seine Mutter einmal zu ihrer Zeit die Regale mit 63 Gläsern voll eingemachtem Obst und Gemüse befüllt habe, was eine enorme Menge darstelle, und die Zahl hallte in mir wider und ließ mein Zahnfleisch schmerzen. Ich sah jedes der 63 Einmachgläser in Scherben auf dem Boden und die offenen Handgelenke der Mutter meines Mannes, als hätte das Glas sie gebissen. Wann immer ich seitdem an dieses Zimmer denke, denke ich daran als 63, ich betrete es nicht mehr. Die Zahl taucht in der Nacht vor mir auf, und ich muss mein Gesicht ins Kissen drücken, damit ich sie nicht laut ausspreche.
Ich weiß nicht, was es mit diesem Land auf sich hat, aber es lässt einen nicht los. Ich habe immer gehofft, dass ich nach meinem Tod an den Ort meiner Geburt zurückkehre, aber jetzt weiß ich, dass ich hierbleiben und dieselben Schritte gehen werde, die ich Tag für Tag gehe. Es heißt, dass Leichen in dieser Erde nicht verwesen, sondern erhalten bleiben. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass dieser Ort seine Toten zu sich ruft. Ich bin bald da, denke ich, und werde die unzähligen anderen sehen, die vor mir gegangen sind und sich wie Tiere in diesem engen Raum scharen und sich die Nase platt drücken an der Welt der Lebenden. Manchmal sehne ich mich danach, obwohl es weder friedlich noch ruhig ist.
Eines Nachts träume ich, dass eine Krankheit im Wasser ist. Das Wasser in den Brunnen steht, und die Flüsse haben eine Seuche angeschwemmt. Ich koche das Brunnenwasser gründlich ab und versuche, meinem Mann von der Krankheit zu erzählen, die vor allem die Jungen und die ganz Alten schwer treffen wird. Er senkt den Blick zum Tisch und isst sein Frühstück, ohne mich anzusehen. Das tut er seit geraumer Zeit, wenn ich etwas sage, das er nicht glaubt. Ich nehme einen Korb mit Brot und gehe zu den anderen Höfen, die jenseits der Felder zwischen hier und dem Dorf liegen. Als die Kinder mich kommen sehen, laufen sie mit meinem Namen auf den Lippen zu ihren Müttern, die breitbeinig dastehen und mein Näherkommen beobachten. Ich biete ihnen Brot an, was sie freundlich stimmt, doch als ich ihnen von
