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Lausche auf das Flüstern der Wellen: Der gefühlvolle Inselroman »Das Inselcottage am Meer« von Heather Barbieri jetzt als eBook bei dotbooks. Plötzlich liegt ihr perfektes Leben in Scherben vor ihr … Als die junge Mutter Nora aus der Presse von der Affäre ihres Mannes erfährt, flieht sie mit gebrochenem Herzen auf die verschlafene Insel ihrer Kindheit vor der Küste von Maine. Dort nimmt ihre Tante Nora die kleine Familie in einem zauberhaften Cottage am Strand unter ihre Fittiche. Hier, wo die uralte Magie der Winde und des Meeres noch spürbar ist, beginnt Nora zu sich selbst zurückzufinden – und wagt es endlich, mit den Schatten ihrer Vergangenheit abzuschließen. Und dann ist da noch der geheimnisvolle Fischer Owen, der Noras Herz bei jeder Begegnung auf ungeahnte Weise berührt. Aber kann er ihr beistehen, wenn das Schicksal ein zweites Mal unbarmherzig zuschlägt …? »Heather Barbieri lässt eine traumhafte Insel lebendig werden und schafft einen magischen, unvergesslichen Ort. Eine wundervolle, mitreißende Geschichte!« Booklist Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der berührende Schicksalsroman »Das Inselcottage am Meer« von Heather Barbieri ist ein Lesevergnügen für die Leserinnen von Susan Wiggs und Lucinda Riley. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Über dieses Buch:
Plötzlich liegt ihr perfektes Leben in Scherben vor ihr … Als die junge Mutter Nora aus der Presse von der Affäre ihres Mannes erfährt, flieht sie mit gebrochenem Herzen auf die verschlafene Insel ihrer Kindheit vor der Küste von Maine. Dort nimmt ihre Tante Nora die kleine Familie in einem zauberhaften Cottage am Strand unter ihre Fittiche. Hier, wo die uralte Magie der Winde und des Meeres noch spürbar ist, beginnt Nora zu sich selbst zurückzufinden – und wagt es endlich, mit den Schatten ihrer Vergangenheit abzuschließen. Und dann ist da noch der geheimnisvolle Fischer Owen, der Noras Herz bei jeder Begegnung auf ungeahnte Weise berührt. Aber kann er ihr beistehen, wenn das Schicksal ein zweites Mal unbarmherzig zuschlägt …?
»Heather Barbieri lässt eine traumhafte Insel lebendig werden und schafft einen magischen, unvergesslichen Ort. Eine wundervolle, mitreißende Geschichte!« Booklist
Über die Autorin:
Heather Barbieri wurde als Tochter irischer Einwanderer in den USA geboren und arbeitete als Zeitschriftenredakteurin, Journalistin und Filmkritikerin, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Ihre Kurzgeschichten sind preisgekrönt; ihre gefühlvollen Romane eroberten die Herzen zahlreicher Leserinnen und Leser. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann und drei Kindern in Seattle, Washington.
Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin auch ihren gefühlvollen Roman »Der Sommerhimmel über Irland«.
Die Website der Autorin: www.heatherbarbieri.com
Die Autorin bei Facebook: www.facebook.com/barbieriauthor
Die Autorin auf Instagram: www.instagram.com/heatherbarbieri/
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eBook-Neuausgabe Juli 2023
Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 2012 unter dem Originaltitel »The Cottage at Glass Beach« bei HarperCollins Publishers, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 2013 unter dem Titel »Das Mädchen in den Wellen« bei Goldmann.
Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2012 by Heather Barbieri
Published by Arrangement with Heather Barbieri
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2013 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Copyright © der Neuausgabe 2023 dotbooks GmbH, München
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Elena Elisseeva, Eric Urquhart, Geri Lynn Smith
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (fb)
ISBN 978-3-98690-740-2
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Heather Barbieri
Das Inselcottage am Meer
Roman
Aus dem Amerikanischen von Sonja Hauser
dotbooks.
Zum Gedenken an meine Mutter Michelle LeMay Doran
Die Stimme der See spricht zur Seele.
Kate Chopin
Keine Angst. Es tut dir nichts.
Nora läuft kreischend den Strand entlang, den Wellen davon. Das Wasser wird sie nicht erwischen. Das lässt ihre Mutter nicht zu.
Nimm meine Hand.
Die Finger ihrer Mutter sind warm. Nora reicht ihr nur bis zur Taille. Ich werde nie groß genug sein. Ich werde nie wie du sein.
Ihre Mutter lacht. Das Lachen perlt wie Licht auf dem Wasser. Ihr Rock klebt an ihren Beinen, weil sie voll bekleidet hineingetaucht ist. Sie ist nicht wie die anderen Mütter mit ihren Regeln und ihrer Vorsicht. Natürlich wirst du irgendwann so sein wie ich. Du bist ein Teil von mir. Das wirst du immer sein.
Warum?
Weil das bei Müttern und Töchtern so ist. Sie berührt lächelnd Noras sommersprossige Nase. Ihr unvergleichliches Lächeln. Ihr unvergleichlicher Blick.
Nora läuft kichernd weg. Fang mich, fang mich! Sie hört das Knirschen des Sandes unter ihren Füßen, Atem, zuerst noch nahe, dann weiter weg. Sie duckt sich zwischen die Felsen, die mit Muscheln und kleinen Krebsen, Napf- und Strandschnecken übersät sind, die Steine nass und dunkel. Ihre Mutter kann ihr nicht folgen, weil sie nicht klein genug ist. Nur ein Kind passt hier durch. Nora gewinnt selten bei ihren Spielen. Heute wird es anders sein. Sie versteckt sich, wartet, gefunden zu werden, darauf, dass ihre Mutter sich geschlagen gibt.
Minuten vergehen. Ein roter Krebs grüßt mit einer Schere, verschwindet in einer Ritze. Ein anderer schließt sie klickend wie der Auslöser an der Kamera ihres Vaters. Die Geschöpfe des Meeres verkriechen sich, weil sie etwas herannahen spüren. Zunächst macht Nora sich darüber keine Gedanken.
Dann wird ihr klar: Die Flut kommt herein. Sie hätte sich nicht so weit hinauswagen sollen. Sie weiß nicht, wie man unter Wasser atmet.
Nora!, ruft ihre Mutter. Nora! Wo bist du?
Hier. Ich bin hier.
Ihr Fuß hat sich verfangen, die Sohle ihrer Sandale steckt fest, als würden die Felsen sie nicht mehr loslassen wollen. Sie zerrt an den Riemen. Ihre Mutter hilft ihr immer beim Ausziehen; jetzt, da das Leder nass ist, lassen sie sich noch schwerer lösen. Das Wasser steigt an, erreicht ihre Knöchel, ihre Knie, höher und höher. Wenn sie nicht bald jemand findet, geht sie unter.
Nach Luft schnappend schlägt Nora die Augen auf. Licht dringt an den Rändern der Jalousie ins Zimmer. Es ist halb sechs Uhr morgens, ein Dienstag. Die rot leuchtende Digitalanzeige des Weckers erinnert sie daran, wie wenig sie geschlafen hat. Das Geräusch der Zeitung, die der Austräger vor die Tür wirft, lässt sie aufschrecken.
Es war nur ein Traum. Nora sieht sich im Schlafzimmer um, versucht, sich in der Realität zu orientieren. Sie ist allein, nicht dabei zu ertrinken.
Der Brief, den sie einen Monat zuvor erhalten hat, ist vom Nachtkästchen auf den Boden gefallen. Nora weiß nicht, wie. Das Schiebefenster ist geschlossen, und es zieht nicht. Sie muss ihn im Schlaf heruntergewischt haben. Nora hat ihn am Abend zuvor noch einmal gelesen.
Der Brief ist von ihrer Tante Maire, die sie bittet, zum ersten Mal seit vielen Jahren nach Burke’s Island zu kommen, wo sie geboren wurde und ihre Mutter verschwand.
Sie darf keine Zeit mehr vergeuden. Es sind Ferien. Nora erträgt keinen Tag länger in dem Haus. Sie muss weg. Sie wird noch diesen Morgen die Sachen ihrer Töchter packen und mit ihnen aufbrechen.
Jemand beobachtete sie, da war Nora sicher. Sie ließ den Blick über die kleine Bucht schweifen, über den Kieselstrand, die graubraunen Felsen. Angelplattformen schaukelten scheinbar schwerelos auf dem Wasser, unter dessen glatter Oberfläche sich Geheimnisse verbargen. Die abgeschliffenen Glasstücke, nach denen der Strand benannt war, schimmerten im Licht der Sonne, und Seetangstränge zeichneten Muster auf den Sand.
»Siehst du was?«, fragte ihre Tochter Ella.
Nora schüttelte den Kopf. Sie musste sich ins Gedächtnis rufen, dass sie hier auf Burke’s Island nicht ständig über die Schulter blicken mussten, weil sie den Skandal und die Presse hinter sich gelassen hatten. Und ihren Mann, die Ursache des Ganzen.
»Schau.« Annie deutete auf einen Haufen Muscheln auf der hinteren Terrasse. »Als ob sie gewusst hätten, dass wir kommen.« Mit ihren sieben Jahren lebte sie noch halb in einer Fantasiewelt.
»Wer?«, fragte Ella und runzelte wie üblich skeptisch die Stirn.
»Die Muschelmenschen«, antwortete Annie mit einem geheimnisvollen Lächeln.
»Quatsch. Wahrscheinlich hat Tante Maire sie hingelegt«, erwiderte Ella.
»Du hast keine Fantasie«, stellte Annie naserümpfend fest.
»Aber gesunden Menschenverstand.«
»Mädels.« Nora hob eine Strandschnecke auf. Die blau-graue Schale drehte sich in sich selbst zu einem festen Knoten, ein Hauch von silbrigem Perlmutt in der Mitte. Ihre Mutter war eine unermüdliche Strandgutsammlerin gewesen. Sie hatte, Nora im Schlepptau, die Zeichen des Strands und des Wassers gelesen. Nora erinnerte sich an die fahle Sonne hinter Wolken, zwischen denen ihr Licht hindurchsickerte. Ein Gotteshimmel, hatten sie das genannt. Nicht schauen, hatte jemand gesagt und die Hände über ihre Augen gelegt, um sie zu beschützen. Wovor? Die Stimmen hatten verzerrt geklungen, wie unter Wasser. Die fast schon schmerzende Kälte des Meeres beim Hineintauchen, die Benommenheit, wenn man sich daran gewöhnte. Wenn du dich bewegst, bleibst du warm. Erinnerungssplitter huschten durch ihr Gehirn und verschwanden wieder im Nichts, verschlungen von den Tiefen ihres Unterbewusstseins. Nicht loslassen.
Sie seufzte. Wahrscheinlich hatte die lange Fahrt sie müde gemacht. Dreieinhalb Stunden von Boston aus nach Norden, anschließend mit dem Schiff vorbei an Monhegan. Dann endlich aufatmen nach allem, was passiert war, sich bis zu einem gewissen Grad der Erschöpfung ergeben ‒ nicht ganz, das würde sie der Kinder wegen nie können. Und schließlich das Gefühl des Déjà-vu an diesem Strand in der Nähe des Cottage, so intensiv, dass ihr fast schwindlig wurde.
In der Ferne glitt ein Schiff in Richtung Osten über den Atlantik, eine Schachfigur in der Weite des Ozeans. Der Wind frischte auf. Hochsommer an der äußeren Küste der Neuenglandstaaten, beste Chancen auf gutes Wetter.
Nora kehrte zur Vorderseite des Cottage zurück. Sie hatten niemanden angetroffen, weder im Cottage noch in dem Haus ein Stück weiter die Straße entlang, wo Tante Maire laut Briefkasten wohnte. »Flanagan« stand darauf, der Name ihrer Tante nach der Heirat. Nora hatte zur Begrüßung nicht gerade eine Konfettiparade erwartet, aber wenigstens, dass jemand da wäre, um sie einzulassen.
»Das ist es also?« Ella betrachtete das Cottage skeptisch.
»Mir gefällt’s«, sagte Annie.
»Dir gefällt alles.«
»Nein, das stimmt nicht. Ich mag keine Lakritze, kein Fleisch mit Knochen und keine Spinnen. Aber hier gefällt’s mir. Man hat gleich das Gefühl, zu Hause zu sein.«
»Wir sind in Boston zu Hause«, erinnerte Ella sie.
»Unser Ferienzuhause«, sagte Nora. »Eine Sommerfrische.«
Das rustikale kleine Cottage bestand aus grauem Inselstein, hatte abgewetzte weiße Zierleisten, eine verwitterte rote Tür und leere Blumenkästen vor den Fenstern. Nora nahm sich vor, Pflanzen zu besorgen ‒ Geranien oder Kräuter vielleicht, für ein Küchengärtlein ‒, vorausgesetzt, sie fand in dem Ort einen Laden, in dem es so etwas gab.
Als sie den Türknauf berührte, wurde sie wieder zum kleinen Mädchen. Die Metallkugel ließ ihre Hand winzig erscheinen; das Schloss in der Mitte blickte sie an wie ein starres Auge. Wie vermutet war die Tür verschlossen. Vielleicht war alles ein Missverständnis. Sie hätte ihr Kommen eher ankündigen sollen. Nora hatte nicht bedacht, wie lange ein Brief auf die Insel brauchte. Es konnte gut sein, dass er später in der Woche mit der Fähre eintraf.
Sie tastete den oberen Türrahmen ab und sah unter dem Fußabstreifer nach. Kein Schlüssel. Sie rüttelte an den Fenstern. Sie rührten sich nicht vom Fleck. Als Nora ins Innere lugte, konnte sie durch die Spitzenvorhänge nur Schatten erkennen.
»Niemand da«, stellte Ella fest. »Können wir wieder fahren?« Mit ihren zwölf Jahren, kurz vor dem Erreichen der Pubertät, hatte sie die Kunst des verächtlichen Mundverziehens perfektioniert.
»Und wohin?«, fragte Nora.
»Irgendwohin, wo’s Zentralheizung gibt.«
Da hatte sie recht, aber so schnell würde Nora nach der langen Fahrt nicht aufgeben.
»Hier beginnt mein Exil«, hob Ella an, die nach Burke’s Island hatte fahren wollen ‒ bis klar geworden war, dass das bedeutete, Position zu beziehen, ihren Vater zurückzulassen.
»Du hast zu viele Bücher über die alten Römer gelesen«, stellte Nora fest.
»Über die kann man gar nicht genug lesen«, sagte Ella und nickte in Richtung Wagen. »Das Essen wird schlecht, wenn es nicht schon schlecht ist. Dann verhungern wir. Und irgendjemand findet unsere Gerippe …«
»Ich will nicht sterben«, jammerte Annie.
»Keine Sorge, wir verhungern nicht«, beruhigte Nora sie. »Wir haben etwas zu essen dabei, und wenn nötig, kaufen wir was im Ort.« Die Flaschen und Kartons hatten während der Fahrt gescheppert, als hätten sie hinsichtlich des Ziels Bedenken. In Portakinney, dem Hauptort der Insel, hatte sie nicht halten wollen, weil sie zu müde war für Small Talk. Abgesehen davon wusste sie nicht, ob die Läden um diese Uhrzeit noch geöffnet hatten. Der Medienrummel in Boston und die wechselnden Loyalitäten ihrer Freunde und Bekannten hatten sie vorsichtiger gemacht, als sie es bis dahin gewesen war.
Nora zückte ihr Handy.
»Wen rufst du an?«, fragte Ella.
»Ich versuche, den Schlüssel aufzutreiben.«
»Wir kennen hier niemanden.«
»Doch, Tante Maire«, meldete sich Annie zu Wort.
»Nicht persönlich«, widersprach Ella.
»Ich schon ‒ und ihr werdet sie noch kennenlernen«, sagte Nora. Allerdings war die letzte Begegnung mit Maire Jahre her, und Nora erinnerte sich kaum an sie und die Insel. Letztlich wusste sie nicht, wen sie anrufen sollte. Sie kannte Maires Nummer nicht. Die Auskunft? Gab es so etwas auf der Insel? Sie stellte sich ein Fräulein vom Amt vor, das irgendwo im Ort saß und die Gespräche der Einwohner belauschte. »Lasst mich mal schauen, ob wir hier Empfang haben, okay?«
»Na, dann mal viel Glück«, meinte Ella. »Wir sind am Arsch der Welt.«
»Ausdrucksweise«, ermahnte Nora sie über die Schulter gewandt und zog den Reißverschluss ihrer Jacke, die trotz gegenteiliger Behauptungen des Herstellers den Wind nur dürftig abhielt, bis zum Kinn hoch. Durch die dünnen Sohlen ihrer Turnschuhe spürte sie die spitzen Kiesel. Die Straßen in diesem Teil der Insel waren nicht gepflastert, sondern mit einer Mischung aus Muschelschalen und Steinen bedeckt.
Der Wind wehte stärker. Ihre Lippen schmeckten nach Salz, und ihre lockigen dunklen Haare wurden nach hinten geweht. Wenigstens musste sie sich hier keine Gedanken über ihr Aussehen machen. Sie waren hergekommen, um an einem Ort zu sein, an dem sie nicht Mrs. Malcolm Cunningham sein musste. Wo die einzigen Geräusche, die sie hörte, die Stimmen ihrer Kinder, die der sich am Strand brechenden Wellen und die ihrer eigenen Schritte auf der einsamen Straße waren.
Auf einem Felsvorsprung, ein Stück von den Bäumen weg, empfing sie ein schwaches Signal. Sie rief Malcolm an, um ihm zu sagen, dass sie gut angekommen waren. Das hatte sie versprochen. (Nun war sie entschlossener denn je, ihre Versprechen zu halten.) Sie hoffte, dass die Mailbox anspringen würde. Aber natürlich meldete er sich ausnahmsweise sofort.
»Wo bist du?«, fragte er.
»Das habe ich dir doch gesagt. Auf Burke’s Island.«
»Du hättest dir’s ja auch anders überlegen können.«
»Du hast nichts getan, um mich von meinem Plan abzubringen.«
Ungeduldiges Seufzen. »Wie lange wirst du bleiben?«
»Wie gesagt: den ganzen Sommer.«
»Aber die Mädchen …«
»Wenn du sie sehen möchtest, können wir etwas vereinbaren. Wie voll ist dein Terminkalender?«
Papierrascheln auf seinem Schreibtisch. Malcolm, ganz der tolle Anwalt, wieder einmal im Begriff, ihr auszuweichen. Der jüngste Generalstaatsanwalt in der Geschichte des Staates Massachusetts, zu Höherem bestimmt. Ein Mann des Volkes, einer von ihnen, geboren in South Boston; ihm war es gelungen, den amerikanischen Traum zu verwirklichen. »Ist gerade viel los«, erklärte er. »Ich ruf dich zurück.«
Das hatte sie fast erwartet. »Gut. Lass uns Schluss machen«, sagte sie und fluchte »Mistkerl«, als sie das Freizeichen hörte. Er hatte vor ihr aufgelegt, weil er ihre scharfe Zunge fürchtete. Den Kraftausdruck würde sie sich für ein andermal aufheben. Sie hatte noch mehr davon parat, ein ganzes Arsenal.
Nora fiel ein, dass sein Name genauso begann wie das französische Wort für »schlecht« ‒ Mal. Und dass es auch im Englischen Bestandteil einer langen Liste von Wörtern mit negativem Beigeschmack war: malfunction ‒ schlecht funktionieren, malfeasance ‒ Fehlverhalten, malignant ‒ bösartig, malicious ‒ boshaft. Früher hatte sie nur positive Adjektive mit ihm in Verbindung gebracht: magnificent ‒ großartig, mellifluous ‒ wohlklingend, magical ‒ magisch, merry ‒ fröhlich, mesmerizing ‒ faszinierend.
Doch diese Zeiten waren vorbei.
Die Nummern, die sie sonst wählte, um eine Auskunft zu erhalten, funktionierten hier nicht. Nora überlegte, was zu tun war. Vielleicht sollte sie sich erst einmal um eine Unterkunft im Ort kümmern.
Als sie von dem Felsvorsprung herunterkletterte, kam mit stotterndem Motor ein Wagen um die Kurve. Eine Frau mit kurzen, stacheligen Haaren kurbelte das Fenster ihres mit Rostflecken übersäten Volvo aus den sechziger Jahren herunter, der im Leerlauf ruckelte, als hätte er einen epileptischen Anfall. »Hallo, hallo. Ich bin Polly Clennon, euer persönliches Empfangskomitee. Ich habe euch zugewinkt, wie ihr vorhin durch den Ort gefahren seid, aber ihr habt mich nicht gesehen. Wahrscheinlich habt ihr im Moment andere Sorgen. Maire hat mir den Schlüssel gegeben. Sie ist heute im Norden der Insel. Hoffentlich wartet ihr noch nicht so lange.« Mrs. Clennon sprach in leicht singendem Tonfall wie alle Inselbewohner, deren irische Vorfahren die felsigen Gestade von Burke’s Island nach ihrer Flucht vor der großen Hungersnot in ihrer Heimat besiedelt hatten.
»Wir sind gerade erst angekommen«, sagte Nora und folgte dem ruckelnden Fahrzeug zum Cottage.
»Maire hätte den Schlüssel für euch unter den Fußabstreifer legen sollen«, erklärte Mrs. Clennon, während sie die Tür auf der Fahrerseite zuschlug. »Nicht dass wir hier absperren würden. Es hat nur so lange niemand mehr im Cottage gewohnt. In der Eile muss sie es vergessen haben.«
»Ist alles in Ordnung mit ihr?«
»Ja, schon. Sie ist als Hebamme der Insel viel unterwegs. Dir hat sie auch auf die Welt geholfen.«
Davon wusste Nora nichts. Ihr Vater hatte es ihr nicht erzählt.
»War ganz schön aufregend.« Mrs. Clennon plapperte weiter, bevor Nora Fragen stellen konnte. »Und jetzt ist unsere Nora eine erwachsene Frau. Wahrscheinlich erinnerst du dich nicht mehr an mich. Ich hab manchmal auf dich aufgepasst. Maeve war immer auf Achse, sie ist nie gern an einem Fleck gewesen. Du warst noch ein kleines Mädchen, wie ihr damals hier weg seid. Aber jetzt bist du wieder da. Keine Ahnung, warum Maire nicht früher gesagt hat, dass du kommst. Na ja, sie ist nicht sonderlich gesprächig, und ich rede meistens genug für uns beide.« Sie ließ sich tatsächlich kaum Zeit zum Luftholen. Als Auktionatorin hätte sie sich gut gemacht. »Tut mir leid, dass ich euch so lange in der Kälte habe warten lassen. Man unterschätzt die Entfernungen auf der Insel leicht. Die Straßen sind, gelinde gesagt, schmal und kurvig.«
»Kein Problem. Außerdem habe ich den Eindruck, dass es wärmer wird«, beruhigte Nora sie.
»Prima, das ist die richtige Einstellung. Leider können wir hier nicht gerade den Club Med bieten. Vermutlich bist du Besseres gewöhnt.«
Bankette und Cocktailpartys. Das kleine Schwarze und das Ballkleid. Klappernde Absätze auf hochglanzpolierten Böden, Gemurmel und Klatsch, klirrende Champagnergläser mit Lippenstiftspuren, leise in Hosentaschen klimpernde Münzen und Glücksarmbänder. Jene Tage erschienen ihr nun wie ein ferner Traum, als hätte jemand anders sie erlebt. Im Vergleich dazu war sie jetzt in der kühlen Luft, unter dem atemberaubend blauen Himmel, hellwach. »Ich bin dankbar für die Ruhe hier.«
Mrs. Clennon, der trotz ihres unablässigen Geplappers nur wenig entging, bedachte sie mit einem neugierig-mitfühlenden Blick. »Ja, kann ich mir vorstellen. Traurig, wenn ein Mann sich aus den falschen Gründen für John F. Kennedy hält.«
»Das hat sich schon bis hierher rumgesprochen? Wahrscheinlich sind die Schlagzeilen mit der wöchentlichen Fähre rübergekommen.« Portakinney war ein kleiner Ort und so ein Skandal ein gefundenes Fressen.
»Keine Sorge. Ich hab alle Zeitungen weggeworfen und den Leuten von der Insel erzählt, der Lieferwagen hätte eine Panne gehabt ‒ was stimmt, allerdings nicht so lange, wie sie dachten. Ich bin die hiesige Postmeisterin und kriege alles mit, was per Post reinkommt oder rausgeht. Um dich und Maire zu schützen, habe ich die Dinge in die Hand genommen.« Mrs. Clennon legte einen Finger an die Lippen. »Was da drüben passiert ist«, sagte sie und deutete in Richtung Festland, »bleibt unser Geheimnis.«
Obwohl Nora ihre Diskretion zu schätzen wusste, fragte sie sich, ob Geheimhaltung möglich war. Bestimmt hatten einige Bewohner der Insel Internetanschluss. »Du hast meine Mutter gekannt?«, fragte sie.
»Nicht gut«, antwortete Mrs. Clennon eine Spur zu hastig. »Ich war damals kaum ein Teenager, drei Jahre jünger als sie, und bin nicht mit ihr und ihren Freunden unterwegs gewesen, anders als meine Schwester, Gott hab sie selig. Die ist im April vor zwei Jahren gestorben. An Lungenkrebs.«
»Tut mir leid.« Nora berührte ihren Arm.
»Sie ist jetzt an einem besseren Ort.«
Ella und Annie tauchten zwischen den Felsen auf, wo sie Spion gespielt hatten. »Was für hübsche Mädchen. McGanns, das sieht man auf den ersten Blick.« Mrs. Clennon steckte den Schlüssel ins Schloss. »Ich habe Maire gesagt, sie soll das Schloss auswechseln lassen, aber sie mag die alten Schlüssel. Auf dem Weg hierher müsstet ihr an Maires Haus, Cliff House, vorbeigekommen sein. Das hat dein Urgroßvater gebaut, als die Familie sich hier eingelebt hatte. Anfangs haben sie in diesem Cottage gewohnt. Es gibt auch eine Fischerhütte ein Stück weiter die Landzunge rauf, noch hinter dem Haus von Maire.« Sie deutete nach Norden. »Betonung auf Hütte.« Sie mühte sich ab, die Tür zu öffnen. »Man braucht ja fast den Schlüsseldienst, um in dieses Cottage zu kommen.«
»Oder muss Fassadenkletterer sein«, meldete Annie sich zu Wort.
»Stimmt!«, meinte Mrs. Clennon lachend. »Geschafft.«
Beim Eintreten musste Nora niesen, als der Geruch von Staub ihr in die Nase stieg, obwohl das Cottage offenbar erst kurz zuvor geputzt worden war. Das weiß gestrichene Innere war schlicht und hell, der Blick durch das große Panoramafenster im Hauptraum grandios. Nora erinnerte sich, wie sie als kleines Mädchen, die Arme auf dem Fensterbrett, an stürmischen Nachmittagen hier gestanden und den Wellen zugesehen, wie sie die Fensterscheibe angehaucht und mit den Fingerspitzen Muster darauf gezeichnet hatte.
Mrs. Clennon eilte geschäftig herum, öffnete Vorhänge, drehte Wasserhähne auf, schaute in den Kamin. »Die ersten Bewohner seit fünfunddreißig Jahren, und dann gleich Familie. Was für eine Freude. Maire hat, glaube ich, vor Kurzem den Kaminkehrer kommen lassen. Wir wollen ja nicht, dass du beim Feuermachen gleich das Cottage niederbrennst, oder?«
»Es gibt keinen Fernseher«, stellte Ella enttäuscht fest.
»Maire hat einen«, erklärte Mrs. Clennon. »Ihr könnt zu ihr gehen. Leider ohne Kabelanschluss. Ich schau mir gern die Wiederholungen von Sex and the City am Sonntagabend an und hab meinen Mann dazu gebracht, eine Satellitenschüssel zu besorgen, damit er seinen Fußball gucken kann und ich meine Schmonzetten.«
»Was sollen wir ohne Fernseher machen?«, zischte Ella, als Mrs. Clennon außer Hörweite war.
»Eure Fantasie benutzen«, antwortete Nora.
»Sie hat keine Fantasie«, sagte Annie. »Sondern gesunden Menschenverstand. Behauptet sie jedenfalls.«
»Dann sollte sie sich welche zulegen«, meinte Nora.
Mrs. Clennon überprüfte die Lichtschalter. »Scheint alles zu funktionieren, Gott sei Dank, aber wollen wir’s mal nicht verschreien. Ein paar neue Glühbirnen könnten nicht schaden. Und die Stromversorgung ist nicht sonderlich zuverlässig. Eine der Schattenseiten des Insellebens.«
Nora ließ die Finger über den Türrahmen der Küche gleiten, auf dem die Tintenstriche, die Maeve angebracht hatte, um Noras Größe zu messen, noch deutlich zu sehen waren.
»Warst du wirklich mal so klein?«, fragte Annie und las die Daten und Zahlen vor.
»Ja«, antwortete Nora. »Kaum zu glauben, was?« Bei ihrem letzten Aufenthalt im Cottage hatte sie das Leben noch aus der Kinderperspektive betrachtet. Im Erwachsenenalter erschien ihr alles bescheidener, kleiner, gleichzeitig vertraut und fremd.
»Immerhin sind keine Rohre geplatzt«, stellte Mrs. Clennon fest. »Nach einem langen Winter kann man das nie wissen. Manchmal wird’s erst im Mai wieder warm. Maire hat Mausefallen aufgestellt ‒ außerdem werden Flotsam und Jetsam ihre Runden drehen.«
Nora sah sie fragend an.
»Die Katzen. Sie sind halb wild. Wenn du sie mit Fisch köderst, sind sie bereit, die örtliche Nagerpopulation in Schach zu halten. Verwöhn sie nicht zu sehr, sonst nutzen sie’s aus. Sind schlaue Viecher. Hier ist Treibholz für den Kamin. In der Nacht kann es ziemlich kühl werden, sogar im Sommer.« Sie breitete Decken und Bettzeug auf die nackten Matratzen, bevor sie sich auf den Weg ins Wohnzimmer machte, um den Kamin anzuschüren.
Es gab zwei Schlafzimmer. Noras altes Zimmer, das die Mädchen sich teilen würden, ging auf eine Wiese und ein Wäldchen mit Fichten und Tannen, über deren Wipfeln das Dach von Maires Haus zu erkennen war. Auf dem Bett saß wie früher ein Teddybär. »Das ist Siggy«, stellte Nora ihn Annie vor, erstaunt darüber, wie schnell ihr der Name wieder einfiel. »Er freut sich sicher, dich zu sehen.« Wahrscheinlich war er aus der Tasche gefallen, die ihr Vater am Tag ihrer Abreise so hastig gepackt hatte. Sie hatte ihn verloren geglaubt und von ihrem Vater in Boston einen anderen bekommen, aber der war einfach nicht Siggy gewesen. Noch Monate später hatte sie um Siggy getrauert.
»Schaut mal.« Annie nahm, Siggy auf dem Arm, ein Buch vom Nachtkästchen. »Ein Märchenbuch.«
Irische Märchen. »Daraus hat eure Großmutter mir immer vor dem Einschlafen vorgelesen«, erzählte Nora, die der Anblick des verblichenen roten Einbands nach all den Jahren verblüffte. Sie hatte Patrick damals erfolglos angefleht, das Buch nach Boston mitnehmen zu dürfen.
»Liest du uns später vor? Wie damals deine Mutter, als du ein kleines Mädchen warst?«, fragte Annie.
Nora nickte. »Vielleicht morgen. Es war ein langer Tag, und wir müssen uns erst mal eingewöhnen.« Die Lebensmittel wollten verstaut, die Kleider ausgepackt und ein Platz für die Christophorus-Medaillen gefunden werden, die in jeder der Reisetaschen steckten, eine Tradition, die auf ihre Großmutter mütterlicherseits zurückging und eine sichere Reise garantieren sollte. Dazu Bücher (die Brontes, Wilkie Collins, Jonathan Strange and Mr. Norrell), Spiele (Go, Backgammon, Scrabble, Jenga), Sonnenmilch, Mückenschutz, Desinfektionsmittel, Schwimmnudeln und Schnorchelmasken. Der hintere Teil des Geländewagens war so vollgestopft gewesen, dass Nora kaum zum Rückfenster hatte hinausschauen können. Sie hatte versucht, nichts zu vergessen, weil sie nicht wusste, wie gut die Läden im Ort sortiert waren.
Nora wählte für sich das Zimmer ihrer Eltern mit der vergilbten Spitzentagesdecke und dem Fenster, das aufs Meer hinausging. (»Wenn du die Decke in Essig einweichst, wird sie wieder wie neu«, empfahl Mrs. Clennon.) Der beschlagene Spiegel des Frisiertischs, vor dem ihre Mutter sich abends immer die Haare gebürstet hatte, während Nora zusah, bis Maeve sie mit einem Märchen und einem Kuss auf die Wange ins Bett brachte, stand auch immer noch an Ort und Stelle. Träum was Schönes. Die Zimmer erschienen ihr kleiner, als sie sie in Erinnerung hatte, kleiner, schäbiger ‒ und einsamer.
Sie wandte sich dem großen Raum mit der durchgesessenen Couch und dem abgewetzten Chenillesessel zu, dann der Küche (»Ich glaube, der Herd hat seine Launen«, warnte Mrs. C. sie. »Hau ruhig drauf, wenn er nicht funktioniert.«) und dem Bad mit den gesprungenen Fliesen. In der Porzellanwanne zeichnete sich ein rostroter Streifen ab, die Spur eines tropfenden Wasserhahns.
Anschließend gingen sie hinaus auf die Terrasse, wo zu beiden Seiten von der Sonne ausgebleichte Stühle standen, die Armlehnen nach außen verdreht, Dellen in den kaputten Sitzkissen, als wäre gerade jemand davon aufgestanden. »Maire wollte neue besorgen. Scanlon’s könnte was Passendes haben. Oder näh selber welche, wenn du Lust hast. Deine Mutter Maeve hatte eine künstlerische Ader.«
Nora nickte. Die sich ständig verändernde Palette aus Blau-, Grün-, Grau- und Bernsteintönen inspirierte sie tatsächlich.
In welcher Hinsicht ähnelte sie noch ihrer Mutter? Die Wellen schlugen gegen das Ufer, stießen salzige Seufzer aus, leckten nach ihr, als wollten sie sagen: Endlich bist du da, du bist zu Hause. Komm näher …
»Alles in Ordnung?«, fragte Mrs. C. »Du siehst blass aus.«
»Ich bin ein bisschen müde«, gestand Nora.
»Ist es so, wie du es in Erinnerung hast? Das Cottage und alles?«
»Ich war damals noch so jung.« Nora strich über das Fensterbrett. Obwohl es real war, erschien es ihr wie ein Trugbild, das jeden Augenblick verschwinden konnte.
»Stimmt«, pflichtete Mrs. Clennon ihr bei.
Annie stieß einen Begeisterungsschrei aus über den lilaorangefarbenen Seestern, der an den bei Ebbe freiliegenden Felsen hing. Sie kletterte über die Landspitze, Ella hinter ihr her.
»Seid vorsichtig!«, rief Nora ihnen nach. »Die Wellen haben mehr Kraft, als ihr denkt.«
»Schau, Mama«, rief Annie aus. »Ein Seehund!«
Und tatsächlich: Aus den Strudeln, die sich aufs Ufer zubewegten, lugte ein glänzender Kopf. Das Tier sah Nora direkt an, die dunklen Augen groß und merkwürdig menschlich, bevor das Lachen der Kinder es ablenkte.
»Jeder Seehund hat seinen Hafen«, erklärte Mrs. Clennon. »Die örtliche Kolonie lebt auf Little Burke.« Sie deutete auf die verschwommene Silhouette einer Insel in der Ferne. »Vielleicht rudert ihr mal rüber, wenn Wetter und Gezeiten es zulassen. Die Strömung ist allerdings nicht ungefährlich.« Der Wind zerrte ihr fast das Tuch vom Hals. »Maire müsste morgen wieder zurück sein. Ruft mich ruhig an, wenn ihr was braucht.« Sie reichte Nora einen Zettel mit ihrer Telefonnummer. »Man kann hier selber entscheiden, ob man sich die Zivilisation vom Hals hält.«
Am Abend, als die Mädchen vor dem Kamin spielten, ging Nora zum Strand hinunter. Es war nach Sonnenuntergang, der Tag verblich in der Kühle der Dämmerung. Malcolm hielt sich irgendwo auf der anderen Seite dieses Gewässers auf, weit im Süden, außer Sichtweite, aber nicht aus dem Sinn. Ein spiralförmiges, knochenweißes Muschelstück zu ihren Füßen war so gespalten, dass Nora das Innenleben erkennen konnte. Sie ließ die Finger über den vom Wasser glatt geschliffenen Rand gleiten.
Die unebene Oberfläche der Felsen machte es schwierig, mit den Füßen Halt zu finden; ein kleiner Krebs hier, ein schiefer Stein da, eine glitschige Stelle mit Seetang und Seegras, große Stücke Treibholz, die ein Sturm ans Ufer getrieben hatte. Die Wellen zogen sich in einlullendem Rhythmus vom Ufer zurück und nahmen Kiesel und Muschelteile mit sich. Nora war es, als würden sie und die Mädchen sich schon seit Wochen auf der Insel befinden, nicht erst seit Stunden. Ihr Leben in Boston, ihr Leben mit Malcolm, rückte mit dem sich zurückziehenden Wasser in immer weitere Ferne. Doch die Probleme waren während der Fahrt nur verborgen gewesen; sie wehrten sich dagegen, zurückgelassen zu werden. Nora versuchte seufzend, einen klaren Kopf zu bekommen, ohne Erfolg.
Die Stimmen der Mädchen klangen zwischen den Klippen hindurch durchs offene Fenster heraus. Bei Windstille waren Geräusche gut zu hören. »Du hast geschwindelt!«, rief Annie.
Nora presste die Fingerspitzen an ihre Schläfen.
Du hast geschwindelt.
Sie holte im Rhythmus der Wellen, die immer näher heranrollten, Luft. Tränen liefen ihre Wangen hinunter und tropften ins Meer, klein und unerheblich im Ozean, und doch Teil davon.
Als Maire am folgenden Morgen am Cottage vorbeifuhr, fiel ihr Blick auf den Geländewagen mit dem Kennzeichen von Massachusetts. Zuerst meinte sie, ihre Augen spielten ihr einen Streich. Es war früh am Tag, vor Sonnenaufgang, eine Zeit voller Schatten und sich wandelnder Formen. Wegen der Geburt von Sheila O’Briens erstem Kind war sie die ganze Nacht über auf den Beinen gewesen. Vierundzwanzig Stunden Wehen, anstrengend für alle Beteiligten, doch der Junge, Bevan, war gesund und munter, knapp sieben Pfund schwer, mit einer kräftigen Lunge gesegnet. Allmählich fühlte Maire sich zu alt für solche anstrengenden Unternehmungen ‒ sie wurde im Frühjahr sechzig ‒, aber an Ruhestand konnte sie noch nicht denken. Die Bewohner der Insel brauchten sie, und sie brauchte die Arbeit.
Obwohl man auf Burke’s Island nicht gerade von einem Babyboom sprechen konnte, hielten die Geburten sie auf Trab, nicht nur die Entbindungen, sondern auch die Vorbereitung darauf. Die meisten Frauen der Insel entschieden sich für eine Hausgeburt, weil es ziemlich große Umstände bereitet hätte, ins Krankenhaus auf dem Festland zu fahren. Sie wandten sich an Maire wie früher an ihre Mutter, Großmutter, Urgroßmutter und all die Frauen in Cliff House, die neuem Leben in die Welt halfen. Jetzt, da Joe und Jamie weg waren, wohnte Maire allein auf der Landspitze. Sie wusste nicht, ob sie sich je daran gewöhnen würde, an dieses Nachleben ohne ihre Männer mit den endlosen Stunden der Stille. Sie war eine gute Ehefrau und Mutter gewesen, und jetzt würde sie, wenn man sie ließ, auch eine gute Tante sein.
Ihr Herz schlug schneller beim Anblick des Geländewagens: Ihre Nichte Nora hatte ihren Brief erhalten und war auf die Insel zurückgekehrt. Polly hatte Patricks Todesanzeige in einer Bostoner Zeitung entdeckt, worauf Maire beschloss, noch einmal an Nora zu schreiben. Frühere Versuche, Kontakt mit ihr aufzunehmen, waren durch die Hände von Patrick gegangen und hatten die eigentliche Empfängerin vermutlich nie erreicht. Karten zum Geburtstag, zum Saint Patrick’s Day und zu Weihnachten mit ein paar Geldscheinen darin. Was er wohl damit gemacht hatte? Sie war ihm nicht böse, weil sie wusste, dass sie unliebsame Erinnerungen weckte. Ihr ging es um Nora. Ihr war es immer schon um Nora gegangen. Nora, die es verdient hatte, die Wahrheit zu erfahren.
So früh am Tag brannte im Cottage noch kein Licht; das würde erst später angehen und hoffentlich auch in den folgenden Tagen. Das Häuschen hatte zu lange leer gestanden.
Ihre Urgroßeltern hatten zur ersten Welle von Einwanderern gehört, die nach einem kurzen Aufenthalt in den Steinbrüchen von Massachusetts auf Burke’s Island Wurzeln schlugen. Sie hatten, abgesehen von den wenigen Habseligkeiten, die sie tragen konnten, und den Geschichten und Mythen jenes Teils von Donegal, aus dem sie stammten, nur wenig auf die Seelenverkäufer mitgenommen. Das tiefe Wissen nannten sie das. Das Träumen. Sie hatten das Cottage im Stil der Katen in der Heimat errichtet, aus gehauenem Granit. Knochenarbeit, aber das Cottage gehörte ihnen. Ihr erstes echtes Grundeigentum. Das Cottage hatte sie beherbergt, bis sie Jahre später genug Mittel besaßen, Cliff House zu bauen, und das Cottage war der Maßstab geblieben. Die bescheidene Behausung hatte allen Stürmen getrotzt. Ein keltischer Seedrache, ins Holz über der Tür geschnitzt, zeugte von Kraft und Durchhaltevermögen der Bewohner.
Jetzt war das Dach mit Kieseln, nicht mehr mit Torf gedeckt und der Drache so verwittert, dass man ihn kaum noch erkennen konnte. Man musste schon wissen, dass er sich dort befand. Nachdem Maeve und Patrick in das Cottage gezogen waren, hatte er das Innere auf Vordermann gebracht, die Schränke und anderen Holzmöbel selbst geschreinert. Er war der ruhige Gegenpol zu Maires impulsiver Schwester gewesen. Maire, zwei Jahre jünger als Maeve und damals ohne Partner, hatte sie regelmäßig mit Körben voller Gemüse und Obst aus dem Garten von Cliff House besucht. Sie erinnerte sich an Patricks kräftige, aber auch sensible und schlanke Finger, die bedächtig und sicher schmirgelten und glätteten, Kanten und Ecken miteinander verbanden und die Maserung polierten, bis sie glänzte.
An jenem Morgen regte sich nichts im Cottage. Nora schlief wohl noch, die Vorhänge waren zugezogen; nur die Lerchen flatterten schon auf der Suche nach Futter über die frühmorgendlichen Wiesen. Maire hatte in der Zeitung ein Bild ihrer Nichte gesehen. (Polly hatte ihr das Blatt gezeigt und versprochen, Stillschweigen darüber zu bewahren. Trotz ihrer Klatschsucht konnte man sich auf sie verlassen.) Auf dem Foto verbarg Nora ihr Gesicht halb vor den Kameras. Offenbar hatte die Affäre schon, Monate bevor alles ans Licht gekommen war, begonnen. Wie lange hatte Nora von der Sache gewusst, die eigentlich geheim hätte bleiben sollen, jedoch publik geworden war wegen der gesellschaftlichen Position ihres Mannes als neuer Stern am Himmel der Partei? Maire fiel es schwer, sich vorzustellen, was Nora durchgemacht hatte ‒ und wahrscheinlich immer noch durchlitt. Ob Malcolm mitgekommen war? Und die Kinder. Sie nahm an, dass Kinder existierten; sicher wusste sie es nicht. Die Artikel hatten keine erwähnt und sich ausschließlich auf Nora, Malcolm und die andere Frau bezogen.
Maire hatte vorgehabt, sich nach der schwierigen Geburt ein paar Stunden auszuruhen, doch die Aufregung über Noras Ankunft machte Schlaf unmöglich. Sie fuhr nach Hause; die Reifen ihres Trucks wirbelten Muschelstücke von der Straße auf. Als Erstes würde sie Rhabarbermuffins backen und sie ihrer Nichte in einem Korb mit einem Glas Inselhonig von den Bienenstöcken im Obstgarten auf die Veranda stellen. Die Rhabarberpflanzen wuchsen auf der südlichen Seite des Hauses, am Steinfundament, hinter dem großen Garten. Maire wählte die schönsten Stängel aus, nahm nur die, die sich leicht herausziehen ließen, drehte die Blätter mit einer kräftigen Drehung des Handgelenks ab und warf sie auf den Komposthaufen. Außer Rhabarber brauchte sie noch braunen Zucker, Öl, Mehl, Eier, Buttermilch, Backpulver ‒ und fertig. Wenn nur alles so einfach gewesen wäre.
Als sie die Küchentür öffnete, hörte sie vom Pier ein Platschen. Wahrscheinlich ein Seehund. Sie hätte schwören mögen, dass sie etwas Silbernes gesehen hatte. So lange sie sich erinnern konnte, hatte es keine silberfarbenen Seehunde mehr in den Gewässern rund um die Insel gegeben, obwohl die Leute noch voller Ehrfurcht von ihnen sprachen. Aber es war fast Mittsommer, und zur Sommersonnenwende war in dieser Gegend alles möglich.
Mittsommer, die Zeit, in der ihre Schwester verschwunden war.
Nora sah aus wie sie. Wie Maeve. Mit ein bisschen weniger Flirtpotenzial, von dem Maeve auch nach ihrer Heirat noch mehr als genug besessen hatte. Das war ein wesentlicher Teil ihres Charakters gewesen, dieses unbezähmbaren Geistes. Sie konnte gar nicht anders, als jeden Mann in ihren Bann zu schlagen. Sie verhexe die Männer, behaupteten die Frauen im Ort, die gern ihr Geheimnis ergründet hätten.
