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Beschreibung

Gruseliger geht's gar nicht Lange moderte sie ziemlich ausgetrocknet vor sich hin; doch in letzter Zeit scheint sie von den Toten zu erwachen: Die Schauergeschichte. Die Zeiten sind eben hart, da lässt man sich gerne durch ein bisschen wohligen Grusel ablenken. Wobei in diesem Band weniger Gespenster mit rostigen Ketten durch staubige Verliese rasseln, Horror sieht heute anders aus, gegenwärtiger, eigensinniger, nicht selten auch komischer - und vielleicht erzählen uns die Geschichten mehr über unser eigenes Leben, als uns lieb ist. In diesem Band haben sich literarische Autoren und Humoristen von Rang versammelt, um die Leserin, den Leser für eine kurze Zeit aufs Angenehmste das Fürchten zu lehren. Neue Horrorgeschichten von Heinz Strunk, Till Raether, Kirsten Fuchs, Jenni Zylka, Tex Rubinowitz, Frank Schulz, Ralf König, Georg Klein, Anselm Neft, Sven Stricker, Dirk Stermann, Thomas Gsella und Doris Knecht.

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Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Heinz Strunk, Ralf König, Doris Knecht u.a.

Das ist ja wohl der Horror!

Angst- und Bangegeschichten

 

Marcus Gärtner (Hg.)

 

 

Über dieses Buch

Gruseliger geht’s gar nicht.

 

Lange moderte sie ziemlich ausgetrocknet vor sich hin, doch in letzter Zeit scheint sie von den Toten zu erwachen: die Schauergeschichte. Die Zeiten sind eben hart, da lässt man sich gerne durch ein bisschen wohligen Grusel ablenken. Wobei in diesem Band weniger Gespenster mit rostigen Ketten durch staubige Verliese rasseln, Horror sieht heute anders aus, gegenwärtiger, eigensinniger, nicht selten auch komischer – und vielleicht erzählen uns die Geschichten mehr über unser eigenes Leben, als uns lieb ist. In diesem Band haben sich literarische Autoren und Humoristen von Rang versammelt, um die Leserin, den Leser für eine kurze Zeit aufs angenehmste das Fürchten zu lehren.

 

Neue Horrorgeschichten von Heinz Strunk, Till Raether, Kirsten Fuchs, Jenni Zylka, Tex Rubinowitz, Frank Schulz, Ralf König, Georg Klein, Anselm Neft, Sven Stricker, Dirk Stermann, Thomas Gsella und Doris Knecht.

Vita

Heinz Strunk ist Schriftsteller, Musiker und Schauspieler. Seit seinem ersten Roman «Fleisch ist mein Gemüse» hat er sieben weitere Bücher veröffentlicht. «Der goldene Handschuh» war für den Leipziger Buchpreis nominiert. 2016 wurde der Autor mit dem Wilhelm-Raabe-Preis geehrt.

 

Ralf König begann nach seinem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf ab 1980 Comics für diverse Schwulenmagazine zu zeichnen. Der Durchbruch kam 1987 mit «Der bewegte Mann», der als Comic wie als Film ein riesiges Publikum eroberte. Seine Comics sind in 18 Sprachen übersetzt. 2014 erhielt er nach vielen anderen Auszeichnungen den Max-und-Moritz-Preis für sein Lebenswerk.

 

Doris Knecht ist Kolumnistin (Kurier, Falter) und Schriftstellerin. Ihr erster Roman, «Gruber geht», war für den Deutschen Buchpreis nominiert und wurde verfilmt. Für «Besser» erhielt sie den Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag. Zuletzt erschien «Wald». Doris Knecht lebt in Wien und im Waldviertel.

 

Kirsten Fuchs gewann 2003 den renommierten Literaturwettbewerb Open Mike, seither hat sie einen festen Platz in der jüngeren deutschen Literatur. 2005 erschien ihr vielgelobter Debütroman «Die Titanic und Herr Berg», 2008 der Roman «Heile, heile». «Mädchenmeute» wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 ausgezeichnet.

 

Thomas Gsella war von 2005 bis 2008 Chefredakteur der Titanic. Er schreibt Prosa und Lyrik für Rundfunk und Fernsehen, FAZ, Die Zeit, taz u.a. 2011 wurden seine Gedichte mit dem Robert-Gernhardt-Preis ausgezeichnet. «Neue Köpfe für Mama und Papa» ist bereits erschienen in Thomas Gsella, Gsellammelte Prosa I: Blau unter Schwarzen, Köln 2010. Die Geschichte wurde für diese Ausgabe überarbeitet.

 

Georg Klein veröffentlichte unter anderem die Romane «Libidissi», «Barbar Rosa» und «Sünde Güte Blitz» sowie die Erzählungsbände «Anrufung des Blinden Fisches» und «Von den Deutschen». Für seine Prosa wurden ihm der Brüder-Grimm-Preis und der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen; für den 2010 erschienenen «Roman unserer Kindheit» erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse.

 

Anselm Neft studierte vergleichende Religionswissenschaften, schrieb seine Abschlussarbeit über zeitgenössischen Satanismus und wurde dann Autor, bei der Lesebühne «Liebe für alle» und mit zahlreichen Romanen, zuletzt «Vom Licht».

 

Till Raether arbeitet als freier Journalist in Hamburg, unter anderem für Brigitte, Brigitte Woman und das SZ-Magazin. Er besuchte die Deutsche Journalistenschule in München, studierte in Berlin und New Orleans und war stellvertretender Chefredakteur von Brigitte. Till Raether ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sein Kriminalroman «Treibland» wurde für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert.

 

Tex Rubinowitz lebt seit 1984 als Witzezeichner, Maler, Musiker und Schriftsteller in Wien. 2014 erhielt er den Ingeborg-Bachmann-Preis. Sein Text in diesem Buch basiert auf einer Erzählung von Tobias Bach.

 

Frank Schulz lebt als freier Schriftsteller in Hamburg. Für die Romane seiner sogenannten Hagener Trilogie – «Kolks blonde Bräute», «Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien» und «Das Ouzo-Orakel» – wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Hubert-Fichte-Preis (2004) und dem Kranichsteiner Literaturpreis (2012).

 

Dirk Stermann lebt als gebürtiger Duisburger seit 1987 in Wien. Er zählt zu den populärsten Kabarettisten und Radiomoderatoren Österreichs und ist auch in Deutschland durch Fernseh- und Radioshows sowie durch Bühnenauftritte und Kinofilme weit bekannt.

 

Sven Stricker wuchs in Mülheim an der Ruhr auf. Seit 2001 arbeitet er als freier Wortregisseur, Bearbeiter und Buchautor und gewann mehrmals den Deutschen Hörbuchpreis. Er lebt in Potsdam und hat eine Tochter.

 

Jenni Zylka ist Buchautorin und freie Journalistin (u.a. für taz, Tagesspiegel, rbb, Spiegel Online, WDR, Rolling Stone), Drehbuchautorin und Moderatorin. Bei Rowohlt erschien 2003 ihr Roman «1000 neue Dinge, die man bei Schwerelosigkeit tun kann» und 2004 der Roman «Beat, Baby, Beat».

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, November 2017

Copyright © 2017 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Die Geschichte «Neue Köpfe für Mama und Papa» ist bereits erschienen in Thomas Gsella, Gsellammelte Prosa I: Blau unter Schwarzen, Köln 2010. Sie wurde für diese Ausgabe überarbeitet.

Umschlaggestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt

Umschlagillustration Rudi Hurzlmeier

ISBN 978-3-644-40246-1

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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Heinz StrunkSchwarzes Loch

An einem späten Januarnachmittag hält sein Taxi vor dem Hilton Düsseldorf. Eiskalt ist es, kahl, winterstarr. Der zwölfstöckige, 1957 erbaute Hotelklotz ragt bedrohlich vor ihm in die Höhe. 375 Zimmer, zentrale Lage, Ballsaal bis zu 1300 Personen, sogar Autos können hier präsentiert werden.

Die Agentur hat ihm ein Doppelzimmer gebucht. Hm, leider gibt es kein großes, durchgehendes Bett, nur zwei Neunzig-Zentimeter-Einzelbetten, dafür in einem besonders ruhigen, abgelegenen Flügel des Hotels. Badewanne wenigstens? Ja. Na dann. Abgelegen ist ihm nur zu recht, anonym und abgelegen, das mag er, Familienhotels sind ihm ein Gräuel, er bevorzugt Ketten. Nummer 1240, zwölfter Stock, links, ganz hinten. Frühstück von 6 Uhr 30 bis … laber, laber, denkt er und schaltet auf Durchzug, wünscht sich weg, wünscht, es wäre schon morgen; geht ihm öfter so, beim Einchecken ist er eigentlich schon wieder weg. Dies ist ein verlassener Ort, seine Trostlosigkeit ist absolut, denkt er auf dem Weg zum Fahrstuhl.

Abgelegener Flügel ist noch untertrieben. Leer, unbewohnt, tot, kein Mensch auf den langen Fluren, weder Gäste noch Personal, keine Tabletts mit schmutzigem Geschirr vor den Türen, keine «Bitte nicht stören»- oder sonstigen Aushänge an den Zimmern, die niedrigen Decken, der schwere Teppichboden schlucken jeden Schall.

Sein Zimmer ist klein, düster, dunkel, deprimierend. Es riecht nach altem Staubsauger und verrottetem Ei, als hätte jemand seine Rühreier in den Teppichboden getreten, zermatscht, zermanscht, dieser charakteristische Geruch, von dem häufig die Foyers billiger Hotels durchdrungen sind, geht hier im Leben nicht mehr raus. Das ist doch keine First Class! Bei Luxus-Hotels muss ein Doppelzimmer mindestens 22 Quadratmeter groß sein; dieses hier hat höchstens 15 oder 16. Letzte Renovierung 2005? Glatte Lüge. Lächerlich. Frühe-achtziger-Jahre-Standard. Seiner Einschätzung nach ist das GANZE drei, dreieinhalb Sterne wert, mit Augenzudrücken vier. Ähnlich dem Maritim Grand Hotel in Hannover, kurz bevor der Betrieb eingestellt wurde und sie in dem maroden Kasten Flüchtlinge unterbrachten, kann er sich noch gut dran erinnern. Morbide, abgeranzt, schäbig, trotzdem war noch die Grandezza vergangener Tage spürbar, hatte was. Im Unterschied hierzu.

W-Lan funktioniert nicht, Netz gibt’s auch keins. Was für eine verdammte Gruft ist denn das, ist das ein ehemaliger, zum Hotel umgebauter Weltkriegsbunker?

 

Um 19 Uhr ist sein Termin. Bevor er geht, beschwert er sich noch an der Rezeption, bei einem dumpfen, teigigen Mann mit Kugelbauch und blutig rasiertem Gesicht. HERR SCHNEIDER steht auf seinem Namensschild. Er hat bislang nur schlechte Erfahrungen gemacht mit Leuten, die Schneider heißen. Schmidt, Schulz, Schneider, irgendwas stimmt generell nicht mit Es-ce-ha-lern.

Kann der sich nicht vernünftig rasieren? Wie können die so einen am Empfang beschäftigen? Der gehört in Küche, Keller, Maschinenraum, Tiefgarage, weggeschlossen gehört das arme Schneiderlein, abgeschirmt von jeder Öffentlichkeit.

Herr Schneider zuckt nur mit den Schultern, derartige Klagen muss er sich mehrmals täglich anhören. Leider sei in diesem, seinem Teil des Hotels der Empfang tatsächlich schlecht. Aha. Ja, da könne man nichts machen. Soso, nichts machen. Man könnte schon, will aber nicht! Wirbittendieunannehmlichkeitenzuentschuldigendürfenwirsiealskleineentschädigung … STANDARDGESCHWAFEL. Presst seinen auswendig gelernten Text heraus, stumpf, einfach nur stumpf. Aber der Lobbyknecht kann einem ja auch leidtun, dieses durch und durch arme Schwein in der Idiotenuniform: schwarzes Hemd, hellgrüne Weste, hellgrüne Krawatte. Er überlegt, woher er diese Kombi kennt. Hotel Lindner in Dresden! Da saß ein einziger schwarz-grüner Laubfrosch vor dem in die Jahre gekommenen PC, während ein Dutzend Leute gleichzeitig einchecken wollten. Anstatt Verstärkung anzufordern, schob der Dienst nach Vorschrift. Solche Minderleister sind einfach nicht in der Lage, eine Situation einzuschätzen und gegebenenfalls selbständig Entscheidungen zu treffen. Und die Gäste? Stehen treu und brav an, lassen sich alles gefallen, nehmen ihr Los hin wie Schlachtvieh. Wieder mal musste ER auf den Putz hauen, sich unbeliebt machen.

Schneider, der Blutige, bietet ihm an, in eines der unteren Stockwerke umzuziehen, er könne dort allerdings lediglich ein Einzelzimmer bekommen. EINZELZIMMER?! Gott bewahre, das ist bestimmt noch kleiner, und überhaupt, umziehen, keine Zeit, keine Kraft, eine Nacht muss er dann eben durchstehen. Gleich morgen wird er seiner Agentur Bescheid geben, nie wieder dieses Drecks-Hilton, sollen die sich eintragen, vermerken, vormerken!

 

Er ist bereits um 22 Uhr 30 zurück, viel früher als erwartet. Normalerweise ist er froh, endlich wieder im Hotel zu sein, aber heute? Sich zu anderen Geschäftsleuten oder Leuten oder Gästen auf einen Absacker (wie er das Wort hasst) in die Bar zu setzen, kommt nicht in Frage. Trinkt man zu viele Absacker, läuft man Gefahr, selber noch mehr abzusacken. Mit den armen Schweinen da rumhängen färbt ab. Wie die schon auf ihren Hockern kauern, mit leeren, vom langen Tag erschöpften Gesichtern. Ohne erfolgreiche Abschlüsse, ohne irgendwas. Lautlose Trinker, die in Erdnuss- oder sonst welchen Schälchen grabbeln und hoffen, dass sich noch eine nichthässliche Frau hierher verirrt, heute, zufällig heute, nur heute zufällig, wo es doch so dringend nötig wäre. Wirklich. Bitte.

Also ab nach oben in den Zwölften, jenseits und oberhalb von gut und böse. Vor ein Uhr wird es erfahrungsgemäß nichts mit Heia; bedeutet Alkohol und Fernsehen, bis der Schlaf ihn erlöst. «Einsam in traumöden Wüsten, sturmgepeitscht weht mein Schatten über endlose Flächen hin und her wie ein Mann am Galgen», fällt ihm ein. Warum? Wieso? Woher ist das, woher hat er das? Egal. Flasche Wein auf und Zähne putzen. Ein gutes Gefühl, vor dem Trinken noch die Zähne zu putzen.

Wo ist denn eigentlich seine elektrische Zahnbürste? Er hätte schwören können, dass er die auf die Ladestation gesteckt hat, wie er es routinemäßig immer macht. Tja, heute anscheinend nicht. Aber wo ist die? Den Schlafanzug kann er auch nicht finden. Jetzt noch suchen? Irgendwo werden die schon sein, werden schon wieder auftauchen, die Teile. Er setzt sich mit ungeputzten Zähnen und in Unterwäsche auf den einzigen Stuhl. Bevor er ins Bett geht, muss er erst noch ein kleines Weilchen sitzen, Stuhl, Sessel, Sofa, egal. Marotte, erst sitzen, dann liegen, einmal angewöhnt, lässt sich das nur schwer wieder abstellen.

Er starrt in den winzigen Röhrenfernseher. Röhrenfernseher! Muss man sich mal vorstellen, ein grotesk schweres, schwarzes, bauchiges Ding aus Plastik, fehlt nur noch, dass da Drähte rausgucken und Qualm aufsteigt. Polittalk, er hört nicht zu, Geräusche und Flimmern, darum geht es.

Heiß, ist das heiß hier. Die Fenster lassen sich nicht öffnen, und durch die Steuerung der Klimaanlage steigt wieder mal kein Mensch durch, klein und weiß und vergammelt, mit schwergängigen, vertalgten Reglern. Rott, alles Rott und Schutt. Er setzt sich auf den einzigen Stuhl und schaut in die Röhre, im wahrsten Sinne des Wortes. Plötzlich wallt der Gedanke an Sex auf, eine schnelle Abfolge expliziter Bildsequenzen schießt ihm durch den Kopf. Auch das noch, lästig, nur mehr lästig.

Er dreht den Fernseher so, dass er im Bett weitersehen kann, dann legt er sich hin. Aus den Augenwinkeln registriert er, wie unter der Tür ein Lichtspalt kurz aufglüht und gleich wieder erlischt. Jetzt bin ich ganz allein, denkt er. Ich muss die Nacht irgendwie überstehen, nur darum geht es. Ja, nur darum noch, das ist mit einem Mal klar. Ein Höllenort, denkt er, luft- und schalldicht, ohne Verbindung zur Außenwelt. Der Polittalk ist zu Ende – trinken, zappen, trinken, zappen, bis die Erschöpfung über ihn sinkt wie ein großer Stein und ihm gegen 1 Uhr 30 endlich die Augen zufallen.

 

Zwei Stunden später wacht er auf, der verdammte Fernseher läuft und rauscht und flimmert und flackert. Griff nach der Fernbedienung. Nicht da. Er legt die immer rechts von sich ab, immer, immer rechts. So ein Elend. Er torkelt schlaftrunken und angesoffen durchs Zimmer, schaut unters Bett, unter den Tisch, das TV-Möbel, sogar ins Bad. Weg. Unauffindbar. Vom Erdboden verschluckt. Er guckt überall ein zweites Mal nach, seine Bewegungen sind seltsam verlangsamt, in Watte gehüllt und unwirklich.

Jetzt kann er nicht mehr, er zieht den Netzstecker, legt sich wieder hin. Ruhe, endlich Ruhe. Sein Gaumen fühlt sich an, als wäre er aus Pappe und die Zunge ein Radiergummi. Angst dünstet aus dem Teppichboden und geht durch ihn wie durch leitfähiges Material, steigt ihm zu Kopf und nistet sich dort ein, eine pelzig-lähmende, bleischwere Form. Die Angst hat ihm schon so oft das Leben verdorben, all die Zeit, die er mit Angst verschwendet hat, Jahre sind das.

Irgendwann versinkt er in einem dünnen Schlaf, aus dem ihn um 9 Uhr der Handywecker reißt. Dümmliche Melodie, wollte er schon längst ausgetauscht haben, ist er nicht zu gekommen, nie kommt man dazu, nie kommt man zu irgendwas. Jemand hatte mal gesagt, der Klingelton passe zu ihm, sollte wohl ein Scherz sein. Hoffentlich. Oder etwa nicht? Seine Eingeweide fühlen sich an, als wären sie zu Klumpen vertrocknet. Die Angst ist noch da, jetzt aber nicht mehr dumpf und schwer, sondern sirrend, gleißend, kurz bevor sie in Panik umschlägt, er kennt das.

Bloß weg hier, ohne Frühstück, ohne alles. Apropos alles: Wo sind denn seine Sachen? Geldbörse, Brille, Führerschein, Schlüssel, Autoschlüssel, Handy. Die hatte er doch auf dem Schreibtisch abgelegt, wie immer, und jetzt fehlt die Hälfte. Mehr als die Hälfte, denn da liegen nur noch Handy und Brille. Da braucht er gar nicht weiter groß zu suchen, wenn die Sachen nicht auf ihrem Platz liegen, sind sie weg! So eine verfluchte Scheiße. Wie kann das sein? Einzige Möglichkeit: Da war einer im Zimmer, er ist im Schlaf bestohlen worden. Der Blutige! Der Blutige war’s! Ganz klar. Der wollte sich rächen, wie er sich an allen Gästen rächt, von denen er sich gehasst fühlt. Er spürt das ganz genau, und nachts dringt er in die Zimmer ein, mit dem Generalschlüssel. Dieses verfluchte Dreckschwein, dieses verfluchte Dreckshotel. Alles scheint verloren, der Untergang unaufhaltsam. Ein schwarzes Loch ist das hier, wer einmal drin ist, kommt nie wieder raus.

Aber jetzt nicht komplett die Nerven wegschmeißen! Die letzten Kräfte mobilisieren, erst mal unter die Dusche, hilft immer, runterkommen, wieder halbwegs klaren Kopf bekommen. Akkurat gekleidet, mit frischgewaschenem Haar und glatt rasiert wird er beim Hoteldirektor persönlich vorsprechen, niemand Geringeren wird er zu sprechen wünschen.

Aber wo ist denn jetzt die Kulturtasche? Auch weg, auch geklaut? Das gibt es echt nicht mehr! Der Blutige, was ist das nur ein verdammtes Schwein! Er bekommt einen Tobsuchtsanfall, heult vor Verzweiflung, ist kurz vorm Durchdrehen.

Jetzt muss es schnell gehen, sonst ist der Blutige oder wer auch immer über alle Berge. Mit tropfnassem Haar öffnet er den Kleiderschrank. Leer! Dabei hatte er am Abend fein säuberlich seinen Anzug aufgehängt, direkt nachdem er wieder auf dem Zimmer war. Weg! Weg! Weg! Oder hatte er den gedankenverloren im Koffer verstaut?

Aber wo ist der Koffer? Der stand vor ein paar Minuten noch auf dem Kofferdingens. Wenn er eins weiß, dann DAS, das weiß er hundertprozentig. Moment mal! Moment mal. Ihm kommt ein ungeheuerlicher Verdacht. Er muss hier raus, sofort, unverzüglich, bevor auch er vom Zimmer verschl…

Kirsten FuchsRosa Mantel

hatte sich so sehr über die katze geärgert, dass sie sie bestraft hatte.

Nimmt die fliesen unter der wanne ab, bricht sich die fingernägel, da ist die tote katze?

sieht die pennerin ihr entgegen kommen

später fällt ihr eich, dass sie ihr den schlüssel gegeben hat

dass das alles schon lange her ist und dass sie sich über sie mal geärgert hatte

hennes?

Zwanzig Minuten sollte das Haarpflegemittel einwirken, und die Haare waren danach immer schön glänzend, aber ich wusste nicht, warum das Zeug so flüssig sein musste. Es lief mir in die Augen. Ich schloss sie. In der Wohnung war es still. Hennes hatte mir erst gesagt, dass er noch einmal wegmüsse, als ich schon mit dem Mittel auf dem Kopf und geschlossenen Augen in der Badewanne die zwanzig Minuten abwartete. Ich lag nicht gern in der Badewanne, wenn ich allein zu Hause war. Ich hätte das nie gemacht, wenn ich gewusst hätte, dass Hennes noch einmal weggeht.

Ich hörte irgendein Klappern. Vielleicht hatte er was vergessen.

«Hennes!», rief ich.

Keine Antwort.

Vielleicht war die Katze nach Hause gekommen.

Die Pflegekur roch so süß, als würden sich darin Teile von Lebewesen zersetzen. Anfang des Winters hatte die Katze einen toten Vogel mit ins Haus gebracht und unter dem kurzen Läufer im Flur versteckt. Dort taute der Vogel und stank. Ich war empfindlich, was Gerüche anging. Ich hatte den Vogel über den Zaun geworfen, zu der alten Frau Riesen, die ihre beiden Cockerspaniel nachts in den Garten hinausließ, damit sie da ihr Geschäft verrichteten. Das konnten sie nur, wenn sie vorher und hinterher kläfften, erst weil sie mussten, und das war ja so aufregend, dann weil sie gemacht hatten, und das war ja so erleichternd. Die Stimmen der beiden Hunde waren hysterisch. Sie waren verrückt, die Viecher.

Ich wurde davon immer wach und ärgerte mich. Jede Nacht. Nachts war ich rasend vor Hass, morgens zu müde für irgendein Gefühl. Nachts tobten in mir die Worte, die ich sagen würde, schreien oder hysterisch bellen würde ich sie, wenn sie nur das verstand. Lassen Sie ihre scheißenden Sautiere nachts nicht raus, oder ich schnapp sie mir und werde sie mit Freude am Schwanz festhalten und gegen die Hauswand dreschen. Ich nahm mir jedes Mal vor, mit Frau Riesen darüber zu sprechen. Wir waren doch zivilisiert. Das müsste doch zu klären sein. Aber tagsüber, wenn ich sie traf, dachte ich nie daran. Ich war sehr vergesslich. Im Sommer stank ihr Garten von den Geschäften ihrer Hunde. Manchmal schob der Wind den Geruch in unseren Garten, als stünde direkt vor der Terrasse ein verwesendes Mammut. Wenn wir draußen aßen, kam mir alles hoch. Ich schnappte mir mein Essen, ging nach drinnen und knallte den halbvollen Teller so laut auf den Steintisch, dass einer schon mal zerbrochen war. Ich hatte kurz überlegt, die Scherben in eine leckere Wurst zu schieben, aber wir hatten Gott sei Dank keine Wurst da. Man wird ja nicht mehr froh, wenn man sich so versündigt. Auf einen stinkenden Vogel kam es also fast nicht mehr an. Vielleicht hatten ihn auch die Hunde in der Nacht darauf gefressen. Angeblich sind Geflügelknochen ja gefährlich für Hunde. Die Knochen splittern, die Hunde sterben. In der Nacht bellten sie. Ich hatte mich sehr über die Katze geärgert, weil sie den Vogel getötet hatte. Das tut man doch nicht. Ich musste sie bestrafen. Später ärgerte ich mich über mich selbst, dass ich das getan hatte, aber ich versuchte es zu vergessen.

Jetzt kam mir die Erinnerung, weil die Haarkur so stank. Vielleicht kam mir das alles nur so vor, weil ich den ganzen Tag den Geruch der Obdachlosen aus der U-Bahn nicht losgeworden war.

Ich hatte gesehen, wie sie auf der Bank des Bahnhofs lag und geweckt wurde. Als die Ordnungsleute weg waren, stieg sie in dieselbe Bahn wie ich, bestimmt ohne gültiges Ticket. Sie setzte sich neben mich und schlief wieder ein, vornübergebeugt. Ich blieb sitzen. Es tat mir leid, dass sie überall vertrieben wurde oder alle weggingen, obwohl ich das gar nicht wissen konnte, ich nahm’s nur eben an. Sie roch schlimm, Haaransatzfett, Ohrendreck, zwischen ihren Beinen stieg ein übler Gestank hoch, und sie saß sehr breitbeinig. Ich tat, als würde ich lesen, aber ich wusste, dass uns alle ansahen. Ich in meinem schönen Kostüm. Wir mussten absurd nebeneinander aussehen, die, die es geschafft hatte, und die, die es nicht geschafft hatte. Ich konnte mir vorstellen, wie die Leute sich fragten, warum ich sitzen blieb, ob ich geruchsblind war, ob ich bescheuert war. Ich hatte ein so schlechtes Gefühl, das nur noch schlechter geworden wäre, wenn ich mich weggesetzt hätte. Ich zog meinen feinen japanischen Schal über die Nase und versuchte nur meinen eigenen Geruch einzuatmen, die Bodylotion vom Vorabend und das Parfum vom Morgen, aber ihr Dunst drang durch die feine Seide. Eine junge Frau setzte sich weg. Einige Leute wechselten den Waggon. Ich atmete flach und so wenig wie möglich. Ich wollte nicht, dass diese Frau ganz außerhalb der Gesellschaft war. Wenn ich mich wegsetzte, wäre das doch verletzend. Und alle würden es sehen, und es wäre klar, warum ich mich wegsetzte und dass das meine Art war, mit Menschen umzugehen, die unangenehm waren, aber trotzdem noch Menschen. Und ich sah ja schon so aus mit meinen feinen Klamotten, den altrosa Schurwollmantel und der weiße dünne Schal. Wenn ich mich wegsetzte, dachten vielleicht andere, dass sie ebenso handeln konnten, und das sollte einfach nicht unsere Art sein, mit Menschen umzugehen. Aber fast hätte ich gekotzt, nur weil ich neben ihr sitzen blieb. Ich hatte mal gelesen, dass es Frauen auf der Straße noch schwerer hatten als die Männer. Sie wuschen sich nicht, um sich vor Vergewaltigungen zu schützen. Ich konnte mich nicht wegsetzen. Ich brachte es nicht übers Herz.

Sie schlief. Sie hätte es nicht bemerkt. Nach zwei Stationen kippte sie beim Anfahren des Zuges gegen mich. Dann stand ich doch auf und setzte mich weg. Alle sahen mich an.

Als der Sitz neben ihr frei war, kippte sie ganz um. Erst legte sich ihr schlafender Körper ganz von allein über drei Sitze. Vielleicht hatte sie sich von Anfang an hinlegen wollen, und es war ganz gut, dass ich aufgestanden war. Später fiel sie sogar auf den Boden.

Ich stand an der Tür, meine Nase in den Schal gesteckt, überlegte, ob ich sie wecken sollte. Irgendwann würden Ordnungsleute sie wieder vertreiben, oder der Zugführer würde sie finden und die Polizei rufen. Wenn sie sich wieder auf die Sitze legen würde, fiele sie vielleicht gleich noch einmal runter, oder war diese Art zu denken falsch? Jemandem nicht aufhelfen, weil er sonst erneut fallen könnte? Ich stieg eine Station früher aus und lief. Es war sehr kalt.

Den ganzen Tag hatte ich diesen penetranten süßen Geruch in der Nase. Ich wollte im Büro kein Croissant, zum Mittag keinen Nachtisch. Nach der Arbeit nahm ich den Bus und nicht die U-Bahn. Wenn ich mit dem Bus fuhr, musste ich noch ein Stück am Waldrand entlanglaufen. Es hatte angefangen zu schneien, und ich fror. Wieso war ich so dünn angezogen? Sie hatten doch morgens Schnee angesagt. Die Laternen am Waldrand hatten Bewegungsmelder, und die sprangen zwar sofort an, wenn man auf sie zulief, aber sie brauchten lange, um ganz hell zu werden. Sie funzelten am Anfang gelblich, und manchmal flackerten sie in solchen Abständen und nur ganz kurz, dass es auf mich selbst wirkte, als hätte ich gezwinkert, und ich hasste es, wenn es sich anfühlte, als hätte ich gezwinkert, obwohl ich nicht gezwinkert hatte. Es war wie ein kurzer Riss im Leben. Ich musste in die Dunkelheit hineinlaufen und dann in dem gelblichen Flimmern weitergehen. Hinter mir leuchteten die Laternen dann voll auf, aber nur sehr