Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. Das kann nur böse enden! Wird Hans Bergmann zum Opfer eines falschen Verdachts? Johannes Kranach biss die Zähne zusammen, als er sah, dass seine Kollegin Ella Loderer wieder von diesem Lackaffen abgeholt wurde – so nannte er den Typen bei sich, mit dem Ella offenbar zusammen war. Wie konnte sie nur? Eine Frau wie sie? Sie sah nicht nur gut aus, sie war auch eine großartige, sehr beliebte und engagierte Lehrerin, der letzte Neuzugang an ›seinem‹ Gymnasium. Und dann hatte sie diesen Freund, vermutlich jünger als sie, der ein Angeberauto fuhr, Angeberklamotten trug und eine Angeberstimme hatte. Er sprach nämlich immer so laut, vor allem über sich selbst, dass alle ihn auch in zehn Metern Entfernung mühelos verstehen konnten. Er wusste, dass er ungerecht war, denn ganz so schlimm, wie er den Typen machte, war er vermutlich nicht, aber es half ihm, wenn er übertrieb, denn irgendwohin musste er schließlich mit seinen Gefühlen. Er war nun einmal in Ella verliebt. Hoffnungslos, wie es derzeit aussah, und damit konnte er sich nicht abfinden. »Na«, sagte eine Stimme hinter ihm, »schmachtest du ihr wieder nach?« Er fuhr herum, vergewisserte sich blitzschnell, dass niemand sonst die Worte seines Kollegen und Freundes Rufus Neureuther gehört hatte und zischte dann ärgerlich: »Halt die Klappe.« Sie standen im Lehrerzimmer am Fenster, von dem er sich jetzt eilig entfernte, Richtung Tür. Rufus folgte ihm. Außer ihnen waren nur noch zwei Kolleginnen anwesend, die sich jedoch angeregt unterhielten und nicht auf sie achteten, ihnen beim Verlassen des Raums nicht einmal zunickten. Alle anderen waren bereits gegangen, der Unterricht war für diesen Tag beendet. Rufus war, anders als Johannes, eher klein und etwas rundlich, er würde außerdem wohl schon in jungen Jahren eine Glatze bekommen, denn seine schwarzen Haare begannen sich auf dem Hinterkopf und vorne über der Stirn bereits verdächtig zu lichten. Er nahm es gelassen, in seiner Familie erlitten alle Männer das gleiche Schicksal.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Johannes Kranach biss die Zähne zusammen, als er sah, dass seine Kollegin Ella Loderer wieder von diesem Lackaffen abgeholt wurde – so nannte er den Typen bei sich, mit dem Ella offenbar zusammen war. Wie konnte sie nur? Eine Frau wie sie? Sie sah nicht nur gut aus, sie war auch eine großartige, sehr beliebte und engagierte Lehrerin, der letzte Neuzugang an ›seinem‹ Gymnasium. Und dann hatte sie diesen Freund, vermutlich jünger als sie, der ein Angeberauto fuhr, Angeberklamotten trug und eine Angeberstimme hatte. Er sprach nämlich immer so laut, vor allem über sich selbst, dass alle ihn auch in zehn Metern Entfernung mühelos verstehen konnten.
Er wusste, dass er ungerecht war, denn ganz so schlimm, wie er den Typen machte, war er vermutlich nicht, aber es half ihm, wenn er übertrieb, denn irgendwohin musste er schließlich mit seinen Gefühlen. Er war nun einmal in Ella verliebt. Hoffnungslos, wie es derzeit aussah, und damit konnte er sich nicht abfinden.
»Na«, sagte eine Stimme hinter ihm, »schmachtest du ihr wieder nach?«
Er fuhr herum, vergewisserte sich blitzschnell, dass niemand sonst die Worte seines Kollegen und Freundes Rufus Neureuther gehört hatte und zischte dann ärgerlich: »Halt die Klappe.«
Sie standen im Lehrerzimmer am Fenster, von dem er sich jetzt eilig entfernte, Richtung Tür. Rufus folgte ihm. Außer ihnen waren nur noch zwei Kolleginnen anwesend, die sich jedoch angeregt unterhielten und nicht auf sie achteten, ihnen beim Verlassen des Raums nicht einmal zunickten. Alle anderen waren bereits gegangen, der Unterricht war für diesen Tag beendet.
Rufus war, anders als Johannes, eher klein und etwas rundlich, er würde außerdem wohl schon in jungen Jahren eine Glatze bekommen, denn seine schwarzen Haare begannen sich auf dem Hinterkopf und vorne über der Stirn bereits verdächtig zu lichten. Er nahm es gelassen, in seiner Familie erlitten alle Männer das gleiche Schicksal. So konnte er auch Johannes‘ dichten dunkelblonden Haarschopf neidlos betrachten.
»Ich mein ja nur«, sagte er, während sie langsam die Treppe hinuntergingen. Der wütende Tonfall seines Freundes schien ihn nicht beeindruckt zu haben. Wenigstens sprach er leise, anders als der Lackaffe. »Wenn du nicht aufpasst, weiß es bald die ganze Schule.«
Diese Äußerung erschreckte Johannes. »Was willst du damit sagen? Außer dir habe ich es …«
Rufus winkte lässig ab. »Noch ist es ja nicht so weit. Ich wollte nur sagen: Pass ein bisschen mehr auf. Wenn dich jemand, so wie ich, gerade eben beobachtet hätte, wäre er sofort im Bilde gewesen, was mit dir los ist.«
Johannes entspannte sich wieder. »Okay, danke«, murmelte er. »Sie ist wieder von dem Angeber abgeholt worden. Zuerst tut sie immer so, als wäre es ihr nicht recht, dass er sie abholt, aber dann steigt sie doch jedes Mal zu ihm ins Auto.«
»Und? Küssen sie sich dann leidenschaftlich?«, erkundigte sich Rufus. Er klang, als ginge es um eine interessante mathematische Problemstellung – bei ihm klangen Fragen öfter so, er unterrichtete Mathematik und Physik. Meistens fand Johannes es amüsant, festzustellen, wie unterschiedlich Rufus und er die Welt sahen – seine eigenen Fächer waren Geschichte und Deutsch. Heute jedoch ärgerte er sich über seinen Freund.
»Hör schon auf, Rufus, ich will nicht mehr darüber reden, ich kriege nur schlechte Laune davon.«
»Die hast du doch schon, also könnten wir der Frage doch nachgehen, ob …« Rufus verstummte, als er Johannes‘ Gesicht sah. »Schon gut«, sagte er versöhnlich. »Lass uns entspannen, der Tag war lang genug. Hast du übrigens gehört, dass der Prozess von Herrn Bergmann demnächst beginnt? Der erste Verhandlungstag steht jetzt fest.«
Johannes blieb stehen. »Nein, das wusste ich nicht«, sagte er betroffen. »Ich hatte immer noch gehofft, dass sich die ganze Sache …« Er stockte.
»In Luft auflöst?«, fragte Rufus. »Wie denn? Nia hat ihn angezeigt, weil er sie bedrängt hat. Sie hatte blaue Flecken, ihre Aussage hat die Polizei überzeugt, wie soll sich das in Luft auflösen?«
»Ich glaube immer noch nicht, dass er das getan hat«, betonte Johannes. »Das habe ich auch ausgesagt, als wir befragt wurden.«
Hans Bergmann, seit vielen Jahren der außerordentlich beliebte Hausmeister ihres Gymnasiums, war zunächst beurlaubt worden, nachdem er von der fünfzehnjährigen Nia Andresen beschuldigt worden war, sie belästigt und körperlich bedrängt zu haben, und schließlich hatte man ihn entlassen, ohne die Gerichtsverhandlung abzuwarten. Hans Bergmann hatte entschieden bestritten, der Schülerin jemals zu nahe getreten zu sein, aber das Vertrauen in ihn war erschüttert, und so war das Arbeitsverhältnis, wie es hieß, in beiderseitigem Einvernehmen beendet worden. Was immer das bedeuten sollte – denn es war allgemein bekannt, wie gern Hans Bergmann seiner Arbeit nachgekommen war.
»Ich glaube es auch nicht«, sagte Rufus, »und ich habe das auch so ausgesagt, aber natürlich ist mir klar, dass niemand in den Kopf eines anderen Menschen blicken kann. Es gab ja auch Massenmörder, die von ihren Nachbarn als ruhige und freundliche Menschen beschrieben worden sind. Von daher: Irrtümer sind jederzeit möglich.«
»Ich weiß. Trotzdem kann ich die Geschichte nicht glauben.«
»Du weißt, was das heißt?«, fragte Rufus.
»Was meinst du? Dass Nia gelogen haben muss?«
»Genau das meine ich. Sie ist fünfzehn, Jo, warum sollte sie sich eine solche Geschichte ausdenken? Sie hatte mit Herrn Bergmann wahrscheinlich noch nie zu tun, warum also sollte sie ihn zu Unrecht beschuldigen?«
»Keine Ahnung«, sagte Johannes.
»Eben«, erwiderte Rufus, »wie man es auch dreht und wendet: Es ergibt einfach keinen Sinn. Aber ein älterer Mann, der angesichts einer sehr attraktiven Fünfzehnjährigen den Kopf verliert, das kann man sich sofort vorstellen.«
Johannes erwiderte nichts, denn ausgerechnet Nia Andresen und ein paar ihrer Freundinnen, kamen in diesem Moment, ebenfalls verspätet, aus einem Klassenraum. Alle Mädchen, bis auf Nia, kicherten und grüßten die beiden Lehrer. Nia jedoch wandte den Kopf ab und schoss ohne Blick oder Gruß an ihnen vorbei.
»Merkwürdig«, sagte Rufus. »Die hat dich doch sonst immer so angestrahlt. Was hat sie denn?«
»Keine Ahnung.« Johannes sah der Gruppe von Mädchen nachdenklich hinterher. »So ist sie schon eine ganze Weile. Ich habe mal versucht, mit ihr darüber zu sprechen, aber sie hat so getan, als wüsste sie nicht, wovon die Rede ist.«
»Und wie ist sie im Unterricht?«
»Unverändert gut, sie beteiligt sich, ist immer bestens vorbereitet, aber sie sieht mich nicht einmal an, wenn sie nicht muss.«
»Das hat doch bestimmt irgendwie mit dieser Geschichte zu tun – mit Herrn Bergmann, meine ich.«
»Ja, das habe ich mir natürlich auch gedacht. Das hieße, sie hat Angst, so etwas könnte ihr noch einmal passieren. Und das wiederum hieße, Herr Bergmann wäre doch schuldig.«
Rufus nickte. »Die Verhandlung findet morgens statt, das ist schade, ich wäre da gerne hingegangen.«
»Ich auch«, sagte Johannes.
Sie stiegen beide auf ihre Fahrräder. Eine kurze Wegstrecke fuhren sie nebeneinander her, dann hob Rufus grüßend die Hand und bog ab, während Johannes geradeaus weiterfuhr, an der Kayser-Klinik vorbei, durch den Park, in dem er gerne joggte, und danach noch ein kleines Stück über dichter befahrene Straßen, bis er zu Hause war. Er bewohnte in einem ruhigen Hinterhaus die Erdgeschosswohnung, zu der ein kleiner Garten gehörte.
Er stellte das Rad ab und ging ins Haus. Das Gespräch mit Rufus klang noch in ihm nach – und auch der Anblick von Ella mit ihrem Angeber-Freund fiel ihm wieder ein. Weder das noch die Nachricht vom baldigen Prozessbeginn gegen Hans Bergmann war erfreulich. Und auch Nias merkwürdiges Verhalten gab ihm zu denken.
Alle im Kollegium hatten im ersten Moment damals gesagt: »Hans Bergmann soll eine Schülerin belästigt haben? Nie im Leben!«
Aber Nia war sehr überzeugend gewesen, und nach und nach waren immer mehr Zweifel laut geworden. Auch er selbst hatte sich schon gefragt, was er nun eigentlich glauben konnte und was nicht. Letzten Endes hatte er keine überzeugende Antwort gefunden. Denn einer von beiden log, das war ja offensichtlich, aber bei keinem der beiden wollte er sich das auch nur vorstellen.
Er mochte Hans Bergmann, der ein großartiger, immer ansprechbarer Hausmeister gewesen war, hilfsbereit, freundlich, zugewandt, von geradezu unerschütterlicher guter Laune. Und er mochte Nia Andresen, die nicht nur sehr hübsch, sondern auch eine ausgezeichnete Schülerin war. Seine beste Schülerin, um genau zu sein. Warum sollte ein solches Mädchen einen älteren Mann fälschlich beschuldigen? Wie man es auch drehte und wendete: Es ergab keinen Sinn!
Er war froh, als seine Mutter anrief und fragte, ob er am Wochenende zum Essen kommen wolle. Das Gespräch lenkte ihn von seinen Gedanken ab, er nahm die Einladung gerne an.
*
»Jetzt hör mal auf damit, Siggi«, sagte Ella Loderer zu ihrem jüngeren Bruder, der das Unglück hatte, nach einem ihrer Großväter auf den Namen ›Siegfried‹ getauft worden zu sein. Er hatte sich schon als kleiner Junge deshalb aufziehen lassen müssen.
»Womit?«, fragte er unschuldig, aber sie sah ihm an, dass er genau wusste, wovon sie sprach.
»Mit deiner Angeberei«, sagte sie. »Dieses Auto ist peinlich, deine Klamotten sind peinlich, und dass du immer so laut schreist, wenn du von deinen Erfolgen redest, ist auch peinlich. Ich habe dir das schon oft gesagt, aber du machst immer weiter. Wenn du damit nicht aufhörst, hol mich bitte nicht mehr von der Schule ab.«
»Du weißt, warum ich das mache, und ich mache so lange weiter, bis sie mich endlich ernst nimmt.«
Ella verdrehte die Augen. »Sie sieht das wie ich, darauf könnte ich wetten. Sie lässt sich doch nicht von deinem Getue beeindrucken, nie im Leben.«
Siggi, der gerade einundzwanzig geworden war – er war sechs Jahre jünger als sie – hatte sich heftig verliebt, und seinem Verhalten nach zu urteilen war es ihm zum ersten Mal ernst. Die junge Frau, um die es ging, Tamara Schongauer, machte ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Pflegeeinrichtung neben dem Gymnasium, wo Ella unterrichtete. Siggi hatte sie auf einer Party kennengelernt und danach wohl noch einige Male gesehen, und offenbar hatte das genügt, ihn zu entflammen. Jedenfalls führte er seitdem diese dämliche Komödie auf, sodass Ellas Kolleginnen und Kollegen schon begonnen hatten, sie mit ihrem Verehrer aufzuziehen. Bislang hatte sie darauf verzichtet, sie aufzuklären, denn wenn er sich so danebenbenahm, war ihr kleiner Bruder ihr peinlich. Dabei war Siggi im Normalzustand ein lieber Kerl, ein bisschen unreif noch, aber er war ja auch noch jung. Allmählich jedoch wurde die Sache lästig. Es gefiel ihr nicht, dass die anderen dachten, sie hätte einen Freund. Oder besser: Es gefiel ihr nicht, dass ein ganz bestimmter Kollege dachte, sie hätte einen Freund. Einen peinlichen Freund noch dazu. Allein deshalb musste dieses Theater aufhören.
Sie war bislang noch nicht so weit gegangen, Siggi mit seinem blöden Auto, das ihm natürlich nicht gehörte, einfach stehenzulassen, wenn er damit halb vor der Schule, halb vor dem Seniorenheim stand, sondern bislang war sie jedes Mal eingestiegen – sie selbst gehörte nämlich zu Siggis Plan, die hübsche Tamara auf sich aufmerksam zu machen. Ella glaubte nicht, dass er mit seiner Masche Erfolg haben würde, aber da Siggi daran glaubte, hatte sie bis jetzt halt mitgespielt.
Er arbeitete in einem großen Autohaus, dem der Wagen gehörte. Er durfte ihn aber tatsächlich fahren. Sie hatte ihn außerdem im Verdacht, dass er sich die scheußlichen, aber teuren Markenklamotten bei einem betuchten Freund auslieh, aber darüber sprach sie mit ihm nicht. Sie selbst war mit einundzwanzig auch noch der Ansicht gewesen, dass sich andere durch solche Äußerlichkeiten blenden ließen. Das war ja vermutlich sogar so, nur: Die große Liebe fand man auf diese Weise ihrer Ansicht nach nicht.
Sie kannte Tamara nur vom Sehen, aber sie war fast sicher, dass er mit seinen Bemühungen den falschen Weg eingeschlagen hatte. Sie fand es schade, denn wenn er Tamara durch sein blödes Theater vergraulte, konnte die junge Frau ihren vermutlich günstigen Einfluss auf ihn natürlich nicht ausüben. Deshalb bedauerte Ella es sehr, dass Siggi sich so dämlich verhielt. Vielleicht wäre es Tamara ja sogar gelungen, ihm seinen Hang zur Angeberei auszutreiben.
»Gehen wir was essen?«, fragte Siggi.
»Nein, ich will nach Hause, ich habe einen Haufen Korrekturen zu erledigen und muss außerdem noch eine schwierige Unterrichtsstunde vorbereiten.«
»Ach, komm schon«, bat er. »Wir essen nur eine Pizza, reden ein bisschen, und dann kannst du dich auch schon an deine Korrekturen setzen. Es würde länger dauern, wenn du dir selbst etwas kochst.«
»Ich würde gar nicht kochen«, sagte Ella. »Ich hab keinen so großen Hunger.«
»Dann teilen wir uns eine Pizza«, schlug Siggi vor.
Ihm schien viel daran zu liegen, also gab sie wieder einmal nach. Das tat sie zu oft, wie sie wusste. Sie hatte sich immer für ihren kleinen Bruder, der ihr mittlerweile über den Kopf gewachsen war, verantwortlich gefühlt, und natürlich kannte er ihre Schwachpunkte. Wenn er, wie jetzt, sein kindlichstes Gesicht aufsetzte, konnte sie ihm nur schwer widerstehen. Ihre Eltern waren beide berufstätig gewesen, Ella hatte schon deshalb sehr viel Zeit mit ihrem Bruder verbracht. Noch heute vertraute er sich ihr eher an als ihren Eltern, und sie fand ihre herausgehobene Vertrauensstellung auch schön, da machte sie sich gar nichts vor.
Als sie einträchtig vor ihrer Pizza saßen, fragte sie: »Also, was ist los?«
»Was soll denn los sein?«
»Komm, lass uns den Umweg sparen. Du willst doch etwas von mir, Siggi, also spucke es aus, bitte. Wie gesagt, ich habe nicht ewig Zeit.«
»Ich studiere vielleicht«, sagte er.
Ella ließ das Stück Pizza sinken, von dem sie gerade hatte abbeißen wollen. »Du verdienst doch so gut in deinem Autohaus«, sagte sie. »Wieso willst du da auf einmal weg?«
»Will ich ja gar nicht«, sagte er. »Ich würde Betriebswirtschaft studieren. Ich habe mich schon erkundigt, ich könnte zum nächsten Semester anfangen.«
