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Stell dir vor, du lebst in einer Welt ohne Kinder. Stell dir vor, die Menschheit ist mit einem Bann belegt und stirbt langsam aus. Stell dir vor, am Horizont taucht das Gesicht eines kleinen Jungen auf, der dich liebevoll anlächelt. Was würdest du tun? Kassiopeia lebt in einer Welt, in der es keine Kinder gibt, die grau und schwer niederdrückend ist. Am Horizont vor Kassiopeia taucht ein Junge auf, bunt, lachend und wunderschön. Es ist Nayan, der ihr bis ins Herz schaut. Sie muss zu ihm gelangen! Zeitenstürme zerreissen sie fast und eine tödliche Wächterin fällt über sie her. Mit letzter, übermenschlicher Kraft hält sie sich an einem fest: der Herzverbindung zu Nayan. Und sie bricht durch zu ihm, in die Welt der Kinder. Kinderglitzerlachen und überfliessende Liebe erfüllen sie. Doch durch das Betreten der Welt, steht nicht nur ihr Leben auf dem Spiel, sondern das aller Kinder - denn diese Welt ist zerbrechlicher als das dünnste Glas.
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Seitenzahl: 324
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Titelei
Impressum
Widmung
Vorwort
Die Schwere des grauen Nichts
Eiserner Granit
Dem Herzen hinterhergeflogen
Ein werter Herr
Gespräch mit merkwürdigen Zeugen
Wie der Bann entstand
Erscheinung
Gänseblümchen
Brennende Warnung
Das Boot kehrt zurück
Katzenworte
Das Unheil der Kröte
Hinter dem Himmel
Sturm
Eisentor ums Herz
Kinderglitzerlachen
Die Klappe
Freigeben
Wunder des Lebens
Niemals zurückschicken
Katzenrat
Die Wächterin
Nayan vermisst die Frau
Stundenglas und Flammenkraft
Zeitensturm
Zu groß für einen Menschen
Todeswaffe
Kinderglitzern und Flammenwut
Wundersame Frau
Die Distanz der Zeitlosigkeit
Der allergrößte Hüpfmeister
Das Gift der Spinne
Zeig mir deine Welt
Gebeugte Zeit
Taub
Strahlenkreis
Wo Vergangenheit und Zukunft sich treffen
Zuhause
Der Horizont des Herzens
Klein, gelb und flauschig?
… vier Jahre später
Ein wunderbarer Blumenstrauß aus Danke, …
Die Autorin
WUNDERKIND
LICHTKOMPASS
Titelei
Impressum
Widmung
Vorwort
Hauptteil
Danksagungen
Cover
Judith Berger
Das Kind am Horizont
Roman
© 2025 Judith Berger
Korrektorat: Rebekka Redwitz · www.fraeuleinkorrekt.com
Covergestaltung: OOOGRAFIK · www.ooografik.de
Autorinnenfoto: Deborah Berger
Buchsatz / E-Book: Rebekka Redwitz · www.fraeuleinkorrekt.com
Cover-/Layoutbilder: #125346876, #280034752, #307181288, #313560201, #343684977, #419051507, #532387984, #565095705, #574676160 (Adobe Stock); # 182702294 (iStock Photo)
Schrift (Überschrift): Great Vibes (Google)
ISBN E-Book: 978-3-347-91298-4 (Version 1.0, September 2025)
ISBN Softcover: 978-3-347-91296-0
ISBN Hardcover: 978-3-347-91297-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig.
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.
Distribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: Judith Berger, Loweidstrasse 20, 8335 Hittnau, Schweiz · [email protected]
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für mich
Liebe Leserin, lieber Leser,
diese Geschichte findet in einer Welt statt, die der unseren vor wenigen hundert Jahren ganz ähnlich ist.
Oder ist sie gar in unserer Welt geschehen und wir haben es nur vergessen?
Findet sie vielleicht sogar jetzt statt, in unserem Leben, in unserem Herzen?
Ich wünsche dir viel Freude auf dem wunderbaren Weg zu dem gesunden kindlichen Anteil
– und mit dem Kind am Horizont.
Sanft tauchte das Paddel ins Wasser und malte Strudel in den See. Kassiopeia stand hoch aufgerichtet und hob das Paddel heraus, um es auf der anderen Seite einzutauchen. Kleine Tropfen flogen durch die Luft. Mit einem leisen Platschen glitt es wieder ins Wasser, einmal links, einmal rechts. Nur dieses feine Platschen war zu hören, das sich in der Ruhe des Sees verlor.
Das schmale Boot glitt sanft dahin. Kassiopeia schaute auf die Wasserfläche, die sich wie flüssige Ruhe in die Ferne zog. Sie dehnte sich aus bis zu den sanften Hügeln und weiter, zwischen den Ausläufern hindurch, in die Endlosigkeit des Horizonts. Die Sonne kitzelte mit ihren warmen Strahlen die Wellchen und ließ sie glitzern wie ein Bad aus reinsten Diamanten.
Kassiopeia ließ den Wind durch ihr langes Haar wehen, sog den Duft nach Frische, Weite und Seetang tief in sich ein, lauschte dem Kreischen der Möwen und auf das sanfte Platschen ihres Paddels. Ihre Bewegungen waren flüssig und kraftvoll. Ihre Füße standen fest, verwoben mit dem Boot und mit der Atmung des Sees. Ja, es waren die Stärke des Sees, die durch ihre Füße in ihren Körper floss, seine Lebendigkeit, die sie in ihren Armen spürte, und seine Kraft, die ihre Brust erfüllte und ihren Atem weit machte. Es war sein Herzschlag, den sie in sich spürte, mit dem sie zutiefst verbunden war.
Und es war auch der See, der ihr sagte, dass es jetzt Zeit war, zurückzukehren. Ein inneres Wissen, dass es nun dran war, ans Ufer zu paddeln.
Ein letzter, erfüllender Blick zum Horizont, ein tiefer Atemzug, und dann wendete Kassiopeia ihr Boot.
Weit vor ihr lag das Ufer als Schilfstreifen, abgelöst von Kiesstränden. Dahinter breiteten sich sanfte Wiesenhügel mit einzelnen Bäumen aus und man sah die Häuser des Dorfes. Und doch kam Kassiopeia alles farblos vor. Sie wusste, dass bei den Booten am rechten Kiesstrand die Fischer ihre Netze flickten, und doch kam Kassiopeia alles leer vor. Das Quaken von aufgeregten Enten schallte vom Schilf zu ihr herüber und doch war alles leblos. Denn an diesen Kiesstränden, an diesem Ufer, gab es keine Kinder. In diesem Dorf, im ganzen Land gab es kein einziges Kind. Die ganze Welt war mit einem Bann belegt, sodass es keine Menschenkinder gab. Kein Kinderlachen, kein fröhliches Spielen, keine dreckigen Hände und leuchtenden Kinderaugen, von denen eine alte, verwirrte Frau Kassiopeia einmal erzählt hatte. Mit jedem Paddelschlag, den Kassiopeia ins Wasser setzte, legte sich die Schwere auf ihre Schultern. Sie selbst war das letzte Kind gewesen, das zur Welt gekommen war, und das war dreiundzwanzig Jahre her. Mit dreiundzwanzig war sie die Jüngste – es gab keine Kinder mehr auf dieser Welt.
Schwer sackte das Paddel ins Wasser. Das Ufer kam näher und Beklemmung legte sich um Kassiopeias Brust, während sie zum leeren Kiesstrand steuerte. Sie sah zu den Fischern hinüber, die ihre Netze flickten. Im Morgengrauen fuhren sie auf den See hinaus, fingen ihre Fische, verkauften sie, als ob nichts wäre. Kassiopeia war selbst hier bei Fischersleuten aufgewachsen, nachdem ihre Mutter am Kindbettfieber und ihr Vater an Typhus gestorben waren. Ihre Pflegeeltern hatten sie liebevoll umsorgt, als wäre sie ihr eigenes drittes Kind gewesen. Und sie waren ihrer Arbeit nachgegangen, als ob kein Bann existiert hätte – und das taten sie bis heute. Doch man konnte es nicht leugnen: Über der Welt lag dieses graue Nichts. Ein Schatten, der sie niederdrückte, ein Leben ohne Kinder.
Kassiopeia steuerte am Schilf entlang und mit dem sich nähernden Kiesstrand begannen sich die Fragen in ihren Kopf hineinzuschrauben. Fragen, die sie begleiteten, seit sie zwölf war, seit sie gefragt hatte, nachgebohrt, gedrängt. »Josephine«, hatte sie ihre Ziehmutter gefragt, »weshalb bekommen unsere Hühner immer wieder Küken, aber die Menschen keine neuen Kinder?« Da hatte sie im Flüsterton vom Bann gehört. »Damit du endlich ruhig bist«, hatte Josephine gesagt und Kassiopeia hatte gemerkt, dass jeder vom Bann wusste, diesem schrecklichen Bann. Doch die Fragen hatten nicht aufgehört, im Gegenteil, sie bohrten immer noch, jeden Tag: Wie hatte es passieren können, dass so ein Bann ausgesprochen worden war? Weshalb konnte er nicht gebrochen werden? Stundenlang hatte sie mit Bruno, ihrem Mann, darüber gesprochen. Er war fünf Jahre älter als sie und der Sohn ihrer Pflegeeltern. Und auch er wusste es nicht, hatte es nie aus seinen Eltern herausgebracht. Sie hüllten sich darüber in Schweigen, so, wie die ganze ältere Generation. Still, stumm und bockig.
Ein Entenpaar zeterte von seinem Nest aus zu ihr herüber. Es waren Haubentaucher. Es war Frühling, sie hatten bestimmt ein Gelege von ein, zwei Eiern und es würde bald Junge geben. Kassiopeias Augen füllten sich mit Tränen. Neues Leben, überall. Nur bei den Menschen nicht. Keine Menschenkinder.
Sie hatte das Ufer noch nicht einmal erreicht und schon drückte sie die alte Schwere nieder, Gedanken umkrallten ihren Kopf, Verzweiflung und Unfassbarkeit marterten ihr Herz. Wo waren die Leichtigkeit und die Weite, die sie auf dem See gespürt hatte? Die Tränen rollten nun ungehindert mit der Erkenntnis, dass dieses Ufer ihr richtiges Leben war. Hier war die zentnerschwere Wirklichkeit.
Ein Ruck ging durch das Boot. Kies knirschte. Kassiopeia wurde nach vorne geworfen, sie ließ das Paddel fallen und krallte sich am Bootsrand fest. Sie hatte nicht auf das Ufer geachtet und war auf dem Kiesstrand aufgelaufen. Der Ruck war längst vorbei, doch Kassiopeia klammerte sich weiter an das raue Holz, das Holz ihres geliebten Bootes. Das Holz, das mit ihr auf dem See gewesen war, in der Weite, dem Glitzern, diesem … anderen Leben. Ja, es war der Hauch eines anderen Lebens gewesen, den der Wind ihr durchs Haar geweht und der ihre Schultern leicht gemacht hatte. Der Hauch eines Lebens ohne Grau, ohne Leere, ohne diese Last. Der Hauch eines Lebens mit Kindern – Kindern!
Vielleicht gab es irgendwo ein Land, in das der Bann nicht reichte, in dem Kinder auf den Straßen spielten und die Erwachsenen lachten. Vielleicht gab es das.
Kassiopeia spürte, wie Lebendigkeit in ihre Arme floss und Leichtigkeit in ihre Schultern. Sie sah hinab auf ihre Hände, die noch immer das Holz umklammerten, als wollten sie den Hauch dieses anderen Lebens festhalten. Und mit dieser Kraft setzte sich eine tiefe, starke Überzeugung in ihr Herz: Sie würde auf die Suche gehen nach Antworten, nach Lücken im Bann. Auf die Suche nach Kindern.
Kassiopeia ließ das Holz los und sprang beherzt ans Ufer. Energisch zog sie den Bug auf den Kies. Sie legte das Paddel ins Boot, drehte sich um, Richtung Dorf, und marschierte los, direkt zum Haus ihrer Pflegeeltern.
Josephine!« Schon von weitem rief Kassiopeia den Namen in den Garten hinein, in dem sie ihre Ziehmutter vermutete. »Josephine!«
Und tatsächlich, ein Kopf tauchte zwischen den Beerensträuchern auf. Das gütige Gesicht ihrer Ziehmutter begann zu strahlen. »Kassiopeia, schön, dass du da bist.«
Kassiopeia trat mit festem Schritt in den Garten und warf die Worte vor sich hin: »Josephine, warum gibt es keine Kinder? Weshalb wurde der Bann ausgesprochen und warum, zum Kuckuck nochmal, bin ich die Letzte?«
Das Gesicht ihrer Ziehmutter erstarrte. Schnell sah sie sich um. »Kassiopeia, ich …«
»Nein, ich will es jetzt wissen. Ich will jetzt alles wissen, Josephine! Sag mir endlich die Wahrheit. Was hat es mit diesem Bann auf sich?«
»Darüber … kann ich nicht sprechen.«
Doch Kassiopeia ließ sich nicht so leicht abspeisen. Diesmal nicht. Sie sah Josephine fest in die Augen. »Du kannst. Ich gehe nicht eher weg, bis ich Antworten habe.«
Einen Moment lang maßen sich ihre Blicke, jeder in seiner Stärke. Dann sah Kassiopeia den Hauch eines Aufgebens und Josephine deutete mit dem Kopf zum Fischerhaus. »Lass uns reingehen.«
Es war warm und behaglich in dem kleinen Haus, sauber aufgeräumt und dieser Geruch nach Sonne, warmem Webstoff und ein sanfter Hauch frischen Fisches durchwirkten den Raum. Es war der Duft nach wohliger Heimat. Doch Kassiopeia wischte ihn mit einer Handbewegung beiseite. Sie wollte keine wohlige Heimat, sie wollte Antworten. Mit ihrem Blick fixierte sie Josephine erneut. »Also, sag!«
»Wollen wir uns nicht setzen?«
»Nein.« Kassiopeia stemmte die Hände in die Seiten. »Warum gibt es keine Kinder mehr?«
»Das weißt du.« Josephine blickte ernst. »Die Welt ist mit einem Bann belegt.«
»Aber warum? Warum, Josephine? Wer hat diesen Bann ausgesprochen und weshalb hat er es getan?«
Und da war es wieder im Gesicht ihrer Ziehmutter: Dieses Verstockte, das jedes Mal kam, wenn es um den Bann ging. Nie in ihrer ganzen Erziehung, nie, in welchem verzwickten Moment auch immer, hatte Kassiopeia dieses Verstockte gesehen, aber jedes Mal, wenn sie über den Bann sprechen wollte.
»Josephine, ich muss es wissen. Warum bin ich die Letzte? Ich habe jede einzelne Person im Dorf gefragt und ihr sagt nichts. Ihr flüstert hinter vorgehaltener Hand, ich solle ruhig sein, doch das werde ich nicht. Ich werde laut fragen, Josephine, ich werde mit den Fischern in die Stadt fahren, mich in die Mitte des Marktplatzes stellen und meine Frage hinausschreien, bis mir jemand eine Antwort gibt.«
»Nein!« Josephine fasste nach Kassiopeias Arm. Ihre Finger waren eiskalt. »Tu das nicht!«
»Dann sag mir, wer den Bann ausgesprochen hat.«
»Deine Großtante.«
Die plötzliche Antwort wogte Kassiopeia überraschend entgegen und hinterließ gleichzeitig nicht weniger als weitere tausend Fragen. »Was für eine Großtante?«
»Die Tante deiner Mutter. Tante Gertrud, Gott hab sie selig.«
»Was heißt selig?«, polterte Kassiopeia los. »Verderben soll diese Frau! Weshalb hat sie so etwas Schreckliches getan?«
»Nicht doch, es war … Sie musste … Sie war nicht schrecklich. Sie wollte uns schützen.«
»Wovor?«
Josephine wand sich wie ein Wurm. »Kassiopeia, ich kann dir das nicht sagen.«
»Doch, diesmal schon. Wovor mussten wir geschützt werden?«
Angst spiegelte sich in Josephines Augen. Tränen füllten sie. Ihre Stimme verwandelte sich in ein zitterndes Flüstern. »Vor den Zwissts.«
Kassiopeia verstand nicht. »Wer sind die Zwissts?«
»Kassiopeia, das kann ich dir nicht sagen.« Josephines Stimme wurde stärker. »Es ist vorbei. Sie sind zerstört. Es ist jetzt gut.«
»Gut?«, schrie Kassiopeia. In ihr tobte es. Am liebsten hätte sie ihre Ziehmutter geschüttelt. »Es gibt keine Kinder mehr, Josephine, wie um alles in der Welt kannst du nur so etwas sagen. Gar nichts ist gut!«
»Deine Großtante Gertrud hat die Zwissts zerstört mit diesem Bann. Dass es keine Kinder mehr gibt, war der letzte, grausame Schlag der Zwissts.«
Die Worte prasselten unkontrolliert auf Kassiopeia ein und ihre Gedanken genauso heraus. »Aber dieser Bann muss doch gebrochen werden können.«
»Nein.«
»Er hat Lücken, irgendwo gibt es Kinder.«
»Nein.«
»Man muss ihn lösen können, diese Großtante hat doch …«
»Nein.«
»Josephine, warum war ich die Letzte?«
»Nein, nein, nein! Ich werde keine einzige Frage mehr beantworten. Es führt zu nichts. Es ist sinnlos. Und es wirbelt nur auf, was nicht ungeschehen gemacht werden kann. Kassiopeia, das Einzige, was du tun kannst, ist, dich damit abzufinden. Es ist so, wie es ist.«
»Abfinden?« Wie eine Ohrfeige traf sie das Wort. Fassungslosigkeit ergriff Kassiopeia. »Josephine …«
»Nein.« Ihre Ziehmutter stand vor ihr wie mit Stein überzogen, fest und unnachgiebig. Dem stärksten Stein, den Kassiopeia je gesehen hatte. Wie ein eiserner Granit. »Es ist, wie es ist. Finde dich damit ab, so, wie wir alle es auch getan haben.« Mit diesen Worten drehte Josephine sich um, marschierte in ihre Schlafkammer und zog die Tür kräftig hinter sich zu.
Das hatte ihre Ziehmutter in Kassiopeias Kindheit nur drei Mal getan, Kassiopeia konnte sich an jedes einzelne Mal erinnern und sie wusste mit unumstößlicher Sicherheit, dass das Gespräch nun endgültig beendet war.
Sie stand allein in dem Wohnraum. Finde dich damit ab, schwebte es durch die Luft. Finde dich damit ab, hallte es von jeder Wand. Finde dich damit ab, hämmerte es gegen ihr Herz und ihr war, als würde ihr Brustkorb zusammengedrückt. Ihr Atem ging schwer. Es war viel zu eng in diesem Raum. Sie brauchte Luft.
Kassiopeia stürzte hinaus, raus aus der drückenden Fischerhütte, raus aus dem Garten, der mit Früchten der Hoffnungslosigkeit bepflanzt war, und raus aus dem Dorf, in dem die Bewohner sich abfanden wie Stein.
Kassiopeia rannte hinaus, hinaus, immer weiter, dem See entgegen, zum Wasser hin. Sie rannte in das Nass hinein und erst als die Kälte sie bis zur Taille umschloss, blieb sie stehen.
Die Menschheit würde aussterben mit dem Bann, in ihrem schweren Grau dahinvegetieren bis zum Ende und dabei tun, als wäre nichts. Das schnürte Kassiopeia beinahe den Atem ab. Damit sollte sie sich abfinden? Nein, sie wollte nicht, sie konnte nicht, konnte so nicht weiterleben.
»Ich will nicht!«, schrie sie in die Weite des Sees hinaus. »Ich will mich nicht abfinden. Ich will nicht, dass es so ist, wie es ist.« Sie schlug mit den Fäusten auf die Wasseroberfläche, entlud alle Wut in das Nass: Wut auf die Menschen, die sich damit abfanden, die Opfer der Schwere waren, die hinnahmen, dass sie ausstarben, die nichts taten. Einfach nichts! Schrecklich starke Wut schoss sie ins Wasser – und Verzweiflung. »Ich will einfach nicht!«
Und der See war da. Er ließ sie toben, er unterbrach sie nicht, hatte keine Widerworte, stoppte nichts. Er war da, ließ ihre Wut in sein Wasser preschen, ihre Stimme über die Wellen hallen und hörte zu. Der See hörte zu.
Sanft wurde Kassiopeia von Wellen umströmt. Aufgewühlt waren sie und doch voller Ruhe und sie nahmen Kassiopeias Aufgewühltheit mit sich. Die Eiseskälte floss um ihre Beine, ihre Hüfte, walkte ihr Kleid hin und her und umspülte ihren Körper. Es war eine ganz eigene Kraft, die um sie herum zog, schob, floss und aufrichtete. Ja, aufrichtete, denn Kassiopeia spürte, wie diese Kraft warm und hell mit der Kälte des Wassers in ihren Körper floss, die sie ausfüllte, stärkte bis ins Innerste.
Kassiopeias Lippen formten erneut diesen Satz, in aller Ruhe, Kraft und ganzer Aufrichtung: »Ich will mich nicht abfinden.« Und dieser Satz war genau richtig.
Sie atmete tief ein. Wie von selbst strömten Worte aus ihrem Mund. »Ich werde mich nicht abfinden. Ich werde kämpfen und ich werde eine Lücke finden in diesem Bann.« Ja, so war es, Kassiopeia spürte es mit ihrer ganzen Kraft.
Langsam wandte sie sich um und watete mit erhobenem Haupt und entschlossenem Schritt zurück. Die Kälte ließ sie zittern, doch das war nur ihr Äußeres, denn in ihrem Inneren war eine Kraft, stärker als ein eiserner Granitstein. Eine glühende Kraft und Ruhe. Eine Kraft, die sie hoch erhobenen Hauptes ans Ufer schreiten ließ, in ihrer ganzen Würde.
Kess, du bist ja ganz nass.« Ihr Mann Bruno stand oben am Weg und sah besorgt zu ihr herunter. »Ist dein Boot gekentert? Geht es dir gut?«
Das Boot, das er liebevoll für sie gebaut hatte, würde niemals kentern.
»Alles in Ordnung«, antwortete sie und schritt ihm kraftvoll entgegen. »Das Boot liegt am vorderen Kiesstrand und mir geht es sehr gut.«
Er wirkte unsicher. »Du zitterst.«
»Nur an den Beinen«, antwortete sie mit einer wegwerfenden Handbewegung und sah ihn ernst an. »Bruno, ich werde mich nicht damit abfinden, dass es keine Kinder mehr gibt.«
Unsicherheit flackerte in seinem Blick. »Was heißt das?«
»Ich werde Menschen finden, die mir mehr erzählen, und wenn es nur ein einziger Satz ist. Ein einziger Satz von fünf Menschen sind fünf weitere Sätze in die Klarheit. Ich werde herauskriegen, wer dabei war, als der Bann gesprochen wurde. Wusstest du, dass ihn die Tante meiner Mutter ausgesprochen hat?«
Er schüttelte seinen braunen Lockenkopf.
»Wenn das hier im Dorf war, dann muss doch jemand dabei gewesen sein, der heute noch lebt. Der mehr weiß und auch mehr sagt, zum Donnerwetter nochmal!«
Bruno nickte.
»Und ich werde einen Weg finden, wie er gebrochen werden kann.«
Er holte Luft.
»Oder«, unterbrach sie ihn schnell, »wo es Lücken gibt. Lücken in diesem Bann, Orte, wo es Kinder gibt. Und diese Lücken kann man vergrößern, ganz bestimmt. Der Bann wird seine Macht verlieren, Bruno, ich werde nicht zulassen, dass es so weitergeht, ich werde mich nicht damit abfinden!«
Er schwieg und Kassiopeias Herz klopfte, schnell, stark und aufgeregt. Nicht nur in Erwartung von Brunos Reaktion, es klopfte schneller in der Kraft und Aufregung dessen, auf welchen Weg sie sich begab und was sie erreichen würde.
»Kess, ich …« Er zögerte.
Jetzt kam irgendetwas Vernünftiges. Irgendetwas, das sie abhalten, bremsen wollte. Schnell schob Kassiopeia einen inneren Schild vor sich. Sie wollte keine Vernunftbremsen hören, sie wollte vorwärtsgehen, zu dem Leben mit Kindern.
Doch statt Worte von Bruno schallte ein Ruf am Ufer entlang. »Bruno, warte!« Es war Alessa, Brunos jüngere Schwester und Kassiopeias Freundin. Sie winkte und rannte und versprühte rufend Worte. Ganz außer Atem kam sie an. »Du musst zum Steg kommen. Ein Boot hat angelegt und du warst nicht in der Werft.« Sie verschnaufte einmal kurz, bevor die Worte weitersprudelten. »Bruno, beim Steg liegt ein Boot mit einem riesigen Leck und es ist so groß, dass die Männer es nicht aus dem Wasser bringen. Also das Boot, meine ich.«
Bruno nickte. »Ich komme.« Er setzte sich in Bewegung und Kassiopeia blieb an seiner Seite, während die Worte weiter aus Alessa herausquollen. »Es ist ein merkwürdiges Schiff, als ob eine Hütte auf einem Boot steht. Schwimmendes Häuschen trifft es wohl eher. Es gehört einem Händler und er muss dem Boot den Rumpf aufgerissen haben. Wie ihm das passieren konnte, weiß ich nicht, schließlich ist er schon so weit gefahren. Von jenseits des Meeres, dann die Flüsse hinauf, bis zu uns und er …«
Jenseits des Meeres? Kassiopeia stoppte. Die Worte leuchteten so stark in ihrem Kopf, dass sie geblendet war und nicht fassen konnte, was sie da anstrahlte, tatsächlich anstrahlte.
Sie rannte zu Alessa und packte sie am Arm. »Warte, der schwimmende Händler war im Land jenseits des Meeres?« Konnte das wahr sein? Dann würde er wissen, wo es Lücken im Bann gab. Und er hätte Kinder gesehen.
Alessa starrte sie entgeistert an.
Kassiopeia schüttelte sie. »Sag schon, sag, war er wirklich dort?«
»Ja doch. Aber Kassiopeia, wie siehst du denn aus.«
»Ich muss zu ihm.« Es war das Einzige, was sie denken konnte, und es stand in großen Lettern vor ihren Augen: Sie musste zu diesem Händler.
»So kannst du doch nicht durch die Gegend laufen. Du bist nass und dreckig.«
»O doch, ich kann. Komm, Bruno!« Sie musste den Händler fragen, ob er Kinder gesehen hatte. Bestimmt hatte er das, im Land jenseits des Meeres. Da mussten Lücken im Bann sein und der Händler kannte sie. Sie musste ihn fragen.
Ihre Beine wurden immer schneller, sie flog den anderen voraus, rannte ihrem Herzen hinterher, das schon längst hatte ankommen wollen.
Und dann sah sie es: Dort vorne am Steg zogen Männer mit vereinten Kräften ein Hausboot aus dem Wasser. Auf dem Steg standen unzählige Leute, die zusahen, und ganz vorne in dieser Menge stand ein Mann mit einem bunten Stoffhut, in dem eine große, noch viel buntere Feder steckte. Das musste der schwimmende Händler sein.
Kassiopeia schlängelte sich zwischen den Dorfbewohnern hindurch zum Steg, auf dem der schwimmende Händler stand. Alle schauten auf sein Boot, doch sie nicht. Sie hatte nur den Mann mit den bunten Kleidern im Blick. Den Mann, der im Land jenseits des Meeres gewesen war. Endlich bei ihm angekommen, legte sie vorsichtig ihre Hand auf seine Schulter. »Werter Herr?« Sie wusste nicht, wie man sonst einen Mann ansprechen sollte, der die ganze Welt besegelt hatte.
Er drehte sich um. Seine Augen schauten erstaunt aus dem bronzefarbenen Gesicht. Die Kleidung, die er trug, war genauso bunt wie Hut und Feder. Seine Hosenbeine waren rund wie Bälle und reichten ihm nicht einmal bis zu den Knien. Darunter hatte er blaue Strumpfhosen und die Schuhe leuchteten in grellem Grün. Ihre Spitzen waren schwungvoll nach oben gebogen und darauf balancierte je eine Eidechse aus Zinn. Konnte man so zur See fahren? Aber eindeutig kam der Mann von sehr weit her.
»Die Dame?« Ein beflissenes Lächeln überzog sein Gesicht. »Ihr benötigt wohl ein neues Kleid. Omariando wird Euch das schönste, prächtigste Kleid aussuchen. Eines, das Eurer Figur schmeichelt und Euch strahlen lässt wie eine Prinzessin. Denn Ihr seid eine wahre Prinzessin.«
Kassiopeia stockte. »Nein. Ich wollte Sie nur …«
»Aber natürlich sind Mademoiselle eine wahre Prinzessin. Eure Bescheidenheit in allen Ehren, doch Ihr habt das schönste Kleid der Welt verdient. Und Omariando besitzt es. Wartet nur einen Moment, Mademoiselle, ich werde gleich zurück sein.«
»Aber …« Sie wollte doch nur wissen, ob es im Land jenseits des Meeres Kinder gab.
Doch der Händler war schneller. Flink wie ein Wiesel sprang er auf sein Boot, das in erheblicher Schräglage halb im Wasser, halb am Ufer ruhte. Die Männer hatten aufgehört zu ziehen, denn das klaffende Leck war frei gelegt. Omariando war schon im Inneren des kleinen Hauses verschwunden. Ja, es sah tatsächlich aus, als stehe ein Häuschen auf dem Boot. Erst jetzt bemerkte Kassiopeia, dass das Boot noch bunter war, als sein Besitzer je sein könnte. Überall hingen Tücher, Kleider und Schals. Fremdartige Gemälde und Skulpturen waren neben schweren Teppichen aufgestellt. Hüte, Schellen und Spiegel zierten den Mast. Am Dach des Hauses hingen mit Ornamenten verzierte Wasserbeutel, Halsketten, große Ohrringe, Öllampen, getrocknete Zwiebelbündel und noch viel, viel mehr. Es funkelte, blinkte, klang und bimmelte und über all dem schwebte ein wunderbarer, eigentümlicher Geruch, wie ihn Kassiopeia noch nie erlebt hatte: würzig, warm, fremdartig und erfüllend. Ja, der Geruch, die Klänge, all die Farben waren unfassbar erfüllend, denn Kassiopeia wusste: All das musste aus dem Land jenseits des Meeres kommen. Ihr Herz hüpfte und sie konnte kaum erwarten, bis Omariando endlich wieder auftauchte.
Schwankend und gegen die Schieflage ankämpfend kam er aus der Kajüte die Arme voll beladen mit Waren, und kletterte vom Boot herab. Ein Messingdöschen fiel hinunter und rollte über den Holzsteg, bis es wackelnd zum Liegen kam.
»Ich habe nur eine Frage, werter Herr.« Kassiopeia trat dicht zu ihm.
»Einen Moment, Mademoiselle.« Omariando legte seinen Haufen an Waren vorsichtig auf die Holzbretter des Stegs und wandte sich an einen Fischer. »Diese Dose ist für euch, Monsieur, ich habe Euch davon erzählt. Und diese Salbe« – er drückte sie der alten Trude in die Hand – »wird Eure Hände frei von Schrunden und seidenweich machen, Madame. Riecht einmal.«
»Werter Herr!« Kassiopeia fand ihn nicht mehr ganz so wert, weil er sie einfach überhörte.
»Ah, die Prinzessin. Hier, Euer Kleid.« Er hielt es hoch in die Luft. Es war grün, dunkel und hässlich. Der Stoff schien zentnerschwer, die unzähligen gestickten Figuren von Drachen und Ungeheuern lehrten Kassiopeia das Fürchten und allein der Anblick der vielen Schnüre nahm ihr die Luft zum Atmen.
Heftig schüttelte sie den Kopf. »Ich möchte es nicht. Ich liebe mein hellblaues Kleid. Nur eine Frage: Waren Sie im Land jenseits des Meeres?«
Er stockte einen Moment. Dann hellte sich sein Gesicht auf. »Aber ja, Mademoiselle, ja doch. Omariando war auf der ganzen Welt. In jedem Land, das Mademoiselle möchten. Auch jenseits des Meeres.«
»Und hat es dort …«
»Moooment.« Er schob seine Hand wie einen Schild vor sich. »Eine Frage, Mademoiselle. Eine Frage habt Ihr gestellt. Omariando war im Land jenseits des Meeres und ich werde all Eure weiteren Fragen beantworten, wenn Ihr dieses Kleid kauft.«
War er verrückt? »Ich will dieses Kleid nicht und ich habe auch nur eine weitere Frage.« Dieser Händler war wirklich kein werter Herr.
Omariando machte ein leidendes Gesicht. »Ihr seid wunderbar, Mademoiselle, eine wahre Prinzessin, doch Omariando muss auch leben. Kauft dieses Kleid und Ihr werdet alle Antworten bekommen. Es kostet nur hundertfünf Gulden.«
Das war zu viel: das Angebot und der Betrag. Niemals hatte Kassiopeia so viel Geld gesehen. Keiner im Dorf besaß so viel. »Eine Antwort!«, forderte sie. »Nur eine einzige Antwort, zum Donnerwetter nochmal! Wie viel kostet eine einzige Antwort?«
»Sie kostet dieses Kleid. Aber Ihr seid eine Freundin. Omariando gibt euch das Kleid für neunundneunzig Gulden.«
Und mit dieser Antwort sackte etwas in Kassiopeia ab. Der grässliche Herr vor ihr würde erst auf ihre Frage antworten, wenn sie dieses Kleid kaufte, dieses schreckliche Kleid, das sie niemals bezahlen konnte. Wie hinter einer Scheibe nahm sie wahr, wie Omariando sich abwandte, auf andere Leute einredete, ihnen Waren zeigte und verkaufte, und sie stand einfach nur da, auf diesem Steg, bei diesem wunderbaren Boot, bei all dem, was aufgeladen war mit fremden, fernen Ländern – und das ihr doch so verschlossen war. Und mit dem Klingen der fremdländischen Dinge, der Schellen und Spiegel im Wind, wehte auch Kinderlachen in ihr Herz. Vielleicht hatten all diese Waren Kinderlachen gehört, Freudentänze der Kinder gesehen und vielleicht hatten kleine Kinderhände sie berührt. Sie musste es einfach wissen. Sie musste wissen, ob es Kinder gab.
Langsam sah sie sich um. Ihr Blick fiel auf Bruno, der sich das Leck im Boot ansah. Wie ein Blitz schoss der Gedanke durch ihren Kopf, sprengte den Weg frei für die Lösung und preschte aus ihrem Mund heraus.
»Werter Herr«, schrie Kassiopeia, »meine Frage gegen die Reparatur Ihres Bootes!«
Der Händler sah auf, Bruno sah auf und die Umstehenden starrten sie an.
»Mein Mann ist der Bootsbauer dieses Dorfes. Er repariert das Leck, wenn Sie mir eine Antwort geben.« Kassiopeia sah Brunos schockiertes Gesicht. »Alle Antworten«, fügte sie schnell hinzu.
»Oh, Mademoiselle, ich meine, Madame Bootsbauer.« Omariando verzog leidend das Gesicht. »Ihr seid eine schwere Verhandlerin, aber ja, Omariando hat ein gutes Herz. Die Reparatur des Lecks für die Antworten auf Eure Fragen.«
»Gut. Gibt es im Land jenseits des Meeres …«
»Madame, erst nach Sonnenuntergang, wenn die Leute nach Hause gegangen sind.« Er wies zum Horizont, dem sich die Sonne stramm näherte. »Omariando muss jetzt arbeiten.«
So nicht. Kassiopeia stürzte auf den Händler zu, packte ihn an dem bunten Stoff seines Hemdes und zischte: »Entweder ich bekomme meine Antwort sofort oder Ihr Boot soll am Boden des Sees landen, werter Herr.« Die letzten beiden Worte spuckte sie voller Abscheu aus.
Seine Augen waren weit aufgerissen. »Schon gut, schon gut, Madame, stellt Eure Frage.«
Kassiopeia ließ ihn los. Ihr Herz schlug schneller, klopfte bis zum Hals und als sie endlich die Frage stellte, kam sie leise, fast zerbrechlich aus ihrem Mund heraus. »Gibt es im Land jenseits des Meeres Kinder?«
Er stockte für einen kleinen Augenblick. Dann lächelte er breit. »Ja, Madame, alles, was Ihr wollt. Auch ganz viele Kinder.«
Sie hatte es gewusst. Eine Welle des Glücks fegte über sie hinweg, füllte ihr Herz und trieb ihr Tränen der Freude in die Augen. Kinder. Es gab Kinder. Der Bann wirkte nicht auf der ganzen Welt, er wirkte nicht bis ins Land jenseits des Meeres. Wie im Traum drehte sie sich um, erfüllt von unfassbarem Glück. Sie würde später wiederkommen, wenn die Sonne untergegangen und die Leute zu Hause waren. Dann würde sie Omariando alles fragen über die Kinder. Es gab Kinder auf dieser Welt und sie war nicht die Letzte gewesen, die geboren worden war. Sie hätte jauchzen, schreien, weinen können. Alles floss in sie hinein, aus ihr heraus, hell, glänzend, strahlend, hüpfend und springend wie Kinder. Wie Kinder! Kassiopeia ließ die Traube der Leute hinter sich und lachte, lachte laut ob all des Glücks.
»Das war ein schlechter Handel«, zischte eine Stimme. Im Schatten eines Baumes stand eine alte Frau, in Grau gekleidet, die ihren Kopf in ein ebenso graues Tuch gehüllt hatte.
»Es gibt Kinder auf dieser Welt, es gibt Kinder«, jubelte Kassiopeia der Fremden zu.
»Merkst du es denn nicht? Er war nie im Land jenseits des Meeres.«
Kassiopeia lachte. Niemals würde sie sich von so einer Gestalt diesen Augenblick verderben lassen. »Alte Frau, glaub doch was du willst.«
»Warte!« Die Alte hob die Hand.
Mit innerem Widerwillen blieb Kassiopeia stehen.
»Bist du Kassiopeia?«
Sie nickte und musterte die Frau argwöhnisch. Noch nie zuvor hatte sie sie gesehen.
Die Frau trat heran und Kassiopeia sah das alte, zerfurchte Gesicht und ein Strahlen aus liebevollen Augen, das zu ihr fließen wollte. Aber sie wollte nicht.
»Du bist Fareilles Tochter. Oh, wie du deiner Mutter gleichst, Gott hab sie selig.«
»Ich muss weiter«, sagte Kassiopeia schnell, denn all das kam ihr suspekt vor.
»Kassiopeia, der Händler lügt. Ich bin selbst mit ihm hierhergefahren. Er war nie jenseits des Meeres. Aber mein Sohn war dort. Er hat Kinder gesucht, doch es gibt sie nicht. Ich selbst war dabei, als deine Großtante den Bann ausgesprochen hat, und er liegt über der ganzen Welt. Du bist die Letzte, die geboren wurde.«
Wie stinkender Abfall lagen die Worte vor Kassiopeias Füßen. Sie lachte bitter auf. »Das kenne ich zur Genüge, alte Frau. Du bist die, die lügt. Und selbst wenn du dabei gewesen wärst, als der Bann gesprochen wurde, du würdest darüber schweigen wie alle anderen. Die ganze ältere Generation. Also lass mich in Ruhe und geh deiner Wege, so wie ich der meinen.« Schwungvoll drehte sie sich um.
Hinter sich hörte sie die Stimme der Alten. »Ich lüge nicht und ich schweige nicht. Es ist Zeit, dass du die ganze Wahrheit erfährst, Kassiopeia.«
Die ganze Wahrheit erfahren. Alles, einfach alles, was mit dem Bann zu tun hatte? Hatte sie das nicht immer gewollt? Die ganze Wahrheit. Diese alte Frau schien die Wahrheit zu kennen. Sie schien sogar Kassiopeia zu kennen, denn sie hatte sie beim Namen genannt. Woher wusste sie ihren Namen? Langsam drehte Kassiopeia sich um und trat auf die Frau zu. »Ich möchte mit dir reden.«
Eine Ernsthaftigkeit gepaart mit einer Offenheit standen in dem alten Gesicht. »Aber nicht hier.«
»Du kannst zu uns kommen«, bot Kassiopeia an. Obwohl ihr die Frau unheimlich war, spürte sie den Drang in ihrem Herzen, endlich zu wissen, was geschehen war.
Doch die Alte schüttelte den Kopf. »Komm nach Einbruch der Dunkelheit auf das Boot des Händlers. Ich reise mit ihm und habe meinen Platz dort drinnen.«
Kassiopeia fand es merkwürdig und unheimlich. Warum erst in der Dunkelheit? »Wir können uns auch in Rosas Fischrestaurant treffen.«
Die alte Frau zog das graue Tuch auf ihrem Kopf tiefer ins Gesicht. »Ich gehöre nicht mehr zu diesem Dorf. Wenn du Antworten willst, komm zum Boot.« Damit drehte sie sich um und ging.
Kassiopeia schluckte das unheimliche Gefühl hinunter. Sie wollte Antworten und es war ihr egal, wo und um welche Tageszeit sie diese bekam.
Es wurde dunkel. Eben war die Sonne hinter dem Horizont untergegangen und die Nacht schob sich zwischen grauen Wolken hervor. Kassiopeia fröstelte, während sie den Weg zum Steg einschlug, und doch war ihr Körper erfüllt mit Kribbeln, Ungeduld und einer Ahnung von etwas, das sie nicht begreifen konnte. Sie war auf dem Weg zu der fremden Frau und bald würde sie alles über den Bann erfahren.
Bruno war nicht erfreut gewesen, als Kassiopeia ihm erzählt hatte, dass sie sich mit der Alten treffen wollte. Lauter Wenns, Abers und Vielleichts hatte er eingeworfen. Er verstand nicht, weder das mit dem Händler noch das Treffen mit der fremden Frau. Kassiopeia verstand ja selbst nicht genau, doch ihr Kater Malachit hatte verstanden. Er hatte auf dem Lehnstuhl gesessen und sie mit seinen blauen Augen tief und voller Verständnis angeschaut, während sie Bruno erklärt hatte, dass sie einfach mit der Frau reden musste. Unbedingt! Wie lange hatte sie darauf gewartet, dass ihr jemand mehr über den Bann erzählen würde, und jetzt gab es eine Frau, die dabei gewesen war und die das Schweigen brechen wollte. Die Wahrheit erzählen wollte, hatte sie gesagt. Mein Gott, konnte das Wirklichkeit sein?
Eine weitere Welle des Kribbelns und der Unfassbarkeit durchspülte sie. Dort vorne waren der Steg und das fremde Boot.
Auf dem Boot brannten zwei eigentümliche Lampen. Offene Feuer in je einem Kelch, der auf einer Stange befestigt war. Einer auf Backbord, der andere auf Steuerbord. Sie warfen ein Spiel aus Licht und Schatten um sich und tauchten das Boot in einen mystischen Tanz. Es lag noch immer schräg im Wasser, doch das schien Omariando nicht zu stören, der sie schwungvoll von oben begrüßte.
»Die Prinzessin! Madame kommt nicht zu Omariando, sondern zu Umra, habe ich gehört. Habt Ihr schon gespeist? Wollt Ihr ein Fladenbrot und einen aromatischen Tee kaufen?«
»Nein.« Kassiopeia lachte. Wer wusste schon, wie viel das wieder kosten würde. Außerdem war ihr nicht nach Essen zumute. Überhaupt nicht.
»Madame, Omariando hilft Euch herauf.« Galant reichte er ihr die Hand und wies dann zur Tür. »Umra erwartet Euch schon. Ihr könnt die ganze Nacht reden. Omariando wird draußen schlafen.« Er grinste sie an. »Draußen schlafen tut Omariando immer, wenn das Boot an Land liegt, denn dort hört Omariando jeden Stehlemensch.« Er zottelte davon und ließ sie allein mit den Feuerlampen, dem schrägen Deck und der Tür, die in die Kajüte führte. Der Tür, die sie von all dem Wissen rund um den Bann trennte.
Langsam balancierte Kassiopeia darauf zu. Sie klopfte und öffnete vorsichtig. Es knarrte und ein Geruch nach warmem Holz und merkwürdiger Fremdartigkeit schlug ihr entgegen. Umra saß auf und zwischen reich verzierten Kissen auf dem schrägen Boden und lehnte an der Wand, an der Orientteppiche hingen. Vor ihr stand eine verschnörkelte Öllampe. Weitere Kissen lagen am Boden, doch Kassiopeias Blick wurde von tausend anderen Dingen abgelenkt. Truhen standen in allen Größen und Farben im Raum, umgeben von merkwürdigen Gegenständen, die stumm das Licht einrahmten. Eine Schlangenhaut hing von der Decke, Speere und Schilde mit Federn waren an der Wand befestigt und ein ausgestopftes Tier glotzte von einem Regal herunter und hielt sich, wegen der Schräglage des Bootes, nur noch mit dem buschigen Schwanz fest. War es ein Fuchs?
»Komm nur ganz herein, Kind, und setz dich.« Das Gesicht der alten Frau war freundlich und von einer tiefen Ruhe erfüllt. Sie trug noch immer ihr graues Seidentuch auf dem Kopf und nickte Kassiopeia aufmunternd zu.
Zögernd nur trat Kassiopeia ein und schloss die Tür hinter sich. Der Luftzug brachte ein paar Federn zum Schwingen, die an unsichtbaren Fäden von der Decke hingen. Kassiopeia setzte sich auf ein schwarzes Kissen, das mit unzähligen rot-goldenen Schnörkeln bestickt war. Sie sah die Frau vor sich an. Das alte Gesicht, die vielen Falten, das geheimnisvolle Tuch und die Augen, die gütig auf ihr ruhten.
»Du gleichst deiner Mutter so sehr, Kassiopeia. Schön, dass du hier bist. Nun habe ich Zeit und Raum, dir zu erzählen, was du schon immer wissen wolltest. Stelle deine Fragen.«
Was sie schon immer wissen wollte … Und jetzt wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Jetzt war sie hier, in diesem Raum, bei einer alten Frau, die bereit war zu erzählen, und alles war so unwirklich. Was sollte sie fragen? Es war so viel, das in ihrem Kopf herumwuselte, so viel, das sie wissen wollte, und sie hatte keine Ahnung, womit sie anfangen sollte. Nun stand das Tor offen und sie kannte den ersten Schritt nicht. Also stellte sie eine Frage, die all die anderen einschloss. »Was ist damals geschehen?«
»Um das zu verstehen, musst du wissen, wie die Welt vor dem Bann ausgesehen hat«, antwortete Umra ernst. »Es begann vor fünfundzwanzig Jahren, etwa zwei Jahre vor deiner Geburt. Die ganze Welt wurde schwer niedergedrückt. Sie stöhnte unter der Last der Zwissts.«
»Wer sind die Zwissts?«, warf Kassiopeia schnell ein.
»Kleine Wesen. Pelzig. Reichen uns nur bis zur Hüfte. Niedlich, könnte man meinen, doch das sind sie nicht.« Dunkelheit legte sich auf Umras Gesicht. »Sie zwissen, sprechen in Zischlauten. Sie wollten die Menschen ausrotten und diese Welt beherrschen. Alleine.« Finsternis floss aus Umras Augen. »Die Zwissts führten Krieg auf eine Weise, wie es sie noch nie zuvor gegeben hat. Sie durchtrennen Verbindungen in drei Schritten.« Umra hob den knorrigen Daumen. »Erstens: Sie zerschlagen die Verbindung von einem Menschen zum anderen.« Ihr dünner Zeigefinger hob sich. »Zweitens: Sie zerstören die Verbindung, die du zu dir selbst hast. Und drittens:« – drohend reckten sich nun drei alte Finger in die Höhe – »Sie kappen deine Verbindung zur Erde.«
Kassiopeia verstand kein Wort. Sie schüttelte den Kopf. »Was bedeutet das?«
