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Mila ist nach dem Tod ihrer Großmutter ganz auf sich allein gestellt. Um sie zieht sich die feindselige Welt zusammen. Die Herrschaft der Windhexe reicht bis in den letzten Winkel Otrens. Die Herzen der Menschen brechen unter der Verzweiflung zusammen. Alle Hoffnung liegt auf Mila, denn sie hat die Gabe ihr Herz zu bewahren und Menschen zu berühren. Aber wie kann ein 16-jähriges Mädchen so eine Aufgabe schaffen? Da erscheint Tunai, ein magisches Vogelwesen. Er stellt sich an Milas Seite mit seiner ganzen überirdischen Kraft. Die Hexe tobt und niemand hat damit gerechnet, wie erfindungsreich sie ist.
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Seitenzahl: 330
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Titelei
Impressum
Landkarte
Lichtung des Geheimnisses
Weiße Begegnung
Von zitternder Hand
Der Atem der Macht
Halte ein!
Die Kerbe
Leb wohl, Lerchenkind
Hasenherz
Baumstämme versetzen
Das Brausen der Bitterkeit
Zu Boden geschmettert
Entscheidungsträchtig
Zwischen kalten Häuserfronten
Mit Messer und Feder
Feind und Feind
Der Schrei der Not
Gattertür ins Verderben
Die letzte Wandlung
Hexenmacht
Blind
Die Tiefe der Schuld
Gejagt
Bittere Beeren und grausiges Gras
Dein Liebstes
Vogelwesen
Flügelrauschen
Wind gegen Federn?
Düstere Ahnung
Lächelnde Scherben
Wirrnis im Kiefernwald
Tücke, Trug und Täuschung
Kein Entrinnen
Grüne Splitter
Dem Himmel entgegen
Stachel der Verlassenheit
Der Eule letzte Warnung
Ort des Fluches
Die Zelle der Verzweiflung
Am Rand des Todes
Der Hall des Ungehörten
Bei allen bösen Mächten dieser Erde
Der geheime Ort
Die Wahrheit
Hexenwerk
Herzen in Fetzen
Der Fraß des Bösen
Selbst Wahrheit schwindet
Feuerkugel der Macht
Heilung der Herzen
Im Licht
Danke an meine wunderbaren Begleiter
Die Autorin
DAS KIND AM HORIZONT
LICHTKOMPASS
Cover
Titelei
Impressum
Hauptteil
Danksagungen
Judith Berger
WENN SCHATTENMÄCHTE WEICHEN
Wunderkind
Roman
© 2021 Judith Berger, www.judithberger.ch
E-Book: Rebekka Redwitz · fraeuleinkorrekt.com
Covergestaltung: OOOGRAFIK · ooografik.de
Landkarte: Liza Maria Denski
Cover- / Layoutbilder: #20101700, #193542119, #220696040, #253223174, #278136692, #278918146, #354624020, #115690281 | AdobeStock
Autorinnenfoto: © Deborah Berger
Schrift (Überschrift): Noto Serif (Google)
2. Auflage (2025)
ISBN E-Book: 978-3-384-76025-8 (Version 2.0, November 2025)
ISBN Softcover: 978-3-384-76023-4
ISBN Hardcover: 978-3-384-76024-1
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Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
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Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter:
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Zarte Hände, hell wie Porzellan, legten behutsam einen frisch gepflückten Blumenstrauß auf die dunkle Erde direkt unter das Holzkreuz. Die Sonne beschien die Farbenpracht und brachte sie zum Leuchten. Mila ließ die Strahlen auf ihrer Haut tanzen. Schaute dem Spiel aus Licht und Schatten zu. Die Natur war durcheinander. Blumen um die Wintersonnenwende. Doch es war schön. Genau so schön, wie die Sonnenstrahlen im Wald. Mila sog den Duft von feuchtem Moos und würzigen Tannen tief ein. Und noch viel schöner war diese Lichtung. Hier stand die Zeit still. Hier wohnte Ruhe, die Kraft der Bäume und das Zwitschern der Vögel. Hier war der Ort des Seins. Vielleicht zog es Mila deshalb täglich hierher.
Ein Windhauch strich ihr durchs Haar.
„Hell wie das Mondlicht“, hatte Oma immer gesagt, wenn sie sie gebürstet hatte, „und schimmernd wie flüssiges Silber.“ Stundenlang hätte die alte Frau ihre Haare bürsten kann. Viel länger, als ein kleines Mädchen stillsitzen kann. Doch wann immer Mila angefangen hatte mit den Beinen zu zappeln, hatte Oma gelacht und gesagt: „Ab mit dir. Spring mit dem Wind, hüpfe im Regen und tanze im Licht.“
Inzwischen war sie kein Kind mehr. Morgen würde sie 16 Jahre alt werden und damit erwachsen. Ihre Haare hatte sie auf Schulterlänge gestutzt und Oma war seit über zwei Jahren tot. Heimlich hatte Mila ihr Grab ausgehoben, damit niemand erfuhr, dass sie tot war. Heimlich hatte sie Tränen vergossen, bis keine mehr gekommen waren und heimlich zog es sie immer wieder an diesen Ort, wenn die Einsamkeit sich mit kaltem Griff um sie legte. Niemand durfte wissen, dass Milas letzte Verwandte gestorben war. Keiner durfte ahnen, dass sie allein in der Waldhütte lebte, denn sonst würde sie als Mündel des Roten Egon enden. Dem Mann ihrer verstorbenen Tante.
Mila versuchte den bitteren Geschmack in ihrem Mund herunter zu schlucken. Bei Egon wäre sie gebunden, für immer. Er würde sie nicht gehen lassen selbst wenn sie 16 war. Sie wäre gefangen in den Ketten der Sklaverei.
Schnell schüttelte sie den Kopf, um den Gedanken wegzuscheuchen.
„Ich habe dir noch etwas mitgebracht, Oma.“ Eifrig holte Mila eine Pflanze aus ihrer Gürteltasche, der Gürteltasche, die sie immer bei sich trug. Wie eine echte Heilerin. Wie Oma.
„Ich war gestern bei der Hauernquelle. Sie führt fast kein Wasser. Alles ist trocken. Dafür habe ich etwas gefunden, das ich niemals erwartet hätte. Speick. Weißt du noch, wie wir tagelang unterwegs waren, um zu der Stelle zu gelangen wo der Speick wächst? Und jetzt gibt es ihn keinen halben Tagesmarsch entfernt auf der Höhe der Hauernquelle. Weil es so trocken geworden ist. Jetzt gibt es ihn im Ostwald.“
Natürlich, sonst hätte ihn Mila nicht pflücken können. Sie bewegte sich nur im Ostwald. Er war groß und weit. Man konnte tagelang umherstreifen und Kräuter sammeln. Doch niemals würde sie dieses Gebiet verlassen. Niemals würde sie von ihrer Hütte aus den überwucherten Pfad Richtung Südwesten gehen. Den Pfad ins Dorf, nach Rielau. Zu den Menschen. Niemals zu den Menschen. Zu groß war die Angst, dass sie sich verraten könnte und jemand herausfände, dass sie alleine lebte. Nein, sie blieb hier, in der Ruhe. Liebevoll legte sie den Speick neben den Blumenstrauß. Oma hatte dieses Kraut geliebt. Nicht nur wegen seiner Heilkraft auf den Körper. Auch wegen der inneren Ruhe, die er dem Herzen schenkte.
Ein Knacken ließ Mila auffahren. Sie blickte zum Wald. Geräusche drangen an ihr Ohr. Fremd und ungewohnt. Etwas, das nicht hierhergehörte. Etwas, das nicht sein durfte. Menschen aus dem Dorf? Hier, mitten im Wald? Mila schauderte.
Kreischend stob ein Vogelschwarm in den Himmel. Mila blickte mit zitterndem Herzen in die Richtung, in der sie sein mussten. Die Menschen. Sie war sich ganz sicher, so bewegte sich kein Tier fort. So stampften nur Menschen, die den Herzschlag des Waldes nicht kannten. Und sie kamen näher.
Sie durften sie nicht sehen. Und das Grab auch nicht. Wenn sie das Grab von Oma sahen, war ihr Geheimnis aufgedeckt!
Mila griff nach Tannenzweigen, Ästen und Gehölz, die in der Nähe lagen. Wild schichtete sie alles über das Holzkreuz. Mehr und immer mehr, bis es nicht mehr zu sehen war.
Zwischen den Tannen blitzte Gelb und Grün auf. Zeternde Stimmen drangen an ihr Ohr. Jeden Moment würden die Menschen auf die Lichtung brechen. Milas Herz raste. Gehetzt warf sie einige Blicke um sich. Wo sollte sie sich verstecken?
Ein Haselstrauch am Rand der Lichtung. Grüne Zweige, zum Schutz gehoben. Mila hetzte hin, duckte sich und schlüpfte atemlos ins Grün. Ihre Brust hob und senkte sich. Sie drückte sich eng gegen die harten Zweige.
Schon brachen sie heraus. Eine kleine, stämmige Frau mit wippenden Locken. Eine Zwergin. „… ich weiß ganz genau, dass ich sie gesehen habe, wenn ich es dir doch sage!“
Mila kannte sie von früher. Sie war die Krämerin des Dorfladens.
„Ich habe hier etwas Rotes und etwas Helles durch die Tannen hindurch gesehen. Sie muss hier sein!“
Mila zog Omas rotes Schultertuch enger und starrte verzweifelt auf ihr hellblaues Kleid.
„Kriemhild, bist du denn wahnsinnig? So weit rennt niemand in den Wald und eine verblödete Ziege ist nicht rot!“
Ein Zwerg wankte auf die Lichtung. Mila wusste es sofort: Das war Ignaz, Kriemhilds Mann. Der graue, lange Bart und die stechenden Augen. Sie hatten etwas Linkisches. Wie oft hatte sich Mila hinter dem Rock ihrer Oma versteckt, wenn er im Krämerladen stand statt seiner Frau. Oma hatte einmal im Monat Dinge des Alltags gegen Kräutertinkturen eingetauscht. Schlussendlich war Mila schon von Anfang an durch den Laden nach oben in die Dachstube zur alten Hedwig gerannt, egal ob der Zwerg da gewesen war oder nicht.
„Nichts, zum Henker nochmal“, donnerte Ignaz. „Überhaupt nichts. Such die doofe Ziege allein, mir reicht’s.“
„Aber …“
„Nein! Ich will …“ Er stockte und starrte auf den Haufen Zweige in der Mitte der Lichtung.
„Ignaz, ich finde …“
„Schschscht!“ Es klang scharf. Ignaz hob die Hand, um seine Frau zum Schweigen zu bringen.
Mila hielt die Luft an. Der Zwerg starrte noch immer auf die Stelle, wo Omas Grab versteckt war. Er machte drei Schritte darauf zu.
Nein! Ein Sturm tobte in Milas Kopf. Er durfte das Grab nicht entdecken.
Die Hand des Zwerges glitt nach vorne zu einem großen Ast.
„Nein!“ Mila sprang aus ihrem Versteck, mitten auf die Lichtung.
Die Hand sank zurück. Zwei Augenpaare sahen sie verdutzt an.
„Ich …“ Milas Ohren wurden rot und unter ihren Füßen brannte es, als ob sie in einem Ameisenhaufen stände.
Die Augenpaare wanderten an ihrer Gestalt von oben nach unten und wieder hinauf.
„Wer bist du?“, fragte Kriemhild aus walnussgroßen Augen.
„Mila.“ Schon war es draußen. Herausgerutscht. Sie hätte ihren Namen niemals sagen sollen. Hätte ihn verborgen halten müssen.
Zu spät.
Ignaz kniff die Augen zusammen. „Mila …? Du bist doch das Mädchen von der alten Heilerin.“
„Was, die?“ Kriemhild schlug die Hände an ihre runden Backen. „Die kleine Enkelin von der alten Trude? Dich hätte ich gar nicht mehr erkannt, ohne Zöpfe und, meine Güte, bist du groß geworden. Beinahe schon eine junge Frau!“
„Kriemhild“, knurrte Ignaz.
„Das ist aber eine Überraschung, dich zu sehen. Du warst ja eine Ewigkeit nicht mehr im Dorf. Die Salben und Tränklein fehlen uns. Sag, wie geht es deiner Großmutter? Es heißt, sie sei sehr krank.“
„Kriemhild!“
„Kind, es wäre so schön, wenn du uns im Laden besuchen würdest.“ Sie watschelte auf Mila zu. Ignaz griff sie am Oberarm und riss sie zurück.
„Frau, schweig endlich!“
Erschrocken blickte Kriemhild ihren Mann an.
Der taxierte Mila mit stechendem Blick. Am liebsten wäre sie im Boden versunken. Unter ihren Füßen begannen die Ameisen wieder zu kribbeln.
„Du bist also die Kleine der Heilerin.“
Mila biss sich auf die Lippen.
„Und was hast du hier zu suchen?“ Er trat einen Schritt nach vorne. „Ich meine, hier, in dieser verlassenen Wildnis.“ Seine Hand machte eine ausholende Bewegung.
Mila sah unverwandt in die bohrenden Augen. Die Ameisen schienen ihre Beine hinauf zu krabbeln.
Er blickte zu dem versteckten Grab. „Du hast einen Holzhaufen gemacht. Wofür?“ Es blitzte in seinen Augen. Die Ameisen waren in Milas Bauch angekommen. Ignaz spürte ihre Angst das sah Mila genau. Der Zwerg schnüffelte dieser Angst nach, wie ein Wolf einem verletzten Reh.
Seine Hand hob sich zu einem der Äste auf dem Haufen, während er sie unverwandt anstarrte. Die Ameisen erreichten Milas Brust. Sie schnappte nach Luft.
Kriemhild patschte ihrem Mann auf die Hand. „Na, zum Feuer machen natürlich, Dummerchen. Schau sie nur mal an. Das zerrissene Kleid, der rote Umhang ist auch nur ein Fetzen und dieses selbst zusammengeflickte Schuhwerk hat nicht mal den Namen verdient.“
Kriemhild trat auf Mila zu und fasste ihre Hand. „Kind, du musst unbedingt in unseren Laden kommen. Bring Salben mit und vor allem das Lebenselixier. Hast du noch davon? Ein Fläschchen und du darfst dir alles aussuchen was dein Herz begehrt.“
Mila schluckte. Ignaz sah sie noch immer bohrend an. Er stieß ein drohendes Knurren aus. „Und ich frage, was sie in diesem Wald tut.“
„Natürlich sucht sie Kräuter“, sprudelte Kriemhild, „wie es sich für eine kleine Heilerin gehört. Und sie wird uns davon in den Laden bringen, richtig Kindchen?“
Mila sah von den braunen Kugelaugen zu den hämischen Schlitzen und wieder zurück. Ignaz machte einen weiteren Schritt auf sie zu. „Wird sie das?“
Die Ameisen verbrannten ihr beinahe die Kehle. Die Angst hatte sich wie eine bleierne Decke auf sie gelegt. Der Zwerg, der ihr nur bis zur Schulter ging, war zum Riesen geworden und die Angst wuchs unaufhaltsam weiter. So unaufhaltsam, wie Ignaz sich ihr näherte, dem waidwunden Reh.
Er würde sie packen, ins Dorf schleppen und Egon ausliefern. Er witterte was los war.
Um Mila herum war es still. Selbst Kriemhild schien für einen Moment die Luft anzuhalten. Mila sah nur die grauen Augen ihres Jägers. Noch ein Schritt, dann würde er sie erhaschen. Milas Angst explodierte. Sie war größer als die Angst vor dem Dorf, tiefer als die Gefahr des Roten Egon. Da war nur ihr Jäger und sie.
„Wird sie zu uns in den Laden kommen?“
Auge in Auge. Milas Kopf wog zentnerschwer. Langsam nickte sie.
„Haha“, Kriemhild lachte auf, „siehst du, ich sag es doch. Sie wird kommen und uns Ware liefern. In unseren Laden.“ Kriemhild nahm Mila am Arm und drehte sie mit sich um. „Komm Kind, du kannst gleich mitgehen. Ich zeige dir den Weg. Du bist ja ganz kalt.“
„Und wie soll sie ihre Waren holen?“
„Stimmt“, Kriemhild stieß ein meckerndes Lachen aus, „aber natürlich. Das habe ich ganz vergessen. Du musst zuerst nach Hause, um die Salben zu holen.“
„Und du musst eine Ziege suchen, Frau“, bellte Ignaz.
Kriemhild zog eine Schnute. „Aber Schatzelchen, das ist doch jetzt nicht so wichtig.“
„Natürlich ist es wichtig. Du suchst diese blöde Ziege und zwar auf den Feldern, nicht im Wald.“
„Wir suchen gemeinsam.“
„Nein, ich habe keine Zeit. Ich gehe weiter.“
„Du musst schon los? Ich dachte das Treffen beginnt erst in der Na...“
Ignaz trat ihr mit voller Wucht auf den Fuß.
„Au!“, schrie sie auf. „Das hat weh getan!“
„Wirst du wohl den Mund halten, Weib?“
„Aber …“
„Schweig!“
Kriemhild klappte ihren Mund zu.
Ignaz wandte sich schwungvoll Mila zu. „Und du, Mädchen, bringst uns noch vor Sonnenuntergang von deinen Kräutern, verstanden?“
Mila nickte.
Er trat an sie heran, hob den Kopf und flüsterte zu ihr hinauf: „Wir haben ein Häuschen im Wald gesehen. Ich weiß, dass du dort wohnst. Also spute dich, sonst hole ich dich eigenhändig mitsamt deinen Kräutern ins Dorf.“
Ihr wurde kalt.
Der Zwerg drehte sich um und marschierte von der Lichtung. In die entgegengesetzte Richtung aus der er und seine Frau gekommen war.
Mila stand neben Kriemhild und sah zu, wie Ignaz zwischen den Bäumen verschwand. Ihr Blick glitt über die Lichtung, das grüne Gras, den Haufen unter dem Omas Grab lag. Heimlich und versteckt. Nichts war mehr wie vorher. Die Ruhe und der Frieden waren von der Lichtung verschwunden.
„Ich muss gehen“, stieß Mila aus. Sie wandte sich um und rannte in den Wald hinein. Ihr Kopf war heiß. Tränen wollten herausbrechen. Als sie den ersten Schluchzer hinunterschluckte, flötete Kriemhild von weitem: „Bis heute Abend. Und vergiss das Lebenselixier nicht.“
Sie rannte und rannte. Ihre Haare peitschten gegen ihre Wangen. Das rote Schultertuch wurde von Ästen und Zweigen festgehalten. Zerrissen. Dornen zerkratzten Milas Beine, doch es war ihr gleich. Sie rannte blind in den Wald hinein. Rannte dem Zwerg davon, seiner Drohung und der ganzen Lichtung.
Und sie wollte nicht weinen. Nicht wegen eines Zwerges. Nicht wegen Oma und schon gar nicht wegen des Sturmes, der in ihr tobte. Mit dunklen, mächtigen Gewitterwolken.
Keuchend blieb Mila stehen. Sie wollte nicht ins Dorf, wollte nicht unter all die Menschen und keinesfalls wollte sie den Laden des Zwerges betreten.
Sie wollte in ihrem Wald bleiben. Bei den Tannen und den Vögeln. Ihre Ruhe haben. Sie wollte die Ruhe der Lichtung zurück. Doch die Ruhe war nirgends. Überall herrschte Aufruhr. In ihr. Um sie.
„Ich gehe einfach nicht hin“, stieß sie aus und wusste, noch während die Worte auf ihren Lippen lagen, dass es nicht ging. Ignaz würde in ihre Hütte kommen. Er würde keine Oma vorfinden. Und er würde wissen, dass Mila alleine war. Er würde sie noch am selben Abend zu Egon, ihrem Vormund schleppen. Und dann wäre sie seine Sklavin. Egon würde ihr niemals die Freiheit des Erwachsenseins geben.
Und wenn sie doch ins Dorf ging? Ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie hatte Angst vor den Menschen. Ihren Fragen. Wie geht es deiner Oma? Warum haben wir dich so lange nicht mehr gesehen?
Was sollte sie sagen? Die Angst zog sich hinauf und legte sich wie ein Band um ihren Hals. Sie wollte nicht gehen. Sie konnte nicht bleiben. Es zerrte sie hin und her. Immer stärker. Gleich würde es sie in Stücke reißen!
„Und ich gehe doch nicht hin“, platzte es aus ihr heraus. „Ich gehe nicht dorthin!“
Wütend trat sie mit dem Fuß einen Stein fort. Er flog durch die Luft und landete raschelnd im Gebüsch. Wie eine weiße Kugel schoss ein Tier zwischen den Blättern heraus, flitzte über den Weg und verschwand im nächsten Strauch. Stille breitete sich aus.
Was war das gewesen? Neugier und Vorsicht legten sich über Mila, als sie behutsam einen Fuß vor den anderen setzte. Sie lugte zwischen den Blättern hindurch. Weißes Fell blitzte auf. Erneutes Rascheln, als sich das Tier weiter zurückzog. Es hatte mehr Angst vor ihr als sie vor ihm.
Mila ging in die Hocke. Langsam schob sie einen Zweig beiseite.
Zwischen den Ästen hockte ein Hase. Er hatte die Vorderpfoten schützend über den Kopf gelegt und hielt sich mit den langen Ohren die Augen zu. Sein Körper zitterte.
„Du musst keine Angst haben“, flüsterte Mila sanft. Sie zog sich ein Stück zurück. „Ich werde dir nichts tun.“
Ein Hasenohr schob sich zur Seite und brachte ein großes, blaues Auge zum Vorschein. Der Blick schweifte umher, bis er auf Mila traf. Er erstarrte. Schwupp, schnellte das Ohr wieder vors Auge. Leises Flüstern klang von dem Fellknäuel empor: „Ich bin nicht da. Niemand kann mich sehen, überhaupt gar niemand.“
Ein sprechendes Tier. Eines, das kaum Kontakt zu Menschen gehabt hatte. Das sich die Sprache erhalten hatte. Normalerweise mied sie diese Tiere. Sie konnten sprechen. Auch ihr Geheimnis aussprechen. Doch etwas in Mila hielt sie da. Vielleicht war es, weil das Häschen immer noch vor sich hinmurmelte.
„Niemand kann mich sehen …“
In Milas Mundwinkeln zuckte ein Lachen. „Hmmm … Wenn du ein weißes, süßes Häschen mit einer rosa Nase bist kann ich dich sehen.“
Die Ohren flogen nach oben. Das Tier setzte sich auf und funkelte Mila an. „Ich bin nicht süß und meine Nase ist rotbraun.“
Mila legte den Kopf schief. „Also, für mich sieht sie rosa aus.“
„Es ist ein sehr helles Rotbraun. Vielleicht hat es einen Stich rosa drin, aber deshalb bin ich noch lange nicht süß. Ich bin ein stattlicher Hasenmann! Und wer bitteschön bist du?“
„Ich bin …“ Sie stockte. Mit neuer Wucht brach es auf sie herein. Das Grab, der Zwerg und das dumme Versprechen das sie gegeben hatte. Hätte sie nur nie ihren Namen genannt.
„Wer ich bin ist nicht wichtig.“ Mila senkte den Blick. „Ich muss jetzt weiter.“ Hurtig stand sie auf.
„Moment!“ Der Hase sprang vor sie auf den Weg. Erschrocken sah er sich um und zog sich drei Schritte zurück unter einen schützenden Zweig. Nicht mehr ganz so fest klang seine Stimme hinter den Blättern hervor: „Du kannst nicht hierherkommen, herumschreien, mich aus meinem Versteck jagen und dann einfach so verschwinden, ohne mir zu sagen wer du bist. Außerdem hast du gerufen: Ich gehe nicht. Also kannst du auch nicht gehen.“
Er war so goldig. Und wie recht er hatte. Mila bückte sich zu dem Hasen hinab. „Ich bin …“
Angst ließ sie erneut stocken. Sie sah in die großen, blauen Augen. Vor ihr saß ein Tier, rein und klar. Ein Geschöpf des Waldes. Und dieses Geschöpf hatte ziemlich große Angst. Ein Hasenohr zitterte schon wieder. Es würde nichts geschehen, wenn sie ihren Namen aussprach.
Sie räusperte sich. „Mila. Ich bin Mila.“
„Und ich heiße Bamper.“
Wo gehst du nicht hin?“ Die Hasenohren stellten sich neugierig nach vorne.
„Ich gehe nicht ins Dorf.“ Milas Bauch zog sich zusammen, wenn sie nur schon daran dachte. Die Menschen, Egon, der Zwerg.
Bamper nickte eifrig. „Gut. Sehr gut. Da sollst du auch nicht hin. Keinesfalls. Das wäre schrecklich, fürchterlich, kaum auszudenken wäre das, wenn du zu den Menschen gehen würdest. Sie sind die Allerschlimmsten!“
Mila räusperte sich. „Darf ich dich darauf aufmerksam machen, dass ich auch ein Mensch bin?“
„Du doch nicht.“
Mila lachte und breitete die Arme aus. „Ich bin ein Mensch!“
„Ich meine, du bist doch nicht gefährlich.“
„Woher willst du das wissen? Du kennst mich gar nicht.“
Der Hase hoppelte einen Schritt aus seiner Deckung hervor und sah Mila ernst an. „Das erkenne ich sofort. Du hast ein gutes Herz.“
„Bamper, du bist so süß!“
Der Hase holte empört Luft.
Schnell warf Mila ein: „Verzeih, ich meinte, goldig … nein, herz... – einfach charmant. So, wie es sich für einen stattlichen Hasenmann gehört.“
„Natürlich“, nickte der Hase. „Genau das bin ich. Und du bist sehr schlau, weil du nicht zu den Menschen gehst.“
„Eigentlich muss ich ins Dorf gehen.“ Mila senkte den Blick.
„Dann bist du dumm“, stieß Bamper aus. „Menschen sind schrecklich.“
„Ja …“
Mila sah wieder den rotbärtigen Egon vor sich. Seine Sklavin auf Lebzeiten, wenn herauskäme, dass Oma tot war. Doch innerlich hörte sie die Drohung des Zwerges. Bis Sonnenuntergang bringst du deine Waren in meinen Laden. Ich weiß, wo du wohnst. Mila schauderte.
„… aber ich muss gehen.“
„Weshalb?“
„Weil der Zwerg sonst zurückkommt und etwas entdeckt. Dann bin ich … verloren.“
„Versteck dich im Haselstrauch.“
„Ach, Bamper.“ Mila schüttelte den Kopf. „Das hilft nichts.“
„Dann fliehe. Es gibt noch andere Wälder.“
„Du kennst doch die Menschen. Eine junge Frau ist Freiwild. Nur wenn ich wie Oma bin, eine Heilerin, bin ich hier sicher. Und nur hier in Rielau.“
Der Hase machte einen Hüpfer auf sie zu. „Was kann der Zwerg denn Schlimmes entdecken?“
„Das …“, Mila spürte, wie Tränen in den Hals hinaufkrochen, „… ist ein Geheimnis.“
„Verstehe.“ Bamper blickte nach unten. Dann schüttelte er den Kopf. „Das ist nicht gut.“
„Was?“ Mila schluckte.
„Ich mag Geheimnisse nur, wenn ich sie kenne.“ Bampers Augen sahen sie ernst an.
In Mila tobte es. Sie konnte es ihm nicht sagen. Es war zu gefährlich. Er konnte sprechen. Er konnte es ausplaudern. Die Tränen stiegen bis zu ihrer Nase. „Ich kann dir nicht davon erzählen.“
Bamper nickte. „Und was sagt deine Oma, die Heilerin, dazu? Sie will bestimmt nicht, dass du zu den Menschen gehst.“
Nun stiegen die Tränen bis zu den Augen. Mila blinzelte. „Ich weiß nicht, was sie will.“
Wie gerne würde sie Oma um Rat fragen. Wie gerne würde sie in ein Haus kommen, in dem Oma sie erwartete. Der Duft nach warmem Kräutertee. Sie würde Oma ihr ganzes Herz ausschütten. Würde in das Gesicht mit den wunderschönen Falten schauen und würde verstanden werden. Ja, Oma würde sie verstehen. Doch da war keine Oma zuhause. Kein freundliches Gesicht. Kein warmer Kräutertee. Mila erwartete eine leere Hütte. Vollgestopft mit Fragen, was sie tun sollte.
Nun wollten die Tränen endgültig herausbrechen. Direkt vor Bamper. „Ich muss gehen.“ Schnell drehte Mila sich um und wischte sich mit einer fahrigen Bewegung über die Augen. Der Hase sollte sie so nicht sehen.
„Aber du wirst nicht zu den Menschen gehen, versprochen?“ Ein Zittern klang in Bampers Stimme.
„Ich … ja … nein … ich kann nicht!“
Sie konnte nicht darüber reden und sie konnte auch nicht bleiben.
Mila rannte los. Weg von dem Hasen. Er verstand einfach nicht. Mila wusste selbst nicht was sie machen sollte. Was, um Himmels Willen, sollte sie bloß tun? Keine Oma. Da war nur Mila, Mila, Mila.
Sie erreichte ihre Hütte, riss die Tür auf und stürzte ins Innere. Kaltes Nichts schlug ihr entgegen. Ein Sturm von Fragen preschte auf sie ein.
„Ich kann nicht“, schrie sie in die Stille. „Ich kann einfach nicht!“
Vor ihr stand ein Regal, in dem die schönsten Tinkturen und Salben standen. Fein säuberlich aufgereiht. Kräuterbündel hingen von der Decke. Mila hatte nie aufgehört, womit Oma begonnen hatte.
Zwei grüne Flaschen standen vor Mila auf dem Regalbrett nebeneinander. Weidenrindentinktur. Die Leute übertrieben es, wenn sie es Lebenselixier nannten, doch es war gut gegen das böse Fieber, Schmerzen und eitrige Wunden. Und die Herstellung war aufwändig. Beide Flaschen hockten da und reckten sich in die Höhe wie Hasenohren.
„Verstehst du, Bamper?“, schrie Mila sie an. „Ich kann nicht hingehen. Ich kann einfach nicht. Ich kann auch nicht hierbleiben, sonst deckt Ignaz alles auf. Der Rote Egon ist schrecklich, weißt du? Er ist der Mann meiner verstorbenen Tante. Auch seine zweite Frau ist gestorben. Bei der Geburt des fünften Mädchens. Die älteren Mädchen, Jutta und Lilly, waren gerade erst fünf und vier Jahre. Egon hat sie angeschrien, sie sollen nicht um ihre Mutter flennen, sondern aufs Feld gehen und arbeiten. So einer ist das, Bamper. Und Egon hat schon einen Mündel. Radomil. Ein bisschen älter als ich. Als ich noch im Dorf gelebt habe, haben wir zusammen gespielt.
Aber Radomil ist nicht frei. Er ist erwachsen, aber er ist nicht frei, Bamper. Er ist ein Sklave, Sklave, Sklave! Weil Egon ihn nicht in den Kreis der Erwachsenen aufnimmt. So einfach ist das. Er lässt das Ritual weg, durch das Radomil als erwachsen gelten würde. So muss er weiter für Egon schuften.
Bamper, zum Donnerwetter nochmal!“ Sie fuhr mit den Fäusten durch die Luft. „Ich will keine Sklavin von Egon sein!“
Es hatte keinen Zweck. Es hatte überhaupt keinen Zweck. Sie konnte die Flaschen noch so anschreien, Bamper würde sie nicht hören. Mila warf ihre Hände energisch in die Luft und drehte sich um.
Es rumpelte. Ein Klirren durchzuckte das Haus. Mila wandte sich um. Eine der grünen Flaschen war auf den Boden gefallen und zerschellt. Langsam breitete sich eine braune Flüssigkeit auf den Holzdielen aus.
Mila biss sich auf die Lippen. Jetzt hatte sie nur noch eine Weidentinktur. Nur eine der Flaschen, die Kriemhild unbedingt haben wollte.
Mit einem Schnauben bückte sich Mila und sammelte geräuschvoll die Scherben ein. Sie begann die Brühe aufzuwischen. Bis unter das alte Regal in der Abstellecke war sie geflossen. Dort, wo der große Schmelztiegel stand. Seit Omas Tod hatte Mila ihn nicht mehr zur Hand genommen. Zum Schmelzen hatten sie ihn noch nie verwendet. Er hatte als Versteck für die spärlichen Münzen gedient die sie besessen hatten. Oma hatte ihn immer mit einem geheimnisvollen Lächeln geöffnet und einen Beutel herausgenommen, bevor sie ins Dorf gegangen waren.
Ein innerer Impuls ließ Mila den Schmelztiegel hervornehmen. Sie öffnete den Deckel und schaute hinein. Der Münzbeutel lag genauso da wie früher. In der Mitte des Bodens. Und da lag noch etwas. Hell und lang. Wie … Mila griff hinein. Eine Pergamentrolle. Ein rotes Band hielt sie zusammen. Mit einer fein säuberlichen Schlaufe zugebunden. So, wie nur Oma die Schlaufen machte.
Mila spürte ihren Herzschlag im Hals. Sie setzte sich auf den Boden. Mit zitternden Fingern löste sie die Schlaufe. Langsam entrollte sie das Pergament.
Oma. Sie würde diese Schrift aus tausend anderen erkennen. Es war die Schrift, deren feine Schwünge ihr vertrauter waren als der Wald. Die Schrift, mit der sie lesen gelernt hatte. Es war die Schrift von Omas Liebe. Sie musste schon sehr krank gewesen sein, als sie die Worte geschrieben hatte. Die Buchstaben rutschten auf den Linien auf und ab. An manchen Stellen war die Tinte verwischt. Das wäre Oma früher nie passiert. Mila hielt in ihren Händen eine Botschaft, die Oma in den letzten Tagen ihres Lebens geschrieben hatte. Eine Botschaft für sie. Kaum wagte sie zu atmen, als sie zu lesen begann.
Meine liebe Mila,
wenn du diese Zeilen liest, bin ich hinüber gegangen in das andere Reich. Und doch werden meine Gedanken und meine Kraft immer bei dir sein. Vergiss das nie.
Bestimmt hast du diese Nachricht gefunden, weil du ins Dorf gehst, um Waren einzutauschen. So, wie wir es immer gemacht haben. Das ist gut. Geh unter Menschen, liebe Mila. Rede mit ihnen, lache mit ihnen und tanze mit ihnen.
Doch sage niemandem, wo du wohnst und verrate keinem, dass ich gestorben bin. So lange, bis du 16 bist.
Nimm dich in Acht vor der Falschheit und vor den Schatten des Bösen. Sie werden zunehmen, mein Kind und ihre Kraft wird immer größer werden.
Wenn du jetzt ins Dorf gehst, geh zu den drei Buchen. Gehe zur Mittleren und achte auf eine krumme Wurzel. Darauf ist eine Kerbe eingeschnitzt. Unter der Kerbe befindet sich ein Schatz. Es ist ein Schatz, der dir Kraft verleihen wird. Der dich schützen wird gegen das Böse. Ein Schatz, den schon deine Mutter für dich versteckt hat. Weder mein Sohn noch ich haben ihn jemals berührt. Es ist dein Schatz. Nimm ihn an dich und trage ihn bei dir. Er dient zu deinem Schutz.
Wenn du das tust, mein liebes Kind, bevor du 16 Jahre bist, wird dir nichts geschehen. Dann habe ich keine Angst, denn ich weiß, dass du stark genug bist alles zu überwinden, was auf dich zukommen wird.
Und jetzt, mein liebes Kind, verbrenne dieses Pergament. Behalte die Worte in deinem Herzen. Und dann, kleine Mila, ab mit dir. Spring mit dem Wind, hüpfe im Regen und tanze im Licht.
Meine Liebe begleitet dich.
Deine Oma
Immer und immer wieder las Mila die Worte. Sie sah Omas gebückte Gestalt, während sie schrieb. Eine graue Haarsträhne hing ihr ins Gesicht und die Hand, die den Griffel hielt, zitterte. Falten zierten ihre Augenwinkel und ein geheimnisvolles Lächeln lag auf ihrem Mund. Oma.
Ein Tropfen landete auf dem Pergament und hinterließ einen nassen Fleck. Erst jetzt merkte Mila, dass sie weinte.
Spring mit dem Wind, hüpfe im Regen und tanze im Licht. Mila würde noch heute ins Dorf gehen. Einen Tag vor ihrem 16. Geburtstag. Sie würde zu den drei Buchen gehen und wenn niemand in der Nähe war, würde sie den Schatz ausgraben. Ihr Schutz. Im Dorf würde sie mit den Menschen reden, lachen. Sie würde Omas alte Freundin Hedwig besuchen. Wie früher. Die alte Hedwig im Schaukelstuhl. Und sie würde dem Zwerg sein Lebenselixier in den Laden bringen, mit einem Lächeln.
All das würde sie tun und die ganze Zeit über würde Oma bei ihr sein. Meine Liebe begleitet dich. „Ja, Oma“, flüsterte Mila und strich liebevoll über das Pergament, „deine Liebe kann mir niemand nehmen, auch nicht der Tod.“
Langsam stand Mila auf. Sie trat an den Kamin, entfachte ein Feuer und hielt das Pergament darüber. Sie sah zu, wie die Flammen gierig danach griffen und es zerfraßen. Das Pergament löste sich in einen Feuerwirbel auf. Asche segelte nach unten. Zerfiel in der Glut. Omas Liebe hingegen blieb tief und groß in ihrem Herzen.
Mila stand auf. Sie packte die grüne Flasche mit der Weidenrindentinktur, ein paar Salbentiegel und einige Kräuterbündel in ihren Korb. Sie griff nach Omas rotem Tuch und schlang es um ihre Schultern. Dann verließ sie die Hütte und machte sich auf den Weg ins Dorf.
Hier durch.“ Die Ratte sauste um die Ecke. Ignaz hatte Mühe mit dem Ungeziefer Schritt zu halten. Schon die ganze Zeit hetzte es über die Waldwege und nun durch die Gassen dieser toten Stadt. Die Straßen waren leergefegt. Nur der Wind blies um die Ecken. Wie diese Ratte.
Eigentlich betrat man Stiegard nicht. Eigentlich war diese Stadt verflucht, hieß es. Und eigentlich machten Dorfbewohner und Reisende einen großen Bogen um sie.
Doch heute nicht. Heute war der Tag vor der Wintersonnenwende. Heute kam die längste Nacht. Das Hoch der Dunkelheit. Es war die Nacht, in der die toten Mauern Stiegards mit Leben erfüllt werden würden. Denn dieser abgelegene Ort war der Ort, den die Windhexe sich für die diesjährige Versammlung ausgesucht hatte. Die große Versammlung mit all ihren Anhängern.
Wie sehr wünschte sich Ignaz dabei zu sein. Diese Macht zu spüren. Ein Teil davon zu werden. Diesmal würde es klappen. Ganz bestimmt.
„Beweg die Beine, du alter Sack.“ Die Ratte wuselte einmal um ihn herum.
„Blödes Vieh!“, keuchte er. Zwergenschritte waren feste Schritte. Nicht so ein Getrippel wie bei dem Nager. Doch Ignaz wusste, dass seine Schritte nicht fest, sondern todmüde waren. Zäh bewegten sie sich fort, wie die knorrigen Äste einer alten Eiche. Sein Herz blubberte vor Anstrengung und sein Atem pfiff wie ein Vögelchen. Gar nicht zwergenhaft.
Ignaz schnaubte. „Wer hatte diese blöde Idee“, grummelte er und schnappte nach Luft, „dass man die Hexe erst treffen muss“, ein Keuchen, „bevor man zur Versammlung kommen darf?“
„Du hast Glück, dass du sie hier treffen darfst und nicht bis zu ihrer Stadt nach Hagenort wandern musst.“
„Trotzdem. Eine dumme Idee.“
„Spar dir deine Puste, Alterchen. Komm mit, wir sind bald da.“
„Das sagst du schon seit einer Stunde. So kommen wir nie an und ich kann heute Abend nicht zur Versammlung.“
„Wir wären längst angekommen, wenn du nicht so langsam wärst.“
„Ich erschlage dich gleich!“ Wütend trat Ignaz in Richtung des dreckigen Fellknäuels. Die Ratte flitzte zwischen seinen Beinen hindurch. Ignaz schwankte. Hurtig machte er zwei Ausfallschritte und fing sich wieder auf. Meine Güte, das Vieh hätte ihn beinahe zu Fall gebracht.
Ein Kichern erklang hinter ihm. „Du solltest achtgeben, Opa. Wenn du mich erschlägst hast du niemanden mehr der dich zur Hexe bringt. Dann kannst du in deinem Laden hocken und warten bis du grau wirst. Ach“, fügte sie hinzu und kicherte erneut, „grau bist du ja schon.“
Das war zu viel. Mit einer blitzschnellen Bewegung holte Ignaz aus und packte das Tier am Hals. Er hob es in die Luft. Fett, grau und groß war diese Ratte. Doch jetzt zappelte sie mit ihren vier Beinchen hilflos herum.
„Unterschätze niemals einen Zwerg.“ Triumphierend sah er, wie die schwarzen Rattenaugen hervorquollen und das Vieh nach Luft schnappte.
„Hör mir zu, Nager. An deiner Stelle würde ich jetzt kein einziges Wort mehr sagen. Bring mich zur Hexe und zwar schnell. Sonst drehe ich dir das Genick um. Und glaube mir, bei meinem Zwergenbart, ich werde jemand anderen finden der mich zu Ludetta bringt. Hast du mich verstanden?“
Das Vieh japste noch immer.
Ignaz schüttelte es. „Verstanden?“
Ein Nicken ruckte durch den Rattenkopf.
„Gut“, knurrte Ignaz. „Das wäre geklärt.“
Er öffnete seine Hand, ließ das Tier zu Boden fallen und stellte mit Genugtuung fest, dass es hustete und sich den Hals rieb.
„Los, weiter. Und diesmal im Tempo eines wahren Zwerges.“ Er ließ seine Schritte auf den Boden donnern und stapfte der Ratte nach.
Es war tatsächlich nicht mehr weit bis zum Ziel. Schon sah Ignaz die Ruine. Wie schwarze Zahnstummel im Mund eines Greises ragten ihre Mauern in die Höhe. Rußgeschwärzt prangten sie vor dem grauen Himmel. Als warnendes Symbol des Untergangs einer Macht, einer ganzen Stadt. Passend für das Treffen mit einer Hexe. Ignaz straffte seine Schultern und stampfte die Füße auf den Boden. Kraftvoll marschierte er unter dem verkohlten Torbogen hindurch und überquerte den großen Hof. Hinein in das, was einst ein Saal gewesen war. Nun prangte der nackte Himmel über ihnen. Statt teuren Teppichen klebten Ascheflecken an der Wand.
Vor Ignaz befand sich eine windschiefe Tür, die nur noch in einer Angel hing. Er wusste, dass sich dahinter die Windhexe befand. Die Ratte musste es ihm nicht weisen, er spürte die Macht der Hexe durch seinen Körper spülen, bis zu seinem linken großen Zeh.
Ein Wolf schlüpfte aus der Türöffnung. In geduckter Haltung, den Schwanz tief eingezogen, am ganzen Körper zitternd. Er machte einen verschreckten Bogen um Ignaz und die Ratte und huschte davon.
Ignaz grinste. Die Hexe hatte den Wolf ganz schön verstört. Das war nach Ignaz’ Geschmack.
„Der Nächste“, erklang eine Stimme, durchdringend wie ein Messer und triefend vor Ungeduld.
Ein kurzer Blick um sich, außer ihm und der Ratte war niemand mehr da. Ignaz straffte seine Schultern.
„Los, oder soll ich den ganzen Tag warten?“
Fräulein Ungeduld. Pah. Der Zwerg spuckte aus und ging durch die Tür.
Er hätte sich den Raum prunkvoller vorgestellt. Besser gesagt, es war gar kein Raum, es war ein Garten. Früher zumindest ein Garten gewesen. Jetzt war es ein Durcheinander. Verkohlte Bäume und Sträucher standen herum, von wildem Dornengestrüpp überzogen. Wirklich, er hätte sich den Ort des Treffens mit einer mächtigen Hexe würdevoller vorgestellt.
Wo war Ludetta überhaupt? Ignaz konnte sie nirgends entdecken und doch schlug sein Herz wild, angestoßen von der Macht. Sie war da.
Neben sich ein Rascheln. Die Ratte war an seine Seite gewuselt.
„Du bringst mir einen Zwerg?“, durchfuhr eine Stimme den Garten. „Rasmus, was soll das?“ Vor zwei dürren Baumstämmen flimmerte es. Ignaz blinzelte. Er sah verwaschene Konturen einer Gestalt. Langes, helles Haar. Genau wie das Gewand. Alles flatterte im Wind. Zierliche Arme, ein Gesicht, nur unscharf auszumachen. Frauen mit ihrem Firlefanz. Sie bauschten alles dramatisch auf.
„Rasmus, antworte mir.“
Die Ratte duckte den Kopf. „Er wollte unbedingt. Schon seit vielen Monden fragt er überall herum. Ich dachte, er wäre vielleicht … wenn auch ein Zwerg, aber … ein bisschen nützlich?“
„Du sollst nicht denken.“ Der Firlefanz hatte aufgehört. Die Hexe war jetzt klar zu erkennen. Sie verzog das glatte Gesicht.
„Ein Zwerg, also wirklich. Zu was sollte der mir nützlich sein? Verschwinde Rasmus und nimm das bärtige Ding mit.“
Er hörte wohl nicht recht! In Ignaz brodelte es wie in einem Hexenkessel. Er schnaubte und richtete sich auf: „Ich bin Ignaz der Zwerg“, donnerte er los. „Ladenbesitzer in Rielau und Mitglied des Dorfrates. Ich bin vieles, aber ganz gewiss kein bärtiges Ding. Verscheuchen kann man mich nicht.“
Die Hexe wuchs, doch Ignaz war noch lange nicht fertig. „Und wenn du nicht so eitel wärst, du Weibsstück, dann wüsstest du längst, wie nützlich ich dir sein könnte. Jawohl. Aber du …“
Ein Zischen klang zwischen den Zähnen der Hexe hervor. Ein Keifen. Ignaz stockte. Die Ratte wetzte hinaus, durch die rettende Tür.
Erst jetzt sah Ignaz, wie groß die Hexe geworden war. Ihr Blick schoss Blitze ab wie giftige Pfeile. In der Luft knisterte es zum Zerreißen.
„Ich …“ Ignaz wurde in die Luft gehoben mit reinster Magie. Er schwebte über dem Boden, wie ein zappelnder Grashüpfer im Schnabel eines Vogels. Kälte umschloss seinen Hals. Er schnappte nach Luft und wollte sich aus dem Griff befreien. Verzweifelt fuhren seine Hände zum Hals, um die eiserne Krause wegzureißen, doch er griff ins Leere. Da war nichts, außer Magie.
„Sprich noch einmal so mit mir, Zwerg, und du wirst dich den Rest deines Lebens fragen, was oben und unten ist. Du wirst nicht wissen, ob deine Eingeweide innen oder außen sind und du wirst mich anflehen, dass du sterben darfst. Sprich nie wieder so mit mir, verstanden?“
Ignaz strampelte mit den Beinen. Sie sollte ihn runterlassen.
„Ob du mich verstanden hast.“
Er wurde durchgeschüttelt bis ins Mark. Sie sollte aufhören. Ja, wollte er schreien, doch seine Kehle war zugeschnürt. Er wollte nicken, doch sein Kopf saß fest in der Magie. Ignaz blickte die Hexe an. Ja, rief sein Blick. Ja.
Er wirbelte durch die Luft und krachte auf den Boden. Der Schmerz durchzuckte seinen Körper.
Das war genug. Das war mehr als genug. So hatte er sich die Begegnung mit der Hexe nicht vorgestellt. Zu den Anhängern dieses widerlichen Weibes wollte er nicht gehören. Und die Versammlung konnte ihm gestohlen bleiben. Ein für alle Mal. Er hatte genug!
Ignaz biss die Zähne zusammen, um ein Stöhnen zu unterdrücken. Er rappelte sich auf. Seine Beine stützten ihn nur mit Widerwillen. Die Hände zitterten und in seinem Kopf drehte sich ein Kreisel.
Hinaus. Er wollte raus aus dieser Ruine. Weg von der Hexe. Niemals wollte er sie wiedersehen.
Ignaz schleppte sich durch die windschiefe Tür. Er durchquerte den rußigen Saal und als er über den Hof ging, spürte er, wie ein Rinnsal an Kraft in seine Beine floss. Nichts wie Heim.
Mit einem ohrenbetäubenden Rasseln fiel das Torgitter vor ihm hinunter. Die Wucht ließ Ignaz zurücktaumeln. Der Ausgang war verschlossen.
Zu seiner Rechten erblickte er eine umgestürzte Mauer. Er klettert über die Steine hinweg. Eine Feuersbrunst flammte vor ihm auf. Ignaz wurde zurückgeworfen. Schnell stand er auf, schleppte sich auf die andere Seite des Hofes, um nach einer Lücke in der Mauer zu suchen. Doch wo einst eine Ruinenwand war, standen nun kräftige Steine mit blitzenden Eisenspitzen.
