Das Kind mit den sieben Namen - Georg Maria Hofmann - E-Book

Das Kind mit den sieben Namen E-Book

Georg Maria Hofmann

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Beschreibung

Das Familienepos nimmt seinen Lauf in der ungarischen Provinz der 1930er-Jahre, wo der Autor - damals noch ein Mädchen - zur Welt kommt. Nach und nach werden Haupt- und Nebenfiguren der Familie eingeführt und durch spannende Anekdoten zum Leben erweckt. Verzwickte bis problematische Verwandtschaftsverhältnisse kommen zum Vorschein, persönliche Erfahrungen erzählen Zeitgeschichte. Zuweilen verwischen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, phantastische Figuren tauchen auf. Es kommt zu Zeitsprüngen. Von den Dreißigern landet man im Jahr 1956, als ein Teil der Familie von Ungarn nach Österreich flüchtet oder in der Zukunft, als die Eltern nach Australien auswandern.

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Seitenzahl: 305

Veröffentlichungsjahr: 2023

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INHALT

KAPITEL I

GYURIKA ALS VATER

KAPITEL II

DIE FLUCHT NACH ÖSTERREICH

KAPITEL III

VERBOTENE LIEBE

KAPITEL IV

GUNTER LADURNER, JOSEF KARL KOLOS HECKENAST, HELEN KOMAROMI

KAPITEL V

DIE SIEBEN WORTE CHRISTI AM KREUZ

KAPITEL VI

PLATINI PLASCHEK UND SEIN SOHN ROBERTCHEN FRIEDA UND GRETL LEIDER, EDLE VON TARPATAK, DIE BESTEN PARTIEN DER STADT ARRABONA

KAPITEL VII

ETELE IN GRIECHENLAND MANOS FALTAITS, DIE EINSAMEN FREUNDE

KAPITEL VIII

EURYDIKE, DIES IST MEIN RUF JETZT

KAPITEL IX

DER MOND IST AUFGEGANGEN

KAPITEL X

FRÜHLINGSLIED

KAPITEL XI

CIVEZZANER ERINNERUNGEN

KAPITEL XII

KÖNIGSKINDER

KAPITEL XIII

ABSCHIED VON DEN ELTERN

KAPITEL I

GYURIKA ALS VATER

„Jawohl, auch ein Fötus hört gewisse Töne bereits im Mutterleib: das Pumpen des Herzens seiner Trägerin: ein Grundrhythmus, und, wenn er hellhörig ist, auch Töne von Musik; in der Nähe einer Kirche die Glocke und in der Nähe der Kaserne den Zapfenstreich – vorausgesetzt, dass das Wachsen und Gedeihen in dem mütterlichen Dunkel auf dem Gebiet der Monarchie stattfindet, und vor allem in Ungarn, das nach 1918 noch bis Kriegsende ‚Monarchie spielte’, eine eigenartige Monarchie ohne König, doch mit einem Marine-Admiral an ihrer Spitze, dies in einem Land ohne Meer.“ Aus G. M. Hofmann: „Der Auftritt des linkshändigen Dichters Alexander Galajda“

Teleky Straße

Der Kasperl

Von den Geschwistern meiner Mutter war mir damals Eva die liebste. Sie war die jüngste ihrer Schwestern, nur elf Jahre älter als ich, ein fröhliches, junges Mädchen. Sie bastelte mir einen lustigen Kasperl. Ich liebte diesen Kasperl sehr und zerrte ihn überallhin mit, vor allem in den Hof der Wohnung in der Teleky Straße, der mit seinen zahlreichen Löchern, Pfützen und gespenstischen Gebilden eine große Anziehung auf mich ausübte. Aber auch gefährlich war der Hof, und zwar wegen der vielen größeren Burschen, größer als ich. Sie waren die Söhne unserer Nachbarn. Besonders erinnere ich mich an die Brüder Dominik, die zu dritt waren und an dem Holzverbau vor unserem Fenster ständig auf und ab rannten und dabei einen Höllenlärm erzeugten. Gyurika, mein Vater, versuchte sie zur Ruhe zu bringen und deutete immer auf mich, was mir besonders peinlich war. Instinktiv wollte ich bei den Dominik- und Tobias-Brüdern als grobschlächtig und robust gelten. Auch dachte ich, dass das zielführender wäre. Denn Gyurikas Mahnungen zeigten keine Wirkung. Überhaupt, Gyurika ...

Mir kam es so vor, dass die wilden Knaben auf unserem Hof keinen Respekt vor ihm hatten. Auf dem einzigen Tisch in unserer Küche badete er in einer Blechschüssel die Schreibmaschinen – die Continentals, auch die Adlers, die Underwoods – in Benzin. In dieser Küche wurde er immer wieder von den bösen Buben gestört, wenn sie nach einer unheilschwangeren Ruhe plötzlich in ein Siegesgeschrei ausbrachen, was in ihm eine närrische Angst um sein Kind, um mich, erweckte, da er glaubte, dass sie in mir ein ohnmächtiges Opfer, ein Mädchen – das Mädchen als Steigerung der Ohnmacht – entdeckt hätten, das sie jetzt quälen konnten. So stürzte er aus der nach Benzin stinkenden Küche und schrie: „Jetzt habe ich euch erwischt!“ oder „Wartet mal, wartet mal!“, und mit einem Sprung stand er im Hof. Retten konnte er mich allerdings nicht, denn ich war, meiner harmonischeren Natur gemäß, wahrscheinlich auf der Flucht vor dem verhassten Benzingeruch, schon über alle Berge.

Von der Teleky Straße aus gesehen war die Neue Welt Straße nur ein Katzensprung entfernt. Hier wohnte meine Oma. In der Zeit, die ich hier beschreibe, war sie noch bei der Post als Telefonfräulein, dabei war sie damals schon um die sechzig. Ein sechzigjähriges Fräulein nach acht Geburten, mit sieben lebenden Kindern. Als wenn die Sprache nur zur Verspottung meiner Oma da wäre.

Seitdem ihr Mann im Krieg war, verdiente sie allein für die Familie Geld, nahm die lächerliche Berufsbezeichnung Telefonfräulein auf sich, steckte die erbärmliche Bezahlung Monat für Monat ein und bestritt aus dem Minimalbudget ihren Haushalt. Nur am Ende eines jeden Monats schickte sie die älteste Tochter (meine Mutter) zu der Spezerei runter und ließ sie um Stundung bitten, und zwar für 1 dkg Fett. Wirklich für 1 dkg Fett, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, wofür sie allerdings von meiner Mutter gehasst wurde.

Großmutter mütterlicherseits

Aber die Geschwister Lichter waren noch ärmer als sie. Die Lichter-Geschwister mit ihrem Leiterwagen, auf den sie alles aufhäuften, was sie mit ihren Händen erreichen oder vom Boden aufheben konnten. Denn die Geschwister Lichter waren sehr klein, wahrscheinlich auch sehr alt damals. Aber was auf mich den meisten Eindruck machte, war ihre totale Stimmlosigkeit, mit der sie, jeder Verständigungsmöglichkeit bar, ihren Leiterwagen mit großem Geschick vor sich herschiebend und hinter sich herziehend, eine tänzerische Darbietung vortäuschten. Meine Oma schätzte diese Darbietung sehr, und wenn sie an ihrem Fenster vorbeifuhren, klopfte sie an das Glas. Die Geschwister Lichter blieben stehen, und meine Oma steuerte auf der Neuen Welt Straße auf sie zu. Ich bin sicher, dass sie einen guten Bissen mitnahm, den sie ihnen dann diskret zusteckte. Diese bedankten sich durch eifriges Kopfnicken.

Mein Großvater indessen schaute aus dem Fenster wie aus einer Loge zu. Damals kam es mir so vor, dass eigentlich er der Auftraggeber dieser Aktion sein musste. Warum? Mein Großvater, der entflohene Banater-Schwabe, der daheim auf dem Hof seines Vaters in Perjamos nicht arbeiten durfte, weil er zu klein und zu schwach war, der in die weite Welt ging ...

Mein Großvater ging auf seiner Wanderschaft exakt bis Györ/Arrabona. Da verliebte er sich in meine Oma.

Mein Großvater, der ehemalige Frontsoldat, der keinen Pfennig Entschädigung bekommen hatte für die verlorene Zeit, für die verschiedenen Gebrechen, die er in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges bei Przemysl, Isonzo, Verdun zusammengesammelt hatte. Und jetzt, da langsam der Krampf der Kriegserinnerungen nachließ, heute bequem beim Fenster sitzend, zu seiner Gattin mit einem überlegenen Lächeln runterschauend, während sie, meine Oma, inzwischen eine teigige Frau, ganz in Trauer um ihre einstige Schönheit, ihm alles, aber auch alles erlaubte, weil er einmal so ein schöner kleiner Mann gewesen war.

Nach der Schlacht um Przemysl brachte meine Oma ihren Gatten im Militärspital unter.

Ich unterbreche dich. Großvater! Rede nicht daneben! Wo ist deine überlegene Klugheit? Wo ist unser Eckhaus, das du uns bauen wolltest? Was ist aus deinem geerbten Vermögen geworden? Kriegsanleihen! Angelegt zu Gewinn – alles dahin. Ja, Win-Win ...

Das Kind mit Tante Rosa

Und hier sah ich meinen Großvater, wie er sich nasse Lappen um die rechte und linke Hüfte wickelte. Das war eine pseudomedizinische Selbstbehandlung gegen Rheumatismus. Hast du uns wirklich nur Gewinn eingebracht, Großvater? Nur Gewinn, deiner Familie, deinen Kindern, deinen Kindeskindern?

Mit meinen drei Jahren kletterte ich die Treppe hinauf, zur Wohnung meiner Großmutter in der Neuen Welt Straße. Rechts war die Tür zu ihrer Wohnung, links die Tür der „schlechten Tanten“. Das waren, wie ich später erfuhr, Prostituierte. Geradeaus war das einzige Klo der Etage. Das tröpfelte. Die Tropfen fielen auf den darunterliegenden offenen Hof und mitunter auf den Kopf der unten Vorbeigehenden. Dieses Klo benutzte ich nie. Das war für mich wie ein Gesetz.

Wenn ich bei meiner Oma klopfte, machte meist meine Mutter die Tür auf. Im Hintergrund stand Tante Rosa. Ich erinnere mich, dass meine Mutter mit verweinten Augen traurig dreinschaute. „Hältst du es noch aus?“, fragte Tante Rosa sie sehr besorgt. „Soll ich Anya etwas sagen?“

„Ach nein .... Ich habe Gyurika nun einmal geheiratet. Mitgegangen, mitgefangen. Anya, mit ihren acht Geburten. Ich bin da total allein. Und du kannst mir auch nicht helfen“, sagte sie plötzlich ganz feindselig. „Vergiss nicht, was du mir selbst erzählt hast. Das respektlose ... Grapschen an deinem Hintern. Nur weil du meine Schwester bist.“ Und die zwei Schwestern umarmten sich und weinten einträchtig und hoffnungslos.

Eva, die jüngste Schwester meiner Mutter, hatte mir also einen prächtigen Kasperl gebastelt. Den hatte ich wirklich gern. Mit den sechs Puppen, die Gyurika mir mittlerweile geschenkt hatte, wollte ich nicht spielen. Den Kasperl aber, den zerrte ich überall mit mir. Es war kein Wunder, dass die Leute bald merkten, dass der Kasperl und ich dicke Freunde waren. Eines Tages war der Kasperl plötzlich weg. Ich konnte das nicht verstehen. Tagelang habe ich nach ihm gesucht. Auch in unserem Hof. Umsonst. Gyurika ging mir aus dem Weg. Meine Mutter dagegen war mir immer im Weg. Ich bin mir sicher, dass sie in diesen Tagen nicht einmal zur Wohnung meiner Oma ging, um sich bei Tante Rosa auszuweinen. Meine Mutter sagte zu mir in den Tagen des ewigen Suchens scheinheilig und belehrend in einem fort: „Siehst du, das kommt dabei heraus, wenn man schlampig ist.“ Ich war aber nie schlampig, das wusste ich ganz bestimmt. Ich war total betreten und suchte weiter.

Das Kind im Hof der Czuczor Gergely Straße

Was wirklich geschehen war, erfuhr ich allmählich, besonders durch ein Gespräch der Eltern im Schutze der Nacht. „Doch du willst nicht zugeben, dass du den Kasperl des Kindes verheizt hast.“ Hier folgte trotziges Schweigen. Nach diesem Schweigen kam der Satz: „Du hast also den Kasperl verbrannt!“

„Wieso darf hier dein sauberes Schwesterchen herrschen?“, brach aus Gyurika die Empörung heraus.

Meine Mutter stand mitten im Bett auf, und auf uns, auf mich als ihr Kind und auf ihn als ihren Mann, fielen ihre schweren Worte als unwiderrufliches Urteil: „Gyurika, du bist geisteskrank!“ Darauf folgte eine lange Pause.

Und mir kamen allerlei bewusste und unbewusste Bilder in den Sinn, von meinem Großvater väterlicherseits, Diplom-Ingenieur Wilhelm Hofmann, der Annika, meine andere Großmutter, für sich gewonnen hatte, die im Schutze der Nacht, wie auch jetzt, zu unserem Fenster schlich und ihr Gesicht gegen die Fensterscheibe drückte. Ihre Augen waren wie Vogelaugen. Ich hörte das Geschrei von wegfliegenden Vögeln.

In jener Nacht konnte ich das von den Eltern Gesagte akustisch verstehen. Dass meine Mutter meinen Vater für geisteskrank hielt, fand ich steil. Ich brachte es in Zusammenhang mit der Ehe meines Hofmann-Großvaters mit Annika, was für mich heute noch seine Gültigkeit hat. Die waren eigentlich alle geisteskrank.

So etwa: Onkel Gyula und seine ungetreue Gattin

Tante Baba

Die versteinerte Tante Olga

Tante Onkel Onkel Tante

Der Familienvater

Gyurika fand, dass er ein ausgezeichneter Familienvater sei. „Ich trinke nicht, ich rauche nicht, ich geh’ nicht in gewisse Häuser, ich schlage meine Frau nicht“, pflegte er immer zu sagen.

„Das unendliche Rondeau“, sagte Mori dazu. Mori, das einzige, ängstlich behütete, gleichsam täglich geschlagene Kind des Ehepaares. Allerdings kamen die Schläge, welche Gyurika Mori verpasste, aus der äußersten Hilflosigkeit in seinem mangelnden Selbstbewusstsein als Vater, oder vielmehr aus der ununterbrochenen Infragestellung dieses Selbstbewusstseins durch Mori. Schon die Tatsache, dass das schmächtige Kind mit der durchsichtigen Haut an den Schläfen, die blauen Äderchen wenig zudeckend, so dass fremde Leute auf der Straße ihre Sorge über Gyurikas Kind äußerten: „Es wird nicht lange am Leben bleiben, siehst du die Äderchen an seiner Schläfe?“ ... dieses Kind war nicht bereit, wie jedes andere anständige Kind zu weinen, wenn Gyurika und auch Dolores ihn in plötzlicher Wut auf den Hinterkopf schlugen. Warum tat Gyurika das, und warum tat vor allem die Mutter das auch? Nun, Mori ahnte gewissermaßen warum. In der Schule wurde Mori die Linkshändigkeit nicht ausgetrieben, wie die Eltern dies erwartet hätten. Jetzt schrieb er also weiterhin mit der linken Hand, wie er auch mit der linken Hand zeichnete.

„Aber damals warst du noch im Kindergarten.“

„Und jetzt bin ich in der Schule, und meine Lehrerin, Ilus Neni, hat mir gesagt, dass ich von Natur aus Linkshänder bin. Lass mich in Ruhe.“ Dem folgte immer ein Schlag, wie gesagt auf den Hinterkopf, und ein vernichtender Blick seitens Mori auf den Vater, den er einfach nur Gyurika nannte.

Da Gyurika von einem normalen Kind Tränen erwartete, keinen durchdringenden Blick, musste er den nächsten Schlag verabreichen. Mori sagte nur so etwas wie „die Ohnmacht der Erziehung“. Das fand Gyurika noch weniger „normal“. „Das Kind wird in der Schule total verdorben“, sagte er. „Es weint nicht, wenn ich es schlage“.

Da Mori in der ersten Klasse war und es vorkommen konnte, dass er in dem dreigeteilten Schreibsystem ein zu dickes O in der mittleren Bahn oder ein zu langes oder kurzes L in der mittleren und oberen Bahn zeichnete, gab es so unmittelbare Gründe für Gyurika, seine Schläge zu erteilen, denn in der Tiefe seiner Seele setzte er voraus, dass Mori alles konnte, etwa bereits mit sechs Jahren einwandfrei schreiben. Daher fand Gyurika, dass alles, was kürzer oder länger geriet, nur zur Verspottung des Vaters dienen sollte oder Trotz war oder einfach Nicht-Wollen oder Nicht-richtig-machen-Wollen, um den Vater zu ärgern. Und dann stellte er sich die Frage: Wieso, wo ich doch so ein guter Familienvater bin? Und er zählte wieder auf, dass er nicht trank, nicht rauchte, usw. Und dann nannte er ein Beispiel für einen schlechten Familienvater. „Ihr kennt doch diesen, diesen … – wie heißt er doch noch? – … diesen Offizier der Reserve, der nie im Krieg war und dennoch in der Uniform defiliert ..., das ist gar kein Ausdruck ..., wie ein Pfau, und dann die Gattin mit den zwei Töchtern.“

Hierzu bemerkte Dolores kühl, dass die Gattin ein „Jour fixe“ halte, jeden Mittwoch um fünf Uhr. Mori wurde dazu immer eingeladen. Es war ein großes Stadthaus mit einer Fassade aus Marmor. Eigentlich war es ein Stadtpalais.

„Eine Erbschaft der Frau“, sagte Gyurika immer und war dabei aufgeregt. Dolores wollte wissen, woher er es so genau wüsste, worauf Gyurika geheimnisvoll und unheimlich grinste. „Ich weiß es. Ich habe meine Quellen. Die sind verlässlich ... Und ich weiß auch, dass er ein Spieler ist und dass er seine Familie mit dieser fatalen Leidenschaft in den Ruin treiben wird.“

Eines Tages platzte Gyurika fast vor Freude und Triumph. Man spürte sofort, dass es mit dem Offizier zu tun hatte. „Hat er wieder Karten gespielt?“, fragte Dolores. „Ja, ja, ja, und wie!“, schrie Gyurika fast ekstatisch. Sofern Boshaftigkeit und Ekstase überhaupt miteinander etwas zu tun haben können, bei ihm war diese Kombination möglich. Dann machte er die Andeutung einer Bewegung, als wenn sich jemand eine Pistole an die Schläfe hält. „Bumm!“, rief er und brach in endloses Gelächter aus. Wenn er einen Schuss nachahmte, spritzten Tausende Speicheltröpfchen aus seinem Mund und landeten in Dolores’ Gesicht. Darüber war sie verärgert, aber auch erschrocken. Und weil es hier offenbar um einen Selbstmord ging, sagte sie das Zauberwort: „Das Kind“. Es sollte Gyurika ermahnen, in Gegenwart des Kindes nicht weiterzureden. Nun war es aber schon zu spät, denn die pantomimische Darstellung hatte alles bereits gesagt. Mori wusste außerdem, dass die Gespräche der Eltern erst richtig interessant zu werden begannen, wenn dieses Alarmsignal „Das Kind“ ertönte. Und da die Eltern der deutschen Sprache über diese zwei Wörter hinaus nicht mächtig waren, tuschelten sie in ihrer Muttersprache weiter, für Mori durchaus auch bei geringer Phonstärke hörbar.

Also hatte der Offizier tatsächlich so hohe Kartenschulden gemacht, dass er es nie hätte zurückzahlen können. Das Stadtpalais war auf den Namen seiner Gattin eingetragen. Darauf hatte der Schwiegervater, ein zu Reichtum gekommener Sattlermeister, achtgegeben. Gyurika wollte jedoch die Ereignisse dramatisieren und meinte: „Das mit dem Schwiegervater stimmt nicht, und die Frau hat ihr Stadtpalais auf den Namen ihres Mannes eingetragen, und jetzt wird es versteigert, sie werden vertrieben, und es gibt kein Jour fixe mehr. Das kommt davon, wenn man einen Offizier heiratet.“

Gyurika verwendete – wenn auch etwas verallgemeinernd – dieses Beispiel vom Offizier, der das Haus und Vermögen seiner Frau beim Kartenspiel verlor, immer wieder und stets mit neuen Details angereichert. Mori kam es allmählich so vor, dass in jedem reichen Haus der Familienvater das Vermögen durch Kartenspielen verlor, seine Witwe betteln gehen musste und die Töchter „du weißt schon wo …“ landeten. Dann blickte Gyurika vielsagend seiner Gattin in die Augen – sofern diese es zuließ. Sie war verärgert über die ständig wiederholte Erzählung des verbrecherischen Versagens so vieler Offiziere, das in unserer Stadt ganz und gar unwahrscheinlich war, und wollte von alldem nichts mehr hören.

Mori träumte aber von Spielschulden und vom Duell. Wieso, das war ihm später selbst ein Rätsel, denn der besagte Offizier hatte sich ja umgebracht. Er sah die bettelnde Witwe und die zwei Töchter, die wahrscheinlich in diesem gewissen Haus arbeiten mussten, in das Gyurika ja nicht ging. Etwas Entsetzliches müsse dort mit den zwei vornehmen Töchtern geschehen, von denen Mori die ältere insgeheim verehrte. Und nun wurde die Geschichte für ihn ein immer wiederkehrender Alptraum, noch dazu dergestalt, dass er selbst der Offizier war, der durch Kartenschulden seine Gattin und die größere Tochter der Familie mit dem Namen Maya ruinierte, während seine vornehme Schwiegermutter Tag und Nacht weinend durch die Straßen der Stadt lief und, bereits an Auszehrung leidend, leicht wie eine Tüllschleife (diese hatte sie in guten Tagen auf dem Hut getragen), vom Wind hin und her geworfen oder an Straßenecken bei Zugwind gleich weitergefegt oder gegen Menschen und Gegenstände geschleudert, selbst am Betteln nunmehr gehindert, in einem fort „Pardon, Pardon“ flüsternd, von ihrem Schicksal wie ein Nichts davongeblasen wurde.

Schweißgebadet wachte Mori auf, im Bewusstsein einer tiefen Schuld, welche er bereits in seinem kurzen siebenjährigen Leben vermeintlich auf sich geladen hatte.

Irgendwann später, Mori war bereits etwa 35 Jahre alt, wollte er Nachforschungen anstellen über die wahre Person des kartenspielenden Suizidanten, den er als Kind immer in der weißen Galauniform eines, wie er inzwischen wusste, in seinem Land nicht existierenden Regimentes sah. Die Weiße Garde ... das ist also in Russland gewesen. Er dachte auch an Filme, in denen Offiziere in Weiß ..., da war Gyurika immer sehr eifersüchtig, und es konnte vorkommen, dass er demonstrativ das Kino verließ, Gattin und Kind mit sich ziehend.

Unter Palmen in Marokko

Ein Onkel der Mutter von Mori war Handelsschiffskapitän. Die Familie sprach zu Zeiten der Monarchie von einem Schiffskapitän. Er wurde in Pula ausgebildet. Dorthin wanderte das ganze Geld der urgroßelterlichen Familie. „Der hat alles an sich gerissen“, sagte einmal Gyurika und wurde unterbrochen durch Dolores‘ Zwischenruf „Das Kind!“. Jetzt, im Nachhinein, konnte Mori die Mosaiksteinchen zusammenfügen. Es gab einige Gegenstände, die in der Familie hoch im Kurs standen. Eine so genannte Majolika-Vase bei seiner Großmutter, einen kleinen Elefanten mit Lederpolster auf dem Rücken als Sitzgelegenheit, auf dem er gerne saß, wenn die Eltern in Budapest „Ila“ besuchten.

Ila ließ sich nicht Tante nennen. Sie war Radiosprecherin, weil sie so gut Spanisch konnte. „Das ist ihre erste Muttersprache, weil sie in Marokko aufgewachsen ist“, flüsterten die Geschwister von Dolores. Ila galt als mondän. Besaß eine eigene Wohnung, hat nie geheiratet, doch ihr Lebensgefährte war ein „sehr ordentlicher, wenn auch sehr wenig attraktiver Mann“. „Mann“ wurde betont. Es hieß, er sei eben „nur ein Mann“ und kein „Herr“ und dass ein weltgewandter Gentleman zu Ila besser passen würde. Dolores sagte nichts dazu. Sie war offenbar der Ansicht, und das wurde Mori zunehmend immer deutlicher, dass in erster Linie sie selbst einen weltgewandten Gentleman verdient hätte.

Die etwas dümmliche Kati behauptete, dass alle ihre Schwestern – also darunter auch sie – einen weltgewandten Gentleman verdienten. So einen, wie Onkel Ferci (der Schiffskapitän) seiner Schwester Aranka verschafft hatte. Er hieß Dr. Carlos Suarez Pinto und war spanischer Generalkonsul in Marokko.

„Ich habe ihn einmal gesehen“, vergaß sich Dolores. Und Ila konnte dort monatelang als Gast verweilen, das machte nichts aus, Geld war vorhanden. So war sie auch dort, als das Unglück geschah. Unter Palmen sitzend wurde die Lieblingsschwester des in Pula ausgebildeten Schiffskapitäns, nun die Gattin des Generalkonsuls, von marokkanischen Einheimischen bedient. Zwei Frauen fächelten ihr Kühlung zu, eine fragte nach der Speisekarte, ein „Boy“ brachte ihr Erfrischungen. Zwei Frauen passten auf ihr Kind auf, den zweijährigen Carlo. Ein Chauffeur wartete auf ein Zeichen, dass sie ihre persönlichen Besorgungen machen wolle. „Marokko“, sagte Dolores. Und Mori wusste, wohin der Geist seiner Mutter seine unerlaubten Ausflüge machte, wenn sie – wie geistesabwesend – die enge, einfache Wohnung betrachtete, die sie in Ordnung halten musste, und wenn sie an den kleinbürgerlichen Speiseplan dachte, den sie allein umsetzen musste, und an den geschwätzigen, meist auch boshaft scheinenden Ehemann, dem sie zuhören musste. Marokko unter Palmen, Dienerinnen – das alles war ja ihr Traum, auch wenn sie behauptete, nur die Blumen, die Blumen, die man dort sehen konnte, würden ihr fehlen. Nüchtern stellte Tante Duci dann fest, dass der große Aufstieg von Tante Aranka überaus schlecht endete. Auf das Kind habe die Dienerschaft eine Schlange angesetzt. Carlo war binnen eines Nachmittages gestorben. Aranka selbst „drehte durch – verständlich“. „Jede Mutter dreht durch, wenn auf ihren Sohn eine Schlange angesetzt wird“, wagte Gabili zu sagen – er beugte sich dabei ständig vor, wie bei einem befremdlichen Gottesdienst oder einer Zeremonie. Er rieb sich die Hände, als hätte er ein großes Geschäft abgeschlossen. „Bowl“, hieß es dann. Gabili wurde – wie fast immer – aufgefordert, zu schweigen und nicht mit einem krummen Rücken dazustehen. „Wir sind doch keine orthodoxen Juden“, meinte Kati.

„Was heißt hier orthodox? Wir sind überhaupt keine Juden“, erwiderte Dolores. Und sie fügte dann gleich hinzu: „Nicht, dass ich etwas gegen Juden hätte. Die Kundschaft meines Mannes besteht zu mehr als fünfzig Prozent aus Juden. Weil er einen deutschen Namen hat, denken sie, dass er einer von ihnen ist.“ – „Hofmann, wie kann man nur Hofmann heißen?“

Ein Vorwurf, der in unserer Familienkonstellation grotesk war. Großvater väterlicherseits hieß Wilhelm Hofmann, Großvater mütterlicherseits Stefan Martin, und die von ihm geheiratete Großmutter hieß mit Mädchennamen Theresa Fritz. „Hofmann ist nicht schlechter als Martin oder Fritz“, sagte Tante Rosa, die zu Moris Mutter hielt und sich als Lehrerin berufen fühlte, jeden absoluten Unsinn zurückzuweisen. Kati wurde daraufhin bockig und sagte, dass die Martins aus Perjamos kamen, einem reichen schwäbischen Dorf in Südungarn. Die Hofmanns kamen aber aus Lemberg in Galizien, „Und dort ist jeder Zweite ein Jude. Das weiß man.“ Hier hielt Tante Rosa daran fest, dass der Großvater Hofmann zu den anderen Zweiten gehörte, die eben keine Juden waren. Nur die Juden wussten es in unserer Stadt anders. „Aber sie sollen denken, was sie wollen, und ihre Schreib- und Registriermaschinen zu Gyurika bringen. In der Stadt sind die Bankiers, Rechtsanwälte und Ärzte zu neunzig Prozent Juden, auch wenn sie jetzt die schönsten ungarisch klingenden Namen tragen und sich vor der Benediktiner Kirche – gegenüber dem Markt – schamlos demonstrativ bekreuzigen“. – „Bekennerisch, wie die ersten Christen“, sagte Tante Duci. Tante Rosa wurde aber bei solchen Gesprächen immer besorgter, und wie Mori später erfuhr, begann sie bereits damals mit der Ahnenforschung, was Gyurika betraf. Denn Gyurika war nun einmal der Mann ihrer Lieblingsschwester und damit auch Moris Vater.

Großvater väterlicherseits

Großvater väterlicherseits, Wilhelm Hofmann, Bahnhofsdirektor von Fünfkirchen, stammte, wie gesagt, angeblich aus Lemberg/Galizien. Letzteres führte zu einer unheilvollen Verdächtigung seitens meiner Tanten mütterlicherseits. Hofmann Gyurika stand ständig unter einer argwöhnischen Beobachtung. Sie alle erwarteten, dass sich eines Tages herausstellen würde, dass er Jude sei.

Wilhelm Hofmann war klein, drahtig, ein guter Organisator und großer Verführer. Er eroberte Elisabeth Escheky, die Frau eines kleinen Bahnbeamten aus Dombóvár, mit dem sie drei kleine Kinder hatte: drei und zwei Jahre und sieben Monate alt. Diese sperrte sie in der Wohnung ein, als sie mit ihrem Verführer, meinem Großvater Wilhelm, endgültig abhaute. Allerdings kochte sie noch einen großen Topf Spinat und befahl der dreijährigen Tochter, mit diesem Spinat – solange der Vorrat hielt – ihren kleinen Bruder und das Baby zu füttern. Der Vater würde eh schon kommen. Er kam aber erst am nächsten Tag und war, wie immer, total besoffen. Inzwischen war das Baby gestorben.

Die Frau – also meine Großmutter – konnte man nicht zur Rechenschaft ziehen, da sie als schwachsinnig galt. Mein quicklebendiger Großvater zeugte mit ihr in wilder Ehe sieben weitere Kinder. Da er sie wegen ihres Schwachsinns nicht heiraten konnte, musste er alle seine Kinder einzeln adoptieren. Er tat dies in allen sieben Fällen und sorgte auch für ihre Ausbildung. Die Kinder suchten, sobald es ging und trotz der väterlichen Fürsorge, das Weite. Offenbar war die Mutter als Mittelpunkt der Familie völlig ungeeignet. Sie kochte nie, und der Haushalt ähnelte der einer Junggesellenwohnung. Sie lief ständig durch die Stadt und kaufte überflüssiges Zeug. Mein Großvater „frühstückte“ in einem Kolonialwarengeschäft an der Ecke: Milch und zwei Semmeln. Er starb mit sechzig an Magenkrebs. Die Familie suchte und fand die Schuld bei seiner „narrischen Gattin“.

Diese lebte viel länger als ihr Mann. Weil er einer der wichtigsten Bahnhofsdirektoren des Landes gewesen war, bekam sie eine Generalfahrkarte Erster Klasse für alle Strecken, reiste unentwegt zwischen den sieben voneinander sehr weit entfernten Punkten des Landes umher, Budapest, Arrabona, Fünfkirchen, auch Fiume, Kassa und Kolozsvar, immer zu einem ihrer Kinder. Grundsätzlich ohne Voranmeldung. Die Kinder waren über ihre Besuche weniger erfreut und versuchten, sie möglichst bald wieder loszuwerden. Die Bahnkarte musste man ja nicht kaufen. Wenn der eine oder andere sehr vornehm sein wollte, schickte er gleich, nachdem er Annika (so nannten wir die Großmutter) in den Zug (1. Klasse) gehievt hatte, ein Telegramm vor. Das Telegramm kam oft später an als Annika. So oder so war es eher ein Akt der versteckten Aggression, auch der Schadenfreude, und weniger eine taktvolle Vorwarnung.

Durch das ständige Reisen gewann Annika allmählich das Gefühl, dass der Zug Erster Klasse ihr Zuhause sei, also gab sie ihre Wohnung in Fünfkirchen auf, obwohl es eine Dienstwohnung war und die Kosten dafür lächerlich gering waren. Nun war sie praktisch obdachlos. Sie trug ihre wichtigsten Sachen mit sich: Kuriositäten, mit denen sie dann bei ihren Kindern abwechselnd Einzug hielt. Später wurde sie immer misstrauischer. Als ich sie zum letzten Mal sah, hatte sie ihre Habseligkeiten auf einen Stuhl zusammengetragen und setzte sich drauf. Es war nicht möglich, sie von dort weg zu bewegen. Auf ihren Schätzen sitzend, fanden wir sie eines Morgens tot vor.

Mit den Geschwistern von Gyurika hatten wir nur sporadischen Kontakt. Einmal schrieb Ari, eine seiner Schwestern, dass es ihr materiell sehr schlecht ginge. Dies versetzte Gyurika – zumal der Brief vor Weihnachten kam – in einen Zustand größter Freigiebigkeit. Er füllte eine große Holzkiste, in der Platz für vier tragbare Schreibmaschinen von Remington gewesen wäre, mit Geschenken. Alles, was er sich vorstellen konnte, dass es für Weihnachten mit zwei Kindern notwendig wäre, kam da hinein: Esswaren, Spielzeug, Weihnachtsbaumschmuck, bunte Kugeln, silberne Kränze, „Salonzuckerln“, eine kleine Glocke, Kerzen und Wunderkerzen. Auch Kleidungsstücke für die Kinder, deren Körpergrößen Gyurika unbekannt waren. Letzteres fand Dolores übertrieben. Oder sie fand die ganze Aktion unvernünftig, ja fahrlässig, denn wir selbst waren ja eher arm. Bei den Kleidern läuteten dann die Alarmglocken bei Dolores endgültig. Nun musste Gyurika Schluss machen. Wir haben die Kiste ohnehin kaum zugekriegt. Es war sehr schwierig, sie auf dem Paketträger von Gyurikas Fahrrad zu befestigen. Die Reifen des Rades drohten unter dem großen Gewicht zu platzen. Auch bei der Aufgabe gab es Ärger. Es war eine Wahnsinns-Aktion, wie Gyurika später immer und von Jahr zu Jahr mit zunehmender Verbitterung erzählte.

„Bin neugierig, ob deine liebe Schwester Zeit finden wird, um sich zu bedanken“, sagte Dolores bereits am nächsten Tag, als das Paket endlich auf dem Weg war.

„Warte doch ein bisschen, sie kann es gar nicht wissen, dass sie was bekommt.“ Dann, nach einer Woche: „Jetzt, in der Weihnachtsaufregung kann sie unmöglich schreiben. Zwei Kinder und der kranke Mann“. Aber zu den Heiligen Drei Königen schrieb sie auch nicht, und dann hat sie sogar meinen Geburtstag im März vergessen, den sie bisher immer sorgfältig mit einer Postkarte bedacht hatte. Nach meinem Geburtstag wartete Gyurika noch einige Tage, dann aber sagte er: „Es ist aus. Ari ist für mich gestorben“.

Die Fahrt nach Fünfkirchen

Die Geburtstage, die Namenstage, die Hochzeitstage, die Todestage, die Taufen und Erstkommunionen – diese gab es in einer so großen Familie zuhauf zu feiern, denn sowohl Gyurika wie auch Dolores hatten je sechs lebende Geschwister, macht zwölf, hinzu kamen, mit einer Ausnahme (Tante Rosa), die dazugehörigen Gatten bzw. Gattinnen und bei einigen Ehepaaren auch noch Kinder – im Fall von Tante Ari waren es zwei, ebenso bei Tante Paula.

Als wir zum ersten Mal nach Fünfkirchen zu den Großeltern fuhren – Gyurika war sehr stolz auf mich, auch auf seinen neuen Stand als Familienvater, und wollte Dolores und mich seinen Eltern zeigen – fing die Sache so an. Gyurika sagte Dolores und mir, dass wir am Wochenende nach Fünfkirchen fahren werden, damit auch Annika (seine Mutter) mich kennenlernen kann. Apika (sein Vater) hatte mich schon öfter gesehen, da er als Bahnhofsdirektor ständig herumfahren konnte. Erste Klasse. Dolores war nicht begeistert und fragte herausfordernd, ob wir auch Erste Klasse fahren werden. Gyurika nahm solche Seitenhiebe seiner Gattin leicht. Er grinste sein hintergründiges Grinsen. Steckte dahinter Boshaftigkeit, vielleicht sogar Sadismus, oder die Verlegenheit eines unreifen Schlingels, der versuchte, die Rolle des Familienvaters zu spielen? „Unterwegs besuchen wir auch Vilma. Tante Vilma, weißt du“, sagte er zu mir töricht, „wird sich sehr freuen, dich zu sehen. Sie selber wünscht sich auch Kinder, aber der liebe Gott hat bisher …“, und so weiter. „Dafür ist sie aber sehr tüchtig, arbeitet im Gasthof und in der Fleischerei ihres unlängst verstorbenen Mannes. Auch ist sie durch ihre Pasteten berühmt geworden, welche sie mit Kalbshirn, Hühnerklein oder mit was auch immer füllt.“ Dolores meinte: mit Speiseresten. „Hauptsache, es schmeckt gut“, so Gyurika, und wir absolvierten in der Tat meine erste Bahnfahrt.

Es war ein Bummelzug, wie von Dolores befürchtet, er fuhr langsam und hielt an jedem kleinen Ort an. Im Zug saß Landvolk. Frauen mit großen Körben, in denen das Federvieh untergebracht war, welches sie auf den Markt brachten. Wenn der Zug anhielt, wachten die Enten, Hühner und Gänse auf, sie gackerten vor sich hin und machten unheilvollen Lärm. Gyurika wusste, dass einige sich in der Enge des Korbes gebissen hatten.

Bei Dombóvár wurde unser Zug auf ein Nebengleis geschoben. Der Beamte rief drei, vier Mal „Dombóvár!“ – ein mystischer Ruf in der Wüste. Nachher gingen die Lichter des kleinen Bahnhofs aus. Totale Dunkelheit. Ich glaubte, dass man uns jetzt ein für alle Mal vergessen hatte.

Als im Morgengrauen ein Stoß zu spüren war, wachte ich auf. Ich sah Dolores’ beleidigtes Gesicht („Nie wieder mit einem Bummelzug.“). Gyurika zeigte uns den Sonnenaufgang, wozu man, über die Hühnerkörbe kletternd, an die andere Seite des Waggons gelangen musste. So sahen wir, Gyurika und ich, den Sonnenaufgang, nicht aber Dolores, die vor allem ihr aus „Krawattenseide“ geschneidertes Kleid nicht noch mehr ruinieren wollte.

Gegen sieben Uhr kamen wir in Komlo an, wo die besagte tüchtige Tante Vilma wohnte. Vom Bahnhof führte ein für Dolores unendlich scheinender schmutziger, staubiger Weg in die Dorfmitte, wo wir Tante Vilmas Gasthaus vermuteten. Gyurika zeigte bald sehr stolz auf die einzige Kneipe im Ort: Gefunden. „Was sagst du jetzt, Lorilein?“ Dolores sagte nichts, Gyurika stellte die beiden unsinnig schweren Koffer vor der Tür ab und wischte sich die Stirn. Unter den Achseln des Jacketts seines einzigen Sommeranzuges sah ich große, dunkle Schweißflecken. Nun aber riss er sich – kofferlos erleichtert – zusammen und schob uns, seine Familie, durch den Windfang und dann durch die freischwingenden Flügeltüren in die Gaststube.

Wir kamen überraschend, eine nicht nur in unserer Familie übliche Art des Verwandtenbesuchs. Tante Vilma war in der Gaststube allein und mit dem Ausfegen des Lokals beschäftigt. Gyurika schob seine Familie, also Dolores und mich, vor sich her. Er hatte sein kindisch grinsendes Gesicht in der sicheren Erwartung des höchsten Triumphes seiner mit dem Besen beschäftigten Schwester zugewendet: „Na, was sagst du jetzt?“, während er sich an den zwei Griffen der freischwingenden Türflügel hielt und sich vor und zurück schwang. Der damit erzeugte Luftzug war das Erste, was Tante Vilma richtig wahrnahm. Dolores wie auch ich waren ihr ja fremd. Sie schaute auf den albern schaukelnden Kerl in der Eingangstüre. „Gyurika, bist du es?“, schrie sie eher verärgert. Für uns war die Sache peinlich und wurde immer peinlicher. Tante Vilma behauptete, dass sie ihren Bruder schon aus dem Grunde nicht erkennen konnte, weil dieser vor fünf Jahren noch Haare auf dem Kopf gehabt hatte. Jetzt war da in der Tat eine Glatze mit ein wenig Tonsur rundherum. „In den fünf Jahren deiner Ehe sind dir alle Haare ausgefallen. Segne dich Gott. Und das hier ist deine Frau, eine anspruchsvolle Dame, was? Mich wundert nichts. Und das Kind? Du hast auch ein Kind schon. Donnerwetter. Und aus was, bitte?“ Dolores war bereits aus dem Lokal getreten. Sie sagte zwischen den Zähnen: „Komm, Gyurika, das genügt“, und sie selbst packte jetzt unsere beiden Koffer, die Gyurika vorhin vom Bahnhof zum Wirtshaus geschleppt hatte. Ich dachte, dass Dolores eigentlich stärker sei als Gyurika, wieso musste dann Gyurika beide Koffer alleine hinschleppen? Aber weiter gab es keine Zeit, über solche Sachen nachzusinnen. Tante Vilma tobte wild geworden in ihrer Wirtshausstube. Ich verstand nur so viel, dass sie, wenn sie so einen Bengel wie mich durchs Leben schleppen müsste, diesen an die Wand klatschen würde, gleich nach der Geburt, damit der Schädel (mein Schädel) zerspränge und das Hirn (mein Hirn) daraus auf der Holztäfelung kleben bleiben würde. Wir (Gyurika und ich) ergriffen nun auch die Flucht. Mich hat der Auftritt der Tante Vilma bis heute immer wieder beschäftigt. Ich sah auch die an die Wand geflogene Hirnmasse und dachte, dass diese dann kraft ihres Gewichtes langsam herunterrutschen würde, und weil wir daheim oft Innereien, darunter auch Kalbshirn, aßen, konnte ich mir auch vorstellen, dass der Patzen sich von der Holzwand lösen und auf den frischgescheuerten Boden der Stube plumpsen würde und dass Tante Vilma sich so ärgern würde, dass sie diesen weißbraunen Brei (mein Hirn) mit einer Schaufel aufnehmen würde und aufgrund ihres eingeübten wirtschaftlichen Denkens mitten in der grausamen Aktion auf die Idee käme, dass zwischen Kalbshirn und Kinderhirn kein Unterschied sei, jedenfalls kein wahrnehmbarer für ihre Gäste, die zwischen den zwei Arten von Massen kaum eine Geschmacksabweichung feststellen würden, und wenn ja, dann eher positiv. Und sie würde am wenigsten riskieren, wenn sie das Kinderhirn in kleine Pastetchen füllen würde, die ja ihre Spezialität waren. So konnte der Gast keinen Blick auf die Hirnteile werfen – auch der Amtsarzt nicht –, sollte es möglich sein, beim Essen auf eine solche Idee zu kommen und die Speise mit Sorgfalt auf ihre Substanz zu untersuchen. Gyurika und ich erwähnten Dolores gegenüber diesen Höhepunkt des Ausbruches von Tante Vilma nicht. Gyurika bildete sich leichtfertig ein, dass ich die Sache mit dem Hirn, wenn auch gehört, doch nicht verstanden hätte.

Einige Monate später, im Bett, erzählte er es flüsternd seiner Gattin. Die Erwachsenen denken immer, dass die Kinder nicht nur blöd, sondern auch noch schwerhörig sind. Ich lag auf dem am Fußende des Ehe-Doppelbettes quergestellten Sofa und konnte nicht einschlafen.

Viele Jahre später verwendete ich das Thema mit der unheimlichen Pastete in meinem Stück:

„Blasius

Oder: Man soll die Norm erfüllen, selbst wenn man daran sterben müsste“

(Uraufführung 1984 beim Steirischen Herbst, Graz)

Auf diese Weise wollte ich Gyurika aus der Ferne unserer weit auseinander geratenen Existenzen ein diskretes Zeichen geben, dass ich damals in jener Kneipe alles verstanden hatte. Gyurika aber nahm das Zeichen nicht auf. Er konnte es nicht. Mit fünfzig Jahren noch nach Australien ausgewandert, verbrauchte er sich unwiderruflich in der fremden Welt, in der niemals richtig angeeigneten neuen Sprache und in dem täglich zweimaligen Überqueren der großen, achtspurigen Brücke von Sydney. An Alzheimer erkrankt, erinnert man sich nicht mehr an das Hirn eines Kindes, welches in meinem Theaterstück in Pastetchen verarbeitet wurde. Ein Text in einer für ihn völlig unverständlichen Sprache. „Warum hast du dein Stück nicht auf Englisch geschrieben?“, ließ er mich fragen. Immer noch wollte ich die Eltern unnötig ärgern.

Die Nestwärme wird den Kindern gefehlt haben“, sagte mir meine Mutter, als Gyurika bereits gestorben und sie gekommen war, um unser Haus hier anzuschauen. Sie brachte ihre Lieblingsschwester Rosa und den geistig zurückgebliebenen Bruder Gabili mit.

Meine Mutter wusste, dass Gyurikas Geschwister alle irgendwie gescheiterte Existenzen waren. Tante Ari, die sich für das große Weihnachtspaket nie bedankt hatte, lebte in Scheidung und verlor ihre Söhne durch unerwartet aufgetretene Krankheiten. Onkel Julius wurde von seiner in dreißig Jahren Ehe bewährten Frau mit dem Schwiegersohn auch finanziell betrogen und die Gattin als Buchhalterin in der Automechanikerwerkstatt des Diebstahls überführt. Das Geld wanderte zum geliebten Schwiegersohn. Scheidung des alten Paares.

Eine andere Schwester musste Schuhe verkaufen nach der Scheidung. Der Mann hatte eine Wand gezogen mitten durch das Haus. Lauter verrückte Geschichten. Und die Kinder dieser Leute starben alle vor ihren Eltern. Wenn nicht an einer Krankheit, dann bei einem Unfall, wenn nicht bei einem Unfall, dann war es Suizid. Mein letzter Cousin aus der väterlichen Familie schaffte sich in Schweden aus der Welt.