Das Klassenfoto - Karl Heinz Wickermann - E-Book

Das Klassenfoto E-Book

Karl Heinz Wickermann

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Beschreibung

Ein Klassenfoto kann mehr erzählen als tausend Worte – diese Feststellung machen Karl Heinz Wickermann und sein Sohn, als sie dieses bei einem Umzug finden. Bei Wickermann kommen sogleich Erinnerungen auf, unzählige Abenteuer, die mit seinen Klassenkollegen und -kolleginnen bestanden wurden. Es war nicht nur die Zeit, wo Schüler der absoluten Willkür der Lehrer ausgeliefert waren, es waren auch die letzten Kriegstage, wo es oft um ganz andere Dinge ging als ums Lernen. Ungeachtet der schweren Zeit passieren im Gymnasium die üblichen Streiche und Hänseleien sowie die Schikanen der Lehrer, jedoch stets unter dem Eindruck des unmittelbaren Kriegsendes. Wie erleben die Kinder diese entbehrungsreiche, aber doch abenteuerliche Zeit?

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Seitenzahl: 192

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 2

Widmung 3

Letzte Kriegstage – ein neuer Anfang 4

1. Kapitel – Ein Umzug mit Erinnerungen im Jahr 1973 8

2. Kapitel – Im Jahr 1947 – die Penne 12

3. Kapitel – Der Neue 20

4. Kapitel – Tauschzentrale 27

5. Kapitel – Von der Geschichte eingeholt 31

6. Kapitel – Im Jahr 1978 – Wie war das damals? 35

7. Kapitel – 1947 – Turnstunde 39

8. Kapitel – Hitler in Öl 44

9. Kapitel 54

10. Kapitel – Das Komplott 60

11. Kapitel – Schwarzmarkt 65

12. Kapitel – Im Jahr 1978 83

13. Kapitel – Magister Longus, Ölgötz: und seine Muse (die schöne Ingrid) 87

14. Kapitel – Träume am Baggerloch 96

15. Kapitel – Die Nibelungen 107

16. Kapitel – Kohlenklau 112

17. Kapitel – Ein geheimer Fund 119

18. Kapitel – Gefährliche Spiele und eine grausame Entdeckung 127

19. Kapitel – Ein neuer Anfang – zurück in die Gegenwart 136

20. Kapitel – Im Jahr 1948 141

21. Kapitel – Im Jahr 1978 144

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-565-0

ISBN e-book: 978-3-99131-566-7

Lektorat: Mag. Angelika Mählich

Umschlagfotos: Tirachard Kumtanom, Vetre Antanaviciute-meskauskiene, Doxtar | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Widmung

In Gedenken

an

Frank

1966–2020

Letzte Kriegstage – ein neuer Anfang

In den letzten Kriegsjahren, als es mit den Bombenangriffen in den Großstädten immer schlimmer wurde, zog ich mit meiner Mutter aufs Land.

Meine Oma zog mit uns, sie hatte ihre Wohnung in Bochum meiner Tante, die ausgebombt war, überlassen. Mein Vater war im Krieg in Russland an der Ostfront.

In den Städten waren die Schulen geschlossen worden wegen der dauernden Bombenangriffe. Viele Kinder wurden aufs Land evakuiert, nach Pommern oder Baden.

Auf dem Land funktionierten die Schulen zuerst noch, aber nach dem Krieg waren auch da die Klassen überfüllt wegen der vielen Flüchtlinge und es fehlten Lehrer. Viele waren im Krieg geblieben – gefallen oder in Kriegsgefangenschaft.

Durch einen Kriegskameraden meines Vaters, dessen Eltern im Münsterland einen Bauernhof hatten, bekamen wir dort zwei Zimmer mit Toilette und Waschgelegenheit in einem Anbau. Ein ziemlicher Behelf, wie meine Mutter meinte, aber hier waren wir vor den Bomben auf „Nummer sicher“ und es blieb uns die Evakuierung erspart.

Außerdem sollte das ja nur bis zum Ende des Krieges dauern, dann wollte man wieder zurück in die alte Wohnung in der Stadt, wenn die bis dahin nicht auch zerbombt sei. Aber wann war der Krieg zu Ende und würden wir ihn gewinnen? Hinter vorgehaltener Hand wurde gesagt, der Krieg sei so gut wie verloren. Man durfte es nur nicht laut sagen. Die 6. Armee war eingekesselt und zerschlagen worden. Die deutschen Truppen auf dem Rückzug, aber im Volksempfänger, auch Göbbelsschnauze genannt (das war das Radio), verkündeten die Nazis immer noch den Endsieg.

Wir waren froh, dass mein Vater nicht in Stalingrad gekämpft hatte. Sein letzter Feldpostbrief kam aus dem Wolchow-Gebiet, das war in der Nähe von Leningrad.

Im Frühjahr 1945 zogen deutsche Truppen durch unser Dorf, sie waren auf dem Rückzug. Einige versprengte und verwundete deutsche Soldaten wurden bei unserem Bauern auf der Tenne verbunden und mit Lebensmitteln versorgt. In einer Ortschaft, drei Kilometer nördlich von unserem Ort, hatte sich eine SS-Einheit festgesetzt, die noch erheblichen Widerstand leistete. Südlich von uns waren bereits die Engländer, die mit Panzern und Fußtruppen vorrückten. Der Artilleriebeschuss ging hin und her. Wenn die Granaten heulend über uns hinwegflogen, zogen wir die Köpfe ein und warteten auf den Einschlag. Damals, bei den Bombenangriffen, war das ähnlich gewesen. Einige Granaten schlugen in der Nähe ein und setzten einen Bauernhof und eine Feldscheune in Brand.

Dann sahen wir sie die Landstraße entlangziehen, englische Truppen, Panzer, Jeeps und Schützenreihen. Viele Bauern hatten weiße Betttücher herausgehängt. – Wir ergeben uns, hier sind keine deutschen Soldaten, verschont uns!

Jetzt waren englische Soldaten auf der Tenne, wurden mit Milch und Lebensmitteln versorgt und einer spielte Dudelsack. „Ne, wat ’ne Quäkerigge!“

Im Mai 1945 kapitulierte Deutschland, der Krieg war zu Ende. Keine Bomben mehr, keine Kämpfe. Deutschland wurde in Besatzungszonen eingeteilt. Wir hatten Glück, wir waren in der britischen Besatzungszone.

Die Bevölkerung hatte nach dem verlorenen Krieg schwere Zeiten zu überstehen. Lebensmittel waren kaum zu haben, die gab es nur auf Lebensmittelkarten – pro Kopf nur wenige Gramm, das war zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Besonders in den Städten hungerten die Menschen. Hier auf dem Land kamen wir einigermaßen zurecht. Meine Oma ging über die Dörfer zum Hamstern. Sie kannte einen Bauern, wo wir uns manchmal einen Liter Milch oder ein kleines Stück Butter holen konnten. Bei einigen anderen Bauern tauschte sie Schmuckstücke gegen Eier, Wurst oder Kartoffeln. Für die goldene Taschenuhr meines Patenonkels, die ich einmal erben sollte, gab es vier Pfund Speck, eine Mettwurst und einen halben Zentner Kartoffeln, das war im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert.

Am 9. September 1945 saß ich am Küchentisch und knetete aus Kerzenresten und Wollfäden neue Kerzen. Meine Oma rührte in der Milchsuppe und meine Mutter war auf dem Weg zum Waschraum, um ein paar Kartoffeln abzuwaschen, als jemand die knarrende Holztreppe zu unserer Wohnung heraufkam. Meine Mutter schaute über das Geländer, wer denn da am Abend noch käme. Sie sah einen Mann in einem Militärmantel ohne Schulterstücke mit einem Brotbeutel über die Schulter langsam die Treppe hinaufsteigen. Als der Mann nach oben blickte, erkannte sie meinen Vater. Ein jubelnder Aufschrei meiner Mutter ließ mich aufspringen und zur Tür rennen. Zuerst hatte ich ihn nicht erkannt, ich hatte ihn ja fast zwei Jahre nicht gesehen, dann lief ich zu ihm und wir drei umarmten uns.

Meine Oma stand mit dem hölzernen Rührlöffel in der Küchentür und sagte: „Na, dann komm mal rein, du kommst zur richtigen Zeit.“

Weil mein Vater geglaubt hatte, wir hätten nichts zu essen, hatte er sich von seiner eisernen Ration ein faustgroßes Stück Brot für uns vom Mund abgespart.

Wir hatten nicht gewusst, ob er noch lebte oder vielleicht in russische Gefangenschaft geraten war. Er erzählte, dass er zum Kriegsende noch verwundet wurde und von Ostpreußen mit einem letzten Flüchtlingsschiff nach Norddeutschland geschippert und dann dort in englische Gefangenschaft gekommen sei. Die Verwundung sei sein Glück gewesen. Er habe gewusst, dass wir auf einem Dorf im Münsterland lebten, und habe uns nach einiger Suche hier gefunden.

Ein paar Monate später bekam mein Vater bei der Kreisverwaltung eine Anstellung, nachdem er die Entnazifizierungsformalien hinter sich gebracht hatte. Das ging sehr schnell, denn er hatte nie etwas mit den Nazis am Hut gehabt und die Entlassungspapiere aus der Kriegsgefangenschaft waren ein wichtiger Nachweis dafür, dass er „eine reine Weste“ hatte, wie man damals sagte.

Bald darauf zogen wir in die Nachbarstadt, das war nicht weit von der Kreisstadt entfernt. Unsere alte Wohnung in der Stadt hatten wir aufgegeben, die war von Bomben beschädigt worden. Einige Möbel hatten wir retten können.

Ab Herbst 1946 ging ich zur „Graf-Adolf-Schule“ – Aufbaugymnasium für Jungen – wie das damals hieß. Untertertia (Klasse U/II b). Ich war Fahrschüler und fuhr mit vielen anderen mit dem Zug zur Schule in die Kreisstadt.

1. Kapitel – Ein Umzug mit Erinnerungen im Jahr 1973

Unsere Wohnung wurde uns langsam zu eng. Die Kinder wuchsen heran und wollten ihr eigenes Zimmer. Wir brauchten mehr Platz für unsere eigenen Bedürfnisse. Wir hatten uns entschlossen zu bauen, ein eigenes Haus. Wir rechneten es durch: „Wir müssen nur den finanziellen Gürtel etwas enger ziehen. Wird schon klappen.“

Im Frühjahr 1973 war es so weit. Wir zogen in unser neues Haus ein. Ein Reihenhaus mit kleinem Garten am Stadtrand im Grüngürtel, verkehrsgünstig, Geschäfte in der Nähe. Perfekt.

„Alles ideal“, meinte meine Frau.

Pünktlich um sieben Uhr stand der Umzugswagen vor der Tür. Bis mittags war schon viel geschafft.

„Mahlzeit!“, sagte der Mann mit der Lederschürze, legte die Tragegurte mit den Haken ab, setzte sich breit auf eine ächzende Geschirrkiste und breitete sein Butterbrotpaket aus. Mit spitzen Fingern zog er eine der zusammengeklappten Brotschnitten hervor, bog sie vorsichtig mit dem Daumen nach oben und prüfte den Belag. „Wieder Leberwurst – äh.“

Er packte das Papier zusammen und griff hinter sich nach einer Bierflasche. Den Kronenkorken setzte er fachkundig am Rand der Kiste an und schlug mit dem Handballen kräftig zu. Die kleine Metallkappe sprang über den Boden und blieb nach kurzem Kreislauf durchs Zimmer neben dem Sessel liegen, in den ich mich erschöpft fallen gelassen hatte. Der Mann setzte die Flasche an den leicht gespitzten Mund, legte den Kopf in den Nacken und ließ den Inhalt langsam in sich hineingluckern. Sein Adamsapfel sprang bei jedem Schluck auf und ab.

Seit Tagen hatten wir Gläser, Tassen und Teller in Zeitungspapier verpackt, Schränke gerückt, Schubladen ausgeräumt und längst vergessene und vermisste Dinge wiedergefunden. „In einem ordentlichen Haushalt geht nichts verloren“, sagte die Mutter und zog den Socken aus der Erbsensuppe.

Helle Rechtecke an den Wänden zeigten an, wo Bilder gehangen und Schränke gestanden hatten. Ach ja – das Loch im PVC-Bodenbelag, in der Ecke, wo der Elektroherd gestanden hatte.– War das eine Aufregung, als Mucki, der Goldhamster, tagelang spurlos verschwunden war. Frank hatte ihn schließlich hinter dem Wohnzimmerschrank hervorgezogen.

„Das Tier kommt mir aus dem Haus.“

Vier Wochen später hatten wir Mucki im Vorgarten hinter dem Feuerdornbusch begraben. Britta hatte ein Holzkreuz gebastelt und Gänseblümchen auf sein Grab gelegt.

Der ausgepolsterte Möbelwagen vor der Tür war schon fast vollgepackt. „Was man so alles mitschleppt!“

Britta hatte drauf bestanden, dass die Kiste, in der Mucki gelebt und in die er Löcher genagt hatte, unbedingt mitgenommen werden solle – als Erinnerung.

Frank meinte, das alte Klapprad sei noch ganz gut, man könne notfalls die Räder zum Basteln gebrauchen. Er habe noch keine festen Pläne, aber mitgenommen werden müsse es um jeden Preis.

„Stopft nur wieder alle Ecken voll. Die reinste Sperrmüllsammlung.“

Beide waren sich ausnahmsweise einmal einig. Im neuen Haus sei ja Platz genug und außerdem habe man sein eigenes Zimmer, in dem man tun und lassen könne, was man wolle. „Endlich die eigenen vier Wände“, meinte meine Frau. Der kleine Garten mit Blumen und Büschen, dazwischen der Rasen – und diese Ruhe. „Aber die hohe Belastung!“

Frank hatte sich quer in den großen Ohrensessel gelegt, die Beine ließ er über die Armlehne baumeln. Auf seinem Bauch hatte er den Schuhkarton mit den alten Fotos abgestellt.

„Bist du das, der in der ersten Reihe mit den abstehenden Ohren und der Trachtenjacke?“

„Wie respektlos sprichst du denn von deinem Vater? – Zeig mal her!“

Mit breitem Grinsen reichte er mir das vergilbte Foto im Postkartenformat mit der umgeknickten Ecke herüber.

„Als Vater siehst du aber noch sehr jung darauf aus.“ Auf der Rückseite hatte ich damals mit Bleistift „20.5.1947“ und „Untertertia (Klasse U/III b)“ geschrieben.

„Lass mich mal nachrechnen – ich glaube, ich war fast vierzehn, so alt wie du heute. Was meine Ohren anbelangt, die stehen nicht ab, das lag an der Frisur – kurz war modern. Mein Vater bestand darauf, lange Haare seien luihaft. Und nichts gegen die Trachtenjacke – die hatte meine Mutter selber genäht, aus Vaters altem Militärmantel. Dunkelgrüne Eichenblätter auf den Revers, die Taschen mit rotem Stoff ausgefüttert – stolz wie Oskar war ich. Man bekam ja nichts zu kaufen nach dem Kriege.“

28 Jungen in kurzen Hosen umrahmten 15 Mädchen in Klassenfotopose: kniend, auf Stühlen sitzend und stehend (die großen nach hinten).

„Das da links war unser Klassenpauker, Hermann Blömeke. Noch etwas mager. War kurz vorher aus der Kriegsgefangenschaft gekommen – zwei Jahre Russland. Offizier war er gewesen, Oberleutnant. Die Schneidezähne hatten sie ihm in der Kriegsgefangenschaft mit dem Gewehrkolben herausgeschlagen, das hat er oft erzählt. War ein prima Mensch, der alte Blömeke, hart, aber gerecht.“

Lange betrachtete ich das Foto. Namen verbanden sich mit den Gesichtern. – Ulli Getberg, Helmut Steinke, Herbert Galewski, Bulle hatten wir ihn genannt. – Graf Bobby, wie hieß der noch mit richtigem Namen? – Ja, Walter Jakobi – Walter, wenn er pupt, dann knallt er.

Und die Mädchen – Christel Müller und Ingrid Schöne (die schöne Ingrid), die fallen mir sofort ein. Die machten wohl damals schon großen Eindruck auf mich.

Erinnerungen wurden deutlich, gute und weniger gute. Plötzlich hatte ich den Geruch der Erbsenmehlsuppe, die es bei der Schulspeisung gab, in der Nase – ekelhaft.

2. Kapitel – Im Jahr 1947 – die Penne

An dem kleinen Kreisstädtchen mit der alten Burgruine, den properen Fachwerk- und Patrizierhäusern und dem mittelalterlichen Marktplatz war der Krieg spurlos vorübergegangen. Selbst als Sitz des Landrates und des Gauleiters war der Fleck auf der Landkarte wohl so unbedeutend gewesen, dass deutsche und alliierte Truppen an ihm vorbeigezogen waren, ihn ignoriert hatten. Vielleicht hatten sie es aber auch gar nicht bemerkt. Hätten nicht die olivgrünen Jeeps und Lastwagen der englischen Besatzungstruppen vor dem Landratsamt und der beschlagnahmten Villa des ehemaligen Ortsgruppenleiters gestanden, man hätte erwarten können, Graf Adolf sei im nächsten Augenblick mit seinem Gefolge durch das große Torhaus am Ende des Marktes geritten gekommen.

Das Jungengymnasium, das Landrat Schnettker im Jahre 1906 erbauen ließ, ragte mit seinen beiden Erkertürmchen und der roten Klinkerfassade hoch über das Landratsamt hinaus. Die kleine Bergkuppe, auf der es stand, trug allerdings wesentlich dazu bei. Es wurde behauptet, die Höhenlage habe der Schule zu der Bezeichnung „Höhere Lehranstalt“ verholfen.

Allmorgendlich zogen Fahrschülerkolonnen vom kleinen Ortsbahnhof den Berg hinauf. Einige verließen sich lieber auf ihr Fahrrad, das war zuverlässiger als die kleine Dampflok. Zum Leidwesen einiger traditionsbewusster Lehrer schickten nun auch Eltern aus der gehobenen Bürgerschaft ihre Töchter in diese in Jahrzehnten durch Jungen geprägte Lehranstalt.

Absoluter Herrscher dieser Lehrerdynastie war Direktor Braunkötter, von allen nur der „Eiserne Gustav“ genannt. Über breiten Schultern, einem nicht zu übersehenden Bierbauch, auf dem gewöhnlich eine goldene Uhrkette baumelte, thronte der riesige kahle Schädel. Der eisgraue Schnurrbart gab ihm das Aussehen eines in Bronze gegossenen Bismarckdenkmals.

„Achtung! – Gustav steht wieder da. V. d. A. – Vorsicht, der Alte!“

Fast an jedem Morgen ging die Meldung wie ein Lauffeuer durch die Reihen der auf die Schule zustrebenden Pennäler. „Guten Morgen, Herr Direktor.“ Die Knirpse aus der Sexta und Quinta zogen höflich die Mütze. (Hast du Spatzen unter dem Hut?)

Die Primaner nickten distinguiert, einige verneigten sich fast höfisch (Streber – Arschkriecher).

Der eiserne Gustav inspizierte mit strengem Blick und mürrischem „Moin“ die vorbeiziehenden Schüler.

Hier und da rief er einen zu sich.

„Willst du verreisen, dass du die Hände schon eingepackt hast? – Name? Klasse? – Du meldest dich bei Dr. Bäcker.“

Mit hängenden Ohren trabte der Junge hinter seinen Klassenkameraden her, um sie wieder einzuholen.

(Na, Anschiss gekriegt?)

Ulli Getberg musste dem eisernen Gustav wohl ein Dorn im Auge sein. So oft wie er bekam keiner den „Anschiss“. Es mochte dran gelegen haben, dass Ulli ständig grinste, selbst in Situationen, in denen er wahrlich nichts zu lachen hatte, und in die geriet Ulli auffallend oft.

„Das kommt dir wohl noch lächerlich vor, was?“

„Ich lache ja gar nicht“, grinste Ulli unverdrossen zurück. Seine runden Brillengläser funkelten den „Eisernen“ verzweifelt an.

„Auch noch frech werden – wir sprechen uns noch, Bürschchen!“

Der große Kopf des „Eisernen“ schwoll anscheinend noch mehr an. Sein Schnurrbart begann zu vibrieren, und das war kein gutes Zeichen.

Der Kampf im Physiksaal um die besten Plätze in den nach hinten ansteigenden Bänken wurde durch den Ruf „Zille kommt!“ jäh unterbrochen. Vereinzelte Positionskämpfe endeten damit, dass der Schwächere polternd aus der Bank flog und sich schnell aufraffend auf einen der ungeliebten freien Plätze in den ersten Reihen flüchtete.

Ulli Getberg glaubte sich bereits sicher in der vorletzten Bank, doch Bulle Galewski hatte dem verzweifelt strampelnden kurzerhand die Jacke über den Kopf gezogen und ihn aus der Bank gezerrt. Ulli kam ins Stolpern, fiel und rollte die Holzstufen hinunter, direkt vor die Füße Studienrat Zilligs, der gerade den Klassenraum betrat.

„Natürlich wieder Getberg …“

„Der Galewski war das“, lächelte Ulli ihn mit seinem unvermeidlichen Grinsen an. Die Brille saß ihm dabei schräg auf der Nase.

Zillig holte aus. Seine flache Rechte landete auf Ullis linker Backe (Backbord ist rot). Die Brille hatte ihre ursprüngliche Position wieder eingenommen.

„Setz dich auf deinen Platz. Bis zur nächsten Stunde vier Seiten in Schönschrift: ‚Die Schwiegermutter des Petrus‘.“ Aber das hatte Zille bis dahin wie immer schon vergessen. Leere Drohung.

Ulli suchte verzweifelt nach einem Platz.

„Setz dich da hin, damit ich dich besser im Auge behalten kann“, schnarrte Zillig.

„Zettel raus!“

Betroffene Stille machte sich breit. Man rutschte in Erwartung unangenehmer Dinge in den Bänken hin und her, denn Zille war in seiner Themenstellung unberechenbar. Oft kramte er Dinge aus längst vergessenen Physikepochen aus und verbrämte sie mit sachfremdem Beiwerk.

„Wir haben kein Papier.“ Diese Ausrede hatte in der Nachkriegszeit noch Geltung.

„Von mir aus nehmt Tapete oder Toilettenpapier, das wird ja wohl noch aufzutreiben sein.“

In der Buchhandlung Pelzer gab es holzfreies Papier. Zwanzig Blatt pro Kopf. (Nix da, du warst doch schon hier.)

Einige suchten auffallend lange in ihren Taschen nach Papier.

„Gib mir mal ’n Blatt!“

„Thema: Der freie Fall – und wie es dazu kam. Zeit: dreißig Minuten – ab jetzt!“

Während fünfundzwanzig Jungen und zehn Mädchen über leeren Blättern schwitzten, Bleistifte kauten, Bänke bekritzelten und sich mit Tinte beschmierten, bereitete Zille seinen nächsten Versuch vor: Lichtstreuung und -bündelung. Den durch Bombenschaden stark reduzierten Physikfundus hatte er durch selbst angefertigte Geräte und Gegenstände bereichert.

„Der klaut doch, was er kriegen kann.“

Bevor Studienrat Zillig in den Nebenraum ging, um Experimentiergerät zu holen, blickte er strafend über seine Nickelbrille in die Runde.

„Ich bitte mir Ruhe aus – und keine Betrügereien.“

Sobald er jedoch außer Sichtweite war, setzte augenblicklich ein nicht zu überhörendes Rumoren und Tuscheln ein. Zettel flogen zusammengedrückt durch den Raum. Hastig wurden Bücher unter der Bank durchgeblättert, Seiten herausgerissen.

„Ruhe hatte ich gesagt! – Getberg, versuch nicht, mich zu betrügen!“

Zille tauchte überraschend im Türrahmen zum Nebenraum auf, verschwand jedoch genau so schnell wieder, um seine Utensilien zu suchen.

Über den freien Fall hatte man schließlich in Gemeinschaftsarbeit ein paar Sätze zu Papier gebracht, aber über dem „und wie es dazu kam“ breiteten sich in Wolken gehüllte Fragezeichen aus.

Schließlich bimmelte die erlösende Pausenglocke durch den breiten Schulflur.

„Abgeben – Los, Bergmann, Reger, Breitenbach – Zettel einsammeln! – Nichts geht mehr!“

Hastig gekritzelte Kern- und Lehrsätze, durchgestrichene, wieder verworfene Gedankengänge, Versuche, den „freien Fall“ zeichnerisch darzustellen, wurden neben jungfräulich leeren Blättern abgegeben.

Bulle Galewski hatte nur „Alles Scheiße“ mit drei großen Ausrufezeichen auf sein Blatt geschrieben.

In der großen Pause verteilte Fräulein Sperling auf dem gepflasterten Hof, vor dem Sportgerätekeller, warme Schulspeisung. Wenn es regnete, verlegte man die Suppenausgabe in den Vorraum zur Turnhalle.

(Hinten anstellen!)

Fräulein Sperling, die ansonsten Biologieunterricht erteilte, stand im buntgeblümten Kittel hinter dem dampfenden Zinkkessel. Sie legte Wert darauf, dass man sie mitFräuleinansprach, obwohl sie mindestens die Sechzigergrenze überschritten hatte. Mit mildem Glanz in den Augen schwang sie die Suppenkelle.

„Was gibt’s denn heute wohl?“, krähte sie.

Der Dunst von Erbsmehlsuppe oder Haferschleim mit Rosinen hatte längst die oberen Etagen des Schulgebäudes erreicht und war durch Klassentürritzen gekrochen. Damit war das Geheimnis auf indiskrete Weise gelüftet. Je nach Geschmacksrichtung verursachte der Dunst Vorfreude oder Übelkeit. – Aber Hunger hatten wir eigentlich immer. Man hatte sich hintereinander anzustellen (wer zuerst kommt, mahlt zuerst).

Studienrat Kern hatte dafür zu sorgen, dass alles seine Ordnung hatte und sich keiner vordrängelte. Bei Milchpulversuppe bekamen die letzten fast nie mehr was ab, bei Erbsmehlsuppe hingegen war meist noch reichlich zu haben.

Einige hielten tiefe Teller aus Blech hin, da ging nicht viel rein, aber die Suppe wurde eher kalt, bevor die Pause zu Ende war. Andere brachten Henkelmänner oder Kochgeschirr aus Wehrmachtsbeständen mit.

(Wisse, noch’n Schlag?)

Karlchen Bäcker aus der Parallelklasse trug die dampfende Suppe wie einen Siegerpokal vor sich her.

„Vorsicht – heiiiiiß!“

Ulli Getberg wurde wieder mal aus der Reihe geboxt und taumelte gegen Karlchens Teller. Der dampfende Strom aus Haferschleim mit Rosinen ergoss sich über Ullis Rücken und tropfte zäh auf Schuhe und Strümpfe.

„Pass doch auf, du Blödmann!“

Studienrat Kern rannte aufgeregt wie ein Schäferhund an der Warteschlange auf und ab.

„Wer war das? Sofort melde sich der!“

Ulli schielte ängstlich zu Bulle Galewski hinüber, aber er wagte es nicht, ihn bei Kern zu melden, denn für Bulle war Rache süß wie Haferschleim mit Rosinen.

Graf Bobby, so nannten wir den langen Walter Jacobi, hatte es mal wieder vorgezogen, im „Dom“ ’ne Fluppe durchzuziehen. Die Toiletten für Knaben befanden sich am Ende des Schulhofes in einem kleinen Backsteinhäuschen mit spitzem, blechverkleidetem Turm darauf, weshalb es allgemein „der Dom“ genannt wurde. Eine Art Wendeltreppe führte in die eigentliche Toilettenanlage, die von Schülergenerationen mit allerlei Namen, Zeichnungen und Sprüchen verziert worden war, über die man besser schweigt.

Das Rauchen im Schulbereich war strengstens verboten. Der Eiserne Gustav überwachte meist selbst diese Schulanordnung. Wehe dem, der erwischt wurde!

Zigaretten bekam man ohne Bezugsschein nicht zu kaufen, es sei denn, auf dem Schwarzmarkt – zehn Reichsmark das Stück. Für eine Handvoll Kippen, die man besonders häufig in der Gegend fand, wo britische Soldaten Quartier bezogen hatten, gabs ein Päckchen Keks aus Care-Paketen oder vielleicht ein paar Briefmarken (Hindenburg – Trauersatz) oder aber sie wurden für gute Beziehungen bei der nächsten Lateinarbeit in Form wertvoller Informationen gehandelt. Manchmal fiel bei den Tommis auch „’ne Aktive“ ab.

(Have you a cigarette for me – please?)

Graf Bobby verfügte nicht nur über Aktive (Lucky Strike), gegen Naturalien aller Art oder sonstige Vergünstigungen konnte man bei ihm sogar Schokolade und Kaffee erstehen. Es wurde gesagt, seine ältere Schwester „ginge mit einem Tommy“.

(Dass die sich nicht schämt – als deutsches Mädchen!)

Graf Bobby hatte sich zusammen mit dem dicken Beckmann in die unteren Regionen des Doms zurückgezogen. Bald zog bläulicher Rauch die Wendeltreppe hinauf.

Der „Eiserne“ war durch die Prügelei zweier Sextaner in die Nähe des Doms gelockt worden. Der sonst so vertraute Geruch war von eindeutigem Zigarettenduft durchsetzt, das machte ihn misstrauisch.

Jemand hatte „Van-de-A!“ in die Toilettenanlage gebrüllt. Unten hörte man hastig zwei Türen hart ins Schloss fallen. Eine Flucht von dort war lediglich über die Wendeltreppe möglich, und die war aussichtslos durch den „Eisernen“ versperrt.

„Aufmachen, rauskommen! Rauskommen, sofort!“, hörte man Gustav wütend brüllen.

(Da fällt dir das Herz inne Büx!)

Doch hinter den Zellentüren rührte sich nichts.

Schadenfrohe Gesichter hatten sich am Ausgang des Doms zu einer Traube formiert, denn erstens war man selber noch mal davongekommen und zweitens hatte Graf Bobby, dieser eingebildete Fatzke, das schon lange verdient. Eindringlich verkündete die Schulglocke das Ende der großen Pause. Die Schüler strebten eilig dem Eingang des Schulgebäudes und ihren Klassen zu. Nur eine kleine Gruppe, vornehmlich Untertertianer, blieb noch in der Nähe des Doms (Mensch, das muss man gesehen haben). Kater vor dem Mauseloch, während Walter Jacobi und der dicke Beckmann bibbernd in ihren unfreiwilligen Gefängnissen hockten.

„Weg da!“, zischte Bulle Galewski, zog einen metallisch glänzenden Gegenstand aus der Hosentasche, riss an einer Art Schnur und warf das Ding die Treppe hinunter.

„Los, abhauen – Tränengas!“

Bulle, der bei Graf Bobby Großabnehmer in Zigaretten und Schokolade war, schaffte auf diese Weise für sich gute Geschäftsbedingungen.