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Auf Föhr ticken die Uhren anders … Carla Johanssen schlägt keine Wurzeln – sie ist geschieden, ihre Tochter Sophie ist erwachsen und als Souffleuse wandert sie von Theater zu Theater. Doch der Tod ihres Vaters führt sie zurück auf die malerische Nordfriesland-Insel Föhr, wo ihr Erbe wartet: das Klokkenmakerhaus, die alte Uhrenwerkstatt in Wyk. Eigentlich will sie das Haus und all die Erinnerungen darin so schnell wie möglich loswerden, doch Sophie macht ihr einen Strich durch die Rechnung. Die verliebt sich nämlich in das Zuhause, das sie nie hatte – und Carla findet sich inmitten eines chaotischen Plans, das Klokkenmakerhaus zu einem Café umzumodeln. Trotz aller Skepsis wecken alte Freunde, neue Liebe und die Idylle der Nordsee etwas in ihr: den Wunsch nach Heimat … Ein Wohlfühlroman mit Herz, Humor und Heimatliebe für Fans von Hanna Holmgren!
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Seitenzahl: 465
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Carla Johanssen schlägt keine Wurzeln – sie ist geschieden, ihre Tochter Sophie ist erwachsen und als Souffleuse wandert sie von Theater zu Theater. Doch der Tod ihres Vaters führt sie zurück auf die malerische Nordfriesland-Insel Föhr, wo ihr Erbe wartet: das Klokkenmakerhaus, die alte Uhrenwerkstatt in Wyk. Eigentlich will sie das Haus und all die Erinnerungen darin so schnell wie möglich loswerden, doch Sophie macht ihr einen Strich durch die Rechnung. Die verliebt sich nämlich in das Zuhause, das sie nie hatte – und Carla findet sich inmitten eines chaotischen Plans, das Klokkenmakerhaus zu einem Café umzumodeln. Trotz aller Skepsis wecken alte Freunde, neue Liebe und die Idylle der Nordsee etwas in ihr: den Wunsch nach Heimat …
Originalausgabe Januar 2026
Copyright © der Originalausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Redaktion: Alfons Winkelmann
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Motive von ideogram.ai/wildesblut sowie mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (lj)
ISBN 978-3-69076-884-9
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Alexa Hirth
Roman
Januar
Das war‘s also mal wieder.
Nachdem der Schlussapplaus verebbt war und die Zuschauer zu den Ausgängen drängten, löste Carla Johanssen die Klemmlampe von ihrer blauen Kladde, klappte ihr Soufflierbuch von Shakespeares »Was ihr wollt« zu und steckte beides in ihren abgenutzten Rucksack. Dann nahm sie ihre Lesebrille ab, verstaute sie ebenfalls und blieb noch einen Moment auf ihrem Platz ganz rechts in der ersten Reihe des Kieler Schauspielhauses sitzen, der für die Souffleure reserviert war. Sie schaute auf das nun verwaiste Bühnenbild, vor dem sich eben noch das Ensemble verbeugt hatte. Wie immer bei der allerletzten Vorstellung eines Stücks, das sie von der ersten Probe an betreut hatte, überkam sie eine leichte Melancholie. Wieder war etwas vorbei. Etwas, das diesmal ganz schön gewesen war. Anstrengend, aber schön.
Seufzend schälte Carla sich aus ihrem Sitz, der mit einem dumpfen Geräusch zurückklappte. Die Einlassdame schaute fragend um die Ecke.
Carla lächelte ihr zu. »Hallo Jennifer, ich komme ja schon.«
»Das war heute deine Letzte, oder?«, bemerkte Jennifer, während sie die Saaltür hinter ihnen schloss.
»Leider.« Carla seufzte.
»Und jetzt?«, fragte Jennifer. »Kommst du mal wieder?«
»Eventuell für das Weihnachtsstück«, antwortete Carla. »Aber nichts Genaues weiß man nicht.« Seit zwei Jahren war sie nicht mehr fest an einem Theater angestellt, sondern gastierte. Mal hier mal da. Kiel war wirklich nett gewesen. Nette Kollegen, eine nette Regisseurin, ein Stück, das sie mochte. Keine Selbstverständlichkeit. Und sie hatte die Möglichkeit, nach Rendsburg zu pendeln, anstatt sich für die Zeit der Produktion ein möbliertes Zimmer suchen zu müssen.
Sie schaute auf ihre Armbanduhr und erschrak. Es war zwanzig vor elf. »Himmel, hier stehe ich und plaudere, und um fünf nach elf fährt meine Bahn!« Die Schauspieler trafen sich jetzt alle noch auf ein Kaltgetränk im Theaterbistro, aber für sie hieß es: Ab zum Zug nach Rendsburg. Sie stieß die Tür zur Hinterbühne auf, rannte den Gang entlang, griff sich ihre Winterjacke vom Haken und rannte weiter, bis sie an der Bühnenpforte angekommen war. Dort zog sie hektisch ihre Jacke an, setzte ihren Rucksack auf, warf dem Pförtner ein »Tschüss!« zu und stürzte hinaus auf den Hof zu ihrem Faltrad, das im Ständer parkte. Mit fliegenden Fingern öffnete sie das Schloss, schwang sich in den Sattel, trat kräftig in die Pedale und sauste vom Hof.
»Hey, blöde Kuh, kannst du nicht aufpassen?«, rief ihr ein Mann hinterher, den sie fast übergebügelt hatte.
Zum Glück ging es bergab, und sie war ziemlich sicher, dass sie es rechtzeitig zum Bahnhof schaffen würde. Kalter Januarwind pfiff ihr um die Ohren. Blöderweise hatte sie vergessen, ihre Mütze aufzusetzen. Ihre Augen tränten. In ihrer Jackentasche klingelte das Handy. Wahrscheinlich Sophie. Sobald sie im Zug saß, würde sie zurückrufen.
Die Stadt war wie ausgestorben um diese Uhrzeit. Erst als Carla die Bergstraße mit ihren Clubs hinunter radelte, sah sie Menschen. Junge Leute in lauten Outfits, die sich die Nacht um die Ohren schlagen wollten. Kurz darauf, in der breiten, vierspurigen Straße zum Bahnhof, wieder tote Hose. Hässliche Gebäude, permanenter Gegenwind. Rechts ein Taxistand mit zwei Wagen, aus denen arabische Musik drang. Die Motoren liefen. Es stank nach Diesel.
Carla hielt die Luft an, bis sie an den Taxis vorbei war, und strampelte weiter. Gleich darauf fuhr sie diagonal über die Straße, überquerte den Bahnhofsvorplatz, sah auf der Bahnhofsuhr, dass es zwei Minuten vor elf war, entspannte sich etwas, sprang vom Rad, schob es durch die Eingangshalle und trug es die Treppe hoch. Verbotenerweise stieg sie oben wieder auf und radelte zu Gleis 6b, das ganz hinten lag, außerhalb der Bahnhofshalle. Dort stand kein Zug.
»Das ist nicht wahr!«, rief sie entgeistert, als sie die Anzeige auf dem Display las. Schienenersatzverkehr ab Kaistraße.
Ihr Herz schlug wie wild, als sie umdrehte und zum Seitenausgang raste. Tatsächlich, dort, zwischen Hafenkante und Bahnhof, stand ein erleuchteter alter Gelenkbus, der nicht sehr vertrauenerweckend aussah. Sie düste die Rampe hinunter und bremste kurz vor dem Einstieg.
Der Busfahrer, ein weißhaariger Mann von mindestens 80, schüttelte den Kopf. »Keine Fahrräder«, brummte er.
»Das ist ein Faltrad«, fauchte Carla. Und zwar ein superluxuriöses, für das sie die Hälfte ihrer mageren Ersparnisse ausgegeben hatte. Sie machte sich daran, ihren Worten Taten folgen zu lassen. Ein Hebel klemmte. Von wegen Luxusstandard. Oder war sie einfach zu ungeschickt? »Mist!«, fluchte sie und bemühte sich verzweifelt, ihn zu lösen.
»Ich fahre in einer Minute«, erklärte der Mann hinter dem Steuer.
»Gleich«, keuchte Carla. Endlich gab der Hebel nach, sie faltete ihr Rad auf Bordgepäckgröße zusammen, zückte ihr Smartphone mit dem elektronischen Ticket und stieg ein. Der lange Bus war leer bis auf einen einzigen Fahrgast. Als sie ihre Fahrkarte zeigte und nach hinten durchgehen wollte, hielt der Fahrer sie auf.
»Das Rad kostet«, sagte er.
»Handgepäck«, widersprach Carla. »Das kostet nichts.«
»3,20«, erwiderte der Mann ungerührt. »Sonst bleiben Sie hier.«
Carla gab auf, stellte das zusammengeklappte Rad hin, nahm ihren Rucksack ab, wühlte nach ihrer Geldbörse, fand sie und öffnete sie. Kein Kleingeld. Shit happens. Sie reichte dem Busfahrer einen 20-Euro-Schein.
»Kann ich nicht wechseln«, knurrte der Mann.
»Müssen Sie aber können«, erwiderte Carla. »Das weiß ich genau.«
Er startete den Motor und fuhr los, ohne etwas zu erwidern. Carla wäre fast durch den Bus geflogen, als er rasant um die Ecke bog.
Offenbar war das Thema ›Bezahlen‹ für ihn damit erledigt. Sie steckte ihre Geldbörse wieder ein, nahm Rucksack und Fahrrad und breitete sich auf dem Vierersitz aus, der für Leute mit Beeinträchtigungen reserviert war. Sie fand, ihr Gepäck war Beeinträchtigung genug. Außerdem war der Bus ja nicht gerade überfüllt.
Da fiel ihr ein, dass sie gar nicht gefragt hatte, ob der Bus bis Rendsburg fuhr oder ob sie etwa in Felde wieder in die Bahn umsteigen musste. Doch sie hatte nicht das Gefühl, dass der Busfahrer ihr eine Antwort gegeben hätte, daher ergab sie sich in ihr Schicksal und wartete ab, was passierte.
Die Bahn, das ewige Thema. Wie oft war es ihr schon passiert, dass ihr Zug nicht fuhr oder es an einem Bahnhof hieß: »Aufgrund einer technischen Störung bitten wir Sie, den Zug zu verlassen. Ein Schienenersatzverkehr wird eingerichtet. Reisende Richtung … «
Sie war müde, sie war hungrig, sie hatte sich auf eine Tüte Chips und ein Bier auf dem Sofa gefreut. Jetzt fuhren sie auf leeren Straßen durch eine hässliche, spärlich beleuchtete Stadt, und sie hatte keine Ahnung, wann sie zu Hause ankommen würde. Ob überhaupt!
Ich bin zu alt für diesen Stress, dachte sie entnervt. Doch die Zwangspause, die vor ihr lag, weil bisher kein Theater angerufen hatte, das eine Gastsouffleuse brauchte, würde sie auch nicht genießen können. Souffleuse war ohnehin ein aussterbender Beruf. Vor zwei Jahren noch war sie am Landestheater Schleswig-Rendsburg fest engagiert gewesen. Bis die Theaterleitung aus Sparzwang beschlossen hatte, die Soufflage abzuschaffen. Seitdem hangelte sie sich von Job zu Job, und ihr Faltrad war ihr bester, wenn nicht gar ihr einziger Freund.
Ihr Handy klingelte. Sie fischte es aus ihrer Jackentasche und sah, dass es Sophie war, die anrief.
»Hallo, mein Schatz«, meldete sie sich.
»Ich wollte nur hören, wie die Dernière war«, sagte ihre Tochter.
»Gut. Jetzt hocke ich im Bus. Der Zug ist ausgefallen.«
»Oh, nein, du Arme!«
»Was gibt es bei dir?«, wollte Carla wissen.
Einen Moment herrschte Schweigen in der Leitung.
»Was ist los?«, fragte Carla beunruhigt.
»Nichts Besonderes. Ich hab meine Geldbörse verloren.«
»Ach, du meine Güte! Schon wieder. War deine Girokarte drin? Deine Kreditkarte?«
»Alles. Karten, Personalausweis und so weiter.«
»Hast du die Karten sperren lassen?«
»Sicher. Leichteste Übung.«
»Hast du mal daran gedacht, ein bisschen weniger zu arbeiten? Dann passiert dir so was vielleicht nicht ständig.«
»Sag das mal meinem Chef.«
»Mach ich glatt«, antwortete Carla humorvoll.
»Lass stecken, Mama. Die Finanzbranche ist halt stressig.«
»Kannst du mal ein paar Tage Urlaub nehmen?«
»Eher nicht.«
Normalerweise war ihre 27-jährige Tochter nicht so kurzangebunden. »Du hast doch noch was auf dem Herzen, Sophie. Das merke ich an deiner Stimme«, sagte Carla und hörte, wie Sophie tief durchatmete.
»Ich glaube, ich weiß inzwischen, was wirklich mit mir los ist.«
Was wirklich mit ihr los war? »Was meinst du damit?«, fragte Carla irritiert.
»Ich hab ADHS.«
Carla machte den Fehler zu lachen.
»Mama! Das ist nicht lustig!«
»Entschuldige, Sophie. Aber im Moment hat irgendwie jeder ADHS.« Sie wartete auf eine Reaktion, doch Sophie sagte nichts. Carla schaute auf ihr Display. Das Gespräch war beendet worden. Sophie hatte aufgelegt.
Der Bus fuhr schwungvoll um eine Kurve, und Carla sah, dass sie den Bahnhof Felde erreicht hatte.
»Endstation«, sagte der Busfahrer laut und öffnete die mittlere Tür. Eisige Nachtluft strömte herein.
Am Bahnsteig stand ein wartender Zug mit laufendem Dieselmotor. Hastig raffte Carla ihre Sachen zusammen, stieg aus und rannte zum Zug. Aufatmend ließ sie sich auf eine Sitzbank sinken. Die Türen piepten, als sie geschlossen wurden. Eine Sekunde später setzte sich der Zug in Bewegung, und Carla tippte in der Anrufliste auf die Privatnummer ihrer Tochter.
Es tutete. Tutete lange. Dann sprang die Mailbox an.
»Hi. Hier ist die Mailbox von Sophie. Gerne was Nettes draufquatschen.«
Carla beendete den Anruf und tippte stattdessen eine Nachricht.
Dodi, ich habe es nicht so gemeint. Ich bin einfach müde und genervt. Erzähl mir mehr darüber. Okay?
Das Mobiltelefon klingelte. Sophie.
»Tut mir leid, Dodi«, sagte Carla. Dodi war seit Kindertagen der Spitzname ihrer Tochter. »Es ist spät, ich sitze im Schienenersatzverkehr, und … «
»Du sitzt seit zwei Jahren ständig im Schienenersatzverkehr, Mama«, gab Sophie kühl zurück. »Such dir endlich einen normalen Job. Nine to five, wenn du verstehst, was ich meine. Oder mach endlich den Führerschein und kauf dir ein Auto.«
Über dieses Thema hatten sie schon tausendmal gesprochen. Sophie wollte einfach nicht verstehen, dass eine Frau Mitte 50 auf dem normalen Arbeitsmarkt kaum noch eine Chance hatte. Und wenn nine to five hieß, bei Rewe an der Kasse zu sitzen, dann saß Carla lieber im Schienenersatzverkehr.
»Wie hast du herausgefunden, dass du ADHS hast?«, wechselte sie das Thema.
»Es gibt einen ziemlich guten Selbsttest«, erklärte Sophie. »Da bin ich bei fast allen Punkten positiv.«
»Und was heißt das genau?«
»Na ja, du weißt ja, wie ich sein kann. Auf der Arbeit funktioniere ich, aber zu Hause … Ich fange an zu putzen, denke, ich müsste eigentlich kochen, stelle Kartoffeln auf, und dann rufe ich eine Freundin an, und eine dreiviertel Stunde später sind die Kartoffeln total verkocht, und die Wohnung ist immer noch nicht gestaubsaugt. Außerdem, ich bin schusselig, komme zu Verabredungen zu spät oder vergesse sie ganz.«
Carla hörte den Frust in Sophies Stimme. »Du trägst dir deine Termine doch bestimmt in deinen Handykalender ein«, sagte sie vorsichtig. »Hilft dir das nicht?«
»Der Kalender sagt mir eine Stunde vorher, dass ich einen Termin habe. Nach zehn Minuten habe ich es wieder vergessen.«
»Du brauchst eine Sekretärin.«
»Mama! Erstens habe ich eine Sekretärin, hm, zumindest hat das Team eine, und zweitens habe ich dir doch gesagt, dass ich diese Probleme nur privat habe! Im Job funktioniere ich wie ein Automat. Allerdings gibt es da seit Neuestem auch ein Problem.«
»Und welches?«
»Unser Chef hat beschlossen, dass wir alle keinen eigenen Schreibtisch mehr haben dürfen, weil seit Corona sowieso immer einige im Homeoffice sind. Wer im Büro arbeitet, sucht sich einen freien Schreibtisch, klappt seinen Laptop auf, und los geht‘s. Bei den Kollegen funktioniert das. Nur bei mir nicht. Ich brauche meinen festen Platz. Dort sind meine Sachen, mein Stuhl, mein Fenster, aus dem ich immer den gleichen Ausblick habe. An einem fremden Schreibtisch kann ich mich einfach nicht konzentrieren. Neulich hatte ich deswegen sogar eine Panikattacke.«
»Das ist ja furchtbar, Dodi. Kannst du mit deinem Chef darüber reden?«
»Habe ich versucht. Er meinte, ich würde mich schon dran gewöhnen. Ich habe ihm gesagt, dass ich ADHS habe, aber er hat gesagt, das müsse ich von einem Arzt attestieren lassen.«
»Ich denke ja auch, ein Selbsttest reicht nicht aus, umso etwas festzustellen.«
»Nein, natürlich nicht. Ich habe immerhin einen Termin bei einem Therapeuten ergattert.«
»Das ist gut«, sagte Carla. »Vielleicht stellt sich ja heraus, dass es gar kein ADHS ist.«
»Keine Ahnung«, gab Sophie schroff zurück. »Vielleicht haben meine Probleme ja auch damit zu tun, dass ihr mich als Kind ständig durch halb Deutschland geschleppt habt.«
Auch über dieses Thema hatte Carla mit ihrer Tochter schon viele Nächte diskutiert. Und sie hatte ein schlechtes Gewissen wegen der vielen Umzüge von einer Stadt in die andere, wenn Taras – Bassbariton und Sophies Vater – mal wieder gekündigt wurde, weil der Intendant seines Theaters wechselte, und der Neue, wie es am Theater üblich war, diejenigen Bühnenkünstler rauswarf, die nicht in sein Konzept passten, oder schlicht seine eigenen, bevorzugten Leute unterbringen wollte. Mehrmals hatte sich Taras im Laufe ihrer Ehe ein neues Engagement an einem anderen Theater suchen müssen.
»Wäre es dir lieber gewesen, wir hätten von Sozialhilfe gelebt?«, fragte Carla müde. Auch dieses Argument hatte sie schon oft gebracht.
»Als ob das die einzige Alternative gewesen wäre«, schnappte Sophie.
»Ich habe gelesen, dass ADHS angeboren ist«, wandte Carla ein.
»Ja, kann sein. Vielleicht habe ich es ja von Papa.«
»Also, ich weiß nicht«, sagte Carla zweifelnd. »Du kamst mir als Kind ganz normal vor.«
»Was ist schon normal!«, ereiferte sich ihre Tochter. »Ich habe immer versucht, das brave, fleißige Kind zu sein, damit du dir keine Sorgen um mich machen musst.«
Carla schluckte. Das war ein heftiger Vorwurf. Aber am Telefon wollte sie nicht über solche Dinge diskutieren. »Und was bedeutet das jetzt, dass du vielleicht ADHS hast?«
»Keine Ahnung. Erst mal bin ich überhaupt froh, dass ich es weiß«, antwortete ihre Tochter.
»Dass du es vermutest«, schränkte Carla ein.
»Von mir aus. Jedenfalls würde es vieles erklären.«
»Hast du mal überlegt, ob Betriebswirtschaftslehre das richtige Studium für dich war?«, fragte sie vorsichtig. »Vielleicht hast du deshalb diese Schwierigkeiten. Ich könnte mir vorstellen … «
»Mama, du verstehst mich einfach nicht!«, rief Sophie.
»Hör zu, Dodi, es ist fast Mitternacht, ich bin gleich in Rendsburg und muss aussteigen. Lass uns morgen in Ruhe darüber reden.«
»Morgen, morgen, morgen. Mir geht es aber jetzt scheiße, Mama!«
Zack, hatte sie aufgelegt.
»Argh!« Am liebsten hätte Carla das Mobilteil durch das leere Zugabteil geschleudert. ADHS! Auch das noch. Irgendwie wollte sie nicht glauben, dass Sophie daran litt.
Der Zug bremste. Sie hatten Rendsburg erreicht. Endlich.
Mit dem altbekannten nagenden Gefühl, eine schlechte Mutter zu sein, verließ sie den Zug, klappte ihr Rad auseinander, zog die Hebel fest, schwang sich in den Sattel und fuhr nach Hause. Es war fast halb eins, und die Stadt war menschenleer. Begierig sog Carla die feuchte, kühle Luft ein. Seltsamerweise war es hier nicht halb so windig wie in Kiel. Vor dem Haus, in dem sie wohnte, blieb sie noch einen Moment stehen, lehnte sich gegen die Wand und schaute in den Nachthimmel. Kein Mond. Keine Sterne. Sie war erschöpft und hellwach zugleich. Wie immer, wenn sie von einer Theatervorstellung nach Hause kam. Mit müden Augen vom Starren auf das Textbuch, gleichzeitig aufgekratzt von der Energie, die sie mit den Spielern teilte, und ein bisschen wehmütig, weil sie jetzt wieder allein war nach dem Bad in der Zuschauermenge, nach der Gemeinschaft mit dem Ensemble auf der Bühne. Dabei war diese Gemeinschaft ja nur eingebildet, denn sie war ja nicht Teil des Bühnengeschehens, saß ja nur unten in der ersten Reihe, dazugehörig irgendwie und doch einsam. Fremd dazu oft noch, denn sie war schließlich nur Gast für eine bestimmte Zeit.
Doch ihre eigenen Probleme traten vor dem, was Sophie ihr gerade mitgeteilt hatte, so was von in den Hintergrund. Die Frage war nur, wie sie ihrer Tochter helfen konnte. Und ob sie dafür überhaupt die richtige Person war.
Carla drehte sich um, schloss die Haustür auf, stellte ihr Fahrrad ab und ging die Treppe hinauf ins Dachgeschoss des dreistöckigen alten Gebäudes am Markt.
In ihrer kleinen, preiswerten Einzimmerwohnung zog sie ihre Jacke aus, warf den Rucksack in eine Ecke, streifte die Schuhe ab und ging auf Strümpfen in die Küche. Als sie den Kühlschrank öffnete, fand sie darin noch genau eine Dose Bier. Es zischte, als sie die Dose öffnete. Gierig trank sie einen großen Schluck. Dann ging sie hinüber ins Wohnzimmer-Schlafzimmer, ließ sich aufs Sofa fallen, nahm die Fernbedienung und machte den Fernseher an. Das übliche Ritual nach einer Theatervorstellung und der nächtlichen Heimfahrt. Nach kurzem Zappen fand sie sich mitten in einem alten Schwarz-Weiß-Film mit Clark Gable und einer blonden Schauspielerin wieder, an deren Namen sie sich nicht erinnerte. Sie schlug die Beine unter, trank ab und zu von ihrem Bier, und wartete darauf, dass sie müde wurde. Statt sich jedoch in der Filmhandlung zu verlieren, ratterte das Telefonat mit Sophie immer wieder durch ihren Kopf. Trotzdem schlief sie irgendwann bei laufendem Fernseher auf dem Sofa ein. Wie so oft.
***
Etwas machte Lärm. Und summte. Ein schrilles Klingeln und dumpfes Summen. Das dauerte eine Weile. Dann hörte es wieder auf. Gleich darauf begann der Krach von neuem, durchmischt mit Stimmen und Musik.
Carla schlug die Augen auf. Der Lärm ging weiter.
Wo bin ich? Was in aller Welt …
Mühsam richtete sie sich auf. Ihre Muskeln schmerzten. Der alte Film war längst zu Ende. Stattdessen lief ein Western.
Ihr Handy lag auf dem Boden, leuchtete, klingelte und vibrierte. Hastig griff Carla mit der linken Hand danach, drückte auf Annehmen, und schaltete mit der rechten per Fernbedienung die Glotze aus.
»Ja?«, meldete sie sich und hatte selbst mit diesem kurzen Wort Mühe.
»Spreche ich mit Frau Carla Johanssen?«, sagte eine weibliche Stimme.
»Ja.«
»Hier ist Birte Fischer vom Paul-Gerhardt-Haus in Wyk«, erklärte die Anruferin.
Carlas Puls beschleunigte sich. »Ist … ist etwas mit meinem Vater?«, fragte sie.
»Es tut mir leid, dass ich Sie um diese Uhrzeit störe, Frau Johanssen. Aber Ihr Vater ist vor einer Stunde friedlich eingeschlafen.«
Carla bekam sofort Herzrasen. »Wie … wie spät ist es?«
»Kurz nach zwei«, antwortete Frau Fischer. »Es tut mir leid, wenn ich Sie geweckt habe … «
»Nein, schon gut«, sagte Carla. Die Hand, mit der sie das Handy hielt, zitterte. »Danke, dass Sie gleich angerufen haben.«
»Mein herzliches Beileid.«
»Danke.« Sie war mit einem Mal hellwach und schaltete automatisch in den Organisationsmodus. Als ihre Mutter vor sechs Jahren gestorben war, hatte auch alles an ihr gehangen. Sterbeurkunde, Zeitungsanzeige im Insel-Boten, Beerdigung organisieren, Trauerrede mit dem Pfarrer besprechen … Und dann fiel ihr ein, dass sie und Dodi die Letzten der Familie waren. Und dass es noch viel mehr zu tun geben würde. Dinge, von denen sie keine Ahnung hatte. Denn sofern ihr Vater sie nicht testamentarisch enterbt hatte, gehörte das Elternhaus jetzt ihr. Das Haus! Das kleine weiße Haus mit der breiten verglasten Veranda an der Promenade von Wyk auf Föhr. Ihr Elternhaus, in dem sie aufgewachsen war. Das Haus des Klokkenmakers von Wyk mit den vielen Uhren und den vielen traurigen Erinnerungen.
»Können wir Boysen & Lau Bescheid sagen, dass sie Ihren Vater abholen dürfen?«, unterbrach Frau Fischer Carlas Gedankenstrom. »Sie wissen bereits Bescheid.«
Boysen & Lau war das einzige Bestattungsunternehmen auf Föhr. »Ja, natürlich. Ich würde ihn aber gerne noch sehen«, fügte Carla hinzu.
»Selbstverständlich. Das ist kein Problem. Wissen Sie schon, wann Sie kommen werden?«
»Ich fahre morgen rüber«, informierte Carla die Pflegedienstleiterin. Dann fiel ihr ein, dass es längst morgen war. »Uh, ich meine heute. Und kümmere mich um alles.«
»Das ist gut.« Frau Fischer zögerte, dann erklärte sie: »Wir haben eine lange Warteliste, wie Sie sich denken können.«
»Wann muss das Zimmer geräumt sein?«
»So schnell wie möglich«, gestand Frau Fischer. »Wir erstatten Ihnen dann natürlich die Kosten anteilig. Sie hätten ja bis Ende Februar Kündigungsfrist. Aber wenn das Zimmer schon im Januar frei wird … «
»Verstehe. Ich werde mein Möglichstes tun«, versprach Carla.
»Danke. Dann bis später, Frau Johanssen.«
»Ja, bis später.«
Als das Gespräch beendet war, ließ sich Carla gegen die Sofalehne sinken und schloss die Augen. Passierte denn immer alles auf einmal?
Ihr war klar gewesen, dass einmal der Tag mit diesem Anruf kommen würde. Und sie hatte sich immer gefragt, wie sie wohl auf den Tod ihres Vaters reagieren würde. Das Zittern hatte aufgehört, und auch das Herzrasen war weg. In diesem Moment empfand sie überhaupt nichts. Keinen Schmerz, keine Trauer, keinen Verlust. Sie war innerlich wie taub.
An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. Sie stand auf und begann, mechanisch zu packen. Irgendwann hatte sie das Gefühl zu ersticken und riss alle Fenster auf. Rasch wurde es kalt, aber es machte ihr nichts aus.
Als ihr nichts mehr einfiel, was sie in ihren Koffer hätte tun können, ging sie in die Küche und kochte sich einen Kaffee. Sie setzte sich an den alten Holztisch und trank. Langsam, in kleinen Schlucken, die Hände um die warme Tasse gelegt. Als der Kaffee ausgetrunken war, kochte sie sich den nächsten. Manchmal schossen Gedanken durch ihren Kopf, doch es gelang ihr nicht, sie festzuhalten.
Sie holte ihr Mobiltelefon und schaute in der App, wann der erste Zug fuhr.
Um kurz vor vier zog sie ihre Winterjacke an, setzte die Mütze auf, nahm ihren Rollkoffer, ihre Laptoptasche und ihre Handtasche, zog die Tür hinter sich zu und verließ das Haus. Falls das überhaupt möglich war, schien es draußen noch dunkler geworden zu sein. Dass der Tag irgendwann beginnen würde, merkte sie nur daran, dass die ersten Möwen kreisten und schrien. Die Rollen ihres Koffers verursachten einen Höllenlärm auf dem Bürgersteig, als sie Richtung Bahnhof ging. Ihr Kopf fühlte sich dumpf an, trotz des vielen Kaffees.
Auf Föhr war sie vor vier Wochen das letzte Mal gewesen, um ihren Vater im Pflegeheim zu besuchen. Nicht, dass es ihn besonders gefreut hätte, sie zu sehen. Wortkarg und grantig, wenn er denn mal was sagte, war er gewesen. Wie immer.
»Atji, hü gungt di det?«, hatte sie gefragt. Papa, wie geht es dir? Seit seinem Schlaganfall hatte die Demenz begonnen, und er reagierte besser, wenn man mit ihm in seiner Muttersprache redete. Sie sprach Föhrer Friesisch nur unzureichend, wie viele ihrer Altersgenossen, verstand aber nahezu alles. Für die Unterhaltung mit ihrem Vater reichte es allemal, denn »Gungt« war seine knappe Antwort gewesen. Danach hatte er geschwiegen und ins Leere gestarrt.
Höflichkeit war seit jeher für ihn ein Fremdwort, gerade mal seinen Kunden gegenüber bemühte er sich um die nötigsten Umgangsformen. Nach Sophie hatte er sich auch vor seiner Erkrankung so gut wie nie erkundigt.
Der Zug nach Husum kam, und Carla stieg ein. Das grelle Licht im Waggon blendete sie, und sie musste blinzeln. Drei Männer in Arbeitskleidung betraten das Abteil, besetzten einen Vierer, packten Stullen und Thermoskannen aus und begannen zu frühstücken.
Pünktlich um vier Uhr sechsundzwanzig ruckte der Zug an. Husum, Dagebüll Mole, dann auf die Fähre nach Wyk. Noch vier Stunden, und sie würde ihren Vater sehen. Zum letzten Mal.
Und dann?
Um halb acht Uhr morgens war es noch dunkel, und ein feiner Januarregen nieselte auf Carla herab, als sie sich an Deck der Schleswig-Holstein an die Reling lehnte. Die Motoren der Autofähre röhrten gleichmäßig vor sich hin. Ihren Koffer hatte Carla unten auf der dafür vorgesehenen Ablage gelassen und nur ihre Laptoptasche und ihre Handtasche mitgenommen. Wind gab es untypischerweise so gut wie gar nicht, und es herrschte Flut, sodass die Fähre gut Fahrt machte. Vor Carlas Augen erstreckte sich die dunkle Meeresfläche. Ein wie auch immer gearteter Horizont war nicht auszumachen. Die Lichter von Wyk waren in der Ferne durch den Regenschleier nur zu erahnen. Carla fröstelte, aber sie hatte nicht die geringste Lust, nach unten ins Warme zu gehen. Hier draußen roch es nach Salz und Tang und Schiffsdiesel, und auf eine schmerzhafte Weise war dieser Geruch sehr vertraut. Sie zog ihre Kapuze tiefer und konnte nicht verhindern, dass Tränen in ihren Augen brannten. Sie mischten sich mit dem Regen auf ihrem Gesicht.
Es war alles zu viel auf einmal. Sie hatte keinen Job, ihr Vater war tot, und Sophie hatte eine Krise. Die Aufgaben, die vor ihr lagen, türmten sich in ihrer Vorstellung zu einem monströsen Berg. Und es gruselte sie, wenn sie daran dachte, dass sie heute das Haus am Sandwall zum ersten Mal seit Jahren wieder betreten würde. Nur zu gern wäre sie für die nächsten Tage in einem Hotel oder wenigstens in einer Pension abgestiegen, aber das konnte sie sich nicht leisten. Sie starrte in den düsteren Morgen, und dabei stiegen, ohne dass sie es wollte, Bilder vor ihrem inneren Auge auf. Ihr Vater mit seinem Rollator. Ihr Vater, der gefüttert werden musste. Ihr Vater, der immer kleiner, immer magerer wurde. Ihr Vater, der in klaren Momenten sagte: »Ik wel tüs.« Ich will nach Hause.
So versunken war sie in ihre Grübeleien, dass sie gar nicht mitbekam, wie sich die Fähre nach einer Dreiviertelstunde dem Hafen von Wyk näherte. Langsam war die Dunkelheit in Nordseegrau übergegangen. Möwen kreischten, und gleich darauf gab es einen kurzen Rumms, als die Schleswig-Holstein anlegte. Carla war mittlerweile völlig durchnässt. Sie ging die steile Eisentreppe nach unten, nahm ihr Gepäck und wartete zusammen mit den wenigen Fahrgästen, die ohne Auto angereist waren, bis die Glasschiebetür geöffnet wurde.
»Tschüss, danke«, sagte sie zu dem Mitarbeiter in seiner orangefarbenen Warnweste. Der nickte nur mit unbewegtem Gesichtsausdruck.
Ein paar Autos, ein Trecker und zwei Lieferwagen rollten von der Fähre, während Carla über den Vorplatz ging, den Trolley hinter sich herziehend. Der Inselbus stand mit laufendem Motor an der Haltestelle, aber da das Haus am Sandwall, der Promenade von Wyk, lag, hätte ihr eine Busfahrt nicht das Geringste gebracht. An der Strandmauer blieb sie stehen und schaute auf die ungewöhnlich ruhige Nordsee. Etwas in ihr sperrte sich dagegen, weiterzugehen. Am liebsten wäre sie umgekehrt und mit der Fähre zurück aufs Festland gefahren.
Sie seufzte tief. Es half ja alles nichts. Sie hatte einen Job zu erledigen, und je schneller dieser Job erledigt war, umso eher konnte sie in ihr altes Leben zurückkehren.
Also setzte sie sich wieder in Bewegung, und bald hatte sie die Fußgängerzone erreicht. Rechts lag der leere Marktplatz, links die Fischbude, bis auf weiteres geschlossen. Doch selbst im verschlafenen Wyk begann gemächlich der Tag. Ein paar Leute kamen ihr entgegen, zu Fuß oder auf dem Fahrrad. Erstaunt sah sie, dass die alte Seebrücke in den vergangenen Jahren offenbar durch einen monströsen Neubau ersetzt worden war. Davor protzte ein Pavillon mit dem Namenszug einer bekannten Fischbratereikette. Normalerweise fuhr Carla vom Anleger aus mit dem Bus direkt ins Pflegeheim, daher hatte sie gar nicht mitbekommen, dass hier an der Promenade so viel gebaut worden war.
Eine Fahrradbremse quietschte. »Carla, bist du das?«
Abrupt hob sie den Kopf. Einen Moment lang war sie verwirrt und konnte im Morgendämmer das Gesicht des Mannes oder was davon durch die Mütze und den hochgezogenen Kragen zu sehen war, nicht zuordnen. Doch die Augen waren es, die sie schließlich auf die richtige Fährte brachten. »Freder? Freder Witt?«
Er lächelte breit. »Höchstpersönlich.«
Carla hatte ihren ehemaligen Schulkameraden zuletzt vor sechs Jahren auf der Beerdigung ihrer Mutter gesehen. Nur ganz kurz. Er hatte ihr und ihrem Vater kondoliert und war dann mit seiner Frau gleich wieder gegangen.
»Du bist ja pitschnass«, bemerkte er und runzelte die Stirn. »Was machst du hier um diese Uhrzeit? Bist du gerade mit der Fähre gekommen?«
Carla nickte. »Mein … mein Vater ist gestorben. Ganz plötzlich. Das Pflegeheim hat mich letzte Nacht angerufen, und ich bin gleich losgefahren.«
»Das tut mir leid«, sagte er mitfühlend.
Einen Moment schwiegen sie.
»Komm«, forderte Freder sie dann auf. »Ich muss ins Büro, aber jetzt ist noch wenig los. Ich mache uns Kaffee, du trocknest deine Sachen, und wir reden ein bisschen. Okay?«
»Wieso Büro?«, fragte Carla. »Ich dachte, du hast einen Hof?«
»Nebenerwerbslandwirt«, erklärte er. »Ich arbeite seit einigen Jahren bei der Gemeinde. Teilzeit. Los, komm mit. Hier draußen ist es zu ungemütlich.«
»Ich weiß nicht … Ich muss meine Sachen ins Haus bringen und dann zum Bestatter fahren. Ich möchte meinen Vater … « Sie brach ab und schluckte.
»Das verstehe ich. Aber vielleicht wäre es besser, wenn du dich erst mal aufwärmst. Eine Erkältung kannst du bestimmt nicht brauchen.«
»Warst du immer schon so überzeugend?« Carla hob den Kopf und lächelte.
»Vermutlich nicht. Sonst hättest du beim Abiball mit mir getanzt.« Er grinste.
»Oh, Gott, das war ein schrecklicher Abend. Erinnere mich bloß nicht daran!« Wider Willen musste sie lachen, obwohl es damals überhaupt nicht lustig gewesen war. Gegen den eindringlichen Rat ihrer Mutter hatte sie sich für ein ultrakurzes Kleid und Pumps mit superhohem Absatz entschieden. Den ganzen Abend hatte sie dann damit verbracht, verlegen am Saum ihres Kleides herumzuzerren, damit es nicht bei jeder Bewegung hochrutschte. Ihre Mutter hatte ihr missbilligende Blicke zugeworfen. Barbara Johanssen war allein da gewesen, denn ihr Mann war gar nicht erst mitgekommen. Und dann war Carla beim ersten Versuch zu tanzen, auch noch umgeknickt …
»Also, kommst du kurz mit?«, fragte er und riss sie aus ihren peinlichen Erinnerungen. »Ich habe übrigens Croissants im Rucksack. Frisch vom Bäcker.«
Sie musste nicht mehr lange zu überlegen. Wärme, Kaffee, Croissants … »Klar, danke, warum nicht?« Sie drehte sich um und setzte sich stadtauswärts in Bewegung. Freder schob sein Fahrrad neben ihr her.
Sie gingen den Sandwall zurück und überquerten den Marktplatz. Freder parkte sein Fahrrad an einem der vielen Ständer, nahm eine Plastiktüte, stülpte sie über den Sattel und knotete die Enden zusammen. Dann ging er voraus in das große moderne Backsteingebäude, in dem sich die Wyker Gemeindeverwaltung befand. Carla folgte ihm in sein Büro im ersten Stock. Auf dem Weg dorthin grüßte Freder ab und zu in eines der Büros, wo Mitarbeitende bereits hinter ihren Computern saßen.
»Stell deinen Koffer hier in die Ecke«, sagte Freder. »Und gib mir deine Jacke, damit ich sie auf die Heizung hängen kann.«
Folgsam und etwas amüsiert über seine Fürsorglichkeit tat Carla, was er verlangte.
»Setz dich«, forderte er sie auf und deutete auf einen blauen Stuhl vor seinem Schreibtisch. »Kaffee kommt gleich. Milch? Zucker?«
»Gerne schwarz«, erwiderte sie und ließ sich auf dem Stuhl nieder.
Freder verließ den Raum und kehrte kurz darauf mit zwei dampfenden Kaffeepötten zurück. Einen davon stellte er vor Carla. Dann holte er aus seinem Rucksack eine Papiertüte, öffnete sie raschelnd und reichte Carla ein duftendes Croissant.
»Danke«, sagte sie. »Das ist furchtbar nett von dir.« Und dann brach sie in Tränen aus. »So was Dummes«, schniefte sie und wühlte in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch. Sie schnäuzte sich und trank einen Schluck Kaffee. »Puh, das tut gut.«
Freder setzte sich hinter seinen Schreibtisch, und sie fühlte sich aufmerksam gemustert. Verlegen schaute sie auf ihre Hände. Bestimmt sah sie furchtbar aus. Übernächtigt, mit nassem Haar und roten Augen vom Heulanfall. Sie war nur froh, dass sie nicht mehr so oft von einer Hitzewallung heimgesucht wurde. Anscheinend hatte sie in dieser Hinsicht das Schlimmste überstanden. An Freder hatte die Zeit nur wenig genagt. Er war schon immer groß, hager und blond gewesen, mit einem schmalen Gesicht, großer Nase, einem Mund, der gerne lachte, und blauen Augen, die mittlerweile von vielen Fältchen umzogen waren.
»Wo lebst du jetzt?«, erkundigte sich Freder.
»In Rendsburg. Seit … seit meiner Scheidung.«
»Du bist geschieden?« Sofort schüttelte Freder den Kopf. »Dumme Frage. Sorry.«
»Kein Problem.« Carla nippte an ihrem Kaffee.
Freder räusperte sich. »Wenn man so lange nicht miteinander gesprochen hat, tritt man wahrscheinlich automatisch in den einen oder anderen Fettnapf.«
Carla lächelte. »Mir kommt es immer noch seltsam vor, dass du mich vorhin sofort erkannt hast.«
»Wahrscheinlich ist es auch seltsam, aber irgendwie … «
»Seit wann bist du hier auf dem Amt?«, fragte sie. »Und was ist mit dem Hof?«
»Hier war eine Stelle lange unbesetzt, und da habe ich gedacht, ich probiere mal, ob ich dafür geeignet bin. Jetzt mache ich den Job schon seit fast vier Jahren. Allgemeine Bürotätigkeit nennt sich das. Ich mag den Kontakt mit Leuten. Hannes, mein jüngerer Sohn, bewirtschaftet den Hof.«
»Das heißt, du hast noch mehr Kinder?«
Er nickte. »Thore, mein älterer Sohn, ist nach Neuseeland ausgewandert. Dort züchtet er Schafe. Hätte er auch hier machen können, aber … « Freder zuckte die Achseln.
»Vermisst du ihn.«
»Ja, schon. Aber wir chatten regelmäßig per Video.«
»Für deine Frau ist das bestimmt nicht einfach«, bemerkte Carla.
»Sie hat das viel lockerer genommen als ich«, gestand er, zögerte einen Moment, und fügte dann leise hinzu: »Kreske ist vor knapp zwei Jahren gestorben.«
»Oh, das ist ja furchtbar. Das tut mir entsetzlich leid.« Carla sah, wie seine Hand den Henkel des Kaffeepotts umkrampfte. »Bei der Beerdigung meiner Mutter … «
»War alles noch in Ordnung. Ein paar Jahre später: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Es ging ganz schnell.«
»Es tut mir so leid«, flüsterte Carla.
»Danke. Das erste Jahr ohne Kreske war grauenvoll. Und es ist immer noch nicht leicht.«
Ein Moment der Stille trat ein. Carla hörte gedämpfte Stimmen aus dem gegenüberliegenden Büro, Schritte auf dem Gang.
»Du hast ja noch gar nichts von deinem Croissant gegessen«, meinte Freder, nahm sein eigenes und biss hinein.
Carla hatte plötzlich nicht mehr den geringsten Appetit, doch sie knabberte an ihrem Hörnchen und trank einen Schluck Kaffee hinterher.
»Du bist nicht bei unserem 30-jährigen Abitreffen gewesen«, bemerkte er nun.
»Wahrscheinlich hatte ich Probe oder Vorstellung.«
»Bist du Schauspielerin?«, fragte er.
»Nein, Souffleuse. Aber frag jetzt nicht, ob ich in einem Kasten sitze. Das tun Souffleusen im Schauspiel schon seit 30 Jahren nicht mehr.«
»Wäre bestimmt meine nächste Frage gewesen«, erwiderte er, und sein Mundwinkel zuckte. »Gut, dass du mich aufgeklärt hast. Aber warum hast du nicht einfach zwei oder drei Tage Urlaub genommen?«
»Weil das am Theater nicht so einfach ist. Während der Spielzeit herrscht Anwesenheitspflicht. Eine Souffleuse ist immer dabei. Bei allen Proben und Vorstellungen. Unser Urlaub muss im Sommer während der spielfreien Zeit am Stück genommen werden.«
»Da musst du deinen Job schon sehr lieben.«
»Oder keine andere Wahl haben. Du als Landwirt kannst ja auch nicht einfach in Urlaub fahren, wenn dir danach ist.«
»Das stimmt. Warum eigentlich Souffleuse? Du hattest ein gutes Abi. Hast du nicht in Heidelberg studiert?«
»Ja, habe ich. Ein paar Semester Kunstpädagogik und Geschichte auf Lehramt in Heidelberg. Um Geld zu verdienen, habe ich am dortigen Theater abends im Einlass gearbeitet. Irgendwann wurde eine Souffleuse krank, und sie haben mich gefragt, ob ich einspringen könnte. Es hat mir Spaß gemacht, den Schauspielern zu helfen. Wenn es gut läuft, ist es wie tanzen.« Sie bemerkte seinen Blick und musste lachen. »Kein Mensch kann sich unter meinem Job irgendwas Genaues vorstellen.«
»Erzähl mir mehr darüber«, forderte er sie auf.
»Da gibt es gar nicht so viel zu erzählen. Erst sitze ich wochenlang jeden Tag sieben oder acht Stunden hoch konzentriert auf der Probebühne und achte darauf, wann ein Schauspieler oder eine Schauspielerin hängen bleibt und Text braucht. Nach der Premiere begleite ich 14 oder auch mal 20 Vorstellungen, verteilt auf mehrere Monate. Und dann kommt das nächste Stück, der nächste fremde Regisseur, die nächste fremde Stadt.«
»Und wie bist du in Rendsburg gelandet? Heimweh nach dem Norden?«
»Eher nicht. Rendsburg war mein letzter Umzug nach der Scheidung von Taras.«
»Taras?«
»Ein ukrainischer Sänger. Bassbariton. Wir haben uns in Heidelberg kennengelernt. Gemeinsam sind wir von Theater zu Theater gezogen. Pforzheim, Gießen, Kassel und Detmold … « Sie runzelte die Stirn. »Bestimmt habe ich irgendeine Stadt vergessen. Zwischendrin wurde ich irgendwann schwanger … «
»Stimmt. Irgendwer hat mir erzählt, dass du eine Tochter hast.«
»Gesa vielleicht?«
»Genau. Gesa war beim Abitreffen, und da haben wir kurz über dich gesprochen.«
»Was hat sie gesagt?«, wollte Carla wissen.
»Nur dass du verheiratet bist und eine Tochter hast.«
»Ja. Sophie.«
»Wie alt ist sie jetzt?«
»27. Sie lebt in Hamburg. Und ehrlich gesagt, wäre ich auch nicht zum Abitreffen gekommen, wenn ich mir hätte freinehmen können.«
»Warum? Du warst eine beliebte Schülerin. Hab ich damals was nicht mitbekommen? Fandest du uns doof?«
Heftig schüttelte Carla den Kopf. Eine feuchte Haarsträhne flog ihr ins Gesicht, und sie strich sie hinters Ohr. »Nein, überhaupt nicht. Aber ich hätte übernachten müssen. Zu Hause. Das wollte ich nicht. Mein Vater … «
Freder nickte. »Verstehe. Du hattest kein gutes Verhältnis zu ihm. Das war bekannt.«
»Er hat mich schließlich, als ich 18 war, aus dem Haus geworfen.«
»Wir haben uns alle gefragt, weshalb du so plötzlich weg warst.«
»Er war nicht allein schuld«, antwortete Carla. »Wir haben uns jahrelang immer nur gestritten. Nie konnte ich ihm irgendetwas recht machen. Meine Mutter hat jedes Mal, wenn es knallte, versucht zu vermitteln. Aber irgendwann ging es nicht mehr. Ein letzter großer Streit, und poff! Das war‘s.«
»Worum ging es denn bei eurem Streit?« Freder räusperte sich verlegen. »Falls ich das fragen darf.«
»Darfst du. Ich wollte den Führerschein machen, aber er weigerte sich, mir das Geld dafür zu geben. Eines Nachts habe ich die Autoschlüssel genommen und mir seinen ollen Opel ausgeliehen. Der war eh kurz vorm Verschrotten. Ich war mit Ben verabredet – erinnerst du dich an Ben?«
Freder nickte.
»Also, Ben konnte schon Auto fahren. Wir sind irgendwo hingefahren, wo kein Verkehr war, und er hat mir eine Fahrstunde gegeben. Als wir zurückkamen, stand mein Vater im Schlafanzug im Hof. Du kannst dir vorstellen, was da los war … «
»Lebhaft«, sagte Freder.
Carla stellte fest, dass Freder mitfühlend und zugleich amüsiert schauen konnte. Seine blauen Augen waren voller Wärme und Verständnis, doch sein Mundwinkel zuckte, und die Fältchen um seine Augen vertieften sich. Das gefiel ihr.
»Und jetzt ist mein Vater tot«, fuhr sie fort, »und davor wurde er dement, und ich habe alle Möglichkeiten verpasst, mich mit ihm auszusöhnen.« Seufzend senkte sie den Kopf. »Mir graut so vor dem Haus«, gestand sie. Es war merkwürdig, ihrem ehemaligen Schulkameraden hier in diesem neutralen Büro gegenüberzusitzen, und zu merken, wie offen sie mit ihm reden konnte. Neun gemeinsame Schuljahre schufen anscheinend eine Verbindung, die jahrzehntelanges Getrenntsein nicht zerstören konnte.
»Seit wann hast du das Haus nicht mehr betreten?«, fragte er sanft.
»Eigentlich seit der Beerdigung meiner Mutter.«
»Also vor sechs Jahren.« Freder runzelte die Stirn. »Wieso sagst du: eigentlich?«
»Weil ich vor zwei Jahren dann doch noch mal drin war. Als mein Vater den Schlaganfall hatte, habe ich ihn mit ein paar Möbelstücken ins Pflegeheim umgezogen und ihn, wenn es zeitlich passte, einmal im Monat im Heim besucht. Von Rendsburg aus konnte ich morgens hinfahren und nachmittags zurück.«
»Das heißt, niemand hat sich seit zwei Jahren um das Haus gekümmert?«, erkundigte sich Freder.
Carla nickte. »Mehr oder weniger. Die Rechnungen gingen nach Rendsburg, alles andere war mir mehr oder weniger egal.«
»Ich komme dort nicht oft vorbei, aber jedes Mal, wenn ich die zugehängten Fenster gesehen habe, denke ich: wie schade. Es ist eines der ältesten und schönsten Häuser an der Promenade.«
»Ich werde es wohl verkaufen«, sagte sie. Dann fiel ihr etwas ein. »Falls ich es überhaupt geerbt haben. So, wie mein Vater und ich zueinander standen, könnte ich mir vorstellen, dass er es jemand anderem vermacht hat.«
»Wem denn?«
»Gute Frage. Ich weiß jedenfalls nichts von irgendwelchen noch lebenden Verwandten. Es kann trotzdem durchaus sein, dass er alles der Kirche oder der Uhrmachergilde oder was weiß ich wem vererbt hat.«
»Gibt es ein Testament?«
Sie zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Das werde ich herausfinden. Aber zuerst muss ich tausend andere Sachen erledigen. Wenn ich nur wüsste, was ich zuerst machen soll. Bei meiner Mutter war es einfach.«
Freder legte seine Hand auf die Computermaus und drehte sich auf seinem Stuhl zum Bildschirm. Ein paar Klicks, und aus dem Laserdrucker hinter ihm kam ein Blatt Papier. Er nahm es und schob es Carla über den Schreibtisch. »Das ist eine Liste von Dingen, die im Trauerfall zu erledigen sind. Mit Adressen, wo du dich hinwenden kannst. Das Amtsgericht ist in Niebüll, wie du weißt. Falls du zum Beispiel nachforschen willst, ob eine Grundschuld auf dem Haus besteht.«
»An so etwas habe ich überhaupt noch nicht gedacht«, gab sie zu. »Danke.« Sie nahm das Blatt, faltete es zusammen und steckte es in ihre Handtasche, ehe sie aufstand. »Ich habe schon zu viel deiner Zeit gestohlen, Freder. Es war sehr, sehr nett von dir, mich hierher mitzunehmen. Jetzt geht es mir schon viel besser.«
Auch er stand auf, ging zur Heizung und prüfte ihre Jacke. »Fast trocken.« Er reichte ihr die Jacke.
»Du sagst, seit zwei Jahren hat euer Haus niemand mehr betreten?«, begann er dann zögernd.
»Ja?« Fragend schaute sie zu ihm auf.
»Das heißt, du hast keine Ahnung, ob es zwischenzeitlich einen Wasserrohrbruch gab oder ob sich mittlerweile dort die Ratten tummeln?«
Ein Schauer überlief Carla. »Ratten! Das glaube ich nicht.«
»Was für eine Heizung gibt es bei euch?«
»Im Schuppen ist eine Gastherme. Ob ich die überhaupt zum Laufen kriege, weiß ich nicht.«
»Das heißt, du musst einen Monteur bestellen, der sie wartet und einstellt. Was ist mit Strom?«
»Keine Ahnung. Als mein Vater ins Heim kam, wollte ich nur weg und habe mich nur um das Nötigste gekümmert. Blöd, ich weiß.«
»Blöd, aber verständlich«, meinte Freder mitfühlend. »Das Wasser solltest du übrigens eine Stunde laufen lassen, um die Leitungen durchzuspülen. Wegen dem Rost und etwaigen Bakterien.«
»Na, du machst mir ja Mut!«, beschwerte sie sich.
»Was ich damit sagen will, ist: Ich biete dir an, bei uns in einer der Ferienwohnungen unterzukommen, bis du das Haus so weit hast, dass man sich darin aufhalten kann.«
»Das ist unglaublich nett von dir, aber ich kann mir das nicht leisten.«
»Ich will kein Geld dafür, Carla. Du bist in einer totalen Ausnahmesituation, und ich möchte dir helfen. Von Oevenum ist es nicht weit nach Wyk. Du kannst eines unserer Gästefahrräder benutzen.«
»Das … das kann ich nicht annehmen, Freder.« Forschend sah sie ihm in die Augen und erkannte, dass er es ernst meinte.
»Komm schon, Carla. Spring über deinen Schatten. Denk an das breite Bett, die Daunendecke, eine funktionierende Küche, eine Dusche, aus der warmes Wasser kommt … «
Sie musste lachen. »Hör auf! Du hast mich ja schon überzeugt.«
»Siehst du, geht doch.« Freders Lächeln wirkte äußerst zufrieden, als er sein Handy nahm und darauf tippte. Er hielt das Mobilteil ans Ohr. »Hallo, Othman, hier ist Freder. Wo bist du gerade? … Ah, ja … Könntest du kurz hier bei der Gemeindeverwaltung in Wyk vorbeifahren und jemanden für Apartment 3 mitnehmen? … Okay, danke. Bis gleich.« Er beendete das Gespräch und wandte sich wieder an Carla. »Othman ist in Wrixum. Er holt dich ab und bringt dich auf den Hof. Ich sage Beeke gleich Bescheid, dass du kommst.«
»Beeke?«
»Das ist die Frau meines Sohnes.«
»Und wer ist Othman?«, fragte Carla, leicht überfordert von der Situation.
»Ein syrischer Flüchtling, der seit zwei Jahren zusammen mit seinem Freund Djamal auf dem Hof lebt. Sie führen den Hofladen und beliefern die Gasthöfe und Hotels mit unseren Waren.«
»Du scheinst der gute Mensch von Föhr zu sein«, entschlüpfte es Carla.
»Nein, bloß dein alter Schulkamerad Freder Witt, der zugleich Vorsitzender des Vereins Flüchtlingshilfe Föhr-Amrum ist«, erwiderte er gelassen. »Und jetzt iss dein Croissant auf. Othman wird gleich hier sein.« Damit nahm er sein Handy und rief seine Schwiegertochter an.
Während er telefonierte und Beeke alles erklärte, setzte Carla sich wieder, die Jacke auf dem Schoß, und mümmelte ihr Gebäck. Dann schaute sie in ihre halb leere Tasse. Der Kaffee war mittlerweile kalt. Schade eigentlich. Sie hörte nur mit halbem Ohr bei Freders Telefonat zu. Leicht überwältigt davon, wie sich die Dinge seit ihrer Ankunft auf Föhr entwickelt hatten, fragte sie sich, ob es richtig war, sich auf Freders Vorschlag einzulassen. Aber die Aussicht, eine Art Gnadenfrist zu erhalten, bevor sie das kalte, leere Elternhaus betreten musste, war zu verlockend.
Freder legte auf. »Du wirst eine Menge zu erledigen haben«, begann er. »Wenn ich dir irgendwie dabei helfen kann oder es irgendwelche Probleme gibt, sag Bescheid.«
»Danke. Aber du hast schon so viel für mich getan. Ich weiß gar nicht, wie ich das wieder gutmachen kann.«
»Indem du heute mit uns allen zu Abend isst«, schlug er vor. »Ich frage Othman. Er kocht fantastisch.«
Sie schüttelte den Kopf und gab es auf. Gegen so viel positive Vibes kam sie nicht an. »Na gut. Wenn es nicht zu viele Umstände macht.«
»Unsinn. Ich freue mich, dass du hier bist. Wenn auch aus einem traurigen Anlass.«
Sie sah ihn erstaunt an. »Du freust dich?«
»Ja, warum nicht? Ich kann mich noch gut an die unglaublich langweiligen Winterabende erinnern, an denen wir mit unserer Clique bei irgendjemandem zu Hause abgehangen, Musik gehört und den einen oder anderen Joint probiert haben.«
»Ich habe nie geraucht!«, protestierte Carla lachend. »Mir hat es gereicht, dass meine Mutter die ganze Bude verräuchert hat.«
»Stimmt. Dafür hast du gerne Cola-Bacardi getrunken.«
»Daran erinnerst du dich?«, fragte sie verblüfft.
»Klar. Du warst niedlich, wenn du einen im Tee hattest.«
»Jetzt hör aber auf. Das ist mir peinlich.«
Er lachte und schaute auf sein Handy, das vibrierte. »Othman ist da. Ich bringe dich noch runter.«
»Musst du nicht. Das schaffe ich schon allein«, protestierte sie, zog ihre Jacke an, nahm ihr Gepäck und wandte sich zum Gehen. Wenn sie erwartet hatte, dass er ihren Einwand beiseiteschob, wurde sie angenehm enttäuscht. Freder blieb hinter seinem Schreibtisch stehen.
»Danke. Vielen, vielen Dank, Freder«, sagte sie.
»Leewen hal«, antwortete er. Immer gern. Er winkte lächelnd. »Bit iljing, Carla.« Bis heute Abend.
An der Hafenstraße wartete ein weißer Transporter mit der Aufschrift »Hofladen Witt, Oevenum. Obst, Gemüse, Feinkost«. Hinter dem Steuer saß ein junger Mann mit dunklen, kurzen Locken und gepflegtem Bart, der aus dem Fahrzeug sprang, als Carla herankam, ihren Koffer nahm und ihn im Transporter verstaute. Dann gab er ihr die Hand.
»Ich bin Othman«, sagte er.
»Carla. Ich bin eine alte Schulfreundin von Freder.«
Sie war nicht groß und musste den Griff am Armaturenbrett benutzen, um auf den Sitz zu klettern. Sie verstaute ihre Laptoptasche am Fußende, nahm ihre Handtasche auf den Schoß, und sobald sie sich angeschnallt hatte, fuhr Othman los.
»Hattest du gute Reise?«, fragte er mit leichtem Akzent.
»Ja, danke.«
Sie schwiegen, und Othman legte eine CD ein. Anscheinend mochte er gut abgehangenen Blues.
»Ist okay?«, erkundigte er sich.
»Ja, klar. Mag ich auch.«
Für den Rest der kurzen Fahrt sprachen sie nicht. Carla schaute aus dem Fenster in den grauen, verregneten Morgen und fröstelte, obwohl es im Wagen warm war. Sie sehnte sich nach Schlaf, aber daran war nicht zu denken. Als sie durch Boldixum kamen, sah sie den Kirchturm von St. Nicolai. Dazu gehörte der Friedhof von Wyk mit dem Familiengrab der Johanssens. Bald würde ihr Vater dort liegen. Neben seiner Frau. Carla spürte ein Ziehen im Magen, als ihr bewusst wurde, dass sie nun allein war. Verdammt allein. Sophie hatte immerhin noch Taras und seine Familie, wenn der Kontakt zu ihrem Vater auch eher lose war. Sie musste an Kreske Witt denken. Die lag jetzt auch auf diesem Friedhof, viel zu jung davongegangen. Es ist immer noch nicht leicht, hatte Freder gesagt. Mehr nicht. Aber dahinter hatte sie tiefe Trauer gespürt.
Wrixum lag hinter ihnen, und gleich darauf hatten sie Oevenum erreicht, ein schmuckes Friesendorf mit reetgedeckten Häusern. Selbst jetzt, bei typischem Inselwetter im Januar, wirkte der Ort einladend. Othman bog rechts ab, und bald fuhren sie einen asphaltierten Wirtschaftsweg entlang, der schnurgerade durch die Marsch führte. Carla konnte die großen Hofgebäude schon von weitem sehen. Wann war sie das letzte Mal hier gewesen? Sie erinnerte sich vage an eine Party in der Scheune. Aber das konnte auch bei einem anderen Mitschüler gewesen sein …
Wie bei vielen anderen Föhrer Höfen auch, bestand das Anwesen aus einem alten reetgedeckten Wohnhaus, einer großen, mit Wellblech verkleideten Scheune mit grünem Tor und mehreren ziegelgedeckten Wirtschaftsgebäuden, von denen eines offenbar zu einem Wohnhaus umgebaut worden war. Jedenfalls parkten davor ein kleiner Plastiktraktor mit Pedalen und ein etwas größerer Plastikbagger, ebenfalls mit Pedalen. Alles wirkte sehr gepflegt. Über einer Glastür konnte Carla das Schild »Hofladen« sehen. Othman fuhr an der Hofeinfahrt vorbei, und Carla entdeckte, dass ein Stück entfernt ein relativ neues, reetgedecktes Ferienhaus im Kapitänshausstil errichtet worden war. Es besaß einen großen, von einem bepflanzten Friesenwall umgebenen Garten mit Kinderspielplatz, Grillecke und winterfest gemachten Strandkörben. Dahinter lag ein kleiner Teich, umstanden von windgezausten, kahlen Bäumen.
»Hier ist«, verkündete Othman, hielt an und stellte den Motor ab, ehe er ausstieg und Carlas Koffer holte.
Ein bisschen unbeholfen schälte sich Carla aus dem Wagen, nahm ihr Handgepäck und griff sich den Trolley.
»Ich muss wieder los«, sagte er. »Kunden warten. Haustür ist immer offen. Wohnung 3 ist oben. Schlüssel steckt. Schöner Aufenthalt, Carla.«
»Danke.« Sie wollte sich schon in Bewegung setzen, als ihr etwas einfiel. »Freder hat gesagt, es gäbe ein Fahrrad für mich.«
Othman deutete auf einen Schuppen, der ihrer Aufmerksamkeit bisher entgangen war. »Dort. Sind alle gut.« Er lächelte, ging zurück zum Transporter, schwang sich hinters Steuer und fuhr los.
Die Haustür war tatsächlich offen. Carla betrat den freundlichen Flur und schleppte ihr Gepäck die Treppe nach oben. Hier gab es zwei Türen. An einer die Nummer 2, an der anderen die Nummer 3. Dort steckte ein Schlüssel.
Angenehme Wärme umgab Carla, als sie das Apartment betrat. Zur Marsch hin gab es ein großes Fenster mit Blick auf den Teich. Dahinter lag der Apfelgarten. Um diese Jahreszeit waren die Bäume noch kahl. Sie stellte ihre Sachen ab, hängte ihre Jacke an einen der Garderobenhaken und ließ kurz die Schultern kreisen, um ihre Verspannung zu lösen. Dann inspizierte sie die Wohnung. Zuerst ein kurzer Blick ins Bad. Klein, aber alles vorhanden. Wohnraum und Kochzeile lagen über Eck, und dann gab es noch ein kleines Schlafzimmer mit Dachfenster. Alles hell und wohnlich eingerichtet, ohne Schnickschnack. Unter dem Fenster, zwischen Sitzgruppe und Küche, stand ein weißer Holztisch mit zwei Stühlen.
Tief aufseufzend setzte sie sich auf einen davon. Was für ein unglaubliches Glück, dass Freder sie vorhin erspäht und erkannt hatte. Auf dem Tisch lag ein Zettel, der den WLAN-Key enthielt. Carla nahm ihr Handy und gab ihn ein. Es funktionierte tadellos. Noch ein Pluspunkt. In ihrem Elternhaus gab es höchstens einen Festnetzanschluss. Oder zumindest hatte es ihn gegeben. Denn sie meinte sich zu erinnern, dass sie ihn gekündigt hatte, als ihr Vater ins Pflegeheim kam.
Die Uhr ihres Mobiltelefons zeigte ihr, dass es kurz vor halb elf war. »Also los, Carla«, sagte sie laut. »Zeit, dass du in die Gänge kommst.« Auspacken konnte sie auch nachher noch.
Aber zuerst ging sie ins Bad. Als sie sich kurz darauf die Hände wusch, fiel ihr Blick auf ihr Spiegelbild. Irgendwie fand sie, dass sie anders aussah als sonst, obwohl sich nichts an ihrem welligen dunklen Haar, das von einzelnen grauen Fäden durchzogen und seit Corona nicht mehr gefärbt worden war, geändert hatte. Oder an ihrem ungeschminkten Gesicht mit den hohen Wangenknochen, den leicht schräg geschnittenen grauen Augen, der geraden Nase und dem »englischen« Mund mit schmaler Ober- und voller Unterlippe.
Vielleicht sah man sich in fremden Spiegeln immer anders. Als ob der Spiegel zu Hause nur ein Oberflächen-Selbst zeigte, jenes, das man jeden Tag sah und kaum noch wahrnahm, weil es so vertraut schien. In einem anderen Spiegel schaute man dann plötzlich tiefer und sah jemanden, dem man lange nicht mehr richtig begegnet war. So wie jetzt.
Denn obwohl sie übernächtigt war, Schatten unter den Augen hatte und blass war, blickte ihr aus dem Spiegel in diesem kleinen, fremden Bad eine Carla entgegen, die jünger und attraktiver wirkte als zuvor. Und seltsamerweise irgendwie zuversichtlich. Sie dachte an Freder und musste lächeln. Dieser Typ strahlte trotz seiner Trauer eine derartige Wärme und Gelassenheit aus, dass es offenbar auf sie abgefärbt hatte.
Die Aufgaben, die auf sie warteten, waren umfangreich, aber es war zu schaffen. Und selbst die Aussicht, bald das alte Haus am Sandwall betreten zu müssen, schien ihr plötzlich nicht mehr so bedrohlich.
»Na, hatte ich zu viel versprochen?« Freder lehnte sich auf dem Küchenstuhl zurück und trank sein Bier aus.
»Absolut nicht«, antwortete Carla und wischte sich mit der Papierserviette den Mund. »Das hat unglaublich gut geschmeckt, Othman.«
Sie saßen in der geräumigen Küche, die zu dem Apartment gehörte, das sich die beiden jungen Syrer über dem Hofladen ausgebaut hatten. Othman hatte gekocht. Sein Freund Djamal war ein extrem schöner junger Mann, schlank, aber durchtrainiert, mit schmalem Gesicht, großen, dunklen Augen unter schweren Lidern, und einem hinreißenden Lächeln. Freder hatte das Bier spendiert, und jetzt stand Djamal auf.
»Ich habe Nachtisch gemacht«, verkündete er, ging zum Küchentresen und hob ein Geschirrtuch von einer Schüssel. Er nahm die Schüssel und stellte sie auf den Tisch. »Barazek«, sagte er. »Mit Sesam und Pistazien.« Dann räumte er die benutzten Teller und das Besteck ab und stellte es auf den Küchentresen. »Kaffee?«, fragte er in die Runde.
Die Plätzchen dufteten köstlich, aber für Kaffee war es Carla zu spät. »Danke, für mich nicht«, antwortete sie.
»Für mich auch nicht«, erklärte Freder, nahm sich einen Keks und biss ein Stück ab. »Mmmh«, murmelte er, während er kaute.
Auch Carla griff zu, und es blieb nicht bei einem der köstlichen Plätzchen. »Fantastisch«, lobte sie. Djamal, der sich wieder gesetzt hatte, strahlte.
»Ich wusste gar nicht, dass du backen kannst, Djamal«, sagte Freder.
»Barazek ist alles, was ich kann«, antwortete Djamal, grinste und trank von seinem Bier. Othman hingegen hatte sich für Tee entschieden.
»Was hast du morgen vor?«, erkundigte sich Freder bei Carla.
Es dauerte einen Moment, bis sie antworten konnte, weil sie erst fertig kauen musste. »Ich wollte mich darum kümmern, die Sachen meines Vaters aus dem Heim zu schaffen. Die Heimleitung drängelt, weil die Warteliste so lang ist. Und ich brauche dann die Kündigungsfrist nicht einzuhalten.«
»Was für Sachen?«, wollte Freder wissen.
»Ein paar Möbelstücke, Kleidung, Schuhe, persönliche Gegenstände wie Radio, kleiner Fernseher, Rasierapparat … «
