Das kommende Leben - Lucien Deprijck - E-Book

Das kommende Leben E-Book

Lucien Deprijck

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Beschreibung

Ein Mann an einem Schreibtisch, in Gesprächen mit Menschen, die aus aller Welt nach Europa kommen, auf der Suche nach einem neuen, besseren Leben. Sascha Marlon verfügt über das Talent, diese Menschen zum Sprechen zu bringen. So taucht er ein in die Schicksale hinter den Fassaden, in die Berichte von Migration und Auswanderung, vom Abbrechen aller Brücken und von Neuanfängen, großen Träumen. Und lernt Sarah kennen, die ihm die Geschichte ihrer abenteuerlichen, dramatischen Flucht aus Nordkorea erzählt. Doch je mehr er von diesen Schilderungen hört, desto stärker wächst in ihm ein altes, beklemmendes Gefühl: der Welt langsam zu entgleiten, darin förmlich zu verblassen. Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit, das zu verwirklichen, was schon lange in ihm gärt: selbst noch einmal ganz von vorn zu beginnen.

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Seitenzahl: 408

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Das Buch

Ein Schreibtisch, vor dem Menschen Platz nehmen. Dahinter ein Mann, der ihnen Fragen stellt. Formulare sind auszufüllen, Beurteilungen zu schreiben. Wie soll es mit diesen Männern und Frauen weitergehen, die aus aller Herren Länder nach Mitteleuropa kommen, aus fast allen Teilen der Welt? Migranten, die ihr Schicksal hinter sich lassen wollen und es doch mitbringen, untrennbar damit verbunden sind.

Sascha Marlon macht es sich zur Aufgabe, diese Schicksale zu erkunden, über die behördlichen Erhebungen hinaus. Unversehens wird er zum Erforscher dieser Geschichten, zum Zuhörer, zum Komplizen. Nach und nach treten einige dieser Menschen dabei in sein Leben, mehr und mehr findet er sein Schicksal mit dem ihren verstrickt.

Denn Ihre Suche, ihr Getrieben-Sein entspricht seinem eigenen bedrückenden Gefühl: der Welt mehr und mehr zu entrücken.

Der Autor

Lucien Deprijck ist in Sachen Literatur vielfältig tätig, als Autor, Übersetzer und Herausgeber. Bekannt wurde er mit Romanen wie »Die Wälder der Verschollenen« und »Ein letzter Tag Unendlichkeit«, vor allem aber mit seinem Erzählband »Die Inseln, auf denen ich strande«. Zuletzt erschien der Roman »Gefährtin des Mondes«.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

1

Im Stuhl mir gegenüber nehmen die Menschen Platz.

Sie sitzen dort und ich stelle ihnen Fragen.

Über ihre Vergangenheit.

Ihre Heimat.

Auf welchem Wege sie hierhergekommen sind.

Sie sitzen da und antworten mir. Scheu. Unsicher. Verschlossen, mehr oder weniger. Sie kennen mich nicht. Sie wissen nicht, was ich von ihnen will. Niemals würden sie einem Fremden so viele intime Fragen beantworten, unter anderen Umständen. Nicht, wenn sie es nicht müssten. Und tun es also nur, weil sie sich dessen genau bewusst sind.

Denn ich habe Macht. Von mir hängt ab, wie es weitergeht. Ob es weitergeht. Sie wollen hier leben, wollen Arbeit, wollen Geld. Sie wollen Unterstützung, sie wollen ihr Aufenthaltsrecht. Sie haben Angst, sich zu verweigern, weil sie für möglich halten, dass mangelnde Kooperation ihr Verhängnis wäre. Dass ein paar hingekritzelte Worte von mir das Ende ihrer Pläne und Träume bedeuten könnten. Sie denken, ich könnte das.

Aber eigentlich kann ich so wenig tun. Weder für noch gegen sie. Ich stelle ihnen Fragen. Sie antworten. Vielleicht auch nicht nur aus Angst. Ich versuche, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie mir vertrauen können und dass ich auf ihrer Seite bin. Man sagt, ich habe diese Fähigkeit. Mitarbeiter und Vorgesetzte zeigen sich erstaunt, irritiert. Manche jedenfalls.

»Deine Geduld möchte ich haben«, sagt Anders.

»Mich würden die auf die Palme bringen.«

»Die«. Es klingt nicht so, als rede er von Menschen. Er verachtet sie. Für ihn sind es Schmarotzer, Bettler und Halbkriminelle. Mehr oder weniger. Nicht nur, dass man sie überhaupt hierherkommen lässt und ihren Räuberpistolen Glauben schenkt. Man finanziert ihnen obendrein noch Sprachkurse.

»Versuch das mal in irgendeinem anderen Land auf der Welt. Verschaff dir eine Arbeitserlaubnis, und nach einer Weile gehst du zum Amt und sagst, du hast deine Arbeit verloren und möchtest neue haben, und die Sprache müsstest du auch dringend noch besser lernen. Und dann guck mal, was passiert!«

Vielleicht spüren sie ja wirklich, dass ich auf ihrer Seite bin. Dass ich mich für sie und ihr Schicksal interessiere. Dass ich ihnen helfen möchte. Sie öffnen sich, erstaunlich schnell. Nicht alle, natürlich. Manche bleiben verschlossen. Sie haben zu viel erlebt, zu viel Schikane und Willkür, Verfolgung, Terror, Haft und Folter. Ich versuche in die verborgenen Bereiche ihrer Geschichte vorzudringen, dorthin, wo gewöhnlich niemand Zutritt hat.

Man sagt, ich habe die Fähigkeit, die Menschen zum Reden zu bringen.

Vielleicht weil ich selbst die meiste Zeit meines Lebens geschwiegen habe. Und niemanden habe vordringen lassen in die Bereiche, die ich bei anderen immer versuche zu öffnen.

2

Viele dieser Menschen haben eine offizielle und eine wahre Geschichte. Ich möchte ihre wahre Geschichte hören. Wie bei Anissa.

Doch natürlich braucht das Zeit …

Anissa ist eine der ersten Frauen, die zu mir kommen. Eine meiner ersten »Klienten« überhaupt. Ich nenne sie so: Klienten. Wie soll ich sie sonst nennen? Es gibt keine offizielle Bezeichnung für sie.

Ich gebe ihr die Hand und bitte sie, sich zu setzen. Und als sie es tut, habe ich sie mir schon genau angesehen. Schlank, fast zierlich. Dickes, dunkelbraunes Haar, zu einem Zopf geflochten. Leicht braune Haut. Dunkle Augen, groß, sehr groß. Sie ist noch jung, an die dreißig, meiner Schätzung nach. Sie wirkt ernst, ein wenig zu ernst.

Ich lese ihren Namen, wie er auf meiner Liste steht.

»Spreche ich das richtig aus?«

Sie nickt.

»Woher kommen Sie?«

»Marokko«, sagt sie.

»Marokko? Wie schön!«

Warum sollte das schön sein? Kann es schöner sein, aus einem Land zu kommen anstatt aus einem anderen? Ihr Blick scheint mir zu sagen, dass sie meine Begeisterung für eine Masche hält, die ich vermutlich bei jedem anwende.

»Ich war schon in Marokko«, verkünde ich. »Aber vor langer Zeit.«

Die Höflichkeit gebietet ihr, zu fragen, wo.

»Casablanca.«

Sie lächelt, sehr milde, es ist nicht mehr als ein Anflug.

»Marokko ist groß«, sagt sie, und ich verstehe, was sie sagen will: dass man sich nicht einbilden soll, man kenne Marokko, weil man drei Tage in Casablanca war. Und ich begreife sofort, dass Anissa eine ist, die zwischen den Zeilen spricht und die mit dem, was sie sagt, immer weit mehr ausdrücken kann, als zu erwarten wäre.

»Wo sind Sie geboren und aufgewachsen?«

Sie lächelt, nun ein wenig gequält. Es hat etwas Mütterlich-Nachsichtiges, und da weiß ich, dass sie wirklich eine Mutter sein muss. Es ist ein Blick, den man nicht haben kann – nicht so –, wenn man nicht wirklich eine Mutter ist.

»Sie kennen es bestimmt nicht.«

»Ein kleiner Ort?«

»Goulmima«, sagt sie. »Eine alte Oasenstadt in den Bergen.«

Ihr Blick geht an mir vorbei, aus dem Fenster und weit darüber hinaus, in die Ferne.

»Sie sprechen sehr gut deutsch.«

»Ich bin seit zwölf Jahren hier.«

»Und der Sprachkurs?«

»Ich kann nicht schreiben.«

Ich behalte den Gedanken natürlich für mich: dass sie es hier nicht lernen wird, nicht hier, wo man alle möglichen Leute verschiedenen Alters, verschiedener Nation und ganz verschiedenen Wissensstandes für vier Monate in einen Kurs steckt, wo eine Lehrkraft vor dreißig Leuten die Lektionen abarbeitet, die ihr vorgegeben sind.

Soll ich ihr das sagen? Und soll ich sie fragen: Warum nicht? Warum haben Sie nicht schreiben gelernt, wo Sie an die dreißig Jahre alt und seit zwölf Jahren in diesem Land sind?

Es gibt Menschen, die einem manchmal antworten, obwohl man gar nichts gesagt hat, und Anissa ist einer davon.

»Ich hatte nie Zeit und Gelegenheit, es zu lernen. Ich habe es immer versteckt gehalten und versucht, so zu tun, als könnte ich es, und wenn es schwierige Situationen gab, habe ich mich herausgewunden.«

Wir sitzen da, in plötzlich eintretender Stille, die nur sehr ferne und undefinierbare Geräusche von weit draußen vernehmen lässt.

»Das kommt Ihnen vielleicht sehr dumm vor.«

»Nein«, sage ich. »Überhaupt nicht.«

Ich halte den Fragebogen hoch.

»Den werden wir gemeinsam ausfüllen«, sage ich. »Und dazu muss ich Ihnen viele Fragen stellen.«

Sie macht eine Bewegung, ein schicksalsergebenes Achselzucken, eine Neigung des Kopfes zur Seite.

»Stellen Sie Ihre Fragen. Ich bin daran gewöhnt, Fragen zu beantworten.«

»Diese Fragen dienen nur dazu, herauszufinden, wie es beruflich weitergehen soll. Sie werden keine Frage beantworten, die Sie nicht beantworten wollen. Alles, was Sie sagen, bleibt hier in diesem Raum, wenn Sie es so möchten. Es ist wichtig, dass Sie das wissen: Ich bin nicht von den Behörden, ich gehöre zum Institut. Ich bin Mitarbeiter dieser Schule.«

Anissa nickt, aber ich kann die Skepsis in ihren Augen lesen. Sie wird nie wieder in ihrem Leben Menschen nur auf ihre mündlichen Versicherungen hin vertrauen.

Sie erzählt mir ihre Geschichte: von ihrer Geburt und Kindheit in Marokko, wo sie fast ohne Schulbildung aufwuchs. Sie wurde aus der Schule genommen, musste arbeiten, um die Familie zu ernähren, acht Geschwister. Eine Ausbildung hat sie nie gehabt. Sie musste heiraten, mit siebzehn, aber ihr Mann hielt sie wie eine Gefangene, und als sie sich dagegen auflehnte, brachte er sie zurück zu ihren Eltern. Sie hatte Schande über die Familie gebracht und wurde verstoßen. Sie ging nach Europa, mit ihrer kleinen Tochter, eine Flucht, zuerst nach Frankreich, dann nach Deutschland, arbeitete als Putzfrau, als Zimmermädchen in billigen Hotels. Zuletzt noch, bis vor vier Monaten. Aber ihr Rücken ist kaputt, von der vielen schweren Arbeit, schon als Kind. Sie hat Schmerzen, kann nichts mehr heben.

Anissa ist einundvierzig, zu meiner Überraschung. Demnach einige Jahre älter als ich. Sie ist also nicht mehr jung, sie hat keine Ausbildung, nicht einmal ein Schulzeugnis. Sie kann nicht lesen und schreiben. Ihr Rücken ist kaputt, sie kann nichts Anstrengendes tun. Sie hat eine Tochter, die sie betreuen muss.

Sie sieht mich an, mit diesen so großen, so ernsten Augen.

Ich mache ihr Mut, sage ihr, dass sie trotz allem optimistisch bleiben soll. Dass sich irgendeine Lösung finden wird. Aber in ihren Augen, sehe ich, ist nicht Verzweiflung und Mutlosigkeit. Ich sehe den Überlebenswillen einer starken Persönlichkeit, die dort im Verborgenen existiert. Und Wut. Ich sehe Wut in diesen Augen.

Und ich sehe, da ist noch mehr. Noch viel mehr, was sie mir nicht erzählt. Wahrheiten, die ich nicht verdiene, weil ich nur ein Unbekannter für sie bin, der an einem Schreibtisch sitzt und ihr Fragen stellt.

3

Anders, der mich an meinem ersten Tag im Büro empfängt, ist ein Mann von etwas klobigem Äußeren, groß und unproportional breit, zumindest in seinem Anzug hat es den Anschein, dass von den Schultern abwärts alles eine Linie bildet. Er hat kurzes flachsgelbes Haar, im Nacken mit einem leicht grünlichen Stich.

»Hallo«, sagt er. »Ich heiße Anders.« Und nach einer Pause: »Ich sage Ihnen aber nicht, wie …«

Als wir uns die Hände geben, grient er über das eigene Bonmot, mit dem er vermutlich sein ganzes Leben lang hausieren geht, und auch ich lächele höflich.

Während ich eine groß angelegte Einweisung und allerlei Instruktionen erwarte, sagt Anders gleich darauf: »Ich zeige Ihnen noch Ihr Büro.« Es klingt, als wäre dem eine einstündige Einarbeitung vorangegangen. Und so öffnet er die Tür an der langen Wand, die in einen gleich großen Nebenraum führt. Der zeigt sich recht schmucklos, mit einem Anstrich in hässlichem Grün, mit metallenen Aktenschränken, einem Schreibtisch mittendrin und einem weiteren an der Wand, auf dem der Computer steht und der ansonsten mehr oder weniger als Ablage dient.

»Hier sind die Formulare, die ganzen Fragebögen«, erklärt er, indem er einen der Schränke öffnet. »Holen Sie sich die Teilnehmer nach und nach aus dem Unterricht. Sie können einfach reingehen und die Betreffenden herauswinken, kein Problem, die Kollegen wissen Bescheid.«

Ich nicke freudig, eher angesichts der zweiten Tür hinaus auf den Korridor, der auch zu den Klassen und zum Lehrerzimmer führt. Ich werde also nicht immer durch sein Büro gehen müssen.

»Mit dem PC kommen Sie klar?«

»Klar.«

Er nennt mir das Passwort zur Freischaltung der Programme. »Wenn was ist, einfach fragen.«

Damit ist die Einführung beendet, denn mit einem Wink der erhobenen Hand macht er Anstalten, sich wieder in sein Büro zu verziehen.

»Wie viele Teilnehmer soll ich denn pro Tag herbitten?«, frage ich noch schnell, bevor er verschwindet.

»Bleibt ganz Ihnen überlassen. Keine Eile. Pausen nach Belieben.«

Damit schließt sich hinter ihm die Tür.

Und schon stehe ich da, allein. Schaue mich um, inspiziere den Schreibtisch, die Schubladen, in denen ich alles Nötige vorfinde, Papier, Blöcke und Stifte aller Art. Die Telefone sind mit allen relevanten Nummern beklebt.

Ich denke, dass Anders im Laufe des Vormittags wieder auftauchen wird, aber zu meiner Überraschung bleibt die Tür geschlossen. Tatsächlich wird sie sich in den kommenden vier Monaten kaum je öffnen. Schon um mich bei den Gesprächen nicht zu stören, wird Anders immer morgens oder erst am Nachmittag holen, was er selbst aus den Aktenschränken braucht. Ich bin hier ganz für mich, in einem Maß, das ich mir nie hätte träumen lassen.

Etwa eine halbe Stunde vergeht und nichts passiert. Ich stehe eine Weile am Fenster und betrachte die sich vor mir ausbreitende Kulisse einer Industrielandschaft mit den weitläufigen Anlagen einer Raffinerie. Überall steigt Rauch, steigen Dämpfe auf, die einen Dunst nähren, der über allem liegt, ein feiner Schleier, der jetzt, am Morgen eines sonnigen Wintertags, in Orangetönen schimmert. Gleich nebenan liegt das Gelände eines Schrottplatzes, zwischen aufgetürmten Autowracks schimmert es ölig auf großen Pfützen. In der Ferne quillt es aus Schornsteinen, so dick wie Zuckerwatte.

Ein Job mit guten Aussichten, denke ich. In jeder Beziehung.

4

Es ist ein grauer Tag Anfang Januar, als die Kurse noch kaum begonnen haben. Als ich meine Wohnung betrete, stutze ich. Irgendetwas ist anders. Irgendetwas stimmt hier nicht.

Ich weiß nicht, was es ist, aber es hat sich etwas verändert. Ich habe es bemerkt und kann es doch nicht benennen. Es ist ein Gefühl, als sucht man nach einem Wort und hat es schon auf der Zunge.

Merkwürdig.

Ich bin erst vor Kurzem hier eingezogen. Die Wohnung ist eigentlich viel zu groß für einen alleine, aber als sich die Chance geboten hat, habe ich zugegriffen. Sicher, sie war kostspieliger, als ich es mir ausgemalt hatte, doch für diese Größe war sie äußerst günstig. Und ich wollte einmal in meinem Leben ordentlich wohnen. Platz haben. Alles ohne Mühe verstauen können. Alles geschmackvoll einrichten, ohne Provisorien.

Es sind fünf Zimmer, wenn man die Küche mitrechnet, die so geräumig ist, dass man darin mit einer ganzen Familie essen könnte. Ich habe ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, ein Arbeitszimmer. Und ein Zimmer zu viel, am Ende eines langen Dielenganges, wo zuerst das Badezimmer kommt und dann ein geräumiger Wandschrank. Ich kann es als Lesezimmer benutzen, obwohl ich das auch im Arbeitszimmer oder überall sonst in der Wohnung tun könnte. Ich kann ein Abstellzimmer daraus machen, dort alles unterbringen, was keinen Platz hat und im Weg herumstehen würde. Es könnte später als Gästezimmer genutzt werden.

Dieses Haus ist alt, noch aus der Gründerzeit. Es hat die Kriege überlebt oder ist zumindest wieder aufgebaut worden. Jetzt ist es ungefähr am Ende seiner Geschichte angekommen. Lange wird es nicht mehr dauern. Es ist längst einer gründlichen Renovierung bedürftig, aber man hat es verkommen lassen und hat wohl auch nicht mehr vor, sich eines anderen zu besinnen. Gott sei Dank hat es außen keine Farbe, die abblättern könnte. Wohl blättert dort Farbe ab, aber was abblättert, ist ein sandfarbener Anstrich, der darunter einen fast ebenso sandfarbenen Verputz sehen lässt und darunter einige braune Stellen, wo die Mauern durchschimmern. Alles in sehr ähnlichen Brauntönen, und deshalb macht es den abgewrackten Eindruck von außen nicht auf den ersten Blick, sondern nur, wenn man näher hinschaut.

Innen, im Treppenhaus, wirkt es wirklich alt und völlig überkommen. Linoleumbahnen zur Treppe hin, eine Holztreppe, die bei jedem Schritt knarrt. Festgenietete Läufer, wie in alten Hotels, säumen die Stufen und Zwischengänge, und sie sind ziemlich abgelaufen. Die Tür- und Fensterrahmen sind so oft überstrichen worden, dass sie unter den immer neuen Schichten fast ihre Konturen verloren haben, kaum noch erkennbare Ecken und Kanten aufweisen. Man müsste sie stundenlang abbeizen, um wieder hervorzubringen, was dort ursprünglich war. Die Wände sind in einem kräftigen, verblassten Giftgrün gestrichen, ein glatter, lackartiger Anstrich. Von den hohen Decken im Treppenhaus hängen große, unzeitgemäße Kronleuchter herab, mit Kerzenbirnen.

Hier zu wohnen hat einen Anflug von Zeitreise. Als begebe man sich in ein längst vergangenes Jahrzehnt, Jahrhundert. Die Toiletten auf den Zwischenetagen sind immer noch da, aus der Zeit, als die Wohnungen noch nicht über sanitäre Anlagen verfügten und sich mehrere Mietparteien einen Abort teilen mussten. Sie stehen jetzt den Bewohnern der einzelnen Zimmer zur Verfügung, während die größeren Wohnungen, so wie meine, irgendwann nachträglich ihr eigenes Badezimmer bekamen. Das man der Küche abzwackte, die also früher noch geräumiger war und damit fast widersinnig groß, für heutige Verhältnisse. Zu Zeiten, als eine Küche noch Wohnraum für eine ganze Familie sein musste, während das Wohnzimmer die »gute Stube« war, die nur zu besonderen Gelegenheiten zur Verfügung stand und wenn Gäste kamen. Das alles in einem Haus, das wohl schon für relativ »gehoben« galt. In einer Zeit, als das »Schichten«-Bewusstsein weit ausgeprägter war und die Bewohner für viele Leute niederer Klassen schon als »reich« galten. Auch wenn man das heute, wenn man alles so betrachtete, kaum glauben konnte.

In den Wohnungen findet sich nicht ganz derselbe Charme wie im Treppenhaus, weil sie – wenn auch vor mittlerweile langer Zeit – renoviert, umgebaut wurden. Es gibt relativ neue Fensterrahmen, doch auch hier sind die Türen dick in immer neue Schichten von Lackierung eingehüllt, die Klinken, die Bodenleisten, die Fenstergriffe wirken altmodisch, unzeitgemäß. Allein die Höhe der Räume und die Andeutung von Stuck an den Decken gibt allem einen historischen Anflug. Wie viele Menschen hier schon gelebt haben! Wie viele Namen an den Türschildern standen! Wie viele Schicksale sich hier erfüllt haben, spuren- und bedeutungslos, aufgelöst in Vergänglichkeit.

Manchmal liege ich auf dem Bett, oder ausgestreckt auf der Couch, und stelle mir vor, wer hier gelebt hat. Neue und immer wieder neue Bewohner, alle paar Jahre und Jahrzehnte. Wie sie hier gelebt, gegessen und geschlafen, gesprochen und geschwiegen haben. Glücklich waren, gelitten haben. In diesen Mauern, die jetzt ich bewohne, gab es Freude und Leid, Streit, Versöhnungen, Feiern. Trunkenheit im Überschwang, Krankheit, Trauer. Zornausbrüche, Sexualakte. Singen, Schreien, Stöhnen, Schnarchen. Immer neu. Immer wieder. Andere Menschen, andere Gesichter, andere Namen. Nichts von dem ist feststellbar, erfahrbar. Man müsste in alten Wohnungen Schicksale wie Filme ablaufen lassen können, die Vergangenheit, wie ein Heimkino, Einblicke in frühere Zeiten, wie eine 3-D-Projektion. Wie eine Überlagerung, Überblendung der Zeitebenen. Menschen beobachten, die sich vor Spiegeln kämmen, gähnend ins Bad oder ins Treppenhaus schlurfen, euphorisch Gläser zum Trinkspruch erheben, mit zusammengerollten Zeitungen Fliegen jagen.

Die Wohnung hat diesen Charme der Überkommenheit, der Bewohntheit durch Mietergenerationen. Die blasse, kaum gemusterte Tapete entstammt einem längst vergangenen Jahrzehnt. Ich hätte allem einen neuen Anstrich geben können, neue Bodenleisten einziehen, aber ich habe alles so gelassen. Nur einen neuen Teppichboden gelegt, weil der alte fleckig war, und ich wollte nicht mit nackten Füßen dort hintreten, wo vielleicht vor langer, langer Zeit jemand hingekotzt oder wo ein Hund unerlaubterweise sein Geschäft verrichtet hat. Auch den Flecken ist nicht anzusehen, woher sie stammen, auch und gerade was sie betrifft, wäre ein historisches Heimkino wünschenswert.

Der Teppich ist also neu, eine gesunde, saubere Basis sozusagen, sonst ist alles so geblieben, die Tapete, die Leisten, die Weißlackierung der Türen, die so aussieht wie eine dicke, noch frische Masse, die jeden Augenblick anfangen müsste herunterzulaufen. Sogar die Lampe in der Diele hängt noch, die jemand zurückgelassen hat, ganz offenbar vor langer, sehr langer Zeit. Eine kleine, vergilbte, glockenartige Lampe mit auflackiertem Blumenmuster, sechseckig geschnitten, die so aussieht wie Lampen aus uralten Filmen oder auf historischen Fotos, noch um die Wende ins 20. Jahrhundert. Man kann gar nicht genau sagen, worin genau ihre Altertümlichkeit besteht, doch ist sie fraglos uralt, und es scheint, dass wie auf eine unausgesprochene, stille Vereinbarung hin jeder neue Mieter sie hat hängen lassen. Auch ich will diese Kettenbildung und diesen stillschweigenden Vertrag nicht brechen und habe sie an ihrem Platz belassen, wo sie ein gelbes, traniges Licht verbreitet wie eine alte Petroleumlampe.

Wenn ich die Wohnung betrete, schlägt mir diese besondere Atmosphäre entgegen, von Überkommenheit, historischer Abgestandenheit. Eine seltsame Leere, die bei meinem Eintreten zurückweicht und sich verliert. Es ist, als ob man diese Räume immer aufs Neue mit Leben erfüllen muss, als ob sie sich denjenigen anpassen, die eintreten. Vielleicht ist es banal, aber ich habe den Eindruck, dass diese Wohnung anders ist, wenn ich nicht anwesend bin, und dass sie sich durch mein Eintreten verändert.

Aber das ist es nicht allein, was ich an diesem Tag spüre. Etwas hat sich hier verändert, und ich weiß nicht, was es ist. Ich gehe durch die Räume, betrachte alle Dinge. Ist alles so, wie ich es zurückgelassen habe? Das Bett ist noch aufgedeckt, die Hose, die ich in Zeitnot über die Lehne des Korbstuhls geworfen habe, liegt noch genau so. Auch im Bad ist alles, wie es war. Ebenso im Wohnraum. Ich bringe eines der Fenster in Kippstellung, sehe mich um. Als ich in die Küche gehe, beschleicht mich das Gefühl, dass es hier ist, dasjenige, das mich stutzig gemacht hat und mir auffallen sollte.

Aber es ist nichts zu sehen.

Wie konnte mir auch schon beim Eintreten in die Wohnung und nach einigen Schritten in der Diele etwas auffallen, was ich noch gar nicht imstande war zu notieren?

Ich habe nichts gesehen, nur etwas gespürt. Gespürt, dass sich etwas verändert hat.

Aber ich habe keine Ahnung, was es ist.

5

Schnell wird klar, wie das alles hier abläuft. Und friedlich, das merke ich sehr bald, ist diese ganze Angelegenheit nur sehr bedingt. Denn in den Kursen geht es manchmal ganz schön rau zu. Was an den Zusammensetzungen der Teilnehmer liegt, die darauf angelegt scheinen, für Explosivstoff zu sorgen.

Da gibt es Leute jeden Alters aus allen möglichen Teilen der Welt. Sie kommen aus Süd- und Osteuropa, ehemaligen sowjetischen Republiken, aus allen Regionen Afrikas, aus dem Nahen und Fernen Osten. Da sitzen Moslems neben Christen, Schiiten neben Sunniten. Es gibt Türken und Griechen, Iraker und Iraner, und Menschen aus benachbarten afrikanischen Staaten, die derart untereinander verfeindet sind, dass in einem Raum zu sitzen für sie schon eine Schmach darstellt. Und manchmal sind die Vertreter eines und desselben Landes wegen unüberbrückbarer interner Konflikte am allerschlimmsten.

Die Aussiedler sind gewöhnlich lammfromm, lassen aber bezüglich hygienischer Maßstäbe manchmal zu wünschen übrig. Die Männer haben nicht selten eine Alkoholfahne, es wird getrunken, selbst während der Unterrichtszeit. Manche afrikanischen Frauen sind offenherzig und scheinbar kokett, aber es ist bloß ihre Art. Orthodox Christliche stoßen sich daran, halten Distanz. Es gibt arabische Frauen mit Kopftüchern und andere ohne. Eine nahezu vermummte junge Frau sitzt einer aufwändig geschminkten, recht tief dekolletierten gegenüber. Hier prallen Welten aufeinander, an allen Ecken und Enden.

Vieles läuft dabei sogar erstaunlich friedlich ab. Frauen, verschleiert und unverschleiert, reden miteinander. In den Pausen bilden sich Grüppchen, die bunt sind im Sinne des Wortes. Schwarz und Weiß, Muslimisch und Jüdisch schauen miteinander in ein Buch, und es funktioniert. Fremdheit und Berührungsängste werden überbrückt durch vorbildliche Höflichkeit.

Aber das funktioniert nicht immer.

Am schwierigsten ist es mit Männern aus arabischen Ländern. Das heißt: Mit den meisten von ihnen gibt es keinerlei Schwierigkeiten. Aber sie haben ihren Stolz. Und den können manche nicht überwinden. Wieder die Schulbank zu drücken, als erwachsener Mann. Vorgeführt werden für gemachte Fehler. Anweisungen entgegennehmen, und dann womöglich noch von weiblichen Lehrkräften.

Namen machen bald die Runde, die Problemkandidaten sind schnell berühmt-berüchtigt im Kreise der Institutsmitarbeiter. Lehrkräfte klagen sich gegenseitig ihr Leid, auch im Büro, man bekommt hier und da die Gespräche mit. Die Problematik ist wiederkehrend. In jedem Kurs gibt es Alkoholkandidaten, Schläfer, Verweigerer. Der Anteil der Raucher ist überdurchschnittlich hoch, und am Ausgang des Gebäudes halten sich nicht alle daran, die Zigarettenkippen in dafür aufgestellte Behälter zu entsorgen, es gibt regelmäßig Beschwerden von Seiten anderer Firmen im Haus. Die Toiletten sehen aus wie Sau, es wird dort trotz Verbot geraucht, an den Waschbecken wird sich rasiert oder sie werden gar zur schnellen Kopfwäsche missbraucht, von denen, die zu Hause offenbar keine solche Waschmöglichkeit haben.

Teilnehmer kommen wiederholt zu spät, verschwinden spurlos vor der Zeit. Es gibt Unmut, weil Akademiker mit fast vollständigen Sprachkenntnissen und einem enormen Wortschatz nicht einsehen können, warum sie mit Analphabeten zusammensitzen und umgekehrt. Als ich die glorreiche Idee verlauten lasse, wir sollten mal die Behörden dazu bringen, homogenere Gruppen zu bilden, in denen man auf die jeweiligen Bedürfnisse gezielter eingehen könne, grinsen alle oder sehen mich mitleidig an.

»Haben wir alles versucht«, sagt Anders. »Wie oft! Aber das hieße, aus jedem Schub von Teilnehmern kleinere Gruppen bilden, und das wird nicht finanziert.«

»Wir können doch die Gruppen neu sortieren, nach Kenntnisstand.«

Ich weiß, die Gruppen sind schon in A, B und C eingeteilt. Aber das Erstaunliche daran ist, dass trotzdem noch Analphabeten neben Studierten und Graduierten sitzen, sodass alles wie Kraut und Rüben ist. Es gibt allenfalls eine leichte Tendenz, die die drei Stufen erkennen lässt.

»Sind diese Leute in den Ämtern eigentlich zu blöd, um diese Einteilung auf die Reihe zu bekommen?«

Anders schlägt mir vor, ich könne ja mal dort anrufen und sie das mal fragen.

Die Praxis ist, dass man in der ersten Woche noch Leute hin- und herschiebt, so gut es geht. Das bessert die Lage ein wenig, aber nicht grundlegend. Es gibt Teilnehmer, die können reden wie ein Wasserfall, ohne gravierende Fehler, können aber kein Wort schreiben. Andere lösen alle schriftlichen Aufgaben beinahe fehlerlos, kriegen aber den Mund nicht auf oder sprechen wie Vierjährige.

Und so sitzen vor mir Menschen, mit denen ich mich ganz normal unterhalten kann, und andere, die mich anglotzen und denen man am Gesicht ablesen kann, dass sie denken: Was um alles in der Welt will dieser Kerl von mir und wie komme ich hier so schnell wie möglich wieder raus!

6

Einer meiner Lieblingsklienten ist Alfonse. Er kommt aus Kamerun, sieht aber eher aus, als käme er aus der Karibik, mit seinem Rasta-Zopf und den bunten, meist gestreiften Strickpullis.

Alfonse sieht freundlich aus. Er hat etwas Lausbübisches, das Gehabe eines Lebenskünstlers. Ich mag ihn, von Anfang an. Es ist mir egal, ob ich meine Schützlinge mag, ich widme mich jedem, aber natürlich ist es angenehmer, wenn ich sie mag. Nicht unbedingt leichter. Eher im Gegenteil. Ich neige dazu, an ihrem Schicksal zu viel Anteil zu nehmen, zu viel an sie zu denken.

An Alfonse denke ich oft. Er ist neununddreißig und von Beruf Fliesenleger. Vielmehr: er war es. Spricht man ihn darauf an, dann schwärmt er von seiner Arbeit und von seinen Fähigkeiten. Nicht angeberisch, eher kindlich begeistert. Er erzählt stolz, wie oft und wie lange er das gemacht hat und wie akkurat er seine Arbeiten ausführt. Als ich nachfrage, um mehr über diesen Beruf zu erfahren, erklärt er mir alles ganz genau, erzählt von seiner dreijährigen Ausbildung an einer Technikschule in Yaoundé, von den Materialien, den verschiedenen Arten von Fliesen und den Schwierigkeiten, die auftreten können, von den Wünschen und Vorstellungen seiner Arbeitgeber. Er gibt mir zu verstehen, dass seine Arbeit etwas Künstlerisches hat. Ein Maurer, sagt er, schichtet nur Steine aufeinander, aber ein Fliesenleger schafft etwas Sichtbares, den Boden, auf dem die Menschen sich bewegen, schafft Muster und Atmosphäre für einen Wohnbereich. Alfonse erzählt mir von Gebäuden in seiner Heimat, die man heute betreten kann und wo seine Arbeiten zu sehen sind, bedeutende, große Gebäude, Bürohäuser, Behörden.

Ein Zeugnis hat er, immerhin. Und ein Empfehlungsschreiben. Beide noch aus seinen Berufsjahren in Westafrika, beide auf Französisch und nicht übersetzt. Er hat bei so vielen verschiedenen Firmen gearbeitet, dass er Mühe hat, sie alle zusammenzubringen. Er ist herumgereist, durch vier Staaten.

In Deutschland ist er seit zwei Jahren. Er war neun Monate bei einer Firma für Rasierklingen beschäftigt. Das ist jetzt acht Monate her, und seitdem findet er keine Arbeit.

Ich frage ihn nach dem Zeugnis der Firma.

Er zuckt die Schultern. Er hat es nicht.

Warum er es nicht bekommen hat?

Sie haben ihm keins gegeben.

Ob er nicht nachgehakt hat?

Er sagt, doch, aber man hätte ihm gesagt, für die kurze Zeit gebe es kein Zeugnis.

Ich sage ihm, dass jedem ein Zeugnis zusteht, und dass man immer darauf achten muss, eins zu bekommen. Ein Zeugnis von einem deutschen Betrieb, wenn es ein gutes ist, ist Gold wert.

Das sage ich, auch wenn die Wahrheit ist, dass es manchmal gar nichts wert ist.

Er sagt, jetzt sei es zu spät.

Ich erkläre ihm, dass es nicht zu spät ist, dass ein Zeugnis einem noch für die Dauer von drei Jahren nach Ausscheiden aus dem Betrieb zusteht, und dass er es jederzeit noch verlangen kann.

»Diese Leute«, sagt er, mit bitter verzogenem Mund, »wollten mich loswerden. Sie werden mir kein gutes Zeugnis ausstellen.«

»Haben Sie denn nicht gut gearbeitet?«

»Natürlich!« Alfonse ist kindlich entrüstet. »Ich habe gut gearbeitet. Doch sie haben mich entlassen. Mich und einige andere. Sie waren nicht freundlich. Sie haben uns nicht gut behandelt.«

»Es wäre gut, das Zeugnis bis zum Ende des Kurses noch zu bekommen. Das ist in zweieinhalb Monaten. Ich kann es meiner Empfehlung für die Behörde beilegen.«

Wir sprechen lange darüber und ich erkläre ihm, wie wichtig es ist, und dass er sich bei seiner Nachfrage bei der Firma nicht abschrecken oder entmutigen lassen soll. Das Recht ist auf seiner Seite, und er soll diese Leute wissen lassen, dass er sein Recht kennt. Als er einwendet, dass nach seinem Drängen das Zeugnis nur noch schlechter ausfallen wird, erkläre ich ihm, dass eine Firma kein schlechtes Zeugnis ausstellen darf und weihe ihn ein in die Geheimnisse der Zeugnissprache, mit der man geschickt versucht, dieses Manko zu umgehen. Ich sage ihm, dass er das Zeugnis ablehnen und zur Berichtigung zurückreichen, im Ernstfall gar ein besseres Zeugnis einklagen kann, aber er sieht mich ungläubig an. Zwar hat er verstanden, was ich ihm sage, aber begriffen hat er es nicht. In seinem Weltbild sind Arbeitgeber Leute, die mit ihren Angestellten nach Belieben verfahren können und Auflehnung und Beschwerden mit Schikanen begegnen.

Ich beschließe, mich selbst darum zu kümmern. Immerhin, hier kann ich einmal etwas tun, vielleicht wirklich einmal etwas erreichen.

Auch Alfonse hat in seinem Leben noch keinen Lebenslauf verfasst, hat sich niemals schriftlich beworben. Er kennt es nicht anders: Man geht zu einer Firma hin und fragt nach, ob es Arbeit gibt. So lange, bis man Glück hat. Ich sage ihm, dass dagegen nichts einzuwenden ist, dass man aber seine Bewerbungsunterlagen dalassen soll, seine Zeugnisse und einen Lebenslauf. Er nimmt diese Aufklärung hin, ohne recht davon überzeugt zu sein, und so bestelle ich ihn zu einem neuen Termin, zur Erstellung seiner Vita.

»Eine Vita ist etwas, was Ihnen vielleicht nützen, auf keinen Fall aber schaden kann.«

Das sieht er ein und erklärt freudig seine Bereitschaft wiederzukommen.

7

Beim nächsten Mal hat Alfonse Fotos dabei, eine ganze Mappe. Ich denke, er will mir Familienfotos zeigen, Motive seiner Heimat, denn wir haben darüber gesprochen, über Kamerun, das früher deutsche Kolonie war, wie viel aus dieser Zeit heute noch relevant ist. Er hat mir von seinem steinalten Großvater erzählt, der noch Deutsch sprach und die Deutschen immer gelobt hat. Es war sein Großvater, der ihn neugierig gemacht hat auf Deutschland, das Land der einstigen Kolonialherren. Nach Frankreich zu gehen hätte näher gelegen, wegen der Sprache, aber die Neugier auf Deutschland war stärker, und natürlich, es hieß auch, dass man hier leichter Arbeit finden könne. Und staatliches Wohlwollen, denke ich, denn das sagt er nicht.

Er hat mir von seiner Familie erzählt und von seinem Heimatort, und wie die Rodung der Wälder vorangeht und das ganze Land verändert. Wir haben lange darüber gesprochen. Das alles hat mich wirklich interessiert, und das kann ihm nicht verborgen geblieben sein. Jetzt bringt er Fotoalben mit, und ich denke, es sind Fotos von zu Hause. Aber es sind Fotos von seiner Arbeit, aus der Zeit, als er Fliesenleger war.

Auf den Bildern sind Baustellen zu sehen, Arbeiter, die manchmal in die Kamera lächeln, meist aber beschäftigt sind und den Fotografen gar nicht beachten. Alfonse ist zu sehen, wie er dahockt und Fliesen legt. Begeistert kommentiert er die Fotos, weist hin auf die Umstände und Besonderheiten seiner Arbeit, macht mich aufmerksam auf die Muster, die Qualität der Fliesen, deren Verlegung besonderes Geschick und besondere Aufmerksamkeit erfordern. Er benennt Kollegen und die Orte seiner Taten, freudig und mit einem verzückten Lächeln. Die Bilder geben Einblicke in bessere Zeiten.

Zeugnisse hat er nicht viele, sagt er, aber diese Fotos kann er seiner Bewerbung beilegen, die werden für sich sprechen. Seine Naivität ist rührend, und ich überlege, wie ich ihm beibringen soll, dass so etwas zu den Unüblichkeiten gehört, mit denen man Arbeitgeber nicht schlecht verdutzen würde. Aber dann denke ich mir, warum eigentlich nicht. Warum soll er nicht seine möglichen Arbeitgeber mit der gleichen naiven Begeisterung für sich einnehmen wie mich? Wer hat schon solche Fotos aus seinem Berufsleben vorzuweisen? Was soll er damit verlieren, wenn er mit diesen sichtbaren Nachweisen seiner Tätigkeit Reklame für sich macht? Sind sie nicht viel aussagekräftiger als das Geschwafel auf Zeugnisdokumenten?

Alfonse hat hunderte von Betrieben abgeklappert, in der ganzen Region. Aber niemand braucht einen Fliesenleger aus Kamerun, der keine Zeugnisse hat und ganz offenbar kein perfektes Deutsch spricht.

Alfonse hat eine Frau und zwei kleine Töchter. Er hat viele Jahre lang in seinem Beruf gearbeitet, und wahrscheinlich ist er einer der besten Fliesenleger auf diesem Planeten. Er ist freundlich, er ist klug. Er spricht Französisch und Englisch und Portugiesisch.

Aber niemand will ihn.

Ich frage mich, ob die Gesellen und Meister in den hiesigen Betrieben Französisch und Englisch und Portugiesisch sprechen, ob sie ihre Arbeit als Kunst betrachten und ein Fotoalbum mit sich herumschleppen, ob sie nach allen bitteren Erfahrungen so lächeln könnten, ob sie so begeistert von ihrer Frau und ihren Töchtern erzählen, dass sie dabei selbst aussehen wie ein fröhlicher Junge.

Was soll ich ihm sagen? Dass er sich diesen Rastazopf abschminken soll, sich mal ordentlich frisieren und kleiden? Dass allein das für neunzig Prozent der Arbeitgeber der Grund sein wird abzuwinken?

Anders sagt, ich sei zu sentimental für diesen Beruf. Als sich am Ende dieses Arbeitstags meine Ohnmacht in Worten Luft macht, blickt er, ein großer, ungelenker Mann, immer in dunklen Anzügen, mich an wie ein exotisches Tier, schüttelt sacht den Kopf und fährt fort, die Kaffeemaschine zu füttern.

»Dein Fehler ist, dass du diesen Kerlen alles glaubst. Sie können dir den größten Bären aufbinden. Wenn dieser Junge so wunderbar ist, wie er behauptet, warum findet er dann keine Anstellung? Warum ist er dann überhaupt hierhergekommen? Gibt es Nachweise seiner Ausbildung? Zeugnisse?«

Ich gebe einen kurzen Abriss von Alfonses Geschichte.

»Ganz wunderbar«, sagt Anders. »Ein Empfehlungsschreiben auf Französisch. Keine Zeugnisse. Da, wo er zuletzt gearbeitet hat, will man ihm nicht mal eins ausstellen. Und alles nur, weil wir in einer bösen Welt leben.«

»Ich will ja nicht sagen, dass Afrikaner grundsätzlich hinterm Mond leben, aber sie sind ziemlich naiv, und da herrschen noch andere Gepflogenheiten in der Arbeitswelt. Er hat sich nie um Zeugnisse gekümmert. Aber er hat nachweislich viele Jahre Arbeitserfahrung.«

»Dann kann er ja den Behörden seine Fotos zeigen. Die werden sich freuen. Und jetzt sage ich dir etwas: Wenn jemand angeblich so eine Koryphäe auf seinem Gebiet ist, dann hätte sein Lebenslauf anders ausgesehen und er könnte ihn ein bisschen besser dokumentieren. Wenn dein Freund hier seit über zwei Jahren keine anständige Arbeit findet, dann weil da noch etwas anderes ist, was er dir nicht erzählt. Du siehst in seinem ständigen Wechsel der Arbeitgeber eine abenteuerliche Wanderschaft, aber ich erkenne darin Anzeichen von Unzuverlässigkeit oder das Verhaltensmuster eines unbequemen Mitarbeiters.«

»Das sind Mutmaßungen, die sich weniger beweisen lassen als sein Arbeitseifer.«

»Bruder Leichtfuß mit Rastazopf und einem Eswird-sich-schon-alles-finden-Grinsen. Ich denke, er nimmt die Dinge nicht so genau, und ich denke mir, dass er kifft oder sowas, und, ja, ich weiß, das sind böse Unterstellungen, aber das ist genau das, was jeder von ihm denken wird, der ihn sieht, und spätestens, wenn er seine Geschichte von den hundert Arbeitsstellen in ganz Westafrika hört, für die es keine Zeugnisse gibt, wird jeder die Finger von ihm lassen!«

8

Anissa, die Marokkanerin, ist wieder bei mir. Ich möchte ihr helfen beim Erstellen einer Bewerbung, möchte ein Muster-Anschreiben entwerfen und einen Lebenslauf. Ich weiß, wie wenig ihr das jetzt nützen wird, aber es ist das einzige, was ich für sie tun kann.

Ich beginne ihr Fragen zu stellen über ihre bisherigen Tätigkeiten, aber ihr Blick ist müde, hat fast etwas Mitleidiges.

»Ich kann es nicht mal selbst lesen, wenn es fertig ist«, sagt sie.

»Aber Sie haben es für später. Vorerst kann Ihnen jemand helfen, den Brief für verschiedene Adressen fertigzustellen.«

»Also noch mehr Fragen …«

Sie ist nicht bockig, nicht einmal unfreundlich. Es klingt bloß resigniert, gelangweilt.

»Sie wollen alles über mich wissen«, sagt sie. »Aber das ist unfair. Ich habe keine Ahnung, wer Sie sind. Sie haben sich nicht mal richtig vorgestellt.«

Ich bin etwas verdutzt. Zu Beginn sage ich immer meinen Namen, mein Alter, wo ich wohne. Dass ich Mitarbeiter des Instituts bin und seit wann. Aber mehr nicht. Natürlich nicht. Soll ich meine Lebensgeschichte vor wildfremden Leuten ausbreiten?

Aber genau das ist es, was ich von diesen Menschen verlange. Die mich nie gesehen haben. Und überhaupt nicht wissen, wer ich bin.

»Also gut«, sage ich. Ihre Haltung gefällt mir. Es imponiert mir, wie sie mich aus dem Konzept bringt und den Spieß umdreht. »Dann stellen Sie jetzt die Fragen.«

Sie blickt mich an, ernst wie immer. Ich habe sie noch nicht lächeln sehen. Nur an ihren Augen sieht man, wann sich ihre Anspannung löst.

»Gut«, sagt sie. »Ich stelle Ihnen all diese Fragen. Wie ist Ihr Name?«

»Das wissen Sie doch.«

»Ihr vollständiger Name.«

»Ich heiße Sascha Marlon«, sage ich. »Eigentlich Marlon …« Diesmal spreche ich es französisch aus. »Aber hier ist es wie selbstverständlich zu Marlon geworden. Auch wenn die Leute es doch wieder französisch aussprechen, auf Ämtern oder so. Aber das ist eine Geschichte für sich …«

»Wo sind Sie geboren?«

»Ich bin in Paris geboren. Mein Vater war dort diplomatischer Gesandter der deutschen Regierung.«

»Sind sie dort aufgewachsen?«

»Ja, aber nur die ersten Jahre. Dann gingen wir nach Deutschland.«

»Und ihre Mutter?«

»Sie ist Französin. Mein Vater hat sie in Paris kennengelernt und sie haben dort geheiratet.«

»Wo sind Sie zur Schule gegangen?«

»Die meiste Zeit habe ich in einem Internat verbracht, nicht weit von hier.«

»Was ist Ihr Schulabschluss? Was haben Sie gelernt?«

»Ich habe das Abitur gemacht und habe dann studiert. In … München. Archäologie. Aber ohne Abschluss. Dann habe ich in Heidelberg Pädagogik studiert.«

»Ihre Mutter ist Französin?«

»Ja, das sagte ich schon.«

»Dann sprechen Sie also auch Französisch?«

»Nun ja, nicht perfekt. Aber … ja.«

Sie sagt einen Satz. Auf Französisch.

Schaut mich dabei an, ihr Blick bohrt sich in meine Augen.

»Wir sind hier, um Ihre Deutschkenntnisse zu verbessern«, sage ich, »nicht um französische Konversation zu betreiben.«

Sie sieht mich an. Sagt nichts, eine ganze Weile. Sie beäugt mich prüfend.

»Das ist nicht Ihre wahre Geschichte«, sagt sie. »Sie haben die ganze Zeit gelogen.«

Eisern halte ich ihrem Blick stand.

»Genau wie Sie«, sage ich. »Sie haben mir ja auch nicht die Wahrheit erzählt. Alles was ich gehört habe, war eine Geschichte, die vielleicht einiges an Wahrheit enthält, die aber doch nicht wahr ist.«

Auch sie blickt mich unverwandt an. Keine Sekunde hat sie die Augen gesenkt.

»Ich glaube nicht«, sagt sie, »dass es einen Menschen auf der Welt gibt, der seine Geschichte erzählt, so wie sie wirklich war.«

»Mag sein«, sage ich. »Die Menschen neigen zum Lügen und zur Übertreibung. Es liegt so sehr in ihrer Natur, dass sie es nicht einmal mehr wahrnehmen. Und es kommt darauf an, welche Geschichte man hat. Die Lebensgeschichten mancher Leute sind so belanglos, dass sie sie ausschmücken müssen. Sie wollen ihr Leben schöner und aufregender machen, als es ist. Und dann gibt es Menschen, die wünschten, in ihrem Leben wäre weniger geschehen und sie müssten sich an so manches nicht erinnern. Menschen, die bemüht sind, Dinge zu verbergen.«

Keiner von uns ist dem Blick des anderen ausgewichen.

»Welche Art sind Sie?«, fragt Anissa.

»Und Sie?«, frage ich.

9

Ich sehe es als meine Aufgabe an, mich um auftretende Probleme zu kümmern, schlichtend, vermittelnd einzuwirken und den entsprechenden Kandidaten auf den Zahn zu fühlen, was mit ihnen los ist.

Ein junger Teilnehmer, heißt es, sei aufmüpfig und unverschämt. Man gibt ihm noch ein, zwei Tage Schonfrist, aber dann ist ihm der Rausschmiss sicher. Meldung an die Behörde, Ende des Kurses, Ende aller Zahlungen.

Ich bestelle ihn zu mir. Er sitzt da, Hassan, ein junger Man aus dem Libanon, und hat eine coole, rotzfreche Art an sich. Es ist dieses herablassende und überhebliche Gehabe, das Erwachsene bei jungen, ihnen schutzbefohlenen Menschen so auf die Palme bringt, und er hat reichlich davon.

Ich frage ihn, warum er unzufrieden ist. Er sagt mir, dieser Unterricht sei völlig sinnlos, er lerne hier gar nichts, und diese Lehrerin sei völlig unfähig. Was er hier überhaupt solle.

»Das ist verlorene Zeit, weißt du?«

Er hat mich in wenigen Sätzen insgesamt fünfmal geduzt.

Der Junge ist achtzehn. Er hat den Araberstolz mit der Muttermilch aufgesogen und meint, erwachsener könne man nicht mehr werden, und noch mehr Weisheit könne kein Mensch erlangen. Und uns, uns allen, uns Ungläubigen ist er ja sowieso überlegen. Diesen Unfug hat man ihm beigebracht, so wie aller Unfug auf der Welt von einer Generation auf die nächste überkommt, ändern wird sich das nie.

Ich frage ihn, was er an der Lehrerin auszusetzen hat.

Sie sei viel zu jung.

Und?

»Sie ist eine blöde Ziege.«

Ich lasse die Worte einen Augenblick auf mich wirken.

»Ja«, sage ich. »Da haben Sie recht.«

Ich ernte einen reichlich verdutzten Blick.

»Sie haben recht. Sie ist wirklich eine Ziege. Ich kann sie auch nicht leiden.«

Er ist völlig aus dem Konzept. Wahrscheinlich denkt er, ich will ihn verscheißern.

»Aber wenn Sie jemandem sagen, dass ich das gesagt und Ihnen Recht gegeben habe, werde ich es bestreiten. Verstanden?«

Er starrt mich an, dann grinst er und nickt.

»Ich werde Ihnen sagen, was passieren wird, wenn Sie weiter Ärger machen. Sie fliegen raus, das ist alles. Diese Frau ist Ihre Lehrerin, und sie hat die Macht.«

»Warum kann ich keinen Lehrer haben? Andere Gruppen haben Lehrer.«

»Aber Ihre nicht. Bei Ihnen ist es eine Lehrerin. Sie ist der Chef. Wenn Sie nicht tun, was sie sagt, fliegen Sie raus. Kein Geld mehr vom Amt. Keine anderen Kurse, keine Ausbildung, gar nichts.«

Er lamentiert herum, aber ich lasse ihn nicht groß zu Wort kommen.

»Ich werde Ihnen was sagen: Sie werden sich von jetzt an ordentlich benehmen und keinen Ärger machen. Sie werden tun, was ich sage. Gleichgültig, was sie sagt. Ich sage Ihnen, Sie befolgen ab jetzt alle Anweisungen. Sie ist Lehrerin, aber ich sitze im Büro. Es wird gemacht, was ich sage, klar?«

Er blickt mich ernst an, seine Augen sind tiefe, dunkle Seen.

»Sie sind doch ein vernünftiger Mann! Und kein Weib, das herumjammert! Also benehmen Sie sich auch wie ein Mann!«

Er sieht mich an. Dann nickt er. Unwillig. Aber er nickt.

»Und noch was: Es heißt nicht Weißt du, sondern Wissen Sie. Man siezt die Leute.«

Er macht eine wegwischende Handbewegung, gibt sich cool.

»Ja, ja, ich weiß, das hat der Mann im Amt auch gesagt.«

»Mir ist es ganz egal. Ich bin nicht beleidigt. Aber andere vielleicht. Es ist unhöflich, zu allen Leuten weißt du zu sagen. Es macht einen schlechten Eindruck. Okay?«

»Okay«.

Als ich ein Stück vom Schreibtisch abrücke, erhebt er sich hastig, vermutlich bloß froh, dass die Unterredung offensichtlich beendet ist.

»Dass ich ab jetzt keine Klagen mehr höre!«

Er nickt noch einmal, und als er sich an der Tür umdreht und sich verabschiedet, blinzele ich ihm zu und lächele.

10

Es gibt Menschen, die lassen sich von Anfang an nicht lange bitten, und ein Prachtexemplar dieser Gattung ist Tamara.

Sie ist die erste, die ungefragt in meinem Büro erscheint, schon in den ersten Tagen, als sich noch niemand traut, einfach so bei mir aufzutauchen. Vorsicht und Zurückhaltung sind ihre Sache wahrhaftig nicht, und da sie offenbar von anderen, die ich bereits zu mir gebeten habe, erfahren hat, worum es geht und wozu das Ganze gut sein kann, stellt sie sich kurzerhand selbst vor. Abzuwarten, bis sie an der Reihe ist, gehört entschieden nicht zu ihren Lebensstrategien.

Sie ist Kroatin und spricht mit Akzent und markanten Fehlern, aber da sie so etwas wie Hemmungen nicht besitzt, ist ihr das völlig gleichgültig.

Wenn nur alle so wären!

Ich glaube, dass sie selten in ihrem Leben jemals schweigt, warum also sollte sie in einer anderen Sprache damit anfangen? Was da auf mich zukommt, ohne eigentlich hereingebeten worden zu sein, ist eine Art Wirbelwind, eine kleine Frau mit einem Wust von sandfarbenem Haar, das bis über die Schultern fällt, mit Locken einer gewissen Größe, die einen sofort ins Rätseln bringen, ob sie nicht vielleicht bloß aufgedreht sind. Von Gesicht ist sie nicht gerade eine Schönheit, mit etwas herben Zügen und einer ausgeprägten, gebogenen Nase, jedoch figürlich von bestechender Weiblichkeit. Ihre burschikose Art und ihr Brachialauftreten relativieren das in verwirrender Weise, und dieser Gegensatz drückt sich selbst in ihrer Kleidung aus: ein knielanges Kleidchen und dazu absatzlose, ein wenig klobige Stiefel. Man möchte sie sofort als unverschämt empfinden, kann ihr aber von Anfang an nicht böse sein, unmöglich. Obwohl die Tatsache, dass sie einen wie selbstverständlich duzt, doch der Gipfel ist.

»Vielleicht kannst du mir helfen«, eröffnet sie freudig und streckt mir, da sie ohne jede Scheu bis ganz vor meinen Schreibtisch getreten ist, die Hand hin. »Tamara«, sagt sie, als ich sie willenlos ergreife. »Aus der C-Gruppe.«

Kann sein, dass ich den Ansatz gemacht habe, etwas zu sagen, aber Tamara hat eine ganz feste Vorstellung von einem Gesprächsfluss und spricht also unbedarft auf mich ein. Da sie auch nicht ruhig stehen kann und freimütig gestikuliert, schlenkert das Kleidchen immer um sie herum. Dem Vernehmen nach steht sie im Begriff, mir ihre ganze Lebensgeschichte auszubreiten, im Wesentlichen in beruflicher Hinsicht, und da ich noch gar nicht weiß, wie mir geschieht, verstehe ich so gut wie gar nichts.

»Halt, halt!«, sage ich. »Immer langsam!«

Woraufhin sie einen Moment still steht und mich aus großen Augen betrachtet.

»Ich bin zu schnell, ja?«, sagt sie. »Jaja, ich weiß schon!«

»Erstmal hinsetzen!«, sage ich. »Und dann nochmal von vorne. Aber langsam.«

»Ich weiß«, sagt sie, »ich quatsche immer zu viel.«

Eine Einsicht, die sich aber im Folgenden in keiner Weise niederschlägt.

Tamara ist vor drei Jahren aus Bosnien hergekommen. Sie gehörte dort zur kroatischen Minderheit, und weil ihr Vater damals, im Balkankrieg, aufseiten kroatischer Milizen gekämpft hat und mit verantwortlich war für die Zerstörung nahegelegener Dörfer und Höfe, war ihre Familie Schikanen ausgesetzt – um es milde auszudrücken. Kühe wurden getötet, ein Brunnen vergiftet. Einer ihrer jüngeren Brüder ist gestorben, ist Opfer dieses Anschlags geworden. Ich höre zu und staune.

Dass dieser Krieg doch schon lange vorbei sei, stelle ich fest. Woraufhin sie wissend nickt. Offiziell, sagt sie, ja, natürlich. Dass aber die Ressentiments und der Hass weiter im Schwelen begriffen seien. Wie ihren Schilderungen deutlich zu entnehmen ist. Leute werden überfallen, zusammengeschlagen. Häuser und Scheunen in Brand gesetzt. Ärztliche Hilfe verweigert. Ihre Mutter ist laut ihrem Bericht gestorben, weil man keinen Arzt zu ihr gelassen hat.

»Es waren nur wenige von uns in unserem Dorf«, erzählt sie. »Zwei Familien. Und sie haben dort keine Ruhe gegeben, bis sie uns vertrieben haben. Dieser Krieg«, sagt sie, »geht immer weiter, er ist noch lange nicht zu Ende. Für die Welt draußen natürlich schon. Da ahnt man von dem nichts.«

Nein, ich hatte nicht die geringste Ahnung davon, was in diesem Teil der Welt an Anfeindungen, Anschlägen, Übergriffen und ethnischen Auseinandersetzungen vor sich geht. Dass die Areale abseits der großen Straßen und die Wälder immer noch vermint sind. Dass spielende Kinder manchmal noch Gliedmaßen verlieren. Oder sogar ihr Leben. Immer seltener. Aber immer noch.

Daheim, in Bosnien, hat sie eine Ausbildung zur Krankenschwester begonnen, die möchte sie hier beenden und dann Arbeit finden. Ich versuche sie schonend darauf vorzubereiten, dass sie ihre Ausbildung von vorne wird beginnen müssen, dass die angebrochene Lehrzeit in ihrem Heimatland hier nichts wert ist, ohne irgendetwas Abgeschlossenes, eine bestandene Prüfung. Auch eine Umschulung wird sich kaum bewerkstelligen lassen, wenn nicht irgendeine Berufsausbildung beendet wurde.