Ein letzter Tag Unendlichkeit - Lucien Deprijck - E-Book

Ein letzter Tag Unendlichkeit E-Book

Lucien Deprijck

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Beschreibung

Im Morgengrauen eines Julitages 1750 bricht eine bunt gemischte Gesellschaft auf zu einer Lustfahrt. Die Geisteskoryphäen der Stadt haben den gefeierten jungen Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock eingeladen, mit ihnen den Tag auf dem Boot zu verbringen. Ihr Spiel: ein amouröser Partnertausch – ein Skandal im sittenstrengen Zürich. Die Damen wie die Herren hängen an den Lippen des Dichters, der mit seinen aufsehenerregenden Poemen die Gefühlswelt für die deutsche Literatur entdeckt hat. Doch dann übermannt ihn selbst das Gefühl. Er verfällt der kaum siebzehnjährigen Schönheit Anna Schinz. Der Tag wird turbulent und droht alle Schranken zu durchbrechen. Keiner der Beteiligten wird ihn je vergessen können. Mit Klopstocks Ode »Der Zürchersee« ist er in die Literaturgeschichte eingegangen.

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Seitenzahl: 259

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über dieses Buch

Ein Julitag 1750: Der gefeierte junge Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock bricht zusammen mit einer bunt gemischten Gesellschaft auf zu einer Lustfahrt auf dem Zürichsee. Ein amouröser Partnertausch ist geplant – ein Skandal im sittenstrengen Zürich. Der Tag wird turbulent und droht alle Schranken zu durchbrechen.

Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.

Lucien Deprijck (*1960) ist Autor, Journalist und Übersetzer englischer und amerikanischer Literatur. Er übertrug unter anderem Mark Twain, Robert Louis Stevenson und Stephen Crane ins Deutsche. 2012 erschien Die Inseln, auf denen ich strande im Mare Verlag.

Zur Webseite von Lucien Deprijck.

Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Hardcover, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Lucien Deprijck

Ein letzter Tag Unendlichkeit

Geschichte einer Lustfahrt

Roman

E-Book-Ausgabe

Mit einem Bonus-Dokument im Anhang

Unionsverlag

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Impressum

Dieses E-Book enthält als Bonusmaterial im Anhang 1 Dokument

© by Lucien Deprijck 2015

© by Unionsverlag, Zürich 2024

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Unter Verwendung von Skizzen von Jean-Antoine Watteau (1684–1721): Study of heads, drawing. © akg-images/De Agostini Picture Lib./J. E. Bulloz. Drie vrouwenkoppen. © Teylers Museum Haarlem The Netherlands.

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30870-1

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Version vom 27.07.2024, 06:46h

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Inhaltsverzeichnis

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Über dieses Buch

Titelseite

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Inhaltsverzeichnis

EIN LETZTER TAG UNENDLICHKEIT

Prolog1 – Als Hirzel in aller Herrgottsfrühe dort unten am …2 – Als es geheißen hatte, Klopstock würde nach Zürich …3 – In der Tat, es war ein fragwürdiges Unternehmen …4 – Es war erst gegen fünf Uhr morgens …5 – Alles an diesem Morgen war in einem Auf- …6 – Es war Punkt sechs, als sie anlegten und …7 – Als die Musik vorbei war und auch endgültig …8 – Es war jetzt nach acht, die Sonne stieg …9 – Der Vortrag hatte die gute Stimmung arg getrübt …10 – Indessen war die Fahrt ein gutes Stück vorangegangen …11 – Meilen, vier Stunden von Zürich entfernt und direkt …12 – Hirzel, der in Klopstocks Abwesenheit nicht arg beflissen …13 – Mittlerweile ging es gegen halb eins, die Sonne …14 – Nach dem Essen, das war beschlossen, sollte es …15 – Indessen, während die Rundreise auf dem See im …16 – Klopstock und Anna waren allein17 – Die Zeit verging, nichts konnte die Sonne in …18 – Klopstocks Rückzug, wie er sich erhob und von …19 – Madame von Muralt saß im wohltuenden Schatten hoher …20 – Das Schiff musste nun nicht mehr ans andere …21 – Die Sonne stand jetzt schon tief, sandte ihre …22 – Es ergab sich, dass im weiteren Dahingehen die …23 – Während auch der letzte Tagesschimmer schwand, lag ein …EpilogNachschriftAnmerkungenZum Schluss

Mehr über dieses Buch

Friedrich Gottlieb Klopstock: Fahrt auf der Zürcher See

Über Lucien Deprijck

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Prolog

Die Dunkelheit wich. Ein Tag zog herauf. Wie ein jeder das Sinnbild aller Schöpfung.

Zuerst war es nur eine Veränderung, welche die wenigsten Menschen in der Lage waren wahrzunehmen. Bevor noch irgendein Zeichen von Licht erkennbar wurde, verdichtete sich die Dunkelheit, zog ein Wind auf. Als ballte sich die Nacht in einem letzten Aufbäumen zusammen. So wie alles auf der Welt sich immer aufzulehnen scheint gegen etwas, was doch ganz unvermeidlich ist.

Dann veränderte sich der Horizont im Osten, so allmählich, dass ein Anfang kaum zu bestimmen war. Die Konturen der Berge und der Ufer wurden deutlicher, dann wurde der Himmel in einem schmalen Streifen heller. In einem ersten Glanz begann der See zu schimmern. Bald sah er aus wie fließendes Metall, wie Quecksilber. Noch waren keine Farben unterscheidbar. Noch war kaum mehr zu hören als die Stimmen früher Vögel.

Etwas lag über den Häusern, über Stadt und Land und See, das dort immer war und mit der frühen Morgenbrise aufs Wasser hinaustrieb. Hinauf in den weiten Himmel. Es war ein unsichtbares, weder spür- noch fassbares Werden und Vergehen, in eins verwoben. Etwas, das die Welt bestimmte, was noch nie ein Mensch erkannt hatte oder würde je erkennen können.

Es lag über allem und bestimmte alles und war alles. Es war die Dunkelheit und das Licht, war Bewegung und Stille, war Wind, war der Mond hinter sich auflösenden Wolken und war die Sonne, deren Position, noch unter dem Horizont, bald bestimmbar war.

Sie stand im Begriff aufzugehen. Und hätte man sich auch dagegen wehren wollen und ernsthaft gewünscht, die Zeit anzuhalten – es war nicht zu verhindern.

Der Tag war da. Er war angebrochen und würde jetzt unaufhaltsam seinen Lauf nehmen.

1

Als Hirzel in aller Herrgottsfrühe dort unten am Ufer stand, spürte er es: Dies war ein besonderer Tag.

Die Limmat floss dahin, nicht anders als sonst, der See öffnete sich dem Blick wie stets, doch nicht nur, dass ein weiterer strahlender Tag heraufzog, wie es in diesem Jahr schon so viele gegeben. Nicht nur, dass die Luft nach einem reinigenden nächtlichen Gewitter wohltuend klar erschien, der See im frühen Sonnenlicht erglänzte. Da war noch etwas, darüber hinaus, von ganz anderer Art. Irgendetwas lag in der Luft, etwas Unfassbares, wie ein Flirren. Und da war – unerklärlich – diese Ahnung: dass es mit diesem Tag eine besondere Bewandtnis hätte.

Hans Caspar Hirzel stand da, in seinem etwas zu eng sitzenden Rock und den ausladenden Ärmelaufschlägen, mit einer Figur, welche trotz seiner erst fünfundzwanzig Jahre einem genauen Betrachter bereits die sich anbahnende Leibesfülle und Rundung des Bauches zu ermessen gab. Er war eigentlich ein Mann mit einem freundlichen Gesicht, mit stets gleichbleibend heiteren Zügen, der dem Leben zugetan war, obwohl er in seinem Berufsstand als Arzt allerlei Not und Elend zu sehen bekam. Nun jedoch war seine Miene ungewohnt nachdenklich, beinahe bedrückt. Er war befasst mit diesem sonderbaren Gefühl, das einer Eingebung glich.

Gewiss, schon der Rahmen des Vorhabens sprengte das Gewöhnliche, die Lustfahrt auf dem See war an sich ein außerordentliches Unternehmen. Gerade er selbst, Hirzel, federführend in Planung und Vorbereitung, hatte allen Grund, aufgewühlt zu sein. Fühlte sich nun jedoch von einer inneren Erregung erfasst, die weit mehr andeutete als bloße Ungeduld.

»Er wird doch kommen?« Hirzels bange Frage war anscheinend an seine Gattin, ihm zur Seite, gewandt, doch eigentlich sagte er es mehr zu sich selbst. Dieser Gedanke: dass er am Ende gar nicht erschiene! Er, von dessen Teilnahme doch alles abhing. Für den man diese Fahrt überhaupt erst anberaumt hatte. Ohne den alles zu einem Allerweltsvergnügen, zu einem herkömmlichen Bootsausflug verblassen würde.

»Er wird schon kommen!«

Hirzel beruhigten diese begütigend gesprochenen Worte seiner Frau wenig. Musste er doch mitansehen, wie nach und nach die Mitwirkenden ihrer Tagesfahrt sich am vereinbarten Ort einfanden. Wolf und Werdmüller erschienen, mit ihren Gattinnen, Rahn und Salomon Hirzel, sein eigener, jüngerer Bruder. Der junge Schinz mit seiner Schwester. Keller von Goldbach mit einer gertenschlanken Schönheit. Sie trafen ein, nach und nach. Binnen Kurzem waren alle vollzählig – alle bis auf einen. Der eine, auf den alle ungeduldig warteten.

Fragen wurden laut, Köpfe wandten sich hierhin, dorthin. Hirzel, achselzuckend, schritt unruhig hin und her.

Ob man hinaufgehen solle, ihn zu holen? Ob er am Ende den Weg nicht fände?

Doch dann, endlich, war es so weit, gottlob. Er kam.

Klopstock.

Friedrich Gottlieb Klopstock, er selbst. Diesmal nicht zu Pferd, sondern zu Fuß. Allzu weit war es ja nicht bis zu dem Haus am Oberen Schönenberg, wo er logierte. Munter ausschreitend, nach Manier eines Wanderers, trat er aus den engen Gassen hervor ins Freie und kam herüber zur Anlegestelle.

Und wie er erschien! Das war wahrhaftig ein denkwürdiger Anblick! Die am Ufer Versammelten gerieten regelrecht ins Staunen. War derjenige, der da auf sie zuschritt, doch allein äußerlich, in seiner Bekleidung, fraglos eine Augenweide. Er trug einen fein geschnittenen Rock, offensichtlich nagelneu, gehalten in einem kräftigen Ton von Rostrot, kam mit seinen besten Kniehosen und Strümpfen und einem Schuhwerk daher, das sich gleichfalls sehen lassen konnte. Dies alles hatte einiges an Kosten verursacht, wie unschwer zu erkennen war.

Und dann die Perücke! Vom Feinsten! Bekrönt mit einem Dreispitz, der verwegen ein gutes Stück in den Nacken geschoben war.

Kein Zweifel, der Mann hatte Courage!

Natürlich hatte Klopstock es sich nicht nehmen lassen, sein Erscheinen als Auftritt zu inszenieren. Nicht zuletzt war auch der Zeitpunkt des Eintreffens eine Frage von Stil. Dass er dabei Wert auf ein gefälliges Äußeres legte, kam nicht von ungefähr, denn das glaubte er seiner Umgebung schuldig zu sein. Schließlich war er nicht irgendwer, und es gab an ihn gewisse Erwartungen. Obwohl noch jung an Jahren, galt er bereits als ein Mann der öffentlichen Dinge, ein Mann, der einen gewissen Ruf und sogar Ruhm genoss, zumal hier, in der Schweiz. Einer, an dessen Lippen man hing, das war ihm keineswegs entgangen. Dieses Bemühen, seinen Äußerungen Gewicht und einen besonderen Wert beizumessen. Man verstummte, wenn er redete, ein Spalier sprachlichen Innehaltens, gebildet, um seinen Äußerungen Raum und Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Und Aufmerksamkeit war ihm hier in Zürich weiß Gott im Ausmaß zuteilgeworden. Aufwartungen und Einladungen allenthalben, kaum dass er bei Bodmer, seinem Gastgeber, angelangt war. Und hatte er sich während dieser ersten Tage seines Aufenthalts hinunter in die Gassen und Straßen der Stadt begeben – zumal hoch zu Ross, was unvermeidlich etwas hermachte –, war ihm mit Blicken, Rufen und Winken ein allgemeines Willkommen und herzliches Grüßen widerfahren, weit über das Maß hinaus, das ihm in seinen kühnsten Fantasien vorgeschwebt hatte.

Vor drei Tagen hatte er dann eine Einladung folgenden Inhalts aus der Feder Hartmann Rahns empfangen:

Mein Herr!Wir sind eine Gesellschaft, die beiden Hirzels, Werdmiller, der jüngere Schinz, Keller, ein Mann von guter Art, und ich, die wir uns verbunden haben, Sie am nächsten Donnerstag auf unserem See zu feiern. Jeder wird seine Dulcinea mit sich haben. Die Hausherrin unseres Doktors wird für den Helden des Festes bestimmt sein und wird versuchen, ihm ihre Reize so abwechslungsreich wie möglich darzubieten, damit er nicht nach und nach jedem von uns sein Liebstes entführt. Kann sie uns das verbürgen, umso besser für sie; erreicht sie das nicht, umso besser für unsere Mädchen. Sie müssen wissen, mein lieber Herr, dass alle diese Mädchen schon eingeladen sind und dass es nur noch um Ihre Zustimmung geht …

Als ob es seines Einlenkens ernsthaft noch bedurft hätte! Sicherlich, der Form halber und um die Dinge unmissverständlich in Fluss zu bringen. Doch wusste insbesondere Hirzel nur zu genau, worum es ihrem prominenten Gast hier zu tun war, hatte Klopstock doch wohlweislich bereits brieflich keinen Hehl aus seinem Wunsch gemacht, in Zürich Vertreterinnen des zarten Geschlechts zu begegnen. Mit einer solchen Einladung konnte man also nicht fehlgehen.

Brave Leute waren das, in der Tat. Klopstock hatte den Anbruch dieses Ereignisses gar nicht erwarten können, hatte sich unduldsam gebärdet wie seit Kindertagen nicht, dieser Fahrt entgegengefiebert und jedes Wenden der Stundengläser förmlich herbeigesehnt.

Als Klopstock sich nun näherte, war Hirzel vor Freude außer sich. »Mein lieber Freund!«, begrüßte er den Dichter, wie es ihm vor allen anderen zukam. Hatte er doch schließlich mit seinem guten Klopstock bereits in dessen Heimat, auf Reisen, Bekanntschaft gemacht und Freundschaft geschlossen. Während die anderen ihm erst in den vergangenen Tagen oder überhaupt noch nie begegnet waren. Und schließlich war es zuallererst seine, Hirzels, Idee gewesen, Klopstock nach Zürich zu holen.

Klopstock schritt denn auch folglich zuvorderst auf ihn zu, ließ zuerst Hirzel eine herzliche Begrüßung zukommen und wandte sich dann sogleich an dessen Gattin. Eine Dame, der es wahrhaftig nicht schwerfallen sollte, ihre Reize, wie im Brief angedeutet, in vielfältiger Weise darzubieten, waren doch allein die äußerlichen schon augenfällig. Madame Hirzel war eine ganz unzweifelhaft schön zu nennende Frau mit leuchtend blondem Haar und einer herzerfrischend natürlichen Röte der Wangen. Klopstock ernannte sich in gebotener Galanterie zu ihrem ergebensten Diener und sprach ihr einige artige Komplimente aus – wobei er sich erlaubte, seinem Blick alle Freiheiten, auch des längeren Verweilens, zu gewähren.

Erst dann war er bereit, sich den anderen zuzuwenden. Welche seiner Begrüßung bereits entgegensahen, die Herren freudig, die Damen in gebotener Scheu.

Das waren sie also, die Mitreisenden der Seefahrt, die man allein ihm zu Ehren veranstaltete. Geradezu entzückend, wie sie alle dastanden und ihm ein freundliches Willkommen bereiteten, ihn mit Blicken hoher Erwartung und Bewunderung bestaunten, unverhohlen. Seine Augen strahlten, als er die Herren in Begleitung so schön – wenn auch mit gebotener Dezenz – herausgeputzter Damen sah. Die Finesse eines Festtagsstaats hatte sich verboten, die Kleider waren schlicht, doch in dieser Schlichtheit ganz entzückend. Allzu großer Nüchternheit hatten sie durch gerüschte und gefältelte Volants und Schleifen entgegenzuwirken verstanden. Den sommerlichen Verhältnissen angemessen, waren leichte Stoffe vorherrschend, Kattun zumeist, mitunter Musselin und Faille. Es war ein herrlicher Anblick: die Damen in ihren ausschwingenden Contouches, die Herren freilich in (für Klopstock) ein wenig altbackenen Rockschößen, welche der neuesten Mode in anderen Teilen Europas sichtlich nachhinkten. Auch fehlte es ihnen an Mut, sich herauszuputzen. Rahn, den Verfasser des Briefes, vielleicht ausgenommen, der durch eine gewisse zur Schau getragene Lässigkeit auffiel.

Anstatt sich ihnen der Reihe nach in persönlicher Begrüßung zu widmen, tat er, unter einigen ersten Worten des Willkommens und des Danks, einen Blick in die Runde, versuchte alle mit einem kurzen Moment der Beschau zu würdigen. Ließ seine Augen hierhin, dorthin wandern, um alle Anwesenden seiner Beachtung zu versichern, wie er es bei Reden und Vorträgen in Gesellschaft gelernt hatte und längst gewohnt war. Schenkte denen, die er in den zurückliegenden Tagen schon kennengelernt hatte, ein besonderes Lächeln als Zeichen des Wiedererkennens. Doch geriet dann, inmitten dieses Prozederes, ganz unvermittelt und sichtlich ins Stocken.

Grundgütiger! Der Anblick, der sich ihm so unverhofft bot, traf ihn wie ein Schlag.

Inmitten dieser kleinen Versammlung der angehenden Lustfahrer hatte er etwas entdeckt. Etwas ganz Aufreizendes.

Eine junge Frau!

Fast noch ein Mädchen …

Ein Mädchen mit dunklem Haar, das ihr seidig glänzend über die Schultern fiel, mit großen, dunklen Augen, die ihn für einen kurzen Moment angeblickt und sich dann scheu zur Seite gewandt hatten. Wie sie dastand, den Kopf hob und mit einer sachten Bewegung ihr Haar zurückwarf, das ihr ein Stück weit ins Gesicht zu fallen drohte! Ein Gesicht mit solch fein geschnittenen Zügen, dass es ihm förmlich den Atem raubte.

Klopstock war augenblicklich hingerissen. Jedoch auf eine seltsame, eigentümlich innige Weise. Nicht in maßloser Verzückung, sondern in einer sonderbaren Berührtheit. Musste sich – ohne recht zu wissen, wie lange er eigentlich so dagestanden und gestarrt hatte – selbst aufrütteln, seine Fassung (zumindest augenfällig) wiederzuerlangen.

»Ein herrliches Bild«, schwärmte Hirzel, und während es Klopstock vorkam, als werde hiermit sein eigener Eindruck angesichts der jungen Dame souffliert, und er des Weiteren sogar für möglich hielt, die Bemerkung beziehe sich am Ende gar auf seinen Staat, den prächtigen roten Rock, hatte Hirzel den Blick bloß auf den weiten See unter einem tiefblauen, morgendlichen Himmel gerichtet.

»Perfekt!«, bekräftigte er.

Und es war in der Tat ein perfekter Tag. Ein perfekter Tag für eine Fahrt über den See. Hirzel spürte es erneut: Etwas Großes, etwas Denkwürdiges, Bleibendes stand im Begriff, ihnen zu begegnen. Das Schiff, die Gesellschaft junger Menschen, und dann, inmitten ihrer, er: Klopstock, der junge Poet, den selbst Koryphäen wie Bodmer als kommenden Dichterfürsten zu betrachten bereit waren. Er, Friedrich Gottlieb Klopstock, hier in Zürich, hier am See und dieser unter einem weiten, alles umspannenden Himmel. Das versprach, trefflich zu geraten, sein – Hirzels – Plan schien aufzugehen.

Und nichts war nun gebotener, als ihr Vorhaben anzugehen und sich an Bord des Schiffes zu begeben, das hier am Ufer auf sie wartete. So schickte er sich an, alles in Position zu bringen. Allen voran ihren Ehrengast.

Doch nun, als er sich ihm zuwandte, wurde er gewahr, dass dieser dastand wie erstarrt. Er wirkte geradezu erschrocken.

»Was ist Ihm?«, fragte Hirzel. »Ist Ihnen nicht wohl?«

Klopstock beeilte sich zu antworten, nachdem er einige Sekunden hatte verstreichen lassen. »Es ist nichts«, sagte er hastig. »Alles zum Besten.«

Hirzel fuhr jedoch fort, ihn zu betrachten, unentschlossen und voller Zweifel. »Man möchte glauben, Sie hätten einen Geist gesehen!«

Klopstock warf einen ebenso zweifelnden und ungläubigen Blick zurück. Denn genau das war es, was auch er selbst im Verhuschen eines Augenblicks für möglich gehalten hatte.

2

Als es geheißen hatte, Klopstock würde nach Zürich kommen, war die halbe Stadt in Aufruhr gewesen. Zumindest diejenigen ihrer Bewohner, welche die Bedeutung eines solchen Besuchs zu ermessen in der Lage waren.

Friedrich Gottlieb Klopstock war der Schöpfer des Messias.

Eines Versepos, das unter Dichtern und Gelehrten im deutschsprachigen Raum (und darüber hinaus) für Furore gesorgt hatte. Das eine Kontroverse heraufbeschwor, wie sie zuvor noch nie da gewesen war. Er galt als Verkünder einer neuen Poesie. Hatte ein jahrhundertealtes Kunstverständnis in den Grundfesten erschüttert. War mit einer Wortgewalt und sprachlichen Fertigkeit, einer Tiefe der Empfindung und einem Reichtum der Fantasie dahergekommen, die alles Gültige infrage stellten und eine Provokation waren für jene, denen Nüchternheit und Mäßigung in der Dichtung fraglos und unverzichtbar waren.

Er hatte das Wagnis unternommen, die Inhalte der Evangelien zum Gegenstand zu machen und sie künstlerisch zu überhöhen. Hatte in üppigen Bildern die himmlische Schöpfung geschildert. Und – zum Entsetzen seiner Gegner – mit welchem Erfolg!

So mit Worten umgehen zu können! Geist und Herz überfließen zu lassen in einem Maße, dass eine speisende Kraft nicht mehr recht vorstellbar war und sich den Ermittlungen des nüchternen Verstandes entzog. Als führten da überirdische Mächte die Hand. Dinge niederschreiben und festhalten zu können in einer Vollkommenheit, welche mühelos Brücken schlug zu den Altmeistern antiker Dichtkunst, sodass man sich nicht einmal verstieg, wenn man deren Größte und am meisten Gerühmte aufzählte. Ja, nicht einmal zögerte, ihn einen neuen Homer zu heißen.

Keine Frage, er war ein dichterisches Genie.

Und nun, da er kam, stellten sich allenthalben Fragen: Was für ein Mann war das? Würde man ihn sehen können und war man überhaupt in der Lage, ihm angemessen zu begegnen? Wie umgänglich würde er sein? Jedermann, der etwas auf sich hielt, machte sich Hoffnungen, den Poeten zu einem Empfang, einer Soirée oder gar einem Tanzvergnügen begrüßen zu dürfen. Jeder wollte ihn kennenlernen, jeder ihm etwas bieten. Jeder ein Stück von seinem Ruhm über die eigene Schwelle bringen. Ob er ein guter Gesellschafter war? Oder war er ernst und stand über den Dingen? Hans Caspar Hirzel, in seinen jungen Jahren bereits Doktor der Medizin mit Aussicht auf die Position des Zweiten Stadtarztes, hatte allgemein Hoffnung gemacht; Klopstock, sagte er, sei den schönen Dingen im Leben durchaus zugetan, habe Charme. Man erhoffte sich von ihm erbauliche Reden. Wollte ihn geistreich scherzen und tanzen sehen.

Der in Ehren schon leicht gealterte Bodmer, in dessen höchst angesehenem Hause er absteigen würde, hatte abgewiegelt. Ein Mann von Klopstocks Interessensphären werde wenig Neigung empfinden, sich faden gesellschaftlichen Verpflichtungen und billigen Vergnügungen hinzugeben. Er, Bodmer, unbestritten einer der großen gelehrten Köpfe Zürichs, war umherstolziert wie ein Pfau und hatte stattdessen für seinen Gast allerlei erbauliche Einsichten in die höheren gesellschaftlichen Angelegenheiten vorgesehen, in Architektur und Geschichte und die politischen Abläufe der Stadt. Hatte darüber gespottet, dass mancher sich in vage Planungen von Trinkgeselligkeit und Lustfahrten erging. Was glaube man, wer da komme?

Immerhin, Bodmer verstand etwas von seinem Metier. Er war gewiss in der Lage, ein besonderes Talent zu erkennen, darin hatte er sich schon mehr als einmal bewiesen. In Johann Jakob Bodmers Haus gingen die Dichter und Philosophen ein und aus, eine gelehrtere Adresse würde man in Zürich nicht finden. Es war ein Hort der Wissenschaft und der schönen Künste. Bodmer selbst hatte Klopstock nach Zürich eingeladen, freudig und gespannt wie ein Kind auf den Mann, von dem Hirzel so viel berichtet hatte. Denn schließlich war es Hirzel gewesen, der Klopstock während seiner Deutschlandreise in Leipzig kennengelernt und einen Besuch in der Schweiz als allererster ins Spiel gebracht hatte, er, nur ein Arzt und kein im Sinne des Wortes Schriftgelehrter, doch mit einem Sinn für Poesie und Sprachkunst ausgestattet, die auch ihn hatte erkennen lassen, welcher Stern da am Dichterhimmel aufging.

Die großtuerische Art, mit der (der eigentlich schüchterne und zurückhaltende) Bodmer die Reise in die Wege geleitet und durch finanzielle Vorleistungen letztlich möglich gemacht hatte, war Hirzel ein gewisses Ärgernis gewesen. Er hatte es nicht ausgesprochen, hatte sich jeden darauf zielenden Kommentars enthalten. Obwohl er Bodmer (seinem alten Lehrer) wohlgesonnen war, hatte es ihm folglich gutgetan, zu sehen, wie geringschätzig Klopstock dessen Offerten begegnete, ihn bei der Erkundung Zürichs zu begleiten und zu führen. Stattdessen hatte Klopstock vor allem ihn, Hirzel, mit überschäumender Freude begrüßt und sich bereitwillig wiederholt in seine Gesellschaft begeben. Damals in Leipzig hatten sie Freundschaft geschlossen, und wie sich nun erwies, eine Freundschaft von Bestand. Klopstock war ein Mann, der den Wert der Freundschaft bemessen konnte. Nicht umsonst hatte er sie in seinen bisherigen Dichtungen als eine Kraft beschrieben, die im Kanon der Tugenden einen besonderen Platz einnahm.

Klopstock hatte sich als geistreicher, vor Erlebnisdrang überschäumender, glänzender Gesellschafter erwiesen. Weniger überraschend für Hirzel, der ihn ja bereits kannte, doch überraschend für manchen Unbedarften, hatte er ein beinahe jungenhaftes Temperament an den Tag (und die Nacht) gelegt und sich im Gebaren seinem Alter von sechsundzwanzig Jahren nicht unbedingt entsprechend gezeigt. In der Tat ließ er oft die sprunghafte Impulsivität eines Jünglings erkennen. Vielleicht – Hirzel hatte es erleben können – ergriff in deutschen Landen der Ernst des Lebens nicht gar so früh von jungen Menschen Besitz. Zumal Klopstock das höchst seltene Glück hatte, sich über die tristen Gegebenheiten eines normalen beruflichen Daseins zu erheben, wie es etwa ein Handwerk gebot. Klopstock, als Dichter, als Mann der Künste, war in der glücklichen Situation, durch die Früchte des Genies und der Inspiration die Gunst wohlwollender Förderer erworben zu haben. Die vorfinanzierte Reise nach Zürich, der Aufenthalt in Bodmers Haus, die zahlreichen Einladungen waren lediglich das jüngste Beispiel. Hirzel erschien es nur verständlich, dass solch ein Mann von besonderen Gaben einem allgemeingültigen Verhaltenskodex nicht recht unterworfen war. Wie konnte man auch von einem, der die meisten an Talent und geistigen Fähigkeiten überragte, verlangen, dass er sich ganz gewöhnlich gebärdete wie diese?

Bodmer wirkte jedoch deutlich ernüchtert, nachdem sein Gast wenig Neigung gezeigt hatte, sich seiner väterlichen Führung zu überlassen. Zu Bodmers Verwunderung, ja, zu seinem Entsetzen hatte Klopstock sich freudig in die Gesellschaft Gleichaltriger begeben (Bodmer war immerhin über fünfzig und dem Gehabe nach eher noch älter) und seine Bereitschaft zu kleinen Feierlichkeiten und Vergnügungen unmissverständlich an den Tag gelegt. Im sittenstrengen Zürich hatte Klopstocks Benehmen durchaus Aufsehen erregt. Er hatte sich als sprühender, lebenslustiger Schöngeist erwiesen, der eine ganze Gesellschaft trefflich unterhalten konnte und seinen jugendlich-frühreifen Charme insbesondere an den Damen erprobte. Für deren geschlechtliche Vorzüge er zweifellos ein Auge hatte. Und er vermochte junge Damen ebenso wie reifere zu betören. Ja, dieser Klopstock hatte die seltene Gabe, allen Frauen zu gefallen. Das war erstaunlich insofern, als er zwar von kräftiger Statur, jedoch nicht sehr groß und nicht einmal ansehnlich zu nennen war. Umso mehr hätte man ihn beneiden müssen, doch – ganz passend – wollte sich solcher Neid nicht einstellen, der Erfolg war ihm gegönnt. So waren ihm auch die Herren nie recht böse. Es schien, dass man ihm leicht verzieh, was man anderen vorzuwerfen bereit war.

Hirzel hatte mehr als einmal still darüber nachgesonnen, woran das eigentlich lag, dass man so wenig geneigt war, an Klopstocks Gebaren ernsthaft Anstoß zu nehmen, wie es doch eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Doch war bislang nur hier und da, besonders unter den an Jahren reiferen Betrachtern, ein Kopfschütteln zu beobachten, als könne man nichts anderes erwarten von einem, der von so weit her kam, zumal aus einem Land und einem Teil der Welt, wo die sittlichen Gepflogenheiten bereits ein gewisses Maß an Verfall erkennen und die gebotene Strenge jedenfalls vermissen ließen.

Und nun war er da, der große Tag ihrer Zürichseefahrt! Gottlob hatte niemand Verdacht geschöpft, ihre kleine Komödie konnte wie – in aller Heimlichkeit – geplant ihren Lauf nehmen. Jetzt, da es endlich losging, war Hirzel unsagbar erleichtert. Mit kindlichem Stolz betrachtete er, wie sich zum Aufbruch vereinbarungsgemäß die Damen zu ihren Begleitern gesellten, manche in reizender Unbeholfenheit und Schüchternheit, einige sogar sichtlich errötend. Klopstock hatte das Beispiel gegeben, indem er seiner, Hirzels, Gattin, der Gefährtin und Herzensdame für einen Tag, in vollendeter Manier die Hand geküsst und ihren Aufzug gebührend bewundert hatte.

Noch am Vortag hatte Rahn gegenüber Hirzel Zweifel angemeldet: ob es nicht doch ein wenig zu gewagt sei, eine solche Unternehmung durchzuführen, ob man die Zürcher Gesellschaft derart nicht unwillkürlich brüskiere.

Harmlos, hatte Hirzel abgewiegelt. Völlig harmlos. Eine spaßhafte Tändelei. Rahn glaube doch nicht etwa, dass er, Hirzel, seine Gattin Klopstock ernsthaft zu jedweder Art despektierlicher Annäherung überlasse. Oder dass die Zuordnung seines Bruders Salomon mit der geschätzten Gattin Werdmüllers auch nur im Entferntesten dazu angetan sei, eine Grenze der Schicklichkeit zu überschreiten. Und er, Rahn, wolle doch wohl seiner Begleiterin, der noch kaum erwachsen zu nennenden jungen Schwester von Schinz, nichts anderes sein als ein galanter Gesellschafter?

Zweifellos, hatte Rahn bestätigt, das stehe völlig außer Frage. Wie allerdings die Zürcher Gesellschaft das betrachte, das sei eine ganz andere Sache.

Deshalb, hatte Hirzel erwidert, breche man ja wohlweislich bereits in aller Herrgottsfrühe auf, wenn in der Stadt noch kaum jemand auf den Beinen sei. Und kehre aller Voraussicht nach erst in der Nacht zurück. Das sei alles wohl durchdacht, da komme nichts von ungefähr. Und wie er wisse, habe man eigens Madame von Muralt zur Begleiterin Werdmüllers bestimmt, eine achtbare, reifere Dame von Stand. Was dem Unternehmen doch wohl jeden Anflug von Unschicklichkeit nehmen müsse, derart würden alle Vorbehalte im Keim erstickt.

Hirzel wollte es jedenfalls hoffen. Hoffen, dass dies genügte, den in leichtfertigem Eifer gezimmerten Rahmen ihres Vorhabens zu rechtfertigen.

Und dass es an diesem Tag niemand gar zu toll trieb.

3

In der Tat, es war ein fragwürdiges Unternehmen, Hirzel wusste das wohl. Entstanden war es aus einer Laune heraus. Man wollte für Klopstock, den hohen Besucher, der bereits eine ganze Gruppe von Freunden zusammengeschmiedet hatte, eine Lustfahrt veranstalten. Neun Männer aus dem Freundeskreis waren dazu ausersehen, und jedem sollte eine charmante Begleiterin zur Seite stehen. Genau erinnerte sich Hirzel nicht mehr, aber die Idee war wohl entstanden, weil nicht alle der auserkorenen Herren eine solche Begleiterin zur Verfügung hatten. Jedenfalls keine, die ihnen natürlicherweise, durch Verheiratung oder Verlobung zugehörig war, am wenigsten Klopstock, der Gast selbst. Ihm, Hirzel, bot sich, ebenso wie Salomon Wolf, die Gattin zur Gesellschaft an, andere Herren jedoch waren noch unverheiratet, und sofern sie bereits den Ehestand anstrebten, war es den strengen Maßregeln der Zürcher Gesellschaft nicht ohne Weiteres angemessen, ihre Bräute oder Umworbenen zu solch einem lange währenden Vergnügen zu entführen. Ursprünglich war es jedoch vor allem Klopstocks Ungebundenheit, die zu dem Gedankenspiel geführt hatte, eine Gesellschaft bunt zu mischen. Übermütig hatte Hirzel ihm seine Gattin als Gesellschafterin für diesen Tag zugedacht. Der Einwand, dass dann wiederum er selbst ohne Begleitung dastünde, hatte zu einem Übrigen geführt. Einer der Herren hatte getönt, man werde schon einen passenden Ersatz finden. Auf die Teilnahme dessen, der zu allem den Anstoß gegeben habe, sei schließlich keinesfalls zu verzichten.

So hatte sich eins zum anderen gefügt. Der stille Schinz sagte, er könne seine Schwester mitbringen, und so zogen auch andere die Damen aus dem Familien- und Bekanntenkreis in Betracht. Cousinen, Schwägerinnen, gar Nichten und Schülerinnen (für Wolf) kamen in die Auswahl, eifrig wurden auf diese Weise Paare geschmiedet. Alle waren beschwingt von der verblüffenden Idee, es hatte eine Stimmung geherrscht wie unter Studenten, die einen Streich ausheckten. Was für ein Abenteuer! Welch ein Ausbruch aus dem ewigen Einerlei der Verlustigungen, die letztlich diesen Namen nicht verdienten: sonntägliche Spaziergänge, kleine Bootsausflüge, Wanderungen, meist in reiner Herrenrunde. Gesellschaften und Empfänge, bei denen man sich vor allem langweilte. Und nun dieser Plan, entstanden aus dem Geist, den der Dichter mit seinem ganz natürlich daherkommenden Hang zur Vergnüglichkeit hatte entstehen lassen. Wie ein frischer Wind war er in Zürich erschienen. In seiner Gesellschaft fühlte man sich belebt, beschwingt, zu allerlei Tollheiten in der Lage.

Wie alt wir schon waren, dachte Hirzel bei sich, und haben es gar nicht gemerkt. Dass wir unsere Jugend zu Grabe getragen haben, noch ehe sie überhaupt recht Blüten zu treiben kam.

Freilich, am folgenden Tag war manchem von ihnen aufgegangen, wie zweifelhaft dieses Unternehmen daherkam. So wie oft am Tage nach einer weinseligen Geselligkeit hinter Mauern die Dinge im alltäglichen Licht viel unaufgeregter betrachtet werden. Und dennoch hatte der Schwung der ersten Euphorie genügt, jede Nüchternheit der Erörterung zu durchdringen und den Plan am Leben zu erhalten. Nicht zuletzt spielte auch das eine Rolle: dass man es Klopstock angekündigt, regelrecht versprochen hatte, und wie hätte man dagestanden, hätte man das Vorhaben nun doch wieder infrage gestellt.