Gefährtin des Mondes - Lucien Deprijck - E-Book

Gefährtin des Mondes E-Book

Lucien Deprijck

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Beschreibung

Alles beginnt als harmlose Unternehmung im Insel-Idyll der Südsee: Acht wildfremde Menschen gehen an Bord eines eilig gecharterten Bootes, auf einen Trip von Tahiti nach Bora Bora. Doch was als kurze Überfahrt gedacht war, wird zur Katastrophe, die Reise endet auf einer abgelegenen Insel, wo ein Kampf ums Überleben beginnt. Einer der Schiffbrüchigen ist der junge Leon. Anfangs eifrig bemüht, sich im Hintergrund zu halten, rückt er mehr und mehr in den Mittelpunkt des Geschehens. Macht sich dabei Freunde -- und Feinde. Begibt sich in Gefahr. Auch und gerade in die, sein Herz zu verlieren. Im Zuge der Ereignisse geht für ihn ein großer Traum in Erfüllung -- doch um welchen Preis!

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Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Das Buch

Alles beginnt als harmlose Unternehmung im Insel-Idyll der Südsee: Acht wildfremde Menschen gehen an Bord eines eilig gecharterten Bootes, auf einen Trip von Tahiti nach Bora Bora. Doch was als kurze Überfahrt gedacht war, wird zur Katastrophe, die Reise endet auf einer abgelegenen Insel, wo ein Kampf ums Überleben beginnt.

Einer der Schiffbrüchigen ist der junge Leon. Anfangs eifrig bemüht, sich im Hintergrund zu halten, rückt er mehr und mehr in den Mittelpunkt des Geschehens. Macht sich dabei Freunde – und Feinde. Begibt sich in Gefahr. Auch und gerade in die, sein Herz zu verlieren.

Im Zuge der Ereignisse geht für ihn letztlich ein großer Traum in Erfüllung – doch um welchen Preis!

Der Autor

Lucien Deprijck ist in Sachen Literatur vielfältig tätig, als Autor, Übersetzer und Herausgeber. Bekannt wurde er mit Romanen wie »Die Wälder der Verschollenen« und »Ein letzter Tag Unendlichkeit«, vor allem aber mit seinem Erzählband »Die Inseln, auf denen ich strande«, der auch in Übersetzungen erschien. In diesen Zyklus von Erzählungen gehört eigenständig der Roman »Gefährtin des Mondes«, der hier zum ersten Mal vorliegt.

»Sind Sie eigentlich selbst schon

mal gestrandet?«

Immer wieder gern gestellte Frage

an den Autor dieses Buches …

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Epilog

1

»Kannibalen?«

Das Wort schallte über die Wasserfläche der kleinen Bucht, eine hart klingende Vokabel in viel zu idyllischer Kulisse.

»Wir sind schon bald im 21. Jahrhundert. Das ist doch Blödsinn!«

»Danach sieht’s aber nicht aus.«

Die Stelle, auf die wir hinabblickten, lag unweit einer üppig bemessenen Feuerstelle, in der gut erhaltene, verkohlte Überreste darauf hindeuteten, dass sie vor nicht allzu langer Zeit noch in Betrieb gewesen war. Einige Äste, an einem Ende angekokelt, am anderen, außen, vom Feuer ganz unversehrt, lagen sternförmig um den Feuerplatz. Abseits davon, höher am Strand, ragten die Knochenreste aus dem Boden, dort, wo man sie offensichtlich vergraben hatte. Rippen. Schenkelknochen. Ein Schlüsselbein. Diverse Fragmente.

Vielleicht Tierknochen, dachte ich bei mir, so wie vermutlich auch alle anderen. Die Knochen großer Tiere könnte man doch leicht für menschlich halten. Aber als Tavo im lockeren Boden herumscharrte und die Gesichtspartie eines Schädels zutage brachte, waren weitere Spekulationen eigentlich müßig.

»Vielleicht Affenknochen«, sagte jemand.

»Affen?«, sagte Tavo. »Hier? Wohl kaum.«

»Aber vielleicht wurde nur jemand begraben!«

Tavo scharrte einen Rippenbogen und einen Schenkelknochen ans Licht.

»Eindeutig angesengt«, sagte er. »Die waren im Feuer.«

Daraufhin herrschte eine gespenstische Stille. Wir standen da, im sachten Wind, fünf Männer und drei Frauen, mit ungläubigen, in einer Mimik kindlichen Entsetzens versteinerten Gesichtern. Für einen Augenblick war mir fast zum Lachen zumute. War das hier eine Art Scherz?

Doch es war kein bisschen komisch. Bloß ein Augenblick im Leben, auf den man nicht gefasst war. Auf den man nicht gefasst sein konnte, weil er zu grotesk und zu unwirklich war. Eingebettet in eine Situation, die an sich schon vollkommen überforderte.

»Hier in der Asche sind auch Knochen. Kein Zweifel, was hier passiert ist.«

»Lasst uns sehen, dass wir so schnell wie möglich das Boot wieder flott kriegen«, sagte Rania, die junge Frau mit den langen schwarzen Haaren, die bisher geschwiegen hatte. »Damit wir schleunigst hier verschwinden können!« Sie stand da, bleich und ganz starr, ihre Haltung hatte überhaupt nichts elegant Weibliches mehr, und der sachte Wind wehte ihr Haarsträhnen ins Gesicht.

Alle sahen so ungläubig entsetzt aus. Alle standen so da, wie erstarrt, die Augenbrauen zusammengezogen. Immer wieder blickte einer zum anderen. Fragend. Hilfesuchend. Um Erlösung bettelnd. Als könne es sein, dass irgendjemand anfing zu grinsen und sagte, alles sei bloß Spaß gewesen.

»Hier bleib ich jedenfalls nicht!«, sagte Lilith. »Lieber eine Nacht im Boot, auf offener See, als hier zu bleiben!«

»Wir kriegen das Boot nicht so schnell wieder flott!«, entgegnete Tavo, der am ehesten dazu angetan war, die Nerven zu behalten. »Der Motor ist völlig hin. Es ist leck. Wir können froh sein, dass wir diese Insel erreicht haben. Um diese Dinge können wir uns erst morgen kümmern.«

»Morgen? Ich würde sagen, wir kümmern uns sofort darum. Ich will bloß hier weg!«

»Und wohin?«, blaffte Jakut. »Wir haben doch überhaupt keine Ahnung mehr, wo wir sind! Und selbst wenn wir den Motor reparieren – es ist kaum noch Treibstoff da. Damit kommen wir nirgendwohin!«

Tavo erhob beschwichtigend die Hände. »Ruhig, ruhig!«, mahnte er. »Es wird gleich dunkel werden. Ob wir wollen oder nicht, wir werden hier übernachten müssen. Wir sollten irgendwo ein Lager aufschlagen. Es muss ja nicht genau hier sein. Morgen können wir dann weitersehen. Die Insel erkunden und sehen, ob wir mit dem Boot noch etwas anfangen können. Also holt alles her, was wir brauchen können. Vor allem müssen wir ein Feuer in Gang bringen. Nachts kann es um diese Jahreszeit noch recht kühl werden.«

»Aber locken wir damit nicht vielleicht jemanden an?«, fragte Jakut und sprach damit meine eigenen Gedanken aus. Es musste jedem klar sein, wen er dabei im Sinn hatte.

»Diese Küste sieht unbewohnt aus.«

»Und das da?«

»Hat vor mehr als drei, vier Monaten gebrannt. Seitdem ist offenbar niemand hier gewesen.«

Ich stand da und hatte ein Gefühl, ich beobachtete nicht nur die anderen, sondern auch mich selbst. Als sei ich nichts weiter als ein unbeteiligter Betrachter. Als beträfe mich das alles gar nicht. Ich betrachtete sie, wie sie dastanden, halb um den Feuerplatz geschart, sichtlich in einem Widerstreit. Einerseits spontan geneigt, diesen unseligen Ort zu verlassen, andererseits aus tiefstem Inneren dazu getrieben, sich eher noch zusammenzudrängen und die Nähe der anderen zu suchen, die einen gewissen Schutz zu gewähren schien. Auch ich empfand keinerlei Impuls, mich zu entfernen. Obwohl diejenigen, mit denen ich dort stand, doch völlig Fremde waren. So fremd, dass ich von einigen kaum die Namen kannte. Wir waren acht Menschen, die bis vor wenigen Tagen nichts miteinander zu tun gehabt, nicht einmal von der Existenz der anderen gewusst hatten.

Wer waren diese Leute? Ich hatte nicht die geringste Ahnung. Es interessierte mich nicht einmal besonders. Niemand schien sich ernsthaft für den anderen zu interessieren.

»Wo sind wir hier überhaupt?«, fragte Lilith. Auch sie war bisher kaum mehr als ein Name für mich. Ihre Frage klang nicht sehr freundlich. Eher vorwurfsvoll.

»Ja, genau«, fiel Brisky ein. Da er in den vergangenen Tagen am meisten von allen gesprochen und seinen Namen mehrmals ins Spiel gebracht hatte, wusste ich ihn. Alle wussten ihn. Auch dass er, der Älteste von uns, jetzt sprach, und ebenso wenig freundlich wie seine Vorgängerin, war bezeichnend. »Gibt es in der Nähe keine anderen Inseln? Die erreichbar wären?«

Tavo blieb sehr bedächtig. »Wie gesagt, darum können wir uns morgen kümmern. Jetzt gibt es Wichtigeres zu tun.«

Tavo. Wenn ich heute an ihn denke, dann sehe ich ihn meistens so, wie er damals dastand, an diesem allerersten Tag. Er war ein Musterexemplar seiner Art, mit dem vollen schwarzen Haar und der glatten, straffen Haut der Polynesier, groß, von stämmiger Statur. Sein Haar war kurz geschnitten, nach europäischem, vielmehr amerikanischem Muster. Auch sein perfektes Englisch hatte einen deutlichen amerikanischen Akzent, er hatte eine Zeit lang in Kalifornien gelebt, so viel hatten wir bereits an Bord des Bootes erfahren. Wie bei den meisten Südsee-Insulanern war sein Alter für uns nicht ganz einfach zu bestimmen, doch seine leicht ergrauten Schläfen gaben einen Hinweis darauf, dass er älter war, als er auf den ersten Blick aussah. Er wirkte ruhig, bedächtig, flößte Vertrauen ein. Jedenfalls den meisten von uns.

Für ihn, den eingeborenen Bootsführer, waren diese Fahrten Routine, sein Boot, die Croix du Sud, nur eines von vielen, die Passagiere von Insel zu Insel durch den ganzen Archipel beförderten. Eine schöne – und preiswerte – Art zu reisen. Gefährlich war das beileibe nicht, die Entfernung zwischen den Inseln war überschaubar, Tavo kannte sie, er war hier zu Hause. Bereits hunderte Male zuvor hatte er die Strecke, die wir gefahren waren, hinter sich gebracht, und ohne den geringsten Zwischenfall.

Doch diesmal war alles anders gekommen. Wir waren noch nicht lange unterwegs gewesen, als der Motor ein seltsames Geräusch machte. Was uns, seinen Passagieren, nicht im Geringsten auffiel, ihm, dem Bootsführer, aber sehr wohl. Er hatte die Klappe im Heck geöffnet, die Zugang zur Maschine gewährte, und dort herumgewerkelt, bis seine Hände und Unterarme ganz schwarz waren. Da der Motor anschließend gelaufen war und seinen Dienst also wenigstens nicht versagte, hatten wir uns darüber keine Sorgen machen müssen. Zumal auch Tavo keine hatte erkennen lassen.

Schon nach wenigen Stunden war dann das Feuer ausgebrochen. Der Motor, offenbar völlig überhitzt, war in Brand geraten und mit ihm das halbe Boot, es hätte nicht viel gefehlt und es wäre völlig in Flammen aufgegangen. Nur mit Mühe hatten wir das Feuer löschen können, acht Menschen in panischer Eintracht, einander fast völlig fremd. Den meisten standen die rußigen Spuren jetzt noch ins Gesicht geschrieben. Es gab keine Funkverbindung mehr, wir waren offenbar völlig vom Kurs abgekommen und stundenlang, den Rest des Tages dahingetrieben. Und auch den folgenden. Stunde um Stunde war vergangen, eine Zeit, die uns unendlich vorgekommen war. Nichts, was wir hatten tun können als wieder und wieder – völlig fruchtlos – an der Maschine herumzubasteln, immer dieselben Fragen zu stellen und uns in unseren Kommentaren endlos zu wiederholen.

Am Abend dieses zweiten Tages auf See, nach den ergebnislosen Reparaturversuchen, als die Dunkelheit einsetzte, war Wind aufgekommen, starker Wind, und mit ihm die Angst, die es uns bislang gelungen war zurückzudrängen. Wir hatten dagehockt und die Stunden gezählt, ich war dann und wann in Schlaf gefallen, immer nur für geraume Zeit, nie für lange, und den anderen war es ganz offenbar ebenso ergangen. Bis wir irgendwann in dieser Nacht irgendetwas gerammt hatten, vermutlich eine Untiefe, ein Riff. Das Boot war leckgeschlagen, es hatte schnell Schlagseite bekommen und wir hatten nach Kräften schöpfen müssen, einen ganzen weiteren Tag und eine Nacht lang.

Beinahe vierundzwanzig Stunden ununterbrochenes Wasserschöpfen! Immer im Wechsel, während sich die See beruhigt hatte, bei abflauendem Wind. Dann endlich war dieses Stück Land in Sicht gekommen. Von dem niemand sagen konnte, was es war. Tavo wusste nur so viel, dass wir uns irgendwo auf den äußeren Inseln befanden. Inseln, die gewöhnlich niemand ansteuerte. Vermutlich weil sie klein waren und weit abseits lagen.

Nur dass unsere Freude darüber, wieder Boden unter den Füßen zu haben, nicht von Dauer gewesen war. Wenn sie überhaupt jemals bestanden hatte. Denn so unverhofft, ganz plötzlich auf einer einsamen Insel am Rande der Welt zu stehen, erschien zumindest mir eher wie der Schrecken nach dem Grauen, und wenn die anderen Glücksmomente hätten erkennen lassen, dann wäre mir das aufgefallen. Zumal unsere Entdeckung dann jedes Gefühl der Erleichterung im Keim erstickt hatte, kaum dass wir die Insel überhaupt betreten hatten.

Ich weiß noch, dass ich schon an diesem ersten Abend versuchte diese Leute einzuschätzen auf das hin, was uns hier noch erwartete. Denn jetzt, plötzlich, bestand diese Notwendigkeit. An wen konnte man sich halten? Wem war überhaupt zu trauen? Nacheinander betrachtete ich diese Menschen, die ich noch lange nicht bereit war, als meine »Gefährten« anzusehen. Auf dem Boot, anfangs, war ich noch davon ausgegangen, dass die meisten von ihnen irgendwie zusammengehörten, hatte unwillkürlich Paare vermutet. Der drahtige, mittelgroße Kerl mit dem Hut und die etwas mollige Blonde? Und die rassige junge Schönheit hatte ich Brisky, dem silbergrauen Herrn mit der protzigen Goldkette zugeordnet, obwohl sie gut seine Tochter sein konnte. Einer von diesen braungebrannten gutsituierten Kerlen, deren Frauen im Laufe ihres Lebens immer jünger werden.

Um Rania nicht augenblicklich wahrzunehmen, hätte man blind sein müssen. Sie war atemberaubend hübsch, von schlanker, graziöser Gestalt, mit langem schwarzen Haar, auf den ersten Blick eine indische Schönheit aus dem Bilderbuch. Zu meiner Überraschung stellte sich immer mehr heraus, dass die Blonde zu ihr gehörte, sie waren anscheinend gemeinsam auf Reisen. Die genauen Zusammenhänge kannte ich noch nicht. Lilith war ziemlich klein, ebenfalls gut gebaut, doch hart an der Grenze von schlank. Sehr hart. Wobei sie zu den glücklichen Frauen gehörte, denen das nicht mal schlecht stand. Sie sprach englisch mit einem undefinierbaren Akzent.

Der drahtige Kerl mit dem Hut war offenbar allein, wie ich, und zu Brisky gehörte ein etwas milchgesichtiger junger Bursche, Jakut, sein spät geborener Sohn, wie sich herausstellte. Er konnte nicht älter als sechzehn oder siebzehn sein. Schließlich gab es noch eine stille Frau, schlank, mittelgroß, mit leicht dunklem Teint und einer schwarz gerandeten Brille, in einem schlichten Kleid, züchtig und hochgeschlossen. Das hatte wohl religiöse Hintergründe, denn anfangs hatte sie ein weißes eingeknicktes Häubchen getragen, bevor es – vermutlich im Kampf gegen das Feuer – verloren gegangen war. Wie ich selbst hatte sie bisher wenig gesprochen.

Doch es blieb nicht viel Zeit, in Gedanken zu versinken. Wir mussten uns wohl oder übel in der Bucht einrichten. Der Lagerplatz, den wir aufschlugen, befand sich ein Stück abseits von dort, wo die Überreste des Feuers lagen, aber als bald darauf die Flammen einer neuen Feuerstelle die Szenerie beleuchteten, konnten wir sie im Aufflackern sehen. Wir holten vom Boot, was wir brauchten, aber es war nicht viel. Der Brand hatte fast alles in Mitleidenschaft gezogen. Sogar zwei der Decken, die wir mitnahmen, waren angesengt und würden zum Schutz nicht mehr allzu viel taugen. Wobei man hier weder niedrige Temperaturen noch Schlangen zu fürchten hatte, die es in diesen Breiten gar nicht gab.

Es fiel sofort auf, dass sich alle bereitwillig an Tavo hielten und sich seinen Anordnungen fügten. Alle bis auf Brisky und sein Sohn. Wobei der Junge den Alten in seiner ablehnenden Haltung sogar noch übertraf. Er äußerte sich laut und barsch und setzte dabei eine hochnäsige Miene auf. So ziemlich als Erstes erging er sich in der Verkündung, er werde auf dem Schiff übernachten.

»Nein«, sagte Tavo. »Das ist zu unsicher.«

»Wieso?«, brauste Jakut auf. »Wieso ist das Schiff zu unsicher?«

»Es ist kein Schiff, es ist ein Boot, und nach dem Feuer kaum mehr als ein Wrack, und es ist leckgeschlagen. Wir werden uns morgen früh einen Überblick verschaffen, wie es steht. Bis dahin sollten wir alle gemeinsam an Land bleiben.«

»Darüber haben Sie nicht zu bestimmen!«, maulte Jakut. Ein reizendes Kerlchen.

»Doch«, sagte Tavo. »Es ist mein Boot.«

»Ja«, sagte spöttisch Brisky. »Ein feines Boot! Sie haben uns damit fast umgebracht!«

Tavo ging nicht darauf ein. Mürrisch fügten sie sich also und belegten ihre Plätze am Lagerfeuer. Wir anderen rückten etwas zusammen. Wodurch Rania mir noch ein Stück näher kam. Und dagegen hatte ich nicht das Geringste einzuwenden.

So verbrachten wir eine unruhige erste Nacht, es gab vermutlich niemanden, der selig schlief. Ich selbst lag noch lange da und starrte in die Dunkelheit, nachdem das Feuer ein Stück niedergebrannt war. Wenn ich die Augen eine Weile geschlossen hatte, öffnete ich sie immer wieder, wie um nachzusehen, ob das alles immer noch da war. Ich auf einer einsamen Insel, mit völlig Fremden, an einem Lagerfeuer!

Dann spürte ich etwas an meiner Schulter, erwachte erschrocken aus tiefem Schlaf. Tavo, der bisher Wache gehalten hatte, hockte über mir, ich glotzte ihn entsetzt an, weil ich im ersten Moment überhaupt nicht wusste, wo ich war.

»Übernehmen Sie die Wache«, sagte er. »Vielleicht besser, wenn einer die Augen offen hält. Legen Sie ab und zu etwas Holz nach, nur so viel, dass das Feuer nicht ganz ausgeht, und wecken Sie nach einer Weile den Amerikaner.«

Er meinte Carmichael, den Mann mit dem breitkrempigen Lederhut.

Also hockte ich mich hin und rieb mir den Schlaf aus dem Gesicht.

Nachtwache halten. Irgendwie war das aufregend. Ich kannte so was aus Western und Abenteuerfilmen. Sofort war auch diese Situation unwirklich, wie alles am vorigen Tag. Ich saß an einem Lagerfeuer im Nirgendwo mit einer kleinen Runde daliegender Gestalten, fühlte mich durch Tavos Vertrauen ein wenig auserwählt und musste nach einer Weile schmunzeln. Das hier war zu verrückt!

Wieder betrachtete ich die schlafenden Menschen, die mir noch fast ganz fremd waren, einen nach dem anderen. Ein wenig hatte ich sie in den vergangenen Tagen an Bord schon kennengelernt, aber dort hatte eine große Distanz geherrscht, jeder war davon ausgegangen, dass unser Zusammensein sich lediglich auf weitere Stunden begrenzte. Jetzt saßen, lagen wir hier gemeinsam auf einer abgelegenen Insel, ohne zu wissen, für wie lange wir weiterhin dazu verurteilt waren, miteinander auskommen zu müssen. Jakut, der Junge, schlief tief und fest, mit völlig entspanntem Gesicht. Sein Vater atmete hörbar mit leicht geöffnetem Mund. Die schlanke Frau mit der schwarzen Brille öffnete dann und wann die Augen und blickte schlaflos ins Nichts, von Lilith konnte ich nur ein Gewirr blonder Locken sehen. Direkt neben mir lag Rania, eine schlafende Schönheit, sie sah aus wie eine indische Prinzessin. Wahrscheinlich war sie ein Biest, wie viele Frauen, die so schön waren und es wussten, von Kindesbeinen an. Die schon als kleine Mädchen jeden um den Finger wickelten und als Teenager alte Männer nervös machten. Die Ratschläge eines Onkels fielen mir plötzlich ein, ich musste darüber lachen.

Lass die Finger von schönen Frauen. Die bist du auch schnell wieder los. Entdecke lieber die Schönheit in einer, die nicht jedem gleich auffällt.

Pflichtschuldig betrachtete ich daraufhin die graumäusige, bebrillte Frau. Vielleicht, mit Kontaktlinsen, und wenn sie das Haar öffnete ... Aber sie war ja offenbar schon mit ihrem Glauben verheiratet, ihre Aufmachung und das Häubchen hatten da keinen Zweifel gelassen.

Als am Horizont bereits ein dunkelroter Streifen erkennbar war, weckte ich Carmichael für den Rest der Nacht, der ebenso erschrocken, fast panisch dreinblickte wie ich drei Stunden zuvor. Dann lag ich im Dämmerlicht, betrachtete die indische Prinzessin und bekam mal wieder überhaupt nicht mit, wann ich einschlief.

2

Das Licht einer leuchtenden Sonne über dem Horizont enthüllte wenig später ein erbärmliches Bild. Vor uns lag das Meer, endlos, im Vordergrund die überschaubare Bucht, in der wir mit Mühe gelandet waren. Darin das Boot, nicht weit vom Ufer, halb vollgelaufen, mit starker Schlagseite nach Steuerbord.

»Es sinkt!«

»Unsinn! Es wird nicht sinken. Nicht wenn wir es leerschöpfen und den Schaden reparieren!«

»Ja, und zwar sofort!«

»Lasst uns doch erst mal nachdenken, bevor wir was tun!«

»Nachdenken? Wir sollten uns lieber beeilen!«

»Womit? Es leerzuschöpfen? Seht ihr nicht, dass das Ding absäuft? Es ist doch schon abgesoffen!«

»Und was sollen wir stattdessen tun? Gar nichts?«

Wir alle waren aufgeregt, unter Schock. Jeder wehrte sich gegen das, was eigentlich völlig auf der Hand lag.

»Natürlich können wir es wieder leerschöpfen. Das haben wir schließlich zwei Tage lang auf See getan, und es hat funktioniert!«

»Ja, weil wir pausenlos geschöpft haben. Genau das hat über das Ausmaß des Schadens hinweggetäuscht … der offensichtlich viel größer ist als angenommen.«

»Genau das müssen wir untersuchen, anstatt hier rumzustehen und unsere Zeit mit Reden zu vergeuden!«

Tavo hatte während dieses Durcheinanders nichts gesagt, nur dagestanden und das Wrack angestarrt. Jetzt hob er unwillig die Hände, um sich Ruhe zu verschaffen.

»Dieses Boot wird uns nirgendwo mehr hinbringen!«, sagte er mit fester Stimme. »Ohne Motor und leck, wie es ist.«

»Aber wir können es vielleicht reparieren!«, sagte der Junge aufgebracht. »Abdichten.«

»Womit denn?«, fragte Tavo. »Die Verschalung ist geborsten, Kunststoff. Was schlagen Sie vor, Planken drübernageln? Abgesehen davon, dass wir keine haben. Und auch sonst nichts, womit wir es abdichten könnten.«

»Irgendwas müssen wir doch tun können!«, tönte Brisky. Er schrie beinahe. »Wir müssen es doch wenigstens versuchen! Oder wollen Sie nur tatenlos dastehen?«

»Nein«, sagte Tavo. »Das habe ich nicht gesagt. Vielleicht können wir es mit vereinten Kräften aus dem Wasser ziehen. Ich werde zunächst mal abtauchen, um mir den Schaden anzusehen.«

»Ich komme mit!«

Sie tauchten, Tavo und der Junge. Brisky watete ein Stück ins Wasser, wir anderen warteten am Ufer. Völlig angespannt und in der widersinnigen Erwartung, alles werde sich schnell auflösen. Man werde das Leck finden. Einen Weg, es abzudichten. Dieses Boot wieder flott zu machen. Und das womöglich innerhalb einer Stunde. Wieder zurück an Bord, war unser einziger Gedanke. Wieder auf See. Zurück. Dorthin, wo wir hergekommen waren. Tavo, unser Bootsführer, musste es wissen, er hatte es doch in der Hand, uns wieder in Sicherheit zu bringen. Es waren verzweifelte Hoffnungen, wie Menschen in Konfliktsituationen sie vermutlich immer haben. Sie mündeten alle in den einen Wunsch: dass ein sich anbahnender Albtraum rasch verfliegen und einer gewohnten Realität Platz machen würde, in der alles seine alte Ordnung hätte.

Doch das Hin und Her um das Boot dauerte schließlich den ganzen Vormittag, nur unter äußersten Mühen gelang es uns im Verlauf weiterer Stunden, es mit Tauen an den Strand zu ziehen, wenigstens so weit, dass es beim Höchststand der Flut nicht mehr ganz im Wasser lag. Weiter ging es nicht. Aber auch so beseitigte der Anblick des Rumpfes alle Zweifel. Was uns nicht davon abhielt, noch eine Weile sinnlos weiter zu diskutieren. Wir alle wussten ja, was das bedeutete: dass wir hier festsaßen, uns aus eigener Kraft nicht retten konnten.

Eigentlich waren wir an diesem Tag noch gar nicht bereit, das Boot aufzugeben. Und weil darin unsere einzige Chance lag, war das auch verständlich. Immer wieder wurde das diskutiert: ob es nicht möglich wäre, es zwei oder drei Tage über Wasser zu halten. Schließlich war es uns ja vorher gelungen. Dass der Riss sichtbar immer weiter aufklaffte, wurde dabei bereitwillig außer Acht gelassen. Erneut wurde am Motor gebastelt und geschraubt. Was keinen Sinn hatte, solange das Problem der Seetüchtigkeit nicht gelöst war.

Dabei mussten wir uns schnell um ganz andere Probleme kümmern. Probleme, die viel dringlicher waren. Die Gefahr, ihre Lösung lange aufzuschieben, bestand eigentlich nicht. Denn sie waren profan und forderten unmissverständlich ihr Recht.

Es waren Hunger und Durst.

Wir hatten noch einen Wasservorrat in Kanistern, aber weit würde uns das nicht bringen.

Eine Erkundung der Insel schuf ein klares Bild. Sie war klein, etwa eine Meile lang und höchstens eine halbe breit, flach, gesäumt von Strand und einem Ring seichten Wassers. Ein flacher, gezackter Rücken aus hellem Felsgestein zog sich quer darüber hin und bildete auf unserer Seite eine kleine Landzunge, die unweit unserer Bucht ein Stück ins Meer ragte. Dieser Felsgrat war offensichtlich der eigentliche Sockel der Insel, um den sich, den Meeresströmungen geschuldet, die Insel zu ihrer heutigen Gestalt geformt hatte. Einen Wasserlauf gab es nicht, nur aus dieser felsigen Formation sickerte an der Südflanke, im Innern der Insel, spärlich Süßwasser, nicht mehr als ein Rinnsal. Zu wenig, um acht Menschen auf die Dauer zu versorgen. Also galt es, Regenwasser aufzufangen.

»Und wovon sollen wir uns ernähren?«

Die Frage stand im Raum, als der Tag bereits zu Ende ging und wir wieder am Lagerfeuer saßen. Die Insel gab nicht viel her. Nichts, was das Jagen wert gewesen wäre, bloß Kleintiere und einige Vogelarten. Die Vegetation war tropisch, Büsche und Bäume wucherten üppig. Doch Kokospalmen wuchsen hier keine. Das Angebot essbarer Früchte war überschaubar. Einer allein hätte hier gut eine Weile überleben können. Aber acht?

Allzu große Sorgen machten wir uns noch nicht. So erschrocken und ängstlich wir auch waren, zweifelte doch niemand von uns daran, dass wir von einer überschaubaren Zeit von einigen Tagen sprachen. Man würde uns suchen. Wir würden einen Weg finden wegzukommen. Irgendwie.

»Wir setzen Fisch auf die Speisekarte«, sagte Carmichael lakonisch. Seine Äußerungen hatten meist etwas Spöttisches. »Was sonst?«

»Genau das«, sagte Tavo. »Wir werden fischen.«

»Und womit?« Brisky gefiel sich immer als Klugscheißer, der die entscheidenden Fragen stellte.

»Mit etwas Glück.«

Tavo würde schon wissen, was zu tun war. Er lebte hier, er war Insulaner. Die Gelassenheit, die er ausstrahlte, gab eine gewisse Sicherheit. Es war alles, woran wir uns für den Augenblick klammern konnten. Um die Wellen von aufsteigender Panik unter Kontrolle zu halten, mit welchen die anderen ebenso wie ich zu kämpfen hatten. Was ihren Gesichtern deutlich anzusehen war.

Die Bestandsaufnahme dessen, was wir vom Boot hatten retten können, fiel insgesamt ernüchternd aus. Es war eine ganze Menge, aber wenig Nützliches. Die Decken. Ein Erste-Hilfe-Kasten, in dem sich jedoch nur noch etwas Verbandszeug, Latexhandschuhe und eine angerostete Schere befanden. Mehrere Stücke Segeltuch. Ein kurzes Drahtseil und diverse Leinen. Ein paar verdreckte Handtücher aus dem Maschinenraum. Eine alte Werkzeugkiste, aus der fast alles verlorengegangen war. Immerhin gab es neben einem Sammelsurium von Schrauben und Haken noch diverse Zangen und Schraubschlüssel. Teile eines Blechgeschirrs, ein verbogener Teller und drei Tassen. Ein arg verbeulter Wasserkessel. Eine Ledertasche und ein Rucksack. Einige leere Plastikflaschen. Einiges davon war eigentlich nur Müll: ein Plastikfisch, die Attrappe eines Schwertfischs. Ein Dosenöffner (aber wir hatten keinerlei Konserven). Ein angesengter Rettungsring. Zwei kaputte Thermosflaschen. Immerhin konnten wir die aufschraubbaren Becherkappen verwenden.

Unsere persönliche Habe war im Wesentlichen das, was wir am Leib oder in den Taschen trugen. Carmichael hatte seinen Rucksack retten können. Zu unserer Verblüffung kam daraus außer einer Feldflasche und einem Fernglas nichts zutage als ein großer Vorrat an Tabak, mit dem er seine Zigaretten drehte. Nachdem wir mit dem Fernglas einmal alle Horizonte nach Land abgesucht hatten, war auch das ziemlich nutzlos. Lilith, die Blonde, besaß noch einen Lederbeutel, eine Art Handtasche. Alle anderen Sachen, Taschen oder Jacken waren verlorengegangen, das meiste durch das Feuer.

Als wir die Sachen zusammentrugen und unweit unseres Lagerplatzes aufhäuften, war es Brisky, der uns auf eine Stelle aufmerksam machte, wo sich Reste von verkohltem Holz und Asche mit Sand und Steinen mischten.

»Sehen Sie sich das mal an«, sagte er. »Sieht nach einer weiteren Feuerstelle aus.«

Es schien so, auch wenn sie fast ganz verschüttet war und es lange her sein musste, dass hier ein Feuer gebrannt hatte.

»Was bedeutet das?«, fragte Jakut.

»Dass diese Insel ein gern angesteuerter Platz ist, um ein Feuerchen zu machen.«

»Oder dass jemand hier längere Zeit campiert hat«, sagte Lilith. »Ich wüsste allerdings nicht, warum man hier länger bleiben sollte als nötig.«

An diesem zweiten Abend nahmen wir – zu meiner grenzenlosen Enttäuschung – in unserem Lager nicht dieselben Plätze ein. Rania saß mir gegenüber und war in der Hauptsache damit beschäftigt, die immer wieder weinende Lilith zu trösten. Später saß sie da und blickte gedankenverloren in die Flammen. Ab und zu trafen sich unsere Blicke, dann guckten wir meist ungeschickt woandershin. Einmal lächelte sie, ein wenig gequält.

3

Die Frage, wie viel Wasser wann an wen und von wem ausgegeben wurde, hatte bereits den ganzen abgelaufenen Tag überschattet. Immer wieder hatte deswegen Streit in der Luft gelegen. Der Durst war schon jetzt ein Problem, und beinahe jeder hatte Vorstöße unternommen, sich am Wasservorrat zu bedienen. Es hatte böse Blicke gegeben, Diskussionen, bis hin zu verbalen Attacken, wenn jemand nach Meinung eines anderen ungebührlich viel beanspruchte und sich ganz einfach satt trank. Während andere offenbar bereits die Notwendigkeit im Sinn hatten, mit dem, was da war, sparsam umzugehen, solange die Frage der weiteren Versorgung nicht geklärt war. Zwei- oder dreimal waren Stimmen lauter geworden, und es hatte bis zum Ausbruch von Handgreiflichkeiten nicht viel gefehlt.

Nun, am nächsten Morgen, brach der Konflikt offen aus. Wir hatten uns kaum erhoben, da entlud sich die ganze Unsicherheit und Angst in einer unschönen Szene.

Wie es aussah, hatte Carmichael den Kavalier spielen und den Frauen Wasser holen wollen und Tavo hatte es ihm verweigert. Was einen Disput heraufbeschwor. Alles wäre vermutlich noch glimpflich abgegangen, wenn sich nicht Brisky und der Junge eingemischt hätten. Schnell war eine heftige Diskussion um die Wasserrechte entbrannt.

»Sie bestimmen also, wer hier Wasser bekommt und wer nicht!«, sagte Brisky, laut und provozierend.

»Nein«, sagte Tavo. »Alle bekommen Wasser. Aber alle gleich viel und alle nur so viel wie nötig.«

»Und das bestimmen Sie?«

»Darum geht es nicht. Das ist eine Regelung, die wir alle treffen sollten.«

»Ich sehe nur, dass Sie hier die Regeln aufstellen!«

Tavo passte sich der Lautstärke seines Gegners nicht an, er sprach weiterhin ruhig, betont sachlich. Was Brisky jedoch nur umso mehr zu reizen schien.

»Notwendige Regeln. Wir sollten das Wasser rationieren, denn wir wissen nicht, ob …«

»Diese Bevormundung reicht allmählich! Es geht mir gehörig auf die Nerven, dass Sie sich hier zum Anführer aufschwingen! Mit welchem Recht? Sie sind der Führer dieses Bootes, das uns hergebracht hat, aber soweit ich sehe, nicht mal sein Besitzer. Sie haben uns in diesen Schlamassel reingeritten. Und jetzt führen Sie hier das große Wort!«

»Wenn hier jemand große Worte führt, dann doch Sie!«, giftete Lilith.

»Sie sind ja auch nicht gerade kleinlaut!«

»Ich finde es sehr vernünftig, das Wasser gerecht an alle zu verteilen.«

»Das liegt aber nicht allein in seinen Händen. Und ich halte es für übertrieben, das Wasser zu rationieren. In diesem Klima gehen wir ohne ausreichend Wasser vor die Hunde.«

»Wir sollten uns lieber Gedanken machen, wie wir schleunigst hier wegkommen!«, blaffte Carmichael. »Genau damit das Wasser noch reicht. Bevor es uns ausgeht. Denn wenn es uns ausgeht, dann gute Nacht!«

»Aber genau deshalb müssen wir es rationieren!«, rief Rania, und das Aufklingen ihrer Stimme brachte alle für eine Sekunde aus dem Konzept.

Tavo nutzte die entstehende Pause als erster. »Wir können hier nicht weg«, sagte er ruhig. »Nicht mit dem Boot und nicht sonstwie.«

»Warum bauen wir uns kein Boot?« Es war Jakut, der die Frage in den Raum warf.

»Das können wir nicht«, sagte Tavo.

»Oder ein Floß? Irgendetwas, was uns von hier wegbringt. Die Entfernung zu anderen Inseln kann so groß nicht sein.«

»Für uns alle ein Floß bauen?«, spöttelte Carmichael. »Mann, das da draußen ist nicht der Mississippi. Das ist der Pazifik!«

»Na, und?«

»Na, und? Wohin sollen wir uns denn wenden? Wir haben doch überhaupt keine Ahnung, in welcher Richtung es Land gibt.«

»Er wird es wissen!« Lilith deutete wenig respektvoll mit dem Finger auf Tavo. »Sie kennen sich doch in diesen Gewässern aus?«

Tavo atmete tief, hatte es mit der Antwort nicht eilig. Was Brisky nur wieder auf die Palme brachte.

»Er hat offensichtlich nicht die geringste Ahnung. Aber will uns vorschreiben, was wir zu tun haben!«

»Die Wahrheit ist, dass ich nur eine ungefähre Vorstellung habe. Wir sind sehr weit abgekommen. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wo wir uns befinden. Diese Insel passt nirgendwohin. Ich habe keine Vorstellung, wo sie liegt. Es ist also wahr: Wenn wir uns aufs Meer begeben, gehen wir ein großes Risiko ein.«

»Aber es ist unsere einzige Möglichkeit!«

»Nein. Auf einem Floß werden wir nur so lange überleben, wie unser Wasservorrat reicht. Und da er nur noch für wenige Tage reicht, dürfte er aufgebraucht sein, bevor wir ein Floß auch nur fertig gebaut hätten. Außerdem haben wir kein festes Ziel, und selbst wenn es uns gelingt, ein Segel zu konstruieren, sind unsere Möglichkeiten zu steuern sehr begrenzt. Die plötzlich auftretenden Stürme in dieser Region habe ich da noch gar nicht auf der Rechnung. Eine solche Unternehmung ist in jeder Hinsicht Wahnsinn.«

»Also müssen wir hier auf dieser Insel warten, bis uns jemand findet …« Ranias Miene war kindlich erschrocken.

»Nur hier haben wir die Möglichkeit, uns Nahrung zu verschaffen – und hoffentlich ausreichend Wasser.«

Brisky stand mit verkniffener Miene da, die Fäuste geballt.

»Ich werde nicht untätig hier warten, bis die Sonne mir die Knochen bleicht. Ich sage: Wir machen uns an die Arbeit! Und zwar sofort!«

»Ach«, sagte Lilith. »Dann stellen Sie jetzt hier die Regeln auf?«

»Und warum auch nicht? Vielleicht vergessen Sie, dass ich es ursprünglich war, der das Boot gechartert hat, um nach Bora Bora zu kommen.«

»Und das gibt Ihnen das Recht, den Ton anzugeben? Wir haben für die Überfahrt genauso bezahlt wie Sie!«

»Ja, nachdem Sie Wind davon bekommen hatten, dass es diese Möglichkeit gibt. Ich wünschte, Sie« – er wandte sich an Carmichael – »hätten es nicht überall herumposaunt!«

Duane Carmichael hatte ebenso wie wir anderen auf der Passagierfähre keinen Platz mehr bekommen, und er war der erste gewesen, der herausgefunden hatte, dass Tavos Boot sich anschickte, nach Bora Bora abzulegen, ein redseliger Mann am Tresen einer der Bars am Hafen von Papeete. Von ihm aus hatte es sich bis zu uns allen herumgesprochen.

»Es war genug Platz an Bord«, wehrte er sich. »Und Sie waren doch einverstanden damit, dass wir uns Ihnen anschließen!«

»Allerdings wünschte ich jetzt, wir wären ohne Sie alle gefahren!«

»Das«, ereiferte sich Lilith, »wünschen wir uns auch, darauf können Sie wetten. Dann wären wir nämlich jetzt nicht mit Ihnen auf dieser grässlichen Insel!«

Tavo schob sich dazwischen, in dem Bemühen, die Situation zu entschärfen. Doch vergebens, wie sich zeigte.

»Schuldzuweisungen bringen uns kein bisschen weiter«, sagte er. »Sie alle haben diese Fahrt gemacht. Und noch einmal: Es ist mein Boot.«

»Ein feines Boot! Ein alter, abgewrackter Kahn, das ist es! Fiel ja fast schon auseinander. Und Sie hatten nicht mal nennenswerte Vorräte an Bord.«

»Für die ersten Tage hat’s gereicht. Ich war ja eigentlich auch nicht auf acht Passagiere eingestellt.«

»Ist Ihr Boot überhaupt für so was zugelassen?«

»Oh ja, darauf habe ich noch gewartet!«, sagte Tavo, »Klar, jetzt kommt die Nummer! Wenn wir zurückkommen, werden Sie mir Schwierigkeiten machen. Komisch, vor ein paar Tagen haben Sie noch nicht danach gefragt.«

»Ach, wir hätten uns nie auf diese Fahrt einlassen sollen!«

»Aber Sie haben sich darauf eingelassen! Sie als Allererster! Und jetzt geht es nur darum, aus dieser Situation wieder herauszukommen, um nichts anderes!«

»Das ist genau das, was ich möchte! Genau davon rede ich die ganze Zeit! Sie können sich meinetwegen alle in ihr Schicksal ergeben, doch ich werde versuchen, aus diesem Boot irgendetwas zu bauen, was schwimmt. Es bietet uns Material, mit dem wir arbeiten können. Also, nutzen wir es!«

»Das können wir vielleicht versuchen. Aber wir müssen unsere Kräfte vor allem darauf verwenden, unsere tägliche Versorgung zu sichern. Damit werden wir vermutlich alle Hände voll zu tun haben.«

»Ein paar Fische fangen wird ja wohl nicht den ganzen Tag in Anspruch nehmen!« Sagte Jakut großspurig.

Brisky nickte beifällig. »Jedenfalls sollten wir nicht untätig auf einer winzigen Insel bleiben, die nicht mal unser genialer Bootsführer kennt. Die ganz offensichtlich niemand kennt. Was bedeutet, dass auch niemand hierher kommen wird!«

In der Stille, die daraufhin entstand, – eine Stille, die nur vom Geräusch der anbrandenden Wellen und des Windes in den Bäumen untermalt wurde – nahm vielleicht bei uns allen das Grauen einer bestimmten Vorstellung Gestalt an: Wenn wir nicht hier wegkonnten und auch niemand hierherkam, wie lange würden wir dann hier überleben müssen?

Es war das, was Tavo uns schon die ganze Zeit immer wieder versuchte anzudeuten.

4

Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich mich selbst in dieser Situation, wie in einem Film, den man sich nach Jahren noch einmal anschaut. Dessen Bilder man lange mit sich herumgetragen hat, die aber im Fortgang der Ereignisse überwuchert wurden von Begebenheiten und Erlebnissen, die in der Folgezeit geschahen. Bruchstücke des eigenen Lebens bleiben, anders als ein Film, aber doch tief im Gedächtnis haften, auch wenn man noch so sehr verdrängt. Und versucht, es zu vergessen.

Als könnte man ernsthaft einen so über die Maßen ungewöhnlichen Abschnitt der Vergangenheit in Bedeutungslosigkeit versinken lassen!

In Büchern und Filmen sind Schiffbrüche und das Stranden auf Inseln immer von einer Abenteuerlichkeit umwoben. Als wäre es ernsthaft etwas Erstrebenswertes, in eine Situation zu geraten, die das Äußerste an Gefahr für das eigene Leben darstellt. Natürlich, hinterher, im Nachhinein verlieren alle üblen und prekären Phasen unseres Daseins im Zuge einer verharmlosenden Rückbeschau an Bedrohlichkeit und Schrecken. Wir sind bestrebt, die Geschehnisse zu verklären. Oder sie verklären sich ganz von selbst. Der Hang, sie mitzuteilen und im Zuge dieser Berichte zu beschönigen und auszuschmücken, wächst, man neigt dazu, die Dinge und vor allem die eigene Rolle im Geschehen zu glorifizieren. So erzählen manchmal Menschen vom Krieg und von Einsätzen in einem Beruf, der Gefahren und Risiken mit sich bringt. Die Konturen einer Ausnahmesituation werden deutlicher, man erliegt der Versuchung, von den Erlebnissen zu berichten.

Schließlich erzähle ja auch ich sie jetzt, schließlich doch.

Damals befand ich mich in einer Situation, die man dramatisch (und verklärend) als Scheideweg bezeichnen könnte. Ich war jung, gerade dreiundzwanzig, und wusste nicht recht, wohin der Weg