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@FlorianMehnert ich hoffe Sie werden eines Tages erschossen! Elf Tage sollte die weiße Laborratte, bedroht durch eine über das Internet auslösbare Waffe, in der Kunstinstallation von Florian Mehnert leben. Aufgebracht verfolgte die Netzwelt den Livestream. Es folgten ein weltweiter Shitstorm und zahlreiche Morddrohungen. Das Kunstexperiment `11 TAGE´ ging um die Welt. Wie lief das interaktive Kunstexperiment ab? Warum wurde das Experiment statt am elften Tag schon am siebten Tag beendet? War am Ende das Publikum selbst die Laborratte? Florian Mehnert veröffentlicht erstmals, was wirklich geschah. 11 TAGE gibt einen erschreckenden Einblick in eine von Aggression und Hass gesteuerte Gesellschaft.
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Seitenzahl: 107
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Elf Tage sollte die weiße Laborratte, bedroht durch eine über das Internet auslösbare Waffe, in der Kunstinstallation von Florian Mehnert leben. Aufgebracht verfolgte die Netzwelt den Livestream. Es folgten ein weltweiter Shitstorm und zahlreiche Morddrohungen. Das Kunstexperiment `11 TAGE´ ging um die Welt. Wie lief das interaktive Kunstexperiment ab? Warum wurde das Experiment statt am elften Tag schon am siebten Tag beendet? War am Ende das Publikum selbst die Laborratte? Florian Mehnert veröffentlicht erstmals, was wirklich geschah. 11 TAGE gibt einen erschreckenden Einblick in eine von Aggression und Hass gesteuerte Gesellschaft.
Florian Mehnert erlangte mit vielen Kunstprojekten internationale Aufmerksamkeit. In seinem Kunstprojekt „Waldprotokolle“ (2013) verwanzte er als Statement zur NSA Affäre Wege und Lichtungen in Wäldern mit Mikrofonen, die vorbeigehende Passanten abhörten. In seiner Videoinstallation „Menschentracks“ (2014) zeigte er 42 Videosequenzen gehackter Smartphones, deren Kameras und Mikrofone ferngesteuert aktiviert wurden. Seine Fotoserie REFUGEE STACKS (2015) in der er afrikanische Flüchtlinge übereinanderstapelte, war seine Reaktion auf die Situation der Flüchtlingsströme und eine Auseinandersetzung mit Postkolonialismus und Migration.
Mit FREIHEIT 2.0 (2016/2018) realisierte er eine partizipative Kunstinstallation im öffentlichen Raum, die nach einem Einfluss der Gesellschaft auf BIG DATA fragte. Während der Pandemie schuf er sein weltweit beachtetes Fotoprojekt „Social Distance Stacks“ in denen er u.a. Tänzer des Ballett Stuttgart in Luftblasen fotografierte (2020/2021).
Florian Mehnert setzt sich mit gesellschaftlichen und aktuellen politischen Themen auseinander. Dabei arbeitet er mit einem erweiterten Kunstbegriff, der oft die Partizipation der Rezipienten in den Mittelpunkt stellt.
„Nach dem zwölften Tag wird die Waffe auf Dich gerichtet sein! Egal wo Du Dich befindest: im Einkaufscenter, im Laden um die Ecke oder auf der Straße. Dir ist ein Leben ja bekanntlich nichts wert, dann soll es Dir gleich ergehen.“
Alexander G.
Ein junger Mann.
Dunkle glatte kurze Haare. Breiter Mund. Dunkle Augen. Vielleicht mit starker Sehschwäche, seiner dicken Brille nach zu urteilen.
Sein Kopf ist leicht gesenkt. Sein geschlossener Mund deutet eine Art Lächeln an. Ich sehe nur sein Foto, das ihn auf seinem Facebook-Account zeigt.
Sein Name ist Alexander G. Er interessiert sich für die Musik der „Böhsen Onkelz“, und der „Toten Hosen“. Unter der Rubrik Fernsehen mag er die Sendung „Tiere suchen ein Zuhause“. Unter der Rubrik Sonstiges verlinkt er: Neues vom Schlumpf, Otto Waalkes, Europa Park, Singen sagt NEIN zum Asylantenheim, Kuschelsachen für Ratte & Co. Ich sitze in meiner Küche hinter der Theke an einem kleinen Holztisch vor meinem Laptop und durchforste die Webseite eines Pop-Radiosenders nach ersten Reaktionen. Auf der Facebookseite des Radiosenders entdecke ich unter einer kurzen Ankündigung meines Projekts, die dort platziert ist, ein paar Einträge.
Darunter ein Post von Alexander G.:
„Wo finde ich diesen so genannten Künstler, ich glaube, der braucht eine Kugel durch den Kopf! Das was die da vorhaben ist echt Pervers.“
Ich bin überrascht und fühle mich durch seinen Kommentar ungewollt betroffen. Daraufhin teile ich der Redaktion des Radios in einer E-Mail mit, man möge umgehend den Eintrag aus ihrer Facebookseite löschen. Es handele sich um eine Drohung.
Der Radiosender kommt meiner Bitte nach.
Ich ahne zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sein Eintrag der Beginn eines weltweiten Shitstorms gegen mich sein wird.
Freitag
Es ist 9.23 Uhr, der 13. März
Zwei Tage zuvor habe ich die Öffentlichkeit mit meinem Kunstexperiment `11 TAGE´ konfrontiert.
Mein Kunstexperiment besteht aus einer milchig weißen Kunststoffbox aus ein Zentimeter dickem Polyethylen, einen Meter sechzig in der Länge und achtzig Zentimeter in der Höhe und Breite. Ich habe die Box von einem Kunststoffverarbeiter anfertigen lassen.
Die Kunststoffbox liegt auf einem von mir geschweißten tischartigen Stahlgestell mit vier Beinen. An einem Ausleger am Stahlrahmen ist ein kleiner Geschützturm aus Aluminium festgeschraubt, auf den wiederum eine Waffe montiert ist. Es ist eine von mir selbst gebaute bewegliche Konstruktion, die durch Servomotoren und durch Zahnräder angetrieben, per Software-Skripte über einen kleinen Computer gesteuert wird.
Das besondere ist, dass die Waffe über das Internet steuerbar und auslösbar ist. Auf dem Waffenlauf habe ich eine Webcam befestigt, die ihren Livestream aus dem Inneren der Box über die Internetseite des Projekts in die Welt sendet. Die starken Servomotoren bestelle ich im Internet. Die weißen Zahnräder über einen Zahnradfachhandel. Sie sind unerwartet teuer.
Wochen zuvor recherchiere ich über Tage hinweg über sogenannte Sentry Gun und Turret Konstruktionen, die für militärische Trainings oder auch Paintball Szenarien entwickelt wurden. Ich will eine eigene Konstruktion entwerfen und lasse mich von Fotos, die ich im Internet finde inspirieren.
Monate habe ich an der Vorbereitung des Projekts gearbeitet und gemeinsam mit einem Programmierer, der in Texas, USA lebt, an der Software für die Waffensteuerung getüftelt.
Sein Name ist Brad.
Ich habe Brad über meine Recherche im Netz gefunden. Ich stoße auf seine kleine Webseite, die nicht sehr aktuell ist. Es ist schwierig, seine E-Mail-Adresse zu finden. Ich entdecke sie in einer PDF-Datei versteckt, in der er eine Art berufliches Porträt von sich darstellt.
Ich schreibe Brad eine E-Mail, in der ich kurz erkläre, dass ich eine ferngesteuerte Waffenkonstruktion bauen will. Es dauert Wochen, bis er antwortet.
Er ist interessiert und fragt mich, ob ich ein Budget hätte.
Ich muss gestehen, dass ich keines habe.
Dennoch entscheidet er sich dafür, mit mir zu arbeiten.
Ich weiß nichts über Brad.
Ich habe ihn nie gesehen.
Wir haben nie telefoniert.
Ich habe ihn nie persönlich gesprochen.
Ich weiß nicht, wie seine Stimme klingt.
Ich kenne ihn nicht.
Unsere ganze Kommunikation beschränkt sich auf E-Mails und einen Google Hangout, in dem wir chatten und anfangs Bilder meiner steuerbaren Waffenkonstruktion austauschen. Wir sprechen nie über Privates.
Ein einziges Mal sehe ich Brad kurz, über einem niedrig aufgelösten pixeligen Livestream, den er eines Nachmittags zu Testzwecken in seinem Büro aufbaut.
Brad winkt mir freundlich zu.
Ein unscheinbarer, möglicherweise leicht untersetzter Mann mit dunklen Haaren und kariertem Hemd. Vielleicht Anfang vierzig. Er trägt einen Bart um Mund und Kinn herum. Ich würde ihn auf der Straße nicht wieder erkennen. Brad sitzt an einem Computer. Im Hintergrund sehe ich ein unordentliches zweckdienliches Zimmer und Darth Vader als lebensgroße Plastikpuppe oder vielleicht ist es auch nur ein Pappaufsteller im Darth Vader Format. Über seine Webseite weiß ich, dass er ist Star Wars Fan ist.
Außerdem schreibt er dort, dass seiner Ansicht nach die Band Rush die einzige wahre Band ist, die es jemals gab.
Viel später erfahre ich nebenbei, dass er Rotwein-Liebhaber ist. Der Video-Stream ist ohne Ton.
Ich habe mir eine schwarze, schlichte Paintballwaffe gekauft. Dazu das Zubehör, das notwendig ist, um zu schießen. Eine kleine Druckluftflasche mit Druckschlauch, einen sogenannten Gravitiyloader und Munition.
Ich entscheide mich bezüglich des Gravityloaders für eine elektronische Ausführung, einen „electronic hopper“, der nachhilft Kugel für Kugel mit einem elektronisch gesteuerten kleinen Paddel in den Waffenlauf zu laden.
Ich habe mich zuvor noch nie mit einer Paintballwaffe beschäftigt und lasse mich lange von einer Verkäuferin mit dem Namen Kathy am Telefon eines Online-Shops beraten. Sie spricht Deutsch mit amerikanischem Akzent.
Kathy ist über meine unerfahrenen amateurhaften Fragen, offensichtlich amüsiert.
Sie beginnt in einer seltsam irritierend intimen Art auf meine Fragen zu antworten und raunt ins Telefon, dass Sie eine „Woodland Gamerin“ sei:
„Wie cool es sich alles beim Spiel anfühlen würde, wie weh es täte, vor allem hinterher...“
Mich durchströmt eine Stimmung der Verruchtheit. Befohlen durch ihre intime Telefonstimme klicke ich meine Waffenartikel in den Warenkorb.
Ich könne sie jederzeit wieder anrufen, haucht sie zum Abschied und duzt mich:
„Du brauchst nur nach Kathy zu fragen.“
Im Internet finde ich in Paintballforen Fotos, auf denen beeindruckende Blutergüsse vom Beschuss mit Paintballwaffen zu sehen sind.
In meinem Atelier baue ich spät Abends eine Art Teststation auf. Meine Turret-Konstruktion besteht im Wesentlichen aus zwei zusammengeschraubten Aluminium-Lochblechen, mit sorgfältig integrierten Servomotoren und Zahnrädern. Ich befestige die Waffenkonstruktion an einer Gewindestange, die ich durch ein großes schweres Stück Vierkantrohr aus Stahl stecke.
Brad hat die Software inzwischen so weit programmiert, dass ich meine Waffenkonstruktion zunächst lokal über ein Laptop mit manuellen Eingaben des Bewegungswinkels steuern kann. In der Stille meines Ateliers erinnert mich das leise futuristische Sirren der Servomotoren an die kalten Bewegungen eines Roboters in einem Science-Fiction-Film.
Ich befestige dickes Zeichenpapier und Pappe an der Wand meines Ateliers, richte meine Waffenkonstruktion darauf aus und schieße zum ersten Mal per Mausklick.
Ich zucke zusammen, als der trockene kurze Knall der Luftdruckwaffe, die Stille zerreißt. Die mit 200 Bar Luftdruck betriebene Waffe ist lauter, als ich erwartet habe.
Die Farbkugeln durchschlagen die Pappe und hinterlassen ein Loch darin. Die weiße Wand dahinter ist mit gelbgrüner Farbe beschmiert.
Ich bin von der Durchschlagskraft überrascht.
Mir wird klar, dass man damit ohne weiteres ein kleineres Tier töten kann und stelle mir vor, wie bunte Farbkugeln aus kurzer Entfernung auf einem flauschigen Fell-Körper zerplatzen. Daraufhin feuere ich mehrfach auf eine Aluminiumplatte, die ich vor die Pappe lehne. Die gelbgrüne Farbe spritzt meterweit in die Umgebung und fließt dann zähflüssig an der glänzend grauen Oberfläche herunter.
Mir kommt der Gedanke, rote Farbmunition zu verwenden. Wie sich bei meiner Recherche herausstellt, scheint es in der Paintballwelt grundsätzlich keine rote Munition, aufgrund der Verwechslungsgefahr mit Blut zu geben.
Es gibt Paintballs in vielen Farben, aber nicht befüllt mit roter Farbe. Nach hartnäckiger Suche entdecke ich aber doch eine australische Firma, die blutrote Munition herstellt.
Die Firma nennt sich Killerpaintballs und wirbt mit den Bezeichnungen „Zombie Premier“ oder „Bezerk“. Die rote Farbmunition heißt „Psycho Blood“. Die Produktbeschreibung erklärt in Englisch: „Für den Hardcore Szenario Spieler, der seinem Spiel mehr Realismus hinzufügen will.“
Auf der australischen Webseite selbst besteht keine Möglichkeit, die Munition zu kaufen.
Meine E-Mail an die Firma bleibt unbeantwortet.
Auf der Webseite wird ein Vertriebspartner in Polen und in Frankreich benannt.
Über die angegebene Mobilnummer erreiche ich einen schlecht Englisch sprechenden Mann in Polen.
Ich habe Schwierigkeiten, ihn zu verstehen. Er erklärt mir, dass die Munition sehr schwer zu kriegen sei und er keine habe. Ich versuche mein Glück bei einem Paintballshop in Toulouse.
Dort ist niemand zu erreichen.
Meine E-Mail wird nicht beantwortet.
Tage später erreiche ich dann doch einen Mann über eine Mobilnummer, die ich zuvor über eine sonore französische Stimme von einem Anrufbeantworter des Geschäfts notiere. Ich erkläre ihm auf Französisch mein Anliegen nach blutroter Munition und wiederhole mehrfach einen französisch englischen Akzent nachahmend:
„Killller“ und „Psychooo Blood“!
Er versteht und erklärt lustlos, dass er irgendwo noch etwas Munition hätte.
Der Mann ist nicht sonderlich motiviert.
Ich insistiere und bitte ihn doch unbedingt nachzusehen.
Ich warte ungeduldig am Telefon, während er nachsieht und tatsächlich zwei Kartons findet.
Tage später erhalte ich ein teures Packet aus Toulouse, in dem sich „Psycho Blood“ befindet. Die Verpackung zeigt ein blutüberströmtes, zähnebleckendes, zur Fratze verzerrtes Zombie-Horror-Gesicht. Die zu Schlitzen verengten weißen, pupillenlosen Augen starren mich bösartig an.
In der milchig weißen Kunststoffbox meiner Installation soll eine weiße Ratte leben.
Sie soll namenlos bleiben, weil es eine Laborratte ist.
Laborratten haben keine Namen.
Die Kunststoffbox habe ich sorgfältig mit Holzspänen ausgestreut und außerdem ein kleines Geäst und eine Papprolle darin drapiert. Natürlich auch eine Schale mit Wasser und Futter. Aus weißem Plastikscheiben habe ich einen kleinen quadratischen Unterschlupf zusammengeklebt und einen halbrunden Eingang hineingesägt.
Durch die Größe der Box wird die Ratte ziemlich viel Auslauf haben. Ich frage mich, ob es in meinem Atelier womöglich zu kalt für sie sein könnte.
Tagelang bin ich in der Gegend herumgefahren und habe Tierhandlungen abgeklappert, um eine weiße Ratte zu kaufen. Es erweist sich schwieriger als erwartet.
Entweder gibt es keine Ratten, oder alle Ratten sind mehrfarbig. Ich versuche eine weiße Ratte in der Tierhandlung des örtlichen Baumarkts zu bestellen.
„Man kann bei uns keine weiße Ratte bestellen“, schüttelt der Verkäufer den Kopf, aber er könne sich die Mühe machen und sehen, was in der kommenden Lieferung dabei sei. Ich solle nächste Woche wiederkommen.
Eine Woche später kehre ich zu der Tierhandlung zurück.
Der Verkäufer der letzten Woche ist nicht mehr da.
Doch ich habe Glück. Es sind neue Ratten eingetroffen.
Es sind Buntratten, aber eine ist, bis auf wenige sehr kleine helle graue Flecken, weiß.
Ich entscheide mich für den Kauf dieses Tieres. Es ist eine männliche, schon relativ große Ratte, die als Schlangenfutter vorgesehen ist.
Ich frage zusätzlich nach einer toten, eingefrorenen Ratte. Sogenanntem Frostfutter.
Mir ist wichtig, dass die eingefrorene Ratte ebenfalls weiß ist und in etwa dieselbe Größe hat. Die kleine dunkelhaarige Verkäuferin mit dicker schwarzer Brille öffnet einen Kühlschrank mit Glastür und zieht eine Plastikdose heraus. Sie öffnet den Deckel der Plastikverpackung, in der sechs Ratten steif gefroren nebeneinander liegen.
Wie in einer Sardinenbüchse.
Es sind aber nur bunte Ratten darin.
Ich bin unzufrieden.
Sie wundert sich über meine Hartnäckigkeit.
„Es muss unbedingt ebenfalls eine weiße Ratte sein, etwa in der gleichen Größe, wie die lebende“, erkläre ich.
Die Verkäuferin betrachtet mich skeptisch und zurückhaltend. Ich versuche, sie zu motivieren, ihr Interesse zu wecken und erfinde spontan undeutlich nuschelnd irgendetwas von einem Theaterfilmprojekt. Ich will jeden möglichen Rückschluss zu meinem tatsächlichen Projekt vermeiden.
