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Weihnachten 1944 erfährt der 17-jährige Rudolf, Flakhelfer an der Heimatfront, dass er nicht das Kind seiner vermeintlichen Eltern ist. Er erhält das Tagebuch mit den Aufzeichnungen seiner leiblichen Mutter, die mit seinem Vater 1924 nach Australien ausgewandert ist. Sie berichtet darin vom hoffnungsvollen Neubeginn seiner Eltern, von ihrem harten Pionierleben im australischen Busch, aber auch von ihrem Zerwürfnis und den Umständen seiner Geburt. Rudolf und sein Freund Heinz desertieren in den letzten Kriegstagen. Dabei muss Rudolf ein besonders tragisches Ereignis erleben, später wird er von den Werwölfen aufgegriffen und zu einem Attentat gezwungen. Auf seiner neuerlichen Flucht hat er seine erste Liebeserfahrung. Als alles vorbei ist, hält das Schicksal für Rudolf weitere grausame Vorkommnisse und Entdeckungen bereit.
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Seitenzahl: 328
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Das kurze Leben des Rudolf N.
Roman
Sigrid R. Ammer
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Copyright: © 2012 Sigrid R. Ammer
published by: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.com
ISBN 978-3-8442-3360-5
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Mein Dank gilt Gerda Kazakou, die mir in vielen guten Gesprächen mit Hinweisen und Ratschlägen bei der Endfassung des Romans zur Seite stand.
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Da sagte Jahwe zu Kain:
»Wo ist dein Bruder Abel? «
Er antwortete:
»Ich weiss es nicht. Bin ich denn der Hüter meines Bruders?»
Genesis 4,9
Eine Chronik schreibt nur derjenige, dem die Gegenwart wichtig ist.
J.W. Goethe
Es ist angemessen, da wir nun einmal Menschen sind, über menschliches Missgeschick nicht zu lachen, sondern zu weinen.
Demokrit
Die Eifersucht ist Beschämung; darum ist es eine einsame Leidenschaft.
Rahel Varnhagen
Die Zeit ist ein Fluss, ein ungestümer Strom, der alles fortreisst. Jegliches Ding, nachdem es kaum zum Vorschein gekommen, ist es auch schon wieder fortgerissen, ein anderes wird herbeigetragen, aber auch das wird bald verschwinden.
Marc Aurel
***
Von einem, der auszog, für Volk und Vaterland zu kämpfen
der Vater und Mutter nicht kannte
der zur falschen Zeit tötete
der seine Träume nicht verwirklichen konnte
und dessen Tod einsam war
TEIL I
1
Die Guttners bewohnten in einem grossen Zweifamilienhaus eine Wohnung mit sechs Zimmern, von denen allerdings nur noch eines tagsüber in Gebrauch war, da der Kohlenkeller beinahe leer war und die Zuteilung von Briketts und Eierkohle seit Monaten auf sich warten liess.
Dieses Zimmer hatte je nach Gebrauch verschiedene Namen: Natürlich war es dreimal täglich das Esszimmer. Wenn Rudolf und sein Vater vor der grossen Europakarte standen, aus dem Volksempfänger Nachrichten hörten und die bunten Stecknadeln entsprechend den Frontverläufen in die Karte spiessten, dann war das Zimmer das Lagebesprechungszimmer, nachmittags oft das Bügelzimmer, nach dem Abendessen das Flick- und Strickzimmer; als Rudolfs Schwester Sybille Diphterie hatte, diente es als Krankenzimmer und wurde eine Zeitlang durch einen dicken Samtvorhang aus Omas alter Truhe in zwei Hälften geteilt, was es für einige Zeit erschwert hatte, die Rückzugsfront im Osten genau abzustecken, da sich der Ostteil der Europakarte im Krankenzimmer befand, das wegen Ansteckungsgefahr auf keinen Fall betreten werden durfte. So war die Ostfrontlage auf dem Stand von 1943 nach der Offensive im Kursk-Bogen stehengeblieben, obwohl die sowjetischen Armeen bereits die Südukraine erobert und nach Galizien vorgestossen waren und die deutschen Truppen die Krim hatten räumen müssen.
Rudolf, der ein paar Tage Urlaub von seinem Flakhelferdienst hatte, betrat das Zimmer. Es war der 29. September 1944, der Vorhang war weggeräumt worden und so wieder ganz Europa sichtbar. Er trat an die Karte, nahm schweigend die Nadeln aus dem Osten und steckte sie weiter westlich – entsprechend dem neuen Frontverlauf – wieder ein, der bereits westlich von Warschau verlief. Hinter den russischen Linien steckte er bei Minsk, Smolensk und anderen Städten reichsdeutsche Nadeln ein.
Herr Guttner sass hinter seiner Zeitung in dem einzigen Sessel im Zimmer. Frau Guttner war über ihr Strickzeug gebeugt und schaute immer wieder auf ihre Strickmusterkarte, die sie vor sich auf dem Esstisch ausgebreitet hatte. Rudolf stand eine Zeitlang sinnend vor der Karte und meinte schliesslich:
»Schau mal, Vater! Überall hier haben wir noch Verbände, die werden den Russen in den Rücken fallen, hätten sie nicht unsere Front überrollt und sich so weit in den Westen vorgewagt, könnten sie vielleicht entkommen, aber so?»
Herr Guttner hatte seine Zeitung sinken lassen und hörte seinem Sohn zu.
»Unsere Kameraden von der Ostfront werden ihnen die Hölle heiss machen und sie in ihre Steppen zurückscheuchen. Was meinst du, Vater?»
Rudolfs Vater legte die Zeitung aus der Hand, stand auf und trat neben seinen Sohn. Er betrachtete die Europakarte mit nachdenklicher Miene.
»Hitler hat recht, wir müssen wie Felsen stehen an den Grenzen des Reiches.«
»Mehr, Vater, mehr! Der Osten gehört doch uns. Alles, was sie uns weggenommen haben 1919 mit dem Schandvertrag . . . Und noch mehr ...»
Frau Guttner drückte die Spitze ihrer Stricknadel fest auf das Muster, um die Stelle nicht zu verlieren, schaute auf und liess ihren Blick auf Rudolfs Rücken ruhen. Dieser spürte, dass seine Mutter ihn aufmerksam betrachtete und drehte sich lächelnd zu ihr um.
»Mutter, was ist, du siehst ja so . . . so . . . besorgt aus.»
»Weisst du, Rudolf, woran ich eben gedacht habe? Diese Bolschewiken-Soldaten haben ja auch Mütter, die vielleicht wie ich gerade warme Pullover stricken für ihre Söhne. Der Winter dort ist doch kalt, nicht wahr?»
Herr Guttner schaute seine Frau an, und ihr war klar, dass er sie verstanden hatte.
»Na und, Mutter? Sie sind unsere Feinde, sie wollen Deutschland ...»
»Schon gut, mein Junge, ich denke nur, in der russischen Steppe zu sterben ist gleich schrecklich, für deutsche Soldaten wie für die russischen.»
»Aber Mutter, du willst doch nicht, dass die Bolschewiken den Krieg gewinnen, Deutschland erobern und uns unterjochen?!»
Herr Guttner legte seine Hand auf Rudolfs Arm, während seine Frau sich wieder über ihr Strickmuster beugte und sagte:
»Mein Junge, es gibt da gewisse Probleme ...»
». . . die dazu da sind, dass wir sie lösen. Unser Führer ...»
»Rudolf, so hör doch mal zu! Ich habe Arbeiter in meiner Fabrik, 120 französische Gefangene. Sie arbeiten anständig, es gibt kaum Sabotage. Aber wo bleibt das Material? Meine Aluminiumvorräte reichen noch für zwei Wochen, das Zink, das Kupfer ...? Schon wieder die Sirenen! Los in den Keller! Ich laufe rasch rüber in die Fabrikhallen. Nimm Mutter und Sybille mit!»
Herr Guttner war in fünf Minuten in der Fabrik. Die französischen Kriegsgefangenen waren schon in die Unterstände bei den Sandlagern gekrochen, die wenigen deutschen Arbeiter und die Angestellten befanden sich im Keller unter dem Bürogebäude.
»Alles klar, Karl!?« rief er dem Pförtner zu, »geh in den Keller oder wir kriegen Schwierigkeiten! Schon Hauptalarm. Ich laufe zurück.»
»Alles klar, Herr Direktor. Nur im Keller sind bis jetzt die meisten umgekommen. In den Keller bringen sie mich nicht!»
»Wie du meinst, Karl, aber lass dich nicht erwischen vom Blockwart!»
Der öffentliche Luftschutzraum unter dem Haus derGuttners füllte sich rasch mit Menschen, die von der Strasse hereinrannten. Frau Guttner sass schon mit Rudolf und Sybille im Keller, neben sich ihr immer bereites Köfferchen mit den Wertsachen, Pässen und Papieren. Auf dem Tischvor ihnen standen die Behälter mit den Gasmasken. Ihnen gegenüber sassen ein paar Nachbarn, die keinen Keller hatten, an anderen Tischen Fremde, und auf einer der Pritschen lag eine schwangere Frau und stöhnte. Niemand wagte hinzuschauen, man konnte die Gedanken der Menschen erraten: ›Sie wird doch nicht jetzt hier gebären!‹ Nur Frau Guttner warf einen Blick auf die junge Frau und überlegte, was zu tun wäre im Falle, dass . . .
Als Herr Guttner den Kellerbereich erreicht hatte, schrie der Blockwart in das Brummen der schweren englischen Bomber hinein:
»Dalli, dalli, Sie sind wieder der Letzte!»
Herr Guttner hielt den Blockwart Klober für einen hinterhältigen Zuträger der Partei. Er konnte den Mann nicht ausstehen und stieg ohne ein Wort an ihm vorbei in den Keller hinunter. Noch immer strömten Leute von der Strasse herein, die Doppelstockpritschen waren alle belegt von Arbeitern und Angestellten, die der Alarm auf dem Nachhauseweg überrascht hatte. Herr Guttner setzte sich zu seiner Familie, und kaum war die Metalltür verriegelt, als auch schon ein Bombenhagel auf die Stadt niederging.
»Diesmal sind wir dran«, meinte eine dünne Frau in einem schweren, abgetragenen Mantel und mit zu früh ergrautem Haar, »meine Kinder sind allein zu Hause, ich muss raus, nachschauen, bitte Herr Blockwart, lassen Sie mich ...»
»Sind Sie verrückt, Frau?! Sie wollen wohl Selbstmord begehen!»
Eine zweite Welle kam näher, man konnte schon das Pfeifen der Bomben hören, dann die Einschläge. Das Licht ging aus und Angstschreie flatterten vereinzelt durch den dunklen Keller. Dann setzte die düstere Notbeleuchtung ein. Gleich darauf ein dumpfer, schwerer Schlag: Die hochliegenden Kellerfenster, die zugemauert worden waren, gaben der Druckwelle nach, und die Ziegel flogen in den Keller. Ein Schrei. Die magere Frau war von mehreren Ziegeln getroffen worden. In dem Halbdunkel drohte Panik auszubrechen.
»Raus! Lass uns raus!« schrieen ein paar Leute, andere husteten von dem Staub, jemand weinte. Einige Männer gingen die Stufen hinauf auf den Blockwart zu und drängten ihn, die Tür aufzumachen.
Aber der stand breitbeinig vor der Eisentür und sagte drohend:
»Zurück! Warten bis Vorentwarnung ist! Warten, habe ich gesagt!« wiederholte er, als ihm die Menschen zu nahe kamen. Er legte seine Hand auf den Pistolengriff. Das Brummen des Bomberpulks hatte sich in der Ferne verloren.
»Ich muss zurück an meine Kanone, die Teufel vom Himmel holen, bevor sie ganz Deutschland zusammenbomben. Ich muss zu meinen Kameraden!« sagte Rudolf ziemlich laut zu seinem Vater. Dieser schaute ihn an und bemerkte, dass der Einsatz bei der Flak seinen Sohn schon gezeichnet hatte. Sein Jungenkinn war stärker geworden, die Backenknochen waren bei seinen 17 Jahren schon so markant wie bei einem 30jährigen Russlandkämpfer. Er schaute seine Frau an, denn er hatte ihren Blick auf sich gespürt. Auch sie hatte Rudolf betrachtet und wohl ähnliche Gedanken gehabt. In ihren Augen allerdings – aber das konnte Herr Guttner bei dem schlechten Licht nicht erkennen – stand auch Angst, Angst um Rudolf.
Und noch etwas: Angst vor der Zukunft. ›Was, wenn ich umkomme bei einem Bombenangriff oder von Tieffliegern erschossen werde? Und ich habe nicht mit Rudolf gesprochen? Ernst und ich müssen eine Gelegenheit finden. Ich kann nicht sterben, ohne dass Rudolf die Wahrheit erfahren hat.‹ Sie ging zu ihrem Sohn, umarmte ihn und legte ihren Kopf an seine Brust, was er sich gutmütig gefallen liess. Er klopfte seiner Mutter etwas verlegen auf den Rücken und murmelte:
»Schon gut, Mama. Gleich können wir hier wieder raus!»
Herr Guttner beobachtete die Szene und wunderte sich über sein Gefühl der Unzugehörigkeit. ›Rudolf ist nicht mein Sohn‹, dachte er bestürzt, wo er ihm doch all die Jahre ein vorbildlicher Vater gewesen war. Mindestens hielt er sich dafür. Und auch Melanie hätte dies jederzeit bestätigt, das wusste er.
Endlich Vorentwarnung. Einige verliessen den Keller unter den spionierenden Augen des Blockwarts, andere, die noch einen weiten Weg nach Hause hatten, blieben bis zur Entwarnung, aus Angst, dass sie es bis zum nächsten Alarm nicht bis nach Hause schaffen würden.
Rudolf stieg auf den Speicher, schaute aus dem Dachfenster in den feuerroten Nachthimmel, um herauszufinden, welche Stadtteile wohl getroffen worden waren. Diesmal musste es die Bahnhofsgegend erwischt haben, in dieser Richtung stand die Stadt in Flammen. Die Löschfahrzeuge heulten durch die Strassen, Menschen riefen. Aber in der näheren Umgebung schien alles, ausser Fensterscheiben, heil geblieben zu sein. Rudolf stieg von der Truhe herunter, um in die Wohnung zurückzukehren, da traf der Strahl seiner Taschenlampe ein Loch im Dach, dann eine Brandbombe zu seinen Füssen. ›Ein Blindgänger‹ dachte Rudolf und zog sich die bereitliegenden Asbesthandschuhe über, nahm ohne zu zögern die Bombe vorsichtig auf und warf sie durch das Dachfenster hinunter in den Garten. Er horchte. Nichts geschah.
Als die Guttners wieder in ihrer Wohnung versammelt waren, sagte Rudolf:
»Im Garten liegt eine Brandbombe, ein Blindgänger, war auf dem Speicher. Den müsst ihr entschärfen lassen und natürlich gibt’s auch ein Loch im Dach.»
»Hast du etwa die Bombe ... ?« fragte seine Mutter etwas bleich.
»Habe ich, Mama. Ich fahre morgen zu meinen Kameraden zurück«.
»Aber du hast doch noch einen Tag Urlaub, mein Junge«, meinte Frau Guttner und sah Rudolf flehend an.
»Lass nur, Mutter! Unsere Heimat braucht jetzt alle Kräfte. Oder willst du den Bolschewiken in die Hände fallen?»
»Nein, Rudolf, sicher nicht«, meinte Frau Guttner resigniert.
›Wo haben die Jungen nur den Mut und den Optimismus her?‹, fragte sich Herr Guttner und schüttelte unmerklich den Kopf.
»Ich muss euch alle schützen helfen vor den Barbaren, und deshalb muss ich morgen zurück in meine Stellung, zu meinen Schulkameraden.»
»Halte dich an Klaus Hoffmann, mein Junge, der hat ein Gespür für Gefahren ...»
Herr Guttner sah, wie Rudolf den Kopf senkte.
»Was ist denn, Rudolf?»
»Klaus ist vor einer Woche von einem Tiefflieger erschossen worden. Gefallen. Der erste von unserer Klasse, und er wird nicht . . . «, ›der letzte sein‹ dachte Herr Guttner den Satz seines Sohnes zu Ende.
»Ich will morgen sehr früh fahren, Mutter.»
»Ich lege dir ein paar Sachen zurecht, auch für deine Kameraden«, sagte sie, in ihr Schicksal ergeben.
»Ich glaube, dass wir heute Nacht Ruhe haben werden.
Ich wünsche dir eine gute Nacht, schlaf wohl!« sagte Herr Guttner, und seine Frau schloss Rudolf schnell und schüchtern noch einmal in die Arme und wünschte ihm ebenfalls eine gute Nacht.
Die Guttners betraten ihr Schlafzimmer.
»Puh, ist das eine Eiseskälte«, stöhnte Herr Guttner.
»Herr Fraiss hat mir gesagt, dass es bald Eierbriketts geben soll. Vielleicht kann ich ihm welche abschwatzen. Aber Ernst, was anderes. Ich glaube, wir sollten Rudolf die Wahrheit sagen. Ich habe Angst, dass ich oder du oder gar wir beide bei einem Bombenangriff ums Leben kommen. Es könnte doch sein, dass Rudolf nach Australien gehen will, irgendwann, wenn all der Wahnsinn vorbei ist.»
»Du hast recht, Melanie. Wir sollten nicht bis zu seinem 18. Geburtstag warten.»
Melanie schaute ihren Mann lange an und sagte:
»Und wenn ich ihn verliere, Ernst? Wenn er mich verflucht?»
Herr Guttner konnte nichts antworten und sagte deshalb:
»Vielleicht sagen wir es ihm jetzt, an Weihnachten, da wird er doch sicher wieder Urlaub bekommen. Und dann schenken wir ihm das Tagebuch.»
»Das Tagebuch?»
»Ja, das gehört eigentlich sowieso ihm. Und das macht ihn vielleicht neugierig. Dann kann er auf seiner Australienkarte bunte Nadeln einstecken statt in Europa.»
»Das Tagebuch . . . ich muss darüber nachdenken. Jetzt bin ich zu müde, Ernst.»
Herr und Frau Guttner prüften routinemässig noch einmal die Verdunklung in der Wohnung, löschten das Licht und legten sich schlafen.
Um vier Uhr morgens wurde bei Guttners geklingelt.
Dann folgten Schläge an die Tür. Herr Guttner erreichte im Morgenmantel als erster die Wohnungstür, drückte auf den Knopf, die Haustür öffnete sich und Stiefelschritte kamen die Steintreppen herauf. Dann standen zwei Männer vor der Wohnungstür.
»Heil Hitler!« sagte der Mann in der schwarzen Uniform und hielt Herrn Guttner sogar kurz eine Erkennungsmarke hin. Ηerr Guttner trat zurück und liess den Mann und seinen Begleiter in Zivil eintreten.
»Bitte, kommen Sie herein. Was ist denn los, um Gottes Willen?»
»Sie sind Herr Guttner?»
»Ja.»
»Sie leiten das Metallwerk hier?»
»Es ist meine Firma, und ich bin der Direktor«, erwiderte er, und der Uniformierte kniff leicht die Lider zusammen.
»Ich mache das kurz: Ist ein Kriegsgefangener namens Maurice Savier in Ihrer Firma beschäftigt?»
»Entschuldigen Sie, Herr ... ?»
»... Winkler.»
»Herr Winkler, ich habe 120 Kriegsgefangene, da können mir nicht alle Namen geläufig sein. Aber das lässt sich herausfinden. Warum?»
»Ich brauche Ihnen keine Erklärung zu geben, aber bitte: Wir haben eine Stablaterne bei ihm gefunden, er hat den Fliegern Zeichen gegeben, deshalb haben wir den englischen Segen so rasch nach dem Voralarm abbekommen. Wenn der Kerl kein Alibi beibringen kann, wird er um 6 Uhr standrechtlich erschossen. Haben Sie auch Nachtschichtarbeiter aus dem Gefangenenlager?»
Herr Guttner zögerte keine Sekunde:
»Ja, schon längere Zeit. Die Gefangenen arbeiten in diesen Schichten zu 40 Mann.»
»Ich will alle Namen, Zeit der Anwesenheit und so weiter. Ist das klar?»
»Wir führen darüber Buch, selbstverständlich.»
»Informieren Sie mich telefonisch so schnell wie möglich.»
Herr Guttner nickte nur.
»Wir haben Zeugen, dass vom Galgenberg aus Lichtzeichen gegeben worden sind. Das Gefangenenlager ist nicht weit von dort, übrigens auch Ihre Fabrik nicht. Also, Sie wissen, was Sie zu tun haben.»
Herr Winkler von der Gestapo stand auf, ebenso sein Begleiter, der kein Wort gesprochen, aber Herrn Guttner unentwegt mit Stahlaugen beobachtet hatte. Auch Herr Guttner selbst war aufgestanden und begleitete die beiden zur Tür. Dort gab ihm Herr Winkler noch ein Kärtchen:
»Meine Telefonnummer. Heil Hitler!»
»Heil Hitler!»
»Heil Hitler!« Herr Guttner wartete, bis die Haustür zugefallen war, schloss die Wohnungstür und murmelte:
»Schweinerei«, ohne dass Frau Guttner und Rudolf, die die Unterredung mitangehört hatten, wissen konnten, worauf sich das Wort, das sie noch nie aus dem Mund von Herrn Guttner gehört hatten, bezog.
»Du musst den Mann ausliefern, wenn er nicht an seinem Arbeitsplatz war, Vater. Er muss es gewesen sein. Aber woher hatte er eine Stablaterne?»
»Unsere Nachtwächter haben Stablaternen, zum Beispiel.»
»Kannst du herausfinden, ob alle da sind?»
»Ich muss los, in die Firma, die Bücher nachsehen und ...»
Herr Guttner ging in sein Schlafzimmer, seine Frau folgte ihm mit sorgenvollem Gesicht.
»Ich werde mich in den Kleidern hinlegen, wer weiss, was heute Nacht noch alles geschieht«, sagte sie.
»Ich schlaf noch ein paar Stunden, gute Nacht, Mama!»
»Gute Nacht, mein Junge!»
»So eine Schweinerei, den Bombern Lichtzeichen zu geben! Der Kerl gehört aufgehängt.« Mit diesen Worten verschwand Rudolf in seinem Zimmer. Seine Schwester hatte die ganze Szene verschlafen. Nach jedem Angriff flüchtete sie sich in einen totenähnlichen Schlaf.
Wenig später kam Ernst Guttner aus seinem Schlafzimmer, warf sich noch eine Jacke um und eilte zur Tür. Er ging durch den Garten hinüber zur Fabrik, die im Dunkeln lag, obwohl in der Formerei gearbeitet wurde. Auch das Verwaltungsgebäude lag da wie ein schlafendes Tier. Er öffnete die Tür zu seinem Büro und nahm die Akten über die Kriegsgefangenen aus dem Tresor, legte sie auf den Schreibtisch, blätterte unkonzentriert darin herum.
Er hatte das Gesicht immer verdrängt, und immer wenn er Maurice Savier sah, hatte er dieses merkwürdige Gefühl: Den kenne ich. Jetzt gab es kein Entrinnen mehr.
Herr Guttner widmete sich wieder der Akte, fand schnell heraus, dass der Franzose für die Nachtschicht bis 22 Uhr eingeteilt gewesen war. ›Sollte er von der Firma weggegangen sein, ohne dass die Wachmannschaft das bemerkt hat? Und wieder zurückgekommen sein? Habe ich ihn im Unterstand während meines Rundgangs gesehen?‹
Er stellte sich all diese Fragen und hatte keine Antworten. Die Zeit verging. Er schaute auf die grosse Standuhr seines Vaters, ihr Pendel schwang hin und her, gnadenlos, eine Stunde der Frist war schon abgelaufen.
Er griff zum Telefon.
»Herrn Winkler, bitte . . . Herr Winkler? . . . bitte? Ja, der Mann, dieser Maurice Savier war bei mir in der Firma in der Abendschicht bis 22 Uhr . . . Gesehen? Weiss ich nicht ...»
Er wollte sich nicht festlegen, versuchte auszuweichen.
»Ja, sofort, ich werde Sie dort treffen, natürlich . . . identifizieren? . . . Ich?»
Seine Gedanken überschlugen sich. Er musste Zeit gewinnen, er musste seine Unsicherheit verbergen. Er gab seiner Stimme einen harten Klang:
»Ich gehe sofort los. Das werden wir bald haben! Ich erzähle Ihnen alles an Ort und Stelle. Heil Hitler!»
Er stand sofort auf, steckte sich das Parteiabzeichen an die Jacke, rannte die Treppe hinunter zum Pförtner und rief:
»Karl, ich leih mir kurz dein Fahrrad, muss ins Lager hinüber!»
»Klar, Herr Direktor«, nickte Karl, lachte und hob seinen rechten Oberarm, die Hand und der Unterarm verrotteten in französischer Erde. ›Alter Kommunist!‹ dachte Herr Guttner freundschaftlich und radelte in die Nacht hinaus. Es war eine kalte, feuchte Septembernacht. Er fror, aber sein Kopf glühte, als er noch vor Winkler das Gefangenenlager erreichte.
Der Wachtposten erkannte ihn und liess ihn ins Lagerbüro treten. Er setzte sich, und Fritz Bauer bot ihm eine Zigarette an. Er lehnte dankend ab und rückte etwas näher an den anheimelnde Wärme verströmenden Kanonenofen.
»Du hast dir hier ja eine tolle Wärme reingesetzt, Fritz«, begann er die Unterhaltung.
»Sonderzulage, Ernst. Aber ansonsten sieht es ja nicht gerade gut aus. Jetzt sind wir bald dran.»
Ernst Guttner schaute Fritz fragend an.
»Ich hab gehört – man hat ja so seine Verbindungen – alle Männer von 16 bis 60 werden bald unter Waffen genommen. Die Aktion heisst ›Volkssturm‹. Neuer Führererlass. Was hältst du davon?»
»Mit so einem Aufgebot werden wir sicher dank der genialen Führung Adolf Hitlers den Sieg erringen«, antwortete Herr Guttner vorsichtig.
Fritz Bauer schaute seinen alten Schulkameraden mit gerunzelter Stirn an. ›Macht sich Ernst über Hitler lustig?‹, fragte er sich.
»Fritz, sei so gut und tu mir einen Gefallen. Hier ist die Liste meiner Arbeiter, deiner Gefangenen.»
»Ich weiss Bescheid, die Gestapo war schon da.»
»Also Fritz, tu mir den Gefallen, bring mir diesen Maurice Savier. Ich will mir den mal genauer anschauen.»
»Mit dem hab ich mich heut Nacht schon länger unterhalten, aber bringen kann ich ihn dir nicht. Der sitzt im Bunker, soll heute früh erschossen werden. Sabotage.»
»Hm«, machte Herr Guttner, »und die Stablaterne?»
»Haben die Herren von der Gestapo mitgenommen. Was soll das alles, Ernst? Der Kerl hat mich schon oft mit seiner Frechheit geärgert. Der kriegt sein Fett weg und fertig.»
»Ich bin gekommen, um den Mann zu identifizieren. Wenn ich ihn auf meinem Rundgang vor dem Angriff gesehen habe, kann er nicht der gesuchte Saboteur sein, dann . . . verstehst du?»
»Verstehe. Ein Geständnis habe ich nicht aus ihm rausgekriegt. Im Gegenteil, der leugnet und weiss von nichts. Ich hoffe, der war nicht bei dir. Mit solchen Leuten müssen wir kurzen Prozess machen. Leider brauchen wir die für die Produktion. Aber in diesem Fall, da gibt’s kein Pardon.»
Die Bremsen eines Autos quietschten. Fritz rannte hinaus, grüsste zackig und unterwürfig und führte die Herren Guttner bereits bekannten Männer von der Gestapo herein.
»Heil Hitler!»
»Heil Hitler!»
»Heil Hitler!»
»Holen Sie diesen Maurice Savier! Aber ein bisschen dalli. Hab mir schon die ganze Nacht um die Ohren schlagen müssen wegen so einem französischen Schweinehund von Saboteur.»
Fritz Bauer schlug die Hacken zusammen und verliess den Raum. Die drei Männer sassen schweigend um den wackligen alten Kantinentisch der ehemaligen Lederbearbeitungsfirma Rosenheimer, in der nach der Enteignung das Gefangenenlager eingerichtet worden war. Die Rosenheimers waren seinerzeit spurlos verschwunden.
Fritz Bauer stiess den Gefangenen in den Raum. Da stand ein junger Mann von vielleicht 24 Jahren in seiner verdreckten Uniform der französischen Infanterie. Er riss sein Käppi vom Kopf und versuchte eine Art ›Stillgestanden‹, was ihm aber misslang. Herr Guttner sah, dass sein rechtes Auge zugeschwollen und blau unterlaufen war; er hatte Platzwunden am Kopf und konnte sich kaum auf den Füssen halten vor Schwäche.
Herr Guttner schaute ihn sich genau an. Der Gefangene schaute ihm direkt in die Augen. Ernst Guttner gab den Blick zurück. Es dauerte ein paar Sekunden. Dann erkannte er ihn. Und er wusste, dass auch der Gefangene ihn erkannt hatte, nicht nur als Direktor der Firma.
Maurice Savier war eine Art Sprecher der Gefangenen und ziemlich aufsässig, wenn er glaubte, etwas für seine Kameraden herausschlagen zu können. Maurice Savier war während des Angriffs nicht in der Firma anwesend gewesen, andernfalls hätte er sich sofort wieder beklagt und verlangt, dass auch die Kriegsgefangenen in den Keller dürfen.
Herr Guttner verglich das Gesicht von damals mit dem entstellten vor ihm. War er es oder nicht? Er fühlte, dass das Leben dieses Franzosen von der Antwort auf diese Frage abhing. Ein unmerkliches Nicken des Franzosen bestärkte ihn in dem Glauben, dass er jener Soldat war . . . In Sekundenschnelle zog die Szene an seinem innerem Auge vorbei: Das Gefecht vor Reims war mörderisch gewesen. Zwei Nächte lang hatte die französische Armee überraschend die deutschen Linien auf ihrer ganzen Breite beschossen, ununterbrochen. Die deutschen Stosstrupps, die die französischen Stellungen hatten erkunden sollen, waren nicht zurückgekehrt. Guttners Freund Hans Merkel war dabeigewesen. Guttner meldete sich freiwillig, schlich sich in der Morgendämmerung mit ein paar Sanitätskameraden vorsichtig an die feindlichen Linien heran, um Tote und Verletzte zu bergen und um seinen Freund zu finden. Der lag in einem Granattrichter: Sein rechtes Bein war unter dem Knie abgeschossen. Er hatte viel Blut verloren, obwohl er recht und schlecht das Bein am Oberschenkel mit einem Fetzen seines Hemdes abgebunden hatte. Hans Merkel schaute seinen Freund erstaunt an, als wäre er eine Fata Morgana.
»Ich werde dich da rausholen und zurücktragen!»
»Hau ab, Ernst, ich verreck sowieso, sollen uns die Franzmänner beide abknallen!?»
»Ich robbe auf dem Bauch durch die Büsche, ich kenne das Gelände ein bisschen, und du legst dich auf meinen Rücken.»
Hans lächelte mit schmerzverzerrtem Mund.
»Ernst, du spinnst. Wir kommen keine fünf Meter weit.
Geh, rette dich!, du musst ...»
»Bon dieu!»
Ernst wollte zum Gewehr greifen und den Kopf, der sich über den Trichterrand geschoben hatte, zu Brei schiessen. Es war ein sehr junges, offenes, fast unschuldiges Gesicht mit einem französischen Helm darüber, mehr erstaunt als aggressiv.
»Non!« rief der junge Franzose und zielte direkt auf Ernsts Kopf.
»Je veux sauver mon ami!« brachte Ernst hervor und dankte zum ersten Mal seinem knüppelnden Französischlehrer, der ihnen die Verbformen mit allerhand üblen Methoden eingetrichtert hatte. Der Franzose schaute auf den Stumpf an Hans’ rechter Seite. Er überlegte. Schaute Hans an, dann Ernst und wieder zurück zu Hans. Dann schaute er auf seine Uhr.
»Trois minutes!« sagte er und streckte zur Erläuterung seiner Worte drei Finger wie eine Schwurhand in das Trichterloch und wiederholte:
»Trois minutes! Allez vites! Je compte.»
Ernst schulterte sein Gewehr, stieg aus dem Trichter und versuchte, Hans hochzuziehen, der nur wenig helfen konnte. Er war schwach, und die Erde bröckelte unter seinem linken Bein zurück in den Trichter, er rutschte. Verzweifelt schaute Ernst auf seine Uhr, dann auf den Franzosen.
»Komm, Hans, versuch’s noch einmal. Du musst hier raus!»
»Geh, Ernst, lass mich hier. Rette du dich, geh!« »Kommt nicht in Frage. Der Franzose hat seine Knarre neben sich gelegt. Der schiesst nicht, auch wenn wir fünf Minuten brauchen.»
Auch der zweite Versuch misslang, und Hans glitt wieder an der Trichterwand hinunter, sein Stumpf begann zu bluten. Er rollte sich zusammen, wie ein Fötus lag er auf der Erde und stöhnte. Da stand der Franzose auf, kam um den Trichter herum, legte sich wie Ernst auf den Bauch. Beide streckten Hans die Arme entgegen.
»Komm schon, Hans. Zu zweit schaffen wir es!»
Hans schaute hinauf zu den beiden Soldaten, dem deutschen und dem französischen und nahm all seine Kraft zusammen.
»Vite! Vite, camerade!«, rief der Franzose. Hans hob seine Arme, und die beiden zogen ihn aus dem Loch. Mit Hilfe des Franzosen schob sich Hans auf Ernsts Rücken, und der lief los im gleichmässigen Laufschritt, sein Gewehr quer vor der Brust. Maurice Savier hatte ihm geholfen, seinen Freund Hans zu retten. Er hat überlebt, sortiert Papier bei der Druckerei Balzer und Co. Maurice Savier hat den Bombern Lichtzeichen gegeben, und noch weiss niemand, wieviele Einwohner der Stadt in dieser Nacht umgekommen sind. Eine Rechnung? ›Kann ich eine Rechnung aufmachen? Zwei Gerettete gegen wie viele Tote?‹
»Herr Guttner! Was ist los mit Ihnen? Kennen Sie den Mann oder nicht?»
Dieser kam zurück in die Gegenwart.
»Ja, sicher«, antwortete er knapp. Er wollte kein Wort mehr sagen, als verlangt war. Er schaute in das verschwollene Gesicht, das seine Unschuld und Offenheit lange verloren hatte.
»Wo arbeitet er bei Ihnen?»
»In der Formerei.»
»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?»
Herr Guttner zögerte nur einen Bruchteil einer Sekunde:
»Gestern Abend, kurz vor dem Angriff.»
»Erkennen Sie ihn sicher, Herr Guttner?»
Sein Blick heftete sich in das dunkelbraune, nicht zerschlagene Auge des jungen Soldaten. Er las die Angst darin.
»Wenn man ihm nicht das Auge demoliert hätte ...»
»Was wollen Sie damit sagen?»
Die Stimme des Schwarzuniformierten hatte einen gefährlichen und drohenden Unterton.
»Erkennen Sie ihn nun oder nicht? Machen Sie schon, ich will nach Hause.»
»Sicher, er ist der Sprecher der Gefangenen ...»
»Was? Was soll das bedeuten ›Sprecher‹? Wo gibt’s denn so was?« schrie Winkler, und der junge Franzose zuckte leicht zusammen.
»Seine Gefangenengruppe hat ihn zum Sprecher gewählt. Ich verhandle lieber mit einem, als dass mir jeder einzelne ...»
»Sie ›verhandeln‹? Sie sind mir schon seit geraumer Zeit verdächtig, aber das geht doch wohl zu weit.»
Der Gestapomann zog ein Heftchen aus der Tasche und machte sich ein paar Notizen. In der überheizten Stube herrschte tödliches Schweigen.
Fritz Bauer stand in der hintersten Ecke und betrachtete seinen alten Schulkameraden mit verächtlicher Miene.
Nachdem Winkler mit seiner Eintragung fertig war und aufblickte, liess ihn Herr Guttner gar nicht zu Wort kommen, sondern sagte, und seine sonst eher farblose Stimme hatte einen warnenden Unterton angenommen:
»Ich führe einen kriegswichtigen Betrieb. Meine Arbeiter stehen an allen Fronten, in Frankreich, in Russland, auf dem Balkan. Ich brauche jede Hand, denn die Räder müssen rollen für den Sieg, nicht wahr, Herr Winkler? Ausschuss kann ich nicht gebrauchen. Nur wenn die Leute halbwegs zufrieden sind, arbeiten sie so, dass die Abgüsse brauchbar sind.»
Er hielt dem starren Blick Winklers, der ihn mit herabgezogenen Mundwinkeln anschaute, stand und legte alle Härte, die ihm zur Verfügung stand, in seine letzten Worte, die er zu der Sache noch sagen wollte:
»Und noch eins, Herr Winkler, dieser Savier hier«, und er warf dem Soldaten einen schnellen Blick zu, »ist Fachmann, Former von Beruf. Wenn der ausfällt, verzögern sich meine Lieferungen an den Auftraggeber, der direkt dem Kriegsministerium unterstellt ist. Das kann ja nicht in Ihrem Sinne sein, oder?»
Jetzt kniff Winkler seine Lippen zusammen, und Hass legte sich wie ein Schleier über seinen Blick.
»Bringen Sie den Mann in seine Baracke zurück!« zischte er, und Fritz Bauer führte Savier aus dem Zimmer. Herr Guttner sah, wie sich die Brust des Franzosen hob und sich ein unhörbarer Seufzer der Erleichterung daraus löste. Als er an ihm vorbeigeführt wurde, senkte er den Blick.
»Kann der Kerl deutsch?« begann Winkler wieder.
»Kein Wort.»
»Gut. Und wie sprechen Sie mit ihm?»
Herr Guttner spürte, wie der Ärger in ihm aufstieg. Was wollte dieser Winkler noch von ihm?
»Französisch.»
»Die Sprache des Feindes«, sagte er mit Neid in der Stimme.
»Naja«, gab er dann klein bei, »Sie bekommen Ihren Former morgen wieder in die Fabrik. Klar, Rüstung ist wichtig und der Mann ...« hier zögerte er ganz kurz und schaute Herrn Guttner mit einem warnenden Blick an, ». . .
war ja gestern an seinem Arbeitsplatz. Ich hoffe, Sie haben sich nicht geirrt, Herr Direktor.« Das klang schon nach Hohn, aber Herr Guttner liess sich nicht provozieren.
»Bleibt noch die Frage mit der Stablaterne zu klären.»
Er hob die Aktentasche auf und entnahm ihr die Stablaterne, die unter Saviers Matratze gefunden worden war.
»Ist Ihnen die bekannt?»
Er schob die Laterne über den Tisch auf Herrn Guttner zu, dem bei der Erwähnung der Stablaterne heiss geworden war. Sie gehörte nicht zu den Stablaternen, die in der Firma verwendet wurden, und diesmal war er es, der erleichtert aufatmete.
»Wir haben andere Fabrikate in der Firma. Ich kann Ihnen gerne ein Exemplar herüberschicken, wenn Sie das wollen. Ausserdem, Herr Winkler, wenn ich sabotieren wollte, würde ich nicht das Instrument meiner Sabotage mit ins Bett nehmen. Ich an Ihrer Stelle würde nach der richtigen Stablaterne auf dem Galgenberg suchen. Jemand muss ihm das Ding unter die Matratze geschoben haben.»
Winkler wechselte einen schnellen Blick mit Fritz Bauer und konnte seine Wut über Guttners Belehrung nicht ganz unterdrücken, als er sagte:
»Ich bedanke mich für Ihre Mithilfe bei der Aufklärung des Falls«, stand auf, hob den Arm zum Hitlergruss und beendete die Untersuchung mit den Worten:
»Sie sollten auf der Hut sein, Herr Guttner. Heil Hitler!« Herr Guttner sparte sich den Hitlergruss und sagte nur trotzig:
»Gute Nacht, die Herren«, ging hinaus, stieg auf das Fahrrad seines Pförtners und fuhr in die Fabrik zurück.
›Savier ist nun also zum Former avanciert. Das hätte ich mir sparen können. Hoffentlich erscheint dieser verdammte Winkler nicht eines Tages in der Fabrik, den habe ich jetzt im Nacken sitzen. Der wird herumspionieren lassen, bis er mir was anhängen kann . . . Und Savier? Dieser scheussliche kalte Morgennebel! Und mein Mercedes an der Ostfront! Egal. Bin müde . . . Hoffentlich gibt es keinen Alarm mehr, dann kann ich noch eine Stunde schlafen.‹
Als er die Wohnungstür öffnete, sah er einen Spalt Licht unter der Esszimmertür. Er trat ein und fand seine Frau dick eingemummelt und vor sich hin grübelnd am Schreibtisch sitzen.
»Melanie?« »Ernst, gut, dass du kommst . . . Ich konnte nicht mehr schlafen. Eine tiefe innere Unruhe hat mich ergriffen, als müsste ich sterben, mit Lügen im Herzen.»
»Ach Melanie«, sagte Ernst Guttner müde.
Er sah, dass Melanie ein Foto in der Hand hielt. Es zeigte sie unter Eukalyptusbäumen im Garten der Siedler in Australien. Sie hielt ein Baby in den Armen, lächelte es an und sah sehr glücklich aus. Neben ihr stand ihr Mann und schaute direkt in die Kamera. Melanie lehnte das Foto gegen einen Plüschkoala, den sie damals für Rudolf gekauft hatte. Der Koala war alt und ausgefranst, und ihm fehlte ein Plüschohr, das sie nur notdürftig durch ein graues Stück Tuch hatte ersetzen können.
»Komm schlafen, Melanie!« sagte er, nahm seine Frau an der Hand und führte sie zurück ins Schlafzimmer.
2
Als Rudolf um fünf Uhr morgens in die Küche kam, fand er ein Päckchen, das ihm seine Mutter zurecht gemacht hatte. Darauf lag ein Zettel: »Leb wohl, mein Junge, komm gesund wieder!« Rudolf freute sich, lächelte und packte rasch seine Sachen zusammen, ass ein Doppelbrot und schlürfte eine Tasse heissen Muckefuck dazu. Das tat gut, denn die Küche war kalt, das Haus war kalt und die Welt war kalt.
Wenig später schwang er sich auf sein Fahrrad und dachte noch, was wohl aus dem Franzosen geworden war, der den Bombern Leuchtzeichen gegeben hatte. ›Wenn der aus der Fabrik abgehauen ist, war das schon ein gewagtes und mutiges Stück, aber gemein trotzdem.‹
Als er die Kaiserstrasse hinunter fuhr, Richtung Bahnhof, begegneten ihm noch Feuerwehrwagen, Luftschutzhelfer und Rotekreuzschwestern. Bald bog er zu den Bergen hin ab, drückte die Lampe nach unten, man konnte ja nie wissen. Langsam wurde ihm warm, die Steigung nahm zu. Schliesslich musste er absteigen und schieben.
›Nach dem Krieg kaufe ich mir ein Dreigangrad.‹ Einer dieser absurden Gedanken, die man haben darf, wenn man nicht gerade in Stellung liegt und die Kanone ausrichten muss, sondern an einem frühen, dunklen und kalten Wintertag allein und einsam sein Fahrrad eine steile, kurvenreiche Landstrasse hochschieben muss.
Er kam auf der Hochebene an, als es schon heller wurde gen Osten zu.
›Noch mindestens 10 Kilometer. Ich will in der Stellung sein, wenn es hell ist.‹ Er strampelte weiter, stiess dichte Atemwolken in die Luft. Er war konzentriert und fast ohne Gedanken. Er verstand es, sein Denken abzuschalten. Das hatte ihn immer bestens vorbereitet bei Klassenarbeiten: Fünf Minuten nichts denken und dann ganz klar sehen: Die chemischen Formeln, die Gleichungen, die Kurvenverläufe, die Tabellen von geographischen Namen, die Englisch oder die Französischvokabeln. ›Aber jetzt, warum habe ich das Gefühl, dass ich jetzt abschalten muss?‹ fragte er sich. Er leerte sein Gehirn und fuhr, so schnell er konnte das graue Band der Landstrasse entlang, rechts und links vom Schneepflug aufgeworfene Schneegebirge, die Ebene weiss von Schnee, auf dem schon die ersten Sonnenstrahlen glitzerten. Er trat heftig in die Pedale.
Sekunden später war ihm klar, warum er hatte abschalten wollen: Sein Gehirn hatte schon reagiert, bevor er das ferne, noch helle Dröhnen der Flugzeuge wahrnahm.
›Die halten auf meine Stellung zu. Das gibt Prügel für die Kameraden. Und ich hier? Eine schöne Zielscheibe, wenn es Tiefflieger sind. Verdammt und zugenäht!‹ Jetzt galt es schnell zu handeln. Rudolf stieg ab, schaute sich nach Deckung um. Weit und breit nur Felder, kaum ein Baum. Das Brummen wurde dunkler, kam bedrohlich näher. Da! Zwei Punkte am Westhimmel, die genau auf ihn zuhielten und sich von Sekunde zu Sekunde vergrösserten. Rudolf kannte das: Jagdflieger. In diesem Augenblick halfen ihm keine Formeln, Listen und Vokabeln, und die Angst griff nach ihm. Seine Ruhe brach zusammen. ›Angst, ich habe Angst‹, schoss es ihm durch den Kopf.
Seine Hand griff in die Manteltasche, er machte das ganz automatisch. Seine Faust schloss sich um eine grosse Glasmurmel. Sie war sein Glücksbringer, und er glaubte an ihre schützende Kraft. Oft hielt er sie gegen die Sonne, dann sah er in ihren schillernden Farben die ganze Welt gefangen. Sein Freund Heinz hatte sich von dieser besonders schönen Murmel getrennt und sie seinem Freund Rudolf zum achten Geburtstag geschenkt. Er hatte sie bald darauf leichtsinnig an seinen Erzfeind Karl Eggers verspielt. Karl hatte sich mit seinem Sieg und der von allen bewunderten Murmel wichtig gemacht. Rudolf hatte sich geschämt, aber Heinz nahm die Murmel Karl in einem seiner riskanten Spiele wieder ab. Er legte sie Rudolf mit einem strahlenden Lächeln, mächtig stolz und mit den Worten ›Jetzt ist die Murmel dein Talismann‹ zum zweiten Mal in die Hand. Von diesem Tag an hat Rudolf die Murmel nie wieder in einem Spiel eingesetzt und immer bei sich getragen.
Es war im vergangenen Herbst gewesen. Er hatte gerade beim Bäcker Brötchen geholt und ging an den Parkbeeten vorbei nach Hause, als er sie kommen hörte. Er warf sich unter den nächsten Busch, der leider ein Rosenbusch war. Nachdem die Jagdflieger zweimal über ihn weggebraust waren und das Geknatter der Bordkanonen verstummt war, hatte er sich aufgerappelt, mit zerstochenen Fingern und einem Kratzer quer über der rechten Wange. Er schaute sich um, der Park war leer. Oder nein, etwas bewegte sich. Rudolf war näher getreten: Ein Hund lag in seinem Blut, zappelte noch ein wenig mit den Beinen, wie schlafende Hunde, wenn sie träumen, streckte sich und verendete.
Rudolfs Herz begann laut und hart zu klopfen. Er schaute sich noch einmal um: Nichts. Er hatte schon manchen Angriff überstanden, er hatte einen seiner Klassenkameraden begraben. Und trotzdem, hier, allein, begann er zu zittern vor Angst. Dann ging alles sehr schnell. Er warf sein Fahrrad über den Schneeberg am Strassenrand, hechtete hinterher, kroch unter das Fahrrad und versuchte noch Schnee auf sich zu decken. ›Ein kaputtes Fahrrad, werden sie denken, darauf schiesst man doch nicht.‹ In zwei Monaten bin ich 17, mein Geburtstag! Nicht schiessen! Ein Dreigangrad, Vater hat doch Beziehungen.‹ Er hielt den Atem an, als könnten die Schützen sehen, wie sich seine Brust hob und senkte.
›Jetzt! Jetzt!‹ Sie hatten das Fahrrad entdeckt, den schwarzen Fleck im Schnee. Sie überflogen Rudolf nicht sehr tief, waren weg. ›Ging ja verdammt schnell‹; Rudolf spürte, dass sein Hemd und sein Unterhemd nass waren vor Angstschweiss, nasskalt. Schneebröckchen rutschten ihm zwischen Kragen und Hals, schmolzen. Er rührte sich nicht, blieb wie erstarrt liegen. Er kannte die Methoden zu gut. Und tatsächlich, der Motorenlärm war noch nicht ganz verklungen, da wurde er wieder lauter, anders. ›Sie haben ihre Höhe verringert und ihre Geschwindigkeit. Sie kommen zurück.‹ Rasch packte er noch ein paar handvoll Schnee auf seinen Mantel, seine Stiefel und sein Gesicht. Sie kamen niedrig, sehr niedrig diesmal. Jetzt wurde er ganz ruhig, er staunte, wie regelmässig er atmete.
Die Maschinen kamen näher, der Höllenlärm tat Rudolf in den Ohren weh. Er rührte sich nicht. Und dann das Geknatter und sein Gedanke: Wenn du das überlebst, überlebst du den Krieg!
Sie heulten über ihn hinweg und hackten ihre Munition rund herum in den Schnee, und kein Schuss traf. ›Machen die sich einen Spass mit mir? Eigentlich müsste ich ein Sieb sein, oder die Tommys sind blutige Anfänger.‹ Er horchte. ›Gerettet‹, dachte er. ›Warte, Rudolf, warte. Die Schweine kommen vielleicht noch ein drittes Mal.‹
Der schmilzende Schnee lief ihm am Hals hinunter. Durch seinen viel zu grossen Militärmantel, der vielleicht schon in Finnland und in Russland gewesen war, fühlte er die Kälte eindringen. Der Mantel war getragen gewesen und blutbefleckt, als er ihn bekam. Seine Mutter hatte vergeblich versucht, die Blutflecken aus dem abgetragenen Mantel zu waschen. Sollte er nun noch einen dritten oder gar vierten Soldaten überleben?
Rudolf lag noch immer steif und horchte. Nichts. Er schüttelte ein wenig den Kopf, der Schnee fiel von seinem Gesicht. Er hob den Kopf, schaute nach Westen, wohin die Angreifer verschwunden waren. Ein sehr feines Summen erlosch, und Stille legte sich über die Ebene.
