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Selda ist nach ihrer Scheidung mit ihren beiden Kindern gerade erst in ihrem neuen Leben angekommen, als die Schatten der Vergangenheit sie einholen. Für die kleine Familie beginnt noch einmal alles neu.
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Seitenzahl: 132
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für Rosie, ohne die dieses Buch niemals entstanden wäre.
«Wir werden sie jetzt in einen Tiefschlaf versetzen und sie werden einige Zeit träumen und meinen, dass das die Realität ist. Machen sie sich keine Sorgen, sie werden bald wieder hier sein. Zählen sie einfach von 10 abwärts.»
«Zehn, neun, acht …»
Der angehende Mediziner erschien Patrick vertrauensvoll, aber er fühlte auch, dass er sich nicht mehr wehren konnte. Ihn verließ die Kontrolle. Die Lampe über seinem Bett wurde immer schwächer und bald erschien sie ihm nur noch wie ein stecknadelgroßer Punkt, der plötzlich explodierte. Es war die Sonne, die er jetzt sah. Die Sonne mit den sie umkreisenden Planeten. War das real? Konnte ein menschliches Auge das überhaupt wahrnehmen? Die Abstände waren ja viel zu groß.
Dann sah er die alte Schwarzwalduhr, die ruhig im Takt der Minuten die Zeit zu verschlingen schien.
«Drei», hatte er noch sagen können, aber er war sich nicht sicher.
Plötzlich wurde alles schwarz und ihm, als wenn die Uhr einem Vogel gleich davonflog. Er war wieder im Krieg, in seinem immer wiederkehrenden Traum. Die lachenden Kinder kamen auf ihn zu gerannt. Dann fiel ein Schuss.
«Matthias, gehen sie bitte an die Tür, der Bote hat geklingelt und wie sie wissen, hat unser Hausmädchen heute ihren freien Tag.» Rasch glitt der kleine Mann mit der grünen Cordhose und der rostfarbenen Fliege auf dem rotkarierten Hemd die abgewetzte Holztreppe hinunter indem er sich mit beiden Händen auf den an den Seiten befindlichen Geländern abstützte und nur die Absätze seiner hochgeschnürten braunen Lederschuhe benutzte. So hatte er es viele Male eingeübt und war inzwischen ein Meister in seinem Fach.
«Ich habe hier ein Paket für die Familie von Roenn, kannst du mir das bitte quittieren?», fragte der über den Empfang durch einen Halbwüchsigen etwas überraschte und mürrische Bote. «Natürlich, ich bin Matthias von Roenn und ich gebe ihnen gerne die erforderliche Bestätigung», antwortete Matthias in einem höflichen Tonfall. «Wie darf ich sie denn anreden?»
«Mein Name tut nichts zur Sache, unterschreibe einfach hier unten auf dem Beleg.»
«Mutter, es ist eine Sendung angekommen, soll ich sie ihnen nach oben bringen?»
«Ja bitte, machen sie das, es ist wahrscheinlich eine Überraschung für das bevorstehende Fest von unserer Familie oder vielleicht von eurem Herrn Vater, man wird sehen.»
Das schwere, schuhkartongroße Paket hin und her schaukelnd erklomm der achtjährige blonde Matthias wieder die Treppe und ärgerte sich, dass er nicht dahinterkam, was wohl in der Schachtel verborgen sein könnte?
«Legen sie es bitte im Salon auf die Anrichte, man wird sich später darum kümmern», rief die in der Küche tätige Mutter.
Matthias legte das Päckchen achtlos zur Seite und schlenderte den heruntergekommenen Flur mit den abgenutzten, an einigen Stellen lose hängenden Tapeten an den Wänden und dem alten Linoleumfußboden hinunter in sein Zimmer. Manchmal roch es hier etwas modrig, aber das nahm er gar nicht mehr wahr.
Anders als in der Diele waren die Wände seines Zimmers fein ausgemalt. Rechts war ein Gartenmotiv abgebildet, ein hell mit Gänseblümchen gesprenkelter Rasen und darüber Wolken am sommerlichen Himmel mit gerade davonfliegenden bunten Vögeln. Links tat sich ein ebensolches Motiv auf, statt der Vögel waren hier aber Luftfahrzeuge zu sehen. Ein großer blauweiß gestreifter Freiluftballon verzierte die Mitte des Bildes. Nur die Stirnseite, dort wo sich das hohe schmale Fenster befand, war mit einem sternenübersäten Nachthimmel bemalt. An der Längsseite, vor dem Bett stand ein mannshohes einfaches Holzregal in dem sich eine große Anzahl, dem Anschein nach schon oft gelesener Bücher befand. Das Zimmer war wie immer ordentlich aufgeräumt und das Nachtlager penibel gemacht. Matthias setzte sich gleich wieder an den vor dem Fenster stehenden Schreibtisch, der nur aus einer über zwei Böcken gelegten hölzernen Platte bestand. Er vertiefte sich erneut in die vorher zu Seite gelegten Schularbeiten. Heute war Samstag und schulfrei. Da konnte er in Ruhe einiges nacharbeiten und er freute sich auch schon auf das gemeinsame Mittagessen.
In der drei Stufen tiefer liegenden Küche mit den auf einer hohen Fensterbank stehenden knorrigen, das ganze Jahr über blühenden alten Geranien, war eine nicht mehr ganz junge, sorgsam mit einer weißen, gesteiften Schürze über dem blauen mit Efeublättern bedrucktem Kleid, angezogene Frau mit hochgesteckten Haaren beschäftigt. Sie hatte aus der nahe gelegenen Schlachterei wie so oft, ein paar Fleischstücke besorgt, die sie zu einem Ragout aufbereiten wollte. Sie kannte sich aus mit Gewürzen und Zutaten und verstand es aus einfachen Mitteln ein schmackhaftes Essen zu zaubern. Flink benutzte sie das Interieur der kleinen Stätte. Die mattweiß lackierten, in die Jahre gekommenen Einbauschränke vor den ebenso getünchten Wänden waren überfüllt mit vielen alten Utensilien und Porzellanteilen, die Selda nach und nach auf Flohmärkten erworben hatte. Sie benutze alles so, als wenn sie nie etwas anderes in ihrem Leben gemacht hätte.
«Das Personal, das Personal, wie soll ich mich nur daran gewöhnen», raunte sie vor sich hin. «Früher hätte ich die Küche nicht mal aufgesucht und nun bin ich mittendrin. Muss mich um alles kümmern und wusste doch vorher nicht einmal wie man richtig Kartoffeln kocht.» Die Fenster waren beschlagen vom Dampf des garenden Gemüses und an den Scheiben zeigten sich kleine Rinnsale, die unten am porösen Fensterkitt feine Tröpfchen bildeten.
Hinter ihr, auf einem abgewetzten zweisitzigen geblümten Sofa spielte ein kleines Mädchen mit ihrer Zelluloidpuppe. Patrizia, ihre Tochter, Patrizia von Roenn, die dritte Person dieser kleinen Familie. Ihrer Puppe hatte sie den Namen Alicia gegebe.
Es roch nach Lorbeerblättern und Thymian.
Die alte Küchenuhr aus Delfter Porzellan, die über dem Tisch an der gegenüberliegenden Wand hing, zeigte gerade 11.30 Uhr als es an der Wohnungstür klopfte. Es musste die Nachbarin aus der Wohnung nebenan sein, dachte Selda. Als sie eilig die schwer gängige Tür öffnete, sah sie die kleine, zu jeder Uhrzeit immer hübsch zurecht gemachte Frau Block vor sich stehen, die ganz aufgeregt über einen Anruf berichtete. «Ein Telefonat für sie, bitte kommen sie». Selda streifte schnell ihre Schürze ab und folgte der Nachbarin.
«Ja --- Selda von Roenn, mit wem habe ich die Ehre?» Am andern Ende der Leitung meldete sich Herbert, der Vater ihrer Kinder.
«Selda, lass den Quatsch. Ich wollte Dir nur Bescheid sagen, dass mein Vater heute Nacht verstorben ist»
«Patrick ist tot, mein Gott, wie ist das so plötzlich gekommen?»
«Er hatte einen Herzstillstand während einer OP und du weißt ja, dass er schon eine Zeit lang wegen seiner Herzrhythmusstörungen behandelt wurde. Er ist gestern Abend noch ins Krankenhaus gekommen, sie haben wohl noch alles versucht, aber es war zu spät. Wir erwarten, dass ihr an der Beerdigung teilnehmt.»
«Wer bitte ist «wir»?», tat Selda erstaunt.
«Na, wir alle und wir hoffen, dass Du und unsere Kinder in diesen schweren Stunden bei uns seid».
«Wir werden darüber nachdenken, aber danke für Eure Nachricht», erwiderte Selda und legte auf. Das würde sie erst einmal mit ihren Kindern besprechen müssen.
Der Großvater von Matthias und Patrizia hatte sich auch nach ihrer Trennung von Herbert rührend um seine Enkel gekümmert und Selda wäre ohne seine finanzielle Unterstützung nie zurechtgekommen. Sie hatte immer den Kontakt zu Herberts Eltern gehalten und gerade erst vor vierzehn Tagen noch mit ihrer Schwiegermutter Regina telefoniert. Da ging es dem Vater noch gut und es hatte keine Anzeichen für seinen baldigen Tod gegeben.
Gedankenverloren trug Selda etwas später das auf verschiedene Schalen verteilte Essen zu dem aus Kirschbaumholz gefertigten alten ovalen Tisch, der in der Ecke des Wohnzimmers stand. Sie hatte eine weiße Damastdecke aufgelegt und neben den Silberbestecken Messerbänkchen aufgestellt. Eine einzige rote Rose in einer Silbervase schmückte das ansonsten gänzlich in weiße gehaltene Arrangement. Die Schüsseln mit den Kartoffeln und dem Gemüse dampften noch und der Duft des gebratenen Fleisches machte sich schnell in der ganzen Wohnung breit. Die vier mit grünem Samt bezogenen Biedermeierstühle standen wie gerade neu eingemessen um den Tisch herum.
In ihrer Magengegend verspürte sie eine aufkommende Leere, wie schon seit langem nicht mehr. Ihre innere Haltung hatte durch den Anruf einen Dämpfer bekommen und sie musste sich zwingen, diesen nicht nach außen zu lassen.
«Kinder, wascht euch die Hände und kommt dann bitte, das Essen ist zubereitet. Wir wollen es nicht kalt werden lassen.» Patrizia, die fast vier Jahre jünger als Mathias war, kam mit ihrer Puppe im Schlepptau, zusammen mit ihrem Bruder in das Zimmer. Mathias zog gekonnt den Stuhl der Mutter zurück und bot ihr mit den Worten: «Nehmt bitte Platz Mutter», das Sitzmöbel an. Nachdem auch die beiden Kinder ihre Stühle eingenommen hatten, forderte die Mutter alle zu einem Tischgebet auf. «Herr Jesus Christus, wir danken für dieses Mahl. Öffne unser Herz für alle, die hungern und Not leiden. Amen.», sprachen alle wie aus einem Munde.
«So, nun esst bitte, ich habe nachher noch etwas mit euch zu besprechen.» Ernst sahen die Kinder die Mutter an, zügelten aber die aufkommende Neugier. Stattdessen fing Patrizia, nachdem sie die ersten Bisschen sorgsam gekaut und heruntergeschluckt hatte, die Unterhaltung an, die gewöhnlich während des Essens ablief.
«Mutter, wissen sie, was ein Mädchen gestern im Kindergarten zu mir gesagt hat?»
«Nein mein Kind, das weiß ich natürlich nicht, was war es denn?»
«Sie hat gesagt, dass ich eine sonderbare Mutter hätte.»
«Und», fragte Selda, «hast du dich darüber geärgert?»
Unsicher schüttelte Patrizia den Kopf.
«Jeder ist auf seine Art sonderbar, alle Menschen meine ich», setzte Selda fort, «und das ist doch auch gut so. Sieh mal, wenn wir nun alle gleich wären, erst das wäre doch sonderbar, meinst Du nicht auch?»
Jetzt nickte das kleine Mädchen amüsiert über das schlaue Urteil der Mutter. «Ja, die Stephanie ist auch sonderbar.», fasste sie das Ganze für sich zusammen.
Mathias erzählte während der Mahlzeit eine Anekdote aus dem Englischunterricht und dann fiel ihm plötzlich wieder das Paket ein. «Mutter, habt ihr schon nachgesehen, von wem das Paket ist?»
«Nein, da bin ich noch gar nicht zu gekommen, ich hatte es schon wieder vergessen. Aber ich muss Euch jetzt etwas ganz Ernstes mitteilen». Alle waren gerade mit dem Nachtisch fertiggeworden. Selda hatte Vanillepudding gekocht und ihn mit selbstgemachtem Erdbeersaft serviert.
«Euer Opa, der Großvater Patrick, ist gestern verstorben.» Mathias und Patrizia sahen sich fragend an, da sie nicht wussten, was sie darauf sagen sollten. Aber die Mutter setzte das Gespräch schon fort und füllte die für die Kinder unangenehme Gesprächspause. «Er hatte ja schon länger Herzprobleme und ist ganz friedlich eingeschlafen. Euer Vater hat mich vorhin angerufen und die Familie, also er und eure Großmutter möchten gerne, dass wir an der Beerdigung teilnehmen. Die ist am nächsten Mittwoch und ich werde Euch am Dienstag Entschuldigungen für die Schule und den Kindergarten mitgeben. Wir werden früh morgens mit dem Zug nach Bad Homburg fahren und ich werde euch noch ein paar Hinweise geben, wie man sich bei einer Beerdigung benimmt.»
Selda wollte gerade mit dem Abräumen des Tisches anfangen und wurde sich erst jetzt bewusst, wie unbeteiligt sie den Kindern vom Tod ihres Opas erzählt hatte. «Kommt mal beide her», sagte sie, als sie ihre Arme ausbreitete. Patrizia und Mathias stürmten auf Selda zu und ließen sich bereitwillig an die Brust drücken. «Opa war ja nicht mehr der Jüngste und wir müssen alle sterben, das wisst ihr ja. Aber, wenn ihr das Bedürfnis habt, können wir jederzeit über alles reden und natürlich dürft ihr auch weinen, wenn euch danach zumute ist. Auch du Mathias darfst das. Du weißt ja, auch Jungs dürfen weinen.»
Aber nur Patrizia begann zu schlucksen, «er kommt nie mehr wieder, stimmt’s?»
«Ja mein Schatz, aber ihr habt viele schöne Erinnerungen. Behaltet sie im Herzen, dann wird Opa auch immer da sein.»
Nachdem Selda den Tisch abgeräumt und den Abwasch erledigt hatte, kam sie wieder zur Ruhe und sah ziellos aus dem Fenster. Wieder spürte sie dieses Unbehagen, diese Leere in der Magengegend, die Einsamkeit. Das Leben erschien ihr plötzlich wieder so perspektivlos. Patrick war eine feste Stütze gewesen nachdem sich herausgestellt hatte, dass Herbert niemals in der Lage sein würde sich finanziell um seine Familie zu kümmern. An Unterhaltszahlungen war nicht zu denken gewesen und Patrick war wie selbstverständlich für seinen Sohn eingesprungen. Noch in Gedanken nahm Selda das Paket von der Anrichte. Ein kalter Schauder durchzog ihren Körper als sie den von Hand geschriebenen Absender las. Dort stand ganz zweifellos «Patrick von Roenn, Bad Homburg» und abgestempelt worden war die Sendung am Donnerstag, also erst vor zwei Tagen. Der Karton war in festes Packpapier eingewickelt und mit Paketband verschlossen worden. Erst ein scharfes Messer befreite den Inhalt der Sendung von seiner geheimnisvollen Verhüllung. Selda wurde es heiß und kalt zugleich. Wie konnte das jetzt angehen? Hatte sich jemand einen Scherz erlaubt, womöglich Herbert? Als sie den Deckel abgehoben hatte und das mehrlagige Seidenpapier entfernt war, lag vor ihr die alte Schwarzwalduhr des Großvaters. Die über mehrere Generationen sorgsam gepflegte Schilderuhr der Familie von Roenn. Pendel und Gewichte waren ebenfalls in mehrlagiges Seidenpapier verpackt worden und lagen unterhalb des prunkvollen Zeitmessers. Selda wusste mit allem nichts anzufangen und befreite nach und nach die Teile der Uhr von dem Einschlagpapier. Erst ganz zum Schluss entdeckte sie unten in der Kartonage ein Kuvert. Sie hatte einen Brief, einen letzten Gruss erwartet. Als sie die beiden Briefbögen auseinandergefaltet hatte, las sie jedoch die Überschrift «Mein Testament».
Die alte Uhr war immer ein Gespräch wert gewesen und alle hatten sie bewundert. Auch Selda, und bald hatten auch ihre Kinder fasziniert davorgestanden. Sie hatte mit unterschiedlichen Klangfolgen die Viertel-, Halb- und vollen Stunden angekündigt und es war ein ganz besonderes Zeichen, dass der Großvater gerade diese Uhr seinen Enkeln hinterlassen wollte.
«Setzte folgendes Vermächtnis aus …», las Selda plötzlich. --- Natürlich hatte Patrick seine Frau, ihre Schwiegermutter, begünstigt und auch Herbert nicht gerade enterbt. Das hätte er aber auch wohl gar nicht gekonnt, dachte sie. --- «Die geschiedenen Frau meines Sohnes Herbert, Selda von Roenn, … das Ferienhaus in Fischbach und deren Kinder, namentlich Mathias und Patrizia von Roenn.», las Selda weiter. «… die Renten sollen gezahlt werden bis zum Erreichen ihres jeweils 21. Lebensjahres».
«Sollte er seinen Tod vorausgeahnt haben. Weshalb hätte er sonst noch so etwas kurz vorher in ein Testament geschrieben haben und es dann noch an seine geschiedene Schwiegertochter versenden können? Misstraute er etwa seinem eigenen Sohn? Hatte er gedacht, dass seine Enkel unversorgt wären, wenn er nicht mehr da sein würde?» Ratlos legte Selda das Papier wieder in den Karton.
Sie hatte Herbert an der Hochschule Rhein Main kennengelernt und war damals noch ein wenig orientierungslos gewesen, was ihr berufliche Zukunft anbetraf. Sie hatte sich Hals über Kopf in den Kommilitonen Herbert von Roenn verliebt. Der auf ein Adelsgeschlecht hinweisende Name war ein Großteil der Faszination für diesen Mann gewesen, aber auch seine Weltgewandtheit, seine Bildung und sein philosophisches Wissen. Es hatte sie immer erstaunt, wenn er sagte, «Das hat was mit deiner Erziehung zu tun» oder «Du kannst deine Vergangenheit nicht leugnen.» Seldas Eltern waren einfache Leute gewesen und sie hatte sie als Nesthäkchen früh verloren. Der Vater war schon während ihrer Schulzeit und die Mutter gleich nach Beginn des Studiums verstorben. Zu ihren älteren Geschwistern hatte sie keinen Kontakt und Herbert hatte sie damals aufgefangen. Sie wäre wohl einfach verschwunden, hatte sie oft gedacht, wenn Herbert nicht in ihr Leben getreten wäre.
Verschwinden, ja, das war so ein Gefühl, was immer wieder über sie kam. Es begann in der Magengegend und nahm Besitz von ihrem ganzen Körper, breitete sich aus und bald wusste sie nicht mehr, wie sie alleine klarkommen sollte. Es
