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Zwei Frauen zwischen ihrem 20. und 35. Lebensjahr. Die eine verliebt sich nach dem Krieg in einen Amerikaner und wandert in die USA aus. Getrieben von ihrem Wunsch nach Selbständigkeit, kehrt sie schließlich nach Deutschland zurück und eröffnet ein eigenes Geschäft. Als sie 1975 verstirbt, hinterlässt sie ihrer Nichte ein Tagebuch. Diese, angehende Veterinärmedizinerin, geht unter Einfluss der Aufzeichnungen ihrer verstorbenen Großmutter einen anderen Weg. Sie erkennt ihre Sehnsucht nach einer Selbständigkeit, aber auch eigenen Familie. Nach dem Umweg über eine Auswanderung in die Türkei, findet sie ihr Glück schließlich in der alten Heimat.
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Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Irma war meine Großmutter und ich ihr «kleiner Liebling». Irma ist gestern gestorben und ich bin tieftraurig.
Meine Oma hat mir viel aus ihrem Leben erzählt und mir wichtige Ratschläge hinterlassen.
«Liebe kommt einfach so, Du kannst sie nicht planen», war wohl die wichtigste Mitteilung, die ich nie mehr vergessen habe.
Irma hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs und ich war die letzten Tage an ihrem Sterbebett und hielt ihre zum Schluss kraftlosen Hände.
Ich bin Julia, angehende Tiermedizinerin und lebe in der Nähe von Hannover. Meine Oma, Irmgard wie sie in Wirklichkeit hieß, kam aus einer Arbeiterfamilie in Emden. Sie wurde noch vor dem sog. «Dritten Reich» geboren und war, als sie anfing sich selber zu entdecken, schon 19 Jahre alt. Da war der Zweite Weltkrieg gerade erst ein paar Jahre vorbei.
Wie bei den jungen Mädchen in dieser Zeit, kannte Irma fast nur junge oder alte Männer, die dazwischen waren vielfach weggefallen oder «gefallen», wie es damals hieß. Irma wusste lange nicht, was das für eine Bedeutung hatte und weshalb man es so sagte.
Jüngere Männer interessierten sie aber auch nicht, sie waren ihr einfach zu albern oder hatten nach ihrer Meinung «nichts begriffen». Die älteren waren entweder Lehrer oder Menschen, die nach dem Krieg wieder in den Positionen aufgetaucht waren, die sie vorher auch schon innegehabt hatten, dachte sie und daran hatte sie die Mutter immer wieder erinnert.
Irmas Vater war kurz nach seiner Rückkehr aus der russischen Gefangenschaft verstorben und so wuchs sie danach zusammen mit ihrem um zwei Jahre älteren Bruder
Georg bei der Mutter auf. Die Mutter hatte es schwer gehabt nicht nur in dieser Zeit. Sie bekam später nur eine kleine Witwenrente und ging arbeiten. Arbeit gab es aber so gut wie nicht mehr in Emden. Dienstboten konnte sich kaum mehr einer leisten und die Fabriken waren zerstört. Die Stadt war mit dem Wiederaufbau beschäftigt und Wohnraum war knapp geworden. Irmas Mutter hatte zuletzt als Melkerin auf einem der um Emden herum belegenen Bauernhöfe gearbeitet und meistens wurde sie in Naturalien entlohnt, was allen aber sehr geholfen hatte.
Irma war in den letzten Kriegsjahren als Wehrmachthelferin eingesetzt worden und hatte dabei einige Kenntnisse in Verwaltungstätigkeiten erworben. Als es zum Kriegsende damit zu Ende war, ging sie zur Erntezeit mit zu den Bauern. Ihre viele freie Zeit verbrachte sie sonst mit der Versorgung des kleinen Haushalts und der Aufarbeitung des während des Krieges zu kurz gekommenen Schulunterrichts. Eine alte Lehrerin aus der Nachbarschaft war ihr dabei behilflich.
Die Familie lebte zuletzt in einer Baracke, da ihre alte Wohnung im Krieg zerbombt worden war. Die wenigen Habseligkeiten, darunter auch liebgewonnene Erinnerungsstücke hatte Georg auf dem Schwarzmarkt gegen Essbares eingetauscht. Georg hatte viele Beziehungen aus der Kriegszeit. Glücklicherweise hatte er nicht an die Front gemusst, er war in einem Versorgungsbetrieb der Rüstung unabkömmlich gewesen. Trotzdem war die Angst, dass ein Einberufungsbefehl doch noch käme, allgegenwärtig gewesen.
Georg und Irma waren in ihren Wesen sehr ähnlich. Sie lebten den Tag, Sorgen machten sich schon so viele, da mussten sie nicht auch noch mit dabei sein, war ihr Motto. Trotz vieler Bombennächte hatten sie die Kriegszeit gut überstanden. In den ersten Jahren hatten sie ihn mehr als Spiel gesehen und das Deutschland aus dem Krieg als Sieger hervorgehen würde, war lange Zeit nicht in Zweifel gezogen worden. Darüber wurde aber auch nicht viel geredet.
Die Mutter fand bald nahe Bremen, wo sie eine Cousine hatte, eine Anstellung in einer Wäscherei. Der Umzug war keine große Sache, da sie ohnehin fast nichts mehr besaßen. Wohl weil die Cousine befürchtete Wohnraum an Flüchtlinge abgeben zu müssen, wollte sie der Mutter und den Kindern ein auf ihrem Grundstück befindliches Gartenhäuschen zur Verfügung stellen und im Haus zusätzlich für Schlafraum sorgen. Das Gartenhäuschen entpuppte sich später als kleine Einraumwohnung mit Kochgelegenheit. Zur Schlafenszeit gingen alle rüber in die Wohnung der Cousine, die ein Schlafzimmer für Georg und eins für Irma und die Mutter hergerichtet hatte.
Irma kannte kein anderes Leben und für sie war deshalb alles in Ordnung.
Erst sehr spät, mit Anfang zwanzig, begann sie sich für Männer zu interessieren, aber es waren Fantasien.
Denn sie hatte noch keinen kennengelernt, der ihr Interesse gefunden hatte. Ihre Fantasiebilder bezog sie aus den wenigen Filmen, die sie zusammen mit der Mutter und ihrem Bruder Georg in einem kleinen der wieder aufblühenden Kinos gesehen hatte.
Irma war gerade mit dem Fahrrad unterwegs als ein großer Laster neben ihr anhielt und der in eine Uniform gekleidete Fahrer sie in gebrochenem Deutsch nach dem Weg nach Osterholz-Scharmbeck fragte. Den Ortsnamen hatte er fast nicht aussprechen können. Irma hatte es aber verstanden und nur geantwortet, dass dies «the rihgt way» sei. Der junge Mann hatte sie freundlich angelacht und sich sehr höflich bedankt.
Auf der Fahrertür des Lasters war zu erkennen gewesen, dass es sich um ein Fahrzeug der US Military handelte.
Dieses kleine Erlebnis blieb lange in ihrem Kopf und Irma konnte es nicht wieder vergessen, da ihr der Mann ausserordentlich gut gefallen hatte. Ihr war bisher noch nie einer begegnet, an den sie länger gedacht hatte. Er hatte so weiße Zähne, wie sie sie vorher noch nie gesehen zu haben meinte und seine Haut war von der Sonne gebräunt gewesen. Ein schöner Mann, hatte sie gedacht, aber dafür hatte sie sich fast geschämt.
Es waren dann ungefähr zwei Wochen vergangen, als erneut Fahrzeuge mit der besagten Aufschrift im Ort gesichtet wurden und ihr Bruder nebenbei am Abendbrottisch davon berichtete.
«Was wollen die denn hier?», fragte Irma bewusst beiläufig und bekam zur Antwort, dass sie wohl von der amerikanischen Militärbasis in Lübberstedt kämen und auf der Suche nach Unterkünften für ihre Mitarbeiter wären.
Irma war zu der Zeit in einem Bekleidungsgeschäft mit Strickwaren tätig und machte seit der Begegnung nach Feierabend immer noch einen Umweg um vielleicht den Fahrer des Lasters wiederzusehen. Was sie bei einen solchen Begegnung aber hätte sagen wollen, wusste sie selber nicht und sie machte sich auch keine Gedanken darüber. Irgendetwas würde ihr dann schon einfallen.
Georg hatte eine Beschäftigung bei einer Bäuerin gefunden, deren Mann nicht aus dem Krieg zurückgekommen war. Alleine würde sie den Hof nicht halten können, hatte sie gesagt. Und so war Georg bald «der Herrscher aller Reusen» geworden, wie Irma ihn einmal betitelt hatte, als er allzu freudig darüber berichtete, was er alles schon machen durfte.
Erst als in dem kleinen Ort wieder das auch im Krieg alljährlich abgehaltene Erntefest stattfand, stand Irma dem Fremden plötzlich gegenüber. Mutter und Bruder waren aber bei ihr und so ging sie zunächst betont achtlos an ihm vorbei. «Hallo Fraulein», hörte sie plötzlich die vertraute Stimme hinter sich. «Was sie hier machen?».
Nun konnte sie nicht anders, wandte sich von Bruder und Mutter ab und ging auf den Fremden zu. «Ich wohne hier und es ist Jahrmarkt, deshalb sind wir hier», sagte sie, für ihre eigenen Ohren seltsam arrogant klingend. Lieber hätte sie gesagt, dass sie sich freute, ihn endlich wieder zu sehen.
«Ich habe so oft an sie gedacht», sagte der Fremde und, dass er sie gerne wiedersehen würde. «Darf ich sie einladen?». Natürlich durfte er das, aber Irma musste Rücksicht auf ihre Mutter und den Bruder nehmen, die schon ein paar Schritte vorausgegangen waren und sich bereits ungeduldig nach ihr umblickten.
Der Fremde erkannte die Lage Gott sei Dank und sagte nur «Ich heiße James und schreibe Ihnen schnell eine Telefonnummer auf, unter der sie mich erreichen können». «Bitte», fügte er noch mit einem vielsagenden Lächeln hinzu.
Irma schnappte sich den Zettel und eilte mit gerötetem Gesicht davon, ihren Verwandten hinterher.
«Wer war das denn?», frage ihre Mutter sofort und der Bruder zog seine Augenbrauen in die Höhe, enthielt sich aber eines Kommentars.
Zum Glück traf die kleine Truppe auf ihrem Weg über den Markt schnell auf andere Ablenkungen, in diesem Fall auf Bekannte von Hildegard, die sie lange nicht mehr gesehen hatte.
Der kleine Bauernmarkt war eine Mischung aus naiven Belustigungen und Ständen mit Erzeugnissen der umliegenden Bauernhöfe und Schlachtereien. An einer der Buden konnte man mit faustgroßen Lederbällen auf übereinandergestapelte leere Konservendosen werfen und erhielt bei einem Volltreffer eine kleine Belohnung in Form einer Blume aus Stoff oder eine Süßigkeit. Ein Schiesstand wartete mit ebensolchen Preisen auf. Ein Wurststand und eine Bierbude sollten für das leibliche Wohl der Besucher sorgen. Ein «Hau-den-Lukas» war auch dabei.
Eine Anzahl der jüngeren Männer waren Kriegsversehrte und man begegnete ihnen meisten mit großer Achtung, es gab aber auch welche, die bewusst über sie hinwegsahen. Junge Männer an Krücken oder mit fehlenden Gliedmaßen traf man damals überall.
Aber es waren auch ehemalige Parteigenossen unterwegs, die sich schwer damit taten, dass sie jetzt zu den argwöhnisch Betrachteten gehörten. Auf dem Lande war man aber an ein raues Miteinander gewöhnt und Pöbeleien, insbesondere unter Alkoholeinfluss wurden in der Regel schnell durch besonnene Dorfangehörige bereinigt. Die Menschen mussten sich erst daran gewöhnen, dass jetzt die Zeit der offenen Worte und Auseinandersetzungen angebrochen war. Das war den einen willkommen, andere konnten nur schwer damit umgehen.
Georg hatte noch keine Freunde gefunden, viele hielten ihn für einen Flüchtling. Dass jemand in dieser Zeit nur umgezogen sein könnte, war eher ein Umstand, den die Menschen gar nicht in Betracht zogen.
Später, wieder zu Hause angekommen, entzog Irma sich allen Versuchen der Mutter, mehr über die für sie seltsame Begegnung herauszubekommen.
Auf Drängen meiner Eltern habe ich nach dem Abitur eine Ausbildung zur Tierarzthelferin gemacht. Ein Studium gleich nach der Schule kam nicht in Frage. Ich sollte erst einmal etwas Anständiges lernen, auf das ich immer zurückgreifen könnte, hatte mein Vater gemeint. Natürlich hatte ich keine Wahl, da ich finanziell ja noch von meinen Eltern abhängig war.
Ich machte eine Lehre in einer Tierarztpraxis in der nahen Kreisstadt. Neben der Versorgung von Haustieren in der Praxis selber, durfte ich auch schnell mit zu den Bauern, die eine kranke oder kalbende Kuh oder ein Pferd, dass lahmte, versorgt wissen wollten. Ich hatte großen Spass daran und zweifelte nie, den richtigen Beruf ergriffen zu haben.
Nach Abschluss der Ausbildung, die mir dann trotz nicht so guter Abiturnoten einen kleinen Vorteil bei der Vergabe eines Studienplatzes gebracht hatte, konnte ich glücklicherweise alsbald in Hannover mein Studium beginnen. In einem Vorort fand ich nach mehreren Anläufen eine kleine Wohnung im Tiefparterre eines alten Stadthauses. Als Oma Irma verstarb, hatte ich nach dem ersten Wintersemester gerade Ferien und wieder mein altes Zimmer bei meinen Eltern in Beschlag genommen.
Meine Mutter, ist die einzige Tochter meiner Oma Irma und sie hat ihre ersten Jahre in Amerika verbracht.
Meine Mutter und meine Großmutter verstanden sich nie allzu gut. Irma war ihr zu unstet und auch zu laut mit ihren Meinungen. Meine Mutter ist da eher die im Haushalt aufgehende Ehefrau, der Mann, Haus und Garten vollkommen für ein glückliches Leben reichen. Jetzt nach Irmas Tod waren meine Eltern mit den Regelungen für die Beerdigung beschäftigt und ich war im Grunde genommen dankbar, dass ich ungestört trauern konnte.
Ich dachte an meine Kindertage, Irma hatte sich viel um mich gekümmert und es kamen schöne Bilder hoch, aber es war doch nichts Greifbares mehr. Alles befand sich nur noch in meinen Erinnerungen.
So dachte ich zumindest an diesem Tag. Einen Tag darauf kam aber ein Anruf von dem Pflegheim, in dem meine Großmutter zuletzt untergebracht gewesen war.
Der Anruf war ausdrücklich für mich gewesen und so konnte meine Mutter, die den Anruf entgegengenommen hatte, nur versprechen, dass ich zurückrufen würde, sobald ich wieder zu Hause wäre.
«Sie sind Julia … , die Enkelin der verstorbenen Irmgard …?», fragte sofort eine freundliche Frauenstimme. Nachdem ich das bestätigt hatte, wurde das Gespräch weitervermittelt. Eine ebenso freundliche Männerstimme berichtete mir dann, dass diese Art der Kontaktaufnahme unüblich sei und das Heim eigentlich zuerst die Erbfolge berücksichtigen müsse. Es läge aber ein ganz besonderer Fall vor und dass die Verstorbene ausdrücklich darauf bestanden hätte, dass man im Falle ihres Todes zuerst Kontakt aufnehmen sollte mit ihrer Enkelin Julia. Irma hätte schriftliche Aufzeichnungen, besser ein Buch für mich hinterlassen bei dem sichergestellt werden sollte, dass ich es auch ohne Umwege bekäme. So würden sie mich bitten, alsbald im Heim vorstellig zu werden.
Irma hütete den kleinen Zettel mit der Telefonnummer von James wie einen Schatz und wagte erst in der darauffolgenden Woche einen Anruf. Da sie selber kein Telefon hatten, musste sie einen günstigen Moment in dem Strickwarenladen abwarten. Deren Chefin, Tante Traudel, bei der es sich gar nicht um eine Verwandte handelte, war gewöhnlich über die normale Mittagszeit hinaus oben in ihrer Wohnung und so war Irma in diesen Stunden meistens alleine im Laden. Viele Kunden kamen sowieso nicht, da die Menschen noch nicht wieder auf Mode gekommen waren, sie wollten oft nur anständig angezogen sein oder sich was Warmes zu Anziehen kaufen.
«Ja Hallo, hier ist Irma», rief sie etwas zu laut in den Hörer. «Ich wollte gerne Herrn James sprechen!».
«Moment bitte, sie meinen wahrscheinlich Mr.
Stevenson!» Da Irma das nicht bestätigen konnte, wartete sie einfach ab. Den Hörer fest ans Ohr gepresst, vernahm sie bald seine Stimme. «Ja, hier ist James, spreche ich mit meinem Fraulein?»
Irma musste lachen, «Ja, aber mein Name ist Irma». Es entwickelte sich daraufhin ein sehr vertrautes Gespräch und am Ende fragte James, ob er sie zum Essen einladen dürfte. Irma überlegte nicht lange, da sie ohnehin auf eine ähnliche Frage gehofft hatte. So verabredeten sie sich noch für den Abend des darauffolgenden Tages.
Irma hatte sich mit den wenigen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln herausgeputzt. Die Cousine der Mutter hatte ihr aus ihren Beständen ein paar Kleider umgearbeitet und so hatte sie eine kleine Auswahl. Sie wählte das gemusterte rote Kleid, es passte zu Ihrer augenblicklichen Verfassung meinte sie. Sie erinnerte sich noch Jahre später, was sie an diesem Abend angehabt hatte. Irgendeiner hatte einmal zu ihr gesagt, dass sie ein «Augenmensch» sei. Ja das stimmte, wie sie inzwischen wusste. Sie erinnerte sich immer zuerst daran, was Menschen bei länger zurückliegenden Ereignissen angehabt hatten. Erst danach entstanden die Bilder in ihrem Kopf wieder neu und die Erinnerung trat insgesamt wieder zum Vorschein.
Als sie fertig war, fühlte sie sich ausgehfein und war in freudiger Erregung. Ihr Mutter hatte es aufgegeben sie nach dem Unbekannten zu fragen und ahnte sicher den Grund für ihr nochmaliges Weggehen an diesem Abend.
James war sehr bemüht um Irma und seine Höflichkeit machte sie sogar ein bisschen stolz. Sie fühlte sich ein wenig erwachsen geworden. Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass ein Mann ihr die Tür aufhielt und mit ihr ausging. Seine Uniform machte darüber hinaus nicht nur bei ihr Eindruck.
Die einfache kleine Landgaststätte hatte einen Biergarten und so setzten sie sich draußen an einen der dort aufgestellten Holztische. Es roch nach leckeren Bratkartoffeln, wie Irma sofort bemerkte und die rot karierten Tischtücher gefielen ihr besonders.
Sie wollte so viel wissen und James versuchte alle Fragen, wenn auch in einem Mischmasch aus Englisch und Deutsch zu beantworten.
Er war schon zum Ende des Krieges mit dem Militär nach Deutschland gekommen und war nach seiner Rückkehr in die USA gleich wieder aufgebrochen, weil ihm eine Anstellung in dem in der Nähe befindlichen amerikanischen Militärstützpunkt angeboten worden war.
Er hatte in seiner Dienstzeit ein paar Deutschkenntnisse erworben und das war wohl ausschlaggebend gewesen. Was Irma besonders freute und neugierig zur Kenntnis nahm, war seine freiwillige Mitteilung, dass er noch keine eigene Familie hatte.
Weiter nachfragen mochte Irma jetzt noch nicht, aber das würde kommen. Sie wollte schon noch einiges mehr erfahren. Schließlich war James um ein paar Jahre älter als sie und hatte ganz bestimmt schon die eine oder andere Erfahrung hinter sich.
Irma erzählte von Ihrer Kindheit in Ostfriesland, dem Krieg und dem anschließenden Umzug nach Hambergen.
Viel hatte sie ja auch noch nicht erlebt, jedenfalls keine Höhepunkte, die jetzt besonders erwähnenswert gewesen wären.
Sie waren sehr schnell vertraut miteinander und Irma hatte bald jegliche Schüchternheit abgelegt. Ihr gefiel sein Lachen und sein Bemühen trotz der unzureichenden Sprachkenntnisse witzig zu sein.
James fuhr Irma später mit seinem Wagen bis vor die Haustür der Cousine und verabschiedete sich mit einem langen Händedruck. Vorher hatten sie sich für das kommende Wochenende erneut verabredet.
Mutters Cousine hatte Irmas Rückkehr neugierig hinter der Gardine beobachtet, konnte aber nichts Anstößiges erkennen und so gab es wenigstens von ihr aus in den folgenden Tagen kein böses Gewäsch, wofür sie sonst immer gerne zu haben war.
In freudiger Erwartung kam ich am Tag danach im Pflegeheim an und meldete mich an der Empfangstheke.
«Einen Augenblick bitte, Herr Reinbeck kommt sofort», sagte mir eine dort arbeitende ältere Dame in Schwesterntracht nachdem ich mich bei ihr vorgestellt hatte.
Gleich darauf öffnete sich eine der Türen und ein Herr in den Vierzigern kam auf mich zu. «Sie sind also Fräulein Julia, kommen sie doch bitte mit in mein Büro!», sagte er und bat mich sehr freundlich an einem Tisch Platz zu nehmen.
Herr Reinbeck sprach mir seine Anteilnahme aus, berichtete dann aber fröhlich von seinen vielen schönen Erlebnissen mit meiner Oma. Er hatte sie schon viele Jahre gekannt, weil Irma zuvor in eine der dem Heim gegenüberliegenden Häuser gelebt und manchmal in der Pflegeeinrichtung ausgeholfen und später dort auch gegessen hatte.
«Ihre Oma hat immer für Fröhlichkeit gesorgt und wollte vom Alt sein nichts wissen. Es gab hier schon das eine oder andere Gewitter, wenn sie sich wieder mal verbat mit ihr nur über Krankheiten reden zu wollen», bemerkte er offensichtlich amüsiert.
Er sah mich immer dann etwas ernster an und langte zu seinem hinter ihm stehenden Schreibtisch hinüber und hielt mir eine dicke schwarze Kladde entgegen auf deren vorderer Umschlagseite auf einem weißen Schulheftaufkleber in fein säuberlicher Schrift mit blauer Tinte «für Julia» geschrieben stand. Er übergab mir schliesslich dieses Buch und ich schlug sofort die ersten Seiten auf. Diese waren sehr eng beschrieben und zwischen den Seiten tauchten weitere lose Einzelblätter und auch Fotos auf.
«Das kann ich ja gar nicht lesen», sagte ich verblüfft, «Was ist das denn für eine Schrift?»
«Das ist die frühe Handschrift ihrer Großmutter, es ist Sütterlin und das werden sie schon lesen können. Machen sie einfach einen Versuch, dann geht es bald wie von selbst».
Und tatsächlich, schnell hatte ich die ersten Zeilen entziffert und es ging jetzt schon leichter.
«Dann wünsche ich Ihnen viel Spaß damit, oder sagen wir lieber, es möge Ihnen ein Schatz für ihr Leben sein.» «Ich habe, dies wollen Sie mir bitte nicht übelnehmen, selbst etwas darin geblättert»
Ja, da hatte er wohl recht, ein Schatz war das für mich schon jetzt.
Als ich noch am Abend desselben Tages über Irmas erste Liebe las, verschaffte sich ganz urplötzlich ein Gedanke Raum in meinem Kopf. Ich dachte an Benny, jenen lustigen Vogel, der gleich zu Semesterbeginn allen aufgefallen war.
In der ersten Vorlesung hatte der Professor damals ein paar Warnungen ausgesprochen.
«Nehmen sie bloss nicht an, dass Veterinärmedizin allein das ist, was sie mit ihrer sentimentaler Tierliebe verbinden.» warnte er.
Wir würden vielleicht später in Mast- oder Schlachtbetrieben tätig werden müssen und wer sich das nicht zutraue, der solle am besten das Studium genau jetzt abbrechen.
Alle blieben natürlich sitzen. Bis auf einen und das war Benjamin gewesen. Er hatte seine Sachen unter den Arm genommen und war direkt über den Aufgang zur Tür gelaufen. Aber er verharrte dort nur einen Moment und kam dann völlig entspannt lockeren Schrittes zu seinem Platz zurück. Packte seine Sachen wieder aus und lehnte sich zurück um dem Professor weiter zuzuhören.
Dieser war aber genauso perplex wie meine Kommilitonen auch und sagte nach einer kurzen Pause freundlich lächelnd «Und einen Spaßvogel haben wir hier also auch!»
Das war meine erste bewusste Begegnung mit Benny, wie ich ihn später nannte. Wir waren schnell Freunde geworden und hatten in der ersten Zeit auch versucht zusammen zu lernen. Das ging aber gründlich schief.
Benny konnte schlecht bei einer Sache bleiben und erzählte lieber Universitätsgeschwätz als sich zu konzentrieren. Er hat dann auch lange gebraucht sich an ein selbst organisiertes Lernen zu gewöhnen.
Mir war es leichter gefallen, da ich es von jeher gewohnt war, den Schulstoff nachzuarbeiten und nur Dinge notierte, die ich wirklich lernen musste. Was mir sowieso aus der Ausbildung bekannt war, ließ ich weg, da mir das bei Bedarf ganz sicher wieder einfallen würde. Ich hörte also zu, notierte wichtige Stichwörter und arbeitete das ganze immer noch am selben Tag nach. Ein paar Tage später las ich es noch einmal durch und strich dann den Teil der Aufzeichnungen, den ich nicht noch einmal lernen müsste. Manchmal blieb ich nachmittags noch ein paar Stunden in der Universitätsbibliothek um nachzulesen und zu vertiefen, was ich gar nicht oder nicht für mich ausreichend verstanden hatte.
Benny war also wieder in meinen Gedanken aufgetaucht, diesmal in etwas anderer Form. Bisher hatte ich immer darauf bestanden, dass wir nur freundschaftlich miteinander verbunden wären. Warum hatte ich diese Einschränkung eigentlich gemacht?
In der Folgezeit hatten sie viel Spaß. Irma stellte James bald ihrer Mutter vor und da er als einziger über ein Auto verfügte, organisierte er an Wochenenden häufig kleine Ausflugsfahrten in die nähere Umgebung und das Teufelsmoor, bei denen die Mutter und manchmal auch Cousine Hildegard mit dabei waren. Georg hatte dazu keine Lust und sagte häufig abschätzend und in die Länge gezogen: «Dein Amerikaner». Da schwang wohl auch etwas Neid mit, es tat aber unserer Beziehung keinen Abbruch.
Nicht nur Irma, sondern auch ihre Mutter blühten in dieser Zeit förmlich auf und sie sagte dann immer fast schwärmerisch: «So ein netter junger Mann!» Natürlich waren James und Irma aber die überwiegende Zeit alleine mit sich. Gleich am zweiten Abend war es zu einem zärtlichen Abschiedskuss gekommen und Irma war auch nicht so dumm, dass sie meinte, sie könnte davon schwanger werden. Er ließ sich aber Zeit mit ihr und drängte sie nicht weiterzugehen. Bis sie dann eines Tages diejenige war, die ihm unverblümt sagte: «Nun küss mich doch mal richtig, so wie die das im Kino machen.» Sie waren mit dem Auto unterwegs und hatten an einem schönen Platz an der Hamme Rast gemacht. Es war an einem Sonntagnachmittag bei herrlichem Sonnenschein. Es war einfach so aus ihr herausgeplatzt. James sah sie zuerst verdutzt an und schritt dann zur Tat. Nahm sie ganz fest in seine starken Arme und küsste sie voller Leidenschaft. Irma musste schließlich nach Luft ringen als er tolldreist fragte: «War es so richtig?»
Ja, so hatte sie sich das vorgestellt und gewünscht. Jetzt war er ihr Kino-Held und er roch auch noch so gut.
Am letzten Tag der Woche war die Beerdigung meiner Oma. Irma hatte sich gewünscht in aller Stille zu Grabe getragen zu werden und so hatten meine Eltern es auch organisiert. In einer einfachen Trauerkapelle fand ein kleiner Gottesdienst statt. Es war alles sehr berührend und ich konnte meine Tränen fast nicht unterdrücken. Mein Vater nahm mich ganz liebevoll in seinen Arm und so überstand ich das Ganze doch noch irgendwie. Der Pastor hatte die Familie befragt und aus den Erzählungen einen kleinen Abriss über Irmas Leben zum Besten gegeben. Schließlich endete er mit den Worten: «Ein selbständiger Mensch ist von uns gegangen», was insbesondere meine Mutter mit dem Hochziehen ihrer Augenbrauen quittierte. Der schwierigste Moment war für mich, als zum Abschluss ein zu Herzen gehendes Trompetensolo namens «My Way» erklang. Jetzt brach die Trauer aus mir heraus und ich ließ meinen Tränen freien Lauf.
Bei der anschließenden Beisetzung merkten wir erst, dass doch mehr Leute gekommen waren, als wir angenommen hatten. Ein paar Mitarbeiter aus dem Pflegeheim erkannte ich sowie eine Reihe älterer Damen und weniger Herren, die Oma wohl im Pflegeheim kennengelernt hatte oder aus der Nachbarschaft desselben kannte.
Wir, die engsten Verwandten schlossen direkt an die Sargträger an und danach folgten die Menschen in der Reihenfolge wie sie in der Kapelle gesessen hatten.
Wir mussten also an allen vorbei. Ich mochte die Menschen nicht direkt anschauen, da ich nicht wusste, ob man bei einem solchen Anlass grüßte, also schaute ich lieber geradeaus oder nach unten. Dann erkannte ich in der letzten Reihe aber ein mir sehr bekanntes Gesicht. Einen jungen Mann im schwarzen Anzug und weißem Hemd mit dunkler Krawatte. Es war Benny. Wie hatte er davon erfahren? Zu meinen Kommilitonen hatte ich in den Semesterferien eigentlich gar keinen Kontakt gehabt oder zumindest niemandem davon erzählt.
Aber vielleiht hatte er es auf einem ganz anderen Weg in Erfahrung gebracht.
Bei der nachfolgenden Kaffeetafel konnte ich die Menschen, denen es wichtig gewesen war dabei zu sein, endlich ordentlich begrüßen. Ich war dankbar, dass doch so viele gekommen waren und reichte vielen die Hand. Wenigstens mir was das eine große Genugtuung.
Benny hatte ganz schüchtern am Ende der langen Tafel Platz genommen und war froh, als ich endlich auf ihn zugelaufen kam. «Wie hast Du davon erfahren und wieso bist du hier?», fragte ich ihn immer noch erstaunt.
«Na, Du hast einiges erzählt bei unseren Abenden und Herr Reinbeck ist mit dem Mann meiner Schwester verwandt. Durch Zufall hatte ich von der Geschichte des Tagebuches gehört». «Nicht, dass Du das jetzt falsch interpretierst, er hatte nur von dem Buch erzählt aber keine Namen genannt.» «Als aber das Stichwort Tiermedizinerin fiel, wurde ich hellhörig und konnte mir sehr bald alles zusammenreimen. Über Herrn Reinbeck habe ich dann auch herausbekommen, wann die Beerdigung stattfinden sollte.»
«Danke, das ist ganz lieb von Dir, dass Du gekommen bist und Anteil genommen hast, meine Oma war mir schon sehr wichtig.»
«Julia, das weiß ich und das war auch der Grund.»; antwortete er.
Da hatte wohl jemand besser zugehört als ich. Über Benny wusste ich nur, dass er türkischstämmig und in der ersten Zeit an der Universität ein bisschen orientierungslos gewesen war.
«Du bist zu kopflastig und das Tagebuch ist nicht das Einzige, was dich mit deiner Großmutter verbindet!» «Auch Du hast Gefühle und die darfst Du auch zulassen.»; sagte er zum Abschluss mit einem tiefen Blick in meine Augen.
Mir wurde ganz komisch und ich bekam Gänsehaut.
Wir wollten in den Semesterferien noch telefonieren und uns danach ausserhalb der Uni wiedersehen, das war unser gemeinsames Versprechen.
Am späten Abend nahm ich mir wieder die Aufzeichnungen von Oma vor. An das Sütterlin hatte ich mich inzwischen, wie von Herrn Reinbeck vorausgesagt, gewöhnt und las es, ohne dass mir die eigentlich ungewohnte Schrift noch besonders auffiel.
Irma war jetzt oft bei James, der eine kleine Wohnung im Ort gefunden hatte, zu Besuch. Sie kochte für beide und genoss es, dass es finanziell an nichts mangelte.
James verdiente gut und der Dollar war ein wertvolles Zahlungsmittel. Trotz des leidenschaftlichen Kusses an einem der letzten Wochenenden war es zu keinen weiteren Intimitäten zwischen den beiden gekommen.
James konnte sich anscheinend sehr gut zurückhalten, sinnierte Irma. Sie würde wohl wieder diejenige sein müssen, die einen Schritt weiterging.
Bei James übernachten war keine gute Idee, da wäre sie mit zu vielen Fragen konfrontiert worden und es hätte auch wohl Vorwürfe seitens der Mutter gegeben.
Sie wollte aber mehr von der Liebe wissen, James war ihr einfach zu langatmig in diesen Dingen. So kam es ihr ganz gelegen, dass sie eines Nachmittags von einem Regenschauer überrascht wurden und patschenass in der Wohnung von James landeten. Sie würden auf jeden Fall die Kleidung wechseln oder trocknen müssen, hatte sie sich gedacht.
«Darf ich bei Dir meine Kleider trocknen?», fragte sie in einem bewusst unschuldigen Ton. «Mach das»; hatte James nur geantwortet. Im Bad fand sie ein genügend großes Handtuch in dem sie sich eingewickelt James gegenüber auch ohne Kleider präsentieren konnte.
Und so geschah es dann auch. «Ich muss mal meine Haare trocknen», hilfst Du mir bitte mit dem Ofen?»; sagte sie, als sie aus dem Bad zurückkam. Ein Bad, ja das kannte sie vorher gar nicht, zu Hause hatten sie sich nur waschen können und Bäder gab es nur heimlich in der freien Natur.
«Isch möchte dich zunächst etwas sagen»; unterbrach James das offensichtlich von Irma vorgesehene Programm. «Du bist definitely nicht meine erste Frau, nicht meine erste Liebe, aber ich liebe Dich ganz wirklich.» «Ich möchte Dir aber nicht weh tun und ich weiß selber nicht wohin das alles führen wird.» «Das werden wir sehen», entgegnete Irma in einer für sie selber erstaunlich unbekümmerten Weise. «Ich möchte nur kein Kind bekommen und dann sitzen gelassen werden.», fügte sie hinzu.
«Nein, ein Kind wirst Du ganz bestimmt nicht bekommen, wenn wir das nicht wollen»; entgegnete James.
An diesem Abend hatte Irma ihren ersten Geschlechtsverkehr mit einem Mann und sie befand sich danach in einem Taumel aus ganz neuen Gefühlen und auch Besorgnissen. Aber James war insofern erfahren, dass er ein Kondom benutzt hatte und Irma später erklärte, was es damit auf sich hatte. «Dann bin ich noch einmal davongekommen»; resümierte Irma für sich, «aber es war so toll, dass ich es nie wieder vermissen möchte».
So war aus einer Liebelei von einem Tag auf den anderen ein sogenanntes Verhältnis geworden. Sie trafen sich nun regelmäßig um ins Bett zu gehen. Irma offensichtlich viel lieber als James das wollte. Aber das war ihr egal, sie wollte den Mann, den sie liebte auch ganz für sich haben.
Alsbald kamen von der Mutter Fragen, ob sie denn bald heiraten wollten. Obwohl Irma noch nie bei James übernachtet hatte, war der Mutter die Veränderung ihrer Tochter aufgefallen.
«Du kannst kein Lotterleben führen, was sollen die Leute von uns denken»; hatte sie bald darauf gemahnt.
«Entweder ganz oder gar nicht.»
Irma sah das im Grunde genommen auch gar nicht anders, irgendwie musste es weitergehen mit ihrer Beziehung zu James. Übers Heiraten hatten sie bisher nie gesprochen und als es dann eines Tages auf den Tisch kam, hatte James nur geantwortet: «Ja, warum eigentlich nicht. Ich liebe Dich und das ist dann wohl nur die logische Konsequenz.»
Einen richtigen Antrag machte er ihr aber nicht. Es war dann eher die Ausführung dessen, was nach seiner Meinung üblicherweise folgen musste.
Als Benny einige Tage später anrief, kam ich nicht umhin, ihn gleich zu fragen, was er eigentlich damit gemeint hätte, dass ich zu kopflastig sei.
«Ich wollte dich nicht beleidigen, es ist nur so ein Gefühl. Du bist so akkurat bei deinem Studium und machst nichts anderes, das kenne ich so nicht!», antwortete Benny ohne lange überlegt zu haben.
«Darüber habe ich mir ein paar Gedanken gemacht, auch durch das Lesen der Aufzeichnungen meiner Oma. Ich muss da wohl was ändern oder wenigstens auch ein bisschen mehr leben. Die Jahre sind so schnell vorbei»; fügte ich mit bedeckter Stimme hinzu.
Anschliessend schmunzelte ich über meine altkluge Ausdrucksweise.
«Lass uns das in Hannover vertiefen, ich wollte nur hören, wie es dir geht und dir sagen, dass ich dein Freund bin», verabschiedete sich Benny mit sanfter Stimme.
Ja, das war er wohl, ich hatte es schlichtweg übersehen. «Das Leben kann nicht nur aus Lernen und Arbeiten bestehen», sagte ich laut vor mich hin. «Was ich einmal werden wollte, wusste ich schon sehr genau.
Wie ich aber einmal sein wollte, ja darüber hatte ich echt wenig nachgedacht. Nur, wie ich nicht sein oder werden wollte, das wusste ich ziemlich gut.»
Am liebsten wäre ich jetzt schon in Hannover um das Gespräch mit Benny fortsetzen zu können und einen Abend ohne Lernen mit ihm zu verbringen, dachte ich anschließend.
Während der Schulzeit war ich eine der wenigen gewesen, die nicht mit einem Freund aufgetaucht waren oder verlautbaren ließen «ich gehe jetzt mit dem…».
Das waren meistens nur kurzfristige Sachen bei den Schulkameradinnen gewesen, ich hatte mich auch gar nicht dagegen gewehrt, es war mir nur kein Bedürfnis gewesen. Ich galt deshalb wenigstens bei den Jungs als «hochnäsig», wie mir eine Freundin einmal anvertraut hatte. Irmas Tagebuch hatte in mir etwas ausgelöst.
Ich dachte zum ersten Mal intensiv über mich selber nach.
Noch am selben Abend versuchte ich eine alte Schulfreundin, die ich nur noch einmal während meiner Lehrzeit wiedergesehen hatte, zu erreichen. Am anderen Ende der Leitung, meldete sich eine Frauenstimme, die ich sofort als zur Mutter von Karin gehörend erkannte.
«Julia, Karins Schulfreundin?», fragte die Stimme.
«Ja», antwortete ich und Karins Mutter schob gleich hinterher: «Wie geht es dir Kind? Wir haben gehört, dass deine Oma gestorben ist». Im weiteren Verlauf des Gesprächs erfuhr ich, dass Karin gar nicht mehr bei ihren Eltern lebte. Sie war mit ihrem Freund zusammengezogen. «Ich gebe Dir aber gerne ihre Telefonnummer, sie wird wohl gegen 18 Uhr zu Hause sein, ruf sie doch nachher selber an».
«Was wollte ich ihr eigentlich sagen?», gab ich mir selber zu bedenken, wählte dann später aber doch die notierte Rufnummer.
Es meldete sich ein Jens, den ich nirgends einsortieren konnte und so fragte ich nur nach Karin.
«Ja, die ist hier, Moment eben», sagte dieser Jens.
«Hier ist Karin, wer ist denn da?», kam kurz danach etwas aufgebracht durch die Leitung.
«Julia! Ich wollte nur wissen wie es dir geht und ob wir uns mal treffen können? Ich habe gerade Semesterferien und meine Oma ist gestorben, du weißt ja, wie ich an ihr gehangen habe.» Etwas freundlicher rief Karin durchs Telefon: «Julia, Mensch, damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Sehr gerne können wir uns treffen. Für heute ist es aber etwas spät, wie wäre es am Freitagnachmittag bei Stagges?» So verabredeten wir uns für den kommenden Freitag um 16 Uhr. «Es kann etwas später werden», fügte Karin noch hinzu, bis dann, ich freu mich riesig!»
Das war Karin, ein kleines Raubein. In der Schulzeit in den ersten Jahren mehr Junge als Mädchen. Immer für jeden Spaß zu haben und nie kleinlich mit unbedachten Äusserungen oder um eine Antwort verlegen. Vielleicht gerade deshalb war sie meine beste Freundin geworden.
Sie war gänzlich anders als ich. Mit ihr konnte ich auch immer gut zusammen lernen, allein dadurch, dass ich ständig gezwungen war, ihr etwas zu erklären. Das genau brachte aber auch mich weiter. Wie oft hatte sie mich mit großen Augen angesehen und gefragt: «Kannst du mir dies nochmal etwas genauer aufdröseln?» Ich musste innerlich lachen, wir hatten so viel Spaß miteinander gehabt.
In der nachfolgenden Zeit blieb das Thema Heiraten erst einmal ausgeklammert. Irma war neben der Arbeit auch sehr beschäftigt, da sie gerade einen Buchführungslehrgang belegt hatte. Sie wollte nicht allzu abhängig werden und ihre schwebte so etwas wie ein eigener Laden vor, den sie eines Tages eröffnen wollte.
Ihre Treffen mit James waren jetzt an festen Tagen eingeplant, die Wochenenden verbrachten sie meistens mit der Mutter und Cousine. Die Ausflüge gingen auch schon mal etwas weiter. Bremen und Bremerhaven waren nicht allzu weit entfernt und eines Tages fragte James, ob Irma nicht für eine Woche mit ihm verreisen möchte. Er müsste zu einer Schulung nach Hamburg.
«Da wird Tante Traudel aber schief gucken», entgegnete Irma und setzte hinzu: «natürlich komme ich mit, gerne».
Das Gespräch mit Tante Traudel verlief dann doch ganz anders, als von Irma erwartet.
Tante Traudel war eine gute Freundin von Hildegard, der Cousine der Mutter und wohl über alles unterrichtet. So hatte sie auch wohl schon etwas von den Heiratsgerüchten gehört, da Irma ihrer Mutter von ihrem Gespräch mit James schon erzählt hatte.
