Das Leben ist auch nur ein Film - Patrick von Wantoch - E-Book

Das Leben ist auch nur ein Film E-Book

Patrick von Wantoch

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Beschreibung

Justus Bölling, für seine Freunde, wenn er denn noch welche hätte, einfach nur Böller, ist ein nerdiger Verlierertyp, der in eine tiefe Sinnkrise stürzt. Verantwortlich dafür sind 3 Dinge, sein nahender 40. Geburtstag, der Tod seines Vaters und die Einladung zum Klassentreffen seiner alten Schule. Bisher hat er in seinem Leben noch nicht viel hinbekommen und sich auch deshalb von den Menschen entfernt. Er führt ein einsames Dasein, in seiner begrenzten Welt aus Filmen und Musik. Nun, auch mit 39 noch lange nicht erwachsen, muss er sich diesen Dingen stellen und sein Leben endlich auf die Reihe bekommen, wobei er natürlich von einer Katastrophe in die nächste stürzt.

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Das Buch:

Justus Bölling, für seine Freunde, wenn er denn noch welche hätte, einfach nur Böller, ist ein nerdiger Verlierertyp, der in eine tiefe Sinnkrise stürzt. Verantwortlich dafür sind 3 Dinge, sein nahender 40. Geburtstag, der Tod seines Vaters und die Einladung zum Klassentreffen seiner alten Schule. Bisher hat er in seinem Leben noch nicht viel hinbekommen und sich auch deshalb von den Menschen entfernt. Er führt ein einsames Dasein, in seiner begrenzten Welt aus Filmen und Musik. Nun, auch mit 39 noch lange nicht erwachsen, muss er sich diesen Dingen stellen und sein Leben endlich auf die Reihe bekommen, wobei er natürlich von einer Katastrophe in die nächste stürzt.

Der Autor:

Der Autor wurde 1979 in Dortmund geboren und lebt seit 2013 mit seiner Familie am Niederrhein. Hauptberuflich im Finance Bereich tätig, verwirklichte er sich zu seinem 40. Geburtstag seinen lang gehegten Traum und begann nebenberuflich zu schreiben. Das hier vorliegende Produkt seiner Phantasie stellt seinen ersten Roman dar. Weitere sind in Planung.

Widmung

Dieses Buch ist meiner Familie gewidmet:

Meiner Seelenverwandten und geliebten Ehefrau Sabrina, ohne Dich wäre ich nichts und Du bist alles für mich.

Gleichwohl meiner größten Leistung und meinem ganzen Stolz, meiner bezaubernden Tochter Johanna.

Inhaltsverzeichnis

Kleine Gebrauchsanweisung

Schlechte Nachrichten

Aufbruch

Heimkehr

Freundschaft

Heimat

Nächtliche Offenbarung

Bruderliebe

Testament

Frühsport

Männergespräche

Sklavenarbeit

Lohn der Arbeit

Dortmund Rock City

Alte Bekannte

Herausforderungen

Stalking Justus

Es weihnachtet schwer

Aus alt wird neu

Mit dem U-Boot ins neue Jahr

Fußhupe regelt das

LüDo Swish

Hundedate

Wenn die Scheiße einen einholt

Bock auf Kino

Ein perfektes Date

Warum immer ich?

Back in work

Neue Perspektiven

New Girlfriend

Philosophie pur

Von Menschen und Tieren

Scherbenhaufen

Katerstimmung

Die Strafe Gottes

Stehaufmännchen

Masterplan

Geständnis

Projekt Kino

Saisonstart

Drachentöter

Bestes Kino der Welt

Letzte Offenbarung

Nachwort

Danksagung

Kleine Gebrauchsanweisung

Bücher werden in unserem Sprachraum von vorne nach hinten gelesen. Vorzugsweise von der ersten bis zur letzten Seite. Und dabei jede Seite nacheinander, von oben links nach unten rechts. So weit so gut. Der Schluss wird nicht zuerst gelesen, das tut man nicht. So wie man tut nicht schreiben oder sagen tut. Wahrscheinlich soweit nichts Neues.

Was den Spaß beim Lesen jedoch deutlich erhöhen wird, ist sich eine geeignete Musik App zu nehmen und an den richtigen Stellen das jeweilige angedeutete oder paraphrasierte Lied abzuspielen. Falls man den Song nicht auf Anhieb erkennt, kann man ja Sherlock spielen und die Hinweise entschlüsseln. Wenn man gar nicht darauf kommt, es aber trotzdem wissen möchte, weil die Neugierde einen um den Schlaf bringt, so kann man sich gerne beim Autor um weitere Hinweise bemühen. Sonst einfach überlesen. Nun erzeugt Musik bei jedem andere Gefühle und diese müssen nicht zwingend übereinstimmen mit den Gefühlen des Autors oder des Protagonisten. Aber durch die universelle Sprache der Musik gelingt es, eine ähnliche Stimmung zu erzeugen, und der Text ist unabhängig von der Musikrichtung und Vorliebe des Hörers nun einmal der Text, manchmal etwas interpretationsbedürftig, aber doch relativ eindeutig. Ich hoffe, man kann aber auch beim großzügigen Ignorieren dieser Anmerkung seinen Spaß an den folgenden Seiten haben.

Auch wer sich im Kino-Universum nicht ganz so auskennt, soll hier nicht verloren sein, man muss nichts recherchieren und Tonnen von alten Filmen anschauen. Der eine oder andere Gimmick mag ohne eine gewisse Vorbildung aber verloren gehen. Hier ist es mit Stimmungen und Gefühlen ähnlich wie mit der Musik.

Zu guter Letzt muss man sich auch mit dem Basketballsport nicht umfangreich auskennen, einige Fachbegriffe mögen hier zwar fallen, aber der Kontext sollte sich prinzipiell auch so und von allein erschließen.

Im Endeffekt handelt es sich hier um eine kleine, aber feine Geschichte über einen Nerd und wir alle wissen, wie Nerds sind, und dennoch, so hoffe ich, kann die Geschichte unterhalten, auch ohne zusätzliche Apps und Recherchen.

Kapitel 1 - Schlechte Nachrichten

Dieser Tag, der 12.10.2018, mein 39. Geburtstag, war zwar keine Sternstunde der Wissenschaft, ich bin nicht vom Klo gefallen, als ich eine Uhr aufhängen wollte, hatte keine Vision und habe nicht den Fluxkompensator und damit die Zeitreise erfunden.

Aber dennoch war es ein wichtiger Tag für mich, denn er sollte für mich den Startschuss geben für eine Reise, auf der ich meinen persönlichen Sinn des Lebens finden, mich selbst begreifen und akzeptieren, vielleicht sogar ein wenig mögen lernen würde.

So hochtrabend das Ganze auch klingen mag, so banal stellten sich die ersten Schritte dar. Schlaftrunken, kaum die Augen aufbekommend, schlurfte ich vom Bett durch die Diele in das kleine Badezimmer mit den kackbraunen, vielfach gesprungen Fliesen. Die benannte Farbe passte perfekt zu meinem allmorgendlichen Vorhaben, wie ich abermals amüsiert feststellte.

Monchi’s Stimme erklang dabei in meinem Schädel und sang sehr eindringlich, davon wie im Arsch er sei. Die Tür nicht hinter mir schließend, ließ ich meine Nike-Shorts, ein Überbleibsel aus vergangenen Basketballtagen, die ich zumeist zum Schlafen trug, Richtung Knöchel gleiten und setzte mich auf meinem persönlichen Hort der Ruhe und Glückseligkeit. Dabei schob ich mir eine Zigarette in den Mundwinkel, zündete diese beiläufig an und nahm einen tiefen Zug. Dieser brachte mich gewohnheitsgemäß zum Husten, ein Zeichen meines Körpers, das Ganze eventuell doch lieber zu unterlassen, das ich aber genauso erfolgreich ignorierte, wie die meisten anderen Zeichen auch.

Seit heute war ich unstolze 39 Jahre alt und hatte gestern allein mit einer Flasche Whisky in diesen Geburtstag hineingefeiert, wie gewöhnlich. Nimmt man die durchschnittliche Lebenserwartung eines Mitteleuropäers, dann sah ich noch 48 weiteren Jahren entgegen, wobei die Weichen bis zu einem gewissen Grad natürlich bereits gestellt sind. Ich werde kein Rockstar mehr und werde nicht nach Konzerten haufenweise Groupies vernaschen. Irgendwie schade.

Und wenn ich nicht endlich mit dem Rauchen aufhörte, würde sich die Anzahl meiner verbleibenden Gelegenheiten, mich lächerlich zu machen, auch noch dramatisch verringern. Profibasketballer werde ich ebenso wenig. Schade, war ebenfalls ein Kindheitstraum von mir. Ich spiel heute noch gerne ab und zu, meistens bleibt es aber eher beim Zocken an der X-Box und ich glaube, der Freiplatz und die Couch sind von der NBA so weit entfernt wie die New York Knicks von einer Meisterschaft.

Wo war ich, ach ja ich bin so alt, dass die Kids auf dem Freiplatz mich neuerdings Siezen und wollte erklären, wie dieser Verbaldurchfall (oder ist es Literaturdünnschiss?), den ich mein Leben nenne, und den der geneigte Leser gerade in den Händen hält, zustande gekommen ist.

Ich saß also hier auf meinem Klo, meine Haare bekamen unaufhörlich einen nicht mehr wegzudiskutierenden Grauschimmer und am Hinterkopf kam meine sonnenempfindliche Haut langsam zum Vorschein. Die einstmals stolzen Bauchmuskeln waren nach wie vor stolz, versteckten sich nur hinter einer isolierenden Fettschicht. Ich bin noch nicht so breit wie hoch, jedoch auch nicht mehr weit davon entfernt im Sommer Schatten zu geben und im Winter warm zu halten. Danke Belafarinrod für dieses göttliche Bild. Musikalisch bin ich etwas berlinorientiert. Ich bin damit aufgewachsen, genau wie mit den Drei Fragezeichen, aber zu denen kann man nicht besoffen grölen. Die Ärzte sind was für jede Lebenslage, die Detektive was zum Einschlafen. Ich fürchte, es werden noch öfter im Verlaufe dieser Geschichte Songtitel von den drei verrückten Berliner Jungs auftauchen, aber was soll’s, es ist nun mal einfach die beste Band der Welt.

Wie ich aussehe? Größe, na ja so um die 1,90, wobei so ohne die gesunde Selbstüberschätzung, die Schuhe und die Leiter eher so um die 1,80. Durchschnitt halt. Was noch? Blond, blaue Augen, 90-60-90. Ach nee, das war das mit der Traumfrau. Ich bin eher so dunkelbraun (neuerdings ein wenig gräulich) behaart, habe ebenfalls braune Augen und bin recht sportlich. Oder zumindest war ich das mal.

Mein Leben begann in einem kleinen idyllischen Dörfchen, ohne Römer drum herum, dafür mit ca. 1,65 Mio. Einwohnern. Ein bisschen rum recherchiert, Wikipedia kann einiges, und ich kann darüber hinaus noch zu Protokoll geben, dass es sich hierbei um eine Großstadt in Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland im Westen Deutschlands handelt. Gleichzeitig ist sie das Wirtschafts- und Handelszentrum Westfalens und sowohl die größte Stadt dieser Region, als auch des Ruhrgebiets. Dortmund halt.

Aber da keiner Klugscheißer mag, muss ich wohl wieder Punkte gut machen, also sage ich aus tiefstem Herzen: Scheiß Schalke! So, jetzt habe ich es mir mit den Gelsenkirchenern versaut. Und wenn schon. Die werden eh niemals Meister (und waren es auch noch nie in meinem Herzen) und jetzt dürften zumindest die fußballerischen Fronten geklärt sein. Bei dieser Gelegenheit gleich ein Appell an Campino, der Text von Bayern sollte erweitert werden um diesen blau-weißen Gurkenverein, wobei eigentlich zieht man ja nur über echte Konkurrenten her, also vielleicht sollte Campino das doch so lassen, wie es ist, schönes Lied, nette Melodie, wahrer Text. Und mal Hand aufs Herz, die Bayern kann ja eh keiner leiden. Also den Verein, nicht die Menschen.

Aber das soll jetzt erst mal zum Fußball reichen. Nur eins noch: Bitte gebt unserer Fußball-Hochburg, der schwarz-gelben Wand, den besten und lautesten Fans der Liga ihre Identität zurück und benennt das geilste Stadion der Welt wieder so, wie es doch sowieso von allen Dortmundern genannt wird: Westfalenstadion! Hast Du schon mal gesagt oder gehört: „Hömma, Samstach gehn wa innen Signal Iduna Park, Schalke putzen!“ Meinetwegen gehe ich sammeln, ich denke, es werden Minimum 81.365 und dann noch viele Fernsehzuschauer und Radiohörer zusätzlich mitziehen und dann schmeißen wir der Signal Iduna das Geld vor die Füße und sehen zu, wie unser Tempel seinen alten Namen wiederbekommt. Bitte.

Ich schweife immer wieder ab, komme aber gleich zum Punkt. Versprochen. Ich brenne für drei Dinge: Filme, Basketball und Musik. Wegen zuletzt Genanntem bin ich übrigens auch der Meinung, mein Leben sollte einen Soundtrack haben. Vielleicht ist es ja schon aufgefallen, dass in vielen Situationen immer wieder irgendwelche Songs in meinem Kopf auftauchen, das mache ich nicht extra, das kommt ganz automatisch und ich kann es nicht verhindern. Es gibt sehr viele Bands und Künstler, die ich im Laufe der Jahre schätzen gelernt habe. Die mich immer begleiten, etliche Songs, Alben, Konzerte und Festivals. Alle hier aufzuzählen wäre jedoch zu viel des Guten, weshalb ich mich auf das Treppchen des guten Geschmacks beschränken möchte.

Die Bronzemedaille geht nach Münster, genauer gesagt nach Ibbenbüren, super Musik, tolle Menschen, unglaublich geile Live-Performances, ob englisch ob deutsch, immer klasse, jederzeit sympathisch. Donots eben. Eine Band, die sich stets neu erfunden hat und sich trotzdem treu und auf dem Boden geblieben ist.

Die Silbermedaille meines persönlichen guten Geschmacks geht nach Hannover an Fury in the Slaughterhouse / Wingenfelder. Grandiose Musik, Storytelling für Erwachsene, ebenfalls englisch wie deutsch überragend. Megasympathische Menschen, Vollblutmusiker und live eine Offenbarung, haben sie mich seit frühester Jugend begleitet. Danke für eine fantastische Zeit. Leider gibt es die Band nicht mehr (zumindest Fury in the Slaughterhouse nicht) bzw. nur ab und zu wird sich zu vereinzelten Konzerten zusammengerauft. Und jetzt ist es tatsächlich so weit. Ich habe bei meinen Eltern als Kind nie verstanden, warum die Musik, die sie hörten, ausschließlich von Leuten stammt, die schon lange nichts mehr machen oder gar tot sind. Nun bin ich selbst alt und eine meiner absoluten Lieblingsbands ist Geschichte.

Last and never ever least, geht die Goldmedaille natürlich, wie bereits zaghaft angedeutet, nach Berlin. Drei sympathische Volldeppen, die grandiose Texte schreiben, diese mit wunderschöner Musik veredeln und live unglaublich sind. Ich kenne keine Band, die einen solchen Spaß an ihrer Berufung hat und diese so genial mit ihren Fans teilt. Wenn ich ein Lied der Die Ärzte höre, (Ich weiß, die Schreibweise sieht komisch aus, aber da bestehen die Drei drauf) geht es mir besser. Egal ob unsinnig, traurig, witzig, scharfzüngig, die Texte und die Musik bedeuten für mich ein Lebensgefühl, einen Lebensstil. Auch solo scheuen die Jungs sich nicht, etwas Großartiges darzubieten, wenn ich hierzu auch anmerken muss, trotz genialer Sololieder und sehr, sehr guter Konzerte, die Magie kommt nur zustande, wenn Belafarinrod gemeinsam auf der Bühne stehen. Dass sie solo den Anderen immer noch überlegen sind, zeigt hier wohl ihre Klasse. Macht weiter so, von mir aus auch länger als die Stones, denn so zum Affen wie die mit fast 70 macht ihr euch schon eure ganze Karriere lang, aber wissentlich, willentlich und mit viel Spaß und Herzblut.

Denkt man mal über den Soundtrack des eigenen Lebens nach, merkt man, Musik macht das Leben besser. Frei nach dem grandiosen, fantastischen, oft kopierten und niemals erreichten Film Absolute Giganten, in dem der Protagonist Floyd, wunderbar gespielt vom leider viel zu früh verstorbenen Frank Giering, feststellt, dass Musik allgegenwärtig sein sollte. Mit der Begründung, wenn es grad scheiße ist, wäre zumindest noch die Musik da. Und wenn es gerade am schönsten ist, solle die Platte springen und der Moment sich auf ewig wiederholen. Floyd, hatte absolut Recht. Und als ZSK aus diesem besten aller Filmzitate eine Punkhymne schufen, schloss sich der Kreis. Genug der Plattenbesprechung und weiter im Text, ich muss echt anfangen, mich zu konzentrieren.

Röchelnd öffnete ich den ersten der Briefe, die ich auf meinem Weg aus dem Flur aufgeklaubt hatte. Eine freundliche Erinnerung meiner allseits beliebten Hausbank mit dem dicken, roten S, dass ein Dispokredit keine Lebenseinstellung war und ich mein Konto aber mal so was von subito ausgleichen solle. Ablage P.

Der zweite Brief sprach dem ersten Ansinnen Hohn, indem die gleiche Bank mir überschäumend zum Geburtstag gratulierte. Ein vorgefertigter Vordruck, in dem auch noch mein Name falsch geschrieben war.

Der dritte Brief weckte jedoch augenblicklich meine ungeteilte Aufmerksamkeit, ein Schreiben meines alten Gymnasiums, in dem ich zum Klassentreffen eingeladen wurde. 20-jähriges Jubiläum stand dort in fetten Lettern.

„Ist das wirklich schon so lange her?“, sagte ich halblaut vor mich hin und mein Cineasten-Hirn ergänzte unsinnigerweise ganz in der Stimme von Doc Brown, dass das hier alles gewesen sei und der alte Peabody hier Fichten anpflanzen wollte. Macht gar keinen Sinn? Natürlich nicht, aber als womöglich größter Moviefan auf Erden schalteten meine Synapsen ganz automatisch und beendeten den Satz für mich mit einer kurzen Passage meines Lieblingsfilms, den ich notfalls auch komplett mit- oder nachsprechen konnte, und das Ganze kam mir noch nicht mal merkwürdig vor, sondern gehörte zu meiner Wenigkeit, wie meine etwas zu breit geratene Nase. In genau einem Jahr sollte das Ganze stattfinden, an meinem 40. Geburtstag, na wie toll.

Mein Blick fiel auf die beigelegte Namensliste meines Jahrgangs, die ich unbewusst nach zwei Namen absuchte und auch schnell gefunden hatte: Jan Butze, mein (damals) bester Freund und Sandra Steinert, die unerfüllte Liebe meines Lebens. Für mich zog eine Zusammenfassung aller möglichen skurrilen Begebenheiten meiner Schulzeit an meinem geistigen Auge vorbei und ich war fassungslos, dass diese beiden Namen nach all dieser Zeit noch immer eine so starke emotionale Reaktion in mir hervorriefen. Doch auch viele andere Namen ließen mich einige Tage meiner Jugend erneut im Schnelldurchlauf durchleben. Ich kam mir wieder vor wie 16. Kumpels, Erzfeinde und viele für mich nicht zuordenbare Gestalten blickten mir namentlich entgegen und buhlten um ein Stück meiner Aufmerksamkeit, in dem allgemeinen Strudel der Erinnerungen, die auf mich einstürmten. Schulzeit inklusive Klassenfahrten: ein spezielles und beliebtes Thema, vor allem hinsichtlich der Gruppendynamik in einem bestehenden Klassenverband. Wer da mit wem, was oder auch nicht, dann vielleicht doch, halb oder ganz, offen oder heimlich macht und was daraus entsteht. Heftig.

Um diesem Treiben ein Ende zu setzen, legte ich diesen Brief zunächst zur Seite und widmete mich dem letzten Poststück dieses Tages, einem offiziell wirkenden Schreiben der Anwaltskanzlei Scharfenberg, fett adressiert an Herrn Justus Bölling, meine Wenigkeit, falls ich das noch immer nicht erwähnt haben sollte.

Nach dem Öffnen wurde ich erneut von einer Woge der Erinnerung erfasst und meine Gefühle begruben mein rationales Denken unter einem großen Geröllberg. Die Zigarette, die sich aus meinem Mundwinkel löste, um wie eine ferngelenkte Cruise Missile auf meinem besten Stück zu landen tat beim Aufprall zwar weh, konnte mir aber keine zusätzlichen Tränen entlocken, da ich bereits, sehr unmännlich laut schluchzend versuchte zu verstehen, dass mein Vater gestorben war.

Kapitel 2 - Aufbruch

Nach einiger Zeit, als alles aus mir rausgekommen und Pisse, Scheiße sowie Tränen versiegt waren, erhob ich mich schwerfällig. Meine Beine waren eingeschlafen und kribbelten unangenehm, trugen jedoch mein leichtes Übergewicht zum Waschbecken. Dort angekommen spritzte ich mir etliche Hände Wasser ins Gesicht und betrachtete mich im Spiegel.

Ein verheultes Gesicht schniefte mir entgegen und die Erkenntnis, dass ich nun endgültig mutterseelenallein war auf dieser Welt, sickerte langsam in mein verkatertes Hirn. Ich hatte zwar noch einen Bruder, aber zu dem hatte ich in den Jahren seit dem Zivildienst noch weniger Kontakt gehabt, als zu meinem Vater. Und anscheinend hatte Oliver, dieser elende Kotzbrocken, mich ja auch noch nicht einmal über Papas Tod informiert. Das Familienverhältnis zu meinem Vater und meinem Bruder hat vor allem nach dem frühen Tod meiner Mutter vor einigen Jahren stark gelitten. Mein Vater konnte zudem mit meinem Lebensstil des kiffenden, ewigen Studenten wenig anfangen und wir haben uns einfach so lange auseinandergelebt, bis wir uns nichts mehr zu sagen hatten. Als ich das Studium dann auch noch abgebrochen habe, war endgültig Feierabend.

Mein Bruder mutierte im Laufe der Jahre zu einem noch größeren Arschloch, als er ohnehin schon immer war, von daher war der endgültige Bruch recht einfach zu realisieren und hat bis heute Bestand. Verständlicherweise, da meine Mutter, die uns Sturköpfe immer zusammengehalten hat, nun ja leicht verhindert war. Jetzt bereute ich das natürlich alles schlagartig. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Meine Familie? Wie ich aufgewachsen bin? Ich war ein Wunschkind! Jawoll! Vielleicht bin ich eine herbe Enttäuschung geworden, aber erst mal war ich ein Wunschkind. Ich habe etliche Jahre den Kinderwunsch meiner zukünftigen Eltern ignoriert und dann ganz trocken, als schon fast alle Hoffnung aufgegeben war, mit zweiwöchiger Verfrühung das Licht der Welt erblickt. Nachdem ich zwei Wochen nachgetoastet worden bin, durften meine überaus stolzen Eltern mich dann endlich mit nach Hause nehmen, wo ich dann den Begriff Schreibaby nicht nur neu erfunden, sondern auch rückwirkend durch die Zeit auf die Welt losgelassen habe und das ganz ohne Fluxkompensator. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Eltern in dieser Zeit ihre Turnübungen bereut haben oder sich mit Kindesmordgedanken herumschlugen, aber na ja, so war es eben. Als ich diese Phase überwunden habe, soll ich ein ganz nettes Kind gewesen sein, mir fehlen dazu die Erinnerungen als Beweis.

Alles lief eine Zeitlang gut, wir lebten in einer schönen Doppelhaushälfte im Dortmunder Westen, es war friedlich, idyllisch und perfekt. Doch als ich etwa zwei Jahre alt war, geschah es, meine Mutter wurde immer dicker. Das Grinsen auf dem Gesicht meines Vaters immer breiter und dann etwa neun Monate später…

...hatte ich ein Brüderchen bekommen. Die ersten 16 Jahre seines Lebens versuchte er alles, um mich fertig zu machen, zumindest aus meiner Sicht, schon durch seine bloße Anwesenheit, weshalb ich folgerichtig das Gleiche tat. Ehrensache. Ich glaube, die Feindschaft begann spätestens als meine Mutter eines schönen Tages mit uns spazieren gegangen ist und Baby Oliver meinen ach so geliebten Teddy aus dem Kinderwagen warf, den ich in einem Anflug von Liebe in seine Obhut gegeben hatte. Natürlich fällt so was erst auf, wenn man wieder zu Hause ist und keine Chance mehr auf Rettung besteht. Man könnte jetzt argumentieren, dass er jung war und das Geld brauchte, ich meine, jung war und es nicht mit Absicht gemacht hat, doch das glaube ich nicht. An diesem Abend hat er mich angegrinst und er sah aus wie Reagan. Und ich könnte schwören, gesehen zu haben, wie er den Kopf einmal komplett herumgedreht und grünen Schleim direkt strahlweise ausgekotzt hat.

Hier wurde der Grundstein gelegt, für jahrelange Racheaktionen, um meine stark verwundete Seele zu reparieren. Beispielhaft seien hier erwähnt, wie es z.B. bei einem Wrestlingkampf (ich war Bret The Hitman Hart und er der One-Two-Three-Kid), bei dem es um einen selbstgebastelten Gürtel aus Pappe ging und der im Madison Square Garden (lies: auf dem Bett der Eltern) ausgefochten wurde, zu einem folgenschweren Finishing-Move kam, der mein Brüderchen für etwa eine Woche außer Gefecht setzte. Der Einmarsch erfolgte unter der Original-Musik von Kassette, nix mit streamen und die Rede ist natürlich von dem Sharp-Shooter. Es könnte sein, dass ich nach seiner Aufgabe ein bis zwei Min.… ähm… Sekunden weitergezogen habe. Aber das kann er nicht beweisen. Oder zumindest konnte er das bis heute nicht. Jetzt weiß wahrscheinlich niemand, wovon ich rede. Also das geht ungefähr so: Der Gegner liegt auf dem Bauch. Im Idealfall hat man ihn vorher umgemöppelt, sonst lässt der sich das ja nicht gefallen. Man selber hockt sich dann auf den Rücken des Gegners, verschränkt dessen Beine über den eigenen Knien und benutzt dann sein komplettes Gewicht, um die Beine des Gegners und vor allem dessen Knie so weit zu überdehnen, dass dieser vor Schmerzen aufgibt. Ist halt ein Aufgabegriff, ein Submission-Hold. Wie dem auch sei, er konnte danach eine Woche nicht laufen, weil ich ihm sämtliche Bänder überdehnt habe.

Oder die Sache, als ich ihm eine Phobie beschert habe, die bis heute anhält. Er hat Angst vor Clowns. Ich weiß beim Besten willen nicht mehr, wie alt er damals war, aber ich hatte ihn eine wunderschöne Stephen-King-Verfilmung sehen lassen, die mit dem Pronomen als Titel. Mal abgesehen davon, dass er sich noch heute fürchtet und als Erwachsener den Film zwar gekauft, aber nach wie vor seit Jahren eingeschweißt und original verpackt im Regal stehen hat, ist mein Plan jedoch nur halb aufgegangen. Er hatte sich schon damals direkt und so was von unmittelbar revanchiert, auf eine Weise, mit der ich beim besten Willen nicht rechnen konnte. Und zwar, indem er bei einer besonders gruseligen Szene vor Angst in mein Bett gekotet, nach unserer Mama geschrien hatte und diese ganz trocken seine Wurst in meine noch fast volle Chips-Tüte gepackt hat und beide, Brüderchen wie Würstchen mitgenommen hat. Ein bisschen Ärger gab es auch. Aber das war schon ok. Er hatte es verdient. Nur leider konnte ich ein paar Wochen keine Chips mehr sehen.

Ansonsten hatte ich eine sehr schöne Kindheit. Eine, in der die Kinder der Nachbarschaft in den Ferien morgens an der Tür geklingelt haben und einen zum Spielen abholten. Ich weiß nicht, ob Kinder heutzutage noch draußen spielen: Verstecken, Fangen, Fußball, Masters of the Universe mit selbstgebastelten Holzschwertern. Heute sitzen die nur vor dem Fernseher, am Computer oder am Handy. Wenn sie nicht total verfettet sind, spielen sie vielleicht mit der Wii. Das sind dann die, die später nicht zwingend Diabetes, Adipositas und was weiß ich für Einschränkungen haben. Ich glaube, richtig spielen können die gar nicht mehr. Vor allem können die Kids sich heute nicht mehr mit sich selbst beschäftigen. Ich konnte das immer sehr gut, vor der Pubertät, aber besonders gut während und danach. Ich meine jetzt aber nicht nur Onanie, sondern alleine spielen, lesen, malen und so weiter.

Meine Eltern waren großartig und viel mehr kann ich dazu nicht sagen, ohne erneut in Superlativen zu verfallen. Ich wurde in keiner Weise traumatisiert, nicht durch Übergriffe, Gewalt, Streitereien, durch nichts was heutzutage anscheinend in Familien üblich und an der Tagesordnung ist. Vor allem in Familien, deren Kinder Schantalle, Schaqueline und Kevin heißen. Nur Liebe, Respekt, Verständnis, Geborgenheit. Ich könnte diese Liste ewig fortführen.

Ansonsten war meine Kindheit wie gesagt, so schön und ereignislos, wie jedermanns Kindheit eigentlich sein sollte. Keine großen Skandale oder Tragödien, nur Kind sein und das aus vollem Herzen, mit Popeln und allem Drum und Dran. Und bei diesem Gedanken dröhnte Sahnie’s Stimme in meinem Innenohr und gab Wie ein Kind zum Besten. Das ungeliebte frühe Mitglied der Punkverräter aus Berlin war und ist ein Spacko, aber das Lied ist trotzdem eingängig.

Geboren und aufgewachsen bin ich, wie bereits erwähnt, im tiefsten Ruhrgebiet. Während meiner wenig erfolgreichen Schullaufbahn habe ich die 7. Klasse direkt zweimal gemacht, weil ich so viel Freude daran hatte. Und mein Abitur habe ich 1999 auch nur mit Ach und Krach geschafft, dann bin ich anschließend meiner Bürgerpflicht nachgekommen und habe meinen Zivildienst in einem Altersheim abgeleistet. Klischee, ick hör dir trapsen. Da ich aber aufgrund des NCs keinen Studienplatz in meiner Heimatstadt ergattern konnte, hatte ich selbigen dann halt in Bielefeld angenommen, war quasi ausgewandert. Ausgerechnet in die Stadt, die es eigentlich nicht gibt. Passt, denn gerissen habe ich hier nichts und irgendwie hat es mich, seit ich hier war, auch nur bedingt gegeben.

Das war im Jahr 2000 und hier saß ich nun, 18 Jahre später, im Badezimmer meiner aktuellen WG Wohnung, die ich mit zwei weiteren Versagern teilte, mit Björn und Ralph, dem versoffenen Gespann. Die haben ihr Studium zwar noch nicht aufgegeben, sind aber von einem akademischen Grad so weit entfernt wie ich vom Nobelpreis. Ich hingegen habe nach 13 erfolglosen Jahren des Studiums das Handtuch bereits 2013 geworfen. Die Studiererei war mir nicht bekommen. 26 Semester, die ich komplett vergeudet hatte. Kein Abschluss, nichts gelernt.

Seitdem habe ich eine meiner drei Leidenschaften quasi zum Beruf gemacht und mich in meiner ehemaligen Stammvideothek, in der ich zu jobben angefangen hatte, als mein Dad mir den Geldhahn zudrehte, von einer Aushilfe zu einem Teilzeitangestellten, bis hin zum Filialleiter hochgearbeitet. Welch grandiose Leistung. Ja, mein ganz eigener glamouröser Lebensstil als Clerk. Oft fühlte ich mich auch wie Dante in diesem wundervollen Film. Ich habe diesen Job immer geliebt, den ganzen Tag mit Filmen beschäftigen, beraten, die neuesten Streifen zuerst in den Fingern. Über Nacht kostenlos ausleihen und brennen, da mein Chef mir wenig bezahlte, holte ich so wieder etwas Geld rein, dass ich ansonsten ja ohnehin noch zusätzlich wieder dagelassen hätte. Trotzdem habe ich diese Zeit der schlechten Bezahlung, beschissenen Arbeitszeiten und des absoluten Null-Standings in der Gesellschaft immer total genossen. Aber nun war es auch nur noch eine Frage der Zeit, das große Videothekensterben hatte dank Netflix und Amazon Prime Video bereits eingesetzt und wenn ich mir unseren Umsatz so anschaute, würde das bei uns auch nicht mehr lange dauern und ich stünde buchstäblich auf der Straße.

Ich konnte gerade keinen klaren Gedanken mehr fassen. Soweit neben mir stehend, dass ich mir selbst hätte zuwinken können, tat ich etwas, das ich schon ewig nicht mehr getan hatte, was zu einem anderen, früheren Leben zu gehören schien. Aber es fühlte sich einfach richtig an. Ich packte mich in meine Basketballklamotten, die Schuhe fand ich erst nach ausgiebiger Suche ganz unten, hinten im Kleiderschrank, begraben von ausgemusterten Klamotten. Ich pumpte meinen alten, fast profillosen Ball auf, der auf dem Schrank seine vorerst letzte Ruhestätte erhalten hatte und verließ die schmuddelige WG Wohnung in Richtung Freiplatz. Das einzig Sinnvolle in diesem Moment, wie mir schien. Meine zweite Leidenschaft: Basketball.

Tja das waren früher noch Zeiten. Ball spielen mit den Jungs. Stundenlang. Tagelang. Täglich. Auch im Winter, dann wurde vorher Schnee gefegt. Oder im Dunkeln, dann wurden halt die Scheinwerfer des Autos auf den Court gerichtet. Auch wenn das des Öfteren Verletzungen nach sich gezogen hat. Das Spielen ohne Sichtkontakt, nicht die Scheinwerfer. Nur Regen und Sturm gingen gar nicht. Dann mussten wir doch den Luxushallenscheiß durchziehen.

Als Heranwachsender hatte ich meinen eigenen Korb. Da wurden Schlachten geschlagen. 1-on-1, 2-on-2, oder 3-on-3. Der Ring war gegen Ende so weich, dass man den Ball nur in die ungefähre Richtung geschmissen hat, und dieser wurde dann eingesogen wie von einem schwarzen Loch. Ich möchte gerne wissen, wie viele Bälle durch diese Reuse geswisht sind. Die Best-of-Seven-Series waren jahrelang lebensbestimmend. Es gab nichts Wichtigeres, nichts Schöneres. Anders als im Leben konnte man, wenn man verloren hatte immer eine Revanche einfordern, selbst wenn die Knie nachgaben, die Hände wund waren und man den Ring mehr erahnen als sehen konnte. Für ein Spielchen war immer noch genug Power da. Es war das Spiel an sich, die Challenge, die mich begeistert hat und es noch heute tut.

Infiziert wurde ich mit dem besten Hallensport der Welt in den Jahren 1992 und 1993. Da war ich 13 und hatte erkannt, dass weder Fußball noch Handball meine Sportarten waren. Zumindest zum selbst ausüben. Wobei im Falle von Handball: Ist auch echt ein scheiß Sport. Fußball ist da was ganz anderes, aber ich schaue lieber zu. Sorry, Papa. War eine herbe Enttäuschung für meinen Dad. Tut mir leid aber die (Basketball-) Macht war stärker in mir.

Generell ist in Deutschland in dieser Zeit ein regelrechter Basketball-Boom entstanden. 1992 hatte das Dream-Team die ganze Welt bei den Olympischen Spielen begeistert. Deutschland wurde 1993 überraschend Europameister. (Ja, die Deutschen haben schon vor Nowitzki, dem German GOAT, Basketball gespielt.) Scheiß auf das Wunder von Bern. Das war wirklich ein Wunder.

In der NBA schlugen, die Chicago Bulls mit dem besten Spieler aller Zeiten (für die Leihen oder die, die der Meinung sind, Lebron könnte ihm das Wasser reichen, schreibe ich seinen Namen noch mal explizit hin: Michael Jordan) mein Lieblingsteam, die Phoenix Suns, um den besten Power Forward aller Zeiten (Nein, ich rede nicht von Karl Malone oder Tim Duncan, sondern vom Sir) in der besten Endspiel-Serie aller Zeiten (verdammt viele Superlativen hier) mit 4:2 und sicherten sich so vor His Airness erstem Rücktritt und Baseball-Ausflug den Three-Peat.

In meiner Schule gab es auf einmal eine Basketball-AG, die aber nur den Zweck hatte, junge Spieler für den neu gegründeten Vorort-Verein zu rekrutieren. Ja und, ich habe natürlich mitgemacht. Obendrein gab es das erste große, von Adidas ausgerichtete Streetball-Turnier hier in Dortmund rund um die Westfalenhalle. Die sich damals übrigens in unmittelbarer Nähe zum Westfalenstadion befand. Heute steht sie nur noch in unmittelbarer Nähe zum, würg, Signal Iduna Park.

Da hatten sie mich, und bis heute hat meine Faszination für Naismith‘s Spiel nicht nachgelassen, auch wenn ich nicht mehr jede Nacht im DSF die Spiele verfolge (ich glaube, auch DSF gibt es gar nicht mehr) und versuche die Fick-Werbung, zu ignorieren, wie früher. Wobei das als junger Teenager noch sehr aufregend war, später aber zunehmend lästig wurde. An dieser Stelle danke Buschi für viele tolle Spiele und Nächte! Ich weiß, du bist nicht meine Mutter!

Mein alter, schrottreifer Golf 2 sprang nach einigen Versuchen an und ich fuhr mit laut aufgedrehtem Radio und heruntergelassenen Fenstern durch die Gegend, um einen geeigneten Platz zu finden. Da im Radio wieder nur Schrott lief, schob ich eine CD, die ich wahllos vom Beifahrersitz aufklaubte, in den CD-Schacht und Bela stellte mir mit seiner unnachahmlichen Stimme die musikalische Frage, ob das alles sei. Wie passend. Ich musste einige Zeit umherfahren, durch die Wirrungen dieser von mir ungeliebten Stadt, in die ich studientechnisch ausgewandert war, auf der Suche nach meinem persönlichen Heiligen Gral. Die Freiplätze waren gefühlt auch nicht mehr so häufig, wie in meiner Jugend, doch nach 20 Minuten fand ich einen. Keine Schönheit, aber nutzbar und den Umständen durchaus angepasst.

Um den Kopf frei zu bekommen, verfiel ich in die Routine einer vergangenen Zeit und nahm einen Wurf nach dem anderen. Der Court hatte einen rissigen Betonboden, keine Linien, der Ring hing ein gutes Stück runter und das Netz war nur ein zerfleddertes Anhängsel. All das störte mich in keiner Weise, passte es doch zu meiner desolaten Geistesverfassung. Ich kannte die Abmessungen und Entfernungen im Schlaf und hatte ein natürliches Gefühl, welche Linie wo hätte sein müssen. Ich gewöhnte mich an das Ringniveau und machte die Shooting-Drills, die ich als Jugendlicher millionenfach durchgezogen hatte. Dreier, Mitteldistanz, Freiwürfe, Korbleger. Mein Körper übernahm, mein Kopf wurde frei. Eine Flow-Erfahrung, die ich schon ewig nicht mehr hatte.

In meiner Jugend und im jungen Erwachsenenalter hatte ich den besten Hallensport der Welt mit viel Leidenschaft und Akribie betrieben. Vier mal die Woche Training, am Wochenende Spiele und Turniere. Ich war gar nicht schlecht und hatte sogar in der Stadtauswahl gespielt. Von dieser Form war heutzutage bedauerlicherweise nicht mehr viel übrig. Wie in amerikanischen Sportfilmen, wo die High School Sporthelden nur alt, fett und verbittert werden, weil ihr Leben so einfach nicht weitergehen konnte. Versager, wie ich einer war. Luschen.

Doch schwitzend und keuchend machte ich weiter, die Wurfquoten wurden besser und der Plan meiner nächsten Schritte nahm von selbst Gestalt an: Ich würde nach Hause fahren, nach einer kurzen Dusche alle meine Sachen, viele waren es ja nicht, in die Karre packen und ab in die Heimat, Job und Wohnung kündigen und nicht mehr zurückkehren. Mich dann in Dortmund um den Nachlass meines Vaters kümmern, die Beerdigung hatte ja bereits ohne mich stattgefunden, mir eine Übernachtungsmöglichkeit suchen und mir dann ganz in Ruhe überlegen, wie mein Leben weitergehen sollte.

Da es keine außergewöhnlichen Zwischenfälle gab, benötigte ich für die Abwicklung meiner Bielefelder Existenz weniger als drei Stunden. Schon traurig, so ein Eremitendasein. Mein Chef schien ganz glücklich zu sein, dass er mich nicht in absehbarer Zeit kündigen müsste, und ich wohnte ohnehin schwarz in der WG, also musste da nicht groß was gekündigt werden. Es war Björns Wohnung, Ralph und ich waren nicht offiziell gemeldet, so spart man sich Nebenkosten und die GEZ.

Ich pinnte meinen Mitversagern noch eine Notiz an den Kühlschrank, dass diese sich die Miete in Zukunft durch zwei teilen oder einen neuen Mitbewohner suchen müssten, und begann meine Heimkehr in den Ruhrpott, neugierig, was sich alles verändert haben mochte und betend, dass die Karre durchhalten würde.

Kapitel 3 - Heimkehr

Die Karre hielt durch und da ich alles lieber getan hätte, als mit meinem Bruder zu sprechen oder ihn um etwas zu bitten, folgte ich einem dringenden Bedürfnis und fuhr zuallererst mal nach Lütgendortmund zum Friedhof. Zum Grab meiner Mutter. Hier hatte sich nicht viel verändert. Den Weg kannte ich noch und meine Füße trugen mich automatisch zu meinem Ziel, auch wenn ich lange nicht mehr hier gewesen war. Vorbei an der Friedhofsgärtnerei, den zum Verkauf stehenden Grabsteinen des ansässigen Steinmetzes, links durch das Tor und dann ein wenig im zick zack zwischen den Bäumen und Feldern hindurch und ich war da, ohne bewusst nachzudenken. Fast alle lagen sie hier, Oma und Opa, Onkel, Tanten. Würde ich irgendwann auch hier liegen?

Das Leben ist eine komische Sache. Man wird geboren, man lebt, man stirbt. Und dann? Dann ist nichts mehr von einem übrig. Manche sagen ja, man lebt in den Erinnerungen der Menschen weiter, die man berührt hat. Dann würde ich wohl tatsächlich mit meinem Tod vom Angesicht dieser blauen Kugel gewischt. Wer sollte sich schon an mich erinnern? Ich hatte mich um die Meinen wenig bis gar nicht gekümmert und um die Anderen noch weniger. Niemand würde mich vermissen.

Aber siehe da, mein Vater hatte seine letzte Ruhestätte tatsächlich neben ihr gefunden und seine Asche war mit beigesetzt worden. Sogar sein Name stand schon mit auf dem Grabstein, den wir drei damals gemeinsam ausgesucht hatten, als sie viel zu früh nach kurzer, schwerer Krankheit von uns gegangen war. Nach ihrem Tod war nichts mehr so, wie es zuvor war. Es veränderte sich von einem Tag auf den anderen alles. Ich hatte meinen Vater geliebt, er war ein toller Mann. Meine Mutter war eine fantastische Frau. Sie waren die Besten, aber mit meinem Dad konnte ich irgendwann nicht mehr reden. Ich konnte ihm nicht mehr in die Augen schauen, da ich ein Totalversager war. Da führte kein Weg zusammen. Und nun war es zu spät. Der Krug zerbrochen. Ich fühlte mich so hilflos, so allein und so ohnmächtig und überlegte gerade, dieser beschissenen Parodie eines Lebens, das unglücklicherweise meines war, vielleicht doch einfach ein vorzeitiges Ende zu setzen, da ertönte hinter mir eine Stimme: „Hey Böller? Bisse wirklich hier?“

Verwirrt drehte ich mich um und erblickte eine Gestalt, vor meinem geistigen Gehörgang ertönte gleichzeitig schallend Campinos Stimme und ermahnte mich singend, mich zu erinnern, dass zwar alles schon lange her sei, wir aber sehr viel zusammen erlebt hätten. Und als die Gestalt vor mir den Mund aufmachte, hatte ich auch direkt das Gefühl, es könnte wieder so sein wie Früher, als ob es die letzten Jahre gar nicht gegeben hätte. Ich schüttelte die eingängige Melodie ab, wandte mich vollends dem unerwarteten Besucher zu und stammelte leicht verdattert: „Butze? Wat machst du denn hier, alten Wemser?“

Kaum zurück im Pott und schon wieder Mundart. Wir waren schon immer mehr oder weniger in Pott-Slang verfallen, wenn wir alleine waren. Vor mir stand der einzig wahre Butze, mein bester Freund aus Kinder- und Jugendtagen. Mit Vornamen Jan. Aber wie bei uns damals üblich, sprach man sich mit dem Nachnamen oder einer Verballhornung dessen an. Haben wir immer so gehalten. Seit bestimmt 15 Jahren hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Man hatte sich halt aus den Augen verloren. Butze ging damals direkt arbeiten, duale Ausbildung oder so was und gründete eine Familie und ich frönte weit weg dem Nichtstun im Niemandsland. Die gemeinsame Basis fehlte, die Lebenswege führten in entgegengesetzte Richtungen. Aber jetzt standen wir hier, etliche Jahre später, im Nieselregen, bei schlappen 10 Grad auf dem Friedhof am Grab meiner Eltern. Ein wenig breiter war er geworden, wobei das war ich schließlich auch. Ein wenig älter, aber na ja, das gleiche. Nicht hübscher, dito. Ja, da stand er in seinem Adidas-Jogger, eine hässliche kleine Fußhupe an der Leine. Mein alter Butze, der augenscheinlich krampfhaft versuchte, eine teilnahmsvolle Miene beizubehalten und dann doch in ein fettes Grinsen ausbrach, als ich ihn in die Arme schloss. So lange her und trotzdem war es, als ob wir uns gestern erst gesehen hätten, statt uns etliche Jahre nicht gegenseitig auf den Sack zu gehen. Wahre Liebe gibt’s halt nur unter Männern. War schon immer so.

„Jetzt fang aber nicht an, dich mit deiner Körpermitte an mir zu reiben, du alter Keimling! Auch wenne heute Geburtstag hast, gibbet keinen Freifick. Aber trotzdem herzlichen Glückwunsch!“, sagte Butze leicht außer Atem.

„Danke. Aber wenn ich da Bock drauf hätte, hätteste dich zuerst vornüber beugen müssen, du alter Spacko und dann hätte ich dir deinen Kopf zwischen die Knie gedrückt und mich an dir gütlich getan“, erwiderte ich gerührt. „Was zur Hölle ist das da an deiner Hand?“

Die kleine Fußhupe sprang auf und ab und versuchte, unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich musste echt an mich halten, um die kleine Ratte, die davon träumte, einmal ein Hund zu werden, nicht mit einem gezielten Volleykick in die nächste Baumkrone zu befördern.

„Das ist Paris, die Töle meiner Tochter, die bring ich immer hier zum Friedhof, damit sie auf das Grab vom alten Müller kackt.“

„Paris? Echt jetzt? Ich dachte, du hast einen Sohn, Moritz oder so?“

„Max, du Armleuchter. Ja das ist korrekt, aber unser Mädel kam zwei Jahre später dazu.“

„Und wie ist ihr erlauchter Name? Nikky?“

„Fabelhaft witzig. Fast so witzig wie geblatener Leis, du Plolet. Julia ist ihr Name. Ich schleudere dich Purschen gleich zu Poden!“

„Ach nö, lass ma. Linke Reihe anstellen und jeder nur ein Kreuz muss heute nicht sein. Ist auf jeden Fall ein feiner Zug von dir. Mit dem Naturdünger und so. Ehre wem Ehre gebührt.“