Das Leben ist ein Spaziergang - B. Hernandez - E-Book

Das Leben ist ein Spaziergang E-Book

B. Hernandez

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Beschreibung

Einer von Max besten Kollegen ist überraschend zum Aussteiger geworden, was Max mehr zu schaffen macht, als er sich eingestehen möchte. Mit seinen zwei neuen Bekannten, Sokrates, ein kauzbärtiger Obdachloser, der nackt im Brunnen beim Einkaufszentrum badet, und Johanna, die Umarmungen liebt und an das Gute in der Welt glaubt, kommt er zur Überzeugung, dass die Menschen der Stadt nur noch gerettet werden können, indem man ihnen das Fernsehen wegnimmt. Max' Freundin mit gewissen Vorzügen, Izzie, findet diesen Plan überhaupt nicht gut, obwohl sie selbst gar keinen Fernseher besitzt.

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Seitenzahl: 460

Veröffentlichungsjahr: 2017

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www.bhernandez.de

B. Hernandez

Das Leben ist ein Spaziergang

© 2017 B. Hernandez

Autor: B. Hernandez

Umschlaggestaltung, Illustration: B. Hernandez

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

978-3-7345-8969-0 (Paperback)

978-3-7345-8970-6 (Hardcover)

978-3-7345-8971-3 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Also doch, der Baum hatte ihn ausgelacht. Max hätte schwören können, dass der Baum angefangen hatte zu lachen, sobald er sich vor ihn hingestellt hatte. Wahrscheinlich hatte diese Fahnenstange mit Laub, die hier mitten auf dem Gehweg herumstand, den heranfahrenden Streifenwagen kommen sehen. Sie hätte ihn auch warnen können, anstatt ihn auszulachen. Schulterzuckend lehnte sich Max gegen den Baum und sah dem Polizisten dabei zu, wie der einen Strafzettel ausfüllte. Als er damit fertig war, streckte er den Zettel Max hin und schaute ihn dabei mit unbewegter Miene an.

"Urinieren auf öffentlichem Grund ist verboten, Herr Muster. Und es spielt keine Rolle, wie dringend Ihr Bedürfnis war und wie dankbar ihnen ihre Hose dafür ist."

"Wirklich? Ich dachte wirklich, lieber auf öffentlichen Grund, als in die private Hose. Funktioniert das denn in der Regel nicht so?"

"Herr Muster, es ist halb Vier Uhr morgens und ich tue hier nur meine Arbeit."

"Nennen Sie mich Max. Wir müssen doch nicht mehr so formell sein. Immerhin haben Sie mir schon einmal beim Pinkeln zugesehen."

"Ich glaube nicht, Herr Muster. Ausserdem habe ich Ihnen nicht beim Pinkeln zugesehen, sondern ich habe Sie beim Urinieren auf öffentlichem Grund erwischt. Deshalb bekommen Sie auch diesen Strafzettel hier."

Es war halb vier Uhr morgens an einem Samstag und dieser Streifenwagen musste ausgerechnet seinen Nachhauseweg entlangfahren. Wäre er nicht betrunken gewesen, wäre Max jetzt sehr genervt und würde sich fürchterlich über diese frühmorgendliche Pingeligkeit des Polizisten aufregen. Andererseits: Wäre er nicht betrunken gewesen, hätte er auch nicht notfallmässig seine mit Bier und Wodka überfüllte Blase entleeren müssen. Da aber der Alkohol sein Hirn und sein Gemüt immer noch wie in Watte packte, war ihm einfach nur friedlich zumute. Er nahm den Strafzettel, den ihm der Polizist immer noch hingestreckt hielt.

"Wow, ganz sicher der teuerste Piss, den ich je losgelassen habe. Hey, ich bin betrunken, also nicht zurechnungsfähig oder so - kann ich das nicht für mich verwenden und einen Preisnachlass bekommen?"

"Nein, Herr Muster, betrunken oder nicht, Urinieren auf öffentlichem Grund ist verboten und gibt eine Busse ohne Preisnachlass."

"Ich sehe schon, der lange Arm des Gesetzes kennt auch um halb vier Uhr morgens keine Gnade. Keine Angst mein Herr, ich werde für meine Tat bezahlen. Wie man so schön sagt: Wer fürs Saufen zahlen kann, kann auch fürs Pissen zahlen."

"Danke, Herr Muster. Und einen schönen Rest der Nacht."

"Auch für Sie."

Der Polizist drehte sich um und ging zurück zum Streifenwagen. Max sah ihm einen Moment lang nach.

"Was denn?! Keine letzten Ratschläge, wie ich Konflikte mit dem Gesetz künftig vermeiden kann?"

"Gute Nacht, Herr Muster", antwortete der Polizist ohne sich die Mühe zu machen, seinen Gang zu unterbrechen oder sich umzudrehen.

"Ach kommen Sie schon! Wenn nicht Sie, wer kann dann gute Ratschläge geben? Ist das nicht ihr Job?"

Der Polizist verharrte an der offenen Wagentür, musterte Max und zuckte mild lächelnd mit den Achseln.

"Gehen Sie spazieren. Werden Sie nüchtern. Und vor allem - pinkeln Sie zuhause."

Damit hob er kurz seine Hand zum Gruss, stieg ein und fuhr weg.

Max winkte dem Streifenwagen hinterher und bemühte sich ernsthaft, über die Ratschläge des Polizisten nachzudenken. Dumme Fragen verdienten dumme Antworten. Es gab keine dummen Fragen, hiess es aber genauso. Doch, die gab es ganz sicher. Und er hatte gerade eine gestellt. Das hatte die Antwort bewiesen. Vielleicht war es aber auch einfach der falsche Adressat gewesen. Ein Polizist machte die Regeln schliesslich nicht, er kontrollierte nur, ob sie eingehalten wurden und falls nicht, verhängte er Bussen.

Trotzdem war es wohl die falsche Frage gewesen. Max versuchte, in Gedanken die richtige, die eigentliche Frage zu formulieren. Aber sein Verstand schien damit überlastet. Zu lang der Abend, zu betrunken er selbst. Stattdessen merkte er, dass er immer noch die Hand nach oben gestreckt hielt und dem Streifenwagen, den er längst nicht mehr sehen und sogar schon nicht mehr hören konnte, hinterherwinkte. Er liess den Arm sinken und starrte in die Dunkelheit, wo das Auto verschwunden war.

Regeln, das System, das Leben, zur falschen Zeit eine volle Blase und dazu noch Fragen über Fragen. Das war alles etwas zu viel für Max in diesen frühen Morgenstunden.

Insbesondere heute Morgen. Max war auf seinem Weg von einem Abendessen mit Kumpels nach Hause. In der Regel handelte es sich dabei um eine fröhliche, unbeschwerte Männerrunde, in der die viel zitierte Leichtigkeit des Seins zelebriert und gelebt wurde. Zumindest wurde jeweils für ein paar Stunden vorgegeben, diese Leichtigkeit zu leben. Ganz sicher redete man immer darüber, sie zu leben. Oder wie man sie leben könnte. Leben sollte. Aber Alexander hatte heute alles kaputt gemacht. Hatte den Hammer ausgepackt und alle Leichtigkeit zerschlagen. Alexander war heute Abend zum Essen gekommen, um ihnen zu verkünden, dass er schon in ein paar Tagen in ein Flugzeug steigen und sich in wärmere Gefilde absetzen würde. Dort wollte er von wenig Geld und Gelegenheitsarbeiten leben, womöglich auf der Strasse oder am Strand. Seine Wohnung hatte er aufgegeben, seinen Job hier gekündigt, alles Hab und Gut, das er nicht in einem Rucksack mitnehmen konnte, verkauft. Hammer. Natürlich hatte ihm niemand geglaubt. Alle hatten es für einen Scherz gehalten. Zumindest waren sie sich einig gewesen, dass, falls er denn wirklich ginge, er in ein paar Wochen, vielleicht ein paar Monaten zurück sein würde. Aber sicher war man sich nicht. Und dann, beim Abschied, hatte Alexander noch gefragt, ob jemand mitkommen wollte.

Max setzte sich in Bewegung. Ein wenig zu spazieren schien ihm gerade gar keine so schlechte Idee zu sein. Der frühe Morgen war sehr frisch. Es gab morgens schon seit Wochen keinen Frost mehr, aber die Nächte waren immer noch lang und die Temperaturen nur im direkten Sonnenschein angenehm. Der Frühling schlich sich dieses Jahr nur zögerlich an. Aber Max war nicht kalt. Sicher lag das am Alkohol in seinem Körper. Ein wenig aber auch an seinem Schritttempo. Er war ein Stadtmensch. Wenn er lief, dann wusste er, wohin er gehen wollte und er tat es schnell. Eigentlich ging er aber fast nie zu Fuss. Höchstens zur nächsten U-Bahnstation. "Spazieren" kannte er gar nicht. Deshalb war er auch jetzt zügig unterwegs, als wüsste er genau, wohin er wollte. Aber ohne sich darum zu kümmern, wohin er ging, überquerte er Strassen, bog hier einmal rechts und da einmal links ab, ging durch schmale Seitengassen, durch kleine Parkanlagen und über ein paar öffentliche Plätze. Das Einzige, das ihm wirklich auffiel, war, dass die Stadt um diese Uhrzeit praktisch menschenleer war. Ein paar Taxis kreuzten seinen Weg. Hie und da tauchte eine Gestalt auf, die aber bald wieder im Dunkeln verschwand, oder einfach hinter ihm zurückblieb.

Je länger er unterwegs war, desto ruhiger wurde es auch in seinem Kopf. Bald hatte er den Strafzettel in seiner Jackentasche ganz vergessen. Und auch Alexanders Abgang verlor immer mehr an Wirkung, bis Max ihn schliesslich ganz ausgeblendet hatte. Vollkommen ziellos schlenderte er durch die Strassen. Zumindest meinte Max das. Umso erstaunter war er dann, als er plötzlich sein Einkaufszentrum vor sich erkannte.

Es war natürlich nicht "sein" Einkaufszentrum, sondern das Einkaufszentrum, in dem er jeden Samstag einkaufte. Dementsprechend würde er in ein paar Stunden wieder hierher kommen. Das Zentrum war um diese Zeit noch geschlossen. Ein ungewohnter Anblick. Eigenartig war auch die Geräuschkulisse. Oder vielmehr das Fehlen von Geräuschen. Max konnte nur das entfernte Plätschern der Brunnenanlage vor dem Haupteingang hören. Er blieb eine Weile still stehen und hörte zu. Normalerweise konnte man es vor lauter Stimmengewirr, Autohupen und sonstigem Lärm nicht einmal dann richtig wahrnehmen, wenn man direkt vor dem Brunnen stand.

Max schlenderte weiter zur grossen Treppe. Sie führte hinauf zum grosszügigen Vorplatz des Haupteinganges, in dessen Mitte der Brunnen stand. Die nahezu runde Fläche war eigentlich kein Platz, sondern mehr ein enorm breiter Durchgang. Von der Treppe aus gesehen, auf der Max gerade stand, befand sich links die breite, weit um den Platz gekrümmte Front von Eingangstüren in das Einkaufszentrum. Die rechte Hälfte des Vorplatzes wurde von den Fassaden dicht an dicht aufgestellter Imbissbuden und kleiner Cafés, die natürlich auch noch alle geschlossen waren, gesäumt. Gegenüber der Treppe gab es eine weitere, genau spiegelverkehrt angelegte Treppe. Sie reichte vom Vorplatz hinunter zu den kurzen Gehwegen, die zum riesigen Parkplatz des Zentrums führten, der bis zum Kanal hinüber reichte. Max überlegte, ob er warten sollte, bis das Einkaufszentrum öffnete, verwarf die Idee aber schnell wieder, da das noch Stunden dauern würde und er müde war. Trotzdem stieg er aber noch die Treppe hoch und ging zum Brunnen in der Mitte des Platzes. Der Brunnen war ziemlich gross: Ein rundes, selbst für Erwachsene fast hüfthohes Becken, das sicher einen Durchmesser von fünfzehn, vielleicht zwanzig Metern hatte. In der Mitte befand sich eine Skulptur, die einem die Sicht über das Brunnenbecken versperrte, was die Anlage insgesamt noch grösser erscheinen liess.

Max war überrascht, dass das Plätschern der Wasserspiele jetzt von so nahe gar nicht sehr viel lauter erschien als vorhin, als er noch ein ganzes Stück vom Brunnen unten an der Treppe entfernt gestanden hatte. Er versuchte, sich die Skulptur näher anzusehen. Obwohl er schon oft hier gewesen war, wusste er trotzdem nicht so richtig, was das Ding eigentlich tatsächlich darstellen sollte. Er glaubte, sich vage zu erinnern, dass es eine Art Denkmal war. Aber so sehr er sich auch bemühte, er konnte nicht mehr richtig scharf sehen. Er war zu betrunken. Max zuckte mit den Schultern und starrte stattdessen auf das Wasser vor sich. Fast andächtig stand er da und lauschte dem regelmässigen Glucksen, Gluckern und Spritzen. Das war schön. Den kleinen Wellen im Brunnen gleich, wogte Entspannung durch Max' Körper. Nach und nach wurden seine Augenlieder schwerer, bis sie schliesslich ganz zufielen. Langsam begann sich auch sein Kopf auf seine Brust hinunter zu senken. Es war ein wohlig angenehmes Gefühl. Wie die letzten paar Momente kurz vor dem Einschlafen.

In diesem Augenblick schoss es Max blitzartig durch den Kopf, dass er dabei war, einzuschlafen. Sofort zuckte sein ganzer Körper zusammen, sein Augenlider und sein Kopf ruckten nach oben und seine Arme wirbelten haltsuchend durch die Luft. Dadurch verlor er natürlich erst recht das Gleichgewicht und torkelte zunächst einen Schritt zurück, bevor er, durch seine eigene Überkompensation nach vorne geworfen, gegen den Rand des Brunnens stiess und kopfüber mit dem gesamten Oberkörper im Wasser landete. Plötzlich hellwach vom Schock und dem kalten Wasser bekam Max den Brunnenrand zu fassen und stemmte sich aus dem Brunnen heraus.

Er hatte sich kaum vom Schock seines unfreiwilligen Tauchgangs erholt, atmete noch heftig ein und aus und rieb sich gerade das letzte Wasser aus den Augen, da erschrak er schon wieder.

"Was zum Teufel machst du in meinem Badezimmer?"

Jemand hatte ihn angeschrien. Max starrte fassungslos in den Brunnen und merkte, wie seine Beine nachgaben und er rückwärts auf seinem Allerwertesten landete. Vor ihm im Brunnen stand ein nackter Mann mit Bart und starrte ihn seinerseits mit in die Hüften gestemmten Händen grimmig an.

"Was zum Teufel machst du in meinem Badezimmer?", wiederholte der nackte Mann im Brunnen.

Max sass weiterhin reglos mit weit aufgerissenen Augen auf dem Boden.

"Wenn du mir kein Handtuch mitgebracht hast, mach, dass du weg kommst!"

Max schnappte nach Luft. Aber selbst nachdem seine Atmung sich wieder beruhigt und er sich nochmals die Augen gerieben hatte, war der Mann noch da. Ausserdem spürte er jetzt auch, wie hart er auf seinen Hintern gefallen war. In seiner nassen Kleidung begann er vor Kälte zu zittern. Mühsam stand er auf.

"Wer um alles in der Welt sind Sie?", fragte Max den Mann im Brunnen, während er sich ganz aufrichtete.

"Niemand. Hast du ein Tuch?"

Verwirrt schaute Max um sich herum auf den Boden, als müsste er sich versichern, ob da nicht irgendwo ein Tuch herumlag.

"Nein, leider nicht. Ich könnte auch eines gebrauchen."

"Interessiert mich nicht. Verschwinde aus meinem Badezimmer."

"Was?! Das ist kein Badezimmer, das ist ein Brunnen und …"

"Bist du betrunken? Du riechst nach Alkohol. Wieso wärst du auch sonst in meine Badewanne gefallen? Verschwinde!"

"Nochmals, das ist keine Badewanne und es geht Sie …"

"Sprich nicht mit mir, wenn du betrunken bist. Mach dich vom Acker!"

"Okay, okay, langsam. Ja, ich habe etwas getrunken und Entschuldigung, dass ich in Ihre Badewanne …. in den Brunnen gefallen bin. War ganz sicher keine Absicht. Ich bin Max. Und Sie sind?"

"Angepisst. Und spät dran mit meiner Morgentoilette wegen dir. Komm wieder, wenn du nüchtern bist."

Mit diesen Worten wandte sich der Mann von Max ab und stampfte im Wasser davon.

"Und vergiss das nächste Mal mein Tuch nicht!", schrie er über die Schulter.

Max stand wie angewurzelt da und schaute ihm zu, wie er auf der anderen Seite des runden Beckens hinter der Skulptur in der Mitte verschwand. Offensichtlich musste er vorhin auch von da hinten gekommen sein. Er schüttelte den Kopf. So etwas war ihm noch nie passiert. Ein nackter Mann mit Bart, der frühmorgens in einem eiskalten Brunnen badete, ihn zurechtwies und auch noch ein Abtrockentuch von ihm verlangte. Max musste lachen. Es war ein erlösendes Lachen. Vielleicht fühlte es sich aber auch nur so an, weil er so müde war und mittlerweile vor Kälte am ganzen Körper zitterte.

Einen Moment lang erwog er, um den Brunnen herum zu gehen und nochmals mit dem Mann zu sprechen. Aber die Ansagen des Bärtigen waren klar und deutlich gewesen und so liess Max es bleiben und ging stattdessen die Treppe hinunter und über die kleinen Seitenwege zurück auf die grosse Strasse, die am Einkaufszentrum vorbeiführte und auf der jetzt schon bedeutend mehr Verkehr herrschte als noch vorhin, als Max hier angekommen war. Er marschierte in Richtung seiner Wohnung, hoffte aber, schnell ein Taxi zu finden. Glücklicherweise dauerte es auch nicht lange und ein gelangweilter Taxifahrer, der nicht einmal verwundert über Max' nasse Haare und Kleider zu sein schien, geschweige denn neugierig genug, nachzufragen, hielt an und nahm ihn mit.

Zu Hause angekommen kuschelte sich Max nach einer warmen Dusche auf das Sofa und schaltete wie fast immer vor dem Schlafengehen noch den Fernseher ein. Aber ohne noch richtig sehen zu können, was überhaupt lief, schlief er sofort ein.

Es war kurz nach Mittag, als Max aufwachte und den Fernseher ausschaltete. Er hatte Kopfschmerzen und ihm war schlecht. Ein paar Biere konnte er in der Regel gut vertragen. Davon blieben ihm meistens auch die lästigen und ekligen Andenken am nächsten Morgen erspart. Aber gestern Abend hatte er etwas Stärkeres gebraucht, um Alexanders Abgang zu verkraften. Er schleppte sich ins Badezimmer und unter die Dusche. Alexander würde sicher nicht endgültig weggehen. Niemand ging einfach so weg. Niemand, den Max kannte. Minutenlang liess er die feinen heissen Strahlen aus dem Duschkopf seinen Kopf und seinen Nacken massieren und das Wasser wie eine enge angenehme warme Umarmung an seinem Körper nach unten fliessen, bevor es im Abfluss verschwand. Danach fühlte er sich etwas besser und zog sich an.

In der Küche schob er sich ein paar Frischbackbrötchen in den Ofen und schaute durch das Glasfenster zu, wie sie langsam aufgingen und braun wurden. Bei diesem herrlichen Anblick fühlte Max sich augenblicklich besser. Warme Brötchen waren das Grösste. Seit er sich mehr oder weniger regelmässig mit Izzie traf, war er mit Backwaren gut versorgt. Sie arbeitete in einer Bäckerei und brachte ihm immer etwas mit, wenn sie vorbeikam. Aus reinem Mitleid, wie sie immer betonte. Weil es das einzige Menschliche in seiner Wohnung sei. Überflüssig zu erwähnen, dass sie seine Wohnung nicht besonders mochte. Zu gross, zu modern, zu weiss die Wände, zu kalt die Einrichtung, zu wenig individuell, was immer das heissen sollte. Und natürlich war sie mit zu viel technischem Spielzeug ausgestattet und lag im ganz falschen Viertel. Er wohnte im Stadtkern, der vom Fluss und vom Kanal eingeschlossen lag und deshalb "die Insel" genannt wurde. Und dann wohnte er auch noch im nördlichen Teil der Insel, was angeblich die "bessere" Wohngegend der Stadt war. Wobei Izzie "bessere" jeweils so negativ und abschätzig klingen liess, wie nur irgendwie möglich. Aber Izzies Gejammer war Max sowieso egal, so lange er frische Brötchen bekam. Max liebte den Duft, den sie verströmten. Möglicherweise lag es auch wenig daran, dass dieser Duft meistens nach dem Sex mit Izzie in der Luft hing. Das letzte Mal hatten sie sich aber bei ihr getroffen. Deshalb musste er heute Brötchen aus dem Notvorrat im Tiefkühlfach machen.

In diesem Moment kam ihm wieder in den Sinn, dass er Izzie gestern hätte anrufen sollen. Eigentlich hätte er sie schon vor einiger Zeit anrufen sollen, aber er hatte es bis gestern immer wieder vergessen. Er musste das heute unbedingt noch nachholen.

Durch das Fenster an der Backofentür konnte er sehen, dass die Brötchen schon fast fertig waren. Max atmete den Geruch tief ein. Er nahm eines der Brötchen aus dem Ofen, schnitt es in zwei Hälften, beschmierte beide Teile mit Butter, wartete einen Moment, bis die feine Butterschicht ein wenig geschmolzen war, und biss dann herzhaft ein grosses Stück von einer Hälfte ab. Noch bevor er zu kauen angefangen hatte, bahnte sich ein genüsslicher Seufzer durch Max‘ vollen Mund den Weg in die Freiheit.

Nachdem er den Rest der Brötchen vor dem Fernseher gegessen hatte, er schaute sich eine Wiederholung eines der Spiele von gestern an, machte er sich bereit, um einkaufen zu gehen. Unter der Woche besorgte er sich das Nötigste in der Regel um die Ecke oder kaufte in der Nähe seines Büros ein. Aber an Samstagen gönnte er sich eben jeweils einen ausgedehnteren Besuch in dem Einkaufszentrum, das er heute Morgen ausnahmsweise schon einmal beehrt hatte. Bei der Erinnerung an die frühmorgendlichen Ereignisse musste Max lächeln. Allerdings verflog das Lächeln schnell, als er seine Jacke anzog, die Brieftasche einsteckte und dabei den Bussgeldzettel von gestern Nacht wiederfand. Augenverdrehend liess er den Zettel auf den Boden fallen und machte sich auf den Weg. Er wollte sich überlegen, was er einkaufen sollte, trottete aber bald gedankenverloren vor sich her.

Das mit Alexander gestern Abend war schon der Hammer gewesen. Und um ein Haar hätte Max die schockierende Neuigkeit auch noch verpasst: Wäre in der Bank, wo er normalerweise von Mittag bis Mitternacht als Übersee-Obligationen-Händler arbeitete, nur ein bisschen mehr zu tun gewesen, wäre er nicht zum Treffen gegangen. Immerhin handelte es sich doch eher um unverbindliche Veranstaltungen als um echte Verabredungen. Heutzutage war das Leben aller schon verpflichtend genug, da musste man seine wertvolle Freizeit nicht noch weiter beschränken. Ausserdem würde Max nur wenige der Gäste wirklich als Kumpels bezeichnen. Ein paar ehemalige Kollegen, ein früherer Nachbar, Freunde von Freunden. Von all diesen Menschen kannte er nur Alexander etwas besser. Er war einer seiner besten Freunde. Sie hatten schon zusammen studiert und arbeiteten in der gleichen Branche, wenn auch bei unterschiedlichen Instituten. Alexander hatte sich nicht einmal entlocken lassen, wann genau er flog, und schon gar nicht, wohin. Er hatte nur gesagt, dass dies sein letztes Abendessen mit ihnen gewesen sei und dass er sich dann endgültig in wärmere Gefilde, auf eine Insel irgendwo, absetzen würde. Und dann wollte er schauen, wie er über die Runden käme. Möglichst einfach leben und zufrieden sein, mehr wolle er nicht.

Max war mittlerweile vor der Fussgängerampel an der grossen Kreuzung in der Nähe des Einkaufszentrums angekommen. Er musste jetzt nur noch diese Strasse überqueren und noch einmal links abbiegen, dann käme er direkt zur grossen Treppe wie gestern Abend.

Die Lichter der Ampel sprangen auf Grün. Max wollte zunächst einen Schritt vorwärts machen, blieb dann aber stehen. Leute drängten sich an ihm vorbei. Einige beschimpften ihn.

Die Ampel schaltete wieder auf Rot. Er sah den Autos zu, wie sie von links und rechts vor ihm vorbei rauschten. Motorenlärm, einige Hupgeräusche und das diffuse Hintergrundrauschen der Stadt prasselten auf ihn ein. Bewusst wahrgenommen hatte Max das schon lange nicht mehr. Eigentlich musste er gar nichts einkaufen. Was er brauchte, hatte er schon zu Hause und meistens ass er sowieso auswärts.

Etwas verstohlen schaute Max nach oben und prüfte, ob er irgendwo ein Flugzeug sehen konnte. Da oben zog die eine oder andere Maschine ihre Bahn quer über das Blau, aber sicher sass Alexander in keiner davon. Alexander hatte doch einen lukrativen Job gehabt. Er war Single, also schied auch die Flucht vor einer Beziehung aus. Auch von Krankheiten war nichts bekannt. Alexander führte ein gutes Leben. Oder nicht?

Max ging eine ganze Weile weiter die Strasse hinunter. Sie führte in Richtung Süden der Insel durch den Finanzdistrikt ins Neustadt-Quartier, wo Kanal und Fluss ineinander mündeten. Hier unten befand sich auch die Bäckerei, in der Izzie arbeitete. Nun kam ihm auch wieder in den Sinn, dass er sie hätte anrufen sollen. Wenigstens wusste er jetzt, wo er hingehen wollte. Izzie arbeitete auch an Wochenenden. Und wie immer von frühmorgens bis zum Nachmittag. Er warf einen kurzen Blick auf seine Uhr. Es war später Nachmittag. Obwohl er genau wusste, dass Izzie um diese Zeit schon Feierabend hatte, ging er trotzdem weiter in Richtung Bäckerei. Vielleicht würde er sie dort ja trotzdem noch antreffen.

Sein Kopf fühlte sich mittlerweile etwas besser an. Alles Trinken hatte gestern nicht geholfen, um Alexander mehr Informationen zu entlocken oder sogar umzustimmen. Natürlich war es auch an all den vorangegangenen Männerabenden immer wieder Thema gewesen, dem Alltagstrott endlich einmal richtig zu entkommen. Da gab es all die verrückten Ideen, was man mit seinem Leben noch anfangen könnte. Paralleluniversen. Realitäten mit praktisch unmöglichen Wahrscheinlichkeiten. Gedankenspielereien. Solidarischer Männertrost. Eine Bar aufmachen. Eine Tauchschule gründen. In eine Höhle ziehen und fernab von allem, von Regeln und System, nahe am Leben in absoluter Freiheit als Selbstversorger leben. Aber das war doch alles nur therapeutisches Gerede. Abendblütenträume, die keine Nacht überdauerten.

Alexander hatte auch immer wieder betont, dass sie den wahren Reichtum, den das Leben zu bieten hatte, gerade verpassten und niemand etwas dagegen täte. Denn solange ein Mensch auch nur das Nötigste hätte, würde die herrschende Doktrin funktionieren. Das hiesse aber nicht, dass er, Alexander, so zu sein hatte wie alle anderen und sich weiterhin bei einem Arbeitgeber freiwillig prostituieren musste. Er sei schon lange der Meinung gewesen, die Misere der Menschheit wäre doch offensichtlich. Man solle sich einfach einmal umschauen Niemand sah richtig glücklich aus. Oder auch nur zufrieden. Stattdessen waren da weit und breit nur abgestumpfte Gesichter. Gleichgültig. Ertragend. Tot. Alle hatten mittlerweile irgendeine Störung: Burn-Out, Bore-Out, ADS und vieles andere, wogegen fleissig Pillen verkauft wurden. Und wer Pillen nicht mochte, rannte halt einen Marathon durch die Wüste, kletterte auf einen himmelhohen Berg oder trainierte bis zum Umfallen in einem hypermodernen Fitnesscenter. Und das nur für das nächste Finisher-T-Shirt oder wenigstens den süssen Trost der Erschöpfung.

Für die meisten von ihnen, auch für Max selbst, waren diese verbalen Ausbrüche aber nichts gewesen als manchmal mehr, meistens weniger verständliche, aber immer amüsante Stammtisch-Tiraden. Für Alexander war es offensichtlich die Vorbereitung auf seinen Abgang gewesen. Gerade so, als ob es ihm hier keinen Spass mehr gemacht hätte, Mensch zu sein.

Max ging noch ein paar Minuten gedankenverloren weiter, dann wurde er durch einen bekannten Duft von der jüngsten Erschütterung seines Weltbildes abgelenkt. Er hatte die Bäckerei in der Neustadt erreicht. Max blieb einen Moment stehen und gab vor, die Auslage im Schaufenster zu betrachten, nur um seine Nase noch etwas länger in die herrliche Abluft der Bäckerei halten zu können.

Dann ging er hinein und stellte sich hinter den wenigen Kunden in die Reihe. Er liess sogar noch zwei andere Leute, die nach ihm in die Bäckerei gekommen waren, vor. Dabei atmete er ein paar Mal tief ein und wieder aus. Wunderbar, dieser Duft. Wie ein Meer, in dem man abtauchte.

Geduldig wartete er, bis alle bedient waren und eine Kollegin Izzies Zeit für ihn hatte. Sie erkannte ihn sofort. Er fragte nach Izzie, aber sie war wie erwartet schon länger weg. Vermutlich sei sie nach Hause gegangen, meinte die Frau hinter der Theke. Er nickte, lächelte vor sich hin und genoss die vom zauberhaften Duft frischer Brötchen geschwängerte Luft.

Mit einem Dutzend frischer Brötchen aus der Backstube in der Tüte unter seinem Arm und einem weiteren in der Hand trat Max schliesslich wieder auf die Strasse hinaus. Er war ganz auf sein Brötchen konzentriert und bis genussvoll hinein während er losging.

Es war ja nicht gerade so, dass Brot erst vor kurzem erfunden worden war. Dennoch hatte er lange nicht gewusst, dass es so etwas Feines überhaupt gab. Oder es war ihm zumindest nicht bewusst gewesen. Seit er von zu Hause ausgezogen war, hatte es bei ihm nur dieses weiche Toastbrot aus der Tüte gegeben. Und er musste sich ehrlich eingestehen, dass er sich nicht mehr daran erinnern konnte, ob es vorher bei seinen Eltern je dieses frische Brot gegeben hatte oder nicht. Es war Izzie gewesen, die ihn auf den Geschmack gebracht hatte. Max erinnerte sich noch sehr genau an das erste Mal, als sie ihm Brötchen gemacht hatte. Es war keineswegs so gewesen, dass er von ihr gleich von Anfang an in das Geheimnis der Frischbackbrötchen, geschweige denn das der ganz frischen Brötchen eingeweiht worden wäre. Im Gegenteil, sie hatten sich schon eine ganze Weile getroffen, bis sie ihm dieses wundervolle Erlebnis gegönnt hatte. Damals waren sie schon länger zusammen ausgegangen, hatten mehr oder weniger verbindliche Dinge zusammen unternommen, wie auf dem Markt einkaufen und dann Izzie beim Kochen im Weg rumstehen, irgendwelche Partys von Bekannten zusammen besuchen oder Filme im Kino anschauen. Auch Schlittschuhlaufen waren sie gewesen. Das war auf einer dieser künstlichen Eisflächen, die jeden Winter in verschiedenen Parkanlagen der Stadt angelegt wurden. Viel zu klein und viel zu überlaufen, um auch nur einen Hauch der Romantik aufkommen zu lassen, die Eisbahnen in Filmen vermittelten. Aber es war lustig gewesen. Max hätte nicht gedacht gehabt, dass dauerndes Hinfallen auf harten eiskalten Boden so viel Spass machen könnte.

Natürlich hatten sie damals auch schon miteinander geschlafen. Das war die Aktivität gewesen, die sie bis zu diesem Zeitpunkt am häufigsten zusammen unternommen hatten. Dann war aber dieses Wochenende gekommen, an dem Izzie mal wieder frei hatte: Eine Gelegenheit, einmal ganze Tage gemeinsam miteinander zu verbringen. Für Max wäre es genug gewesen, einfach mehr Sex zu haben als sonst und den ganzen Tag im Bett oder zumindest in Bettnähe zu verbringen. Aber weil es Izzies Vorschlag gewesen war, hatte er ihr die Planung des Wochenendes überlassen.

Er hätte es natürlich besser wissen müssen. Izzie hatte nicht nur einen ganz anderen Schlafrhythmus als Max, sie hatte auch eine etwas andere Vorstellung von Aktivitäten, denen man an freien Tagen zusammen nachgehen konnte. Also war der Plan, dass sie am Samstagmorgen als erstes Joggen gingen.

Max erinnerte sich gut daran, wie furchtbar das für ihn gewesen war. Er musste um halb sechs Uhr morgens bei ihr sein. Er war müde und hungrig, weil er kaum aus dem Bett gekommen, eigentlich gar nicht erst richtig im Bett gewesen war, geschweige denn Zeit für ein Frühstück gehabt hatte. Und Joggen hasste er sowieso. Damals war er so fit, wie ein Büroangestellter mit Vorliebe für Nachtleben und Steaks mit Fritten, der vornehmlich auf Passivsport in Bars stand, sein konnte. Auf dem Weg zu ihr hatte er dann auch ernsthaft in Erwägung gezogen, die ganze Sache abzublasen.

Er war dann trotzdem, rechtzeitig sogar, zu ihr gefahren. Unterwegs hatte er sich überlegt, wie er ihr wenigstens diese Jogging-Sache ausreden könnte. Aber kaum hatte Izzie ihm die Tür geöffnet, war seine ganze Anti-Jogging-Strategie schon vergessen gewesen. Er sah es vor sich, als wäre es gestern gewesen. Izzie öffnete die Tür und lächelte ihn an. Sie war frisch, munter und strahlte geradezu vor Energie. Und sie trug ein Joggingoutfit, das einem schon die Luft wegbleiben liess, bevor man auch nur einen Schritt getan hatte: Hautenges, bauchfreies Trägertanktop, ebenso enge Hosen, die ihre Oberschenkel nur zur Hälfte bedeckten, passend dazu Stirnband und Schweissbänder. Max stand nur da und fühlte sich wie ein schwarzes Loch neben der Sonne, das all dieses Licht, die Wärme und diese Energie in sich aufsog. Oder es zumindest versuchte.

"Hätte nicht gedacht, dass du tatsächlich kommst. Und dann auch noch pünktlich", begrüsste ihn Izzie.

Sie waren kaum aus Izzies Wohnung raus und über die Strasse gejoggt, da bereute Max schon, je geboren worden zu sein. Seine Atmung war bereits jetzt kurz und schnell, er konnte seinen Puls in der Halsschlagader spüren und ausserdem fühlten sich seine Beine an, als würden sie ihm jeden Augenblick den Dienst versagen. Izzie trabte dabei locker neben ihm her und plauderte die ganze Zeit fröhlich. Max konnte sich von Anfang an nicht darauf konzentrieren und verstand kein Wort von dem, was sie da sagte. Er erinnerte sich nur verschwommen daran, wie sie ein Stück dem Kanal entlang gerannt waren, dann über eine Brücke und auf der anderen Seite wieder hinunter, dann irgendwann wieder irgendwie über den Kanal und zurück zu Izzies Wohnung.

Die ganze Strecke über versuchte Max zu verstecken, wie sehr er litt. Natürlich hatte Izzie damals sofort bemerkt, dass er seine Joggingschuhe höchstens als Deko in seinem Schrank stehen hatte. Wenigstens gab sie keinen Kommentar dazu ab. Aber sie schonte Max auch nicht. Seine Beinmuskeln und seine Lungen brannten, seine Füsse taten weh, seine Schultern schmerzten. Ab einem gewissen Zeitpunkt war er so erschöpft, dass er kaum noch etwas sehen konnte. Alles, was ihn vom Zusammenbrechen abhielt, waren seine Angst, sich vor Izzie zu blamieren, und ihre Stimme, an der er sich festhielt und orientierte, um auf dem Weg zu bleiben. Er riss sich zusammen und hielt bis zum Ende durch.

Zurück in ihrer Wohnung machte Izzie ein paar Dehnübungen, die Max ausliess. Stattdessen liess er sich auf das Sofa fallen, wo er sofort einschlief. Das nächste, woran er sich erinnern konnte, war der Moment, als er spürte, wie er geküsst wurde und davon langsam erwachte. Noch völlig verloren öffnete er die Augen. Er sah Izzie über ihn gebeugt neben ihm auf dem Sofa sitzend, mit vom Duschen noch nassen Haaren und frischer Kleidung. Sie lächelte ihn an und strich ihm mit einer Hand über die Wange. Max atmete tief ein, wollte lächeln, aber dann roch er die Brötchen. Duftende, frisch aufgebackene Brötchen, die zusammen mit Butter, Marmelade, Joghurt, einem Glas Milch und einen Glas Orangensaft auf dem Tablett lagen, das Izzie ihm ans Sofa gebracht hatte. Wie erstarrt hielt er die Luft an. Er hatte es Izzie bis heute nie gestanden, aber in diesem Moment hätte er fast angefangen zu weinen.

Er war völlig erschöpft gewesen, sein ganzer Körper hatte weh getan und er hatte vor Hunger Bauchschmerzen gehabt, aber da sass die wunderschöne Izzie bei ihm, plauderte wieder wie ein Wasserfall und bestrich dabei für ihn ein Brötchen mit Butter. Für Max fühlte sich das an, als ob er den Himmel berührte. Der Duft allein war schon überwältigend gewesen. Als ihn Izzie dann abbeissen liess und er zu kauen begonnen hatte, wurde sein ganzer Körper von einer zauberhaften Welle Wohlsein überschwemmt. Und seit diesem Tag konnte er sich ein Leben ohne frische warme Brötchen nicht mehr vorstellen.

Max lächelte vor sich hin, machte die Tüte unter seinem Arm auf und griff nach einem weiteren Brötchen. Es kam ihm wieder in den Sinn, dass er Izzie immer noch nicht angerufen hatte. Aber er wollte das auch nicht hier in der Öffentlichkeit machen. Ganz sicher wollte er keiner dieser Menschen werden, die es geradezu zu geniessen schienen, wenn andere bei ihren Gesprächen mithören konnten. Oder mussten. Er würde schon eine ruhige Ecke finden müssen.

Er blieb stehen, schaute sich um und merkte, dass er mitten auf der Neustadt-Brücke stand, in der Nähe des Bürogebäudes, in dem er arbeitete. Es war schon interessant: Wie gestern, oder besser gesagt, heute Morgen, als er wie automatisch zum Einkaufszentrum gegangen war, hatte er jetzt den Weg zu seinem Büro gefunden. Immer wenn Max dachte neue, unbekannte Wege, oder zumindest ziellos irgendwelche Wege zu beschreiten, landete er schliesslich doch mit traumwandlerischer Sicherheit auf gewohnten Pfaden. Er überlegte kurz zurück zu gehen, verliess dann aber doch über die Brücke die Insel. Er konnte von weitem die obersten Stockwerke des Bürogebäudes mit dem Logo seines Arbeitgebers sehen. Von da konnte er mit der U-Bahn nach Hause fahren. An einem Wochentag würde etwa jetzt Max‘ Schicht anfangen – nachmittags, da er im Überseegeschäft tätig war.

Als er die Stelle angenommen hatte - vorher hatte er zwei Aktienanalystenjobs gemacht, die ihm auf Dauer gleichzeitig zu langweilig und zu mühsam geworden waren - fiel ihm die Umstellung auf seinen neuen Tagesrhythmus schwer. Zunächst hatte er das Gefühl, nur noch zu arbeiten und zu schlafen. Nicht weil er viel gearbeitet hätte, sondern weil er viel geschlafen hatte. Anfangs war er dauernd müde gewesen. Es hatte ihm geholfen, sich an strikte Wach- und Schlafenszeiten zu halten. Nach und nach hatte sich das dann eingependelt. Er stand jeweils kurz nach Mittag auf, fing am Nachmittag bei der Arbeit an, kam nach Mitternacht wieder nach Hause und ging zwischen vier und fünf Uhr morgens zu Bett.

Die Umstellung war auch so schwierig gewesen, weil er in seinen Wachzeiten praktisch nichts anderes machen konnte, als fernzusehen. Zumindest nach seiner Arbeit. Fernsehen an sich hätte Max ja nichts ausgemacht, das hatte er auch vorher schon gern getan, aber die angebotenen Programme so früh morgens waren dann doch etwas gewöhnungsbedürftig und es fiel ihm zunächst schwer, dabei nicht einzuschlafen.

Seit er vor ein paar Monaten angefangen hatte, sich mit Izzie zu treffen, fing er sogar an, seinen arbeitsbedingten Tagesrhythmus zu mögen. Zumindest kam er ihm sehr entgegen. Izzie arbeitete meistens von fünf Uhr morgens bis ein oder zwei Uhr nachmittags. Wenn sie sich verabredeten, dann konnte sich Izzie jeweils so einrichten, dass sie etwas früher als sonst notwendig aufstand und sich vor der Arbeit mit Max traf. Wenn es für sie dann Zeit war, in die Bäckerei zu fahren, war es für Max fast schon Zeit, sich schlafen zu legen.

Manchmal trafen sie sich auch im anderen Zeitfenster, wenn Izzie von der Arbeit kam und Max gerade aufgestanden war. Aber das ging nur, wenn er nicht zur Arbeit musste. Meistens an Wochenenden, aber nur wenn sie sich nicht, so wie heute, in der Bäckerei verpassten.

Er hatte das Gefühl, Izzie gefiel das auch. Zwar verachtete sie den Job, den er machte, und die ganze Branche, in der er tätig war, aber anders als in Bezug auf seine Wohnung hielt sie sich hier mit Kommentaren streng zurück. Nur gelegentlich bemerkte sie, alles, was man mit Geld kaufen könnte, wäre billig, und Geld mit Geld zu verdienen überhaupt das Letzte. Aber wenn es ihn, Max, glücklich machen würde, dann könnte es ja nicht so schlimm sein. Er erinnerte sie dann manchmal an diese Aussagen, wenn er für ein Abendessen oder das Kino bezahlte.

"Das Abendessen ist billig, mein Lieber, aber dass ich hier bin, das musst du dir verdienen und leisten können", antwortete sie dann jedes Mal.

Es war ja nicht so, dass sie kein Geld zum Leben gebraucht hätte. Vielleicht machte Geld sie nicht glücklich, aber ohne wäre sie bestimmt unglücklich gewesen.

Unter der Woche nutzte Max seine freien Stunden nun auch, um Sport zu machen. Manchmal wenigstens. Seit seinem Jogging-Erlebnis mit Izzie hatte er angefangen, sich sportlich zu betätigen.

Meistens besuchte er ein Fitnesscenter und machte dort ein paar Kraftübungen oder ein bisschen Ausdauertraining. Hin und wieder ging er auch Joggen. Er hasste es noch immer, fand es gleichzeitig auch wunderbar, weil es ihn immer an seine ersten Brötchen erinnerte. Gleich nach dem damaligen frühmorgendlichen Desaster mit Izzie hatte er sich sogar vorgenommen, für den alljährlichen Stadtmarathon zu trainieren. Aber dieses Vorhaben hatte er dann schnell wieder verworfen. Eigentlich war es Izzie gewesen, die es ihm wieder ausgeredet hatte. Er solle joggen, aber nicht für den Marathon; schön, wenn er es für seine Gesundheit täte oder sogar für sie, aber ansonsten würde sie es an seiner Stelle bleiben lassen.

Manchmal war sie ihm wirklich ein Buch mit sieben Siegeln. Wieder erinnerte Max sich daran, dass er sie anrufen sollte. Da er aber schon bei der U-Bahnstation war, würde er es von seiner Wohnung aus erledigen. Er fuhr mit der Bahn nach Hause zurück, wo er sich vor den Fernseher setzte, um sich ein wenig von seinem anstrengenden Fussgängerausflug zu erholen. Es lief wieder die gleiche Wiederholung des Spiels, die er sich nach dem Aufstehen schon angesehen hatte.

Ein paar Stunden später erwachte er auf seinem Sofa. Der Fernseher lief noch. Jetzt wurde ein aktuelles Spiel direkt übertragen. Max schaute es sich eine Weile lang an. Es war langweilig. Trotzdem war es irgendwie auch gemütlich.

Das Kopfweh war er mittlerweile losgeworden, aber stattdessen fühlte er sich benommen und schlecht gelaunt. Das war eben das Dumme daran, wenn man unregelmässig schlief: Man brachte sein ganzes System durcheinander. Eigentlich hatte er auch Hunger.

Als er die Wohnung verliess, um etwas essen zu gehen hatte er Izzie immer noch nicht angerufen. Aber jetzt war er auch nicht in Stimmung dazu. Und es war sowieso schon zu spät dafür. Sie musste morgen wieder arbeiten und war deswegen sicher schon zu Bett gegangen. Max könnte morgen früh in der Bäckerei bei ihr vorbeischauen.

Er ging in die Bar, in der er über die letzten Jahre zum Stammgast geworden war. Als solcher wurde er von den Angestellten und den anderen Stammgästen auch begrüsst. Max bekam einen Platz an ihrem Tisch und setzte sich. Er musste nicht einmal eine Bestellung aufgeben, denn es war bekannt, was er gern mochte. Die Leute am Tisch hatten sich schon recht heiter getrunken. Max hoffte, ein bisschen Gesellschaft, ein Steak und ein paar Bierchen würden seine Müdigkeit vertreiben und ihn wieder aufmuntern. So richtig funktionierte es aber nicht. Man ass, man trank, man sah sich die Spiele auf einem der vielen Monitore in der Bar an, man redete.

Max schaute sich in der Bar um, ob eine Frau, da war, mit der er sich die Zeit etwas hätte vertreiben können. Nicht, dass er auf einen Aufriss aus war, aber ein Flirt wäre schon eine willkommene Ablenkung gewesen. Früher wäre es ein misslungener Samstagabend gewesen, hätte er nirgendwo landen können. Aber seit er sich mit Izzie traf, war das immer seltener geworden. Es half sicher, dass sie kein Kind von Traurigkeit war, was Sex betraf. Eigentlich hätte er ihr das so nie zugetraut.

Er wusste im Grunde sowieso nicht so viel über sie. Es war ihm nicht einmal so richtig klar, in welcher genauen Beziehung er zu ihr stand. Aber Spass hatte er auf jeden Fall mit ihr.

Dass er heute Abend hier etwas wie Spass haben würde, bezweifelte Max allerdings sehr. Und wenn er sich das Publikum genauer anschaute, dann war er sich auch nicht sicher, ob sich hier überhaupt jemand amüsierte. Die Jubelnden und Lachenden waren alle nur betrunken. Die Stillen, die mit gesenkten Köpfen in ihre Gläser starrten, waren zu betrunken oder zu bedrückt, um jubeln oder lachen zu können. Die Flirtenden waren zu herausgeputzt, um nicht verzweifelt zu sein. Bei den Kellnerinnen und Kellnern war die Fröhlichkeit sowieso nur aufgesetzt, schliesslich mussten sie ihr Geld verdienen. Die Einzigen, denen Max wirklich zutraute, dass sie sich amüsierten, war eine Gruppe junger Leute, die er hier noch nie gesehen hatte. Sie hatten wohl irgendeinen Anlass zum Feiern. Vielleicht den Uniabschluss oder einen Geburtstag. Vielleicht auch nur ihre unbeschwerte Jugend. Max war nicht neidisch. "Unbeschwert" bedeutete schliesslich nichts anderes als "unerfahren" und "unwissend". Sie würden von ganz alleine dahinterkommen, wie das Leben wirklich war. Dann würden sie nicht mehr unbeschwert feiern, sondern Männer- und Frauenabende haben.

Er bestellte noch ein Bier. Vielleicht war es also einfach das Alter, das Alexander weggetrieben hatte. Klassische Midlife-Crisis. Er wollte sich einfach noch einmal jung und unbeschwert fühlen. Sein Bier kam. Die Kellnerin lächelte ihn an. Max gab ihr ein grosszügiges Trinkgeld und schenkte das unberührte Bier seinem betrunkenen Nachbarn, der sich überschwänglich, aber völlig unverständlich dafür bedankte, und verliess die Bar. Er stieg in ein Taxi und wollte nach Hause fahren.

Während der Fahrt änderte er aber seine Meinung und gab Izzies Adresse als Ziel an. Es war erst kurz nach ein Uhr morgens, als Max vor ihrer Wohnung ankam. Er wusste nicht, warum er hierhergekommen war. Um diese Zeit schlief Izzie. Und hier draussen in der Kälte zu warten, bis sie zur Arbeit ging, war kein guter Plan. Anrufen würde auch nichts helfen, weil sie ihr Telefon immer ausschaltete, wenn sie schlief, das wusste er. Eine Option wäre, sie wach zu klingeln. Aber dafür müsste er sich auf jeden Fall eine sehr gute Erklärung bereitlegen. Max ging einmal um den Block herum und kam wieder zurück zum Eingang ihrer Wohnung, ohne dass ihm etwas in den Sinn gekommen wäre.

Allerdings sah er, als er sich Izzies Apartmenthaus wieder näherte, dass hinter einem ihrer Fenster, es musste das Wohnzimmerfenster sein, wider Erwarten Licht brannte. Max war etwas erstaunt, dachte sich zunächst aber nichts dabei und wollte klingeln. Einen guten Grund dafür brauchte er jetzt ja nicht mehr. Dann zögerte er doch nochmals. Es war immer noch erst knapp nach ein Uhr morgens und er war zwar hier, aber unangemeldet. Und trotzdem brannte bei Izzie schon Licht. Sie hatte wohl noch andere Gründe als Treffen mit ihm, um früher aufzustehen.

Mit gesenktem Kopf und Faust in der Tasche suchte sich Max ein anderes Taxi und liess sich nach Hause fahren. Auf dem Sofa liegend trank er noch ein Bier, während die Wohnungsdecke über ihm wegen der Bilder des Fernsehers in allen Farben flimmerte. Nach und nach verloren sich seine Gedanken vor diesem Schauspiel. Bis er sich schliesslich nur noch gebannt auf die flimmernden Farben konzentrierte und sich eine zärtliche Müdigkeit in ihm auszubreiten begann.

Gleich nach dem Aufstehen am nächsten Morgen, oder eher Mittag, hatte er Izzie dann in der Bäckerei angerufen. Gerade noch rechtzeitig vor dem Ende ihrer Schicht. Da Izzie während der Arbeit nicht lange telefonieren konnte, hatten sie sich für ein Treffen in ihrem üblichen Café beim Einkaufszentrum verabredet.

Jetzt sassen sie sich gegenüber und tranken eine Tasse Kaffee zusammen. Es hätte sich wie ein gemütliches Sonntagnachmittagsritual angefühlt, wäre die Stimmung zwischen den beiden nicht merklich bedrückter gewesen als an anderen Sonntagen.

"Warum hast du mich erst heute angerufen?"

"Izzie, ich habe mich doch schon entschuldigt. Ich hab’s einfach verpennt, okay? Ist ja nicht so, dass du schmachtend auf mich gewartet hättest."

"Was soll denn das jetzt heissen?"

Max winkte ab und lächelte verlegen. Er entschuldigte sich für seine Bemerkung und nochmals für seinen verspäteten Anruf. Das Letzte, was er an diesem Wochenende noch wollte, war ein Streit mit Izzie. Sie sassen an einem Tisch draussen in der Nachmittagssonne. Es war noch nicht sehr warm, aber der Winter schien dennoch endgültig vorbei zu sein. Er begann Izzie von Alexander zu erzählen und hoffte, es würde sie genügend ablenken, um ihren Groll über ihn verfliegen zu lassen.

"Tja, und jetzt ist er weg. Sitzt vielleicht gerade in diesem Moment im Flugzeug nach wo immer er meint hingehen zu müssen."

"Ich muss zugeben, Max, ich bewundere das ein Stück weit."

"Nicht dein Ernst, oder?"

"Doch. Ich finde es zwar etwas drastisch, wenn nicht sogar dramatisch, aber ich wünsche deinem Kollegen von Herzen alles Gute. Mit Respekt, Bewunderung und einem Hauch Neid."

"Pff, hättest mitgehen können. Er hat gefragt, ob jemand mitkommen will. Kannst ja immer noch gehen, wenn du so begeistert von der Idee bist. Ist doch nichts als Schwachsinn."

"Ah Maxelchen, das mag ich so an dir: Du scheinst zwar der Prototyp eines völlig verweichlichten und degenerierten Stadtlemmings zu sein, aber dann bricht zum Glück doch immer wieder das Urmenschliche bei dir durch. Kaum hast du das Gefühl, jemand bedroht Höhle oder Jagdrevier, wirst du zum Biest und gehst zum Angriff über. Typisch Mann. So niedlich."

"Ha ha. Sehr witzig. Mir doch wurscht, was er macht. Soll er gehen, wenn er gehen will. Reisende soll man schliesslich nicht aufhalten."

"Uhm. Da habe ich wohl einen Nerv getroffen."

"Wohl kaum."

"Aber dieser Abgang beschäftigt dich scheinbar mehr, als du dir eingestehen willst."

"Quatsch. Das habe ich dir doch alles nur erzählt, damit du vergisst sauer auf mich zu sein. Ausserdem wird er doch sowieso wieder zurückkommen. In ein paar Wochen oder so."

"Meinst du wirklich?"

"Keine Ahnung. Aber man steigt doch nicht einfach so aus und verschwindet. Er braucht sicher nur eine kleine Auszeit."

"Vielleicht. Übrigens, es ist schön zu erfahren, dass dir daran liegt, dass ich nicht mehr sauer auf dich bin."

"Selbstverständlich liegt mir daran. Du bist immerhin meine Brötchenquelle."

"Die könntest du dir selbst kaufen."

"Schmecken aber besser, wenn du sie mir mitbringst."

"Ich habe noch ein paar bei mir zu Hause. Du kannst sie dann nachher mitnehmen."

Während dieses letzten Satzes stand sie auf und lächelte Max breit an. Aufgeregter als ihm in diesem Moment lieb war, sprang er fast aus seinem Stuhl hoch und schlug sich dabei das Knie an der Tischkante an. Izzie hatte recht, er war manchmal viel zu typisch Mann. Bemüht schnell seine Haltung zurück zu gewinnen, liess er Izzie sich bei ihm einhaken. Sie wohnte nicht allzu weit entfernt auf der gegenüberliegenden Seite des Kanals. Bei Izzies Spaziertempo würde es aber trotzdem lange dauern, bis sie endlich ankommen würden.

Sie kamen auf dem Weg an ein paar der wenigen übriggebliebenen und leerstehenden Gebäuden der ehemaligen Industrieunternehmen, die hier am Kanal gestanden hatten, vorbei. Die meisten davon waren halb zerfallen und der Zutritt wegen Einsturzgefahr verboten. An die Wände waren die üblichen Graffitis gesprayt. Die meisten Scheiben waren eingeschlagen. Oder herausgefallen. Es war auch bekannt, dass viele Obdachlose die Gelegenheit nutzten und sich hier mehr oder weniger häuslich eingerichtet hatten. Das wurde jedes Mal dann zum Medienthema, wenn wieder ein grösseres Projekt im Industriegelände am Kanal realisiert wurde und die illegalen Hausbesetzer dafür vertrieben werden mussten. Das letzte Mal war dies geschehen, als das Einkaufszentrum, das die beiden gerade hinter sich gelassen hatten, gebaut worden war.

Max kam sein Erlebnis mit dem nackten Mann im Brunnen vom gestrigen frühen Morgen wieder in den Sinn. Vielleicht war er ein Obdachloser. Das würde passen. Er erzählte Izzie von seiner Begegnung. Sie musste lachen und bedauerte Max ein wenig. Er hätte wohl wirklich kein leichtes Wochenende gehabt. Ein Kollege, der Reissaus genommen hatte, und ein nackter Mann im Brunnen. Sie würde aber zu Hause gleich mal schauen, ob sie etwas dagegen machen könnte. Diese Aussicht machte den nackten Mann schnell vergessen. Von Anfang an, seit er Izzie das erste Mal getroffen hatte, war Max ihr im Schlafzimmer fast hörig. Er hasste es. Er liebte es.

In ihrer Wohnung angekommen, führte Izzie ihn in ihr Schlafzimmer. Sie zog sich langsam vor ihm aus. Er genoss es. Sie noch viel mehr. Dann half sie ihm, sich selbst auszuziehen. Es machte ihn halb wahnsinnig. Einen Moment standen sie sich dann ganz nahe gegenüber, ohne sich jedoch zu berühren. Er konnte die Wärme, die ihr Körper abstrahlte, an seinem spüren. Ihre sanften Atemstösse streichelten seinen Hals. Er roch den Duft ihrer Haare. Es war Folter. Wunderbare, herrliche Folter.

"Nimm mich", flüsterte sie schliesslich.

Und obwohl sich Izzie mit dem Rücken auf das Bett legte, sich vollkommen gehen liess und ihm ihren Körper ganz hinzugeben schien, hatte Max den Eindruck, ja wusste er fast sicher, dass er für sie hier war und nicht umgekehrt, dass sie dies alles nur zu ihrem eigenen Vergnügen tat und dass sie wollte, dass er das wusste. Er konnte sich vor Erregung kaum beherrschen. Am liebsten hätte er seine Zähne in ihr warmes, weiches Fleisch gerammt und ihr Blut geleckt. Er drang wuchtig in sie ein. Er wollte sie besitzen. Aber so stark, so überlegen und männlich er sich pulsierend in ihr fühlte, auf dem Höhepunkt war ihm ohnmächtig klar: Während sie die Kontrolle nur bewusst und vorrübergehend aufgab, hatte er sie vollkommen verloren. Seine Lust auf Izzie, seine Begierde nach ihr, die sie scheinbar mit Leichtigkeit in ihm wecken konnte, hatten ihn wieder überrumpelt. Im gleichen Moment, in dem er gierig dachte Izzie zu nehmen, wusste er auch dieses Mal ganz genau, dass sie es war, die sich an ihm bediente. Das machte sie so wundervoll und auch ein bisschen beängstigend. Erschöpft kuschelten sie sich anschliessend in der Löffelstellung aneinander, Max Izzie von hinten umarmend.

"Meinst du wirklich, er kommt nicht wieder zurück?", fragte er sie leise.

"Weiss nicht. Du kennst ihn doch besser als ich. Ihr seid befreundet."

"Man geht doch nicht einfach weg. Ist doch schön hier."

Schweigend lagen sie immer noch Haut an Haut eine Weile beieinander und atmeten gemeinsam im gleichen Rhythmus ein und aus.

"Weisst du denn, warum er gegangen ist?", fragte Izzie schliesslich.

"Hm. Weil er weg wollte?"

"Keine gute Antwort."

"Midlife Crisis?"

Izzie löste sich aus Max‘ Umarmung und drehte sich zu ihm um.

"Ich wüsste jemanden, den du vielleicht fragen könntest."

"Mach’s nicht spannend."

"Deinen Neptun im Brunnen, den du angeblich getroffen hast."

Max musste lachen. Sie lagen noch eine Weile beisammen und redeten darüber, ob Max sich auch einen Bart wachsen lassen sollte oder nicht. Schliesslich stand Izzie auf. Sie musste morgen früh wieder zur Arbeit gehen, deshalb blieb der Abend kurz. Wie versprochen packte sie Max noch Brötchen ein, bevor sie ihn mit einem Kuss an der Tür verabschiedete.

Draussen überlegte Max, ob er noch ein Stück laufen sollte, fand dann aber, dass er heute schon genug spaziert war. Er suchte sich ein Taxi und liess sich zu seiner Wohnung zurückfahren.

Dort bereitete er sich eine Suppe aus der Tüte zu, setzte sich vor den Fernseher und ass sie zusammen mit Izzies Brötchen. Irgendwann machte er den Fernseher aus und ging zu Bett.

Als er am Montag gegen Mittag wieder aufgestanden war und gefrühstückt hatte, beschloss Max die neue Woche mit einer Runde Jogging anzufangen. Er hatte sich in letzter Zeit nicht viel draussen bewegt, weil es ihm in den letzten paar Wochen zu kalt gewesen war. Aber wenn er je wieder mit Izzie rennen gehen wollte, und sie ihn nicht gleich von Anfang an abhängen sollte, dann musste er endlich anfangen etwas dafür zu tun.

Draussen empfing ihn eine freundliche Vorfrühlingssonne und die Luft war, ein bisschen zu seinem Unmut, warm genug, um Freiluftsport zu betreiben. Er joggte etwa zwanzig Minuten lang im Park in der Nähe seiner Wohnung. Seine Lungen waren überhaupt nicht mehr an körperliche Aktivität gewöhnt, genauso wenig wie der Rest seines Körpers. Er rannte nicht halb so schnell wie mit Izzie, aber mühsam war es trotzdem.

"Scheisse", dachte Max bei sich, als er vornübergebeugt wieder in seiner Wohnung stand und vor lauter Husten kaum mehr atmen konnte. Er war vor dem Wintereinbruch für seine Verhältnisse gut in Form gewesen. Immerhin war er mit seinen Mitte Dreissig auch nicht mehr der Jüngste. Aber jetzt schien alles wieder weg zu sein.

Nach einer warmen Dusche ging es ihm aber schon wieder etwas besser und er machte sich fertig, um zur Arbeit zu gehen.

Er hasste es, nicht mit Izzie mithalten zu können. Vielleicht war es nicht gerade Hass. Aber gegen seinen Stolz ging es ihm schon, wenn sie ihn abhängte. Und das nicht nur beim Joggen. Rein gefühlsmässig war sie ihm in mancherlei Dingen überlegen. Nicht, dass sie ihm das je unter die Nase gerieben oder es ihm vorgehalten hätte. Es war einfach schwierig, als Mann neben ihr zu bestehen. Zumindest hatte Max manchmal dieses Gefühl. Warum eigentlich? Izzie provozierte ihn zwar, aber griff ihn nie wirklich an. Und der Sex mit ihr war klasse. Wenigstens da hatte er nie Probleme mitzuhalten. Es war der Mensch Izzie als Ganzes, der Max so beeindruckte, ohne dass er sagen konnte, was genau sie zu einer so faszinierenden Frau machte.

Nach einem ereignislosen und uninspirierenden Tag im Büro kam er kurz nach ein Uhr morgens wieder nach Hause. Anders als sonst fühlte er sich aber nicht abgestumpft, sondern war wach und sogar fast ein wenig euphorisch. Er hatte sich auf dem Heimweg vorgenommen, heute Nacht zum Brunnen zu gehen. Um den nackten Mann zu treffen, wie Izzie es vorgeschlagen hatte.

Beim Einkaufszentrum angekommen, marschierte Max schnurstracks zum Brunnen vor dem Haupteingang. Er umrundete die plätschernde Einrichtung mehrmals, fand aber keinen nackten Mann darin. Bald dehnte er seine Runden auf die Peripherie des Platzes aus und suchte das Gelände ab. Er ging die grosse Treppe auf beiden Seiten des Platzes hinunter und wieder hinauf und einmal auf der einen Seite sogar über die Gehwege bis zum Parkplatz.

Nach längerer erfolgloser Suche setzte er sich enttäuscht auf den Brunnenrand. Er würde einfach hier auf den Mann warten. Das letzte Mal hatte der auch ihn gefunden und nicht umgekehrt. Max kauerte sich zusammen und vergrub die Hände unter seinen Achseln. Es war kalt und weil er sich nicht mehr bewegte, fing er schnell an zu frieren. Er gähnte. Der Eingangsbereich des Einkaufszentrums war natürlich hell erleuchtet, aber ausserhalb der Reichweite der vielen Lichter war immer noch alles dunkel.

Nach einer Weile stand er wieder auf und ging noch einmal um den Brunnen herum. Dann noch einmal und schlug dabei mehrmals die Arme vor der Brust zusammen, um sich aufzuwärmen. Sein Magen knurrte. Er hätte doch etwas essen sollen, bevor er hierhergekommen war. Max hatte Mühe die Augen offen zu halten und ihm war kalt. Das Einzige, was ihn vom Einschlafen abhielt, war sein Hunger. Angestrengt ging er noch ein paar Mal um den Brunnen herum, mehr um sich wach und warm zu halten als in der Hoffnung, der Mann könne doch noch auftauchen.

Es wurde langsam hell. Und dann, gerade als er sich wieder hinsetzen wollte, sah Max doch endlich eine Gestalt über den Parkplatz auf den Brunnen zu kommen. Einen Moment lang vergass er Müdigkeit, Hunger und Kälte. Aber dann erkannte er, dass es nicht der erwartete Freischwimmer sein konnte. Max sah, wie die Gestalt mit einem Schlüssel eine Seitentür neben den Haupteingängen des Einkaufszentrums öffnete und durch sie hinein verschwand. Es musste einer der Angestellten gewesen sein, die die Öffnung des Zentrums vorbereiteten.

Frustriert stieg Max die grosse Treppe vor dem Haupteingangsgelände hinunter und bog dann Richtung U-Bahnstation ab. Das ganze Unterfangen war eine enttäuschende Zeitverschwendung gewesen. Er wollte jetzt nur noch nach Hause.

Kurz vor der U-Bahnstation überlegte Max es sich aber anders und stampfte am Eingang vorbei. Er ging weiter bis an die grosse Strasse, rief ein Taxi und liess sich zu Izzies Bäckerei fahren.

So früh waren nur wenige Leute im Laden und Izzie, die hinter der Verkaufstheke stand, sah ihn sofort hereinkommen. Sie winkte ihm kurz zu und bediente noch einen Kunden, bevor sie eine Kollegin bat, sie abzulösen. Max wartete beim Schaufenster gegenüber der Theke stehend, wo er niemanden störte.

"Was machst du denn hier? Ist etwas passiert?"

"Er ist nicht gekommen."

"Wer ist nicht gekommen?"

"Der nackte Mann. Er war nicht im Brunnen."

"Siehst du deswegen so fertig aus? Hast du die ganze Nacht auf ihn gewartet?"

"Mehr oder weniger. Aber umsonst. War eine blöde Idee."

"Dann versuch’s halt morgen nochmal."

Max starrte Izzie einen Moment lang mit grossen Augen an.

"Was ist, Max? Bärtige, nackte Männer in einem Brunnen sind halt manchmal unberechenbar."