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Auf die eine oder andere Weise würde es sowieso früher oder später genau so enden: Man würde älter; die inneren Stürme würden sich von allein legen; das Drängen weniger und weniger werden; man würde sich auf Barhockern an die alten Schlachten, Wunden und Leiden zurückerinnern und darüber lachen, wie intensiv und mächtig sie gewesen waren, und vor allem wie nutzlos und zerstörerisch. Mit der Zeit würden selbst diese Erinnerungen mehr und mehr verblassen, sie wären zwar immer da, aber man würde sie fast nicht mehr spüren. Genauso wie er jetzt. Alles würden nur noch Bilder und Gedanken sein. Nein, weniger, nur noch Ahnungen, dass es einmal so gewesen sein musste. Dass man einmal so empfunden und gelebt hatte. Aber nichts würde einen mehr berühren. Man würde mit allem versöhnt sein. Ewiger Friede würde herrschen, wo früher gewaltige Kämpfe tobten. Als ob man ein neuer Mensch geworden wäre. Vielleicht mehr ein anderer Mensch. Einer, nachdem man sich in seinen jungen, dunklen, kalten Momenten gesehnt hatte. Dann würde man schlußendlich doch genau da ankommen, wo Alex sowieso lange vorher anlangte: Man würde die Gewissheit haben, dass das einzig mögliche Glücklichsein im Leben darin bestand, ein paar Biere zu kippen, sich von einem einsamen Ding den Schwanz lutschen zu lassen und ihr dafür das zu geben, wonach sie sich am meisten sehnte, nämlich einen zärtlichen Kuss und Arme, in denen sie die Nacht verbringen konnte. Nicht mehr und nicht weniger.
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Seitenzahl: 166
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Die Feder ist so mächtig wie das Schwert: Befreien können beide was einer an Leben Und Liebe in sich weggeschlossen hat.
B.Hernandez
B. Hernandez
Geschlagene Hunde
www.tredition.de
© 2012 B. Hernandez
Umschlaggestaltung: B. Hernandez
Lektorat: Christine Baumgart, www.lektotext.com
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-7323-6093-2 (e-Book)
ISBN: 978-3-8495-2086-7 (Paperback)
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1
„Wohin zum Teufel gehen wir?“
„Sei nicht so ungeduldig, Alex. Ist nur ein kleiner Umweg. Muss noch ein Geburtstagsgeschenk für meinen Sohn besorgen. Keine Sorge, du kommst danach schon noch auf deine Kosten.“
„Jaja. Du weißt aber ganz genau, dass ich nicht lange wegbleiben kann. Mein Boss ist sowieso schon jedes Mal sauer, wenn ich über die Mittagszeit verschwinde. Da läuft im Laden am meisten.“
„Als ob du einen Scheiss drauf geben würdest, ob dein Boss sauer ist oder nicht. Oder willst du jetzt plötzlich Karriere machen? Bist doch gerade erst vom Brötchenaufwärmer zum Salat- und Zwiebelschneider befördert worden, oder?“
„Leck mich.“
„Nein. Aber du mich. Und zwar bald, keine Angst.“
Mit leichtem Kopfschütteln und unterdrücktem Grinsen auf den Lippen drehte Alex den Kopf von Nicole weg und sah aus dem Seitenfenster des Beifahrersitzes. „Du bist schon eine kleine Schlampe.“
Sie wandte ihren Blick kurz von der Straße ab und blitzte ihn mit funkelnden Augen von der Seite an: „Und genau das gefällt dir doch so an mir.“
Alex tat so, als hätte er ihre Bemerkung nicht gehört. Für eine Weile fuhren sie schweigend weiter.
Er arbeitete seit knapp einem Jahr in einem der Take-away-or-stay-Sandwichläden in der Innenstadt. Die Kundschaft, die hauptsächlich aus den Angestellten der umliegenden Bürogebäude bestand, konnte sich an der Theke aus einer verglasten Auslage an Frischwaren Brot, Fleisch- und Gemüsebelag selbst aussuchen und ein Angestellter wie Alex stellte das Sandwich dann zusammen.
Angefangen hatte Alex als Tischabräumer. Es gab im Laden ein paar Tische, an denen Gäste auch sitzen konnten, was an Randzeiten aber außer Rentner und Schüler kaum jemand tat. Nach einer Weile war er dann, wie alle anderen Angestellten, an verschiedenen Positionen, wie der Frischwarenzubereitung oder der Theke, eingesetzt worden.
Nicole war eine der Kundinnen, die fast täglich vorbeikam. Meistens kaufte sie ein kleines Käsesandwich, einen grünen Salat und ein Mineralwasser. Das war nicht wirklich Essen, wie sie selbst sagte, aber es machte satt und hielt in Form. Auf diese Weise kamen sie und Alex ins Gespräch. Die üblichen Floskeln, die man an der Kasse oder beim Zusammenstellen eines Sandwichs mit den Stammgästen austauschte, wuchsen schnell in die unterhaltsamen Neckereien und Sprüche aus, die sich fast von alleine ergeben, wenn zwei auf einer Wellenlänge liegen. Irgendwann fiel Alex dann auf, dass sie sich öfters extra so in die Reihe stellte, dass sie von ihm und nicht von jemand anderem bedient werden musste. Manchmal, wenn doch ein anderer Angestellter ihre Bestellung entgegen nehmen wollte, täuschte sie kurzerhand einfach einen Anruf auf ihrem Mobile vor und winkte den nächsten Gast vorbei. Und als Nicole ließschließlich einmal viel später als gewohnt in den Laden kam und Alex, weil keine anderen Kunden da waren, seine Pause nahm und sich zu ihr an den Tisch setzte, wo sie gerade ihr Sandwich mit Salat essen wollte, war sehr schnell klar, wo das alles hinführen würde. Nicole nahm ihn nach dem Essen in ein Motel-Zimmer mit und daraus wurde eine Affäre, die sie jetzt seit etwa einem halben Jahr hatten. Sie trafen sich seither drei bis viermal im Monat. Entweder in ihrer Mittagspause oder gleich, nachdem sie im Büro Schluss hatte. Sie schoben dann eine Nummer in einer Tiefgarage in ihrem Auto, mieteten sich kurzerhand ein Motel-Zimmer am Stadtrand oder gingen, wenn auch selten, in Alex‘ kleine Wohnung. Keine langen Diskussionen, keine gemeinsamen Essen oder andere Aktivitäten. Eigentlich kannten sie sich kaum. Er wusste von ihr nur, dass sie in der Nähe bei einer großen Versicherungsgesellschaft arbeitete, verheiratet war und zwei Kinder hatte. Außerdem sah sie gut aus und wollte mit ihm vögeln. Letzteres war ihm im Grunde schon genug, mehr interessierte ihn ohnehin nicht. Sie machte ihm zudem von Anfang an klar, was sie von ihm wollte und was nicht. Sie war durch und durch eine kleine Schlampe. Das gefiel Alex. Mal etwas mehr, mal etwas weniger.
„Ich arbeite an der Kasse und an der Theke. Schon lange nicht mehr in der Produktion.“
„Ich weiß, Süßer. Ich habe mein Sandwich gestern bei dir gekauft, schon vergessen?“ Und mit einem Klaps auf seineSchenkel: „Nun sei nicht so ernst. Du weißt, dass das nur ein Scherz war. Wen juckt es schon, was für einen Job du hast.“
Sie juckte es ganz sicher nicht, das war ihm klar. Und in der Regel juckte es ihn auch nicht. Aber manchmal fand er ihre Witze einfach jenseits der Gürtellinie und nicht lustig. Es war nichts Schlechtes daran, Tische abzuräumen oder Zwiebeln zu hacken. Zumindest war es nicht weniger beschissen, als den ganzen Tag in einem Büro rumzusitzen, Papiere und E-Mails abzuarbeiten oder an Sitzungen teilzunehmen. Wenigstens war ein Sandwich noch etwas, was die Menschen wirklich zum Leben oder, im Fall der Büroangestellten, Überleben brauchten.
Seit Alex vor vier Jahren die Universität – nach etwas mehr als zwei Jahren und fünf ausprobierten Hauptfächern – verlassen und ein Praktikum als Kundenberater in einer Bank abgebrochen hatte, machte er die Jobs, die ihm gerade passten – und auch genau so lange, wie es ihm passte. Man braucht Geld zum Leben und das wollte er sich verdienen. Aber mehr Ansprüche hatte er an seine Anstellungen nicht. Seine Eltern waren da natürlich ganz anderer Meinung und fanden es ‚sehr schade‘, dass er ‚nichts aus seiner Möglichkeit, zu studieren‘ machte. Aber so lange er sein Auskommen selbst bestritt, ließen sie ihn ‚machen, was immer er glaubte, was ihn glücklich machen würde‘. Jedes Mal bei seinen selten gewordenen Besuchen zu Hause gab es früher oder später dieselbe Diskussion. Er fand es zum Kotzen. Nur, weil sie selbst früher nicht die Möglichkeit gehabt hatten, zu studieren, wollten sie ihm nun nur zu gern diese Chance mit finanzieller Unterstützung ermöglichen, selbst jetzt noch und trotz seines desaströsen ersten Versuchs. Alex erkannte durchaus die edle Absicht in dieser Sache, aber was immer er mit dieser ‚Chance‘ machte oder nicht machte, war verdammt noch mal seine Sache. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass man zwingend und ausschließlich im Leben glücklich werden konnte, wenn man nur irgendwelches Zeug an der Universität studierte, weil man die Chance dazu hatte, ohne zu wissen, wo und wie es im Leben einzuordnen wäre. Oder noch schlimmer: Fächer studieren, von denen man genau wusste, wo und wie sie einzuordnen waren, nämlich als stumpfsinnig und öde. Zum Teufel, er hatte ein paar Semester studiert und nicht mal gewusst, wie man Zwiebeln hackt, als er im Sandwichladen anfing.
Andererseits musste er sich eingestehen, dass er sich bei seinen Jobs des Öfteren wünschte, er könnte den einen oder die andere durch jemanden mit einem etwas breiteren Horizont ersetzen. Sein jetziger Boss zum Beispiel. Eigentlich war er nur der dienstälteste Angestellte im Verkaufsbereich, verantwortlich für die Schichtpläne und die verschiedenen Arbeiten im Laden. Trotzdem ein Wichtigtuer ohnegleichen und dazu dämlich wie eine unverkaufte Scheibe Toastbrot, die abends halb ausgetrocknet weggeworfen wurde. Eine sehr anstrengende Mischung. Für fallengelassenes Geschirr oder fallengelassene Ware verteilte er Strafpunkte. Die musste man dann in einer extra angeordneten Schicht ‚Toiletten putzen‘ oder ‚Mülltonnen reinigen‘ abarbeiten. Er nannte diese ‚arbeitserzieherischen Maßnahmen‘ gern auch ‚Lernen für‘ s Leben‘. Dass er selbst nicht ein einziges Mal den wöchentlichen Schichtplan, unter Berücksichtigung aller Abwesenheiten, Teilzeitpensen und Leuten mit Elternpflichten, richtig hinbekam, war natürlich nie sein Fehler. Dauernd mussten sie sich unter dem Personal selbst absprechen, damit schlußendlich doch noch alles funktionierte. Im Grunde war diese Kreatur für Alex nur erträglich, weil er wusste, dass er jederzeit kündigen und sich etwas anderes suchen konnte. Vielleicht sollte er das bald tun. So gesehen hatte Nicole recht, sein Boss war ein Arschloch und es war Alex egal, ob dieser sauer war.
„Wie alt wird er denn?“
„Wer? Kenny?“
„Falls das der Name deines Sohns ist, ja, Kenny.“
„Sieben. Mein Mann wollte ihm eine Videospielkonsole schenken. Aber ich war dagegen. Die Kinder schauen schon genug Fernsehen und da wollte ich ein Geschenk, dass sie auch mal nach draußen lockt. Außerdem lernt er mit einem Hund auch den Umgang mit Tieren.“
„Und du hast dich natürlich durchgesetzt.“
„War relativ einfach. Mein Mann weiß ganz genau, was gut für ihn ist.“
„Da bin ich mir ganz sicher.“
Wieder schlug sie ihm gegen den Oberschenkel. Dieses Mal etwas stärker und mit der Faust.
„Hey! Mein Mann hat es gut mit mir.“
Alex schrie laut auf, hielt sich seinen Schenkel und riss eine übertrieben schmerzverzerrte Mine. „Alles was du sagst, Liebling, aber bitte schlag mich nicht wieder.“
Beide mussten lachen.
„Im Ernst. Er war unter zwei Bedingungen schnell einverstanden: Erstens muss ich den Hund besorgen. Und zweitens muss er aus dem Tierheim sein.“
„Wieso das denn?“
„Mein Mann ist der Meinung, dass sich spätestens nach ein paar Wochen sowieso keins der Kinder mehr für den Hund interessiert und sich dann niemand um das Tier kümmern will. Deshalb einen aus dem Tierheim. Kann man leichter wieder zurückgeben.“
„Ihn ‚leichter zurückgeben?!‘ Warum die Umstände? Kannst ihn ja gegebenenfalls auch auf der Autobahn aussetzen. Da findet er bestimmt bald Kollegen unter all den aus dem Auto geschmissenen Hunden“.
„Haha. Wir sind keine solchen Unmenschen. Immerhin geben wir einem dieser kleinen Bengel eine Chance auf ein neues Zuhause. Und wenn es halt nicht klappt, dann kommt er wieder zurück an seinen alten Ort. Keine große Sache.“
„Hast du sie nicht alle?! Du kannst doch einen Hund nicht einfach so hin- und herschieben!“
„He, was regst du dich so auf? Es ist nur ein Hund und dem ist es schlußendlich doch egal, wer ihm seinen Napf mit Fressen füllt. Außerdem ist es ja nicht so, dass wir den Hund von Anfang an gleich wieder zurückgeben wollen. Aber wenn’s nicht klappt, dann klappt’s halt nicht. Allemal besser, als ihn auszusetzen oder gleich einzuschläfern.“
„ Und mit ‚wenn es nicht klappt‘ meinst du, wenn dein kleiner Bengel die Freude am Hund verliert und sich nicht mehr um ihn kümmern will?“
„Mein kleiner Bengel? Hast du gerade meinen Sohn mit einem Hund verglichen?“
„Nein. Nein natürlich nicht. Ich meine nur, dass ich deinem Mann recht geben muss. Ich denke, die Videospielkonsole ist die bessere Geschenkidee. Mit der wird klein Kenny zwar auch nicht ewig spielen, aber wenigstens kann man eine Videospielkonsole einfach wegwerfen oder weiterverschenken. Außerdem pissen und kacken Hunde dauernd. Und sie bellen. Und wenn man mit ihnen spazieren geht, muss man sie ständig von anderen Hunden fern halten. Weil sie läufig sind, weil sie kämpfen wollen, weil sie übermütig sind. Und sie stinken aus dem Maul.“
„Hm, klingt irgendwie vertraut. Aber nach 15 Jahren Ehe hat man sich an den Mundgeruch des werten Angetrauten gewöhnt. Und du putzt dir ja immer die Zähne, bevor wir uns treffen.“
„Vorsicht, Hunde können auch beißen.“
„Jaja, mein Süßer. Aber bekanntlich nicht die, die bellen. Was soll das eigentlich? Hast du was gegen Hunde oder willst du mir einfach ausreden einen zu kaufen?“
„Ts, Hunde sind mir so ‘was von scheißegal.“
„Klang aber nicht wirklich danach. So, wir sind da. Gleich da vorne ist es.“
Nicole bog mit dem Auto in eine Einfahrt und stellte den Motor ab. „Dauert nicht lange, ich verspreche es.“
„Ok. Ich werde im Auto warten.“
„Gott, hast du Angst vor Hunden, oder was? Jetzt komm halt mit. Kannst mir beim Aussuchen helfen.“
Mit einem hörbar tiefen und schweren Ausatmen stieg Alex aus dem Auto und folgte Nicole in das Tierheim. Schon vom Parkplatz aus konnte man das Bellen der Hunde hören.
Hinter der Eingangstür begann ein breiter Hauptgang, von dem seitlich jeweils vier Zwischengänge wegführten. Diese kleineren Gänge waren wiederum links und rechts mit Käfigen gesäumt. Ein Käfig selbst war ein Würfel, der, bis auf die Seite zum Gang hin, ganz aus Beton bestand. In einer Wand befand sich eine Gittertür. Die Gangfront war durch einem mit Eisenstangengerüst verstärkten Maschendrahtzaun versperrt, der bis zur Decke reichte. Drei, vier, manchmal fünf Hunde waren in einem Käfig. Außerdem befanden sich in den Käfigen Hundehütten oder Körbe als Schlafstellen, Fressnäpfe, ein paar Spielzeuge oder Äste und Knochen zum Abknabbern. Die Hunde bellten sich nicht nur gegenseitig an, sondern sie waren zusätzlich aufgeregt, weil noch andere Besucher da waren: Eltern mit kleinen Kindern, frisch verliebte Pärchen, dazwischen einzelne alte Leute, die sich von Käfig zu Käfig vorarbeiteten. Sie traten vor einen Käfig, blieben stehen, schauten hinein, begutachteten, tippten mit den Fingerkuppen auf die Eisenstangen, um die Hunde anzulocken, redeten in der gleichen Art und Weise mit ihnen, wie sie es mit Babys taten, dann gingen sie weiter. Die Hunde bellten und rannten Schwanz wedelnd in ihren Käfigen hin und her. Manche getrauten sich nicht nach vorne an den Zaun zu den Besuchern, andere stellten sich mit den Vorderbeinen dagegen und ließen sich sogar ein bisschen anfassen.
„Ich gehe mal und suche einen Pfleger, Alex. Kannst dich ja schon mal ein bisschen umschauen.“
Als Nicole nach einer Weile in Begleitung eines Mitarbeiters des Tierheims zurückkam –, einem Mann im Rentenalter, klein und gebrechlich, bekleidet mit einer braunen Arbeitsuniform, dem Schriftzug des Tierheims auf dem Rücken und dem Namen ‚Ed‘ auf der Brust, mit dunkelgrünen Gummistiefeln und einem müden gelangweilten Gesichtsausdruck –, konnte sie Alex zunächst nicht wieder finden. Sie dachte, er würde immer noch bei der Eingangstür stehen und auf sie warten, weil er nur so widerwillig mitgekommen war, aber jetzt mussten sie die Gänge absuchen, um sicher zu sein, dass sie ihn nicht zwischen all‘ den anderen Besuchern irgendwo übersahen. Schließlich entdeckten sie ihn. Er stand reglos am Ende eines der letzten beiden hintersten Zwischengänge und schaute in einen Käfig. Nicole schaute kopfschüttelnd Ed an und rief dann nach Alex. Als dieser sie nicht zu hören schien oder zumindest so tat, marschierten sie auf ihn zu. Sie waren alleine in diesem Gang, was nicht verwunderlich war, denn alle Käfige hier waren leer. Sie rief nochmals nach Alex. Erst als sie näher kamen, konnte sie erkennen oder besser hören, dass der Käfig, vor dem er stand, im Gegensatz zu allen anderen nicht leer war. Der Hund, es war nur einer in dem Käfig, bellte wie verrückt. Sie blieb erschrocken einige Schritte von Alex entfernt stehen. Er bemerkte sie immer noch nicht, sondern beobachtete ruhig den Hund. Ed tat es ihr gleich. Das Gebell des Hundes war viel lauter und aggressiver, als das der Übrigen. Er stand nach vorne geduckt, breitbeinig in seinem Käfig, bellte Alex an und fletschte zwischendurch knurrend seine Zähne. Es sah so aus, als würde er jeden Moment gegen den Maschendrahtzaun springen und Alex zerfleischen wollen. Aber dann löste sich der Hund aus seiner Haltung, drehte sich ein paar Mal um sich selbst und der Tanz ging von Neuem los. Ed trat schließlich auf Alex zu und bat ihn vom Käfig weg zu treten und ihn nicht noch unnötig zu reizen. Kaum waren die beiden bei Nicole und aus der Sichtweite des Hundes, wurde es still im Käfig.
„Hast einen Kollegen gefunden, hm? Von mir aus können wir gehen. Ich wollte einen Welpen haben, aber sie haben gerade keinen hier. Ein paar Halbwüchsige, aber keine ganz kleinen. Ich will aber für Kenny keinen Hund, der schon eine Vergangenheit hat. Wer weiß schon, was diese armen Teufel alles hinter sich haben. Ed sagt zwar, dass alle Hunde resozialisiert sind, die sie weggeben, aber mir ist trotzdem nicht wohl. Ihr Männer gewinnt also doch: Es wird eine Videospielkonsole. Die Geburtstagsparty ist am Wochenende und ich habe keine Zeit mehr noch andere Tierheime abzuklappern. War ein Versuch wert, aber es sollte nicht sein.“
Alex drehte sich nochmals zum Käfig um und schaute dann Ed fragend an.
„Der ist noch nicht so lange bei uns. Wurde wahrscheinlich früher geschlagen. Armer Kerl. Ist halb irre geworden. Muss aber ein starker und stolzer Hund gewesen sein. Hat sich trotz allem nicht wirklich unterkriegen lassen, sonst würde er nicht so voller Leben sein. Aber selbst die Stärksten verlaufen sich dann irgendwie in ihrem Inneren und kommen nicht mehr zurecht. Die meisten finden wieder zu sich, wenn sie eine Weile hier sind und genug Zeit hatten, um sich zu erholen. Es muss wieder ‚klick‘ machen in ihrem Kopf und sie können wieder normal sein. Manchmal ist es ein Wunder, was wir mit ein bisschen gutem Umgang erreichen können. Dann kann man sie auch wieder an Menschen gewöhnen und die meisten weitervermitteln. Aber bei dem da bin ich mir nicht so sicher, ob es was bringt. Der Hund ist böse geworden. Der kommt nicht mehr zurück. Wir geben ihm eine Chance, aber wahrscheinlich werden wir ihn einschläfern müssen. Ist vielleicht das Beste für ihn - man kann nicht alle geschlagenen Hunde retten.“
Wortlos gingen die drei an den leeren Käfigen vorbei zum Hauptgang und dann zurück zur Eingangstür, wo sich Nicole zum Abschied mit einem Trinkgeld bei Ed bedankte. Er öffnete ihnen die Tür und sie machten sich auf den Weg zum Parkplatz. Dort stiegen sie ins Auto und fuhren wieder Richtung Innenstadt. Alex starrte auf die Straße ohne sie zu sehen.
„Meine Güte, du siehst aus, als wolltest du gleich von einer Brücke springen. Haben dich die Hunde da drinnen so mitgenommen?“
„Der Hund im letzten Käfig ist nicht böse. Noch nicht. Aber sicher wird er bald durchdrehen und dann werden sie ihn trotzdem erschießen müssen.“
„Woher willst du das wissen? Bist du der Hundeflüsterer, oder was?“
„Er bellte und nahm Drohhaltungen ein, aber während der ganzen Zeit, in der ich vor dem Käfigstand, ist er nicht ein einziges Mal gegen die Gitterstäbe gesprungen.“
„Na und?“
„Wenn er wirklich hätte angreifen wollen, hätten ihn die Stäbe nicht davon abgehalten. Er wäre blindlings seinem Instinkt gefolgt.“
„Du musst es wissen.“
„Ja, muss ich …. hab’s mal im Fernsehen gesehen. Da war der Hund genauso. Musste erschossen werden.“
„Ach Alex, manchmal ist es sehr schwierig, aus dir schlau zu werden. Weißt du noch, was du zu mir sagtest, als ich dich das erste Mal fragte, ob du mit mir ins Bett willst? Du hast gesagt: ‚Warum nicht? Alles andere wird sowieso überbewertet.‘“
„Und? Ist doch so.“
„Ja, aber andererseits dann diese Sentimentalität wegen eines Hundes.“
„Ich sagte nur, dass der Hund nicht böse sei. Aber in dem Käfig wird er durchdrehen.“
„Was sollen sie also tun? Ihn frei lassen und hoffen, dass du recht hast?“
„Weiß ich doch nicht. Hab‘ gesagt, dass der Hund in der Sendung erschossen werden musste. Keine Ahnung wie man’s anders machen könnte.“
„Was soll’s, man kann nicht alle retten. Aber du hast den Pfleger gehört, die meisten von ihnen finden wieder einen Platz irgendwo. Happy End.“
„Ts, Happy End. Nur der Tod ist ein Happy End.“
„Oh Gott, hast du jetzt wieder einen deiner die-Welt-ist-soschlecht-wir-wären-alle-besser-nicht-geboren-Momente? Die ziehen mich echt runter.“
„Schon gut. Hunde weggesperrt, Happy End. Niemand wird dich runter ziehen.“
„Komm mir nicht auf die Tour. Ich bin nicht diejenige, die wegen ein bisschen Hundegejaule fast in Tränen ausbricht. Es ist schon erstaunlich mit dir. Eigentlich bist du das Musterbeispiel für einen, der einen Dreck auf Welt und Leben gibt. Und doch wirst du auf eine fast grausame Art und Weise gezwungen, dich irgendwo versteckt in einer Falte deiner Seele – oder was immer du da hast – an der lächerlichen Hoffnung festzukrallen, dass eines Tages doch alles gut wird und wir alle ein Stück Erlösung bekommen. Manchmal muss es echt Scheiße sein Du zu sein. Dann hast du immer diese miese Laune. Unerträglich.“
„Jaja und du bist der reinste Sonnenschein.“
„Wenigstens sehe ich das Positive im Leben und habe meinen Spaß.“
„Indem du deinen Mann betrügst.“
„Du weißt genau, was ich meine. Oder willst du jetzt Moralapostel spielen?“
