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Sein letztes Rennen stürzt den jungen Formel-1-Fahrer Torsten Breuer in eine schwere seelische Krise. Ärztlichen Beistand erhofft er sich von der Psychotherapeutin Dr. Brigitte Schaller. Der medizinische Erfolg stellt sich auch alsbald ein, so dass Torsten aufzuatmen beginnt. Aber eine Hetzkampagne aus seinem persönlichen Umfeld zerstört den Aufwärtstrend dermaßen, dass er auf das Ende seiner Karriere und in den Abgrund seines Lebens blickt. Sollte es der ärztlichen Kunst nicht gelingen, Torsten für den Rennsport wieder auf die Beine zu stellen, gibt es für ihn kein himmelhoch jauchzendes, sondern ein zu Tode betrübtes Ende. Mit Ehedramen, Humoresken, Tierfabeln, Krimis, Kinderschicksalen und Beziehungskonflikten geht es weiter im Text.
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Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2019
Günter Beckmann
Das letzteRennen
Und weitere kunterbunteKurzromane
© 2019 Günter Beckmann
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44,
22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-0838-3
Hardcover:
978-3-7497-0839-0
e-Book:
978-3-7497-0840-6
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Das letzte Rennen
Baby im Wäschekorb
Das Geld liegt auf der Straße
Eine glückliche Familie
Der Lottogewinn
Machtkampf im Revier
Du bist ein Held, kleiner Karli
Du bist nicht allein
Eine Giftschlange
Gib mir deine Hand
Nicht schuldig
Sag die Wahrheit
Verlorene Träume
Kleine Schritte zum großen Glück
Spektakel im Hühnerstall
Ein Lorbeerkranz für Stute Käthe
Das letzte Rennen
Begrüßt wurde Torsten Breuer von der etwa 50jährigen Chefärztin Dr. Brigitte Schaller persönlich. Ihre einschmeichelnde Stimme traf ihn mitten ins Herz, auch ihr sanfter Blick mit den dunkelbraunen Augen fesselte den 22jährigen so sehr, dass er sich wie magisch von ihr angezogen und geborgen fühlte.
„Nehmen Sie bitte Platz, Herr Breuer, und schildern Sie mir bitte Ihre Beschwerden“, ermunterte sie den jungen Mann, sich ihr anzuvertrauen.
Wenn ich mir nur den Kummer von der Seele reden könnte, wäre mir schon geholfen, dachte Torsten und räusperte seine Kehle frei.
„Frau Doktor“, begann er, gehemmt und mit heiserer Stimme. “Meine Hände zittern, wenn ich das Lenkrad meines Rennwagens berühre. Mein Körper flattert wie ein Blatt im Wind. Allein, der Gang zu meinem Auto ist eine wahre Tortur. In meinem Kopf befindet sich eine Sperre, die mich blockiert und handlungsunfähig macht…“, unterbrach er sich und rang nach Atem.
Während seine blauen Augen hilfesuchend durch das Arztzimmer irrten, erkannte die erfahrene Psychologin, dass er sich nicht nur verkrampfte, dass ihm auch das Sprechen schwerfiel.
„Möchten Sie sich niederlegen?“, fragte sie ihn.
„Es geht schon“, hatte sich Torsten wieder gefangen. „Seit drei Jahren fahre ich Formel-1-Rennen“, legte er eine Pause ein. „Interessiert Sie diese Sportart?“
„Ich sitze zwar nicht vor dem Fernsehapparat, aber wenn mein Mann das Rennen mit großer Spannung verfolgt, dann schaue ich auch schon mal hin.“
„Dann wird Ihnen sicherlich nicht entgangen sein, dass dieser Sport von dem Fahrer eiserne Nerven und Konzentration abverlangt. Zahlreiche nationale und internationale Rennen habe ich bereits bestritten. Bei meinen letzten Rennen lag ich im ersten Drittel des Feldes. Ich sah mich schon als Sieger auf dem Podest. Wie aus heiterem Himmel kam dann aber das Aus“, entlud sich seiner Brust ein tiefer Atemzug.
Erschöpft legte Torsten eine Pause ein, stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch, senkte den Kopf mit den hellbraunen Haaren und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Wie ein Häufchen Elend saß er vor der Medizinerin.
„Es gelingt Ihnen also nicht, Ihren Rennwagen zu lenken, passiert das auch mit Ihrem Personenwagen?“
Torsten überlegte nur kurz. „Ich kann einfach kein Auto mehr sehen“, brach es hemmungslos aus ihm heraus. „Mit diesen kraftlosen Händen bekomme ich kein Auto im Griff. Schauen Sie selbst, Frau Doktor“, streckte er seine Arme über den Tisch.
Dr. Brigitte Schaller griff zu, prüfte Handgelenke und Hände, die sich eiskalt anfühlten. „Ihre Hände sind im Moment sehr kalt, aber das deutet auf keinen Fall auf eine Krankheit hin. Sie sind erregt. Das Blut strömt zu Ihrem Herzen, dadurch werden die Außenbereiche des Körpers schlecht durchblutet. Ihre Hände sind sehnig und muskulös, die kraftvoll zu packen können.“
„Haha“, lachte Torsten gezwungen.
Als sich sein Gesichtsausdruck verfinsterte, glaubte die Ärztin Selbstverachtung darin zu lesen.
„Meine Hände sind zurzeit nicht fähig mit Messer und Gabel umzugehen. Sie sind noch schwächer als die Hände eines Kindes. Mit solch bebenden Instrumenten soll ich einen schweren Rennwagen beherrschen, der mit über 200 Sachen über die Strecke donnert. Vor etwa vier Wochen gelang es mir noch, mich in der ersten Reihe vorzuarbeiten. Der Sieg war greifbar nahe. Aber ich frohlockte zu früh, ganz plötzlich wie aus heiterem Himmel versagten meine Kräfte. Ich ermüdete. Mein Fuß schaffte es nicht, das Gaspedal durchzutreten.“
„Trinken Sie einen Schluck, Herr Breuer“, reichte ihm die Ärztin ein Glas Wasser. Für sie stand die Diagnose fest. Der junge Sportler hatte zwar den Sieg vor Augen, aber kurz vor dem Ziel hatte ihn die Angst ergriffen, in letzter Sekunde doch noch zu versagen. „Was natürlich jedem passieren kann“, beschwichtigte sie ihn. „Manch einer wird mit den Rückschlägen fertig, steht auf und beginnt von neuem, ein anderer liegt am Boden und schafft es nicht, sich ohne fachärztliche Hilfe zu erheben…“
Torsten hatte sich erholt, an der Ärztin vorbeigeschaut und seine Hände wie zum Gebet gefaltet. „Vor Ihnen sitzt der hilflos am Bodenliegende, Frau Doktor“, unterbrach er sie „Ich bin ein Wrack!“ griff er sich an die pochende Schläfe.
„Sie sind ja völlig deprimiert, Herr Breuer. Was Ihnen helfen könnte, Ihre psychischen Störungen zu verbessern, wären absolute Ruhe und ausgiebige Gespräche.“
Torsten hob den Blick, bezwang die flackernden Lider, blickte in die Augen der Ärztin und glaubte, seine Mutter würde ihn liebevoll anschauen und ihm aufmunternd zunicken. Das bestärkte ihn, sich Doktor Brigitte Schaller voll und ganz anzuvertrauen. „Ich hoffe auf Ihre Hilfe, Frau Doktor und ich bin bereit mit Ihnen weitere Gespräche zu führen.“
„Wir könnten mit Ihrer Kindheit beginnen.“
„Meine Kindheit verlief sehr harmonisch. Elternliebe habe ich im Überfluss genossen. Ich hätte studieren können, aber ich wollte Automechaniker werden, was meine Eltern zwar nicht erfreute, aber sie akzeptierten dennoch meine Entscheidung. Weil ich mich als kleiner Bub, kaum dass ich sprechen konnte, für alle Autos interessierte“, lachte er, „gab es für mich keinen anderen Beruf. Mit siebzehn bestand ich die Führerscheinprüfung. Fehlerfrei natürlich“, fügte er hinzu und in seiner Stimme klang Stolz mit. Seine verhärteten Züge entspannten sich. Das schmale Gesicht, mit der geraden Nase, bekam einen zartrosa Hauch und das Sprechen schien ihm auch leichter zu fallen. Diese Hochstimmung währte jedoch nur ein paar Sekunden.
„Ich habe den Eindruck gewonnen, dass sich mit dem Besitz des Führerscheins einiges in Ihrem Leben verändert hatte?“
„Verändert-hatte, Frau Doktor! So könnte ich es heute nennen. Denn jetzt, fünf Jahre später, hat die Fahrerlaubnis keinen Wert mehr für mich. Sie ist zu einem Stück Plastik geworden, zum Verbrennen oder in den Papierkorb zu werfen. Wo sie indessen gelandet ist. Meine Mutter hat sie natürlich wieder herausgeholt und im Schrank aufbewahrt“, gab er verächtlich von sich, und der Medizinerin mit den geschulten Sinnen entging die Selbstanklage nicht, die in jedem seiner Worte mitklang.
„Sie besaßen vor dem Rennwagen gewiss einen PKW?“ Mit dieser Frage wollte die Ärztin erfahren, wie sich der junge Mann im Straßenverkehr verhalten hatte.
„An meinen ersten Gebrauchtwagen kann ich mich noch gut erinnern. Was haben meine Freunde und ich für Touren unternommen. Ich war ein umsichtiger Fahrer und meine Freunde vertrauten sich mir gerne an. Der Wagen wurde von mir ausgefahren, wobei ich feststellen musste, dass ich verdammt gut reagieren konnte. Daher beschloss ich, mich an Rallyefahrten zu beteiligen. Von meinen Eltern erhielt ich eine Finanzspritze, so dass es mir möglich war, ein neues stärkeres Auto zu kaufen. Letztendlich schnitt ich bei diesen Rennen immer gut ab, war öfter auf den zweiten Platz gelandet bis ich eines Tages deutscher Meister wurde. Den Europapokal holte ich mir auch noch…“, unterbrach sich Torsten, holte tief Luft und schaute verträumt zum Fenster hinaus.
„War das nicht ein recht kostspieliges Hobby?“, brachte ihn die mütterliche Stimme der Ärztin in die Gegenwart zurück.
„Billig war es zwar nicht“, entgegnete er offen, „aber ich kam dennoch gut über die Runden, dank der Unterstützung meiner Eltern. Anfallende Reparaturen übernahm ich selber. Schließlich machte ich in der Werkstatt Überstunden. Ich war nicht nur der perfekte Automechaniker sondern auch der geborene Autofahrer. Der Junge mit dem Autoverstand wurde ich von meinen Freunden genannt, was mich nicht abhob, aber dennoch erfreute. Bereits während meiner Rallyefahrten kam ich mit der Presse in Verbindung und mein Name erschien des Öfteren in der Zeitung. So wurde ich bekannt, bis eines Tages zwei Herren aus dem Profilager mir den Vorschlag machten in den Profisport einzusteigen. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Mit neunzehn Jahren fuhr ich meinen ersten gesponserten Formel-1-Rennwagen. Alle meine Wünsche hatten sich erfüllt.“
„Dass die Teilnahme an sportlichen Wettkämpfen für jeden Sportler erstrebenswert ist, ist gewiss verständlich, aber dass der Sieg um jeden Preis errungen werden muss, ist nicht immer empfehlenswert, schließlich könnte die Gesundheit darunter leiden“, gab ihm die Ärztin zu denken.
Torsten sprang auf und hielt sich die Ohren zu. „Ich habe keine Kraft mehr, Frau Doktor. Ich bin am Ende!“ ließ er sich wie ausgeblutet auf den Stuhl zurückfallen.
„Lassen Sie sich Zeit. Wir können das Gespräch auch abbrechen“, schlug Frau Dr. Schaller vor.
„Ich habe kläglich versagt“, klagte er sich Minuten später an, „habe mich bis auf die Knochen blamiert. Und das ausgerechnet ein paar Meter vor dem Ziel!“ brach es aus ihm heraus und mit Tränen erstickter Stimme fuhr er fort. „Hier, Frau Doktor, hier oben“, griff er sich an die Stirn, „ist etwas explodiert.“
„Wie hat sich das bemerkbar gemacht?“, forderte sie ihn auf, näher darauf einzugehen.
„In der Linkskurve nahm ich ein wenig Gas weg und konzentrierte mich auf das Ende der Kurve. Ich sah das Ende nicht, alles war wie verschwommen. Ich war wie in Watte gepackt. In meinem Kopf wurde es dumpf und hohl. Hände und Füße gehorchten mir nicht mehr. Ich verlor die Kontrolle über mein Fahrzeug und landete in der Außenbande. Im Krankenhaus entdeckten die Ärzte nur ein paar Prellungen und eine leichte Gehirnerschütterung, die fünf Tage später abgeklungen war.“
„Sie wurden als geheilt entlassen?“
„Es ging mir auch wieder ganz gut. Jedoch ein paar Tage später, als ich meinen Rennwagen startete, verkrampften sich meine Muskeln. Mir wurde heiß und kalt. Arme und Beine zitterten. Mein Körper erschlaffte. Kraftlos sank ich in die Knie.“
Am Ende dieses Gespräches und nach einer ersten Voruntersuchung, war sich die Ärztin sicher. „Mein Verdacht hat sich bestätigt. Ihre Angst hat sich zu einer schwermütigen Melancholie ausgebildet, die wir Ärzte Depression nennen. Sie gehören in die Hände eines Psychotherapeuten, Herr Breuer…“
„Einem Irrenarzt!“ schrie Torsten auf. „Wie kann ich mit dieser Schande weiterleben?“
„Depressive Patienten sind mitunter Suizid gefährdet. Das muss ich zugeben. Aber ich kann Sie beruhigen, soweit muss es nicht kommen. Mit einer gezielten Therapie, wird es uns gelingen, Ihre Krankheit in den Griff zu bekommen.“
Das Wort, „Selbstmord“ trieb Torsten den kalten Schweiß auf die Stirn. Sein Herzschlag hatte sich beschleunigt. Er bebte am ganzen Körper. „Sterben“ stammelte er. „Dann wäre es für immer vorbei.“
Mit dieser Reaktion hätte die Ärztin rechnen müssen. „Fassen Sie sich, Herr Breuer. Eine stationäre Heilbehandlung verspricht sehr oft einen positiven Erfolg.“
Aber die Vorstellung in einer Nervenklinik, eingewiesen zu werden, wie man einen Geisteskranken in einer Gummizelle einsperrt, versetzte ihm so einen Schock, dass er sich, mit Hilfe der Ärztin, auf einer Liege erholen musste.
„Ambulante Maßnahmen können ebenfalls erfolgreich sein, aber die Behandlung in einer Arztpraxis dauert halt länger, als die in einer Klinik. Lassen Sie sich meinen Vorschlag durch den Kopf gehen, Herr Breuer. Um eine geeignete Therapie einleiten zu können, müssen wir Sie sehr gründlich untersuchen und stationär behandeln“, gelang es ihr, ihn wieder aufzurichten.
„Zusagen kann ich noch nicht, Frau Doktor. Ich möchte mich noch mit meinen Eltern besprechen“, sagte er und erhob sich von der Liege.
„Übrigens, Depressionen sind keine Geisteskrankheiten oder Schizophrenien. Es sind seelisch bedingte, von der Ärzteschaft anerkannte Erkrankungen. Das wollte ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung noch mit auf den Weg geben. Bevor ich Sie verabschiede, möchte ich Ihnen doch raten, sich in ärztliche Behandlung zu begeben. Ob Sie sich uns anvertrauen oder eine zweite Meinung einholen, ist Ihnen freigestellt.“
„Ich möchte trotzdem mit meinen Eltern sprechen“, sagte Torsten und reichte zum Abschied der Ärztin die Hand.
Nachdem seine Eltern von seinem Hausarzt erfahren hatten, dass die „Klinik im Grünen“ einen guten Ruf hatte, bestärkten sie ihn, sich in stationäre Behandlung zu begeben.
Seine Mutter zeigte ganz offen ihren Schmerz, hilflos mit ansehen zu müssen, wie ihr geliebter Sohn litt.
„Ich gehe nur mal kurz zu Helga rüber“, sagte Torsten.
Die zwanzigjährige Helga Kloss wohnte nur ein paar Häuser weiter. Im Haus ihrer Eltern. Auf sein Klingelzeichen hin, lief sie zur Haustür, riss sie auf, warf die Arme um seinen Hals und küsste ihn stürmisch auf den Mund.
Torsten verkrampfte sich. Was war nur mit ihm los? Er liebte Helga doch. Warum stieß er sie plötzlich von sich? Hatte er schon Berührungsängste? Seit ein paar Tagen ging er auch seinen Freunden aus dem Weg. Das Lachen, selbst das Lächeln hatte er verlernt. Er hoffte, die Zärtlichkeit seiner Freundin würde ihn aufmuntern. Leider war das nicht der Fall.
Obwohl ihn Helga ins Haus bat, winkte er mit starrem Gesichtsausdruck ab.
„Was soll das? Anfassen darf ich dich nicht. Meine Zärtlichkeit lässt dich kalt. Bin ich dir schon zuwider, oder hast du eine andere Freundin? Oder verschanzt du dich wieder einmal hinter deiner eingebildeten blöden Krankheit?“ empörte sich Helga, die mit einem blauen T Shirt bekleidet und straffsitzenden Jeans vor ihm stand und ihn herausfordernd anstarrte.
Sein Blick erlosch. Er griff sich an die Stirn. „Entschuldige bitte, Helga“, versuchte er sie milde zu stimmen. „Du weißt doch, dass ich dich liebhabe, aber in letzter Zeit empfinde ich die Berührungen wie Schläge ins Gesicht.“
„Dann nimm gefälligst Schmerzmittel“, entgegnete sie patzig.
„Jede Menge Tabletten habe ich bereits geschluckt, die bislang keine Wirkung zeigten. Die Untersuchung durch meinen Hausarzt ist ebenfalls negativ ausgefallen. Deshalb habe ich mich für eine Nervenklinik entschieden.“
Helga riss die dunkelblauen Augen auf. „Wie bitte!“ fuhr sie ihn an. „Ich habe mich wohl verhört! Dein Hausarzt steckt dich in eine Irrenanstalt?!“
„Ich gehe freiwillig“, stellte er richtig.
„Unsinn. Wenn du einmal in einer Klapsmühle steckst, lässt dich kein Mensch wieder frei. O, mein Gott!“ stöhnte sie, sich die Haare raufend. „Das ist ja unfassbar! Ich habe mich in einen Schwachsinnigen verknallt…“
„Helga“, fuhr Torsten gequält zurück. „Du weißt ganz genau, dass deine Behauptung völlig aus der Luft gegriffen ist.“
„Dann reiß dich gefälligst zusammen und stell dich nicht so an. Lass den Quatsch mit dem Irrenhaus, setz dich in deine Kiste und trainiere für das nächste Rennen. Oder leg dich ein paar Tage in eine normale Klinik, wo keine Schwachsinnigen rumlaufen.“
„Für meine Depressionen gibt es nur ein Krankenhaus…“
„Und du glaubst wirklich, dass man dich dort von deinen Angstzuständen befreit?“, stand sie, mit den Fäusten in den Hüften gestemmt, vor ihm und durchbohrte ihn mit funkelnden Augen.
„In dieser Klinik werden seelisch leidende Menschen behandelt und geheilt. Auf Wiedersehen, Helga. Du besuchst mich doch im Krankenhaus“, streckte er ihr zum Abschied die rechte Hand entgegen.
Helga zeigte ihm die kalte Schulter.
Er drehte sich um und ging schleppend davon.
„Torsten, so warte doch, lass uns vernünftig reden.“
Er war nicht fähig ihr zuzuhören, zu heftig waren seine Kopfschmerzen. Sie drohten seinen Kopf zu sprengen.
„Torsten, bitte“, versuchte sie mit sanften Worten ihre Schroffheit zu mildern. „Komm zurück. Du willst nicht!“ wurde sie laut, “dann renn doch in dein Verderben. Als Rennfahrer bist du für alle Zeiten erledigt! Keine Crew der Welt interessiert sich für einen, der einem Irrenhaus entsprungen ist.“
„Ich will sterben“, hämmerte es dumpf in seinem Kopf. Er taumelte, tastete sich wie ein Blinder vorwärts, ins Elternhaus hinein, wo ihn seine Mutter in die Arme schloss und ihn mit Worten zu trösten versuchte. Selbst die sanften Hände seiner Mutter bereiteten ihm unerträgliche Qualen.
Die „Klinik im Grünen“ machte auf Torsten einen guten Eindruck. Der mächtige rote Klinkerbau mit den seitlichen Trakten war über achtzig Jahre alt und könnte glatt als Hotel genutzt werden.
Drei hintereinander liegende Glastüren musste Torsten passieren bevor er sich in der Eingangshalle befand, in der ein Pförtner saß und ihm freundlich zunickte.
Im Erdgeschoss lagen die Verwaltung, die Ärztezimmer und die Behandlungs- und Untersuchungsräume.
In der ersten Etage, auf der Privatstation, erhielt er ein Zweibettzimmer. Es war geräumig und hell. Der Blick durch das Fenster fiel auf den gepflegten Klinikgarten, in dem die Bäume Schatten spendeten und die Blumenbeete ihre bunte duftende Pracht entfalteten. Der Sommer zeigte sich von seiner farbigsten Seite, aber Torsten hatte dafür keinen Blick, seine Sinne waren erloschen.
Schwester Anita, die ihn empfangen hatte, führte ihn ins Zimmer.
„Möchten Sie lieber hier im Zimmer bleiben, oder wollen Sie zu den Mahlzeiten herunterkommen? In den großen Speiseraum. Zu den anderen Patienten.“
Torsten wurde es eiskalt, sein Herz begann zu rasen. Angstschweiß ließ ihn erstarren.
Die erfahrene Krankenschwester erkannte sofort, dass er nicht im Stande war zu antworten. „Ihre Sachen können Sie in den Schrank einräumen. Das Mittagessen bringe ich Ihnen dann aufs Zimmer.“
„Herzlich Willkommen in der Klinik im Grünen, Herr Breuer“, begrüßte ihn Frau Doktor Schaller, als sie später bei der Nachmittagsvisite sein Krankenzimmer betrat. „Morgen in der Frühe sind sie mein erster Patient. Für eine gründliche Untersuchung reicht die Zeit heute nicht mehr. Versuchen Sie sich zu entspannen“, ließ sie ihn allein und lächelte ihm aufmunternd zu.
Die erste Nacht verlief für ihn fast schlaflos. Immer wieder schrak er hoch und schaute zur Tür. Stand da nicht irgendein irrsinniger Mensch? Nein! Ein tiefer Seufzer befreite ihn von seinem beklemmenden Angstgefühl. Die Augenlider fielen ihm zu, bis er erneut hochschreckte und feststellte, dass keine fremde Person in seinem Zimmer stand. So ging das stündlich weiter. Erst als ihn Schwester Anita in der Frühe weckte, befand er sich im Tiefschlaf und fühlte sich wie gerädert. Nach der Morgenwäsche und dem Frühstück legte sich Torsten wieder nieder und begann zu grübeln.
Er verwünschte seinen Entschluss, sich freiwillig in die Klinik gelegt zu haben. Er könnte ja immer noch seine Sachen packen und gehen. Schließlich war er aus freien Stücken hergekommen. Kein Mensch könnte ihn daran hindern.
Jemand klopfte an die Tür, sie wurde geöffnet, Torsten zuckte zusammen. Ein Kälteschauer erfasste ihn. Mit viel Mühe gelang es ihm, seine Angst zu verbergen.
Chefärztin Doktor Schaller und Schwester Anita betraten das Zimmer. Sie hatten sofort erkannt, dass Torsten innerlich bebte. Aber Doktor Schaller ging nicht darauf ein. Sie wünschte ihm einen Guten Morgen und bat ihn, sich zu erheben. „Heute warten einige Untersuchungen auf Sie. Blutabnahme, EKG, EEG und Röntgenaufnahmen, sowie eine neurologische Messung der Nervenströme. Erst wenn die Befunde vorliegen, beginnen wir mit der Therapie. Zunächst bekommen Sie die Antidepressiva, die Sie ruhig stellen soll. Mit dieser Methode entwickeln wir eine Harmonie, die Ihr Wohlbefinden stärkt und Ihre Verstimmung aufhellt. Der menschliche Körper muss als Ganzheit betrachtet werden. Psyche und Körper sind eine Einheit, die kein Mediziner voneinander trennen sollte.“
Nach den Untersuchungen befand er sich auf den Weg zu seinem Zimmer, als ihm zwei Frauen auf dem Flur entgegen kamen. Er wäre ihnen gerne ausgewichen. Zurücklaufen war doch wohl zu blöd, also schaute er in ihre Gesichter. Müde Augen, ohne Lebenswille, sahen ihn scheu an.
Das sind Patienten wie ich, dachte er, als er später vor dem Spiegel stand und in seine glanzlosen blauen Augen blickte. Das sind gemütskranke Menschen, keine Verrückten. Menschen mit schwachen Nerven.
„Ich möchte gerne gemeinsam mit den anderen Patienten im Aufenthaltsraum die Mahlzeiten einnehmen“, hatte er später Schwester Anita mitgeteilt.
„Zum Abendessen rufe ich Sie, Herr Breuer“, sagte sie und schenkte ihm ein freundliches Lächeln, das Torsten erwiderte, was aber völlig misslang, denn sein Gesicht verzerrte sich nur zu einer hilflosen Grimasse.
Zum Abendessen betrat er auf unsicheren Beinen den Speiseraum und überflog ihn nur flüchtig. Während er zögerte, hatte Anita den Raum betreten. „Auf den freien Stuhl, zwischen Frau Jansen und Frau Olten, können Sie Platz nehmen, Herr Breuer“, deutete sie auf einen Tisch, an dem drei Frauen saßen.
„Herr Breuer ist unser Neuzugang“, stellte sie ihn den Frauen vor, „und er ist im Moment der einzige männliche Patient.“
„Guten Abend, Herr Breuer“, riefen ein paar Patientinnen, die an den anderen Tischen saßen. Das Eis war gebrochen und Torsten betrat jeden Tag ohne Scheu den Speiseraum.
Drei Tage später erkundigte sich Dr. Brigitte Schaller, wie er die Medikamente vertragen hätte.
„Gut, Frau Doktor“, antwortete er.
„Dann bekommen Sie zur Stärkung des Nervensystems weiterhin Stangyl. Das physikalische Stangerbad sowie die elektronische Massage werden wir noch länger fortführen. Wechselweise durchgeführt, dienen sie der Lockerung der verkrampften Muskulatur. Mit dieser Methode werden die Nerven angeregt, Organe und Muskeln in fließende Bahnen zu leiten.“
Bei den Gruppengesprächen, von einem Therapeuten geleitet, lernte Torsten von jeder Patientin die Ursache ihrer Depression kennen und Dramen tauchten aus der Tiefe des Lebens auf.
Eine Frau war dreimal geschieden worden, weil alle drei Männer gewalttätig und zähzornig waren. Einer Frau war der Mann fort gelaufen. Er war trotz intensiver Suche nicht mehr aufgetaucht. Er hatte ihr einen Berg Schulden hinterlassen. Eine 18jährige war Jahre lang von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht worden. Und Torsten erzählte, dass ihn die panische Angst zu versagen, niedergeworfen und krank gemacht hatte.
„Mein Mann ist arbeitslos, Alkoholiker und brutal. Jeden Cent setzt er in Alkohol um. Und das Jugendamt hat meine drei Kinder abgeholt, weil ich ihnen kaum etwas zu Essen geben konnte. Das bisschen Geld, das ich beim Putzen verdiente, langte hinten und vorne nicht. So manches Mal hatte mich mein Mann auch noch bestohlen“, schloss eine Patientin unter Tränen, und der Therapeut ermunterte sie, sich ihrem Schmerz hinzugeben und den Tränen freien Lauf zu lassen.
„Guten Morgen, Herr Breuer“, wurde Torten von Schwester Anita und von Frau Doktor Schaller in seinem Zimmer begrüßt. „Wie fühlen Sie sich nach drei Wochen Aufenthalt in unserer Klinik?“
„Sehr gut, Frau Doktor. Die Kälte in meinem Nacken hat sich verflüchtigt. Kopfschmerzen habe ich auch nicht mehr. Ich habe Langeweile und sitze nur noch vor dem Fernseher. Ich würde am liebsten wieder meine Runden drehen.“
Die Ärztin drohte ihm lachend mit dem Zeigefinger. „Wie in alten Zeiten, als Sie die großen Rennen fuhren, nicht wahr, Herr Breuer?“
„Meiner Mutter ist es längst aufgefallen, dass es mit mir aufwärts geht. Wenn sie mich in die Arme nimmt, zucke ich nicht mehr zusammen, sondern ich genieße ihre mütterliche Fürsorge…“
„Außerdem konnte ich feststellen, dass sich Herr Breuer im Kreise der Damen wohlfühlt“, wandte sich Schwester Anita der Ärztin zu.
„Wie ein Hahn im Korb, nicht wahr Schwester Anita“, vollendete Torsten den Satz und schaute der 21jährigen Krankenschwester in die Augen. Sie errötete und warf ihre Blicke auf seine Krankenakte.
Weil er sich seelisch gestärkt fühlte, rief er seine Freundin Helga an.
„Helga Kloss“, traf ihre schöne melodische Stimme sein Ohr.
„Hier ist Torsten. Ich bin wieder gesund. Ich sehne mich nach deiner Liebe, mein Schatz“, verkündete er ihr frohgestimmt.
„Was willst du?“ herrschte sie ihn an. „Rufst du mich etwa aus der Klapsmühle an? Wenn du denkst, dass ich dich besuche, dann hast du dich geschnitten!“ setzte sie ihm einen Dämpfer auf. „Ich habe keine Zeit für dich. Ich bin mit dem wahren Weltmeister zum Mittagessen verabredet!“ hatte sie das Gespräch beendet und ihm einen Schock versetzt, den er auch am anderen Morgen nicht verdaut hatte.
Schwester Anita sah es Torsten sofort an, dass ihn etwas kränkte. Auch der Ärztin geschultes Auge war seine gedrückte Stimmung nicht entgangen. „Wie fühlen Sie sich heute Morgen?“, fragte sie so sanft und ruhig, dass er es nicht merken sollte, wie besorgt sie um ihn war.
„Etwas benommen“, antwortete er und ließ sich wieder aufs Bett fallen.
„Dann wird Ihnen eine Infusion guttun“, schloss sie die Flasche mit der Flüssigkeit an. Ihm freundlich zunickend verließen Ärztin und Schwester das Krankenzimmer.
Während das Medikament gleichmäßig tropfte, griff Torsten nach einer Zeitschrift, die er im Kiosk gekauft hatte. Er las die fettgedruckten Überschriften und warf einen Blick auf die Infusionsflasche. Es tropfte noch.
Beruhigt schlug er die zweite Seite auf. Eine Überschrift, die ihm ins Auge fiel, weckte sein Interesse.
„Rennfahrer verliert Verstand“, stand in großen Lettern über einen Bericht, mit einem Foto von Torsten.
„Das junge hoffnungsvolle Rennfahrertalent Torsten Breuer befindet sich zurzeit in einer Nervenheilanstalt, um seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Ob er jemals die psychiatrische Klinik verlassen wird, ist fraglich. Seine behandelnden Ärzte wollten sich derzeit dazu nicht äußern.“
Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken, die Muskeln verhärteten sich, sein Herzschlag setzte aus. Er rang nach Atem. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Mit letzter Kraft gelang es ihm, sich aufzubäumen und die Kanüle aus der Vene zu reißen. Er ließ sich aus dem Bett fallen, zog sich wieder hoch und torkelte auf die Tür zu.
Torsten hatte so viel Lärm gemacht, dass Schwester Anita hellhörig wurde. Sie alarmierte Frau Doktor Schaller. Die Schwester öffnete die Tür. Torsten fiel der Ärztin in die Arme. Anita griff ebenfalls zu und gemeinsam legten sie den völlig erschöpften jungen Mann auf sein Bett.
„Herr Breuer, Sie dürfen das Bett doch während der Infusion nicht verlassen“, redete die Medizinerin sanft aber bestimmt auf ihn ein.
Wie aus einem Traum erwachend, starrte er sie eine Weile an. „Ich bin irrsinnig, werde dieses Haus nie mehr verlassen“, stammelte er unter Tränen.
„Das bilden Sie sich doch nur ein. Gewiss, einmal Himmel hochjauchzend, ein anderes Mal zu Tode betrübt, sind zwar Eigenschaften, die mit einer Depression einhergehen, aber deswegen gleich von einer Geisteskrankheit zu reden, ist doch völlig absurd.“
„Und was steht da?“, hielt er ihr, mit zitternden Händen, die Zeitschrift entgegen. „Haben Sie das verbreitet?“
Die Chefärztin las die Überschrift. „Niemals“, betonte sie. „Ich bin von keinem Reporter befragt worden. Außerdem bin ich an meine Schweigepflicht gebunden. Ich werde mich hüten meine Schweigepflicht zu brechen.“
„Helga“, murmelte er kaum hörbar. Sie will mich vernichten, dachte er und überließ sich kampflos seinem Schicksal. Die Beruhigungsspritze, die ihm die Ärztin injizierte, nahm er gar nicht wahr. Schwester Anita richtete sein Bett und deckte ihn zu, wie man einen Hilflosen zudeckt, der seine Arme und Beine nicht zu bewegen vermag.
Allein gelassen, übermannte ihn die Sehnsucht nach dem Tode. Jedoch die Spritze entfaltete ihre Wirkung, ließ keine weiteren trüben Gedanken aufkommen, sondern entführte ihn in einen erholsamen Schlaf.
