Verlag: epubli Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Das Leuchten am Rande des Abgrunds - Stella Delaney

Eine Stadt, die sich in trügerischer Sicherheit wiegt. Ein Konzern, der seine wahren Absichten verschleiert. Zwei Außenseiter, die nichts mehr zu verlieren haben. Und nur sieben Tage, um die Wahrheit herauszufinden. --- Seit Sam von seiner Freundin verlassen wurde und kurz darauf seiner Ersatzfamilie – einer Widerstandsgruppe – den Rücken gekehrt hat, verläuft sein Leben einsam und eintönig. Doch das ändert sich, als er einer geheimnisvollen Fremden das Leben rettet und sie bei sich aufnimmt. Alexis liebt Geschichten, weigert sich, über ihre Vergangenheit zu sprechen und zeigt Anzeichen einer mysteriösen Krankheit. Um ihretwillen nimmt Sam wieder Kontakt zu alten Bekannten auf und erfährt dabei, dass eine Katastrophe bevorsteht, die unzählige Menschenleben kosten könnte. Zögernd willigt er ein zu helfen und entwickelt einen riskanten Plan, der ihn schon bald mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Während die Zeit unbarmherzig verrinnt, muss Sam erkennen, dass er nichts und niemandem wirklich trauen kann – am allerwenigsten sich selbst. --- Eine ungewöhnliche Mischung aus bitter-süßer Romanze und düster-poetischer Dystopie, die sowohl jugendliche als auch erwachsene Leser in ihren Bann zieht – spannend bis zur letzten Seite.

Meinungen über das E-Book Das Leuchten am Rande des Abgrunds - Stella Delaney

E-Book-Leseprobe Das Leuchten am Rande des Abgrunds - Stella Delaney

Stella Delaney ist in einem beschaulichen kleinen Dorf im fränkischen Weinland aufgewachsen, lebt aber nach einem längeren Zwischenstopp in England bereits seit einigen Jahren in der Schweiz, zusammen mit ihren Katzen. Brot und Katzenfutter verdient sie als Lehrerin für Englisch, Deutsch und Allgemeinbildung an einer Berufsfachschule. Ihr Studium der Anglistik/Germanistik hat sie zuvor mit Jobs wie Kindermädchen, Kellnerin, Kinoangestellte und Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache finanziert, und nebenbei Erfahrung als Märchenerzählerin, freie Journalistin, Übersetzerin und Buchkritikerin gesammelt. Sie schreibt Dystopie, Fantasy, Mystery, Suspense und Krimi, meist kombiniert mit (Queer) Romance Elementen. Ihre Kurzgeschichtensammlung »Staub und Regebogensplitter« wurde mit dem Skoutz Award 2018 ausgezeichnet.

Mehr auf www.stelladelaney.ch

Impressum

© 2018 Stella Delaney

Wässerwiesenstrasse 67M; 8408 Winterthur

Korrektorat: Phoenix Lektorat - https://phoenixlektorat.com (Katherina Ushachov)

Cover: Cover & Books - Bookcoverdesign by Rica Aitzetmüller

Buchsatz: ungecovert - Buchcover und mehr (Kim Leopold)

Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin

FÜR TIGER UND OLI

Inhalt

STAUB

MEER

HIMMEL

EISEN

STEINE

GESCHICHTEN

STERNE

WIR

Staub

Ich. Ein neues Wort, dessen Bedeutung mir noch nicht völlig klar ist. In Gedanken wiederhole ich es, wieder und wieder. Lasse es auf mich wirken. Betaste, drehe, koste es. Als wäre es ein unbekannter Gegenstand, ein Geschmack, den ich erst einordnen muss.

Ich.

Ich.

Ich.

Da ist ein Ziehen in meinem Kreuz, in meinem Nacken, aber ich verharre dennoch in der unbequemen Position, kauere auf dem Boden. Lasse Erde durch meine Finger rieseln, wieder und wieder. Ich bin. Ich atme. Ich fühle. Die Härte, die kleinen Körner.

Staub. Wir alle sind daraus gemacht. Und es wird alles sein, was von uns bleibt, wenn ... Mich durchfährt ein Blitz, eiskalt und doch brennend. Ich will nicht an den Tod denken. Nicht schon wieder. Doch jeder Versuch, den Gedanken wegzuschieben, schlägt fehl. Er flattert durch meinen Kopf wie ein verängstigter Vogel, der gerade festgestellt hat, dass mit dem Fenster auch sein einziger Weg zurück verschlossen wurde.

Ich habe versucht, es zu beenden. Aber eigentlich ... eigentlich wollte ich es nicht. Will ich es nicht. Erde fällt durch meine Finger, der Wind trägt winzige Staubpartikel davon. Und der Schmerz hallt dumpf durch meinen Körper, als mein Verstand die Worte formt, die doch ungedacht bleiben sollten: Ich will nicht sterben.

Es war das Weinen, das Sam nicht mehr losließ. Das Wimmern eines kleinen Kindes, so völlig ohne Hoffnung. Es bohrte sich in seinen Kopf, klammerte sich an seine Gedanken. Würde ihn noch in seinen Träumen verfolgen.

Gerade eben war es noch ein ganz normaler Tag in einer ganz normalen Siedlung gewesen. Die Bewohner von Township 2 waren in den Straßen unterwegs - auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, zu wichtigen Terminen. Männer und Frauen in grauen Overalls, die sie als einfache Produktionsarbeiter kennzeichneten. Dazwischen einzelne Personen in schwarzen Anzügen und dunklen Kostümen, die auf den nahen Untergrundbahnhof zueilten, und junge Frauen in bunten Sommerkleidern, die in Gruppen zusammenstanden. Sie redeten und lachten.

Daneben spielten Kinder. Ein kleines Mädchen mit einer roten Schleife im Haar kreischte vor Begeisterung, während es versuchte, einen der älteren Jungen zu erhaschen, der ihr immer wieder spielerisch auswich.

Ein lauter Knall, ein reißendes Geräusch, ein tiefes Grollen. Entsetzte Blicke, Schockstarre. Dann Schreie.

Einige begannen, in wilder Panik davonzurennen, andere kauerten sich auf den Boden. Etwas traf von der Seite die Kamera, riss sie fast mit sich. Wassertropfen auf dem Objektiv, Bildausfall. Nur noch Rauschen und das andauernde Weinen des Kindes.

Und dann Stille.

»Ich weiß, du wolltest dieses Treffen nicht. Du fühlst dich quasi erpresst.« Kayla schaltete den Bildschirm aus und sah ihn mit diesem mütterlichen Blick an. Einem Blick voller es ist besser so und du wirst auch noch einsehen, dass ich Recht habe. »Aber es geht um etwas, das wichtiger ist, als deine Befindlichkeit. Und du bist ohnehin hier. Warum bleibst du nicht noch einen Moment, und hörst mir einfach nur zu?«

Sam atmete tief ein. Na großartig. Das Ganze war reine Zeitverschwendung. Aber er hatte ihre Hilfe gebraucht, und wenn dieses Treffen der Preis dafür war, dann würde er es durchstehen. Sie würde versuchen, ihn zu überreden. Und es würde ihr nicht gelingen. Nein. Die Antwort war nein. »Also gut. Einen Moment.«

Kayla stützte ihr Kinn auf die gefalteten Hände. Sie hätte bestens hinter den Schreibtisch eines großen Konzerns gepasst, oder ans Kopfende eines Konferenztisches mit wichtigen Anzugträgern. »Nehmen wir an, es stünde eine gigantische Flut bevor. Eine gewaltige, durchaus auf dem Level von vor zwei Jahren.« Sie sah Sam beschwörend an. »Und nehmen wir weiter an, es würden keinerlei Vorkehrungen dafür getroffen. Keine Information der Bevölkerung, kein Evakuierungsplan - nichts.«

Verdammt, jetzt hatte sie doch seine Aufmerksamkeit. »Ist das denn der Fall?«

»Laut unseren Informationen - ja.«

»Und diese Informationen sind verlässlich?«

»Davon gehen wir aus. Dieselbe Quelle, die uns schon seit langem auf die Parallelen zwischen unserer Situation und der von Township 2 aufmerksam macht. Und was mit Township 2 passiert ist, hast du ja gerade gesehen.«

Sam wich ihrem Blick aus und starrte auf seine Finger, die er im Schoß zu einem Knoten verschränkt hatte. Kayla suchte seine Sollbruchstelle, und sie war bereits verflucht nahe dran. Dazu hallte irgendwo im Hintergrund seines Verstandes immer noch das Weinen nach.

»Wir wussten schon die ganze Zeit, dass Manticor uns etwas verschweigt. Dass sie nicht die großen Wohltäter sind, für die sie sich ausgeben. Aber jetzt ist es wichtiger denn je, dass wir herausfinden, was sie wirklich hier wollen.« Sie rückte näher und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Hunderte Menschenleben, Sam. Vielleicht sogar Tausende. Ist dir das wirklich egal?«

Das hatte gesessen. Sam konnte die Risse förmlich fühlen, die sich auf der Oberfläche der Mauer bildeten, hinter der er sich verkrochen hatte. »Und was kann ich da tun?«

»Wir brauchen einen Plan. Dir wird doch sicher etwas einfallen.« Lockend, verführerisch. Komm schon. Sag ja.

»Aber ich bin kein Mitglied der Gruppe mehr. Ich habe seit Monaten ...«

»Du gehörst immer noch dazu.« Wieder dieser Blick. Komm zurück, Sam. Wir brauchen dich.

Er schüttelte ihre Hand ab, stand auf. Er musste hier raus. »Ich denke darüber nach.«

Und da spielte sie ihren letzten Trumpf aus: »Aber nicht zu lange. Die Flut wird in acht Tagen erwartet. Das heißt, uns bleiben nur noch sieben.«

Die Worte verfolgten ihn, während er den Flur entlanglief. Seine Schritte waren rhythmisch, wie das Ticken einer gigantischen Uhr. Tick. Tack. Tick. Tack. Die Zeit lief unbarmherzig. Ließ sich nicht bitten, nicht anhalten.

Sieben. Eine magische Zahl. Sieben Tage in der Woche, sieben Schwäne im Märchen. Sieben Weltmeere. Sieben Todsünden. Sieben Tage.

Wenn es stimmte - und er hatte leider keinen Grund, den Informationen zu misstrauen - was sollten sie dann tun? Wie sollten sie es schaffen? Was konnte er dazu beitragen?

Ernsthaft? Du glaubst, dass ausgerechnet du etwas dagegen tun kannst? Wer bist du denn? Die Stimme hatte wieder ihren gehässigen Unterton.

Jemand, der nicht einfach daneben stehen und zusehen wird, entgegnete er ihr. Immerhin hängen Menschenleben davon ab.

Doch die Stimme blieb unbeeindruckt: Und wenn es um Menschenleben geht, bist du ja absolut großartig. Hast du schon mehrfach bewiesen.

Eine Mischung aus hilfloser Wut und Panik überrollte ihn wie eine gigantische Welle, riss ihn mit sich. Luft. Er bekam keine Luft mehr.

Blind streckte er die Hände aus. Sie stießen auf die kalte, raue Oberfläche aus Stein, und krallten sich mit der verzweifelten Kraft eines Ertrinkenden daran fest. Atmen. Er musste atmen.

Die Luft schmeckte staubig und trocken. Langsam zog sich die Panik zurück, aber er wusste, dass es nur die Ebbe war, und dass die Flut zurückkehren würde. Sein eigener Herzschlag dröhnte durch seinen Körper wie das Geräusch eines gewaltigen Sekundenzeigers, als seine Finger über die Wand kratzten und sich schließlich zur Faust ballten.

Denk nicht an den Zeitfaktor. Ignorier ihn. Was für Möglichkeiten bleiben dir? Du brauchst eine Idee und eine gute Strategie, das ist alles. Wenigstens ein Versuch ist doch drin, oder?

Seine Hand wanderte zu seinem Schlüsselbein, dann nach unten an dem schwarzen Lederband entlang, das er um den Hals trug. Er begann, den silbernen Ring daran in seiner Hand zu drehen, wie immer, wenn er nachdenken musste.

Sein Verstand fächerte die Optionen vor ihm aus wie Spielkarten. Er hob eine nach der anderen auf, begutachtete sie, legte sie wieder zurück.

Und dann war da plötzlich die Idee. Sie stach unter den anderen Optionen heraus wie ein Edelstein zwischen Kieseln. Er hob sie vorsichtig auf, polierte sie, hielt sie ans Licht. Es war ein Risiko. Aber es war definitiv eine Möglichkeit.

Und es gab ihm etwas zu tun. Er musste mit seinen Vorgesetzten reden. Vielleicht mit Madeline, wenn sie sich dazu herabließ. In Gedanken erstellte er bereits eine Liste, und mit jedem Punkt wurde sein Herzschlag ruhiger.

Der Himmel hüllte sich in ausgebleichtes Blau, das Licht wurde langsam fahl. Trotzdem war die Luft immer noch heiß und trocken.

Sams schlurfende Schritte wirbelten staubige Erde auf, die bereits in einer dünnen Schicht seine Schuhe bedeckte. Ein Windstoß fuhr ihm ins Gesicht, unangenehm warm, als hätte jemand einen Föhn eingeschaltet. Er brachte mehr Staub mit sich, und einige der kleinen Partikel landeten in seinem Auge. Es stach wie Nadeln, und ihm liefen Tränen übers Gesicht. Seine Schritte beschleunigten sich, bis er sie wieder abbremste. Hatte er es eilig, nach Hause zu kommen?

Ja.

Nein.

Nach Hause. Was bedeutete das schon? Der Ort, der einen vor Wind und Regen und vor allem vor der allgegenwärtigen Sonne schützte? Na, da mangelte es nicht an Auswahl. So viele Gebäude hier standen leer. Das einzige Problem war der Verfall. Keine Energie, keine Ressourcen, um ihn aufzuhalten.

Vor einigen Jahren hatte es noch geheißen, dass Überbevölkerung die große Herausforderung werden würde. Die Menschheit tüftelte an Lösungen. Neuartige Hochhäuser, kleinere Wohneinheiten, unterirdischer Verkehr. Neue, ergiebigere Getreidesorten, optimierte Anbaumethoden. Und dabei übersahen sie die Probleme, die viel dringlicher waren. Die schmelzenden Eismassen. Die steigenden Meeresspiegel. Die wachsende Zahl von Naturkatastrophen. Insektensterben. Neuartige Epidemien. Kriege um die schwindenden Ressourcen. Am Ende musste man an Überbevölkerung keinen Gedanken mehr verschwenden. Die Dinge hatten angefangen, sich selbst zu regeln. So wie sie es seit Jahrtausenden getan hatten. Seit Anbeginn der Zeit.

Sam wandte sich einem der besser erhaltenen Gebäude zu, einem niedrigen, dreistöckigen Haus. Einst war es hellgrün gewesen, doch inzwischen blätterte die Farbe ab und die Reste verwandelten sich in dasselbe undefinierbare Graubraun wie alles andere rundherum. Er trat durch den Eingang und stieg die Treppe in den ersten Stock hinauf, wie er es jeden Tag tat. Aber heute erwog er jeden einzelnen Schritt.

An der Tür blieb er stehen. Seine Hand verharrte in der Luft wie ein im Flug erstarrter Vogel. Das Herz schlug schmerzhaft in seiner Brust. Dann drückte er die Klinke, ruckartig, wie man ein Pflaster entfernt.

Im Flur - oder in dem leeren Raum, der früher einmal der Flur gewesen war - hing eine hellgraue Jacke aus schwerelosem Hightechgewebe an einem Haken. Sam widerstand der Versuchung, sein Gesicht in dem Stoff zu vergraben und den Geruch einzuatmen, an den er sich in den letzten Wochen so sehr gewöhnt hatte. Vorne sorgfältig angesteckt war die allgegenwärtige Passkarte, ohne die man innerhalb der Stadtmauern nicht mehr von einem Ort zum anderen kam und keine Bezugsmarken erhielt. Silbergraues Plastik. Hologramme, glitzernde Linien. Wasserzeichen. Eine Fotografie. Helle Haare, große ernste Augen. Seine Finger strichen beinahe zärtlich über das Dokument. Es war so echt, dass es über jeden Zweifel erhaben war. Er – beziehungsweise Kayla - hatte ja auch ein paar sehr gute Kontakte dafür spielen lassen ... War es wirklich erst gestern gewesen, dass er den Pass mit nach Hause gebracht hatte?

»Ich hab dir was mitgebracht.« Immer hatte Sam eine Kleinigkeit dabei, wenn er nach einem langen Tag zurückkam. Am Anfang war es eine Notwendigkeit gewesen, nun ein liebgewonnenes Ritual. Es war nie viel - ein Haarbürste, ein T-Shirt, eine Süßigkeit, manchmal nur eine verwelkte Blüte, die er aus der Produktionshalle herausgeschmuggelt hatte, oder ein besonders glatter Kieselstein. Aber jedes Mal zeigte sich ein Strahlen auf Alexis’ Gesicht, das eine sonderbare Wärme in ihm auslöste.

»Diesmal ist es was Besonderes.«

Er zog den Pass hervor, der den ganzen Heimweg wie Blei in seiner Tasche gelegen hatte, und platzierte ihn auf dem Tisch. Er sprach nicht aus, was das bedeutete. Er konnte es nicht.

Leises Klappern aus der Küche unterbrach seine Gedanken. Augenblicklich durchströmte ihn wieder diese unglaubliche Wärme, und gleichzeitig war es, als würde ein halbes Bergmassiv von ihm abfallen.

Im Türrahmen blieb er zunächst einfach stehen und beobachtete Alexis.

Sie beugte sich vor, drehte am Regler des Gaskochers, richtete sich auf und strich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Hustete. Wandte sich dann wieder dem Topf zu, der auf dem Kocher stand. Summte leise vor sich hin. Warf dem grauen Kater, der ihr seit dem ersten Tag nicht von der Seite wich, einen Rest von etwas zu. Wahrscheinlich Ersatzschinken, nach der zufriedenen Miene des Tieres zu urteilen.

Manchmal kam sie ihm immer noch vor wie eine Erscheinung. Ein überirdisches Wesen, das der nächste Windhauch davontragen würde. Helle, fast weiße Haare. Ein blasses Gesicht. Graublaue Augen, die ihn oft an das Meer an einem wolkigen Tag erinnerten.

Heute trug sie verwaschene Jeansshorts und ein lila Top mit einem Schmetterlingsmotiv. Ein Outfit, das für die Wohnung gut taugte; draußen hätte es ihr viel zu schnell einen Sonnenbrand eingebracht. Doch das war nicht das einzige, woran er unwillkürlich denken musste.

Es waren Zoes Sachen gewesen. Zoes Sachen, die seit Monaten ein unerwünschtes Dasein in der hintersten Ecke des Schranks gefristet hatten. Sie passten halbwegs, was nichts daran änderte, dass sie an Alexis unpassend, ja geradezu falsch aussahen. Nicht nur, weil das Top zu lang und zu weit war, sondern, weil ihr elfenhaftes Aussehen zarte Stoffe und Rüschen und Kleider zu verlangen schien - nicht etwas so gewöhnliches wie Jeans.

Normale Kleidung, alltägliche Handgriffe. Wie immer, wenn er in den letzten Tagen von der Arbeit zurückgekommen war. Doch trotz all der Normalität kam es ihm vor, als erblicke er ein Wunder. Eine Gnade, die ihm zuteil geworden war.

»Du bist ja noch da.«

Alexis sah ihn mit großen Augen an. »Wohin sollte ich denn gehen?«

Du hast jetzt einen Pass. Du kannst überall hin gehen. Leichter gesagt als getan - das wusste er. Und er fühlte sich fast schuldig, dass er froh darüber war.

Das Klopfen kam unerwartet, und beendete das Gespräch wie der Schnitt einer scharfen Schere. Wenn man es Gespräch nennen konnte, denn schließlich war es eher ein Monolog von Sams Seite gewesen. Die Arbeit, das Wetter, der trottelige Kollege - ein Tag wie jeder andere. Vor allem auch, weil er das Treffen mit Kayla mit keinem Wort erwähnt hatte.

Alexis hatte dagesessen und zugehört, ab und zu gelächelt. Doch dann kam das Klopfen, und ihr Lächeln erstarb. Ihr Blick schlug Haken durch den Raum, einem flüchtenden Kaninchen gleich.

»Komisch, ich erwarte gar niemanden«, meinte Sam mit fester Stimme. Das schien die Panik jedoch nicht zu dämpfen, im Gegenteil. Alexis’ Atemzüge blieben flach und hektisch.

Das Klopfen wiederholte sich, dringlicher diesmal, und sie zuckte zusammen, als wäre jedes Geräusch ein Schlag.

»Alles okay«, versuchte Sam nochmals, sie zu beruhigen, während er langsam aufstand. »Wer auch immer es ist, ich schicke ihn weg. Mach dir keine Sorgen.« Mit einem schiefen Lächeln fügte er hinzu: »Ich hab nämlich so gar keine Lust auf Besuch.«

Alexis starrte an ihm vorbei ins Leere, als hätte sie nicht zugehört.

Es fiel Sam unglaublich schwer, sie alleine zurückzulassen, doch er wollte weiteres Klopfen vermeiden. Also hastete er durch den dunklen Flur zur Tür.

»Na endlich.«

Der Klang der vertrauten Stimme hüllte ihn ein wie ein warmer Mantel, den er am liebsten von den Schultern geschüttelt hätte. Trotzdem konnte er den Blick nicht von ihr abwenden. Groß, mit blitzenden dunklen Augen und dieser unverwechselbaren Masse von krausen Haaren. Zoe.

»Sag nicht, du hast schon geschlafen. Das wäre ja ganz was Neues.« Feiner Spott lag in ihrer Stimme, der dem Ganzen einen flirtenden Unterton verlieh. Einen Unterton, der Sam nur zu bekannt war.

Sie. Ausgerechnet sie. Von allen möglichen Besuchern die beste Option. Und gleichzeitig die schlimmste.

»Willst du mich nicht hereinbitten?«

Alles in ihm schrie ja, natürlich, doch da war auch eine warnende Stimme, die nein flüsterte. Warum nur? Es war ihm völlig entfallen.

Doch Zoe wartete nicht auf eine Antwort. Mit katzenartiger Geschicklichkeit schlüpfte sie an ihm vorbei und durch den Flur. Als sei sie hier zu Hause. Immer noch.

Erst in dem Moment, als sie die Küchentür erreicht hatte, fand Sam die Sprache wieder. »Warte! Ich ...«

Sie drehte sich zu ihm um, ein spöttisches Lächeln auf ihrem Gesicht. »Du hast nicht aufgeräumt? Kein Problem, das bin ich doch gewohnt.« Und sie stieß die Türe auf.

Sam zuckte zusammen. Er blieb im Flur stehen wie festgenagelt, und wartete auf den entrüsteten Aufschrei, der nun folgen würde. Aber der kam nicht. »Also ich weiß nicht, was dein Problem ist. Sieht doch gut aus.«

Er folgte ihr in die Küche, und fand diese leer. Leer, außer Zoe natürlich, als hätte sich Alexis in Luft aufgelöst. Und nicht nur das. Verwundert stellte er fest, dass sogar das Glas und der Teller vom Tisch verschwunden waren. Jede Spur war getilgt, so gründlich, dass ihm für einen Moment selbst alles unwirklich vorkam. War es nur ein Hirngespinst gewesen? Ein Fiebertraum? War er so einsam, dass er jetzt schon mit sich selbst redete? Einen imaginären Freund erschuf, wie damals als Kind?

Doch dann streifte sein Blick die saubere Küchenzeile. Keine Stapel von Tellern, Töpfen und leeren Konservendosen. Keine undefinierbaren Flecken. Keine Staubschicht. Nein, es war keine Einbildung. Aber wo war Alexis dann?

Die Türe zum Schlafzimmer stand offen, dahinter weites Dunkel. Sam konnte fühlen, dass irgendwo Atemzüge waren, flach und fast lautlos, und große aufgerissene Augen, die in seine Richtung starrten. Da war Angst, und sie bereitete ihm fast körperliche Schmerzen, obwohl es nicht seine eigene war.

»Was willst du hier?« fuhr es aus ihm heraus, heftiger als geplant.

Zoe hatte gerade einen Stuhl herangezogen, und hielt in der Bewegung inne, um ihn verblüfft anzusehen. »Na, das sind ja ganz neue Töne. Freust du dich denn gar nicht, mich zu sehen?«

Sam schluckte. Die Mauern seiner Verteidigung begannen bereits wieder zu bröckeln. »Das weißt du doch, oder?«

Einen Moment sah sie ihn an, als wollte sie ihm widersprechen, doch dann nickte sie. »Ich freue mich auch, dich zu sehen. Dass es dir gut geht.«

Sam wusste nicht, wohin mit seinen Händen, seinen Blicken. War das vielleicht der erste Schritt auf einem Weg zurück? Einem Weg, den er in langen Nächten für absolut unpassierbar erklärt und vor dem er eine Barrikade errichtet hatte?

»Und ich freue mich, dass ich Recht hatte. Über kurz oder lang hältst du es nicht mehr aus und kommst zu uns zurück - das hab ich ja schon immer gesagt.«

Sam hätte am liebsten geseufzt. Wie oft hatten sie dieses Gespräch schon geführt?

»Wie kommst du denn darauf, dass ich das vorhabe?«

»Weil es besser ist als weiter für die Falschen zu arbeiten.«

»Jeder in dieser Stadt arbeitet für Manticor. Jeder. Sogar du.« Der kleine Laden, in dem Zoe angestellt war, mochte auf dem Papier Gordon Murray gehören, aber alle Waren bezog der Inhaber von Manticor, die auch die Bezugsscheine für Lebensmittel ausgaben und die Lizenzen für Geschäfte. »Irgendwie muss man ja überleben. Und wenn ich mich recht erinnere, war meine Position im Sicherheitsdienst der Grund, weshalb ihr mich damals angeworben habt.« Dem konnte sie nicht widersprechen. Und so setzte Sam noch nach: »Ich hatte nicht vor, zurückzukommen. Ich brauchte lediglich Hilfe in einer bestimmten Angelegenheit.«

Ein Nicken. Die dunklen Haare wippten. »Der Pass. Hab ich gehört. Er war für eine Frau, oder?« Sie sah ihn mit einem Blick an, den Sam nicht lesen konnte. »Gibt es da jemanden?«

Für einen Moment erwog Sam, einfach mit ja zu antworten. Stattdessen hörte er sich sagen: »Es ist nicht so, wie du denkst.«

»Wie auch immer - ich würde mich freuen, wenn du wieder jemanden hättest, Sam. Wirklich.« Sie wirkte ehrlich. Verdammt.

Sam bemerkte verwundert, wie jeder Atemzug schmerzte. Wie die Hitze in seinen Wangen brannte, und die ungesagten Worte seine Kehle zuschnürten. Er saß nur da, und selbst das schien ungeheure Kraft zu erfordern.

»Und meine Mutter lässt dir ausrichten, dass wir auf dich zählen.«

Das war so klar gewesen. »Deswegen bist du also hergekommen. Weil deine Mutter dich geschickt hat.«

»Quatsch. Ich bin wegen dir hier. Und weil ich es wollte.« Wenn sie ihn so ansah, war unübersehbar, dass Kayla ihre Mutter war. Dieselbe grimmige Entschlossenheit in denselben dunklen Augen. Er hielt ihrem Blick stand, bis sie ihn plötzlich senkte. »Aber vielleicht war es eine dumme Idee.« Sie schob den Stuhl zurück und stand auf, blieb jedoch neben dem Tisch stehen.

Konnte er ihr wirklich einen Vorwurf machen? Manchmal entstanden gute Dinge aus dummen Ideen. War nicht auch die Entscheidung dumm gewesen, Alexis einfach mitzunehmen? Die naive Idee eines Kindes, das einen Straßenhund mit nach Hause bringt. Aber gleichzeitig war es die einzige Option gewesen. Sam hatte diese Fremde nicht aus dem Wasser gezogen, um sie dann einfach zurückzulassen.

Er spürte auch jetzt noch den fast schwerelosen Körper in seinen Armen und das Wasser, das durch seine Kleidung drang. Irgendwie beruhigte ihn diese Erinnerung, und er hielt sich daran fest. Presste sie an seine Brust, um die Leere zu füllen.

»Ich sage das nicht, um dich zu verletzen. Sondern, weil ich dich kenne. Vielleicht sogar besser als du selbst.« Zoe streckte die Hand aus, und legte sie auf Sams Arm. »Du brauchst jemanden. Du brauchst Leute um dich herum. Diese Einsiedler-Nummer ist nichts für dich.«

Warum sagst du das? Warum kümmert es dich plötzlich? Du hast dich doch die letzten Monate nicht um mich gesorgt. Sechs Monate, drei Wochen, vier Tage – und ja, ich weiß das so genau.

»Anscheinend kennst du mich nicht. Ich komme sehr gut alleine zurecht.« Ohne dass er es merkte, wanderte seine Hand zu dem Ring, den er um den Hals trug. Er drehte ihn langsam und bedächtig zwischen den Fingern.

»Okay. Dann überleg es dir einfach nochmal. Es ist am Ende ja deine Entscheidung.« Sie bewegte sich bereits auf die Türe zu. »Aber überleg nicht zu lange. Die Zeit läuft.«

Dann schloss sich die Türe hinter ihr und Sam starrte noch minutenlang auf das dunkle Holz. Am liebsten hätte er dagegen geschlagen, wieder und wieder, bis warmes Blut über seine Hand liefe.

Zum gefühlt zehnten Mal drehte er sich von einer Seite auf die andere. Er war todmüde, doch sein Verstand hellwach. Normalerweise half es, die Augen zu schließen, sich auf seinen Atem zu konzentrieren und auf das Gefühl, wie ein Baby im Mutterleib von den Wänden um ihn herum beschützt zu werden. Doch heute funktionierte es nicht. Heute fühlte er sich wie in einem Sarg.

Irgendwann schob Sam die zentnerschwere Decke zu Seite, stemmt sich von der Matratze hoch und wankte durch den Raum. Zum Fenster, vor dem nur dichte Schwärze stand, obwohl die schweren Vorhänge, die den Tag über die Hitze abhielten, zurückgezogen waren. Zurück in die Mitte des Zimmers. Und dann stand er vor Alexis’ Tür. Alexis’ Tür, die früher schlicht die Tür zu seinem Schlafzimmer gewesen war.

Seine Hand verharrte in der Luft. Klopfen? Nicht klopfen? Wieder weggehen? Trotz der Kühle im Raum fühlte er plötzlich Schweiß auf seiner Stirn. Die Tür war geschlossen gewesen, seit Zoe gegangen war. Und er hatte die Botschaft akzeptiert. Weil es lange genug gedauert hatte, Alexis dazu zu bringen, solche Dinge zu tun.

»Das grüne Shirt, oder lieber das blaue?«

»Such du aus.«

»Nein, du. Du musst es schließlich anziehen.«

Alexis sah ihn mit großen Augen an, in denen Verzweiflung stand. Als hätte Sam sie gefragt, ob sie lieber über glühende Kohlen laufen wollte oder über Glasscherben.

»Probier es doch mal an.« Sam hielt ihr das blaue Shirt entgegen, das sie mit sichtbarer Erleichterung annahm.

»Und? Gefällt es dir?«