Dunkle Federn, scharfe Krallen - Stella Delaney - E-Book

Dunkle Federn, scharfe Krallen E-Book

Stella Delaney

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Beschreibung

Klauen, Pfoten, Krallen. Gefiedert, geschuppt, mit weichem Fell. Treue Gefährten oder unnahbare Fremde? Sie leben mit dir oder völlig im Verborgenen, sind Seelenverwandte, bewunderte Schönheiten oder verfluchte Plage: Tiere begleiten uns Menschen seit Beginn unserer Geschichte. Was haben sie zu erzählen? In sieben fantastischen Geschichten laden dich Katze, Hund, Schlange, Rabe, Waschbär, Affe und Ratte ein, auf ihren Pfaden zu wandeln. Doch Vorsicht, nicht alle Wege verlaufen im Licht. Traust du dich, mit ihnen zu gehen?

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Inhaltsverzeichnis

Feuer und Asche: Stella Delaney

Geister der Vergangenheit: Claudi Feldhaus

Stadtgeschichte: Anne Zandt

Schattenflug: Luga Faunus

Zuckerperlen: Juliet May

Die Äffin von Okinawa: Mika M. Krüger

Plage: Anne Danck

Triggerwarnungen:

Stella Delaney

Triggerwarnungen befinden sich auf Seite →.

In diesem Moment begreife ich. Die Erkenntnis bricht über mich herein wie eine heimtückische Welle, während man für ein lockeres Urlaubsfoto am Strand posiert.

Ich werde sterben.

Mein Herz hämmert. Meine Finger zucken.

Ich werde sterben. Hier und jetzt.

Der Raum scheint sich zu drehen.

Nein.

Nein, nein, nein.

Mein Körper krümmt sich. Meine Fingerspitzen berühren meine Lippen. Ich schmecke Metall.

Ist es mein eigenes Blut? Bin ich gestürzt? Ein Zucken, als erinnere sich etwas in mir an den Fall und versuche vergeblich, ihn abzufangen.

Ich muss mich erinnern. Wenn ich mich erinnere, verstehe ich es. Und vielleicht finde ich dann einen Ausweg.

Die Katze ist schuld, flüstert eine Stimme in mir. Die verfluchte Katze.

Als er zum ersten Mal vor dem Haus stand, kam es Jan so vor, als würde es ihn kritisch mustern. Die beiden halbrunden Fenster im Dachvorsprung wirkten wie Augen, und im Licht der tiefstehenden Sonne schien es wie das Blinzeln eines riesigen Wesens, das gerade aus dem Schlaf erwachte. Die breite Eingangstür in der Mitte, zu der fünf steinerne Stufen hinaufführten, war passenderweise aus dunklem Holz. Ein offenes Maul, bereit, ihn zu verschlingen. Nicht zum ersten Mal fragte sich Jan, ob er nicht lieber auf der Stelle kehrt machen und in die Stadt zurückfahren sollte.

Das zweistöckige Gebäude hatte etwas wild-romantisches, mit dem Efeubewuchs, den hohen Fenstern und dem hellen Verputz, der allerdings einen gräulichen Unterton aufwies und an manchen Ecken bereits bröckelte. Ehrlich gesagt sah es nach jeder Menge Renovierungsbedarf aus. War es das wert? War es das wirklich wert?

»Eins nach dem anderen«, murmelte Jan zu sich selbst. Das hatte sein Vater immer gesagt. Noch hatte er ja nichts unterschrieben, und zuerst würde er sich den Kasten mal gründlich von innen ansehen. Wo der Makler nur blieb?

»Hallo?«

Na endlich. Jan drehte sich um und setzte sein bestes geschäftliches Lächeln auf. Doch die Person hinter ihm sah ganz und gar nicht aus wie der Makler. Ein junger Mann in hellen Jeans und einem schwarzen T-Shirt. Mit einem breiten Grinsen, als hätte er Jans Gedanken gelesen.

»Ich schätze mal, Sie haben jemand anderen erwartet. Doppelt so alt, Aktentasche, Hemd und Krawatte?«

»Erwischt.« Jan musste lachen.

»Nun, damit kann ich leider nicht dienen. Aber mit einer Haustour.« Wie um seine Worte zu unterstreichen, klimperte er mit einem beeindruckenden Schlüsselbund. »Der Inhaber der Maklerfirma ist ein guter Freund meiner Familie. Da er von seinem luxuriösen Büro in der Stadt ein ganzes Stück fahren müsste, und ich quasi um die Ecke wohne, haben wir eine Abmachung.« Er wies mit einer einladenden Geste in Richtung der Treppe, die zur Eingangstür hinaufführte. »Nach Ihnen. Also, wenn Sie möchten, natürlich.«

»Du … bitte. Ich bin Jan.« Er zog eine Visitenkarte aus der Hemdtasche. Jan van Geeren, IT Consulting & Business Solutions. Auch er war gewohnt, dass sein Gegenüber jemanden erwartete, der mindestens doppelt so alt war.

Der junge Mann studierte die Karte höflich und ließ sie dann in seiner Hosentasche verschwinden. »Alles klar, Jan. Ich bin André. André Nibichs.« Er streckte seine Hand aus, die Jan ergriff. Sie fühlte sich leicht kühl an.

»Und, noch Interesse an dem Schmuckstück?« fragte André, als sie eine Stunde später wieder am Fuß der Treppe standen. »Dann werden wir vielleicht bald Nachbarn.«

Es klang, als verkünde er die Chance auf einen Lottogewinn.

Jan seufzte. »Zugegeben, das Innere ist überzeugender als ich dachte. Trotzdem frage ich mich, was Val dazu sagen wird …«

Etwas zuckte wie ein Blitz durchs Gesicht seines Gegenübers. Etwas, das Jan nicht einordnen konnte.

»Mein Freund«, fügte er erklärend hinzu. »Wegen ihm bin ich überhaupt auf dieses Haus gekommen. Er hat eine Zeit lang hier gewohnt und einen Roman geschrieben.«

Verdammt, was rede ich da? Demnächst erzähle ich ihm noch, was es bei uns zum Frühstück gibt und wie das Passwort für mein Cyberwallet lautet.

»Du meinst doch nicht etwa Valeriy Markov? Den bekannten Schriftsteller?«

Ein Gefühl von Wärme breitete sich in Jan aus. Das sanfte Glühen von Stolz. »Genau den. Falls wir hier einziehen, würden wir uns auf jeden Fall mit einer kleinen Party vorstellen.«

»Oh, Valeriy und ich kennen uns bereits.« Nach Jans überraschtem Blick fügte er hinzu: »Von früher. Ich wohne nun auch schon ein paar Jahre hier.«

»Da wird er sich aber freuen.«

»Eher nicht.« Ein schiefes Lächeln. »Valeriy war nie mein größter Fan. Leider. Dabei ist Verschlungen eins meiner Lieblingsbücher. Diese Schwere und Düsternis, unglaublich faszinierend. Und dann die Beziehung, die er beschreibt, die so perfekt ist und trotzdem so abgrundtief falsch.«

Jan fiel plötzlich auf, dass André immer näher gerückt war. Sie trennten nur noch wenige Zentimeter, doch es fühlte sich nicht beunruhigend an. Eher … aufregend.

»Aber was rede ich da … Du kennst das Buch bestimmt in- und auswendig.«

Ein feiner Nadelstich, den Jan ignorierte. Wie immer.

»Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt, wenn ich fragen darf?«

Das war ein besseres Thema, ein sicheres. »Oh, das ist eine lustige Geschichte. Und Verschlungen kommt durchaus darin vor …«

»Lass mich raten: du hast seinen Computer für ihn repariert? Oder noch besser: seine Festplatte mit dem Erstentwurf eines neuen Romans gerettet?« André ließ sich auf die unterste Treppenstufe sinken und sah Jan erwartungsvoll an.

»Oh nein, viel absurder.« Jan überlegte kurz, sich ebenfalls zu setzen, blieb dann aber lieber stehen. »Es war einer dieser völlig verregneten Tage. Ich war in einem Café mit einem Kunden verabredet, der einfach nicht kam. Und natürlich hatte ich mein Ladegerät vergessen. Der Akku war schon auf 5% runter. Hektisch sah ich mich um, und entdeckte auf einer Sitzbank in der Nähe genau das, was ich brauchte.«

»Darf ich?«, hatte Jan gefragt, während er bereits die Hand nach dem Gerät ausgestreckt hatte.

»Hm?« Die Augen, die ihn plötzlich fixierten, hatten einen weichen, verschwommen Ausdruck, als wäre ihr Besitzer gerade aus dem Schlaf gerissen worden.

Jans Hand erstarrte. Die Worte verkeilten sich in seinem Mund.

Der fremde Blick hielt seinen noch einen Herzschlag länger, dann wanderte er seinen Arm entlang bis zu den Spitzen seiner ausgestreckten Finger. Und Jan spürte ihn wie eine Berührung.

»Ach … klar doch. Wenn Sie wollen, dürfen Sie es auch behalten.«

»Behalten? Wirklich?« Jan war überrascht von dem Angebot.

»Möchten Sie, dass ich es Ihnen signiere?«

Signieren? Was?

Sein Gegenüber griff nach einem Buch, das vor ihm auf dem Tisch lag. Jan konnte erkennen, dass ein Gewirr von düsteren Ranken auf dem Cover abgebildet war, und die schwarze Silhouette einer Katze.

»Für wen?«

Diese Augen. Dieser Blick. Dieses schmale, blasse Gesicht, eingerahmt von halblangen Haaren.

»Wie heißen Sie denn?« Sanft und keine Spur von Ungeduld.

»Jan. Ich bin Jan«, brachte er heiser hervor.

Und wenige Minuten später hatte er den Tisch verlassen. Ohne das Ladegerät, dafür mit einer Ausgabe des aktuellen Bestsellers Verschlungen, samt Widmung des Autors.

»Tolle Geschichte. Romantisch, aber nicht kitschig. Vielleicht sollte man sie verfilmen. Oder ein Buch daraus machen.« André starrte einen Moment ins Leere, als überlege er, und blickte Jan dann direkt an. »Weißt du was? Wenn du möchtest, rufe ich nachher meinen Bekannten an und sage ihm, er soll dir den Vertrag schicken. Ohne Wenn und Aber. Und ich bin mir fast sicher, ich kann den Preis noch ein bisschen drücken.«

»Das würdest du tun? Warum?«

»Ich mag dich, Jan«, erwiderte er schlicht.

Als sie gemeinsam vor dem Haus standen, kam es Jan so vor, als blicke es ihnen erwartungsvoll entgegen.

»Na? Was sagst du?«

Val schwieg. Immer noch. Jan war enttäuscht. Er hatte Begeisterung erwartet. Oder zumindest irgendeine verdammte Reaktion.

Wie hatte es nur so weit kommen können? Sie waren doch so glücklich gewesen … oder etwa nicht? Ja, er hatte gemerkt, dass etwas mit Val nicht stimmte. Dieses Ausweichen, wenn Jan gefragt hatte, wie es mit dem neuen Roman voranging.

Und ja, Val war immer dünner und blasser geworden, immer abwesender. Aber war das nicht auch ein Stück weit normal? Sind nicht alle Künstler irgendwie leidend und weltfremd? Brauchen sie das nicht, um Großes zu erschaffen? Er hatte davon doch keine Ahnung.

Klar war da Druck, wenn man bereits einen Bestseller geschrieben hatte, den die Kritiker mit Worten wie »poetisches Psychogram« oder »ungewöhnlicher Haunted-House-Horror trifft auf tiefgründiges Beziehungsdrama« in den Himmel gelobt hatten.

»Ein Skalpell, das schonungslos die Künstlerseele seziert«, hatte einer dieser grauhaarigen Typen im Fernsehen gesagt. Was auch immer das heißen sollte.

Val, das Schreiben, ihre Beziehung – es war wie ein Code. Ein Code, der einfach nicht funktionierte. Wo lag nur der Fehler?

»Es … ich … Ich kann es immer noch nicht glauben.« Mehr ein Flüstern, aber wenigstens sagte Val endlich etwas. Auch wenn es wenig enthusiastisch klang.

Jan eilte voraus, um aufzuschließen. Oben an der Treppe blieb er stehen und hielt mit einer theatralischen Geste die Türe auf.

Voilà. Willkommen Zuhause.

Für einen Moment überlegte er, ob er ein Schild hätte anbringen sollen. Mit bunten Buchstaben. Vielleicht hätte es das leichter gemacht?

Auch damals im Krankenhaus hatte er tausendmal nachgedacht, was er sagen sollte. Wie er es sagen sollte.

Mach das nie wieder. Nie wieder, hörst du? Ich ertrage das nicht. Bitte.

Doch als er dann am Bett stand und auf das steife weiße Leinen starrte, kam nur eine Frage heraus: »Warum?«

»Ich kann nicht schreiben. All die Worte in meinem Kopf, die sich nicht zu Sätzen formen lassen – das macht mich wahnsinnig.«

Es klang logisch. Jans Blick wanderte an dem durchsichtigen Infusionsschlauch entlang, bis zu den schlanken Fingern, die auf der weißen Bettdecke fast unsichtbar waren. Sie waren fest um ein winziges Stofftier geschlossen. Eine ehemals schwarze Katze, inzwischen grau vom häufigen Waschen. Vals Glücksbringer.

Den er auch jetzt in der Hand hielt, als er sich den Kiesweg entlang bewegte. Langsame, bemessene Schritte. Seine Augen waren weit offen und er atmete durch den Mund. Wie ein Reh, das sich bereit macht, beim kleinsten Geräusch davonzulaufen. Er schwebte geradezu an Jan vorbei in den Flur. Und Jan musste dem Drang widerstehen, zuzugreifen um sich zu überzeugen, dass Val wirklich hier war und sich nicht in der nächsten Sekunde in Luft auflösen würde.

»Also, die Küche wurde vor kurzem total saniert. Spülmaschine, Kühlschrank, neuer Herd. Induktion, war vorher ja Gas, daran erinnerst du dich vielleicht. Das Bad ist noch in einem älteren Zustand, aber funktional. Ich hatte gedacht, wir nehmen das große Zimmer oben als Schlafzimmer, und du kannst dir eins der kleineren aussuchen als Arbeitszimmer.« Er kam sich sehr großzügig vor, als er das sagte.

Val schien ihn jedoch gar nicht zu hören. Er stand in der Mitte des offenen Wohnbereichs und starrte zu der Holztür neben der Treppe, die ins obere Stockwerk führte.

»Oh, der Keller. Da unten soll es mal gebrannt haben, aber das war nur ein Schwelbrand; die Statik ist intakt und alle Spuren wurden beseitigt. Ich dachte, ich könnte dort …«

»Nein.«

»Was?« Jan glaubte, sich verhört zu haben.

»Ich möchte auf gar keinen Fall, dass irgendjemand mehr Zeit als nötig im Keller verbringt.« Val wirkte aufgebracht.

Und Jan verstand beim besten Willen nicht, warum.

Mitten in der Nacht wachte Jan plötzlich auf. Seine Großmutter hatte immer gesagt, der erste Traum im neuen Haus ginge in Erfüllung, aber er konnte sich nicht erinnern, überhaupt geträumt zu haben. Und die grünen Ziffern des Radioweckers zeigten, dass es erst drei Uhr morgens war. Mit einem Seufzen drehte er sich um – und fand das Bett neben sich leer.

Adrenalin schoss durch seine Adern, und innerhalb von Sekunden saß er aufrecht.

Nein. Nicht schon wieder. Bitte, bitte nicht.

»Val? Valeriy?« Seine Stimme war ein heiseres Flüstern.

Schweigen. Nichts als unendliche, ungebrochene Stille.

Schnell schwang Jan sich aus dem Bett, und eilte zur Treppe. Und dann sah er Val.

In seinem übergroßen weißen T-Shirt wirkte er wie ein Geist. Er stand im dunklen Wohnzimmer, die Augen halb geschlossen und murmelte vor sich hin. Es klang fremd, keine Sprache, die Jan einordnen konnte.

Jans Hand war wenige Zentimeter vom Lichtschalter entfernt in der Luft eingefroren, seine Lippen geöffnet, aber kein Ton kam heraus. Einen Moment beobachteter er Val weiter bei seinem fast schlafwandlerischen Tun, dann drehte er sich um und ging zurück ins Bett. Als er am nächsten Morgen erwachte, war die Erinnerung neblig und verblasst, und er war sich sicher, geträumt zu haben.

Ein eiskalter Hauch lässt mich frösteln.

Wie oft hat sich Val am Anfang über die Kälte beschwert, und wie oft habe ich ihn einen Jammerlappen genannt? Geradezu hysterisch?

»Stell dich nicht an wie ein kleines Mädchen.«

Warum ist mir nie aufgefallen, wie absurd ähnlich mein Tonfall dem meines Vaters geworden war?

Ich ziehe mich vorwärts. Auf dem Bauch, Zentimeter für Zentimeter. In Richtung des vagen Lichtscheins, in Richtung der Treppe nach oben. Glatte Bodenplatten unter meinen Fingern, die sich rutschig und kalt anfühlen wie Eis. Mein Herz hämmert immer noch, mein Atem kommt stoßweise. Ich brauche eine Pause, spüre, wie meine Finger lockerlassen und mein Kinn auf den Boden sinkt. Wie meine Lider zufallen.

Und dann höre ich sie. Schritte. Noch sind sie weit entfernt, aber sie kommen näher. Immer näher.

Was hätte er denn sagen sollen? Tut mir leid, dass ich es nicht besser hinbekomme? Dass ich keine Zeitmaschine bauen kann, um dich ein paar Jahre zurückzuversetzen?

Vals letzte Worte hallten noch in Jans Ohren. Warum war er schon wieder so stur? Warum konnte er ihm nicht einmal entgegenkommen, nur einen winzigen Schritt?

Eine Präsenz bohrte sich in seinen Rücken wie ein Messer. »Falls du dich entschuldigen willst …« Doch als er sich umdrehte, war das Zimmer leer.

Was zur Hölle? Er hatte es doch so deutlich gespürt …

Sein Blick wanderte suchend durch den Raum, und fand schließlich eine Antwort.

Die Figur. Die gottverdammte Katzenfigur.

Weiß glasiert und fast lebensgroß hockte sie im Regal. Erinnerte ihn an die schrecklichen Hummel Figuren, die seine Großmutter auf ihrem Kaminsims gehortet hatte.

Ein Kribbeln lief durch seinen Körper. Wie sie ihn anstarrte. Anglotzte, aus ihren riesigen runden Augen. Natürlich gab es dafür eine ganz simple Erklärung, denn schließlich war es auch mit Gemälden so, dass die Augen des Porträtierten dem Betrachter scheinbar folgten. Aber warum spürte er den Blick dieser Figur wie einen Laserstrahl, der sich in seinen Kopf bohrte?

Hässliches, abartiges Ding. Weiß der Teufel, was Val daran findet. Warum er es ins Haus geschleppt und ausgerechnet hier im Wohnzimmer platziert hat. Ich dachte immer, er hätte einen besseren Geschmack.

Jans Hand ergriff die Figur. Sie war überraschend leicht und fühlte sich warm an, fast lebendig. Sollte Porzellan nicht kühl sein?

Einen Moment wog er sie in seinem Griff. Was, wenn er jetzt losließe? Langsam lockerte er einen Finger. Dann einen zweiten. Nur mal kurz fühlen, wie es wäre, wenn …

Und da fiel sie schon. Wie in Zeitlupe, als hätte er noch zugreifen können, um sie zu retten.

Der volle, tönerne Klang von zersplitterndem Porzellan. Ein Teil von ihm zuckte zusammen. Doch ein anderer Teil freute sich. Endlich. Und es war so einfach gewesen.

Etwas ließ ihn herumfahren. Vielleicht war es ein Geräusch gewesen, ein lautes Atmen. Val stand da und starrte auf die Scherben. Ehe Jan etwas sagen konnte, war er auf die Knie gefallen und begann, die Bruchstücke einzusammeln. Sie aneinanderzupressen, als könne er sie durch bloßen Willen wieder zusammenfügen.

»Val, es tut mir leid. Lass das liegen, das macht doch keinen Sinn. Es …«

Val stieß Jans Hand weg. Blut tropfte auf den Boden. Tiefes Dunkelrot auf den hellen Dielen.

Jan spürte, wie sich sein Magen verkrampfte. Schnell packte er ein Handtuch, das zufällig über dem Stuhl hing, und versuchte, nach Vals Hand zu greifen. Diesmal ließ Val es widerstrebend zu, doch während Jan versuchte, mit dem Tuch die Blutung zu stillen, hing sein Blick immer noch an den Scherben.

»Val, ich verstehe ja, dass …«

»Nein. Du verstehst gar nichts. Nicht mal im Ansatz.« Endlich sah er Jan an, aber seine Augen waren leer, als wäre er meilenweit weg. »Du glaubst, dass alles nicht ähnlich genug ist. Aber das stimmt nicht. Das Problem ist, dass es zu ähnlich ist. Viel zu ähnlich.«

Einige Wochen später kam Jan von der Arbeit nach Hause. Er war spät dran, aber Val würde sowieso nur in seinem Arbeitszimmer sitzen und aus dem Fenster starren.

Wenn man so darüber nachdachte, lag eine gewisse Ironie darin. Ein Arbeitszimmer, in dem nicht gearbeitet wurde. Ein Schriftsteller, der nicht schrieb. Das war wie … wie …

Ärgerlich wischte er den Gedanken weg. Er würde sich auf jeden Fall nicht von der gedrückten Stimmung anstecken lassen. Nicht schon wieder.

Doch bereits im Flur merkte er, dass etwas anders war. Das Haus vibrierte geradezu mit einer seltsamen Spannung. Und dann hörte er Vals Stimme. Weich, warm, wie ein leiser Singsang. So, wie er schon ewig nicht mehr mit Jan gesprochen hatte.

Eine eiskalte Hand schloss sich um sein Herz und presste es zusammen. War es soweit? Er würde die Tür öffnen und das vorfinden, was er all die Jahre befürchtet hatte? Val … und jemand anderen.

Jan zögerte, doch etwas in ihm preschte nach vorne. Stieß die Tür auf.

Warmes, goldenes Licht floss ihm entgegen. Val war in der Tat nicht alleine. Er saß auf dem Küchenboden und betrachtete verzückt etwas vor ihm.

Eine Katze. Eine verdammte Katze. Dunkelgrau wie das Zwielicht. Wie greifbar gewordener nächtlicher Nebel.

»Wo kommt die denn her?«

»Oh hallo, Jan. Die hab ich im Keller gefunden. In der hintersten Ecke. Das arme Ding, fast verhungert und total dreckig. Aber das kriegen wir wieder hin …«

Eifrig hob er die Katze auf. Das Tier leistete keinerlei Widerstand, als Val es Richtung Badezimmer trug. Im Vorbeigehen sah es Jan für einen Moment aus seinen runden gelb-grünen Augen an, und er hätte schwören können, dass ein triumphierendes Funkeln darin lag.

Im Keller? Aber … du gehst doch nie in den Keller?

Er zögerte, bevor er Val ins Bad folgte.

»Schau dir das an!« Val übergoss die Katze ein weiteres Mal mit Wasser, und nun offenbarte sich, dass das Tier gar nicht grau war. Es war schwarz und rot gemustert, mit einzelnen weißen Stellen. Das Gesicht war besonders bemerkenswert: eine nahezu gerade, vertikale Linie teilte es in eine pechschwarze und eine rotgetigerte Hälfte, inklusive der Nase, die auf der einen Seite ebenfalls schwarz, auf der anderen hellrosa war.

»Eine Glückskatze! Vielleicht sogar ein Kater. Die sind so selten wie ein Sechser im Lotto.« Vorsichtig hob Val die Katze aus der Wanne, und wickelte sie in ein Handtuch. »In Japan gelten dreifarbige Katzen als Inbegriff von Wohlstand und Macht, bei Seglern als Glückbringer für eine lange Reise. Angeblich schützen sie das Haus sogar vor Feuer. In Brehms Tierleben steht …«

»Schön, aber ich bin eigentlich nicht so der Katzen-Typ.«

Sie starrten sich an. Intensiv. Lange. Und als Val nicht zu verstehen schien, fügte Jan hinzu: »Ich glaube, im nächsten Ort gibt es ein Tierheim.«

Val schüttelte energisch den Kopf. »Nein. Myshka bleibt.«

Oh, einen Namen gibt es auch schon? Und ich habe wohl gar nichts mehr zu sagen? »Auf gar keinen Fall. Nicht in meinem Haus.«

»Dein Haus?« Vals Lippen zitterten. »Ich dachte, es wäre unseres.« Er hob die Katze samt Handtuch hoch und drückte sie an sich. Überraschenderweise versuchte das Tier nicht zu entkommen, sondern presste sich an Vals Brust.

»Valeriy, ich …«

»Ich will auch etwas haben, Jan. Du hast deine Arbeit. Du hast deine Kumpels. Du bist jeden Tag unterwegs, und ich … ich sitze hier allein in diesem Haus.«

Diese Augen. Dieser Blick, dem er noch nie hatte widerstehen können, egal, wie sehr er es versuchte.

»Okay.«

»Ich kann immer noch nicht schreiben. Weißt du, wie es sich anfühlt, dass ich nicht mal das hinkriege?«

»Ich sagte, okay.«

»Ernsthaft?«

Nein, eigentlich nicht. Aber Jan konnte fühlen, wie er nickte.

Val starrte ihn an, und lächelte plötzlich. Intensiv und strahlend. So wie früher. Dann machte er einen schnellen Schritt nach vorne und drückte Jan einen Kuss auf die Wange. Und Jan spürte diese unglaubliche, fast schon vergessene Wärme in sich aufsteigen.

»Guten Tag, Herr Nachbar.«

Jan fuhr zusammen. Ihm wurde erst jetzt klar, dass er minutenlang hier gestanden und auf das Haus gestarrt hatte. Woran hatte er dabei gedacht? Er wusste es nicht mehr. Nur eine tiefe Sehnsucht war geblieben, wie der Nachgeschmack eines teuren Whiskys.

»Guten Tag«, brachte er zögernd heraus.

»Das klingt aber nicht wie ein zufriedener frischgebackener Hausbesitzer.«

»Es könnte besser sein.«

»Erzähl.« André lehnte sich locker an die niedrige Mauer, die das Grundstück umgab. So dicht neben Jan, dass sich ihre Schultern fast berührten.

Und ehe sich Jan versah, sprudelten die Worte auch schon hervor. »Du wirst lachen. Eigentlich hab ich dieses Haus für Valeriy gekauft.«

Nicht einmal seinen besten Freunden gegenüber hatte er diese Tatsache erwähnt. Er konnte ja selbst nicht erklären, wie er auf diese verrückte Idee gekommen war.

Dabei war es einmal so logisch gewesen. Damals, als er gerade aus dem Krankenhaus zurückgekommen war.

»Ich fühle mich wie gefangen in meiner eigenen Geschichten. So viel zu sagen, aber einfach keine Worte dafür«, hatte Val vorher zu ihm gesagt. »Genau wie in Verschlungen, verstehst du?«

Jan hatte schnell genickt, wie immer, wenn das Gespräch auf dieses Thema kam. Er hasste es, sich so ertappt zu fühlen.

»Wie war das denn damals, als du Verschlungen geschrieben hast? Gab es da etwas, dass dir geholfen hat?«