Das Lied der kleinen Worte - Marina K. Wolf - E-Book

Das Lied der kleinen Worte E-Book

Marina K. Wolf

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Beschreibung

Anthologie: Vier kurze Erzählungen über Kunstdiebe, (alkoholisierte?) Ziegen, den teuersten Kaffee der Welt und andere wunderliche Gestalten. Zum Lachen, Weinen oder Nachdenken, aber immer zum Genießen.

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Seitenzahl: 77

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Die Autorin

Marina K. Wolf ist in einer wunderbar-verrückten Patchworkfamilie in Portugal und Deutschland aufgewachsen. Sie liebt Kaffee und Bäume, Bücher, Sprachen und Reisen, Tauchen und (schief) Singen.

Marina begeistert sich für Mythen und Sagen verschiedenster Kulturen und kann sich fürchterlich über falsche Grammatik aufregen.

Beruflich organisiert, privat ein Vollchaot, trifft sie Entscheidungen am liebsten aus dem Bauch heraus und hat damit bisher ganz gut überlebt.

Sie ist im Vorstand des Münchner Schreiberlinge e.V. und im Alltag praktisch nie ohne Noise Cancelling Headphones unterwegs.

Inhaltsverzeichnis

Über Kurzgeschichten

Die Krähen

Katzenkaffee

Die Maske

Schwabinger Ziegenjagd

Über Kurzgeschichten

Oh, ein Buch, toll! Mit mehreren Geschichten ... aha ...? Na schön, fangen wir mal an. Liest sich ja ganz gut und ... Oh, schon zu Ende. Und jetzt?

Das sind ungefähr meine Gedanken, wenn ich Kurzgeschichten in die Finger bekomme. Gefällt mir die Geschichte, dann ist sie viel zu schnell vorbei. Gefällt sie mir nicht, ist das egal, denn dann lese ich nicht weiter. Ich neige sowohl beim Lesen als auch beim Schreiben zu langen Erzählungen, gern mehrbändig, sodass sich Charaktere langsam entwickeln und Tiefe gewinnen können, man die Welt und die Gesellschaft, die hier kreiert wird, immer weiter erkunden kann und Verbindungen zu den Figuren aufbaut, die man durch die Seiten begleitet. All das ist bei Kurzgeschichten nicht möglich.

Kurzgeschichten müssen in einer überschaubaren Anzahl von Worten einen ganzen Handlungsbogen umspannen, müssen das Bild der gezeigten Welt mit wenigen Strichen zeichnen und den Figuren in einer Handvoll Szenen Leben einhauchen. Das ist aber auch der Reiz einer solchen Erzählung. Eine kleine Fingerübung, eine Herausforderung an die Autorin, die nicht so viel Geduld erfordert wie ein ganzer Roman. Ist die Idee erst einmal da, kann sie an nur einem Wochenende zu Papier gebracht werden. Oder zerfällt noch während man sie formen möchte.

Die hier folgenden Geschichten entstanden alle im Rahmen von Ausschreibungen zu Anthologien des Münchner Schreiberlinge e.V., für die jeweils ein spezifisches Thema oder ein Handlungselement vorgegeben war. Entsprechend kann man meine Geschichten auch in diesen Anthologien finden. Ich fand es jedoch schade, dass ich sie nicht alle gemeinsam zur Hand nehmen und durchblättern konnte. Also habe ich genau das getan und vier verschiedene Geschichten in einem Büchlein vereint.

Ich wünsche viel Spaß beim Schmökern und wem die Geschichten zu kurz sind, kann anschließend gern zu meinen Roman greifen ;)

Die Krähen

Ein Blitz zuckte und beinahe gleichzeitig grollte ein Donnerschlag durch die Häuserschluchten, der Neila wie ein erschrockenes Kaninchen den Kopf einziehen ließ.

»Sitz nicht immer nur im dunklen Zimmer rum«, äffte sie die Stimme ihrer Schwester nach. »Geh mal an die frische Luft, das ist gesund.« Neila schüttelte sich und rief zu den dunklen Wolken hinauf: »Einen Dreck ist es!«

Niemand antwortete ihr. Selbst, wenn jemand direkt neben ihr gegangen wäre, hätte die Person vermutlich kaum ein Wort verstanden in dem Lärm, den das Gewitter machte. Regen rauschte und lange Gräser bogen sich wie geisterhafte Finger, die nach ihr greifen wollten. Abgerissenes Laub, Papiertüten aus dem nahen Supermarkt und zu ihrem Erstaunen ein einzelner Turnschuh trudelten durch die Straße, die wie ausgestorben dalag. Natürlich. Wer würde auch freiwillig bei diesem Mistwetter vor die Tür gehen?

Neila zog sich ihre Kapuze tiefer in die Stirn und stemmte sich gegen Wind und Regen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es dermaßen widerlich werden würde. War sie überhaupt auf dem richtigen Weg? Sie tippte auf ihr linkes Brillenglas und ließ sich die Strecke einblenden. Die grüne Linie wurde von den Regentropfen verzerrt und schien zu buckeln und zu tanzen wie ein Frosch auf Drogen. Neila stieß einen leisen Fluch aus. Das hatte man davon, die Sprachsteuerung zu deaktivieren.

Die nächste Windböe trieb sie weiter die Straße entlang, um eine Ecke, über einen Grünstreifen, in dem bunte Wiesenblumen sich verzweifelt an ihre letzten Blütenblätter klammerten, und unter den Schutz eines geschwungenen Vordaches. Sie riss sich den Rucksack vom Rücken und atmete erleichtert auf, als sie alles darin trocken vorfand. Dann beugte sie sich vor und rieb ihr Knie. Bei Regenwetter juckte es immer furchtbar an der Stelle, an der ihr Bein in ihre Prothese überging. Dabei fiel ihr Blick auf eine kleine, schwarze Silhouette, eine Art Comic-zeichnung, die jemand auf Höhe ihrer Knöchel an die Gartenmauer gemalt hatte. Ein Spatz, der ironischerweise einen aufgespannten Regenschirm über sich hielt.

»Sehr witzig«, knurrte Neila.

Ein gutes Stück über dem Bild verkündete eine Messingtafel in großzügigen Lettern:

Villa Lafallier Dauerausstellung der Sammlung Lafallier Öffnungszeiten: täglich 10.00 - 18.00 Uhr

Sie schob einen pitschnassen Ärmel zurück und tippte auf ihr Armdisplay, um sich die Uhrzeit anzeigen zu lassen. Sie war später dran als gedacht, allerdings hatte sie wie gewohnt dermaßen viel Puffer eingeplant, dass sie noch immer mehr als genug Zeit hatte. Eine halbe Stunde in einer der Trockenkabinen am Eingang wäre ein Segen und würde ihr ermöglichen, ungesehen die Prothese abzunehmen und sich um die Haut darunter zu kümmern. Also wandte sie Regen und Wind den Rücken zu und betrat die elegante Jugendstilvilla.

Kaum war sie durch die Tür getreten, erschien hinter dem unbesetzten Tresen das Hologramm eines Hundemenschen im schwarzen Anzug mit einer kleinen Preisliste auf einem silbernen Tablett. Offenbar hatte es jemand für total witzig gehalten, für eine Kunstausstellung einen Butler mit Fellnase zu programmieren. »Tageskarte, Monatsticket oder gleich unser preiswertes Jahresabonnement?«, fragte die alberne Gestalt.

Neila beäugte die Liste auf dem Silbertablett. »Preiswert ist hier mal gar nichts. Ich will auch keinen ganzen Tag bleiben, nur bis der Regen vorbei ist.«

Der Hundebutler zuckte mit keinem Schlappohr. »Tageskarte, Monatsticket oder gleich unser preiswertes Jahresabonnement?«, wiederholte er in exakt gleichem Tonfall und Neila seufzte. Sie war zu nass, um sich mit einem verfluchten Hologramm zu streiten.

»Tageskarte«, knurrte sie und hielt ihr Handgelenk dem Kassen-Icon entgegen.

Keine Stunde später schlenderte Neila durch die Kunstausstellung. Die warme Luft der Trockenkabine hatte ihren Zweck erfüllt und ihr schwarzes Kapuzenkleid bis zur Unterwäsche getrocknet. Allerdings standen nun ihre Haare strohig und elektrisiert in alle Richtungen und Neila fuhr sich immer wieder durch die dunkelgrünen Strähnen, um sie zu glätten, was das Problem jedoch eher verschlimmerte. Als sie einen hellen Raum betrat, der rund um einen begrünten Innenhof angelegt war, glitt zum ersten Mal an diesem Tag ein Lächeln über ihr Gesicht. Nicht wegen den kleinen Bildern an der Wand oder den bunten Filterglasscheiben zum Hof, hinter denen sich das Unwetter in sanften Regen verwandelt hatte. Auch nicht wegen den schmiedeeisernen Bäumen, die ihre kunstvoll verdrehten Äste von den Wänden aus über die gewölbte Decke streckten. Neilas Lächeln galt dem mannshohen Automaten, der zwischen einem der Eisenbäume und ein paar zierlichen Tischen stand. Als sie auf ihn zuging, leuchtete auf seinem Display ein Smiley auf.

»Hallo«, quäkte der Automat. »Was kann ich dir anbieten?«

»Ähm …« Neila überflog kurz die Angebotsliste.

»Falafel. Und dazu Chips. Und heiße Schokolade.«

Der Pixelmund verbog sich nach unten. »Möchtest du nicht lieber ein belegtes Vollkornbrot mit Salat, Tomaten …«

»Ich bin glutenintolerant.«

Die Pixelaugen blinzelten, während der Automat Daten abrief. »Das ist nicht in deiner Krankenakte hinterlegt.«

»Mir egal. Kann ich jetzt mein Essen haben?«

Der Pixelmund zog sich noch weiter nach unten. »Bei deinem derzeitigen Blutzuckerspiegel muss ich von zuckerhaltigen Getränken abraten. Und Falafel und Chips haben einen sehr hohen Fettgehalt. Bei deinem Body-Maß-Index …«

»Geht’s noch?« Neila starrte den Automaten an. »Seit wann liest du meinen BMI aus?«

Der Smiley kehrte zurück. »Die Errechnung des BMI ist ein kostenloses Feature, über das alle Automaten der Serie ULW9205 seit dem letzten Update verfügen. Wir freuen uns, dich bei einer gesunden Ernährung zu unterstützen.«

»Ich will aber keine gesunde Ernährung! Ich will Falafel und Schokolade!«

»Dein derzeitiger Blutzuckerspiegel liegt bei …«, setzte der Automat an.

Neila tippte ein paar Befehle auf ihrem Unterarmdisplay ein und unterbrach die Verbindung. »Mein Blutzucker geht dich einen Dreck an. Jetzt gib mir mein Essen.«

Das Pixelgesicht begann rot zu blinken. »Leider kann ich keine Verbindung zu deinen Gesundheitsdaten aufbauen. Bitte achte darauf, dass dein Health Device ordnungsgemäß an deinem Körper anliegt.«

»Verfluchter, bescheuerter Haufen Blech!« Neila trat so kräftig gegen den Automaten, dass er leicht schwankte.

»Vorsicht«, erklang eine Stimme hinter ihr. »Anton ist nicht sehr stabil. Er könnte leicht umkippen.«

Neila fuhr herum. »Sehe ich aus als könnte ich einen fetten Automaten …«

Die Worte erstarben auf ihren Lippen. Vor ihr stand ein junger Mann, der ungefähr in ihrem Alter sein musste. Damit endeten die Gemeinsamkeiten aber auch schon wieder. Neilas Augen wanderten über hohe Wangenknochen, perfekt sitzende Jeans und ein weißes Shirt, das wohlgeformte Muskeln zur Geltung brachte. Im Kontrast zu seiner dunklen Haut strahlte es geradezu, als wäre er ein Model bei einem Fotoshooting. Neila spürte, wie ihr die Röte vom Ausschnitt ins Gesicht kroch und jeden einzelnen Mitesser auf ihrer blassen Haut noch besser zur Geltung brachte.

Der Neuankömmling trat an ihr vorbei. »Hallo Anton. Gibst du mir eine heiße Schokolade?«

Das Automatengesicht strahlte. »Sehr gerne, Rai. Bitte schön.«

Neila trat einen Schritt zurück. Natürlich bekam dieser Rai seine Schokolade ohne Getue. Sein Blutzuckerspiegel war sicher perfekt und sein BMI ganz offensichtlich kein Problem. Nervös huschte ihr Blick zu der Glasfront, als suchte sie nach einem Fluchtweg.