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Vier Frauen und ein Band für die Ewigkeit: Die große Freundinnen-Saga »Das Lied unseres Sommers« von Penelope J. Stokes jetzt als eBook bei dotbooks. Eine Freundschaft, so zart und strahlend wie ein Sommermorgen … Das Leben von Delta Ballou scheint seit dem Tod ihres Mannes alle Farbe verloren zu haben – umso beherzter überreden ihre drei alten College-Freundinnen sie nun, gemeinsam zu einem Jahrgangstreffen zu fahren. Doch neben vielen wunderbaren Erinnerungen verbindet die vier Frauen auch ein Geflecht aus Geheimnissen und alten Verletzungen: Wird das tiefe Zerwürfnis zwischen den Schwestern Lacy und Lauren endlich heilen können – und wird die zaghafte Rae endlich lernen, mutig und frei ihr eigenes Schicksal zu bestimmen? Delta beginnt zu ahnen, dass ihre Freundinnen sie vielleicht mehr brauchen, als sie je für möglich gehalten hätte … Mal turbulent, mal lebensweise schreibt Penelope J. Stokes über eine außergewöhnliche Frauenfreundschaft, die wie ein Licht im Sturm alles überdauert. Jetzt als eBook kaufen und genießen: Die bewegende Frauensaga »Das Lied unseres Sommers« von Bestseller-Autorin Penelope J. Stokes. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 486
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Über dieses Buch:
Eine Freundschaft, so zart und strahlend wie ein Sommermorgen … Das Leben von Delta Ballou scheint seit dem Tod ihres Mannes alle Farbe verloren zu haben – umso beherzter überreden ihre drei alten College-Freundinnen sie nun, gemeinsam zu einem Jahrgangstreffen zu fahren. Doch neben vielen wunderbaren Erinnerungen verbindet die vier Frauen auch ein Geflecht aus Geheimnissen und alten Verletzungen: Wird das tiefe Zerwürfnis zwischen den Schwestern Lacy und Lauren endlich heilen können – und wird die zaghafte Rae endlich lernen, mutig und frei ihr eigenes Schicksal zu bestimmen? Delta beginnt zu ahnen, dass ihre Freundinnen sie vielleicht mehr brauchen, als sie je für möglich gehalten hätte …
Mal turbulent, mal lebensweise schreibt Penelope J. Stokes über eine außergewöhnliche Frauenfreundschaft, die wie ein Licht im Sturm alles überdauert.
Über die Autorin:
Penelope J. Stokes unterrichtete zwölf Jahre lang an einem College Literatur und kreatives Schreiben, bevor sie 1985 ihre Lehrtätigkeit beendete, um sich vollends dem Schreiben zu widmen. Für ihre Romane wurde sie vielfach ausgezeichnet und eroberte die Herzen ihrer Leser mit dem Bestseller »Eine Flaschenpost voller Träume« im Sturm. Ihr Roman »Die Töchter von Asheville Hall« ist eine Hommage an ihre Heimat inmitten der wunderschönen Blue Ridge Mountains in North Carolina.
Mehr über die Autorin erfahren Sie auf ihrer englischsprachigen Website: lifebeyondbooks.wordpress.com/
Penelope J. Stokes veröffentlichte bei dotbooks bereits ihre Romane:
»Einen Flaschenpost voller Träume«
»Das Geheimnis von Noble House«
»Die Töchter von Asheville Hall«
»Das bernsteinfarbene Foto«
»Die Frauen, die wir waren«
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eBook-Neuausgabe September 2020, November 2021
Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 2006 unter dem Originaltitel »Delta Belles« bei Doubleday, New York.
Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2006 by Penelope J. Stokes
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2008 Knaur Taschenbuch. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München
Copyright © der Neuausgaben 2020, 2021 dotbooks GmbH, München
Published by Arrangement with Penelope J. Stokes
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: dotbooks GmbH, München, unter Verwendung eines Fotos von Adobe Stock/kichigin
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)
ISBN 978-3-96655-388-9
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Penelope Stokes
Das Lied unseres Sommers
Roman
Aus dem Amerikanischen von Heidi Lichtblau
dotbooks.
Zur Erinnerung an Frances und Sue, Mentorinnen, die mich inspiriert, an mich geglaubt, mich herausgefordert und mich gelehrt haben, den Gesang in den Sternen zu hören.
Euer Geist lebt weiter und wird nie vergessen. Wenn leise Stimmen ersterben, vibriert Musik in der Erinnerung ...
PERCY BYSSHE SHELLEY, 1821
Das süßeste Wort Auf der Zunge ist »Komm«.
Komm dorthin zurück, wo du einst hingehörtest, zurück zu jenen, die dich kannten, liebten, das Beste von dir glaubten.
Rudere, wenn dein Schiff fortgesegelt ist, schwimm, wenn all deine Brücken niedergebrannt sind, flieg, wenn die Kluft zu weit oder tief erscheint –
aber komm.
Decatur, Georgia September 1994
»Rankin!«
Schweißgebadet und zitternd schreckte Delta Ballou aus dem Schlaf hoch. Die vertraute Panik überfiel sie. Etwas hatte sie geweckt – ein Geräusch. Sie atmete tief durch und versuchte, ihre Atmung und ihr Herzklopfen in den Griff zu bekommen.
Delta mochte nicht allein auf der Welt sein, doch kam es ihr so vor – jeden Tag, jeden wachen Augenblick. Vor allem jede Nacht, ehe der Schlaf sie übermannte, wenn sie allein im Dunkeln lag und seine Bettseite neben ihr kalt und unberührt blieb. In diesen Tagen blieb sie immer zu lang auf und zwang sich dann widerwillig zu ein paar Stunden unruhigen Schlafs, nur um am nächsten Morgen gerädert aufzuwachen und zu entdecken, dass es doch kein Alptraum gewesen war. Dass ihr Mann wirklich tot war. Dass sie, mit siebenundvierzig, Witwe war.
Am Morgen seines Todestages war sie wegen irgendeiner echten oder eingebildeten Angelegenheit sauer auf Rankin gewesen – inzwischen wusste sie gar nicht mehr, weswegen. Bestimmt wegen irgendeiner Nebensächlichkeit, wegen einer absoluten Nichtigkeit im kosmischen Plan. Doch zu dem Zeitpunkt hatte es anscheinend ausgereicht, um ihm die kalte Schulter zu zeigen und ihm, ehe er ging, einen Abschiedskuss zu verweigern.
Wie üblich hatte ihm ihre Gereiztheit nichts ausgemacht. Er hatte freundlich gelacht, sie, als sie sich wegdrehte, auf
die Wange geküsst und ihr gesagt, dass er sie liebe. Seine Höflichkeit hatte ihre gereizte Laune nur noch geschürt, und sie hatte nach seinem Aufbruch noch ganze zehn Minuten herumgezetert.
Seltsam, dass genau die Eigenschaften, die ihren Mann als Geistlichen ausgezeichnet hatten, sie so zur Weißglut brachten. Er war so ... gut. Großzügig, verständnisvoll, mitfühlend auch gegenüber Wut und Opposition. In größten Stresssituationen freundlich, mit einem offenen Ohr für jeden, der ihn brauchte.
Delta andererseits konnte Dummheit schwer ertragen. Beziehungsweise überhaupt nicht, hatte ihr Mann scherzend hinzugefügt.
Das stimmte. Als sie und Rankin sich kennengelernt und ineinander verliebt hatten, hatte sie seine Leidenschaft für Frieden und Gerechtigkeit geteilt, hatte seine Hand genommen und »We Shall Overcome« gesungen, und das in der felsenfesten Überzeugung, dass jeden Moment ein Wandel anstehe. An seine Gelassenheit jedoch, seine Geduld mit menschlichen Unzulänglichkeiten und Versagen war sie nie herangekommen.
Rankin Ballou war in jeder Hinsicht ein außergewöhnlicher Mensch gewesen. In seiner Arbeit wie im Leben hatte er das Geistliche mit gesellschaftlichem Gewissen vereint und jeder Kritik, was seine Einstellung bezüglich der Gleichberechtigung, das Vorgehen gegen Mietwucher und eine Unzahl anderer Ungerechtigkeiten anging, standgehalten. Durch seine Überzeugungskraft und Leidenschaft hatte er viel bewirken können. Er sprach die Wahrheit. Er beschützte die Schwachen. Er lebte im Einklang mit seinem Glauben, starb entsprechend.
Starb mit Gottes Namen auf den Lippen. Allein der Gedanke daran machte sie zornig ...
***
»Delta?« Durch die Schlafzimmertür hörte sie Cassies Stimme, leise und besorgt. »Ich habe dich schreien hören. Alles in Ordnung?«
Delta warf einen Blick auf die Uhr. Es war zehn vor sieben. Die Sonne ging gerade erst auf, und hinter der Jalousie zeigte sich der erste rosige Hauch der Morgendämmerung.
Sie drückte die Flamme der Wut hinunter, drängte sie an die Rückwand ihres Brustkorbs. Sie hielt den Atem an, gab keinen Mucks von sich und hoffte, ihre Schwester würde gehen. Sie hatte das Pfarrhaus, das sie und Rankin fast zwanzig Jahre bewohnt und schließlich zu ihrem Eigentum gemacht hatten, nicht verlassen wollen. Hatte ihre Habe nicht in die Garage der Schwester pferchen und in diesem Witz von Gästezimmer wohnen wollen, das in blutigem Rot und schimmeligem Grün gehalten war, als hätte einer von Satans extravaganteren Gefolgsmännern es eingerichtet. Aber sie hatte keine andere Wahl. Das Leben der anderen ging weiter, selbst wenn ihres zum Stillstand gekommen war. Ihre Tochter, Sugar, ging inzwischen aufs College. Der neue Pfarrer war eingetroffen, mit seiner Familie eingezogen und schickte sich nun an, in Rankins Fußstapfen zu treten.
»Delta, es ist ja nur vorübergehend«, hatte Cassie gesagt. »Bis du so weit bist, dir selber eine Wohnung zu suchen.« Und Delta hatte sich gedacht: Du hast verdammt recht, dass es nur vorübergehend ist.
Das war nun fünf Monate her. Fünf Monate, in denen sie sich in das Leben der jüngeren Schwester, ihres Schwagers Russel und ihrer sechsjährigen Nichte, ihrer Namensschwester Deborah, die Russ Mouse nannte, einzufügen versucht hatte.
»Delta, ich komm mal rein.«
Die Tür öffnete sich einen Spalt, und Cassies Kopf erschien, wie losgelöst von ihrem Körper. Langsam kam sie herein, gefolgt von Mouse in einem Flanellschlafanzug und dem Golden Retriever Grand-Nanny, einer Nachfahrin der ursprünglichen Nanny in zweiter Generation, die Delta und Rankin gehört hatte, als Sugar noch ein Baby war. Mouse krabbelte aufs Bett und kuschelte sich an Delta. Der Hund sprang hinauf und legte die Schnauze auf Deltas Füße.
Nun, da sich der kleine warme Körper an sie schmiegte, flammten Deltas Qualen und ihre Wut wieder auf. Sie dachte an Sugar, die nun achtzehn war und allmählich ihr eigenes Leben führte. Nie würde Rankin in den Genuss kommen zu sehen, wie seine Tochter zur Frau wurde, heiratete. Nie würde er sein Enkelkind in den Armen halten, nie würde er ...
Er weiß das, hörte sie eine innere Stimme leise sagen. Er sieht.
Delta schob diese Zusicherung beiseite. Das Versprechen, dass es ein Paradies gab, ein anderes Leben, gab ihr keinen Trost.
Die Zeit heilte gar nichts. Gottes Gegenwart war eine Illusion. Sie wollte Rankin zurück. Hierher. Jetzt.
»Wir gehen frühstücken, Tante Delt«, sagte Mouse und lehnte den Kopf an Deltas Schulter. »Und in den Disney-Store. Du kommst auch mit.«
Delta betrachtete das Kind, das Russels olivfarbenen Hautton und sein bräunliches Haar, jedoch Cassies schmales Kinn und ihre auffallend blauen Augen geerbt hatte. Genau genommen passte ihr Spitzname perfekt zu ihr, auch wenn Delta das vor Russ nie zugegeben hätte. »Ich weiß nicht«, wich sie aus und kniff Mouse in die Nase. »Hast du denn keine Schule? Und muss deine Mom nicht arbeiten gehen?«
Mouse kicherte. »Heute ist doch Samstag, Tante Delt!«
»Ah«, sagte Delta. »Das habe ich ganz vergessen.«
Cassie fuhr sich durch das kurzgeschorene blonde Haar, seufzte und fixierte Delta mit einem Reiß-dich-zusammen-Blick. »Komm doch mit, Delta. Das wird lustig! Wir gehen einkaufen, schauen uns vielleicht eine Nachmittagsvorstellung an. Du weißt schon ...« Sie grinste ihre Tochter an. »Ein reines Frauending. Nur wir drei!«
»Ich weiß nicht recht«, wiederholte Delta.
»Mach's, wie du meinst. Wir brechen in etwa einer Stunde auf, falls du's dir anders überlegst. Russel hat eine Verabredung zum Golf. Es wäre noch Hühnchensalat für dich da.« Sie blickte auf ihre Uhr und sah Mouse an. »Komm, Schatz, wir gehen.«
Mouse warf Delta einen flehentlichen Blick zu und glitt vom Bett hinunter.
Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss. Als Delta den Blick senkte, entdeckte sie, dass sie die Bettdecke fest umklammert hielt, damit ja niemand wagte, sie aus dem Bett und zurück ins Leben zu ziehen.
Delta saß an einem kleinen Schreibtisch im Gästezimmer und ging die Post durch, die Cassie ihr gebracht hatte. Viel war es nicht. Und das nur überflüssig – größtenteils Werbung und unverlangte Kataloge.
Einen Augenblick lang befühlte sie den großen, unförmigen Umschlag von Publishers Clearing House. Vielleicht haben Sie bereits zehn Millionen Dollar gewonnen. Delta schnaubte. Was konnte sie schon mit zehn Millionen Dollar machen, außer die Hälfte davon einer Regierung zu zahlen, die nicht ihr Vertrauen besaß, und einen College-Fonds für ungeborene Enkelkinder einzurichten? Was machten normale Menschen? Eine Kreuzfahrt um die ganze Welt? Einen SUV kaufen, der Unmengen Sprit schluckte? Aktien, Häuser, Boote oder Diamanten anhäufen?
All das ging ihr persönlich gegen den Strich. Nicht umsonst hatte sie sich fünfundzwanzig Jahre lang gegen Machtsysteme erhoben, die zu persönlicher Gier anspornten und die kleinen Leute unterdrückten. Es fiel ihr schwer zu vergessen, dass alles aus einem Stoff gewebt war – Big Business, Rassismus, Sexismus, Armut, Kriegstreiberei. Nachdem sie in der Anfangszeit am College mit ihren Freunden anlässlich von Protestkundgebungen bei Wahlregistrierungen gesungen hatte, hatte sie einen Mann mit einem ausgeprägten gesellschaftlichen Gewissen geheiratet und sich für andere Dinge eingesetzt – Maßnahmen gegen Mietwucher, Lebensmittelbanken, Hilfe für Wohnsitzlose, Umweltprobleme, Menschenrechte, Frauenrechte, häuslicher Missbrauch.
Rankin nannte es »auf Jesu Pfaden wandeln«.
Theoretisch klang es gut, edel, erstrebenswert. Aber musste das Ergebnis so verdammt klar auf der Hand liegen? Seufzend fuhr sie sich durchs Haar und ging weiter die Post durch. Ein Newsletter von der Human Rights Campaign und die Benachrichtigung einer Verlängerung von der American Civil Liberties Union, beides an Rankin gerichtet und vom Pfarrhaus aus weitergeleitet. Sie sollte sie wirklich über Rankins Tod und die neue Adresse in Kenntnis setzen, doch jedes Mal, wenn sie an ihn dachte, spürte sie den Phantomschmerz der abgetrennten Gliedmaße, Nerven, die lose vom Gelenk hingen, so dass der geringste Luftzug frische Qual brachte. Jedes Mal, wenn sie neben seinen Namen verstorben schrieb, starb ein weiteres Stückchen ihrer Seele.
Sie war siebenundvierzig Jahre alt. Was sollte sie nun tun? Eine lustige Witwe werden, sich verabreden, einen draufmachen? Natürlich, sie hatte einen Master-Abschluss und die meisten für eine Promotion nötigen Scheine bereits in der Tasche. Zudem hatte sie über die Jahre hin und wieder einmal Literatur unterrichtet. Doch den Großteil ihrer Energie und Aufmerksamkeit hatte die Kirche in Anspruch genommen.
Das hatte sie nicht gestört, zumindest zu der Zeit nicht. Nicht bewusst. Nun aber störte es sie mal todsicher.
»Gott«, stöhnte sie in das leere, stille Haus.
Kein Gebet. Kein Flehen. Sie wollte mit Gott, der Kirche und den Erwartungen eines aufopferungsvollen Lebens nichts mehr zu tun haben. Sie hatte genug geopfert, herzlichen Dank. Damit war sie fertig.
Ihr Blick fiel auf den letzten Briefumschlag. Ein brauner Umschlag, zuunterst im Stapel, der in einer schwungvollen Handschrift an Delta Fox Ballou adressiert war. Er war ans Pfarrhaus geschickt und weitergeleitet worden.
Sie betrachtete das Logo in der linken oberen Ecke des Umschlags: ein großes, verschnörkeltes W, in dessen Mitte die Worte Mississippi College for Women prangten und darunter, kleiner gedruckt, Alumni-Büro.
Vermutlich eine Bitte um eine Spende, dachte Delta. Vom College erhielt sie alle halbe Jahre Post. Und einmal jährlich ein dickes vierfarbiges Mitteilungsblatt. Wie immer würde der Brief mehr oder minder ungelesen in den Abfall wandern. Dennoch riss sie den Umschlag auf und zog das Papierbündel heraus.
Wiedersehensfeier zum 25. Jahrestag lautete die Überschrift auf der ersten Seite. Die Klasse aus dem Jahr 1969. Delta stieß ein kurzes Lachen aus, das selbst in ihren Ohren traurig und hohl klang, wie das Rascheln toten Laubs, wenn der Wind darüber hinwegstrich. Sie wollte den Brief gerade auf den Stapel legen, den sie später wegwarf, als ihr Blick auf eine handgeschriebene Mitteilung am Seitenende fiel.
Bitte komm, stand da im selben schwungvollen Stil. Bitte sag ja.
Delta lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und musterte das Deckblatt sorgfältiger.
Liebe Delta,
unser fünfundzwanzigjähriger Jahrestag steht bevor, und obwohl wir uns seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen haben, willst Du mir nicht aus dem Kopf gehen. Ich gehöre dieses Jahr dem Alumni-Ausschuss an, und meine Aufgabe ist es unter anderem, mit allen Ehemaligen bezüglich eines Treffens und des Jubiläumsbanketts in Kontakt zu treten.
Ich erinnere mich an unsere Zeit im W, daran, dass die Delta Belles diese Jahre zu etwas so Besonderem gemacht haben. Bestimmt erinnerst Du Dich an jene wunderbaren Konzerte, wie alle von der Musik, der Gruppe und ... nun, dem Leben, für das diese Lieder standen, begeistert waren. Und so schreibe ich mit einer Bitte. Ich fände es toll, wenn wir es schafften, dass die Delta Belles beim Jubiläumsbankett noch einmal zusammen aufträten. Es müsste ja nichts großartig Kompliziertes sein. Ein paar vertraute Melodien um der alten Zeiten willen.
Im Anhang findest Du Pläne für das Wochenende, das für das dritte Oktoberwochenende angesetzt ist. Hoffentlich sehen wir uns dort!
Eine Adresse irgendwo in Tennessee war angegeben, dazu zwei Telefonnummern. Und das handgeschriebene Postskriptum. Bitte komm. Bitte sag ja. Unterschrieben war der Brief mit Tabitha Austin Black.
»Ich fass es nicht«, murmelte Delta. »Tabby!«
Tabitha Austins Gesicht tauchte aus den Tiefen der Erinnerung auf und schwebte vor ihr wie ein unnachgiebiger Geist. Inzwischen hatte sie vermutlich Fett angesetzt, und ihr war das Alter anzusehen, wie allen anderen auch. Doch Deltas Gedächtnis beharrte auf der jüngeren Version. Vor ihrem geistigen Auge war Tabby noch immer jugendlich und schön, mit langem, glänzendem Haar und jenem allgegenwärtigen entwaffnenden Lächeln.
Ja, sie erinnerte sich an Tabby. Und an die Delta Belles. Aber das spielte keine Rolle. Die Antwort lautete eindeutig nein. Die Delta Belles existierten nicht mehr. Eine Exhumierung stand absolut nicht zur Debatte.
Sie befühlte die Kante des Briefes und formulierte im Geiste eine höfliche, aber bestimmte Antwort auf Tabbys Anfrage: Wie lieb, dass Du gefragt hast, aber ich könnte unmöglich ...
Sobald der Entschluss gefasst war, überkam sie eine Welle der Erleichterung, und ein Druck ließ nach, dessen Delta sich gar nicht bewusst gewesen war. Das wäre also geklärt. Heute Nachmittag würde sie einen Brief schreiben, und damit hatte sich die Sache. Sie schob die Informationen über das Jubiläum und Tabbys Brief beiseite und starrte aus dem Fenster.
Doch trotz bester Absichten erhoben sich die Geister und suchten sie heim ...
Erstes Studienjahr: Freshman Herbst 1965
Wie eine jungfräuliche Braut zur Hochzeitsnacht, gehüllt in goldene Seide und raschelnden himmelblauen Satin, stellte sich der Oktober scheu in Mississippi ein. Ein Baum auf dem Campus hatte mit diesem bedächtigen und umständlichen Herbstgebaren jedoch nichts im Sinn. In der Nähe des hohen Eisenzauns, der den Campus umgab, breitete ein hundertjähriger Ginkgo seine mächtigen Äste aus und schüttelte – gleich einer aufreizenden Vorschau auf das alljährliche Abwurfritual – seine bernsteinfarbenen, fächerförmigen Blätter in einem verführerischen Tanz. Einer chinesischen Legende zufolge verlor der Ginkgo all seine Blätter in einer einzigen Herbstnacht, entblößte sich mittels eines couragierten Striptease vor dem winterlichen Angriff. Gemäß einer Überlieferung des Colleges fand jedes Mädchen, das bei Mondlicht unter dem Ginkgobaum stand und ein herabfallendes Blatt auffing, die Liebe seines Lebens, noch bevor der alte Baum zu seiner Schamhaftigkeit zurückfand und sich im Frühjahr wieder ankleidete.
Für Legenden, Überlieferungen und Voodoozauber, der dazu ersonnen war, sich einen Mann zu angeln, hatte Delta wenig übrig. Wäre sie auf der Suche nach einem Ehemann gewesen, so wäre sie aufs Emory gegangen und hätte sich an einen aussichtsreichen Medizinstudenten mit Geld herangemacht. Sie wollte eine Ausbildung, und dafür war das Mississippi College for Women das Beste, was der Süden zu bieten hatte.
Dennoch blickte das College auf so manche derartige Tradition zurück. Der Kussfels am Eingangstor war von den Huldigungen ganzer Generationen von Studentinnen schon ganz glatt gerieben – tugendhaften jungen Frauen, die, wenn sie einem männlichen Besucher gute Nacht sagten, ihre Lippen sittsam geschlossen und ihre Zunge bei sich hielten, ihren offenen Mund jedoch ohne Scheu auf moosiges altes Felsgestein drückten. Delta sah eine Ironie darin, dass ansonsten intelligente Frauen bei dem Gedanken, als »alte Jungfer« zu enden, in Panik gerieten. Aber intelligent oder nicht, wenn der Ginkgo sein Laub abzuwerfen begann, erwartete man, dass jede Studentin in jedem Wohnheim alles stehen und liegen ließ und zu dem Baum stürmte.
Es war ein herrlicher Samstagnachmittag. Auf ihrem Weg von der Bibliothek zurück zum Wohnheim schlenderte Delta nach vorn auf den Campus und starrte zum Ginkgobaum hinauf. Die grünen Blätter hatten sich blassgelb verfärbt. Lang dauerte es nicht mehr bis zum Abwurftag, und obgleich sie sich insgeheim über die Legende lustig machte und keinen zweiten Gedanken darauf verschwendete, ihren Traummann kennenzulernen, kam ihr dennoch jede Tradition, bei der ein mitternächtliches Freudenfeuer und die Möglichkeit heraussprang, nach der Sperrstunde noch draußen zu sein, gerade recht.
An diesem Nachmittag war der große Schattenbereich unter dem Baum mit Klapptischen und -stühlen vollgestellt. Auf einem mit Reißzwecken am Baum befestigten Plakat stand zu lesen:
MCW-ERNTEDANKFEST,29.-30. Oktober 1965
Das Mädchen, das an einem der Tische saß, kam Delta vage bekannt vor. Sie schüttelte ihr Haar – lang, rot und glänzend, als hätte es ebenfalls eine herbstliche Metamorphose durchgemacht. Die Krone ihres Kopfes glänzte kupfern in dem gesprenkelten Sonnenlicht. »Hi«, meinte sie. »Möchtest du dich anmelden?«
»Hi«, antwortete Delta automatisch. Sie blickte auf das Klemmbrett, das das Mädchen ihr hinhielt. »Anmelden? Wofür denn?«
Die Rothaarige deutete auf ein weiteres Plakat, das mit Kreppband vorn am Tisch angebracht war. »Für die Erntedankfest-Talentshow. Eine W-Tradition, die am letzten Oktoberwochenende stattfindet. Heute ist letzter Einschreibetag.«
»Das ist ja wie eine große Halloweenfeier, stimmt's?«
Das Mädchen legte den Kopf schief. »Halloween feiern wir am W nicht. Es ist das Erntedankfest.«
Delta las die Aufschriften auf den Plakaten, die an den anderen Tischen befestigt waren.
DEKORATIONEN. ERFRISCHUNGEN.ERNTEDANK-BASAR. FLAG-FOOTBALL.
»Flag-Football? An einem Frauen-College?«
»Oh ja!« Die Rothaarige nickte begeistert. »Am Freitagabend findet die Talentshow statt. Am Samstagabend gibt's dann Streetdance. Untertags finden am Samstag alle möglichen Spiele statt – Dreibeinläufe, so was in der Art. Die Sophomores aus dem zweiten Studienjahr organisieren einen Basar mit Wettkämpfen und Preisen, und die von der Fachschaft Sport organisieren Flag-Football zwischen Studentinnen des vorletzten und des letzten Studienjahres – den Juniors und Seniors. Allerdings in erster Linie für die mit Sport als Hauptfach. Da kann's ganz schön hart zugehen.« Sie blickte zu Delta hoch. »Du bist Freshman, oder?«
Delta nickte.
»Ich auch.« Sie streckte die Hand aus. »Ich heiße Tabitha Austin und komme aus Jackson. Für meine Freunde: Tabby.«
Tabby, dachte Delta. Perfekt. Das Mädchen schnurrte beinahe.
Auch wenn sie sich noch nie begegnet waren, kannte sie Tabitha Austin natürlich. Von Tabby hatte schon jeder gehört – vermögend, clever und ungeheuer beliebt, hatte sie bereits bei einem Dutzend Campus-Organisationen die Hand im Spiel und galt als die aussichtsreichste Kandidatin für den Posten der Freshman-Sprecherin. Das goldene Kind. Das perfekte W-Mädchen.
»Und du bist ...?«
Delta merkte, dass sie starrte, und riss sich aus ihren Gedanken. »Deborah Fox aus Stone Mountain, Georgia. Aber alle nennen mich Delta.«
»Du wohnst in Castlebury Hall, nicht?«, fragte Tabby und lachte. »Ich hab' gehört, was einige deiner Kumpaninnen letztes Wochenende mit dir angestellt haben. Ich wünschte, ich wäre dabei gewesen!«
»Es war kein schöner Anblick.«
»Eine Freundin von mir hat erzählt, sie hätten deine Bettwäsche ziemlich gut eingeschäumt. Haben dazu zwei Dosen Rasiercreme benutzt.«
Delta nickte. »Ich war bis ein Uhr nachts unten im Gemeinschaftsraum und hab' an einer Arbeit geschrieben. Ich war völlig fertig. Glaub mir, als ich ins Bett geschlüpft bin und an der Bettwäsche plötzlich überall dieses Zeug gespürt hab', fand ich das nicht so lustig.« Sie kicherte. »Ich hab' sie gezwungen, alles wieder sauberzumachen. Allerdings erst, nachdem wir eine Rasierschaumschlacht gemacht hatten, bei der wir so herumlärmten, dass die Hausmutter hochkam und jeder von uns fünf Verweise gab.«
»Fünf Verweise? Für eine Rasierschaumschlacht?«
»Nicht für die Schlacht. Dafür, dass wir sie zu dieser Stunde aufgeweckt haben.« Delta grinste. »Aber ich sinne auf Rache. Ich weiß zwar noch nicht genau, wie sie aussehen wird, aber da fällt mir schon was ein. Vermutlich fliegen wir alle vom Campus!«
Tabby lächelte breit. »Klingt, als hättest du eine nette Willkommensfeier im W bekommen!«
»Jepp.« Delta verlagerte das Gewicht von einem Bein aufs andere. »Wenn du auch ein Freshman bist, wie kommt es dann eigentlich, dass du dich hier schon so gut auskennst?«
»Dritte Generation. Meine Mutter und meine Großmutter waren auch schon hier. Zwei Tanten, drei Cousinen und meine ältere Schwester ebenfalls.«
Tabby beugte sich über den Tisch. »Sich einbringen – das ist der Schlüssel dazu, deine Collegejahre unvergesslich zu machen.« Sie legte sich die Hand aufs Herz. »Das W ist reich an Überlieferung und Tradition ...«
Tabbys wohleinstudierter Beitrag wurde durch das Erscheinen einer Studentin unterbrochen, die sich über den Tisch beugte und sich die Liste für die Talentshow ansah. »Wo kann man sich für Fußball eintragen?«
»Ganz am Ende.«
»Super.« Sie streckte sich und lächelte. »Ihr dürft das Spiel auf keinen Fall verpassen. Dieses Jahr kriegen die Seniors eins auf die Mütze!«
Delta beobachtete, wie die Studentin sich die Reihe entlangarbeitete.
»Also, möchtest du dich denn nun mit einem Beitrag für die Talentshow eintragen?«, wiederholte Tabby. »Das wird ein Heidenspaß. Das ist deine letzte Chance heute.« Delta wollte gerade verneinen, als ihr eine Idee kam. Die Idee schlechthin, so richtig schön böse.
»Und ob ich das will! Gib mir mal das Klemmbrett, bitte.«
»Du hast was?« Rae Dawn DuChamp saß im Schneidersitz auf dem Bett und hatte ein dickes Buch über die Geschichte Amerikas auf dem Schoß.
»Du hast mich doch gehört!« Delta warf ihr einen befriedigten Blick zu. Die Mädchen, die sie bereits als ihre besten Freundinnen betrachtete, die drei Mitverschwörerinnen des Rasierschaumvorfalls nämlich, saßen nebeneinander auf dem Bett: Rae Dawn, dunkeläugig, mit olivfarbenem Teint, mit ihrer tiefen, erotischen Stimme und ihrer exotischen New-Orleans-Art; und die kleinen flachsköpfigen Cantrell-Zwillinge aus North Carolina, Lauren und Lacy.
»Du hast uns drei für die Erntedankfest-Talentshow angemeldet?«, fragte Lauren.
»Ohne unser Wissen oder unsere Erlaubnis?« Lacys Stimme schnappte über wie die eines Heranwachsenden und schwoll beim letzten Wort zu einem panikartigen Crescendo an.
Delta nickte bekräftigend. »Genau!«
»Vergiss es«, sagte Lacy. »Am Montag gehen wir hin und machen es rückgängig!«
»Zu spät. Heute war der letzte Anmeldetag. Am Montag geht die Liste in Druck. Wenn ihr jetzt wortbrüchig werdet, dann weiß jeder, dass ihr den Schwanz eingezogen habt.«
»Aber wir haben kein Talent!«
»Das mag auf dich vielleicht zutreffen«, warf Rae Dawn in ihrer tiefen, rauen Stimme ein. »Aber ich spiele Klavier, seit ich zwölf bin.«
Lauren wandte sich an Rae Dawn. »Du spielst Klavier? Ich hab' gedacht, du würdest Grundschullehrerin werden wollen. Warum hast du denn dann nicht ...«
»Ist doch egal«, protestierte Lacy und schnitt ihrer Schwester damit das Wort ab, als täte sie das schon ihr ganzes Leben – was vermutlich auch so war. »Wir blamieren uns doch bis auf die Knochen!«
»Richtig.« Delta grinste. Gab es etwas Gemeineres, als sie mit Gitarren und blonden Glatthaarperücken auf die Bühne zu schicken, so dass sie wie Klone von Mary Travers aussahen? Sie würden allein schon deshalb, weil sie so schlecht waren, wahre Begeisterungsstürme auslösen. »Und falls es euch interessiert, ihr seid als die Delta Belles All-Girl Folk Band eingetragen. Betrachtet es als kleine Revanche für den Rasierschaum.«
Einen Augenblick rührte sich niemand. »Das klingt doch nach einem Mordsspaß!«, meinte Rae Dawn dann. »Da machen wir doch mit, oder?«
Alle starrten sie an, als hätte sie den Verstand verloren. Doch niemand erhob Einspruch. Nicht einmal Lacy.
»Unter einer Bedingung«, fuhr Rae Dawn fort. Sie deutete mit einem langen, braunen Finger auf Delta. »Die Delta Belles werden ein Quartett sein, kein Trio! Wenn wir uns schon vor der ganzen Schule lächerlich machen, dann stehst du auch mit auf der Bühne!«
»Oh nein ...«, fing Delta an. Doch alle Zweifel, die sie vielleicht hätte anbringen mögen, wurden vom Gelächter der anderen und von dem Kissen erstickt, das durch das Zimmer auf ihr Gesicht segelte.
»Na gut«, sagte Delta am nächsten Abend, als die vier darauf warteten, dass sich die Türen des Speisesaals für das Abendessen öffneten. »Ich habe darüber nachgedacht. Ein Plan muss her!«
Die Studentinnen um sie herum drängelten und schubsten und schoben sie auf die Art immer näher zum Eingang hin. Die Speisen am College wurden alle selbst zubereitet und in familiärer Atmosphäre in einem eleganten Saal aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg von Studentinnen serviert, die sich auf diese Weise ihr Studium finanzierten. Der Hintergedanke dabei, dachte Delta, war der, ihnen beizubringen, sich wie anständige junge Damen zu benehmen – mit Kronleuchtern über den Häuptern, Servietten auf dem Schoß, Ellbogen nicht auf dem Tisch, leisen Gesprächen, während die Serviererinnen von links bedienten und von rechts abräumten (oder andersherum – das verwechselte sie immer). Doch das Ergebnis fiel völlig anders aus als beabsichtigt. Wenn die Essensglocke ertönte und die Türen aufgingen, brach ein wilder Ansturm auf die Tische los, ganz so als drängten Schweine an die Tröge. Die Bedienungen waren so erpicht darauf, ihren Job hinter sich zu bringen und wieder aus der Küche herauszukommen, dass sie einem förmlich den Teller unter der Nase wegrissen, wenn man ihn nicht das ganze Mahl über festhielt.
Sonntags waren die Abendessen in der Regel spärlich besetzt, so dass das übliche Gedränge an diesem Abend ausblieb. Das sonntägliche Mittagessen nach dem Ende des Gottesdienstes stand da auf einem ganz anderen Blatt. Das war eine komplizierte Angelegenheit. Auf Geheiß des Colleges mussten sich alle Studentinnen, egal ob sie den Gottesdienst nun besucht hatten oder nicht, ordentlich anziehen – Rock, Schuhe mit Absatz und Strümpfe. Auf den Tischen lagen weiße Tischdecken und Leinenservietten, es gab zahlreiche Besucher, und die Tische bogen sich unter Brathühnchen, selbstgebackenen Heferollen und vier oder fünf verschiedenen Gemüsearten. Wo die meisten Collegestudentinnen mit den sogenannten Freshman-Zehnern klarkommen mussten – jenen unvermeidlichen zehn Pfund, die während ihres ersten Studienjahres fort von Zuhause wie durch Zauberhand erschienen –, mussten W-Mädchen mit Freshman-Zwanzigern ringen. Oder gar Dreißigern.
Die Sechsuhrglocke ertönte, die Türen öffneten sich, und die wartende Schar bewegte sich vorwärts. Delta führte sie an einen Tisch links vom Saal, der sich hinter einer der hohen korinthischen Säulen befand.
»Gut«, sagte sie, als alle saßen und ein Tischgebet gesprochen worden war. »Wir haben den Tisch für uns allein. Dann erläutere ich euch mal meinen Plan ...«
Delta wurde noch zweimal von der Serviererin unterbrochen, die ihnen zunächst Eistee brachte und dann dampfende Schüsseln mit Gemüse und Platten mit Maisbrot und Schinkenscheiben auf die Tischmitte stellte.
»Deinen Plan für was?«, erkundigte sich Rae Dawn, nahm sich etwas von den gebratenen Okras und dem Kohl und reichte die Schüsseln dann weiter.
»Für die Delta Belles natürlich. Für unsere Nummer.«
Lacy machte ein finsteres Gesicht. »Seit wann ist daraus denn eine Nummer geworden?« Sie spießte ein Schinkenstück auf und steckte es in eine diagonal zusammengeklappte Maisbrotscheibe. »Das war nur ein Scherz, oder?«
»Na ja, irgendwie hat's als Scherz begonnen«, erwiderte Delta. »Aber da ihr euch nun mal in den Kopf gesetzt habt, dass ich auch dabei bin, machen wir jetzt auch Nägel mit Köpfen.«
Lauren zog eine Augenbraue nach oben. »Delta, wenn du einen Plan hast, dann raus damit!«
»Kann ich gehen?«, fragte Lacy gereizt und erhob sich vom Tisch.
Lauren blitzte sie an. »Setz dich!« Lacy setzte sich. »Na gut, spuck's aus. Wo drückt der Schuh?«
Lacy zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Mir gefällt der Gedanke einfach nicht ... ausgelacht zu werden.«
»Wer lacht dich denn aus?« Rae Dawn bedeutete Lauren, ihr die Butter zu reichen.
»Nun, niemand ... bis jetzt!«, wich Lacy aus. »Aber wenn wir bei dieser Talentshow mitmachen, dann machen wir uns doch zum Gespött der ganzen Schule!«
»Und wieso?«, erkundigte Delta sich ruhig.
»Weil sie, als wir im Kindergarten waren«, meldete Lauren sich zu Wort, »gebeten wurde, bei einer Erntedank-Aufführung mitzusingen, dabei den Text vergaß, in die Hose machte und dann tropfend von der Bühne getragen werden musste.«
Lacy warf ihrer Zwillingsschwester einen giftigen Blick zu. »Kannst du bitte die Klappe halten? Du musst ja nicht alles erzählen!«
Grinsend beugte Delta sich vor. »Stimmt das, Lace? Du hast auf der Bühne in die Hose gemacht?«
»Da war ich fünf«, sagte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch.
»Jepp«, spottete Lauren. »Aber du hast den Fuß nie mehr auf eine Bühne gesetzt, stimmt's? Na komm, gib's zu! Du willst bei dieser Talentshow nicht mitmachen, weil du immer noch spüren kannst, wie dir warmes Pipi am Bein runterläuft ...«
»Du meine Güte, kannst du aufhören, über Pipi zu reden«, schnauzte Rae Dawn Lauren an. »Ich versuch' hier zu essen!« Sie hob ihre Gabel und schnupperte an dem Kohl.
»Ich möchte an dieser Talentshow nicht teilnehmen, weil wir kein Talent haben!« Lacy schlug mit der Faust auf den Tisch, so dass die Eiswürfel in ihrem Glas klirrten. »Ich wünschte mir aufrichtig, auf diese Idee mit dem Rasierschaum wären wir nie gekommen!« Sie blickte in die Runde. »Versteht ihr denn nicht? Sie sinnt auf Rache und möchte, dass wir uns lächerlich machen. Und nun tut ihr alle so, als wäre dies der Einstieg in eine tolle Karriere. Dabei ... dabei werden wir garantiert ausgebuht und total gedemütigt!«
Delta saß da, das Kinn auf die Hand gestützt, und wartete auf das Ende von Lacys Tirade.
»Okay«, sagte sie, als Lacy verstummt war. »Zunächst einmal handelt es sich um die Talentshow eines Colleges und nicht um eine der Metropolitan Opera. Zweitens wird es haufenweise dumme Nummern geben, die einfach nur darauf abzielen, das Publikum zum Lachen zu bringen.« Lacy funkelte sie wütend an.
»Und drittens werden wir keine dieser Nummern sein.«
Lauren zupfte eine Ecke von ihrem Maisbrot ab, zerkrümelte sie zwischen den Fingern und lächelte schelmisch. »Lacy versucht gerade, sich das Gitarrenspiel beizubringen.«
Lacy explodierte. »Lauren, was bist du eigentlich für eine Schwester? Warum erzählst du ihnen das? Auf wessen Seite bist du überhaupt?«
»Wir sind alle auf derselben Seite«, sagte Delta, während Lauren Lacy einen Halt-den-Mund-Blick zuwarf. Sie wandte sie an Rae Dawn. »Du spielst Klavier, richtig?«
»Richtig.«
»Dann kennst du dich mit Musik aus.« Delta lächelte triumphierend. »Lacy spielt Gitarre, und ihr könnt uns so Sachen wie Akkorde und Harmonien beibringen.«
»In weniger als drei Wochen?« Rae Dawn schüttelte den Kopf.
»Hast du dir etwa The Sound of Music – Meine Lieder, meine Träume nicht angesehen?«, fuhr Delta fort. »Du weißt schon: ›Do, a deer, a fe-male deer; Re, a drop of golden sun‹. Wenn Julie Andrews es geschafft hat, sieben Kindern in drei Minuten etwas beizubringen, dann kannst du das mit uns auch in drei Wochen.«
»Ich weiß nicht recht, Delta.«
»Ach komm, Rae. Das wird ein Riesenspaß. Eine Herausforderung.«
»Jetzt reicht's!« Lacy kochte inzwischen. Delta konnte den Zorn in ihrem Blick anwachsen sehen. »Keiner hat sich die Mühe gemacht zu fragen, aber ich werde nicht vor tausend Leuten Gitarre spielen. Ich fange gerade erst damit an. Ich kenne lediglich ein paar Akkorde, und ich ...«
»Folk Music benutzt nur ein paar Akkorde, Lacy. Das geht ganz einfach.« Rae Dawn kaute auf ihrer Unterlippe. »Mal sehen. Wir könnten ›Blowin' in the Wind‹ machen – das ist einfach, und jeder kennt es. Und als Zugabe ...«
»Zugabe?« Lacy riss ruckartig den Arm hoch, und die Reste ihres Maisbrot-Sandwichs schossen von ihrem Teller auf die Tischmitte. Lauren lächelte süß, nahm das Maisbrot und platzierte es wieder auf dem Teller der Schwester.
»Wir werden eine Menge üben müssen«, fuhr Rae Dawn fort, ohne sich um Lacys Ausbruch zu kümmern. »Ich treibe ein paar Noten auf und buche im Musikinstitut einen Probenraum. Das Klavier da benutze ich andauernd.« Sie zog einen Terminkalender aus der Tasche und machte sich eine Notiz. »Sind denn nun alle für Deltas Idee?«
Drei Hände fuhren hoch. Lacy jedoch saß finsteren Blickes und mit verschränkten Armen da, einen Ellbogen in der Butterdose.
»Dann ist das also abgemacht. Rae Dawn, du sagst uns, wann die Proben beginnen.«
»Hört mir eigentlich niemand zu?«, wollte Lacy wissen.
»Ach, reg dich ab, Lace«, sagte Lauren. »Wir ziehen das zusammen durch, und du wirst dabei auf deine Kosten kommen, ob du willst oder nicht.«
Decatur, Georgia September 1994
Delta hatte die feste Absicht gehabt, eine höfliche Antwort aufzusetzen, ihr Bedauern auszudrücken und Tabitha Austin darüber zu informieren, dass sie an dem Treffen nicht teilnehmen könne. Oder allerhöchstens zu versprechen, darüber nachzudenken und dann zurückzurufen und abzusagen.
Als Pastorengattin hatte sie sich dieses Tricks oft bedient, wenn ihr jemand eine Aufgabe aufbürden wollte, die ihr nicht zusagte. Meistens ließ sich so etwas ohnehin leicht abwenden, aber ganz hartnäckige Personen konnten durch diese vorgetäuschte Bedenkzeit mitunter besänftigt werden.
Allerdings beging Delta den Fehler, ihrer Schwester von Tabbys Einladung zu erzählen.
»Tja, natürlich solltest du es tun«, erklärte Cassie mit einem entschiedenen Nicken. »Ich halte es für eine prima Idee, die alte Truppe wieder zusammenzutrommeln. Ich weiß noch, wie viel Spaß ihr immer hattet. Und du hast die Mädels seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Geh und besuch sie, Delta.«
»Sie besuchen?«, sträubte sich Delta. »Anrufen meinst du, oder? Oder ihnen schreiben?«
Cassie setzte sich neben Delta aufs Bett. »Wenn du den Kontakt zu deinen Freundinnen wirklich wiederaufleben lassen möchtest, dann musst du das persönlich tun.«
»Du meinst also, es sei eine gute Idee, die Delta Belles wieder zusammenzubringen?« Delta schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, Cass. Es klingt nach einer Menge Arbeit. Allein bei dem Gedanken daran fühle ich mich schon überfordert.«
»Was stünde denn dagegen? Seit Rankins Tod hast du dich hier wie eine Einsiedlerin verkrochen. Wo wohnen sie noch mal?«
»Lauren und Lacy in Durham und Hillsborough. Und Rae Dawn in New Orleans.«
»Gib mir mal ihre Adressen. Ich such' dir dann im Internet die beste Route raus.« Cassie erhob sich. »Du kannst unterdessen packen. Im Korb in der Waschküche sind saubere Sachen.«
»Was, du meinst, ich soll gleich fahren? Ich kann doch nicht einfach alles stehen- und liegenlassen und wegfahren!«
Cassie setzte sich wieder. »Was denn stehen- und liegenlassen, Schwesterherz? Was genau würdest du denn so verzweifelt vermissen, wenn du deine Freundinnen ein paar Tage besuchen fährst? Außerdem brauchst du eh mal einen Tapetenwechsel.«
Eine innerliche Kälte überfiel Delta, eine Lähmung, die seit Rankins Tod nur zu häufig auftrat. »Ich kann das nicht.«
Cassie neigte den Kopf und sah Delta forschend an. »Na, dann ruf sie zumindest an. Frag sie, ob sie zu dem Treffen fahren. Nimm dir die Zeit, dich mit ihnen auszutauschen.
Das schaffst du doch, oder?«
»Ich schätze schon«, erwiderte Delta widerstrebend.
An diesem Abend saß Delta nach dem Abendessen mit ihrem Adressbuch in der einen und dem Telefon in der anderen Hand in ihrem Zimmer und kämpfte mit dem nagenden Verdacht, von ihrer kleinen Schwester reingelegt worden zu sein.
Cassie hatte nicht eine Minute geglaubt, dass Delta aufspringen und ihre Freundinnen derart kurzfristig besuchen würde. Aber wenn man die Wahl zwischen einer Autofahrt und einem Telefonanruf hatte ...
Delta stieß einen Seufzer aus und blätterte im Adressbuch. Lauren wohnte in Durham, North Carolina, und ihre Schwester Lacy im nur wenige Meilen davon entfernten Hillsborough. Es lag fünf oder sechs Jahre zurück, dass sie sie zum letzten Mal gesehen hatte, als Rankin und sie von Asheville auf eine Kirchenkonferenz in Raleigh gefahren waren. Das Essen, das sie alle gemeinsam eingenommen hatten, hatte gezwungen und steif gewirkt. Danach hatte Rankin sie über die Zwillinge ausgefragt.
»Was läuft denn da zwischen den beiden?«, hatte er gefragt. »Zu Collegezeiten hatte ich immer den Eindruck, sie würden sich recht gut verstehen?«
»So war's auch. Ich meine, natürlich hat's die typischen geschwisterlichen Zwistigkeiten gegeben, und manchmal sind sie aufeinander losgegangen, aber in erster Linie war alles ein Heidenspaß.« Delta zuckte mit den Schultern. »Während unseres letzten Jahres ist dann allerdings irgendetwas vorgefallen. Lacy hatte sich immer mit diesem Typen namens Trip Jenkins getroffen, und nach unserem Studienabschluss stellte sich dann heraus, dass er Lauren geheiratet hatte.«
»Autsch«, sagte Rankin. »Das muss wehtun.«
»Ganz bestimmt. Aber Lacy und Lauren waren einander viel zu nahe, als dass so etwas ihrer Beziehung etwas hätte anhaben können.«
Als Delta nun über die Zwillinge nachdachte, kam sie ins Grübeln. An jenem Abend bei dem gemeinsamen Essen, da hatten alle um das Thema herummanövriert, als befänden sie sich auf hauchdünnem Eis. Lacy war Geschichtslehrerin an der Highschool geworden und schien ihre Arbeit zu lieben, aber geheiratet hatte sie nie. Lauren hatte einen Sohn großgezogen – einen gutaussehenden Jungen, den Fotos nach zu urteilen. Inzwischen musste er schon in den Zwanzigern sein. Vielleicht war Lauren ja inzwischen bereits Großmutter.
Delta blätterte von den Cs ein paar Seiten zu den Ds vor und entdeckte Rae Dawns Nummer. New Orleans in der Dauphine Street im Quarter.
Seit dem Studium hatte Delta es nur einmal geschafft, sich mit Rae zu treffen. Nachdem sie drei Jahre verheiratet waren, hatte Rankin einen Ruf an eine neue Kirche in Asheville angenommen, und in den zwei freien Wochen zwischen den Pfarrerspflichten hatten sie eine mehrtägige Fahrt hinunter zum Big Easy gemacht.
Sie erinnerte sich an Rae Dawn genau so, wie sie im College gewesen war – dunkel und mit exotischem Aussehen, mit einer ausgesprochen rauchigen Stimme und einem melodiösen Lachen. Delta und Rankin hatten in dem Club gesessen und Raes Gesang gelauscht, und die Erinnerung daran löste eine bittersüße Sehnsucht in Delta aus. Bis zu diesem Augenblick war ihr gar nicht klar gewesen, wie sehr sie Rae Dawn vermisste und wie viel ihr ihre Freundschaft bedeutet hatte.
Sie hatten sich über die Jahre nur sporadisch geschrieben – Weihnachtskarten größtenteils, eine hastige Mitteilung hie und da. So ungern Delta es auch zugab, Cassie hatte recht. Es würde ihr guttun, wieder mal mit Rae sprechen zu können.
Sie ergriff den Hörer und wählte Rae Dawns Nummer. Es läutete sechsmal, ehe jemand abhob.
»Maison Dauphine«, meldete sich eine Männerstimme.
»Oh ...«, stammelte Delta. »Ich habe mich wohl verwählt. Ich wollte eigentlich mit Rae Dawn DuChamp sprechen.«
Der Mann am anderen Ende zögerte, und im Hintergrund waren Geräusche zu hören – ein laufender Staubsauger, dachte sie, und Gläsergeklirr. »Äh ... ja«, sagte er schließlich. »Die Nummer stimmt schon. Doch leider ist sie gerade nicht zu sprechen. Kann ich ihr etwas ausrichten?« Delta hielt inne und überlegte. »Ja, ich denke schon, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Haben Sie etwas zu schreiben da?«
»Jepp«, erwiderte der Mann. »Schießen Sie los.«
»Bitte richten Sie ihr aus, dass Delta Ballou angerufen hat. Delta Fox Ballou.«
»B-a-1-1-o-u? Wie in Cat Ballou?«
»Genau.« Sie gab ihm Cassies Telefonnummer. »Sagen Sie ihr, ich bin in Atlanta. In Decatur, um genau zu sein. In der Nähe der Emory University.
»Atlanta«, wiederholte er.
»Richtig. Wissen Sie denn, wann sie wieder erreichbar ist?«
Sie hörte ein Murmeln, als würde er die Hand über die Sprechmuschel halten und sich dann mit jemandem beratschlagen.
»Ich bin mir nicht sicher. Ich reiche die Nachricht an sie weiter und sehe zu, dass sie Sie zurückruft.«
»Okay, danke«, sagte Delta und legte mit einem seltsamen Gefühl der Enttäuschung den Hörer auf.
Rae Dawn nahm sich von Nate, dem Barkeeper, die Cocktailserviette und stützte sich mit den Ellbogen auf die glänzende Mahagonioberfläche der Bar im Maison-Dauphine. In dem beleuchteten Spiegel hinter Nate konnte sie ihr Spiegelbild sehen, und sie starrte es unglücklich an.
»Wer war das denn?«, fragte Nate, der auf den Namen und die Nummer auf der Serviette starrte.
»Eine alte Freundin«, sagte Rae. »Aus Collegezeiten. Meine beste Freundin, wenn du's genau wissen willst.«
»Und du wolltest nicht mit ihr sprechen?«
Rae Dawn schüttelte den Kopf. »Im Moment möchte ich mit niemandem sprechen.« Sie sah ihn scharf an, und er hielt ergeben beide Hände hoch.
»Okay, hab' schon verstanden.« Er zog ein sauberes Geschirrtuch unter der Bar hervor und begann, Gläser zu polieren.
»Könntest du mir eine Diätcola geben, bitte?«, bat Rae.
»Kommt sofort!« Nate füllte ein Glas mit Eiswürfeln, goss schwungvoll das Getränk ein und stellte es vor sie hin.
»Danke.« Rae sah ihn an, das vertraute jungenhafte Gesicht, das blondgelockte Haar, das Flaumbärtchen, das er sich nun seit zwei Monaten wachsen ließ. Nate war seit Jahren bei ihr im Maison Dauphine – nicht nur als Angestellter, sondern auch als Freund. Ein guter Freund. Er verdiente es nicht, Opfer ihrer Depressionen zu werden. »Tut mir leid, dass ich dich so angefahren habe.«
Nate bewegte prüfend seine Glieder. »Ist noch alles dran. Kein Problem.« Als er sie ansah, wurde der Blick in seinen blauen Augen weich. »Ich versteh' das schon.«
»Du bist ein guter Kerl, Nate.« Sie ging zu einem Tisch am Vorderfenster.
»Das stimmt«, rief er ihr zu und verzog sich nach hinten. »Und vergiss das ja nicht!«
Rae Dawn ließ sich am Ecktisch nieder, nippte an ihrer Diätcola und fingerte an der Cocktailserviette herum. Nate verstand gar nichts. Es war ja nicht so, dass Rae nicht mit Delta sprechen wollte. Sie brachte es nur gerade nicht über sich. Wie alles andere in ihrem Leben erschien ihr ein schlichtes Telefongespräch als unüberwindliche Hürde. Sie würde eine Unterhaltung führen müssen. Sie würde eine Erklärung abgeben müssen.
Außerdem hätte sie wetten können, dass Delta wegen des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums anrief und fragen wollte, ob sie hinfahren würde. Vermutlich hatte sie von Tabitha Austin einen identischen Brief erhalten wie sie, samt dem Vorschlag einer Wiedervereinigung der Delta Belles.
Natürlich würde Rae sie zurückrufen müssen. Aber nicht jetzt.
Nate erschien an ihrer Seite, stellte eine Schüssel frischen Popcorns auf den Tisch und verzog sich dann leise an die Bar. Rae Dawn starrte zu den Touristen hinaus, die auf dem Bürgersteig vorbeiliefen, zu der alten Mrs. Banlieu im ersten Stock gegenüber, die ihre Teppiche über dem schmiedeeisernen Geländer ihres Balkons ausschüttelte. Im Jahr zuvor war ihr Mann gestorben, und Mrs. B. war seitdem täglich klappriger und dünner geworden. Inzwischen sah sie mit ihrer pergamentartigen Haut und den klauenartigen Händen wie ein nackter junger Vogel aus. Rae Dawn fragte sich, wie lange die liebe alte Dame, die immer die Treppe zu ihrer Wohnung hochsteigen musste, noch durchhalten würde.
Rae aß eine Handvoll Popcorn, nippte an ihrem Getränk und zerknüllte Deltas Telefonnummer in der Faust zu einem Ball. So viele Verluste. Und doch auch so viele Gaben, wie Mrs. B sie zweifelsohne erinnert hätte. Den Schmerz spürt man nur, wenn man die Liebe gespürt hat. Sie glättete die Serviette und starrte Deltas Namen an, der dort in Nates charakteristischer Handschrift hingekritzelt worden war.
Selbst der Name versetzte sie zurück. Zurück in den Herbst ihres ersten Studienjahres als Freshman. Zurück an den Ort, wo ihr Leben – wo die Gaben – wirklich begonnen hatten.
Erstes Studienjahr: Freshman Herbst 1965
In den meisten Proberäumen des Musikinstituts war es so früh am Morgen dunkel und still, doch die Eingangstüren waren aufgeschlossen. Rae Dawn schlüpfte hinein und stand dann im halligen Marmorfoyer. In einiger Entfernung hörte sie ein Klick-Klack von Schritten, das Knarzen einer Tür, das hohle Geräusch eines Schlosses, das aufgesperrt wurde, und dann, schwach, die betörenden Tonleiterklänge einer Klarinette.
Sie lehnte sich an eine der mächtigen Säulen im Eingangsbereich und schloss die Augen. Musik – ganz gleich welche – trug sie an einen anderen Ort, einen besseren On als den, aus dem sie kam. An einen sauberen, grünen, sonnenbeschienenen Ort, der von frischen Brisen und dem Geruch verborgener Blüten liebkost wurde.
Musik erzeugte bei Rae Dawn eine Art von Heimweh der Seele, ein bittersüßes Verlangen, eine schwache Hoffnung am Horizont.
Nicht, dass sie sich je großen Hoffnungen hingegeben hätte. Zumindest nicht bis vor zwei Monaten, als sie ans College gekommen war.
Die Klarinettistin war von Tonleitern zu bluesartigen, improvisierten Tonfolgen übergegangen – leicht fürs Ohr, schwer fürs Herz. Eine alte Melodie von Louis Armstrong: Do you know what it means to miss New Orleans ...
Das Lied erinnerte Rae Dawn an zu Hause, und sie spürte, wie ihr hinter den geschlossenen Augen Tränen hochstiegen.
Zu Hause. Sie hatte The Big Easy immer als ihr Zuhause bezeichnet, und vielleicht war es das auch, zumindest in irgendeiner mystischen, seelentiefen Hinsicht. Mit seinen französischen Aromen und seiner sinnlichen, draufgängerischen Musik griff New Orleans nach ihr aus. Jedes gute Ding, das ihre Sinne erfüllte, jeder kreative Impuls, der ihren Geist nährte, war zwischen Canal und Esplanade auf den kopfsteingepflasterten Straßen des Vieux Carré hervorgebracht worden. Die gefühlvollen Klaviermelodien, die wie Rauch in der Luft über der Bourbon Street verweilten. Die grauen Steintürme der St. Louis Cathedral und die leuchtenden, optimistischen Künstler-Leinwände, die den gusseisernen Zaun um den Jackson Square säumten. Der volle, knusprige Duft von Po'Boys mit frittierten Austern vom Acme Oyster-House in der Iberville Street. Der Geruch des starken Kaffees mit Zichorienzusatz und der frischer warmer Beignets im Café Du Monde.
In Wirklichkeit hatte Rae sich immer gewünscht, aus New Orleans zu kommen. Und nicht aus dem dreißig Meilen nordöstlich dieser Zauberstadt gelegenen Picayune, Mississippi. Und nicht aus einem altersschwachen Airstream-Wohnwagen am Ende eines zerfurchten Sandwegs, der an einen Nebenfluss des Pearl River namens Hobo Creek grenzte.
Mit dreizehn hatte sie auf eigene Faust ihre erste Reise nach New Orleans unternommen. Ein freundlicher Lastwagenfahrer, der ihre an den Haaren herbeigezogene Geschichte zumindest nicht laut bezweifelte, dass sie die ihr entfremdete leibliche Mutter besuche, hatte sie mitgenommen. Nach diesem einen Trip war sie süchtig. In allen Ferien und an den meisten Wochenenden schaffte sie es, per Anhalter nach New Orleans zu fahren oder genügend Geld für die Busfahrt zusammenzukratzen. Sie tat alles, um an den Ort zurückzukommen, an den sie gehörte. Die Risiken hinterfragte sie nie, noch glaubte sie sich in Gefahr. Das Quarter war keine Bedrohung, sondern glich einem Mutterleib. Es fütterte und nährte sie, gebar sie in ein Leben, das von Musik, Schönheit und Hoffnung gekennzeichnet war. Solange sie in diesen vertrauten Straßen herumstromerte, ließ sie ihr wirkliches Leben hinter sich und wurde zu der Person, die zu sein sie bestimmt war. Das schmutzige braune Wasser des Hobo Creek mochte in ihren Adern fließen, doch das Herz, das es antrieb, war reines New Orleans.
Und dann, jedes Mal, wenn der Augenblick gekommen war, wieder heimzufahren ...
Es war, als stürbe man wieder und wieder. Schon immer, so schien es, hatte sie danach gestrebt, Picayune ein für alle Mal zu verlassen, dem Airstream, den trunkenheitsbedingten Ausbrüchen des Vaters und der unsäglichen Trägheit der Mutter zu entfliehen. Sie träumte davon, New Orleans zu ihrer wahren Heimat zu machen, dort zu leben, Teil seines Blutes und Atems zu sein und der Musik in der Luft ihren Akkord hinzuzufügen. Aber sie hatte kein Geld, keine Ausbildung, keine Fertigkeiten. Als ihr dann Studienbeihilfe angeboten wurde – zwar nicht das ersehnte Klavierstipendium, sondern eine staatliche Unterstützung für Bedürftige, die Rae Dawn »Armutspaket« nannte –, nahm sie sie dankbar an.
Es war zwar nicht New Orleans, aber es war auch nicht Picayune ...
Die Eingangstüren öffneten sich knarzend und fielen mit einem Knall ins Schloss, der Rae Dawn aus ihrer Träumerei riss. Sie zuckte zusammen, wandte sich um und entdeckte Dr. Manfred Gottlieb, den Leiter des Musikinstituts, der von hinten von der Morgensonne bestrahlt wurde.
»Guten Morgen«, grüßte er sie mit einer kleinen Verbeugung auf Deutsch. Der Professor war groß und dünn. Sein ergrauendes Haar stand wild in alle Richtungen ab, und er erinnerte Rae an Fotos, die sie von Albert Einstein gesehen hatte. Er trug ein gestärktes weißes Hemd und eine abgetragene wollene Strickjacke mit Wildlederflicken an den Ellbogen. Seine Augen waren von einem sanften Grau, und wenn er lächelte, zeigte sich auf seiner rechten Wange ein Grübchen. Er sah sehr alt aus, doch auch andere Dinge als die Jahre konnten einen Menschen altern lassen.
Gegen ihren Willen lenkte Rae den Blick auf seinen Oberarm, wo der Ärmel seiner Jacke jeden Beweis verbarg. Gerüchten zufolge war Gottlieb zwanzig Jahre zuvor aus einem Konzentrationslager befreit worden – Dachau, Buchenwald, an die Einzelheiten konnte Rae sich nicht erinnern. Sie hatte den Professor in den Sälen und auf dem Campus gesehen, aber noch nie aus der Nähe. Sie war sich nicht ganz sicher, was sie von einem Überlebenden eines Konzentrationslagers erwartete – einen Ausdruck blanker Leere vielleicht, oder den unstillbaren Zorns. Doch als sie Manfred Gottliebs Gesicht betrachtete, zeigte es nur Freundlichkeit, Interesse und einen Anflug milder Belustigung.
»Sind Sie eine meiner Studentinnen?«, fragte er leise, den Kopf zur Seite geneigt.
»Ich ... äh, nein«, stammelte Rae. »Ich möchte nur ... nur eines der Klaviere benutzen.«
»Verstehe. Leider stehen hier draußen im Gang keine.«
»N-nein«, stammelte sie. »Ich weiß. Ich hab' ... nachgedacht.«
Er verzog die Augenbrauen – erst in einem hohen Bogen nach oben, dann wieder nach unten. »Nachdenken ist ja an sich nicht verkehrt. Darin sollten sich die Menschen viel öfter üben, finde ich.«
Rae Dawn kicherte. »Da haben Sie vermutlich recht. Außer, dass ich eigentlich eher Tagträumen nachhing.«
»Ja, damit kann man sich zur Not in einer kalten Winternacht das Herz wärmen, nicht?«
Das war ein schöner Gedanke – und tatsächlich hatten Rae Dawns Träume von New Orleans eine wärmende Wirkung gehabt, als ihr das Leben kalt und öde vorgekommen war. Sie lächelte ihn an. »Ich geh' mal besser üben.«
Er neigte den Kopf. »Und ich bereite mal besser meine Unterrichtsstunden vor.«
Sie wandte sich schon zum Gehen, als er sie noch einmal ansprach. »Verzeihung. Wie heißen Sie denn?«
»DuChamp.« Sie drehte sich wieder zu ihm um. »Rae Dawn DuChamp.« Sie sprach den Namen auf Französisch aus, obgleich ihr Vater und dessen Vater und all die DuChamps aus Picayune davor es Champ aussprachen, wie den Gewinner eines Boxkampfes oder ein favorisiertes Rennpferd.
»War mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Miss DuChamp«, sagte Gottlieb und wandte sich seinem Büro zu.
Als er fort war, ging Rae Dawn den schwach beleuchteten Gang entlang und betrat einen der Übungsräume. Darin war gerade mal Platz für einen Stutzflügel und eine Bank, doch die Decke war viereinhalb Meter hoch, und ein Milchglasfenster ließ die Morgensonne herein und warf einen fröhlichen gelben Schimmer auf die Wände.
Das Sonnenlicht auf ihrem Rücken wärmte sie, als sie sich niedersetzte und ihre Finger durchbog – wärmte sie fast so sehr wie Manfred Gottliebs respektvolle Worte und sein gütiges Lächeln. Nur eine Person hatte Rae Dawn in ihrem Leben je in ihrem Wunsch bestärkt, Musikerin zu werden – Teresa Cheever, eine ihrer Lehrerinnen in der siebten Klasse, die sie dabei entdeckt hatte, wie sie auf das alte, lädierte und völlig verstimmte Everett-Klavier in der Schulaula hämmerte. Rae habe ein Talent, erklärte Mrs. Cheever, ein Talent, das gefördert werden sollte. Was immer Rae hörte, konnte sie aus dem Gedächtnis nachspielen. Doch ihr fehlten Fachwissen und Grundlagen.
Bis Mrs. Cheever sich ihrer annahm, hatte Rae keine Ahnung gehabt, wie die geheimnisvollen Runen einer Partitur zu deuten waren, sie spielte einfach nach Gehör, nach Instinkt. Wie ein hungerleidender Flüchtling verschlang sie alles, was die Lehrerin ihr vorsetzte – Fingertechniken, Form, Dynamik, Musiktheorie. Mit unglaublicher Geschwindigkeit und Genauigkeit lernte sie zu lesen und experimentierte schon bald mit ersten Musikkompositionen. Bei ihrem Eintritt in die Highschool arbeitete sie bereits an ihrer ersten Sonate.
Die DuChamp-Familie besaß natürlich kein Klavier. Das einzige Instrument, auf das Rae jemals die Hände legen konnte, war ein altes Schulklavier, und um darauf überhaupt üben zu können, musste sie bis zum späten Nachmittag warten, wenn alle gegangen waren. Doch wann immer sie vor der Klaviatur saß, vergaß sie die Welt um sich herum – den Wohnwagen, die Angst, die Beleidigungen, den Gestank von Whiskey, der ihren Vater umgab, den gequälten Ausdruck in den Augen der Mutter.
Über die Jahre hatten andere Lehrer sie allein deshalb, weil sie arm und das einzige Kind des notorischsten Trinkers der Stadt war, abgeschrieben. Ihre Mutter hatte grundsätzlich kein ermutigendes Wort über das Leben im Allgemeinen oder ihre Tochter im Besonderen übrig; sie verbrachte den Großteil des Tages damit, an dem kleinen Einbau-Küchentisch im Wohnwagen zu sitzen, eine Zigarette nach der anderen zu rauchen und mit einem stumpfen Fingernagel die Resopalmuster nachzufahren. Und Daddy – wenn er denn überhaupt mal da war – vergnügte sich damit, sie beide anzuschreien oder sich in einen verrosteten Metallliegestuhl zu fläzen und mit seiner Schrotflinte auf das ausgewaschene Ufer des Hobo Creek zu feuern.
Niemandem lag sonderlich viel an einem zerlumpten, introvertierten Kind, das in einem Netz von drückender Armut und Vernachlässigung gefangen war. Niemand außer Teresa Cheever.
Mrs. Cheever hatte sie gerettet. Mrs. Cheever und die Musik.
Die Frau brachte Rae Dawn alles bei, was sie wusste, spornte sie an, glaubte an sie. Schließlich aber gab sie bereitwillig zu, dass ihre Fähigkeiten als Nachhilfelehrerin mit Rae Dawns Begabung nicht mehr mithalten konnten. Rae brauchte einen anderen Mentor, der besser ausgebildet war und über eine weitergehende Befähigung verfügte.
In Anbetracht ihres Hintergrunds und ihrer finanziellen Lage wusste Rae, dass die Chancen dazu schlecht standen. Sie war auf sich gestellt und würde sich wohl mit dem augenblicklichen Stand ihres Könnens zufriedengeben müssen.
Als Lockerungsübung spielte sie ein paar Tonleitern und begann dann, den Ohrwurm, den ihr die Klarinettistin in den Kopf gesetzt hatte, neu zu erschaffen. Die Musik riss sie mit, und sie bewegte sich leicht durch vier oder fünf vertraute Stücke – hauptsächlich sentimentale Liebeslieder von Billie Holiday, Lena Horne, Sarah Vaughan. Sie spielte nach Gehör, mit dem Herzen, spürte die Riffs in ihrer Seele.
Rae Dawn liebte alle Arten von Musik, doch Jazz liebte sie ganz besonders. Liebte seine Freiheit, die Art, wie sie damit experimentieren und ihn sich zu eigen machen konnte. Aus reinem Spaß hatte sie einige von Bachs Inventionen neu interpretiert, hatte klassische Stücke genommen, an ihnen herumgebastelt und sie ins zwanzigste Jahrhundert befördert. Und nun, als die Musik sie übermannte, ließ sie sich einfach gehen und begann, ihre Seele in die selbstkreierte Musik fließen zu lassen.
Schließlich hatte sie sich weit fort von Picayune, dem Wohnwagen und dem Hobo Creek und zurück in die Umarmung des French Quarter gespielt. Rae Dawn hielt einen Augenblick inne und kramte in ihrer Tasche. Sie hatte ein paar simple Notenblätter und Grifftabellen für die Folk Songs gefunden, die die neugegründeten Delta Belles bei der Talentshow singen würden. Zwar war das weder direkt ihr Musikstil noch ein vielversprechender Anfang für eine Bühnenkarriere, aber immerhin konnte sie so herausfinden, wie gut sie vor einer großen Menschenmenge spielen konnte.
Binnen fünf Minuten langweilte sie sich zu Tode und fragte sich, wieso sie überhaupt einer so verrückten Idee zugestimmt hatte. Folk Music, so wie die meisten sie spielten, war zum Auswachsen einfach. Drei oder vier Akkorde, immer in G- oder C-Dur. Rae Dawn experimentierte ein wenig mit der Begleitmusik für »Blowin' in the Wind«. Es entstand eine Version, die zwar erkennbar war, jedoch ihren Stempel aufgedrückt bekommen hatte. Sie schrieb sich ein paar Akkordänderungen auf und machte sich Notizen für eine improvisierte Überleitung vom zweiten zum dritten Vers. Es gab keinen Grund, wieso ein Song wie dieser langweilig und vorhersehbar sein sollte, selbst wenn achtzig Prozent der unter Vierzigjährigen ihn auf der Gitarre leidlich spielen konnten.
Weitere dreißig Minuten vergingen, und als die Glocke für den Unterricht um neun ertönte, da hatte Rae Dawn das sichere Gefühl, dass man den Delta Belles für ihr Debüt bei der Talentshow Chancen einräumen konnte.
Sie fühlte sich seltsam zufrieden. Sie hatte immer von so etwas geträumt dass sie nicht nur für sich selbst und Mrs. Cheever in einer leeren Schulaula spielte, sondern vor einem Publikum auftrat, es in die von ihr erschaffene Welt zog, die Musik zu ihrer machte.
An der Tür hörte sie ein leises Klopfen. Rae Dawn verstaute ihre Musiksachen in der Tasche und machte sich daran, den Raum zu verlassen, damit jemand anderer darin üben konnte. Doch als sie die Tür öffnete, entdeckte sie dahinter ein verwittertes Gesicht und einen grauen Haarschopf.
»Dr. ... Dr. Gottlieb!«, stammelte sie. »Waren Sie ... haben Sie ... wie lange haben Sie denn schon hier draußen gestanden?«
»Lange genug«, sagte er. »Haben Sie heute Nachmittag um vier schon etwas vor?«
»Ich ... äh, ja«, erwiderte sie und versuchte, sich ihren Stundenplan ins Gedächtnis zu rufen. »Um halb fünf habe ich mit meinen Freundinnen Probe. Für die Talentshow.«
