10,99 €
Wie keine andere wirft Angelika Klüssendorf einen so unnachsichtigen wie zärtlichen Blick auf Ostdeutschland. Die Mutter terrorisiert ihre Kinder, der Vater trinkt – wenn er überhaupt da ist. Aber ›das Mädchen‹ arbeitet sich mit Mut und unbeugsamem Lebenswillen durch die niederdrückenden Verhältnisse einer Jugend und rettet sich in »Brehms Tierleben« und Grimms Märchen. Schon am Anfang scheint hier alles zu Ende zu sein, aber ist das Ende doch ein Anfang?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2021
Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:
www.piper.de
Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »Das Mädchen« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.
Für Anna und Jakob
© Piper Verlag GmbH, München 2021
Covergestaltung: Cornelia Niere
Covermotiv: plainpicture/Millenium/Bina Winkler
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht und dafür keine Haftung übernimmt.
Cover & Impressum
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Scheiße fliegt durch die Luft, streift die Äste einer Linde, trifft das Dach eines vorbeifahrenden Busses, landet auf dem Strohhut einer jungen Frau, klatscht auf den Bürgersteig. Die Menschen auf der Straße bleiben stehen und schauen nach oben. Schwefelgelb brennt die Sonne, und es regnet Scheiße, doch vom Himmel fällt sie nicht. Der Briefträger entdeckt zuerst, woher sie kommt, und alle folgen mit überraschten und angeekelten Blicken seinem Zeigefinger, der auf ein Fenster im dritten Stock eines Mietshauses deutet. Das Haus unterscheidet sich nicht von den anderen Häusern in der Straße, Rußflecke, Einschusslöcher aus dem Krieg, abblätternder Putz. Im offenen Fenster ist der Kopf eines Mädchens zu sehen, ein dünner, weit ausholender Arm, und schon fliegt der nächste Batzen. Die Leute stellen sich in die Hauseingänge und verfolgen das Geschehen. Die junge Frau hält den beschmutzten Strohhut weit von sich, Rufe nach dem Abschnittsbevollmächtigten werden laut, der Briefträger springt zur Seite, als ein Stück Scheiße direkt vor seine Füße fällt. Dann schlägt das Fenster mit einem lauten Krachen zu – ein Wunder, dass die Scheibe nicht zerbricht. Nach einer Weile ziehen die Leute ab, gehen ihrer Wege.
Das war der Angriff der Stinktiere, denkt sie, im Schatten der Gardine stehend. In der Ferne heult ein Motor auf, es ist heiß und stickig, schnell hat sich die Langeweile wieder im Zimmer ausgebreitet, wie ein Gas, das ihr den Atem nimmt. Sie spürt ein Klopfen hinter ihren Schläfen, geht in die Küche, wäscht sich die Hände und hält den Mund unter den Wasserhahn. Das Mädchen ist zwölf Jahre alt, ihr Bruder Alex sechs, seit Tagen sind sie in der Wohnung eingeschlossen. Die Toiletten sind in diesen Mietshäusern immer ein halbes Stockwerk tiefer, so hat sich eine Menge Scheiße im Eimer angesammelt.
Alex lässt seine Spielzeugautos über das schräg an die Wand gestellte Bügelbrett in einen Schuhkarton fahren. Sie hat Lust, ihren Bruder zu schlagen. Stundenlang sitzt er schon so da, starrt nur auf seine Autos und macht brummende Geräusche. Sie nimmt ein Auto und wirft es von einer Hand in die andere – keine Reaktion. Sie holt aus, und endlich: Er zuckt zusammen und schaut zu ihr hoch.
Komm spielen, sagt sie.
Er brabbelt den üblichen Unsinn – will nicht, lass mich in Ruhe –, bleibt regungslos sitzen.
Komm schon, sagt sie, und diesmal klingt ihre Stimme so, dass er gehorcht.
Er folgt ihr in das Schlafzimmer der Mutter. Sie zieht die Gardinen zurück. Gegenüber ist eine kleine Werkzeugfabrik. Bald werden die Männer Pause haben. Sie zieht sich aus und sucht in dem Schrank der Mutter nach Unterwäsche, bindet sich einen Büstenhalter über die flache Brust, schlüpft in ein rotes Spitzenhöschen und zurrt den Gummibund so fest, dass es ihr nicht mehr über die Hüftknochen rutscht. Mit dem Stummel eines Lippenstifts bemalt sie sich den Mund. Sie nimmt die Stöckelschuhe der Mutter, klettert auf den Tisch vor dem offenen Fenster und steigt in die Schuhe. Mit einer Hand in der Taille schaut sie zur Fabrik rüber. Nach einer Weile nimmt sie die Hand runter und steht einfach nur da. Sobald die Arbeiter an den Fenstern der Fabrik erscheinen, beginnt sie mit einem ernsten Lächeln ihre Hüften zu drehen, wie sie es im Fernsehen gesehen hat. Sie weist ihren Bruder an, laut in die Hände zu klatschen, dreht sich schneller, doch die Männer glotzen nur und bleiben stumm. Als sie sich vor ein paar Tagen in einem ähnlichen Aufzug am Fenster gezeigt hat, haben sie ihr unter lautem Gejohle applaudiert und Bravo gerufen. Sie bleibt kurz stehen, reckt den Hintern in die Luft.
Schäm dich, hört sie einen Mann rufen. Die Sonne blendet sie, sie sieht den Rufer nicht, hat keine Ahnung, ob er alt oder jung ist, ob er es ernst meint. Scham, das fühlt sie genau, ist aufregender als Langeweile. Sie verbindet mit diesem Wort einen leisen Ekel in der Stimme der Mutter. Sie bewegt sich weiter, mit ausgebreiteten Armen. Auch als die Männer längst wieder arbeiten, tanzt sie noch und macht ein Gesicht, als würde sie für sich ganz allein tanzen. Dann klettert sie erhitzt vom Tisch, wirft die roten Lackschuhe in eine Ecke.
Alex sitzt auf dem Fußboden und zerreißt eine Zeitung in kleine Schnipsel. Sie lächelt und sagt, jetzt bist du dran. Ihr Bruder will sich nicht von ihr verkleiden lassen. Sie denkt daran, wie die Mutter mit einem grauen Ledergürtel auf sie einprügelt und hinterher völlig außer Atem ist. Sie zielt mit ihrem Finger auf die Stirn ihres Bruders, peng, schreit sie, und noch einmal, peng, peng, peng, dann klopft sie an seine Stirn, wie man an eine Tür klopft. Los, steh auf, sagt sie, wir müssen dich schön machen. Mit den Resten des Lippenstifts malt sie ihm kreisrunde Flecken auf die Wangen, dann beschmiert sie seine Lippen. Als er sich zu wehren versucht, knallt sie ihm eine. Sie sieht in seinen Augen die gleiche Angst wie ihre eigene, und das macht sie wütend. Sei bloß ruhig, faucht sie, obwohl er stumm ist wie ein Fisch. Willenlos lässt er sich von ihr ausziehen, doch als sie versucht, ihm den Büstenhalter am Rücken zuzuknoten, merkt sie selbst, dass es lächerlich aussieht, Alex ist noch magerer als sie. Sie hört ihren Magen knurren und holt aus der Speisekammer das letzte Zwiebackpäckchen. Sie tunkt einen Zwieback in das Senfglas, und während sie kaut, spürt sie, wie sich die Schärfe wohltuend hinter ihrer Stirn ausbreitet.
Sie weiß nicht, wie spät es ist, die Stunden ziehen sich wie Wolkenketten, die am Horizont verschwinden. Sie betrachtet ihren Bruder. Alex mit seinen langen blonden Locken ist der Liebling der Mutter. Aber das bedeutet nicht viel, denn auch er kann einfach so in Ungnade fallen, ein böses Kind sein, ein verweichlichter Bastard, der bestraft werden muss. Er sitzt wieder auf dem Boden, umklammert seine Beine, schaukelt hin und her. Als sie den Schlüssel im Schloss hören, halten sie den Atem an. Sofort sieht sie die Wohnung mit den Augen der Mutter. Sie haben alles verkommen lassen, ein Zimmer ist schmutziger als das andere. Die Mutter geht langsam an ihnen vorbei, ohne sie anzusehen.
Das Herz pocht ihr den Hals herauf, sie schließt die Augen, eigentlich will sie nur davonkommen, und manchmal gelingt es ihr.
In ihrem Zeugnis steht, dass ihre guten geistigen Fähigkeiten ungenutzt bleiben. Sie hat immer denselben Tagtraum: In der Nachkriegszeit bringt sie sich und ihren Bruder als Meisterdiebin und Schwarzmarktkönigin durch die Hungersnot. Im Wald baut sie ein Haus aus Steinen oder aus Holz, mit Kamin oder Ofen – die Vorstellungen wechseln, sie richtet es vollständig ein, und die Vorratskammer ist mit den wunderbarsten Speisen gefüllt, im Garten hat sie Gemüse angepflanzt, abends sitzt sie mit ihrem Bruder an einem Tisch, sie essen Kartoffeln, die frisch aus der Erde kommen.
In den Schulpausen stellt sie sich zu den flüsternden, kichernden Mädchen und tut so, als würde sie dazugehören. Seit ein paar Tagen wird in den Pausen ein Lied aus dem Westen gesungen: »Am Tag, als Conny Kramer starb« – die Mädchen können den Text auswendig und singen die Strophen immer wieder aufs Neue ergriffen. Sie imitiert die Gesten der anderen Mädchen und versucht sich beim Singen in deren Pathos hineinzusteigern, versucht ein genauso durchgedrehtes Gesicht wie sie zu machen.
Es kommt vor, dass sie von eifrigen Lehrern zum Sozialobjekt erklärt wird und eine der besseren Schülerinnen die Patenschaft für sie übernimmt. Sie muss ihr dann die Hausaufgaben vorzeigen, wohlmeinende Worte erdulden, sich von ihrer Wichtigtuerei beleidigen lassen.
Einmal wird sie von einem Mädchen, das die Patenschaft für sie übernommen hat, nach Hause eingeladen. Während sie Katrins Mutter begrüßt, starrt sie gebannt auf ihre großen Nasenlöcher, die sie an die Nüstern eines Pferdes erinnern. In Katrins Zimmer verbirgt sie ihren Neid hinter einem verlegenen Grinsen und betrachtet aufmerksam den hübsch angeordneten Mädchenkrimskrams in den Regalen. Sie erklärt sich bereit, »Der Prinz und die Prinzessin heiraten« zu spielen, aber sie verlangt dafür ein Geschenk. Katrin reicht ihr ein blaues Tuch, das mit silbernen Sternen bestickt ist. Das ist für den Prinz, sagt Katrin und wirft sich selbst einen goldenen Umhang über die Schultern.
Schenkst du es mir? Sie läuft ein paar Schritte, lässt das blaue Sternentuch durch die Luft wehen.
Warum?, sagt Katrin und schaut sie verblüfft an.
Darum, sagt sie.
Das erlaubt meine Mutter nicht.
Diese Antwort birgt für sie einen Funken Hoffnung. Deine Mutter muss es nicht erfahren, sie versucht ihre Stimme verschwörerisch klingen zu lassen.
Katrin überlegt eine Weile, dann schüttelt sie den Kopf.
Sie verlegt sich aufs Betteln, schenk es mir, sagt sie, ich muss es haben. Sie wirbelt umher, springt aufs Bett, über den Teppich und ruft: Schenk es mir, bitte, bitte, schenk es mir, sie schwenkt das Tuch wie eine Fahne. Dann jagen sie einander durchs Zimmer, lachen lauthals und kreischen. Sie findet sich damit ab, dass sie ohne das Sternentuch nach Hause gehen wird. Als Katrins Mutter die Tür öffnet, liegen sie mit erhitzten Gesichtern auf dem Fußboden und imitieren Tierstimmen, sie heult laut wie ein Wolf. Katrins Mutter betrachtet sie missbilligend und gibt ihrer Tochter zu verstehen, dass es Zeit ist, den Besuch nach Hause zu schicken. Katrin gehorcht sofort und bringt sie zur Tür.
Nachdem sie ihren Bruder vom Kindergarten abgeholt hat, will sie noch etwas herausschinden aus diesem Tag. Sie beschließt, die Reaktionsschnelligkeit der Autofahrer zu testen – ihr Lieblingsspiel, das sie sich selbst ausgedacht hat. Sie steht am Bordstein, und kurz bevor ein Auto sich auf ihrer Höhe befindet, rennt sie blitzschnell über die Straße. Bislang hat sich Alex geweigert, mitzuspielen, doch heute folgt er ihrem Beispiel und rast wie sie über die Straße, die Bremsen quietschen, und ihre Herzen hämmern.
Sie sollen ihre Mutter in die Poliklinik begleiten. Die Mutter trägt ein schulterloses königsblaues Kleid, auch ihr Lidschatten ist königsblau, sie hat sich zurechtgemacht, sogar ihre Fußnägel sind lackiert, und an ihrem linken Knöchel blinkt ein silbernes Kettchen. Während Alex und sie im Warteraum bleiben, dringt die Stimme der Mutter aus dem Sprechzimmer, durchschlägt die Wand. Alex macht eine heftige Handbewegung, dann sitzt er nur noch erstarrt neben ihr. Als eine Krankenschwester die Tür öffnet, sind tränenerstickte Laute zu hören, dann bittende, schmeichelnde Worte: Der Doktor solle eine Ausnahme machen, sie habe schon zwei Kinder, und es komme doch nicht darauf an, ob sie im dritten oder vierten Monat sei. Nun ist die Stimme des Arztes deutlich zu hören, das wäre keine Lösung, sondern Mord, sagt er streng, und dieser Satz hinterlässt bei ihr einen tiefen Eindruck.
Auf dem Weg nach Hause können sie der Mutter kaum folgen, trotz ihrer hohen Absätze ist sie ihnen immer einen Schritt voraus.
Es ist längst dunkel, doch sie kann nicht einschlafen. Ist die Mutter schwanger? Sie vermag sich kaum an ihren Vater zu erinnern. Aus den Andeutungen der Mutter hat sie sich zusammengereimt, dass er im Gefängnis sitzt. Aber wer ist der Vater des Kindes im Bauch der Mutter?
Lange Zeit hat sie sich Sexualität so vorgestellt: Ein Mann steht nackt in einer Toilettenkabine, daneben steht, durch eine dünne Wand getrennt, eine nackte Frau. Der Samen wird vom Mann ausgestoßen, gleitet dann geschwind seine Beine hinunter auf den Boden, von da aus in die Nebenkabine, die Beine der Frau hinauf und dann in sie hinein. Die Frau und der Mann bewegen sich dabei überhaupt nicht und sprechen auch kein Wort. Inzwischen aber glaubt sie Bescheid zu wissen: Der Mann steckt der Frau sein Ding rein.
In den nächsten Tagen geht die Mutter nicht zur Arbeit. Sie raucht, trinkt, rauft sich die Haare, springt die Stufen im Treppenhaus mit großer Wucht herunter und wieder hoch. Sie sitzt stundenlang in der gelben Plastikwanne, geht selbst in die Kneipe und schleppt schwere Netze voller Bierflaschen nach Hause. Sie führt laut Selbstgespräche oder redet auf ihre Tochter ein, als wäre sie ihre Vertraute. Sie versucht zu lächeln, wenn die Mutter sie »mein gutes Pferdchen« nennt, innerlich stößt sie jedoch ein höhnisches Wiehern aus. Wenn die Mutter weinend im Sessel sitzt, steht sie neben ihr und flüstert tröstende Worte, obwohl ihr Herz längst erkaltet ist; sie weiß, dass die Mutter blitzschnell wieder ganz anders sein kann, also ist sie vorbereitet.
Nachts weckt sie ein Stöhnen. Sie schleicht über den Flur, sieht durch den Türspalt die Mutter auf dem Küchenboden in einer Blutlache sitzen. Sie begreift zuerst nicht, was die Mutter da macht, mit einer Stricknadel stößt sie sich zwischen die geöffneten Schenkel. Um dieses Muttergesicht auszublenden, starrt sie auf die bunten Teller über ihr an der Wand. Sie atmet aus und hat das Gefühl zu schrumpfen. Sie möchte mit dem Bild, das sich in ihr festsetzt, nichts zu tun haben. Sie wünscht sich eine andere Mutter. Seit Langem denkt sie, dass sie bei ihrer Geburt vertauscht wurde. Aber dieser Gedanke nützt ihr nichts. In der Nacht träumt sie von einem Monster, das sie töten will, und als sie endlich das Fenster öffnen kann und laut nach Hilfe ruft, setzt ein lärmender Sturm ein und verschluckt ihre Schreie.
Am nächsten Morgen ist der Küchenboden wieder sauber. Ein säuerlicher Geruch liegt in der Luft, als sie die Tür zum Schlafzimmer der Mutter öffnet. Die Mutter winkt sie zu sich und redet mit weinerlicher Stimme auf sie ein, redet vom Paradies und von Jesus, der in einem goldenen Palast wohne, obwohl er doch in einem armseligen Stall zur Welt gekommen sei. Sie versucht mitfühlend auszusehen, doch empfinden kann sie nur Widerwillen. Aber dann erzählt die Mutter, was sie nachts geträumt hat, und der Traum gleicht ihrem Traum, endet mit den Hilferufen, die niemand hört.
Sie hält die Luft an. Ist es möglich, dass sie sogar in derselben Traumwelt leben? Sie wird nie entkommen können?
Elvira ist neu in der Klasse und wohnt nur ein paar Häuser weiter. Nach der Schule haben sie denselben Weg, und als wäre es selbstverständlich, begleitet sie Elvira in einer Freistunde nach Hause. Die Tür wird von einer sehr dicken Frau geöffnet, die sie lächelnd begrüßt. In der winzigen Küche riecht es nach gekochtem Kohl. Es fällt kaum Licht durch die zum Hinterhof gehenden Fenster. Während Elviras Mutter die Mädchen über die Schule ausfragt, fährt sie sich mit der Patschhand durch ihre silberne Dauerwelle, die wie ein Lockenhelm ihren Kopf umrandet, und atmet schwer.
Sie hat noch nie eine so fette Frau gesehen. Ihre Mutter sei krank, erklärt Elvira später, der Stoffwechsel funktioniere nicht richtig, deshalb sei sie etwas korpulent. Bei ihrem nächsten Besuch lernt sie Elviras Vater kennen. Er trägt ein Parteiabzeichen am speckig gebügelten Revers seines Jacketts, karierte Hausschuhe und eine Nickelbrille. Wenn er ihr eine Frage stellt, setzt er seine Brille ab, doch meistens schweigt er.
Dienstags haben sie drei Freistunden, die sie bei Elvira zu Hause verbringen. In dieser Zeit läuft im Fernsehen die Wiederholung von Willi Schwabes Rumpelkammer, eine beliebte Sendung, in der alte Schwarz-Weiß-Filme vorgestellt werden, und dazu essen sie Spaghetti mit Tomatenketchup. Mehr noch als Heinz Rühmann und Theo Lingen mögen sie Johannes Heesters, in den sie ein wenig verknallt sind. Diese Dienstage sind Glückstage, sie freut sich schon die ganze Woche darauf.
Sie mag die Eltern ihrer neuen Freundin. Sie sind arm, aber diese Armut kommt ihr ehrbar vor, ganz anders als bei ihnen zu Hause. Ihre Mutter redet ständig über Geld, unter dem Bett hat sie eine Schatulle versteckt, in der sie Geldscheine und Schmuck aufbewahrt. Manchmal kommt sie in das Schlafzimmer und sieht die Mutter im Bett sitzen, Ringe und Armbänder vor sich ausgebreitet, die Geldscheine zu kleinen Haufen sortiert. Die Mutter fragt sie nie, ob ihr etwas gefällt, sondern immer nur, ob sie weiß, wie teuer die letzte Anschaffung war. Es bereitet ihr großes Vergnügen, wenn ihre Tochter sich irrt – es war viel teurer, sagt die Mutter dann mit stolzer Stimme.
Sie will der Mutter von Elvira etwas schenken, möchte sich bedanken für die Freundlichkeit, mit der sie behandelt wird. Noch nie ist sie zielgerichtet losgegangen, um etwas zu stehlen. Sie streift durch das Kaufhaus, betrachtet Blusen, Kleider, Mäntel. Keine der Verkäuferinnen fragt sie nach ihren Wünschen. Sie entscheidet sich für eine knallrote Kittelschürze aus Dederon, alle anderen Kleidungsstücke findet sie noch hässlicher.
Als Elvira die Tür öffnet, legt sie den Finger auf den Mund, bedeutet ihr leise zu sein. Ihre Mutter ist krank. Im Wohnzimmer sitzt Elviras Vater im Sessel, das Radio läuft. Er bietet ihr eine Tasse Kaffee an. Sie trinkt sonst nur Malzkaffee und ist überrascht vom bitteren Geschmack. Sie deutet auf das Foto an der Wand, das einen Mann mit nacktem, schmutzigem Oberkörper und schwarz verschmiertem Gesicht zeigt.
Wer ist das, fragt sie.
Elviras Vater nimmt die Brille ab und beginnt, einen Vortrag über Adolf Hennecke zu halten, Aktivist der ersten Stunde, der seine Arbeitsnorm selbst überboten hat. Es verwundert sie, wie ernsthaft er ihre Frage beantwortet, und weil sie spürt, dass ihm ihre Neugierde gefällt, stellt sie weitere Fragen. Doch dann wird sie das Gefühl nicht los, dass er redet, als müsse er sich selbst von seinen Worten überzeugen, seine Stimme klingt wie die eines Politikers im Radio. Mitten im Satz hält er inne, macht eine Handbewegung, als wolle er etwas vom Tisch wischen, und setzt die Brille wieder auf. Natürlich kennt sie den Namen Adolf Hennecke. Von wegen Vorbild für alle, über ihn werden Witze gerissen, weil er die Norm gebrochen und die Kumpels verraten hat; wenn es einen kräftigen Regen gibt, sagen die Erwachsenen, es gießt wie Hennecke.
Die knallrote Schürze nimmt sie wieder mit nach Hause und schneidert daraus Kleider für ihre Puppen.
Die Mutter erlaubt ihr nur selten, nach der Schule auf die Straße zu gehen, und noch nie durfte sie Besuch bei sich zu Hause empfangen. Ihre Mutter arbeitet im Schichtdienst als Kellnerin in der Mitropa-Gaststätte im Hauptbahnhof und liegt oft noch im Bett, wenn sie aus der Schule zurückkommt. Obwohl sie leise durch den Flur schleicht, ertönen sofort Rufe, die ihr gelten. Seit einigen Wochen ist die Mutter ständig außer sich, ihr Bauch sieht eindeutig größer aus. Die Mutter spricht mit ihr kein Wort darüber, und sie wagt nicht zu fragen. In den Augen der Mutter kann sie nichts richtig machen, blindlings schlägt sie auf ihre Tochter ein. Ihr Stubenarrest wird immer länger, zuerst waren es Tage und Wochen, doch dann hat die Mutter den Überblick verloren und gesagt, bis zum Herbst, bis der erste Schnee fällt, das ganze nächste Jahr muss sie drinnen bleiben.
Sie bittet Elvira, nach der Schule eine Weile vor ihrer Wohnungstür zu warten, bis sich die Mutter wieder beruhigt hat. Sie fühlt sich stärker, weniger allein, und die Schläge schmerzen nicht so, wenn die Freundin ihre Schreie hört.
Sie hört ein Lachen, als sie die Wohnungstür öffnet, ein dunkles Männerlachen, und bevor sie die Küche betritt, fragt sie sich, ob dies ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist. Am Tisch sitzt ein Mann neben der Mutter, schwarzhaarig, mit dunklen Brauen, seine Schultern sind schmal, ein wenig nach vorn gezogen. Die Füße ihrer Mutter liegen auf seinem Schoß, er hat eine Hand um ihre nackten Knöchel gelegt. Vor ihnen stehen eine Weinflasche und zwei Gläser.
Der Mann starrt sie an. Ist sie das, fragt er.
Das ist deine Tochter, antwortet die Mutter mit gepresster Stimme und nimmt die Füße von seinem Schoß.
Komm her, sagt der Mann, der ihr Vater sein soll.
Er hat eine Fahne, denkt sie, als er sie umarmt, und da ist noch ein anderer, fremder Geruch.
Sie beantwortet seine Fragen. An seinem Mittelfinger glänzen zwei Ringe, der Nagel an seinem linken kleinen Finger ist rot lackiert, Brusthaar kräuselt sich aus seinem weit geöffneten Hemd. Das soll ihr Vater sein? Er hat sich wieder der Mutter zugewandt, und es sieht so aus, als lausche sie seinen Worten mit Bewunderung.
Später holt sie ihren Bruder vom Kindergarten ab. Er regt sich auf, als sie ihm von dem Mann in der Küche erzählt, der vielleicht auch sein Vater ist. Doch das erweist sich als Irrtum.
Die Mutter stellt Alex vor, sie sagt: Es ist zwar nicht deiner, dafür hat er schöne Locken.
Der Mann sieht ihn kaum an.
Richtiges Engelshaar, sagt die Mutter. Alex steht stumm, nervös blinzelnd, vor ihm und scheint dem Heulen nah zu sein.
Der Mann lacht laut und zeigt seine gelben Zähne. Wir wollen feiern, sagt er, ich bin in Feierlaune.
Die Mutter gibt ihr Geld und schickt sie zu »Jahns Ruhe«. Der Wirt trägt ihr die Netze mit den Bierflaschen bis vor die Tür. Es wird schon dunkel, sie versucht sich vorzustellen, wie die Menschen hinter den erleuchteten Fenstern leben, doch heute gelingt es ihr nicht, zu viele Fragen gehen ihr durch den Kopf. Wird dieser Mann, der ihr Vater sein soll, bei ihnen wohnen? Werden sie eine Familie sein, zusammen an einem Tisch essen?
Der Vater hat Durst, großen Durst. Er hat das Bier schnell ausgetrunken. Sie geht an diesem Abend noch oft zu »Jahns Ruhe«, die Kneipe schließt erst lange nach Mitternacht. Bevor sie ins Bett darf, umarmt der Vater sie, will seine Tochter gar nicht mehr loslassen, doch ihr sind diese Zärtlichkeiten peinlich.
Seit der Vater bei ihnen wohnt, ist einiges anders geworden. Wenn sich die Mutter mit dem Vater streitet, was täglich geschieht, hat sie danach kaum noch die Kraft, um laut herumzuschreien oder ihre Kinder zu verprügeln. Es gibt Tage, da essen sie gemeinsam Abendbrot, sitzen wie eine Familie am Tisch. Wohl fühlt sie sich dabei nicht. Ständig nörgelt die Mutter herum. Sitzt gerade, sagt sie zu den Geschwistern, Hände auf den Tisch, nicht schmatzen, haltet den Mund.
Aus irgendeinem Grund nennt der Vater ihren Bruder Thusnelda Morgenröte. Sich selbst bezeichnet er als Mensch: Der Mensch ist heute nicht zum Scherzen aufgelegt, sagt er beispielsweise, oder: Habe ich als Mensch etwa nicht meine Ruhe verdient?
Dir hat es wohl die Sprache verschlagen, faucht die Mutter Alex an. Er hockt vor dem Bett, atmet durch einen alten Schnorchel und bewegt dabei den Oberkörper hin und her. Nimm das Ding aus dem Mund, sagt die Mutter und schlägt mit der Faust gegen die Wand. Ihr Bruder presst die Augen zusammen. Sie kennt dieses Gefühl: Er möchte unsichtbar sein. Sie betrachtet die Szene wie von weit weg, und obwohl sie Mitleid mit ihm hat, überwiegt doch die Erleichterung, dass diesmal das Zorngewitter nicht sie trifft.
Ende der Leseprobe
