10,99 €
Das Mädchen und wie es die Welt sah Das Mädchen ist zurück:In zehn Geschichten entfaltet Angelika Klüssendorf ein Kinderleben in der DDR in den 60ern und 70ern, geprägt von Ungeborgenheit und Sehnsucht. Nach dem Tod der geliebten Großmutter muss das Mädchen Übergriffen und Teilnahmslosigkeit begegnen. Es ringt darum, seine Eltern auszuhalten und zu verstehen und die Schwester zu beschützen. Lichtblicke liefern Bücher, das Lesen bietet selbst im Kinderheim noch einen Ausweg. Die Kaschnitz-Preisträgerin erzählt die Vorgeschichten zum Erfolgsroman »Das Mädchen« neu, die vor zwanzig Jahren erschienen und nicht mehr lieferbar sind. Und sie überprüft schonungslos, was nicht erzählt wurde und warum. Ist Wahrhaftigkeit im Erzählen von sich möglich? Autofiktion, radikal und bewegend!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:www.piper.de/literatur
© Piper Verlag GmbH, München 2023
Covergestaltung: Cornelia Niere, München
Coverabbildung: privat
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.
Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.
Cover & Impressum
–
Die Großmutter im Kirschbaum
Samstag, zwanzig vor zwölf
Juni, Juli, August
Alles hat seine Zeit
Yvette Intim
Gespenster
Hölle oder Himmel
Eine Krankheit
Dich kriegen wir auch noch
Sommer
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Ich habe meine Mutter wieder und wieder sterben lassen. Jahrzehntelang habe ich ihren Tod als Ausrede für alles Mögliche benutzt, ihn inflationiert, für nicht wahrgenommene Arztbesuche, sogar für die Absage einer Lesung musste er herhalten. Ich fühlte eine Art grimmigen Spott, wenn ich ihren Tod als Ausrede vorschob, als würde ich ihr etwas heimzahlen. Nun ist sie tot. Was ich nicht für möglich gehalten habe: Ich vermisse sie. Ich empfinde Trauer, doch meine Freude über die Trauer ist größer als die Trauer selbst.
Ich sitze am Fenster, sehe meine Nachbarin durch den kalten Wind zu den Pferden gehen, es ist Januar, ein ganz normaler Tag. Meine Mutter wurde vierundachtzig Jahre alt. Ihr Mann erzählte mir am Telefon, wie er sie gefunden hat, drei Uhr nachts, in ihrem Blut, aber lebend auf dem Boden liegend; ich habe sie hochgehoben, sagte er, und die war schwer, das kannst du mir glauben, ich habe sie aufs Bett gehievt, und tatsächlich, dann fällt die da wieder runter, ich hab geglaubt, die will mich verarschen. Die war dann tot, hat ihn nicht verarscht. Sein weiterer Schrecken hielt sich in Grenzen. Kein schöner Tod. War ihr Leben schön? Ich weiß nicht, was meine Mutter als schön oder gelungen empfand, ich weiß nicht einmal, ob sie es selbst gewusst hätte.
Eine unserer letzten Begegnungen fand vor zwei Jahren statt, davor hatte ich sie über dreißig Jahre nicht gesehen. Ich war sehr aufgeregt und froh, dass mein Mann mich begleitete. Obwohl ich mich, was mir in angespannten Situationen oft passiert, vor der Tür habe stehen lassen und nur meine funktionierende Fassade den Kuchen aß, den Kaffee trank, wurde mir schlecht. Ich bekam Herzrasen, meine Mutter machte mir Komplimente, versuchte, Worte zu finden, für ihre Liebe zu mir. Sie war geschminkt, trug eine Goldkette, mehrere goldene Armbänder, Ohrringe, ihre Haare waren makellos blondiert. Eine Hand zitterte, was sie zu verbergen suchte. Sie redete, und ich weiß nicht, wie viel Zeit verging, nach dem Kaffee saßen wir an einem kleinen Tisch, in roten Sesseln, der Raum kam mir klein und beengt vor, und plötzlich wusste ich, woher mein Unbehagen gekommen war, wenn ich ähnliche Wohnungen betreten hatte. Als Kind bin ich nur heimlich durch das Wohnzimmer gegangen, das mir damals wie ein Ausstellungsraum vorkam, meine Mutter hatte stets den Anschaffungspreis hervorgehoben, soundsoviel hatte das Kissen gekostet, der Fernseher, die Wanduhr.
Meine Mutter sagte, wie leid ihr alles tue, wie unfassbar leid. Ich wollte ihr glauben und konnte es nicht. In der Art, wie sie mit ihrem Mann sprach, wurde mir klar, sie hatte keinerlei Instrumente dafür, sich verändern zu können, sie standen ihr einfach nicht zur Verfügung. Ein lautes, verächtliches Räuspern unterbrach ihn, als er mit meinem Mann über Fußball sprach, es konnte nicht richtig sein; obwohl ihr Fußball egal war, sagte sie, seine Ansicht sei ganz und gar falsch, und als er dennoch darauf beharrte, setzte sie ihren Totentanz in unserem Beisein fort, du wirst schon sehen, fuhr sie ihn dunkel an; oh, wie waren mir diese Drohungen bekannt.
Während sie mit meinem Mann flirtete, hielt sie sich eine Hand vor den Mund, weil ihr eine Krone herausgebrochen war, sie sah schräg von unten zu ihm auf, immer noch darauf aus, zu gefallen. Fast wäre ich gerührt gewesen, ihr Gesicht war verzogen, sie hatte zwei Schlaganfälle hinter sich, doch dann erinnerte ich mich, wie sie mit meinem ersten Freund geschlafen hatte. Ich war achtzehn und hatte sie beide in meinem Bett vorgefunden. Wie das klingt: vorgefunden. Was soll ich sagen? Mein Bett war unbequem, ein schmales Sofa am Boden, die Holzbeine abgesägt, mein Freund hatte die Schlüssel zu meinem Zimmer, das ich zur Untermiete bewohnte. War es ihr egal gewesen, oder war es eine besondere Art, mich zu strafen? Ich wollte sie danach fragen, all die Monate, die uns noch blieben, doch jedes Mal, wenn wir am Telefon miteinander sprachen, schob ich es hinaus.
Vor zwanzig Jahren hatte sie mich zu meinem Geburtstag angerufen und mit den Worten begrüßt: Jetzt wirst du auch alt. Sie hatte meinen Erzählungsband mit dem Titel »Aus allen Himmeln« gelesen;du hast schon immer gelogen, sagte sie, mit Abscheu in der Stimme. Ich legte wortlos auf und nahm mir vor, das Wort immer so selten wie möglich in meinem Leben zu verwenden.
Der Erzählungsband erschien in einer sehr kleinen Auflage. Ich hatte die Wahl, genau die Sätze zu schreiben, die ich schreiben wollte. Warum habe ich dennoch Ereignisse ausgelassen oder falsch beschrieben? Es gibt keine Wunden, die nicht verheilt wären, doch es gibt Leerstellen, die ich bis heute nicht zu betreten wagte.
Die junge Frau schloss das Fenster. Sie wollte nicht, dass die Nachbarn den Streit mitbekamen, sie wollte nicht schon wieder auf der Straße schief angeschaut werden, sie wollte so vieles nicht. Auf dem Boden lagen Glasscherben und entkernte Pflaumen in ihrem Saft. Die junge Frau nahm die mit Obst gefüllten Einweckgläser vom Küchentisch und versuchte, sie in Sicherheit zu bringen. Sie stellte sie in die Speisekammer, in der es kein Licht gab. Ihr Mann lehnte an der Wand und sah scheinbar unbeteiligt zu, wie sie die Gläser vorsichtig einsortierte. Vor Minuten noch hatte es in der Küche wunderbar nach Kompott und Gewürzen gerochen; jetzt roch alles nur noch sauer. Ihr Mann kam auf sie zu und nahm ihr behutsam ein Glas aus der Hand. Er hob es sehr langsam in Schulterhöhe und ließ es einfach fallen.
Später saßen sie sich gegenüber. Während sie schluchzte, bemühte er sich, mit einem frisch gebügelten Taschentuch ihre Nase zu putzen. Sie war dreiundzwanzig, und er war sieben Jahre älter. Sie hatten sich am Silvesterabend vor sechs Jahren in einer kleinen Dorfkirche trauen lassen. Diese Art von Streitereien, die oft in wilden Schlägereien endeten, hatte es von Anfang an gegeben.
Aber seit einiger Zeit beteuerten sie sich ihre Liebe nicht mehr nach solch einem Spektakel.
»Ich hab es satt, endgültig satt«, sagte sie.
»Hör auf zu heulen, hör endlich auf«, sagte er und drückte ihr das Taschentuch auf die Nase.
Sie erhob sich ruckartig und ging an ihm vorbei, während er mit seinem Taschentuch in der Hand sitzen blieb. Sie nahm Schaufel und Besen und begann, die Scherben aufzukehren.
»Ich besorg dir morgen neues Obst«, sagte er und zündete sich eine Zigarette an.
»Ich will hier raus«, sagte sie, ohne aufzuschauen. »Ich will meine eigenen vier Wände. Ich hab diesen Krankenhausmief satt.«
»Es ist nicht meine Mutter«, sagte er, und sie spürte sein Grinsen in ihrem Rücken.
»Und ich hab sie mir nicht ausgesucht«, sagte sie.
Plötzlich kniete er neben ihr, streichelte ihr übers Haar.
»Es wird bald vorbei sein«, sagte er, nahm sie in die Arme und wiegte sie sanft hin und her. »Bald, mein Baby«, und sie hatte das Gefühl, er meinte wirklich, was er sagte.
Ich lag im Nebenzimmer und hörte alles durch die Wand, ich war zu klein, um die genaue Bedeutung der Worte zu verstehen. Es war Abend, und neben mir ruhte meine Großmutter und stieß die Luft mit tiefen, raschen Atemzügen aus. An der Zimmerdecke verlief das Schattenmuster der Jalousie, und trotz der Dunkelheit sah ich, wie meine Großmutter mich anlächelte. Sie hatte noch fast alle ihre Zähne, darauf war sie stolz. Seitdem ich auf der Welt war, schliefen wir in einem Bett. Die Engel hätten mich direkt zu ihr ins Zimmer gepustet, hatte sie mir immer wieder gesagt, und ich hatte ihr geglaubt. Wir falteten unsere Hände und sprachen das Nachtgebet. Als es im Nebenzimmer lauter wurde, betete meine Großmutter ebenfalls lauter, und als es den großen Krach gab, beendete sie schnell das Gebet und legte ihre Hände über meine Ohren. Ihre Hände waren warm und rochen vertraut nach Glycerin. Ich hörte nur noch das Rauschen meines eigenen Blutes und schlief ein.
Der Tag brach an, als wäre nichts geschehen. Ein Streifen Tageslicht, das Geräusch der Klospülung, Schritte auf dem Flur, Türenwerfen, unversöhnt aneinandergereihte Worte. Die Großmutter lag neben mir. Sie hatte die Augen geöffnet und rührte sich nicht. Ich versuchte, eine Weile die Luft anzuhalten. Und dann schaffte ich es nicht mehr auf die Toilette.
Ich weiß nicht, wofür ich die erste Ohrfeige bekam: für die nassen Hosen oder für jene drei Worte, die ich an meine Mutter richtete. Ich sagte: »Oma ist tot«, und genau in diesem Moment entstand die Pfütze auf dem Boden.
Der junge Mann lag auf dem Rücken und dachte an seine Frau. Er ließ heißen Sand durch seine Hände rieseln, und das Meerwasser leckte seine Füße. Er hatte sich vor drei Wochen gleich nach der Beerdigung seiner Schwiegermutter aus dem Staub gemacht, und er hatte es als noble Geste empfunden, so lange gewartet zu haben, bis die Alte unter der Erde war. Sie hatte keinen Pfennig auf dem Sparbuch gehabt, nur den Schmuck und ein Fitzelchen Gold. Der Schmuck hatte ihm die einundzwanzig guten Tage an der Ostsee gebracht – eine Suite im Hotel an der Strandpromenade, die verrücktesten Cocktails und Kontakt mit einer Frau, die sein Talent zu schätzen wusste. Er stellte sich ihr als Landschaftsmaler vor, saß stundenlang vor ihr und entwarf Bilder aus Worten, wofür sie ihn zu bewundern schien. Aber dann ging ihm das Geld aus, ihr Interesse ließ nach, und das Feuer in seinen Worten auch. Der junge Mann hasste den Gedanken an die Heimkehr, obwohl er sich den ganzen Vormittag diesen Satz vorbetete: Zeit, heimzukehren, sagte er sich, während er mit geschlossenen Augen im Sand lag und das Meer seine Füße umspülte. Er legte sein Gesicht auf den Unterarm, suchte blinzelnd unter den Badegästen nach einem hübschen Geschöpf, und schließlich fiel ihm das Fitzelchen Gold wieder ein. Er hatte es nie gesehen, und vielleicht wurde sein Wert vor ihm heruntergespielt, vielleicht war das Fitzelchen ein Fitzel oder gar ein Brocken. Er erhob sich rasch, zu rasch, ihm wurde schwindelig. Trotzdem versuchte er, seine Schritte schnell durch den erhitzten Sand zu setzen, und fast übermütig wandte er dem Meer den Rücken zu. Im Hotelzimmer packte er seine wenigen Sachen zusammen, und ohne sich zu duschen oder zu rasieren, ohne auch nur die Rechnung zu begleichen, verließ er das Hotel durch den Hintereingang.
Das kleine Mädchen saß am Tisch, während die Mutter im lauten Selbstgespräch über der Küchenanrichte Sellerie und Porree schnippelte. Vielleicht waren ihre Worte auch an das Kind gerichtet, aber eigentlich hörte es sich nicht so an. Das Mädchen saß schon lange am Tisch und versuchte, ein Stück Fleisch zu zerkauen. Das Fleisch war zäh und wollte einfach nicht durch die Kehle rutschen. Es kaute und schob das Fleisch mit der Zunge hin und her, hörte dabei das gleichförmige Gemurmel der Mutter, das ab und an durch einen Fluch unterbrochen wurde, hörte sie auf irgendwelche Flittchen schimpfen und stellte sich vor, wie die Mutter diese Flittchen mit einer Bürste schrubben und dann in den Topf zu dem Gemüse werfen würde, und natürlich hielt es diese Flittchen für besonders zähe Fleischbrocken. Irgendwann unterbrach das Mädchen die endlose Kauerei und sah sich nach einem geeigneten Versteck für den Klumpen in seinem Mund um. Auf der Treppe näherten sich Schritte, und die Mutter erstarrte; für sie schienen Schritte auf der Treppe um diese Tageszeit nichts Gutes zu bedeuten. Sie beendete ihr Selbstgespräch, setzte sich zu ihrer Tochter an den Tisch, und als die Tür aufging, sah sie nur das Mädchen an. Herein kam der Vater, braun gebrannt und unrasiert, mit einer Alkoholfahne, die sie schon von Weitem riechen konnten. Er schien durchaus guter Laune zu sein, und die Mutter entkrampfte sich. Er hatte Geschenke mitgebracht, die er hinter dem Rücken versteckt hielt. Er wirbelte einen weißen Bademantel durch die Luft, auf dem sie sofort den Namen des Hotels entdeckte. Dem Mädchen überreichte er mit einem übertriebenen Augenzwinkern einen Plastikglobus, dessen Fuß geklebt war. Die Mutter hatte sich entschlossen, seine gute Laune auszunutzen: Sie warf den Bademantel auf den Boden, schloss das Fenster und begann ihn zu beschimpfen, nannte ihn Herumtreiber, Zigeuner, Taugenichts, den allerletzten Abschaum. Sie beschimpfte ihn, bis ihr die Worte ausgingen, und es interessierte sie nicht im Geringsten, dass das Mädchen dabei war.
Doch schon wenig später trug die Mutter ihr bestes Kleid, und ihre Lippen glänzten knallrot. Das Mädchen betrachtete den Globus, auf dem einige Länder mit einem Stift schwarz umrandet waren. Inzwischen rauchte die Mutter, und der Herumtreiber versuchte sie mit seinem stoppeligen Kinn zu kitzeln. Dann tranken sie Wein und lachten dabei, und irgendwann verließen sie die Wohnung. Das Mädchen ging zum Mülleimer und spuckte den Fleischklumpen aus.
