Das Mädchen aus dem Wasser - Silvia Söhring - E-Book

Das Mädchen aus dem Wasser E-Book

Silvia Söhring

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Beschreibung

Heimat ist dort, wo unsere Wurzeln liegen. Manche Menschen hängen fest an ihren Wurzeln, bleiben bei ihnen und sind der Heimat treu. Manche packt das Fernweh, sie ziehen durch die Welt und erinnern sich kaum noch daran, wo sie einst wurzelten. Und doch tragen sie in sich immer einen kleinen Kern, einen Samen, der sich Heimat nennt, und der immer bei ihnen sein wird. Diese Geschichte erzählt von einer jungen Frau, deren Wurzeln unerreichbar fern sind. Fern in einer anderen Welt. Unerreichbar? Unerreichbar ist nur das, was wir uns nicht wirklich wünschen. Unsere Wünsche lassen Unerreichbares zu Erreichbarem werden. Die junge Frau weiß das. Und so macht sie sich auf den Weg, getragen von felsenfester Zuversicht. Und angetrieben von dem innigen Wunsch, mehr über diese Welt zu erfahren, in der ihre Wurzeln liegen. Dieses Buch erzählt davon, dass die Heimat kostbar und durch nichts zu ersetzen ist.

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Seitenzahl: 331

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für Dominik

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Zwei Wochen später.

Was weiter geschah….

Vios Liste

Prolog

Heimat ist dort, wo unsere Wurzeln liegen.

Manche Menschen hängen fest an ihren Wurzeln, bleiben bei ihnen und sind der Heimat treu.

Manche packt das Fernweh, sie ziehen durch die Welt und erinnern sich kaum noch daran, wo sie einst wurzelten. Und doch tragen sie in sich immer einen kleinen Kern, einen Samen, der sich Heimat nennt, und der immer bei ihnen sein wird.

Diese Geschichte erzählt von einer jungen Frau, deren Wurzeln unerreichbar fern sind. Fern in einer anderen Welt.

Unerreichbar?

Unerreichbar ist nur das, was wir uns nicht wirklich wünschen. Unsere Wünsche lassen Unerreichbares zu Erreichbarem werden.

Die junge Frau weiß das. Und so macht sie sich auf den Weg, getragen von felsenfester Zuversicht. Und angetrieben von dem innigen Wunsch, mehr über diese Welt zu erfahren, in der ihre Wurzeln liegen.

Dieses Buch erzählt davon, dass die Heimat kostbar und durch nichts zu ersetzen ist.

Im Archiv von Atlantis herrschte, wie zumeist am frühen Nachmittag, wohltuende Ruhe. Die Schulkinder, die morgens zur Unterrichtsstunde „Die Erde – Sitten und Gebräuche“ gekommen waren, saßen nun über ihren Hausaufgaben. Und die erwachsenen Bewohner von Atlantis kamen oft erst in den Abendstunden, um die Artefakte, die Janos, der Archivar, in seine Sammlung aufgenommen hatte, zu besichtigen.

Janos genoss die Stille im Archiv. Er saß an seinem Schreibtisch und vor ihm lag das neueste Fundstück, das die unendlichen Wellen des Atlantiks vor die Schleuse der Unterwasserwelt gespült hatten. Es handelte sich um eine erstaunlich gut erhaltene Ausgabe des Guinness Buch der Rekorde. Gut erhalten war es hauptsächlich, weil es noch in Folie eingeschweißt gewesen war. Janos hatte diese entfernt und blätterte nun behutsam durch die Seiten. Die Ränder des Buchs waren etwas aufgequollen, aber die Seiten selbst waren nahezu unbeschädigt und noch gut lesbar. Janos dachte darüber nach, dass es schon seltsam war, wie immer wieder Gegenstände von der Erde den Weg zu ihm fanden. Welche Geschichte wohl hinter diesem Buch stand? Wem war es verloren gegangen? Er würde es nie erfahren. Vorsichtig löste Janos die aneinanderklebenden Seiten voneinander und begann, die Beiträge im Buch zu überfliegen.

Er ließ seine Gedanken schweifen, während er sich durch die kurzen Beschreibungen der außergewöhnlichen Leistungen und Geschehnisse blätterte. Diese Welt hatte er weit hinter sich gelassen. Hier in Atlantis gab es kein Streben nach einem immer besseren, immer höheren Level. Eine stille Zufriedenheit ging von diesem Ort hier aus.

Seit nunmehr über neunzehn Jahren lebte er nun hier. Neunzehn Jahre war es her, seit er seiner Welt, der Erde, den Rücken gekehrt hatte, um in Atlantis, in dieser von der Welt verborgenen Unterwasserstadt, ein neues Leben zu beginnen. Ein Leben mit Luna, seiner Frau. Er hatte es nie auch nur einen Tag bereut. Natürlich war auch hier nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Nicht immer herrschte überall eitel Sonnenschein. Es gab Spannungen, es gab Streit. Ehepaare stritten sich, manchmal versöhnten sie sich wieder, manchmal auch nicht. Eltern stöhnten über die pubertären Launen ihrer Kinder, und die Kinder rebellierten gegen die Vorstellungen ihrer Eltern. Doch trotz dieser Querelen im Alltag war es ein friedliches Leben hier, ein besseres Leben als auf der Erde. Was, so mutmaßte Janos, einfach daran lag, dass es hier kaum Leistungsdruck gab. Viele Stressfaktoren, die auf der Erde selbstverständlich zum Leben gehörten, gab es in Atlantis nicht. Um Beförderungen, freie Kindergartenplätze, Zeugnisse, Baugenehmigungen, Urlaubsreisen oder Autokäufe macht sich hier niemand Gedanken oder Sorgen. Und, so sinnierte Janos weiter, es gab auch nicht die Möglichkeit, sich nach einem Streit für immer und ewig aus dem Weg zu gehen. Atlantis war abgeschottet, und alle vierhundertvierundvierzig Einwohner liefen sich tagtäglich mehrmals über den Weg. Dies war auch einer der Gründe, warum zerstrittene Menschen hier nicht zu Todfeinden wurden. Man musste sich miteinander arrangieren, ob man nun wollte oder nicht. Ohne Toleranz, ohne die Bereitschaft, zumindest sachlich und höflich miteinander umzugehen, war in Atlantis kein Leben möglich. Für die in der Unterwasserstadt geborenen Menschen war dies selbstverständlich, Janos hatte sich daran erst gewöhnen müssen. So wie an vieles andere, was ihm anfangs oft skurril, merkwürdig und unbegreiflich erschien. Doch er hatte es geschafft, hier heimisch zu werden. Mehr als das: Er war hier glücklich geworden. Dies war vor allem seiner Frau zu verdanken.

Mit ihrer Hilfe, aber auch durch das Entgegenkommen aller anderen Atlantiker, war es ihm gelungen, sich in ihrer Welt einzuleben. Er hatte die Sprache erlernt und sich an die hiesigen Sitten und Gebräuche angepasst. Er hatte eine Arbeit gefunden, die ihn erfüllte und die ihm niemals langweilig wurde. Und ein knappes Jahr, nachdem er sein Erdenleben zugunsten einer Existenz in Atlantis aufgegeben hatte, brachte seine Frau ihre gemeinsame Tochter zur Welt: Viola.

Vom ersten Tag ihres Daseins war Janos seiner Tochter verfallen. Die Kleine hatte die rabenschwarzen Haare ihrer Mutter geerbt. Von ihm hatte sie die blauen Augen, allerdings war ihr Farbton intensiver als der seiner Augen. Je nach Lichteinfall leuchteten sie ihm veilchenfarben aus dem Gesicht seiner Tochter entgegen, und die Augenfarbe war es auch, nach der sie benannt war. Viola war nun achtzehn Jahre alt und wurde Vio gerufen. Ihren vollständigen Namen würde sie erst zum Zeitpunkt ihrer Volljährigkeit, der in Atlantis bei zwanzig Jahren lag, erhalten.

Vio war, neben seiner Frau, sein Glück und sein ganzer Stolz. Er genoss jeden Tag mit ihr, kümmerte sich liebevoll und intensiv um sie. Freudentränen hatte er vergossen, als ihm Lunas Mutter Velistara nach der Geburt lächelnd die kleine Vio in die Arme gelegt hatte. Ganz Atlantis hatte mit ihm und Luna gefeiert und das kleine Mädchen willkommen geheißen.

Die ersten Jahre mit seiner Familie wurden durch keinen Schatten getrübt. Jeden Tag wuchs er enger und inniger mit Luna und Vio zusammen. Sie wohnten immer noch in dem kleinen Muschelhäuschen, genossen einander, und auch Velistara nahm häufig am Familienleben teil, soweit es ihre Pflichten als Königin zuließen. Janos war erstaunt, wie viel die Königin, das gewählte Oberhaupt von Atlantis, zu tun hatte. Unermüdlich kümmerte sie sich um ihr Volk, leitete mit bewegenden Worten Verpartnerungen, begleitete verstorbene Einwohner auf ihrem letzten Weg, auf die andere Seite. Sie unterrichtete in der Schule und packte überall mit an, wo eine helfende Hand erforderlich war. Ihre sachliche, ausgleichende Art erstickte manchen Konflikt zwischen den Atlantikern im Keim, und mit ihrem Humor entschärfte sie oft genug hitzige Diskussionen. Sie hatte wenig mit der Vorstellung gemein, die sich Janos früher von Königinnen gemacht hatte. Meistens lief Velistara in bequemen Kleidern herum, sie trug das Haar in einem strubbeligen Pferdeschwanz, und wenn man sie in ihrem Häuschen laut und falsch singen hörte, gingen die Atlantiker kopfschüttelnd und grinsend daran vorbei. Und doch: Niemand zweifelte Velistaras Autorität an, sie wurde von allen Einwohnern gleichermaßen verehrt und geachtet.

Häufig kam auch Lunas Bruder Reto, mit seiner Frau Mara und ihrem kleinen Sohn Ben, abends zu Besuch. Janos, der immer ein Einzelgänger gewesen war, stellte zu seiner Überraschung fest, dass ihm dieser enge Familienverband nicht auf die Nerven ging. Im Gegenteil: Er fühlte sich wohl, er fühlte sich angenommen. Jeden Tag war er dankbar für die vorurteilsfreie Freundschaft, die ihm seine neue Familie entgegenbrachte. Und er, der immer introvertiert gewesen war, fand nun Freude daran, selbst regelmäßig die anderen Bewohner der Unterwasserstadt zu besuchen. Auch dies war hier problemlos möglich. Hier mussten keine Termine abgeglichen werden, es waren keine Absprachen erforderlich. Kam man, was eher selten der Fall war, doch zu einem unpassenden Zeitpunkt, so wurde dies kurz und freundlich kommuniziert. Ohnehin kamen alle Atlantiker täglich zu den Mahlzeiten in der großen Halle zusammen; es verging also kein Tag, an dem man sich nicht sah und miteinander sprach.

Als Vio sieben Jahre alt war, neigte Velistaras Amtszeit als Königin sich dem Ende zu. Sie zog sich erleichtert von ihren offiziellen Pflichten zurück und nahm sich viel Zeit für ihre Enkel. Vio und ihr nur ein Jahr älterer Cousin verbrachten halbe Tage bei ihrer Großmutter. Dies gab Luna die Möglichkeit, wieder regelmäßiger in der Schule zu arbeiten. Und Janos konnte sich verstärkt dem Auf- und Ausbau des Archivs widmen. Reto, Lunas Bruder, wurde einstimmig von den Atlantikern zum nächsten König gewählt. Janos pendelte zwischen Arbeit und Familie hin und her, sein Leben war ausgefüllt, aber nicht anstrengend, und obwohl seine Welt sehr klein und überschaubar war, wurde ihm nie langweilig. Er war nicht nur zufrieden, er war glücklich.

Dann aber, kurz nach Vios elften Geburtstag, waren dunkle Tage gekommen.

Ein Seebeben im Südatlantik war in seinen Ausläufen auch in Atlantis zu spüren gewesen. Retos Frau Mara umrundete nach dem Beben mit einem der beiden Mobile Atlantis, um eventuelle Schäden am Untergrund aufzuspüren. Reto begleitete seine Frau. So waren sie zu zweit, als ein weiteres Beben den Meeresgrund erschütterte. Ein bislang unbekannter Unterwasservulkan brach aus und vernichtete in Sekunden das kleine Mobil und die beiden Menschen, die in ihm saßen.

Die Schäden an der Unterwasserwelt waren gering. Doch dies konnte keinen der Atlantiker trösten. Luna, die ihren Zwillingsbruder verloren hatte, war erstarrt vor Schmerz, und weiße Fäden begannen sich durch ihr schwarzes Haar zu ziehen. Velistara schloss sich tagelang in ihr kleines Haus ein, und als sie es wieder verließ, war sie um Jahre gealtert. Und Janos betrauerte einen Menschen, der ihm in den Jahren zuvor der beste Freund geworden war, den er sich hatte wünschen können.

Trotzdem versuchte er, dem Leben weiterhin einen Anschein von Normalität zu geben. Er spielte mit seiner Tochter, bemühte sich, den Schrecken, der das Volk von Atlantis ergriffen hatte, so weit wie möglich von ihr fernzuhalten. Und er holte seinen verwaisten Neffen, den kleinen Ben, zu sich. Der zwölfjährige Junge war verstört und sprach kein Wort. Doch die Anwesenheit Vios tat ihm gut. Er hing an seine Cousine, sie hatten schon immer viel Zeit miteinander verbracht. Vio konnte auf Ben eingehen wie niemand sonst. Sie akzeptierte und respektierte sein Schweigen, sie zeigte ihm ihre Zuneigung, aber sie bedrängte ihn nicht. Obwohl sie ein Jahr jünger war als ihr Cousin, verhielt sie sich wie seine ältere Schwester. Auch Janos widmete ihm viel Zeit, nahm ihn mit ins Archiv und versuchte, die Lücke, die Bens Eltern durch ihren Tod hinterlassen hatten, ein bisschen kleiner zu machen. Und Luna fand Trost in dem Jungen, der sie so sehr an ihren Zwillingsbruder erinnerte. Irgendwann fing Ben an, wieder zu sprechen. Er blieb still und zurückhaltend, aber er lernte, mit dem Verlust seiner Eltern zu leben.

Die Atlantiker suchten einen neuen König oder eine neue Königin und fragten Luna, ob sie dieses Amt übernehmen würde. Luna lehnte ab. Der Schmerz über den Tod ihres Bruders und ihrer Schwägerin hielt sie gefangen. Zudem wollte sie ihre Zeit ihrem Neffen und auch ihrer Tochter widmen. Außerdem, erklärte sie, solle das Amt nicht noch einmal in ihrer Familie weitergegeben werden.

Das letzte Argument überzeugte die Atlantiker nicht, und so fragten sie Janos, ob er das Amt des Königs übernehmen würde. Auch Janos lehnte ab. Er wollte sich um die Kinder und um seine Frau kümmern. Und zudem war er der Meinung, dass das Königsamt lieber von einem alteingesessenen Bürger von Atlantis übernommen werden sollte.

Der einzige, der sich bereiterklärte, sich für das Amt des Königs zur Wahl zu stellen, war Thurian, Janos ehemaliger Sprachlehrer. Die Atlantiker zögerten. Zum einen war Thurian dem Wein sehr zugetan, zum anderen war er oft hochfahrend und egoistisch. Da sich aber kein weiterer Kandidat fand, wurde Thurian gewählt. Nicht einstimmig, sondern mit vielen Enthaltungen, aber er wurde zum König gewählt.

Janos schüttelte den Kopf, als er über diese Wahl nachdachte. Er hatte sich seitdem schon oft überlegt, ob es nicht doch besser gewesen wäre, in den sauren Apfel zu beißen und das Amt des Königs zu übernehmen. Er hätte bestimmt nicht alles richtiggemacht, aber er hätte es besser gemacht als Thurian, da war er sich ganz sicher.

Thurian war kein guter König. Er kümmerte sich nur nachlässig um seine Pflichten. Die Übergabe verstorbener Atlantiker an die andere Seite, die Velistara immer mit liebevoller Fürsorge und mit persönlichen, auf den Verstorbenen zugeschnittenen Worten begleitet hatte, erledigte er schnell, routiniert und ohne einen Hauch von Mitgefühl für die Hinterbliebenen. Weder besuchte er Kranke, noch kümmerte er sich um die Kinder der Stadt. Seine Mahlzeiten nahm er nicht mit dem Volk in der großen Halle ein, sondern für sich allein in seinem Haus. Aus Streitigkeiten hielt er sich heraus und fand nie ein schlichtendes Wort. Er war nicht bereit, irgendetwas Sinnvolles zu dieser kleinen Gemeinschaft beizutragen. Dafür sprach er noch häufiger, als es schon vor seiner Wahl der Fall gewesen war, dem Wein von Atlantis zu. Häufig klang betrunkenes Schnarchen aus seinem Haus.

Nein, Thurian war kein guter König. Noch drei Jahre würde seine Amtszeit dauern, und Janos war nicht der einzige, der das Ende dieser Epoche herbeisehnte.

Unter derlei Gedanken hatte er in seinem Buch der Rekorde weitergeblättert und war nun zum Bereich „Tierwelt“ vorgestoßen. Dort wurde die größte Katze der Welt aufgeführt. Janos musste lächeln. Er dachte an seine Katze Sunny, die mit ihm nach Atlantis umgesiedelt war. Sunny hatte, ebenso wie Janos, hier ein Leben gefunden, das genau auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten war. Mit dem bereits in Atlantis wohnenden Kater Bingo hatte sie etliche Würfe kleiner Kätzchen in die Welt gesetzt. Vor ein paar Jahren waren sowohl Bingo als auch Sunny hochbetagt gestorben. Janos hatte um seine Katze getrauert, sich aber damit getröstet, dass ihre Nachkommen durch die Unterwasserstadt tobten. Er hatte auch erstaunt festgestellt, dass das Anwachsen der tierischen Bevölkerung, ebenso wie das der menschlichen, von der Natur dieser Welt reglementiert wurde. Es gab nie mehr als zweiundvierzig Katzen in der Stadt. War diese Zahl erreicht, stoppte das Wachstum der Population. Die Zahl der menschlichen Einwohner war auf vierhundertvierundvierzig begrenzt. Nur wenn ein Atlantiker starb, wurde eine Frau schwanger und ein Kind wurde geboren. Der Tod eines Menschen wurde in Atlantis genauso betrauert wie auf der Erde. Doch in jedem Abschied von einem geliebten Menschen lag die Gewissheit, dass bald neues Leben zu erwarten war. Und diese Gewissheit barg Trost für die Hinterbliebenen.

Janos blätterte weiter, aber als er ein leises Knarren hörte, blickte er auf. Durch die Tür des Archivs schlüpfte seine Tochter herein, kam zu ihm und stellte sich neben ihn. Er legte seinen Arm um ihre Taille und drückte sie kurz an sich.

„Na, Blümchen, was führt dich zu mir?“

Er beherrschte die Sprache der Atlantiker seit vielen Jahren fehlerfrei. Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen, sich diese anzueignen, und oft war er nahe daran gewesen, frustriert aufzugeben. Doch irgendwann stellte er fest, dass er anfing, in dieser neuen Sprache zu denken und zu träumen. Und eines Tages musste er nicht mehr darüber nachdenken, was er sagen wollte – die Worte flossen ihm ungehindert von den Lippen. Mit seiner Tochter aber hatte er immer nur in seiner Muttersprache geredet. Und so gab es in dieser fremden, der Erde entfernten Welt, eine junge Frau, die Deutsch mit leichtem bayerischen Dialekt sprach.

Er musterte sie von der Seite. Alle Väter finden ihre Töchter bildschön, das wusste er, und alle Väter sind der Meinung, ihre Töchter seien einzigartig. Hier in Atlantis gab es viele schöne, schlanke junge Menschen. Haut, die weder von Sonne noch von Nikotin geschädigt wurde, eine Ernährung, die aus Fisch, Obst und Gemüse bestand, trug zu diesem Umstand bei. Doch Vio galt nicht nur bei ihren Eltern, sondern bei allen Bewohner von Atlantis, als Schönheit. Ihr rabenschwarzes Haar, das noch nie eine Dauerwelle oder Strähnen oder auch nur einen Friseur gesehen hatte, reichte ihr als glatte, dichte Mähne bis zur Taille. Ihre Haut war hell, ohne bleich zu wirken. Und die tiefblauen Augen, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, waren hier etwas ganz Besonderes. Alle anderen Bewohner der Meeresstadt hatten grüne und braune Augen in den verschiedensten Schattierungen.

Janos dachte oft darüber nach, dass er froh war, dass seine Tochter hier behütet und geschützt aufwachsen konnte. Sie hatte unter den gleichaltrigen Mädchen hier einige enge Freundinnen, und sie war zu den jungen Männern, die sie umschwärmten wie die Motten das Licht, gleichbleibend freundlich. Ihr engster Vertrauter war ihr Cousin Ben. Und ihre Augen richteten sich interessiert nur auf einen einzigen Bewohner der Stadt – was sie vor ihrem Vater sorgfältig zu verbergen suchte.

Vio strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr und deutete auf das Buch.

„Das ist ganz neu, oder?“

„Ja, es wurde erst vor zwei Tagen angeschwemmt. Es ist sehr gut erhalten, weil es in Folie eingeschweißt

war. Aber noch einmal: Warum bist du hier?“

„Ich mache Mittagspause und wollte dir etwas erzählen. Erinnerst du dich an den Mantarochen, den mit der eingerissenen Flosse?“

„Aber sicher. Was ist mit ihm?“

„Er war heute noch einmal hier. Ich habe die Flosse angesehen und die Bandagen entfernt, alles ist tadellos verheilt.“

„Das hast du gut gemacht, Blümchen.“

„Ich habe eine neue Art entwickelt, die Bandagen anzulegen. Die Tiere werden dadurch weniger behindert, und trotzdem halten die Verbände länger.“

„Hast du das den anderen in der Heilstation auch gezeigt?“

„Natürlich. Und wir haben ein Muster um ein großes Stück Holz gewickelt. Damit man die Methode auch nachvollziehen kann, wenn ich einmal nicht da bin.“

Janos drückte seine Tochter noch einmal fest an sich. Er war stolz auf ihre beruflichen Erfolge. Er hatte niemals den Ehrgeiz vieler Eltern auf der Erde gezeigt, die ihren Nachwuchs zum Wunderkind stilisierten. Doch manchmal hatte er sich zu Vios Schulzeit doch Sorgen gemacht, was wohl eines Tages aus ihr werden würde. Luna hatte ihn immer beruhigt, hatte ihm wieder und wieder erklärt, dass gute Schulnoten in Atlantis nicht von Bedeutung seien, und dass Vio ganz bestimmt ihren Weg machen würde. Doch die Lehrer der kleinen Schule waren zu oft an seiner Tochter verzweifelt, als dass ihn dies gänzlich unberührt gelassen hätte.

Denn Vio konnte in der Schule von Atlantis in den meisten Fächern nur mäßige Erfolge verzeichnen. Krankenpflege interessierte sie so wenig wie Gärtnerei, den Sprachunterricht hatte sie so oft wie möglich ausfallen lassen. Der Geschichtsunterricht hatte sie ebenso sehr gelangweilt wie Geografie. In der Herstellung von Kleidung hatte sie sich als hoffnungsloser Fall erwiesen, und ihre Kochkünste konnten nicht einmal von den liebenden Eltern positiv bewertet werden. Die Montierer hatten schützend ihre Hände über alle Utensilien im Hangar gehalten, wenn Vio auf der Bildfläche erschien. Nur eine Ausnahme gab es, die Vios Schullaufbahn in einem erfreulichen Licht erscheinen ließ: Mathematik.

Vio war eine Naturbegabung. Mathematische Zusammenhänge boten für sie keine Geheimnisse. Berechnungen, die nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer nur schriftlich bearbeiteten, löste sie im Kopf. Die Lösung springe ihr förmlich ins Gesicht, hatte sie ihrem Vater einmal erklärt. Sie jonglierte mit Zahlen und Formeln und hatte auch noch Spaß daran. Sie war unfähig, Nadel und Faden zu handhaben, es gab kein von ihr gekochtes Gericht, das nicht versalzen, angebrannt oder auf eine andere Art und Weise ungenießbar war, aber Mathematik versetzte sie in Begeisterung. Schon als sie noch ein Kind war, zogen die erwachsenen Atlantiker, die mit der Ressourcenplanung betraut waren, sie zu Rate. Sie fand Fehler in Kalkulationen, hatte Ideen für einfachere und trotzdem sinnvollere Berechnungen zur Vorratshaltung. Alle jüngeren Schulkinder ließen sich von Vio bei den Mathematik-Hausaufgaben helfen. Sie konnte erklären, konnte schwierige Prozesse in kleine, verständliche Schritte zerlegen. Trotzdem hatte sie den Vorschlag, nach ihrer eigenen Schulkarriere die Kinder von Atlantis in Mathematik zu unterrichten, abgelehnt. Es fehle ihr oft an Geduld mit den ganz Kleinen, hatte sie etwas beschämt zugegeben. Und sie hatte, zu aller Erstaunen, darum gebeten, in der Tierheilstation lernen und arbeiten zu dürfen.

Die Erfüllung ihres Wunsches war ihr zunächst nur zögernd genehmigt worden. Der erste Heiler hatte Bedenken und Zweifel, ob sie dieser Arbeit gewachsen sein würde. Er hatte ihr die vielen selbstgeschriebenen Lehrbücher gegeben, in denen Heilmethoden ebenso verzeichnet waren wie die Herstellung von Medikamenten. Auch alle Tiere des Atlantiks waren in diesen Büchern aufgelistet, mit Ernährungsgewohnheiten und anatomischen Merkmalen. Vio, die sich bisher durch einen beklagenswerten Mangel an Konzentration beim Lernen ausgezeichnet hatte, überraschte den ersten Heiler. Nach vier Wochen konnte sie die Lehrbücher nicht nur auswendig, sondern hatte an vielen Stellen noch Ergänzungen und Verbesserungsvorschläge eingetragen. Der erste Heiler war beeindruckt und erklärte sich bereit, Vio als Lehrling anzunehmen.

Zunächst musste sie ein halbes Jahr lang konzentriert das Tauchen üben und hier die Kenntnisse vertieft, die sie schon als Kind erworben hatte. Die Atlantiker benötigten zum Schwimmen unter Wasser keine Pressluftflaschen, sondern nur ein kleines Gerät, das im Mund getragen wurde. Das Gerät war von Lunas Großvater entwickelt worden und filterte den Sauerstoff aus dem Wasser. Es funktioniere so ähnlich wie Kiemen, hatte Luna ihrem Janos erklärt, als er das Tauchen mit diesem Gerät einmal ausprobieren wollte. Er hatte dieses Unterfangen schnellstmöglich wieder aufgegeben. Für ihn fühlte es sich an, als lägen ihm zentnerschwere Steine auf der Brust, er hatte gegen Atemnot kämpfen müssen, wenn er das Gerät trug. Vio und die anderen Tierheiler jedoch hatten keine Probleme mit den Tauchgängen und der Atmung durch das Mundstück. Vielleicht musste man hier geboren sein, um diese Kunst zu erlernen, hatte Janos vermutet. Als Vio in der Lage war, ganz Atlantis schwimmend zu umrunden, konnte sie mit der Ausbildung in der Tierheilstation beginnen.

Diese war, fand Janos, eine der erstaunlichsten Einrichtungen der Unterwasserstadt. Eine schlanke, hell erleuchtete Säule stieg aus der Stadt in den Atlantik empor. Die Wände der Säule bestanden aus miteinander verflochtenen, transparenten Pflanzenfasern, die sich sacht in der Strömung bewegten und an vielen Stellen durchlässig waren. Diese durch Biolumineszenz erhellte Säule zeigte den Meerestieren, dass hier Hilfe zu erwarten war. Täglich schwammen unzählige Fische, Meeresschildkröten, Quallen, Robben, Walrosse, Pinguine und Seekühe zu dieser Lichtquelle mitten im Meer. Janos hatte die Atlantiker mehrmals gefragt, wie es möglich war, dass alle Tiere zu dieser von der Welt verborgenen Unterwasserstadt finden konnten, sogar dann, wenn sie im Atlantik gar nicht beheimatet waren. Niemand konnte ihm diese Frage beantworten. Alle wussten nur, dass es funktionierte.

Und so arbeiteten Vio mit anderen Atlantikern viele Stunden am Tag im Meer. Behutsam befreiten sie Flossen von Netzen, versorgten Wunden, öffneten Abszesse, schienten Brüche. Die erforderlichen Hilfen waren vielfältig, und die Versorgung der kranken Tiere war nicht immer ungefährlich.

Vio hatte in ihrem erwählten Beruf nicht nur schöne Erlebnisse. Sie konnte nicht allen Meeresbewohnern helfen, und manchmal flossen Tränen, wenn sie für ein Tier nichts mehr tun konnte. Doch sie liebte ihren Beruf. Und auf geheimnisvolle Art und Weise schien es sich in der Fauna verbreitet zu haben, dass in der Meeresstadt nun jemand lebte, der verletzten Fischen und anderen Wasserbewohnen helfen konnte wie niemand sonst. Denn seit Vio in der Tierheilstation ihre Arbeit aufgenommen hatte, hatte sich der Zustrom der kranken oder verletzten Tiere erheblich gesteigert.

Janos war mit der Berufswahl seiner Tochter nicht hundertprozentig zufrieden. Einmal musste er mit ansehen, wie Vio einem riesigen Weißen Hai einen Angelhaken aus der Flosse operierte. Der Fisch hatte sichtlich Schmerzen, er bewegte sich unkontrolliert, und Janos konnte kein Auge von den Zähnen des Tieres abwenden, die sich in unmittelbarer Nähe seiner Tochter befanden. Doch Vio agierte ruhig und gelassen, ließ sich Zeit, entfernte nicht nur den Haken, sondern versorgte auch noch eine entzündete Kieme des Fisches. Janos war schwarz vor Augen geworden, doch es war alles gutgegangen. Erleichtert hatte er seine Tochter nach diesem Einsatz in die Arme geschlossen.

„Muss es sein, dass ausgerechnet du solche Arbeiten übernimmst?“, hatte er gefragt.

„Wer soll es denn sonst machen?“, war ihre Antwort gewesen. Und damit hatte sie Recht. Atlantis hatte hervorragende Heiler, doch Vios Art, mit verletzten Tieren umzugehen, nötigte selbst den ältesten Bewohnern Respekt ab.

Vio deutete auf eine Stelle um Buch. „Was ist das denn? Der größte Eisbecher der Welt?“

„In diesem Buch stehen nur Superlative. Der größte Eisbecher, die kleinste Maus, der dickste Mann, die teuerste Uhr und so weiter. Jedes Jahr kommt eine Neuauflage dieses Buchs heraus. Viele Menschen sind stolz darauf, wenn sie im Buch der Rekorde stehen.“

„Du hast mir schon einmal von Eis erzählt. Es schmeckt gut, aber es brennt auf der Zunge, richtig?“

„Ja, weil es sehr kalt ist.“

„Wie kann Kälte brennen?“

„Es ist viel kälter als alles, was du kennst. Aber es schmeckt trotzdem sehr gut.“

Vio blätterte weiter. „Die größte Achterbahn der Welt ist einhundertneununddreißig Meter hoch und steht in Amerika. Aber in Deutschland gibt es auch Achterbahnen, richtig? Bist du schon einmal in einer Achterbahn gefahren, in deinem früheren Leben?“

Janos schüttelte den Kopf. „Nein. Nie. Achterbahnen stehen meistens auf Rummelplätzen, und da ist es voll und laut. Das hat mich nie interessiert.“

Vio sah ihn an. „War denn alles in deiner alten Welt schlecht, oder gab es ein bisserl was, was dir gefallen hat?“

Janos musste über das so bayerische „bisserl“ schmunzeln. „Es war nicht alles schlecht. Ich hatte viele Bücher, die vermisste ich hier manchmal. Auf der Erde gibt es riesige Räume, ganze Häuser, die angefüllt sind mit Büchern. Es gibt wunderbare Sammlungen von Bilder in Gebäuden, die heißen Museen. Das ist schön. Ich mochte den Schnee, daran erinnere ich mich.“

„Bereust du es, dass du all das aufgegeben hast? Manchmal, vielleicht?“

„Nein. Nie. Ich habe es noch nie bereut“, erklärte Janos ohne zu zögern. „Ich gehöre hierher. Keinen Tag habe ich bedauert, mich für diese Welt und für deine Mutter entschieden zu haben. Warum fragst du das?“

Vio blättere langsam weiter. „Ich weiß es nicht genau. Vielleicht, weil du mir schon so viel von der Welt erzählt hast, aber ich sie mir trotzdem nicht so richtig vorstellen kann. Ich möchte gerne einmal ein Eis essen.“

Janos drückte seine Tochter fest an sich. „Glaub mir Blümchen, die Welt ist nicht schön. Es gibt ein paar schöne Dinge, ja, aber das Meiste ist nicht gut. Dort gibt es Leid und Kriege, zu viele Menschen, zu viele Autos, zu viel Hektik. Eigentlich gibt es von allem zu viel. Das ist auch etwas, was ich nicht vermisse: Dieser allgegenwärtige Überfluss. Der dafür sorgt, dass man nichts von dem, was man hat, richtig zu schätzen weiß. Kannst du das verstehen?“

„Vielleicht. Darf ich mir dieses Buch hier ausleihen?“

„Ja, sicher. Geh bitte vorsichtig damit um und bring es wieder, wenn du es nicht mehr brauchst.“ Janos erhob und reckte sich. „Was hast du heute noch vor?“

„Nach dem Nachtmahl treffen wir uns in der großen Halle. Wir wollen tanzen.“

„Wer ist denn alles dabei?“

„Ben nehme ich mit. Er wird sich wieder sträuben, aber das ist mir egal. Bea kommt und Sam, Lin und Zill und“, sie stockte leicht, „und noch ein paar Leute.“

„Finn auch?“

Vios Wangen färbten sich rosa. „Ja, ich denke schon. Gehen wir? Wir können vor dem Essen noch ein bisschen Schach spielen.“

Janos ließ den Themenwechsel seiner Tochter unkommentiert. „Schach ist eine gute Idee“, antwortete er nur.

„Deine Eltern haben auch immer Schach gespielt, hast du gesagt.“

„Ja. Ihr altes Schachbrett habe ich verschenkt.“

„An die beiden Mönche auf der großen Reise, die du mit Mama gemacht hast.“

„Ja. Und hier haben mir die Montierer nach meinen Angaben ein neues Brett und neue Figuren geschnitzt.“

„Dann lass uns spielen, Papa. Du schuldest mir noch eine Revanche vom letzten Mal.“

Vio klemmte sich das Buch der Rekorde unter den Arm, und gemeinsam mit ihrem Vater verließ sie das Archiv.

Zwei Wochen später.

„Was liest du eigentlich immerzu?“ Ben trat hinter seine Cousine, die auf ihrem Bett lag und in das Buch der Rekorde vertieft war. Sie drehte sich zu ihm um.

„Das Buch ist neu im Archiv und ich habe es mir ausgeliehen.“

„Darin steht aber keine zusammenhängende Geschichte, oder?“

„Nein. Da steht ganz viel über die Welt, über die Erde drin. Lauter ganz große oder winzige Sachen.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Guck doch mal, hier.“ Vio deutete auf eine Stelle. „Hier steht etwas über die größte Burganlage in Europa. Und da hinten“, sie blätterte weiter, „steht etwas über den höchsten Berg. Ist das nicht fantastisch? Die Erdenmenschen haben so viele verschiedene Sachen, die besonders sind. Und sie schreiben all diese Besonderheiten in das Buch. Total witzige Dinge sind dabei, über einen Mann, der die längsten Fingernägel der Welt hat. Oder über einen Rekord im Kuchenessen.“

Ben schaute skeptisch. „Ja, das ist ganz witzig, aber ich weiß jetzt nicht, was dich daran so begeistert.“

Vio setzte sich auf und spähte in den Wohnraum. Sie waren alleine, ihre Mutter war mit den Schulkindern in den Gartenanlagen und ihr Vater befand sich im Archiv. Sie beugte sich zu ihrem Cousin.

„Kann ich dir ein Geheimnis anvertrauen? Ohne, dass du mich verrätst?“

„Ich habe dich noch nie verraten, das weißt du.“

Das stimmte. Ben war immer ihr engster Vertrauter gewesen, nicht erst seit dem Unglück, bei dem seine Eltern starben. Er stand ihr nahe wie ein Bruder, er war zu ihrem Bruder geworden. Sie hatte Freundinnen, aber ihre Sorgen vertraute sie immer Ben an. Und auch er, der immer noch zurückhaltend war und keine Freundschaften suchte, war seiner Cousine ohne jede Einschränkung zugetan. Sie war die Einzige, der er vollkommen vertraute, sie war diejenige, die es zumindest ab und zu schaffte, ihn aus seinem selbstgeschaffenen Schneckenhaus zu locken. Er setzte sich neben Vio, nahm sie in den Arm und nickte ihr auffordernd zu. Sie holte tief Luft, blickte sich noch einmal kontrollierend um und sagte dann sehr leise:

„Ich möchte gern die Welt meines Vaters kennenlernen.“

Zu ihrer Erleichterung lachte Ben sie nicht aus. Er blieb ruhig neben ihr sitzen, nur seine Hand, die auf seinem Oberschenkel auf- und abwanderte, verriet sein Unbehagen. Da sie wusste, dass er immer Zeit brauchte, seine Gedanken zu formulieren, wartete sie geduldig ab.

„Ich glaube nicht, dass das möglich ist“, sagte er endlich.

„Und ich glaube, dass das sehr wohl möglich ist“, entgegnete Vio. „Ich bin zu fünfzig Prozent ein Erdling. Ich habe die Gene meines Vaters. Also müsste es eigentlich möglich sein, dass es auf der Erde einen Platz für mich gibt. Nur als Besucherin, natürlich.“

„Du solltest den König fragen, ob du mit dem Mobil auf den Kraftlinien reisen darfst. Das könnte tatsächlich funktionieren.“

Vio schüttelte ungeduldig den Kopf. „Ich will nicht auf den Kraftlinien reisen. Da könnte ich das Mobil nur eingeschränkt verlassen, das wissen wir beide. Nein, ich will richtig in die Welt reisen. Ich will sehen, wie die Menschen leben.“

„Dann frag Janos, der erzählt dir das“, erwiderte Ben trocken.

„Er hat mir das schon so oft erzählt, aber ich kann es mir trotzdem nicht richtig vorstellen. Ich will es erleben.“

Ben seufzte. „Du weißt, für Abenteuer bin ich nicht zu haben. Ich bin glücklich und zufrieden hier und es geht mir am besten, wenn alles immer schön gleichmäßig seinen Gang geht. Ich mag keine Veränderungen.“

„Das weiß ich, Ben. Und ich bin auch glücklich hier. Aber trotzdem möchte ich gerne einmal etwas Anderes sehen. Würdest du mir helfen?“

„Weißt du, was Janos mit mir anstellt, wenn ich dich, seine Tochter, bei einem solchen Vorhaben unterstütze? Er reißt mir den Kopf ab.“

„Unfug, das macht er nicht. Du bist sein Sohn, und er liebt dich genauso wie mich. Vielleicht versteht er es sogar.“

„Und wovon träumst du nachts?“

„Ben bitte! Vio nahm seine Hand. „Ohne dich schaffe ich das nicht. Ich muss das ja vorbereiten, heimlich, ohne dass jemand etwas merkt.“ Sie sah ihn fest an. „Du müsstest auch gar nicht viel tun. Wirklich nicht.“

Ben schaute skeptisch. „Und was ist das, was ich machen muss?“

Vio strahlte ihn an. „Du musst mich nur zu Poseidon bringen.“

„Nur!“ Ben sprang auf und schüttelte den Kopf. „Nur zu Poseidon bringen. Du hast doch nicht mehr alle Korallen am Riff! Vergiss es einfach. Nicht mit mir!“

„Ben, bitte…“

„Ich sagte: Vergiss es! Ich mache diese Walkacke nicht mit. Zu Poseidon bringen? Einfach so beim Gott der Meere anklopfen? Weil der ja bestimmt nichts weiter zu tun hat, als uns zu empfangen. Nein Vio, wirklich nicht. Ich war bisher immer für dich da, aber für diesen Irrsinn musst du dir einen anderen Handlanger suchen.“

„Ich weiß doch gar nicht, ob es Irrsinn ist, bevor ich es versucht habe“, protestierte sie.

„Es ist Irrsinn, da musst du nichts versuchen. Ist dir nicht klar, was dir auf der Erde alles passieren kann? Janos hat uns doch oft genug erzählt, wie es dort zugeht. Ich werde das Risiko nicht eingehen, dass du zu Schaden kommst, weil ich dir geholfen habe!“ Er schnitt Vio, die gerade zu einer Entgegnung Luft holte, das Wort mit einer energischen Handbewegung ab.

„Das ist mein letztes Wort. Such dir einen anderen, der sich nicht für dich verantwortlich fühlt. Vielleicht hilft der dir dann. Ich werde es auf jeden Fall nicht tun.“

Er rannte aus dem kleinen Häuschen und schlug die Tür hinter sich zu. Vio sah ihm entgeistert hinterher. Noch nie in all den Jahren hatte ihr stiller, sanfter Cousin derart heftig reagiert.

Ben stürmte durch die Stadt, verwunderte Blicke folgten ihm. Die Atlantiker waren gewohnt, ihn ruhig, zurückhaltend und unauffällig zu erleben. Meist hielt er sich im Hintergrund, er blieb, soweit es in dieser kleinen Stadt möglich war, gerne für sich allein. Dass er jetzt hier durch die Straßen rannte, ohne nach links und rechts zu sehen, war mehr als ungewöhnlich. Vios unmöglicher Vorschlag rotierte in Bens Gedanken. Das konnte sie doch nicht ernst meinen. Das Beste wäre, er würde Janos von Vios Idee erzählen. Aber egal, wie wütend er auf seine Cousine war, er würde sein Versprechen nicht brechen, sondern den Mund halten. Seine Schritte wurden langsamer und er schlug den Weg zu den Gartenanlagen ein. Dort angekommen schlüpfte er in eines der Gewächshäuser und atmete erst einmal tief durch. Der durchdringende Duft nach Erde, Nährlösung, Blumen und Gemüse beruhigte ihn wie immer sofort. Langsam begann er, durch die Reihen der Beete zu schlendern.

Dass es hier Gewächshäuser gab, hatten sie Janos zu verdanken. Bevor er nach Atlantis kam, hatten sie ihre Pflanzen in einfachen, großen Gefäßen gezogen. Janos hatte ihnen erzählt, dass in Gewächshäusern die Pflanzen sehr viel schneller reifen würden und hatte ihnen aufgezeichnet, wie solche Gewächshäuser in seiner Welt aussahen.

Natürlich konnten diese Pläne nicht eins zu eins umgesetzt werden. Es gab kein Glas in Atlantis, und auch Metallstreben waren hier unbekannt. Aber aus großen, gebogenen Walgräten und aus hauchdünnen, getrockneten Quallenhäuten, waren nach und nach zwei kleine Gewächshäuser entstanden, in denen die Pflanzen nun tatsächlich besser gediehen.

Hier war Bens Arbeitsplatz, und er liebte ihn. Seine behutsame Art, seine Geduld, seine sanften, vorsichtigen Hände waren perfekte Voraussetzungen für den Umgang mit jungen, empfindlichen Pflanzen. Sachte strich er mit den Fingerspitzen über zarte, grüne Blättchen, er kontrollierte die Nährlösung der silbrigen Gemüseranken, die sich bis hoch zur Decke erstreckten. Vor einem Anzuchtkasten blieb er stehen und betrachtete die kleinen Setzlinge. Doch, sie waren groß genug. Er holte sich einen aus Algen geflochtenen Korb, in dem große, leere Schneckenhäuser lagen. Diese waren ideal, um die Gewächse zu pikieren. Vorsichtig begann er, die winzigen Pflanzen aus dem Anzuchtkasten zu lösen. Er bettete die dünnen, empfindlichen Wurzeln in neue Erde und steckte in jedes Schneckenhaus noch eine lange Gräte als Rankhilfe. Die neu bepflanzten Schneckenhäuser legte er vorsichtig in einen weiteren Korb, um später einen geeigneten Platz für sie zu suchen. Er war völlig in seine Arbeit vertieft, als ein sachter Luftzug von der Tür her ihn aufblicken ließ. Seine Tante Luna, Vios Mutter, kam herein und stellte sich neben ihn. Er nickte ihr wortlos zu und konzentrierte sich auf seine Arbeit.

Sie hatte sich nicht sehr verändert in den vergangenen Jahren. Zarte, weiße Strähnen zogen sich durch ihre ehemals rabenschwarzen Haare, die der Trauer um ihren Bruder und um ihre Schwägerin geschuldet waren. Um ihre Augen hatten sich feine Fältchen eingegraben. Doch der Ausdruck der bernsteinfarbenen Augen war immer noch der, in den sich Janos vor fast zwanzig Jahren verliebt hatte.

Luna sah auf Bens Hände, die so vorsichtig und liebevoll die kleinen Pflänzchen voneinander trennten und in die einzelnen Schneckenhäuser setzen. Zwar wusste Luna, dass ihr Neffe häufig wortkarg war, aber seine jetzige verbissene Schweigsamkeit gab ihr doch zu denken.

„Willst du darüber reden?“, fragte sie ihn. Misstrauisch schaute er zu ihr hinüber.

„Reden? Worüber?“

„Das weißt du besser als ich, hm? Über das, was dich bedrückt.“

„Eigentlich nicht.“

„In Ordnung“, erwiderte Luna und begann nun ihrerseits, Setzlinge voneinander zu trennen.

Dies war eine der Eigenschaften, die Ben an seiner Tante besonders schätzte. Wenn sie spürte, er wollte in Ruhe gelassen werden, dann drängte sie ihn nicht. Sie signalisierte ihm, dass sie für ihn da war, und ließ ihm dabei die Freiheit, auf sie zuzukommen, oder eben auch nicht. Er überlegte, ob er es dabei bewenden lassen sollte, rückte dann aber doch mit der Sprache heraus.

„Ich habe Streit mit Vio“, erklärte er kurz.

„Das hattet ihr doch schon öfter.“

„So nicht!“

„Streit ist normal zwischen Geschwistern. Und ihr seid aufgewachsen als Geschwister. Willst du mir sagen, worum es ging, oder geht mich das nichts an?“

Ben überlegte. Er fühlte sich an das Versprechen, das er seiner Cousine gegeben hatte, gebunden, und andererseits fühlte er sich für sie verantwortlich.

„Sie will mich zu etwas überreden, was ich nicht will“, sagte er endlich.

„Ich bin mir sicher, du wirst dich richtig entscheiden. Ob du dich überreden lässt oder nicht.“ Luna lachte leise. „Nimm es ihr nicht übel. Sie kann nichts dafür, sie hat eben meine Gene.“

„Wie meinst du das?“

„Lunas Vater wollte damals auch nicht mit mir auf die große Reise nach Atlantis kommen. Du kennst doch die Geschichte? Ich musste ihn überreden, seine vielen besorgten Fragen beantworten, bis er sich bereiterklärt hat, mit mir zu kommen.“

Ratlos blickte Ben seine Tante an. „Du meinst, ich soll nachgeben?“

„Ich meine gar nichts. Tu, was du für richtig hältst. Vio wird sich freuen, wenn du nachgibst, und sie wird es verschmerzen, wenn du es nicht tust.“ Luna nahm den schon zur Hälfte mit bepflanzten Schneckenhäusern gefüllten Korb und stellte sorgfältig die von ihr umgetopften kleinen Setzlinge mit hinein. „Ich bringe sie hinüber in das andere Gewächshaus. Dann hast du hier Platz für neue Anpflanzungen.“

„Ich danke dir.“

Luna verschwand und Ben war wieder mit seinen Gedanken alleine. Er grübelte über die Worte seiner Tante nach. Wusste sie etwas? Er konnte sich das nicht vorstellen. Vio hatte bestimmt nicht mit ihrer Mutter über ihren Wunsch, die Erde kennenzulernen, gesprochen. Luna konnte davon nichts wissen. Und doch, warum hatte sie ihn ausgerechnet an Janos große Reise erinnert? Die Geschichte dieser Reise, die das Weiterbestehen von Atlantis ermöglicht hatte, kannte hier jedes Kind. Ben selbst hatte sie unzählige Male gehört. Von seiner Großmutter, von seinen Eltern, von jedem Einwohner der Stadt. Und wenn Janos ihm die Geschichte selbst erzählte, dann strahlten seine Augen. Er hatte seine Reise, sein Abenteuer nie bereut, betonte er immer wieder. Diese Reise hatte das Glück in sein Leben gebracht.

Ob Vio ein solches Glück im Leben fehlte?

Ben stellte seine Arbeitsutensilien beiseite, wusch sich die Hände und verließ das Gewächshaus. Ein Blick in das nebenan liegende Treibhäuschen zeigte ihm Lunas Silhouette, die sich langsam hin und her bewegte. Seine Tante war also noch beschäftigt, und Janos war vermutlich noch im Archiv tätig. Mit ein bisschen Glück würde Vio noch alleine zuhause sein. Eilig lief er durch die kleine Stadt zurück, bis er an dem Häuschen ankam, in dem er mit Janos, Luna und Vio lebte. Er drückte die Tür auf und betrat Vios kleines Zimmer. Dieses unterschied sich gewaltig von seinem eigenen Reich. Generell waren in Atlantis Ziergegenstände weitestgehend unbekannt. In den Häusern gab es alles Notwendige, aber nichts Überflüssiges. Auch Bens Zimmer entsprach diesem Stil, mit seinen weißen Wänden und den wenigen hellen Möbeln war es ein ruhiger, aber keinesfalls kalter Raum.

Vio hingegen hatte ihrem persönlichen Umfeld einen Stempel aufgedrückt, der in ganz Atlantis einmalig war. Bunte Muscheln in verschiedenen Rosatönen