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Früher gab es viele Welten. Sie existierten nebeneinander, parallel, sie wurden erkannt, besucht und wieder verlassen. Die Bewohner dieser Welten konnten zwischen ihnen wandern. Die Schichten zwischen den Welten waren dünner, damals, vor langer Zeit. Die Menschen nahmen sich Zeit, hinzuhören und hinzusehen, und so erkannten sie, wenn sich ihnen fremde Welten zeigten und öffneten. Doch die Zeit verging immer schneller. Unsere Welt wurde lauter. Und niemand nahm sich mehr die Zeit, auf andere Welten zu achten. So entfernten diese sich immer weiter von uns, und die Schichten zwischen den Welten wurden immer dichter. Bis sie eines Tages undurchdringbar waren. Fremde Welten waren der unseren entschwunden. Es führte kein Weg mehr von hier nach dort. Bis heute!
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Seitenzahl: 335
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Früher gab es viele Welten.
Sie existierten nebeneinander, parallel, sie wurden erkannt, besucht und wieder verlassen. Die Bewohner dieser Welten konnten zwischen ihnen wandern.
Die Schichten zwischen den Welten waren dünner, damals, vor langer Zeit. Die Menschen nahmen sich Zeit, hinzuhören und hinzusehen, und so erkannten sie, wenn sich ihnen fremde Welten zeigten und öffneten.
Doch die Zeit verging immer schneller. Unsere Welt wurde lauter. Und niemand nahm sich mehr die Zeit, auf andere Welten zu achten.
So entfernten diese sich immer weiter von uns, und die Schichten zwischen den Welten wurden immer dichter. Bis sie eines Tages undurchdringbar waren.
Fremde Welten waren der unseren entschwunden.
Es führte kein Weg mehr von hier nach dort.
Bis heute!
Jan konnte sich nicht daran erinnern, jemals einen so heißen Sommer erlebt zu haben.
Die Saharahitze, die seit zwei Wochen über Portugal, Spanien und Südfrankreich ihren Weg nach Deutschland fand, hatte auch München fest im Griff. Jeden Tag kletterte das Thermometer auf fast vierzig Grad, und auch die Nächte brachten kaum Abkühlung. Jetzt, kurz vor Mitternacht zeigte Jans Außenthermometer immer noch achtundzwanzig Grad an. Und in seiner Wohnung war es noch heißer. Satte vierunddreißig Grad hatte er hier unter dem Dach; an erholsamen Schlaf war nicht zu denken. Selbst wenn er alle Fenster öffnete, zog kein Lüftchen durch seine Wohnung. Dafür fing er umgehend an zu niesen. Sogar hier, in der Hauptverkehrsstraße in der er lebte, wo kein Fleckchen Gras und kein Baum zu sehen war, ließ ihn sein Heuschnupfen keine Sekunde in Ruhe.
Tränende Augen und eine ständig laufende Nase gehörten zu Jans Leben, soweit er zurückdenken konnte. Im Winter war es etwas besser, was nichts Anderes hieß, als dass er nur alle Viertelstunde einmal niesen musste. Ab April bis Ende September litt Jan an permanent tränenden Augen und einer Schniefnase, die ihn alle fünf Minuten zum Taschentuch greifen ließ. Sämtliche bekannten und unbekannten Heilmittel hatte er ausprobiert, von Cortison über Akupunktur, von Desensibilisierung bis hin zu im Internet beworbenen angeblichen Wunderpillen – nichts hatte geholfen. Nach dem letzten verzweifelten Versuch seiner Allergie Herr zu werden, bei dem eine Schamanin, ein Nacktbad im Stadtweiher bei Vollmond und seltsame Gesänge beteiligt gewesen waren, hatte er aufgegeben. Und sich damit abgefunden, bis ans Ende seiner Tage ein Großabnehmer der Produkte der Zellstoffindustrie zu sein.
Im Büro ging es noch einigermaßen. Er musste sein Zimmer mit niemandem teilen, verfügte über eine Klimaanlage und konnte die Fenster hermetisch verschlossen halten. Besuch von Kollegen bekam er nie. Er war im Archiv des Einwohnermeldeamtes beschäftigt. Ein knochentrockener Job, in dem er es nur mit verstaubten Papieren zu tun hatte, aber so gut wie nie mit richtigen Menschen. Er sortierte Urkunden, scannte, kopierte, legte ab, mailte mit der Bundesdruckerei. Manchmal fragte er sich, ob überhaupt irgendjemand wusste, dass er hier arbeitete. Und er hätte sich nicht gewundert, wenn sein Job früher oder später der Rationalisierung zum Opfer gefallen wäre.
Trotzdem: Er liebte seine Arbeit. Sie gab ihm die Möglichkeit, halbwegs beschwerdefrei seine Tage zu verbringen. Und sie sorgte dafür, dass er so gut wie keinen Kontakt zu Menschen hatte.
Jan mochte keine Menschen. Sie waren laut und aufdringlich und wollten ständig, dass er irgendwelche Dinge tat, die ihm zuwider waren. Früher hatten ihn Kollegen immer wieder gefragt, ob er nicht mit in den Biergarten gehen wollte. Er hatte so lange konsequent abgelehnt, bis ihn niemand mehr fragte. Zu seinen Nachbarn hatte er keinen Kontakt, Geschwister oder Verwandte hatte er nicht, und seine Eltern waren gestorben, als er fünf Jahre alt war. Eine Tante hatte ihn damals aufgenommen, doch auch sie war schon längst tot.
Jan war der einsamste Mensch auf diesem Planeten. Und genauso gefiel es ihm. Nur manchmal, nachts, wenn er nicht schlafen konnte, sinnierte er darüber nach, ob er auch ein anderes Leben haben könnte. Eines mit Freunden. Eines, in dem er gebraucht wurde. Ein Leben, in dem er für andere Personen präsent war.
Aber nein. Es sollte am besten alles so bleiben, wie es war. Er hatte keine sogenannten sozialen Verpflichtungen. Er musste sich nie Gedanken machen um Weihnachtsgeschenke oder Geburtstagseinladungen. Er lebte zufrieden mit seinen Büchern und mit seiner Katze Sunny, die er vor drei Jahren aus dem Tierheim geholt hatte. Sunny war die richtige Ergänzung in seinem Leben, fand er. Genauso scheu und misstrauisch und zurückhaltend wie er. Zusammen bildeten sie ein perfektes Team. Genau wie er hielt die Katze sich auch am liebsten in geschlossenen Räumen auf und war in den letzten drei Jahren nicht ein einziges Mal auf dem Balkon gewesen.
Jan schaute auf die Uhr. Zehn Minuten vor Mitternacht und immer noch brüllende Hitze. Es machte keinen Sinn, ins Bett zu gehen. Erstens war es viel zu heiß, und zweitens hatte er ab morgen drei Wochen Urlaub. Drei Wochen in dieser Wohnung hier, drei Wochen, die er irgendwie herumbringen musste, bevor er wieder in sein Büro gehen konnte. Hoffentlich traf er dort im Flur niemanden, der ihn fragte, ob er einen schönen Urlaub gehabt hätte. Und ob er verreist wäre. Verreisen? Allein der Gedanke daran verursachte ihm Schweißausbrüche.
Schon wieder musste er niesen. Blind tastete er nach den Taschentüchern, die in Großpackungen überall in seiner Wohnung herumlagen. Er unterdrückte den Impuls, sich heftig die Augen zu reiben. Aus Erfahrung wusste er, dass dies ihm keinerlei Linderung des ständigen Brennens verschaffen würde. So beschränkte er sich darauf, sich kräftig zu schnäuzen und danach die permanent wunde Stelle unter seiner Nase einzucremen.
„Ich würde alles, wirklich alles dafür tun, diese blöde Allergie nicht in meinem Leben zu haben“, teilte er den Wänden seiner Wohnung mit. Wie immer verhallte dieser Ausspruch ungehört. Und wenn Jan ehrlich war musste er zugeben, dass er schon alles Menschenmögliche versucht hatte, seinem Heuschnupfen Herr zu werden. Nichts hatte geholfen.
Er ging ins Bad und stellte sich unter die fast kalte Dusche in der Hoffnung, sich dadurch etwas abzukühlen. Er genoss den erfrischenden Wasserstrahl auch wenn er aus Erfahrung wusste, die Abkühlung war trügerisch und nur von kurzer Dauer. Beim Abtrocknen warf er einen flüchtigen Blick in den Spiegel. Blasse Haut, die sich beim geringsten Sonnenstrahl sofort ungesund rötete. Rötlich-blonde, strohglatte Haare. Wie jeden Tag blickte ihn sein nichtssagendes, 27jähriges Spiegelbild gleichgültig an. Das einzige, was ihm an sich gefiel, waren seine Augen. Diese leuchteten in einem intensiven Kornblumenblau, das so gar nicht zu seiner übrigen, farblosen Erscheinung passen wollte. Er zuckte die Achseln und ging in die Küche um sich etwas zu trinken zu holen. Sunny lag quer auf den Fliesen; auch ihr war es viel zu heiß. In diesen Wochen kam sie nachts zum Schlafen nicht zu ihm in sein Bett, sondern legte sich lieber ins leere Waschbecken. Er holte sich eine Cola aus dem Kühlschrank und ging wieder ins Wohnzimmer.
Er schaute aus dem Fenster und sah seine Nachbarn, die auch seine Vermieter waren, die letzte Gassirunde mit ihrem hysterischen Dackel antreten. Seine Vermieter waren ein älteres Ehepaar, dessen einziges Glück im Leben dieses verfettete Tier war, das asthmatisch keuchend und wild kläffend an der Leine zerrte. Der Dackel bellte gefühlte dreiundzwanzig Stunden am Tag. Jan hatte sich schon oft überlegt, ob er die Besitzer darauf hinweisen sollte, dass er nachts gerne einmal ungestört durchschlafen wollte. Aber allein der Gedanke daran, mit den Vermietern zu sprechen, bereitete ihm Unbehagen. Er war froh, eine bezahlbare Wohnung in München gefunden zu haben. Und es gab schlechtere Vermieter. Auch wenn sie jeden Sonntag früh um halb sieben Uhr den Staubsauger startete und wenn er jeden Samstag in aller Frühe bei voll aufgedrehtem Radio seinen Wagen wusch. Es gab schlimmere Vermieter. Bestimmt. Und Ohropax hatte er ohnehin immer im Haus.
Zeit ins Bett zu gehen. Noch ein paar Zeilen lesen und dann versuchen zu schlafen. Jan setze die Colaflasche an, legte den Kopf mit geschlossenen Augen in den Nacken und trank die letzten Schlucke. Er atmete tief durch, rülpste dezent und warf einen letzten Blick aus dem Fenster.
Und sah dieses Ding!
Jan blinzelte irritiert, rieb sich die Augen und starrte erneut aus dem Fenster.
Vor seiner Haustüre stand ein schimmerndes, kreisrundes Etwas. Es war vielleicht zwei Meter hoch und schien, obwohl es Räder hatte, sacht zu schweben. Jan war sich sicher, so etwas noch nie gesehen zu haben, und er war sich genauso sicher, dass dieses Ding vor einer Minute noch nicht dagewesen war.
Ratlos starrte er auf die schimmernde Kugel als er aus den Augenwinkeln registrierte, dass seine Vermieter zurückkamen. Was sie wohl dazu sagen würden, wenn ein überdimensionierter, leuchtender Ball direkt vor ihrer Haustür parkte? Gespannt wartete er, aber seine Vermieter liefen einfach an dem Ding vorbei. Nicht einmal der Dackel schnüffelte oder kläffte es an.
Die Vermieter verschwanden im Haus und Jan beobachtete die Kugel unten auf der Straße. Was war das? Und warum war es hier? Er schrak zusammen, als er eine Berührung am Ellbogen spürte. Sunny war aufs Fensterbrett gehüpft und starrte ebenfalls nach draußen. Kurz blickte er zu seiner Katze, streichelte ihr beruhigend über das glänzende, kohlschwarze Fell und schaute wieder hinaus.
In der Kugel hatte sich eine Öffnung aufgetan. Darin stand eine schmale Gestalt. Er konnte kein Gesicht erkennen, war sich aber absolut sicher, dass die Gestalt unbewegt zu ihm hinaufblickte. Der Verkehr brandete unvermindert weiter; niemand außer ihm schien Notiz davon zu nehmen, dass ein glänzendes, mondähnliches Irgendwas mitten in München im Weg herumstand.
Ohne den Blick von der reglosen Gestalt zu wenden tastete Jan nach seiner Hose, die auf dem Schreibtisch neben ihm lag. Er streifte sie über, suchte mit den Füßen nach seinen Schuhen und griff blind nach seinen Schlüsseln. Untypische Neugierde hatte ihn ergriffen und der vage Gedanke, dass dieses Ding samt der Gestalt eventuell nicht ganz zufällig genau vor seiner Haustür stand.
„Ich bin gleich wieder da“, erklärte er seiner Katze. „Vielleicht haben sie sich verfahren“, fügte er noch hinzu, ging aus der Wohnung, lehnte die Tür an und lief die Treppe hinunter. Im Hausflur unterdrückte er einen erneuten Niesanfall weil dieser, wie er wusste, hysterischen Kläffen des Dackels und eine Beschwerde seiner Vermieter über den unzumutbaren Lärm, den Jan verursachte, zur Folge haben würde.
Als er auf die Straße trat hatte sich an der merkwürdigen Erscheinung nichts geändert. Aus dieser Perspektive erschien ihm die schimmernde Kugel noch größer. Nach wie vor stand ein schmales Wesen in der Öffnung; und jetzt war Jan sich ganz sicher, dass dieses Wesen ihm erwartungsvoll entgegenblickte. Zögernd trat er einen Schritt näher. Die Gestalt entpuppte sich als junge Frau. Sie hatte schwarze, glatte, kurze Haare, die sich wie eine Kappe um ihren schmalen Kopf legten. Bernsteinfarbene Augen beherrschten ein zartes, blasses Gesicht.
Alles in allem war sie die schönste Frau, die Jan jemals gesehen hatte. Nicht, dass er bislang viele Frauen bewusst angesehen hatte, aber trotzdem erschien ihm diese hier außergewöhnlich bezaubernd.
„Kann ich…“, er musst sich räuspern, „kann ich dir vielleicht helfen?“ Der bekannte Niesreiz stieg ihm schon wieder in die Nase. „Entschuldige bitte“, brachte er noch hervor, wandte sich ab und nieste in ein hastig hervorgezogenes Taschentuch. Er schnäuzte sich gründlich, steckte das Taschentuch wieder weg und wandte sich der jungen Frau zu.
Diese hatte nun einen leicht verwunderten Ausdruck auf dem Gesicht.
„Warum machst du das?“ wollte sie wissen.
„Was?“ fragte er irritiert zurück.
„Na, das alles“, erwiderte sie mit einer umfassenden Handbewegung. „Es sieht sehr lustig aus.“
„Lustig? Ist es leider nicht. Meine Nase juckt, dann muss ich niesen, mich schnäuzen, ungefähr dreihundert Mal jeden Tag. Entschuldigung, aber kann ich dir jetzt nun helfen? Was machst du hier?“
„Ich habe dich gesucht“, entgegnete die Frau.
„Mich gesucht? Kennen wir uns?“
„Nein. Aber ich habe einen Brief für dich.“ Mit diesen Worten zog sie einen Umschlag hervor, den sie bisher in ihrem Umhang verborgen hatte. Erwartungsvoll streckte Jan die Hand danach aus. Er hatte seit Jahren keinen Brief mehr bekommen. Zwar kam ihm die Art der Zustellung gerade etwas merkwürdig vor, aber trotzdem wollte er wissen, was in diesem Brief stand. Doch die junge Frau zögerte, anstatt ihm den Brief zu geben.
„Was ist denn?“ wollte er wissen.
„Ich kann dir den Brief nicht hinausreichen, dann geht er kaputt. Kannst du vielleicht ganz kurz hereinkommen?“ Sie trat einen Schritt zurück und gab die Öffnung, die in die glänzende Kugel führte, damit frei.
„Hereinkommen?“ Jan schaute die junge Frau skeptisch an. „Ich kenne dich ja gar nicht. Ich weiß nicht, wie du heißt und was du hier willst. Wird das hier eine Entführung?“
„Ich kenne dich auch nicht und bitte dich trotzdem, hereinzukommen. Ich heiße übrigens Luna, und ich will dir diesen Brief hier geben. Und warum sollte ich dich entführen wollen?“
Stimmt eigentlich, dachte Jan, warum sollte mich irgendjemand entführen wollen? Lösegeld ist für mich bei niemandem auf der Welt zu erpressen. Vermutlich weiß kaum jemand in dieser Welt, dass es mich überhaupt gibt. Schon wieder spürte er, dass er niesen musste, hielt sein Taschentuch bereit und schnaubte hinein. Dann holte er tief Luft und betrat mit einem entschlossenen großen Schritt die schimmernde Kugel.
Schlagartig wurde es kühler um ihn herum. Es konnten maximal zweiundzwanzig Grad hier innen sein, eher weniger. Seine permanent brennenden Augen hörten sofort auf zu schmerzen und er spürte, wie seine Nase frei wurde.
„Eine erstklassige Klimaanlage hast du hier“, sagte er anerkennend. „Kann ich jetzt den Brief haben?“
Luna hielt ihm den Umschlag hin. „Hier bitte, hier ist er. Ich habe keine Klimaanlage.“
Perplex starte Jan die junge Frau an. Er war sich sicher, dass Luna sich mit ihm einen Scherz erlaubte. Ohne weiter darauf einzugehen öffnete er den Umschlag, entnahm ihm einen blassgrünen Briefbogen und las:
„Verehrter Fremder, wir kennen uns nicht und doch bedanke ich mich, dass Du Dir Zeit für uns nimmst. Das Volk von Atlantis benötigt Deine Hilfe. Merkwürdige Dinge geschehen in unserer Welt. Wir wissen nicht, was geschieht, wir wissen nur: Atlantis droht aufzutauchen. Wenn dies geschieht, wird unsere Welt ein Teil Deiner Welt, was beide Welten unausweichlich zerstören würde.
Verehrter Fremder, wir bitten Dich, komm zu uns und hilf uns, unseren drohenden Aufgang zu verhindern.
Mit Dank,
Velistara,
Königin von Atlantis“
Jan las sich den Brief ein zweites und ein drittes Mal durch; der Inhalt änderte sich nicht. Kopfschüttelnd legte er den Brief wieder in seinen Umschlag und gab ihn Luna zurück. Sie schaute ihn fragend an.
„Kommst du mit mir? Wirst du uns helfen?“
Jan schnaubte verächtlich. „Guter Witz, wirklich. Wo ist die versteckte Kamera?“
„Davon weiß ich nichts“, entgegnete Luna. „Hilfst du uns?“
Jan sortierte seine Gedanken im Kopf und wählte seine Worte sorgfältig.
„Ich halte mal fest: Du kennst mich nicht. Du hast mich noch nie gesehen. Du tauchst hier einfach auf, behauptest, mich gesucht zu haben, und jetzt soll ich mitkommen, um Atlantis zu retten. Atlantis?“
„Ja, genau. Können wir losfahren?“
Ironie schien an Luna vollkommen verschwendet zu sein. Jan schüttelte den Kopf.
„Das geht nicht. Atlantis gibt es nicht. Das ist ein Mythos. Eine Legende. Und überhaupt: Wieso gerade ich und nicht jemand anderes?“
Luna zuckte die Schultern. „Du bist der erste, der mich gesehen hat. Ich reise schon seit fast einem Mond kreuz und quer durch Länder und Städte und mich hat bisher noch keiner bemerkt. Du bist der erste. Zum Glück, endlich, denn so langsam wird die Zeit knapp.“
Jan dachte nach. Seine Vermieter waren an der silbernen Kugel auf Rädern vorbeigegangen, ohne sie wahrzunehmen. Keines der vorbeifahrenden Autos war stehengeblieben um einen Blick auf das Ding zu werfen. Auch Fußgänger, die vorbeigekommen waren, hatten nicht reagiert. Aber trotzdem…
„Ich kann nicht mitkommen“, erklärte er energisch. „Ich habe eine Katze, die ich versorgen muss und jetzt erst einmal drei Wochen Urlaub vor mir. Den will ich genießen.“
„Nimm die Katze mit. Wir können alles mitnehmen, was du willst. Und drei Wochen wird unsere Reise hoffentlich nicht dauern.“
Jan musste lachen. „Die Katze mitnehmen? Selten so gelacht. Sunny in einen Katzentransportkorb stecken zu wollen gleicht für mich einer Nahtoderfahrung.“
„Wieso steckst du die Katze in einen Korb? Kann sie nicht laufen? Hat sie keine Beine?“
„Natürlich hat meine Katze Beine, und sie kann auch prima laufen, aber sie geht freiwillig nirgendwohin.“
„Bist du sicher? Ist das diese Katze?“
Jan fuhr herum. Hinter ihm auf dem Gehweg saß Sunny. Sie machte einen entspannten, aber neugierigen Eindruck als warte sie nur auf eine Einladung, die silberne Kugel betreten zu dürfen.
„Das gibt es nicht“, sagte er fassungslos. „Sie hat die Wohnung noch nie verlassen, noch nie! Sie geht ja nicht einmal auf den Balkon.“
„Vielleicht gefällt es ihr dort nicht“, mutmaßte Luna. „Also, können wir dann losfahren? Was willst du noch mitnehmen?“
„Ich will überhaupt nichts mitnehmen und ich will nicht verreisen. Es tut mir sehr leid, aber ich bin die falsche Person. Dieser Brief ist nicht für mich. Du musst weitersuchen, bis du den richtigen Adressaten gefunden hast.“
Mit diesen Worten wandte er sich ab, verließ die silberne Kugel und trat zurück auf den Bürgersteig. Sofort kehrte seine Allergie zurück. Er ignorierte die lästigen Symptome, bückte sich und wollte seine Katze hochheben und wieder mit in die Wohnung nehmen.
„Hast du nicht eben erst gesagt, du würdest wirklich alles tun, um deine Allergie für eine Weile loszuhaben?“ hörte er Lunas Stimme hinter sich. Er drehte sich auf dem Absatz zu ihr um.
„Woher weißt du, dass ich das gesagt habe?“
Sie deutete auf einen kleinen, silbernen Knopf, der an der schimmernden Außenhaut der Kugel angebracht war.
„Hier, das ist ein sehr gutes Mikrofon. Ich habe gut verstanden, was du gesagt hast.“
„Sag mal, spinnst du eigentlich? Du kannst mich doch nicht einfach abhören! Schon mal was von Datenschutz und Privatsphäre gehört, he? Das ist strafbar, was du hier veranstaltest“, regte er sich auf.
„Ich weiß nicht, was Datenschutz ist. Aber ich weiß, dass es hier in meinem Mobil und auch in Atlantis keine Allergien gibt. Kommst du jetzt mit?“
Jan schaute sie wortlos an. Diese ganze Angelegenheit hier war an Skurrilität nicht zu überbieten. Er sollte in seine Wohnung zurückgehen und Luna, ihr Gefährt und den Brief unter der Rubrik „total verrückter Traum“ ablegen.
Aber er war sich sicher, dass er das nicht schaffen würde. Und vielleicht auch nicht schaffen wollte. Drei endlose Wochen Urlaub lagen vor ihm, Urlaub voller Heuschnupfen, Hitze und Langeweile. Ein Ausflug in einem merkwürdigen Fahrzeug, in dem es noch dazu angenehm kühl war, war nicht die schlechteste Möglichkeit, diesen drei Wochen zu entfliehen.
„Wenn du mir versprichst, dass meiner Katze nichts passiert und dass wir jederzeit umkehren können, dann komme ich mit dir“, erklärte er kurzentschlossen.
„Deiner Katze wird es an nichts fehlen, das verspreche ich dir. Und wenn du heimkehren willst, dann bringe ich dich nach Hause“, entgegnete Luna.
„Dann warte bitte kurz; ich muss noch ein paar Sachen zusammenpacken. Passt du bitte auf die Katze auf?“
„Kein Problem. Ach ja, und du brauchst keines deiner Elektrogeräte mitnehmen. Wir haben keinen Strom, da wo wir hinfahren.“
Keinen Strom? Das wurde ja immer bizarrer. Aber egal, er würde auch ein, zwei Tage ohne Laptop und Smartphone auskommen. Ihn rief ja sowieso niemand an außer irgendwelchen Telefonanbietern. Er bückte sich, hob Sunny hoch und setze sie in der Kugel ab. Das Tierchen rieb sich kurz an Lunas Beinen und marschierte ohne zu zögern ins Innere des Gefährts.
„Total irre“, murmelte Jan vor sich hin und ging hinauf in seine Wohnung. Dort kramte er eine Reisetasche und einen Rucksack aus dem Schrank und überlegte, was er mitnehmen sollte.
In die Reisetasche kamen ein paar Kleidungsstücke zum Wechseln. Nach kurzem Zögern legte er eine Jacke dazu. Duschgel, Rasierer, Zahnbürste, ein Handtuch. Brauchte er sonst noch etwas? Er war noch nie in den Urlaub gefahren und wusste nicht, was zum Standardgepäck Reisender gehörte. Sicherheitshalber warf er einen Stapel Taschentücher in die Tasche. Mehr fiel ihm beim besten Willen nicht ein. Den restlichen Platz füllte er mit Futterbeutelchen und Näpfen für Sunny und legte ihre Katzendecke obenauf. Die Katzentoilette und das Streu stellte er dazu.
In den Rucksack steckte er seinen Geldbeutel und seine Papiere, nach kurzem Überlegen noch sein Lieblingsbuch: Buddenbrooks von Thomas Mann. Es hatte seiner Mutter gehört und war auch ihr Lieblingsbuch gewesen. Er hatte es schon unzählige Male gelesen. Der Einband war völlig abgenutzt, einige gerissene Seiten waren mit Tesafilm geklebt. Ohne dieses Buch konnte er nicht auf die Reise gehen. Kurz zögerte er, doch dann steckte er das einzige Foto ein, das er von sich und seinen Eltern hatte. Er war auf diesem Bild ungefähr vier Jahre alt, saß zwischen seinen Eltern, und sie alle drei lachten in die Kamera.
Langsam ging er durch seine Wohnung, doch er fand nichts, was er noch mitnehmen wollte. Er dachte an die bekannte Frage: „Welche drei Dinge würden sie mit auf eine einsame Insel nehmen?“ Nachdem er erst zwei persönliche Sachen eingepackt hatte, steckte er kurz entschlossen noch seine Badeente ein. Dieses gelbe Gummitier war das einzige, was ihn an seinen Vater erinnerte. Er wusste, er war mit seinem Vater in der Badewanne gesessen und sie hatten sich die Ente gegenseitig zugeschoben.
Nach einem letzten Rundgang löschte er alle Lichter, nahm Tasche, Rucksack und Sunnys Zubehör und verließ seine Wohnung.
Luna hatte geduldig auf ihn gewartet. Er stellte seine Gepäckstücke auf der Schwelle des Gefährts ab und blickte noch einmal zurück. Nein, er hatte nichts vergessen, die Reise konnte losgehen. Und notfalls konnte er ja alles Benötigte unterwegs noch besorgen. Obwohl…
„Kleinen Moment noch, bitte“, sagte er hektisch. Er spurtete zurück in die Wohnung und riss eine Schublade auf. Er nahm einen Karton und noch ein weiteres Buch heraus, schloss die Wohnungstür hinter sich und rannte zurück auf die Straße.
„Aber jetzt wirklich“, erklärte er und reichte Luna die beiden Gegenstände. Kurz legte er seine Hand auf die Außenseite der Kugel und erschrak. Die Wand war nicht hart, sondern weich, fast pulsierend, und warm. Er drückte leicht zu und die Oberfläche gab unter seiner Hand nach. Das Gefühl erinnerte ihn an ein Wasserbett, in dem er einmal probegelegen hatte. Kopfschüttelnd stieg er ein. Luna hatte ihn beobachtet.
„Die Außenhaut des Mobils muss elastisch sein“, sagte sie.
„Ach ja? Warum denn?“
„Wegen der Größe“, entgegnete sie, als würden diese drei dürren Worte alles erklären. „Hast du alles? Können wir losfahren?“
„Ich denke schon“, sagte Jan. „Und wenn nicht, können wir doch unterwegs kurz anhalten; ich habe Geld dabei.“
Luna schüttelte den Kopf. „Wenn wir jetzt losfahren, kannst du nicht wieder aussteigen, bis wir angekommen sind.“
„Ach so?“ Nun ja, so ungewöhnlich war das ja nicht, dachte er. Bei einem ICE konnte man auch nicht einfach unterwegs aussteigen sondern musste bis zum Zielbahnhof warten, hatte er gehört. Er selbst war noch nie mit einem ICE gefahren.
„Nein, ich habe nichts vergessen, wir können losfahren. Wo ist Sunny?“
„Die liegt da hinten.“ Luna zeigte in den rückwärtigen Teil des Mobils und verschloss per Knopfdruck die Öffnung. Jan schaute in die angegebene Richtung und sah seine Katze zufrieden in einem Sessel liegen. So entspannt hatte er sein Haustier schon lange nicht mehr gesehen.
„Hast du hier irgendwo einen Platz, an dem ich die Katzentoilette aufstellen kann“, fragte er und ging langsam weiter in die Kugel hinein.
Es hatte für ein Fahrzeug die merkwürdigste Einrichtung, die er je gesehen hatte. Im Gegensatz zur äußeren Hülle war das Innere dieses Dings nicht kreisrund, sondern langgezogen. Rundherum waren Fenster angebracht, durch die er auf der einen Seite sein Haus, auf der anderen Seite die Straße sehen konnte. Von außen betrachtet hatte die Kugel keine Fenster gehabt.
„Wieso sind hier auf einmal so viele Fenster?“ rief er Luna zu, die zielstrebig in den vorderen Teil des Fahrzeugs gegangen war. „Von außen habe ich keine Fenster gesehen.“
Sie drehte sich zu ihm um. „Kennst du diese Einwegspiegel, die auf der einen Seite ein Spiegel sind und auf der anderen Seite ein Fenster?“
„Ja, aus Kriminalfilmen.“
Sie nickte. „Das hier ist dasselbe Prinzip.“
Jan gab sich vorerst mit dieser Antwort zufrieden und sah sich weiter um. Im vorderen Teil des Fahrzeugs befand sich eine Art Cockpit. Jan erblickte Schalter und Knöpfe und ein paar Hebel; entfernt erinnerte ihn dieser Aufbau an das Schaltbrett in einem Omnibus. Im mittleren Teil des Fahrzeugs sah er Sessel, Tische und einen kleinen Schrank. Interessant war, dass alle Möbel weiß waren und aus Materialen bestanden, die ihm völlig unbekannt vorkamen. Im hinteren Teil des Mobils konnte er ein Badezimmer erahnen. All dies war ungefähr so groß wie eine durchschnittliche Zwei-Zimmer-Wohnung. Auf jeden Fall größer, als die Außenhülle der Kugel es hatte vermuten lassen.
Er registrierte, dass Luna ihm etwas gesagt hatte, während sie Platz vor dem Cockpit nahm.
„Wie bitte? Entschuldige, ich habe gerade nicht zugehört.“
„Ich sagte: Du kannst die Katzentoilette aufstellen, wo du möchtest, aber Sunny wird sie nicht benötigen.“
Er lachte. „Hast du eine Ahnung. Sie frisst zwar so gut wie nichts, aber sie benutzt die Katzentoilette gefühlte zehnmal pro Tag.“
Luna schüttelte den Kopf. „Hier nicht. Wir bewegen uns gleich außerhalb der Zeit, und da muss man weder essen noch verdauen.“
„Natürlich, ist klar.“ Jan beschloss, diese seltsame Aussage nicht weiter zu hinterfragen, sondern stellte die Katzentoilette ins Badezimmer und füllte sie mit frischer Streu. Egal in welcher Zeitzone man sich bewegte: Er kannte sein Haustier und dessen Bedürfnisse. Er ging wieder nach vorne, wo Luna konzentriert Schalter und Hebel betätigte.
„Kann ich mich hier zu dir setzen?“ fragte er und deutete auf den leeren Sessel neben ihr.
„Sicher“, sagte sie und drückte auf ein paar Knöpfe. Durch das Fenster konnte er sehen, dass Häuser und Straßen vorbeiglitten. Offensichtlich waren sie unterwegs, aber er spürte keinerlei Fahrbewegung. Er blickte auf das Cockpit und entdeckte eine Art Kilometerzähler, der allerdings rückwärts lief.
„Wozu ist das da gut?“ wollte er wissen und deutete auf das Zahlenfeld.
„Das ist ein Zeit- und Kilometerzähler“, entgegnete Luna. „Er zeigt uns an, ab wann wir in der Zeit zurückreisen müssen. Die nächsten zweihundertdreiundsiebzig Kilometer reisen wir nämlich noch im Hier und Jetzt, und dann geht es in der Zeit zurück bis ins Jahr Null.“
Jan dachte kurz über diese Antwort nach und seufzte dann.
„Was ist?“ wollte Luna wissen.
„Hör mal, ich weiß immer noch nicht, warum ich genau hier bin. Und ich hätte gerne ein paar Informationen. Aber das klappt einfach nicht, wenn ich auf jede Frage von dir derart unrealistische, unlogische und sinnbefreite Antworten bekomme.“
Luna behielt aufmerksam den Kilometerzähler im Auge. Die Zahlen darauf liefen kontinuierlich rückwärts. Sie warf Jan nur einen ganz kurzen Blick zu.
„Weißt du, vieles aus deiner Welt ist für uns genauso unlogisch und sinnbefreit, und trotzdem wissen wir, dass es passiert. Und für dich sind diese Dinge völlig normal. Können wir uns darauf einigen, dass du mich alles fragen kannst und ich verspreche dir, dass ich dich nicht anlüge, sondern deine Fragen wahrheitsgemäß beantworte? Dann sparen wir uns beide viel Zeit. Was hältst du davon?“
„Das ist eine gute Idee“, stellte Jan fest. „Meine erste Frage wäre gleich, wieso du meine Sprache so gut sprichst. Du kommst doch, wenn ich dir das mal glauben soll, aus einer völlig anderen Welt.“
„Ich spreche deine Sprache nicht so gut. Ja, ich habe Sprachen studiert, aber ich spreche sie nicht fehlerfrei und meine Aussprache ist vermutlich fürchterlich!“
„Und wieso verstehe ich dich dann so gut? Und warum verstehst du mich?“
„Ich habe den Übersetzer dabei.“ Mit diesen Worten tippte Luna auf ein kleines Kästchen an ihrem Gürtel. Jan sah es sich genauer an. Es hatte die Größe und das Aussehen eines Walkmans aus den achtziger Jahren, mit einem kleinen Sichtfenster und verschiedenen Knöpfen an der Seite. Hinter dem Fenster sah man allerdings keine Musikkassette, sondern es schien Wasser darin zu schwappen.
„Darf ich da mal reingucken?“ wollte er wissen.
„Klar, mach auf, aber nimm ihn mir nicht ab, sonst ist es Walkacke mit unserer Verständigung.“
Jan musste über den Ausdruck „Walkacke grinsen. Vorsichtig hob er den Übersetzer ein wenig an und öffnete den Deckel. Darunter befand sich eine Glasplatte. Hinter der Glasplatte bewegte sich Wasser, und im Wasser schwamm ein Seepferdchen, das zwei Muscheln seitlich an seinem Kopf trug. Als es Jan bemerkte grinste es fröhlich und wedelte mit seinem Schwanz. Jan klappte den Deckel wieder zu und ließ den Übersetzer so schnell los, als sei dieser glühend heiß.
„Was ist los?“ fragte Luna besorgt.
„Da schwimmt ein Seepferdchen“, antwortete Jan konsterniert.
„Ja, ich sagte doch, ich habe den Übersetzer dabei.“
„Ein Seepferdchen!“
„Das sind einfach die besten. Seine Familie macht schon seit Dekaden in Übersetzungen“
„Und es hat Muscheln auf dem Kopf!“
„Ja sicher, seine Ohrmuscheln. Ohne sie wäre die Verständigung möglich, aber schwieriger und undeutlicher. Du hast doch auch Ohrmuscheln, um zu hören.“
Jan gab es auf. Vorsichtig hob er nochmal den Deckel des Übersetzers an. Wieder grinste ihn das Seepferdchen an.
„Danke fürs Übersetzen“, sagte Jan sicherheitshalber. Das Seepferdchen bewegte den Mund und nickte gleichzeitig. Jan machte den Deckel wieder zu.
„Das war jetzt sehr nett von dir“, sagte Luna.
„Gerne geschehen“, antwortete Jan mechanisch. Und dann schwieg er eine Weile. Der Kilometerzähler lief rückwärts, draußen glitt die Landschaft vorbei, er saß so ruhig wie auf einem Sessel aus Stahlbeton und hatte eben mit einem Seepferdchen gesprochen. Ob diese Halluzinationen eine Nebenwirkung der Heuschnupfenmedikamente der letzten Jahre waren? Er blickte sich um.
„Warum ist das hier innen eigentlich so riesengroß? Von außen sah das Fahrzeug wesentlich kleiner aus.“
„Das Mobil ist größenvariabel“, antwortete Luna.
„So ungefähr wie ein… wie heißen die bunten Kugeln für Kinder, die mit den Schnüren daran?“
Jan dachte kurz nach. „Du meinst Luftballons?“
„Ja, danke. Luftballons. Also, ein Luftballon ändert ja auch seine Größe, von außen kann er ganz klein aussehen, aber dann bläst du ihn auf und er ist dann innen um ein Vielfaches größer.“
„Logisch ist das aber nicht“, antwortete Jan.
„Aber es funktioniert. Und das gibt es doch auch in deiner Welt, dass etwas innen größer ist als außen.“
„Unfug, so etwas gibt es nicht!“
„Doch, ich habe darüber gelesen. Bei euch heißt das ‚Damenhandtasche‘; die sind innen auch größer als sie von außen aussehen, und man bringt unendlich viele Sachen darin unter.“
Jan starrte Luna kurz mit offenem Mund an und klappte ihn dann wieder zu. Er hatte keine Erfahrungen mit Frauen und ihren Handtaschen, aber von diesem Mythos hatte er schon in verschiedenen Kolumnen gelesen. Er entschied, dass es sinnlos war mit Luna über etwas zu diskutieren, von dem er anscheinend noch weniger Ahnung hatte als sie.
Plötzlich registrierte er, dass sie offensichtlich langsamer wurden. Luna behielt den Kilometerzähler genau im Auge; ihre rechte Hand schwebte über einem großen, blaugrünen Knopf auf dem Cockpit. Jan schaute ebenfalls auf den Kilometerzähler. Der lief langsamer, noch langsamer, rutschte von zweitausendzweiundzwanzig auf zweitausendeinundzwanzig, auf zweitausendzwanzig und dann auf…
„JETZT“ rief Luna und drückte den großen blaugrünen Knopf,
zweitausendneunzehn Kilometer. Das Gefährt beschleunigte wieder und Luna lehnte sich aufatmend zurück.
„So, jetzt müssen wir die nächsten einundzwanzig Stunden nichts mehr tun“, erklärte sie. „Jetzt reisen wir in der Zeit zurück; das kann das Mobil alleine.“
„Das heißt, wir haben jetzt einundzwanzig Stunden Zeit, meinen Fragenkatalog abzuarbeiten?“ wollte er wissen.
„Ganz genau. Kann ich dir dazwischen auch ein paar Fragen stellen?“
„Klar. Dann komme ich mir nicht so dämlich vor, wenn nur ich dich mit Fragen löchere. Was willst du denn wissen?“
„Dieser Karton und das Buch, das du vorhin noch geholt hast, was ist das denn?“
„Ein Schachspiel und ein Lehrbuch dazu. Es hat meinen Eltern gehört. Ich wollte schon immer Schachspielen lernen und ich dachte, ich weiß ja nicht, wie lange wir unterwegs sind, also nehme ich es mal mit. Weißt du, meine Eltern haben immer Schach miteinander gespielt. Vielleicht würde es ihnen gefallen, wenn ich auch Schach spielen könnte. Aber bisher hatte ich keinen Partner, der mit mir gespielt hätte.“
Luna lächelte ihn an. „Vielleicht haben wir auf unserer Reise Zeit, uns das Spiel einmal zusammen anzusehen.“
„Das wäre schön. Apropos sehen – gibt es in Atlantis überhaupt Licht?“
Luna nickte. „Wir haben zwar keine direkte Sonneneinstrahlung; dazu liegt Atlantis zu tief. Aber die Montierer haben mit Spiegeln gearbeitet, und darum haben wir tatsächlich genügend Licht. Wir nutzen hier zum Beispiel die Anglerfische.“
„Natürlich.“ Jan beschloss auf dieses Thema nicht weiter einzugehen. Seines Wissens lebten Anglerfische mehr als dreitausend Meter unter dem Meeresspiegel und der Gedanke, so tief zu tauchen, erschien ihm unvorstellbar und ängstigte ihn. Luna schien seine Gedanken zu erraten und lächelte ihn beruhigend an.
„Mach dir keine Sorgen. Ich habe dir versprochen, dass dir und deiner Katze nichts geschieht. Dir wird nichts passieren. Das Mobil ist für die Fortbewegung in tiefen Gewässern konzipiert worden.“
„Wie tief?“ erkundigte sich Jan neugierig.
„Sehr tief!“
„Super, das heißt, wir können auch im Marianengraben vorbeischauen“, sagte er scherzhaft.
„Könnten wir, liegt aber nicht auf unserer Strecke. Außerdem müssen wir noch tiefer runter.“
Jan stockte der Atem. Was meinte Luna mit noch tiefer?
„Was meinst du bitte mit noch tiefer? Der Marianengraben ist die tiefste Stelle der Erde, noch tiefer geht überhaupt nicht!“
„Der Marianengraben ist der tiefste euch bekannte Punkt auf der Erde“, stimmte sie ihm zu. „Die Pforte nach Atlantis liegt aber noch tiefer; darum ist sie euch auf der Oberfläche ja auch nicht bekannt. Beziehungsweise: Keiner eurer Forscher hat sie bislang entdeckt.“
Jan dachte nach. So unwahrscheinlich und fantastisch Lunas Erzählungen klangen, so machte doch alles irgendwie Sinn. Sämtliche Details griffen logisch und schlüssig ineinander. Er spürte ihren Blick freundlich auf sich ruhen und bemerkte, wie sehr er es genoss, sich mit ihr zu unterhalten. Wie wohl ihre Muttersprache klang?
„Wie hört sich das an, wenn du ohne Übersetzer sprichst?“ wollte er wissen.
Luna lächelte, tastete nach dem kleinen Gerät an ihrem Gürtel, drückte einen Knopf und öffnete den Mund. Jan hörte Geräusche die wie eine Mischung aus Gebirgsbach und Ohrenspülung beim Arzt klangen. Nicht unangenehm, aber es kitzelte in seinen Ohren. Luna drückte erneut den Knopf am Übersetzer.
„So hört sich das an“, sagte sie.
„Witzig. Es kribbelt in meinen Ohren. Und wenn du in meiner Sprache sprichst?“
Luna zögerte. „Willst du das wirklich hören?“
„Ja klar!“
„Du darfst aber nicht lachen. Ich habe gesagt, meine Aussprache ist vermutlich fürchterlich.“
„Ich werde nicht lachen. Bitte, wie hört sich das an, wenn du in meiner Sprache sprichst?“
Luna drückte erneut den Knopf, holte tief Luft und sagte:
„Hallo, ich heiße Luna. Es ist schön dich zu sehen.“
Jan stockte der Atem. Lunas Stimme war warm und überraschend tief für eine so zarte Frau. Er dachte kurz an das Lied „Black Velvet“, das der Stimme Elvis Presleys gewidmet war. Schwarzer Samt. Genau so war es. Lunas Stimme klang wie schwarzer Samt. Verführerisch und unglaublich erotisch.
Jan wurde nicht bewusst, dass er gerade zum ersten Mal in seinem Leben das Wort „erotisch“ gedacht hatte. Luna schaute ihn besorgt an und schaltete den Übersetzer wieder ein.
„Es ist schrecklich, nicht wahr? Es tut mir leid, aber ich hatte bisher eigentlich noch nie Gelegenheit, deine Sprache zu üben.“ Sie seufzte. „Schade, dass du nicht in Küstennähe wohnst. Die Sprachen der Küstenbewohner beherrsche ich besser.“
„Noch besser“, dachte er und bekam eine Gänsehaut.
„Mach dir keine Sorgen. Deine Aussprache ist perfekt. Ich wüsste nicht was man da noch verbessern könnte. Kannst du den Übersetzer nicht einfach weglassen?“
Luna errötete sanft. „Danke schön, du bist sehr freundlich. Aber es fehlen mir oft die Vokabeln. Es ist schon besser, wenn wir den Übersetzer benutzen.“
„Schade“, dachte sich Jan. Er hoffte darauf, Lunas Stimme bald wieder ohne Übersetzer hören zu dürfen. Er lächelte sie an.
„Wolltest du nicht auch noch etwas wissen?“
„Wie du eigentlich heißt würde mich interessieren.“
„Ach so, stimmt, entschuldige. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Jan.“
„Bist du noch so jung?“ fragte sie überrascht.
„Wie bitte?“
„Was?“
„Ich meine“, versuchte er zu erklären, „wieso du denkst, ich sei jung, weil ich Jan heiße. Ich bin immerhin schon siebenundzwanzig Jahre.“
„Also Ende der dritten Dekade!“
„Dekade?“
„Ja, wir rechnen in Dekaden. In Zehn-Jahres-Schritten, wenn du so willst. Immer, wenn jemand eine neue Lebensdekade beginnt, gibt es ein großes Fest.“
„So etwas Ähnliches machen wir auch. Jedes Jahr. Wir feiern jedes Jahr Geburtstag.“
„Jedes Jahr“, rief Luna entsetzt. „Jedes Jahr Geschenke und Gäste und Feiern? Was für ein Aufwand!“
„Stimmt“, musste Jan zugeben. „Das kann richtig in Stress ausarten. Habe ich gehört. Für mich ist das kein Stress, weil ich meinen Geburtstag nicht feiere. Aber was hat nun mein Alter mit meinem Namen zu tun?“
„In den ersten beiden Dekaden ihres Lebens haben bei uns die Leute einsilbige Namen“, erklärte Luna. „Ich hieß damals nur Lu. Erst mit Eintritte in die dritte Dekade bekommen wir unsere vollständigen Namen.“
„Warum das denn?“
„Der Eintritt in die dritte Dekade markiert einen neuen Lebensabschnitt. Man ist volljährig, darf wählen, man darf sich wählen lassen, man darf Wein trinken und man darf sich verpartnern, wenn man das möchte. Und das alles wird dadurch signalisiert, dass man seinen erwachsenen Namen bekommt.“
„Ach so. Bist du denn schon verpartnert?“
„Nein. Und du?“
„Auch nicht. Wie alt bist du denn in Jahren gerechnet?“
„Nach deiner Rechnung bin ich dreiundzwanzig Jahre alt. Warum feierst du deine Geburtstage nicht?“
„Weil ich nicht wüsste mit wem ich feiern soll.“
„Was ist denn mit deinen Eltern?“
„Sie sind tot“, entgegnete er und sein Tonfall und Gesichtsausdruck machten Luna deutlich, dass er hierüber nicht weitersprechen wollte. Sie schwieg und beschäftigte sich betont konzentriert mit ihrem Cockpit.
Vier Jahre jünger als ich, dachte Jan. Wann habe ich das letzte Mal mit jemandem so lange geredet, der ungefähr in meinem Alter war? Es fiel ihm nicht ein. Er blickte aus dem Fenster. Außen glitten die Straßen vorbei, doch das Straßenbild hatte sich geändert. Die Häuser wirkten altmodischer, und er entdeckte Pferdefuhrwerke auf den Straßen. Der Kilometerzähler zeigte an, dass sie inzwischen einhundert Kilometer zurückgelegt hatten.
„Reisen wir ganz bestimmt in der Zeit zurück?“ vergewisserte er sich.
„Ja. Im Moment befinden wir uns im Jahr Neunzehnhundertsechzehn.“
„Und warum reisen wir in der Zeit zurück?“
Luna zögerte mit der Antwort. Sie war einen prüfenden Blick auf das Cockpit, auf den Zeit- und Kilometerzähler und lehnte sich dann in ihrem Sessel zurück.
„In früheren Zeiten“, begann sie, „waren die Schichten zwischen den verschiedenen Welten… dünner. Es gab schon immer Trennschichten, aber sie waren durchlässiger. Man konnte fremde Welten hinter diesen Schichten erkennen, wenn man wollte. Die Wege in andere Welten waren einfacher zu finden. Und die Menschen hatten mehr Zeit, die Erde war ruhiger und langsamer. Vor zweitausend Jahren lag Atlantis sozusagen gleich um die Ecke und konnte von jedem besucht werden, der den Willen und genügend Aufmerksamkeit mitbrachte.“
„Und heute?“
„Heute ist Atlantis fast vollständig verborgen. Die Menschen haben sich immer weniger Zeit genommen, den Weg zu uns zu finden. Wege, die nicht benutzt werden, verkümmern. Sie werden schwieriger zu begehen, sie werden unsichtbarer, und irgendwann sind sie nicht mehr zu erkennen. Und wenn sie nicht mehr zu erkennen sind, verschwinden sie eines Tages vollständig.“
Jan nickte. „Das kann sogar ich nachvollziehen. Du meinst, so ähnlich wie ein Waldweg, der im Laufe der Zeit von Gebüsch wieder zuwächst?“
„So ungefähr, ja.“
„Und früher war das also anders, also reisen wir in der Zeit – Moment! Hast du gerade etwas von zweitausend Jahren gesagt?“
„Ganz genau sind es zweitausendachtzehn Jahre. Wir reisen zurück ins Jahr Null und betreten dort die Straße nach Atlantis.“
Jan bekam Gänsehaut. Zweitausend Jahre in die Vergangenheit zu reisen, das war unmöglich. Das konnte gar nicht sein, so etwas gab es nicht. Er blickte aus dem Fenster und er sah Häuser in einem Baustil, der definitiv nicht ins zwanzigste Jahrhundert gehörte. Der Zeit- und Kilometerzähler zeigte inzwischen die Zahl Achtzehnhundertneunzig an. Falls diese Absurdität tatsächlich Realität sein sollte, dann…
„dann könnte ich Jesus treffen“, entfuhr es ihm.
Luna schüttelte den Kopf. „Nein, das könntest du nicht.“
„Warum denn nicht? Nur ganz kurz, bitte. Ich will nur wissen, ob er wirklich gelebt hat. Und wir haben doch Zeit, du hättest mich ja schließlich auch erst morgen finden können, also…“
„Nein. Es geht nicht. Ich habe dir doch gesagt: Wenn wir losgefahren sind, kannst du nicht aussteigen, bis wir am Ziel sind.“
„Das verstehe ich nicht. Du kannst doch das Mobil einfach anhalten und die Tür aufmachen. Ich steige aus, du wartest auf mich, und ich komme wieder zurück. Wo ist das Problem?“
„Das Problem besteht darin, dass du dich in einen Haufen Asche verwandelst, sobald du das Mobil verlässt“, erklärte Luna sachlich.
Jan lachte kurz auf, doch ein Blick in Lunas Gesicht zeigte ihm, dass sie keinen Scherz gemacht hatte.