Verlag: Freies Geistesleben Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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E-Book-Beschreibung Das Mädchen ohne Maske - Frances Hardinge

In der unterirdischen Stadt Caverna erschaffen die Meister ihrer Zunft unvergleichliche Dinge: Weine, die Erinnerungen auslöschen, Käse, die Halluzinationen hervorrufen, und Parfüms, die ihren Träger für andere vertrauenswürdig machen. Die Leute im oberirdischen Caverna sind gewöhnlicher, bis auf eines: ihre Gesichter sind leer und reglos wie frischer Schnee. Nur die Mienenschmiede können vermitteln, wie man ein Gefühl zeigt (oder vorspiegelt). In den streng gehüteten Käse-Tunneln dieser misstrauischen Welt lebt Neverfell. Ihr hinter einer Maske verborgenes Gesicht macht sie gefährlich, und ewig wird es nicht verborgen bleiben.

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E-Book-Leseprobe Das Mädchen ohne Maske - Frances Hardinge

FRANCES HARDINGE

DasMädchenohneMaske

Aus dem Englischen von Alexandra Ernst

Für meinen Neffen Isaac. In seinen Augen spiegeltsich die Welt, und die Welt, die ich dort sehe, istwunderbar und voller Überraschungen.

Inhalt

Das Kind im Käse

Gesichtslos

Eine Wendung zu viel

Spinnen

Wege, die sich kreuzen

Betrug

Lügen und nackte Gesichter

Familie

Das Morgenzimmer

Tödliche Köstlichkeiten

Arglistige Absichten

Zwei halbe Leben

Neugier und der Katzendieb

Alles was wir brauchen

Die Schöne und die Biester

Die Jagd

Die Schwachstelle

Ein Tropfen Wahnsinn

Die Kuhle

Das verdorbene Gesicht

Tränen auf Alabaster

Die Spaltung

Trümmer

Heimweh

Der Schrei im Traum

Meister der Kunst

Fluchtfreunde

Lieb und teuer

Die geheime Ausgrabung

Auf dem Weg liegt Wahnsinn

Oben trifft unten

Vertraue dir selbst

Katzen und Tauben

Die Maske fällt

Epilog

Danke …

Impressum

Das Kind im Käse

Prolog

Eines dunklen Tages kam Grandible zu der Überzeugung, dass sich etwas Lebendiges in seinen Käse-Tunneln befand. Dem Schlurfen und Scharren nach zu urteilen, war es größer als eine Ratte und kleiner als ein Pferd. In Nächten, in denen der Regen auf den Berghang hoch über ihm prasselte und Cavernas schier endloses Labyrinth von Gängen und Höhlen mit der Musik platschender und klimpernder Tropfen erfüllte, sang der Eindringling vor sich hin, vermutlich weil er dachte, dass ihn bei der Melodie des Wassers niemand hören konnte.

Grandible witterte sofort eine Hinterlist. Seine privaten Tunnel wurden durch Dutzende von Riegeln und Schlössern vom Rest der unterirdischen Stadt abgeschottet. Es war im Grunde genommen unmöglich, hier einzudringen. Aber seine Konkurrenten in der Kunst der Käsemacherei waren teuflisch und erfindungsreich. Zweifellos war es einem von ihnen gelungen, ein bösartiges Tier einzuschmuggeln, um ihn zu ermorden oder – schlimmer noch – seinen Käse zu verderben. Oder vielleicht war dies das Werk des berüchtigten und geheimnisvollen Kleptomancers, der immer darauf aus war, alles zu stehlen, wenn es nur für genügend Aufregung sorgte. Persönlicher Profit war ihm dabei egal.

Grandible bestrich die kalten Deckenrohre mit Mückentücke, in der Hoffnung, dass das unsichtbare Wesen das Kondenswasser von dem Metall ablecken würde, wenn es Durst hatte. Jeden Tag patrouillierte er durch seine Tunnel, in der Erwartung, irgendwo ein Tier zusammengerollt in der Ecke liegen zu sehen, dem Tode nahe, mit Schaum vor dem Maul. Jeden Tag wurde seine Erwartung enttäuscht. Er legte Fallen mit gezuckertem Stacheldraht und in Honig getauchte Skorpionstacheln aus, aber das Wesen war einfach zu raffiniert.

Grandible wusste, dass das Tier in den Tunneln nicht lange überleben würde – nichts konnte hier unten überdauern –, aber die fremde Gegenwart nagte an seinem Gemüt wie seine Zähne an einem kostbaren Käse. Er war es nicht gewohnt, ein anderes Geschöpf in der Nähe zu wissen, und er hieß es ganz gewiss nicht willkommen. Die meisten, die in der sonnenlosen Stadt Caverna lebten, hatten der Welt außerhalb des Berges den Rücken gekehrt, aber Grandible wollte sogar mit dem Rest von Caverna nichts zu tun haben. In den fünfzig Jahren seines Lebens hatte er sich immer mehr zurückgezogen, und jetzt verließ er seine privaten Tunnel nur noch sehr selten und sah kaum noch ein menschliches Gesicht. Der Käse war Grandibles einziger Freund, seine einzige Familie, und die Beschäftigung mit den unterschiedlichen Aromen und Konsistenzen nahm den Platz von Gesprächen ein. Die Käselaibe waren seine Kinder, die mit ihren Mondgesichtern auf den Regalen lagen und darauf warteten, von ihm gebadet, gewendet und gehätschelt zu werden.

Doch es kam der Tag, an dem Grandible etwas entdeckte, das ihn zu einem tiefen Seufzer veranlasste und dazu führte, dass er all seine Fallen und sein Gift beiseite räumte.

In einem großen Rad Withercream-Käse, der noch reifen musste und dessen pockennarbige Haut mit Wachs überzogen war, um ihn zu schützen, gähnte ein Loch. Das weiche Wachs war aufgerissen. Luft drang an das heimliche Herz des Käses und ruinierte ihn. Aber es war nicht der verdorbene Käse, der Grandibles Herz beschwerte. Der Abdruck, der das Loch in das Wachs gerissen hatte, hatte die Form eines Kinderfußes.

Ein Kind war es also, das versuchte, mithilfe der außergewöhnlichen Käsesorten, die Grandibles ausgefeilte und durch nichts zu übertreffende Kunst hervorbrachte, am Leben zu bleiben. Selbst der Hochadel riskierte nicht mehr als hier und da ein Scheibchen von jener reichhaltigen Köstlichkeit. Ohne auch nur einen Kanten Brot oder einen Schluck Wasser, um seinen empfindlichen Magen vor dem Ansturm einer solchen Delikatesse zu schützen, hätte dieses Kind genauso gut Rubine zerkauen und mit geschmolzenem Gold durch die Kehle waschen können. Von nun an stellte Grandible Schüsseln mit Wasser und halbe Brotlaibe in die Tunnel, aber sie blieben unberührt. Seine Fallen hatten das Kind offensichtlich misstrauisch gemacht.

Die Wochen vergingen. Manchmal fand Grandible tagelang keine Spur von dem Kind und kam jedes Mal mit gefurchter Stirn zu dem Schluss, dass es umgekommen sein musste. Doch kurz darauf entdeckte er in einer anderen unterirdischen Gasse ein Häufchen angeknabberte Käserinde und erkannte, dass das Kind lediglich ein neues Versteck gefunden hatte. Da konnte er sich den Tatsachen nicht mehr verschließen: Das Kind würde nicht sterben. Das Kind wurde nicht einmal krank. Das Kind labte sich an den unschätzbaren Kostbarkeiten des Käsereichs.

Manchmal wachte Grandible nachts auf, aufgeschreckt aus einem abergläubischen Traum, in dem ein milchweißer Kobold mit winzigen Füßen vor ihm hertapste und winzige, kaum sichtbare Fußabdrücke in Stilton, Boilie und Teifi hinterließ. Wäre die Sache noch einen Monat so weitergegangen, hätte Grandible sich selbst für verhext erklärt. Aber ehe es dazu kam, bewies das Kind dem Käsemeister, dass es weder Geist noch Kobold war, sondern ein durchaus irdisches Kind, indem es in ein Fass mit Neverfell-Milch fiel.

Grandible hatte nichts Ungewöhnliches gehört, denn die sahnige Dickmilch dämpfte das Platschen. Selbst als er sich über das breite Fass beugte und den feinen, leichten Glanz auf dem sich absetzenden Käse bewunderte und die Risse, die sich schnurgerade über die Oberfläche zogen, wie bei einer Karamellcreme, wenn er den Finger hineinsteckte, bemerkte er nichts. Erst als er sich vorbeugte und mit einem Käsemesser ausholte, um den weichen Quark abzuteilen, fiel Grandible plötzlich eine längliche Vertiefung in der Dickmilch auf, wo der Käse eingedrückt oder zur Seite geschoben worden und ein grünlicher Schatten unter der Oberfläche zu sehen war. Der Schatten hatte in etwa die Form einer kleinen menschlichen Gestalt, die Arme und Beine abgespreizt. Von einem Ende der Form quollen dicke Blasen an die Oberfläche, wo sie mit einem zähen Plop! zerplatzten.

Einige Sekunden lang blickte er blinzelnd auf dieses merkwürdige Phänomen, ehe ihm klar wurde, was es bedeutete. Dann warf er das Messer beiseite, packte eine große hölzerne Käseschaufel und stieß sie tief in die bleiche, dickflüssige Masse. Er schob und drückte gegen die Quarkstücke, verteilte sie hierhin und dorthin, bis er ein Gewicht am Ende der Schaufel spürte. Mit den Knien stemmte er sich gegen das Fass und drückte das Ende der Schaufel nach unten, wie ein Fischer, der einen Babywal einholt. Das Gewicht ließ jede Muskelfaser in seinem Körper erzittern, aber endlich tauchte eine Gestalt aus der Quarkmasse auf. Undefinierbar und mit Käsestückchen verklebt, klammerte sie sich mit allem, was sie hatte, an die Schaufel.

Sie purzelte aus dem Fass, niesend und prustend und hustend, gehüllt in einen zarten milchigen Schleier, während er keuchend neben ihr zu Boden sank, atemlos und völlig erledigt nach der unerwarteten Anstrengung. Das Kind war, der Größe nach zu urteilen, sieben oder acht Jahre alt und so hager wie eine Weidenrute.

«Wie bist du hier hereingekommen?», fragte er knurrend, als sein Atem wieder ruhiger ging.

Das Kind gab keine Antwort, sondern saß zitternd und bebend wie ein Sahnepudding da und starrte unter bleichen, suppigen Wimpern vor sich hin.

Es bot einen erbärmlichen Anblick. Das vermutete Grandible wenigstens, denn er selbst hatte schon vor langer Zeit aufgegeben, sich in irgendeiner Weise aufzuhübschen und «präsentabel» auszustaffieren, wie es bei Hof erwartet wurde. Im Gegenteil: Er hatte rebelliert. Er hatte mit voller Absicht die meisten der zweihundert Mienen vergessen, die man ihm – wie in Caverna üblich – im Kindesalter beigebracht hatte. In seinem halsstarrigen, selbst gewählten Exil trug er tagaus, tagein denselben Gesichtsausdruck, wie einen ausgeleierten Arbeitskittel. Niemals machte er sich die Mühe, ihn zu verändern. Miene Nr. 41 – Dachs im Winterschlaf, ein Ausdruck mürrischen Interesses – war für die meisten Lebenslagen völlig ausreichend. Er hatte diese Miene so lange getragen, dass sich der Ausdruck in seine Züge eingemeißelt hatte. Seine Haare waren zerzaust und ungekämmt, die Hände, mit denen er die Käseschaufel gepackt hatte, dunkel und rau von Wachs und Öl, als ob sich auch auf ihnen eine Rinde gebildet hätte.

Ja, es gab gute Gründe, warum sich ein Kind vor seinem Anblick ängstigen mochte, und vielleicht empfand dieses Kind tatsächlich Furcht. Aber andererseits war das vermutlich nicht mehr als Theater. Es glaubte wohl, dass es ihn am besten erweichen konnte, wenn es Angst und Schrecken zeigte. Es würde eine passende Miene aus seinem Repertoire ziehen, wie eine Karte aus einem Kartenspiel. In Caverna waren Lügen eine Kunst für sich, und alle waren Künstler, selbst die kleinsten Kinder.

Ich frage mich, was für eine Miene es wohl sein wird, dachte Grandible und streckte die Hand nach einem Eimer Wasser aus. Nr. 29 – Unschuldiges Rehkitz, von Hunden gejagt? Nr. 64 – Veilchen in heftigem Regenschauer?

«Lass dich mal ansehen», brummte er, und noch ehe die zusammengekrümmte Gestalt reagieren konnte, hatte er ihr Wasser ins Gesicht gegossen, um den Quark abzuspülen. Lange, geflochtene Haare tauchten aus dem milchig weißen Wasser auf. Ein Mädchen also. Sie machte Anstalten, ihn in ihrer Panik zu beißen, und zeigte zwei Reihen makelloser weißer Zähne, ohne Lücken. Also jünger, als er zunächst gedacht hatte. Ungefähr sechs Jahre, aber groß für ihr Alter.

Während sie noch nieste und prustete und keuchte, packte er ihr kleines Kinn und schrubbte mit einer harten Wurzelbürste den Rest des Neverfell-Quarks aus ihrem Gesicht. Dann nahm er eine Karnivoren-Lampe und schob sie nah an das Mädchen heran.

Aber es war Grandible, der einen Schreckenslaut ausstieß, nicht das Mädchen. Ein Blick in das Antlitz seiner Gefangenen, und er ließ ihr Kinn abrupt los und wich zurück, bis er mit dem Rücken gegen das Käsefass stieß, aus dem er sie gezogen hatte. Die Hand mit der Lampe zitterte so heftig, dass die kleine leuchtende Fliegenfalle in der Laterne wütend mit den zarten Zähnen schnappte. Was folgte, war eine lange Stille. Außer dem zähen Tropfen des Quarks, der aus den langen, verklebten Zöpfen des Mädchens rann, und ihrem gedämpften Schluchzen war nichts zu hören.

Er hatte vergessen, wie man überrascht schaut. Er hatte keine Übung mehr darin, seinen Gesichtsausdruck zu verändern. Aber er erkannte, dass er dieses Gefühl noch immer empfinden konnte. Überraschung, Unglauben, Fassungslosigkeit, eine Art entsetzter Faszination – und dann die erdrückende Last des Mitleids.

«Donner in den Wolken», murmelte er vor sich hin. Einen Moment starrte er noch in das Gesicht, das er mit der Wurzelbürste freigelegt hatte, dann räusperte er sich und versuchte, seiner Stimme einen freundlichen Klang zu verleihen oder wenigstens nicht harsch zu sprechen. «Wie heißt du?»

Das Kind saugte vorsichtig an den Fingern und gab keine Antwort.

«Wo ist deine Familie? Dein Vater, deine Mutter?»

Seine Worte zeigten nicht mehr Wirkung als Münzen, die in den Schlamm fallen. Sie starrte und starrte und zitterte und starrte.

«Woher kommst du?»

Erst als er ihr etwa hundert solcher Fragen gestellt hatte, ließ sie eine geflüsterte, zögernde Erwiderung hören, die kaum mehr war als ein Schluchzen.

«Ich … ich weiß nicht.»

Und mehr bekam er aus ihr nicht heraus. Wie bist du hier hereingekommen? Wer hat dich geschickt? Zu wem gehörst du?

Ich weiß es nicht.

Er glaubte ihr.

Sie war allein, diese Kleine. Dieses seltsame und schreckliche Kind. Sie war so allein wie er. Noch mehr allein als er, wenn man es genau nahm, trotz all seiner Bemühungen, der Welt zu entsagen. Mehr als es einem Kind in diesem Alter überhaupt bewusst sein konnte.

Plötzlich kam es Grandible in den Sinn, dass er sie adoptieren würde. Die Entscheidung war einfach da, sie schien sich selbst gefällt zu haben, ohne ihn zu fragen. Viele Jahre lang hatte er sich geweigert, einen Lehrling anzunehmen, weil er wusste, dass jeder, der weniger begabt war als er, versuchen würde, ihn zu verraten und seinen Platz einzunehmen. Aber dieses Kind war anders.

Morgen würde er mit dieser seltsamen kleinen Gefangenen eine Lehrlingsfeier abhalten. Er würde eine Abstammung für sie erfinden. Er würde erklären, dass sie sich während des Käsebackens verbrannt hatte und ihr Gesicht verbunden bleiben musste. Er würde ihre Hand führen, damit sie die Dokumente mit dem Namen «Neverfell Grandible» unterschreiben konnte.

Aber noch heute, bevor er irgendetwas anderes in Angriff nahm, musste er einen Boten ausschicken, der eine kleine, samtene Maske besorgte.

Gesichtslos

Etwa sieben Jahre nach jener schicksalhaften Begegnung konnte man zu einer bestimmten trüben Stunde des Tages eine hagere Gestalt neben Grandible herhüpfen sehen, der stirnrunzelnd und gebeugt, mit einer großen weißen Schlinge aus geflochtenem Seilkäse über der einen Schulter und einem klimpernden Schlüsselring in der Hand durch die Gänge schlurfte.

Sie war nicht mehr das kleine, käsebekleckerte Häufchen Leben, das unter weißen Wimpern zu Käsemeister Grandible aufgeblickt und ihn zu Tode erschreckt hatte. Und sie war auch nicht wie ihr Herr, grimmig, ernst und wortkarg, verbissen und zurückhaltend in Worten und Taten. Nein, trotz aller gegenteiliger Anstrengungen war sie ein dürres Bündel aus langknochigen Gliedern, das stets tapste, tollte und tanzte, mit Füßen, die nicht still stehen wollten, und Ellbogen, die nur dazu geschaffen schienen, Gegenstände von Regalen herunterzustoßen. Ihre Haare waren in ein Knäuel von kurzen, abstehenden roten Rattenschwänzen gezwirbelt, damit ihr die Strähnen nicht ins Gesicht hingen oder in den Käse oder in alles andere.

Sieben Jahre waren vergangen. Sieben Jahre in den Käse-Tunneln, stets im Fahrwasser von Grandibles rundschultrigem, rollendem Gang – immer mit einer Milchkanne oder einem Eimer mit heißem Wachs bewaffnet. Sieben Jahre lang Käse auf die Bäuche drehen, würzen, wie ein Äffchen auf die breiten Regale klettern und schnüffelnd den Käse auf seine Reife prüfen. Sieben Jahre lang hauptsächlich der Nase nach durch die dunklen Gänge huschen (denn Käsemeister Grandible war geizig mit den Karnivoren-Lampen). Sieben Jahre lang in einer zwischen zwei Regalen aufgespannten Hängematte schlafen, eingelullt vom Pfeifen des Whitwhistle-Käses, dessen smaragdgründe Rinde sich regelmäßig hob und senkte. Sieben Jahre lang Grandible dabei helfen, sein Territorium gegen die mordlüsternen Anschläge der anderen Käsemeister zu verteidigen. Sieben Jahre lang an Dingen herumbasteln und -flicken, um die langen Stunden zu vertreiben – Stunden, in denen Quarkquirls und Dreifachschneebesen erfunden wurden, begleitet von einer unbändigen Freude, wenn sich Zahnrad in Zahnrad einfügte.

Sieben Jahre, in denen Grandible ihr niemals gestattet hatte, seine privaten Gänge zu verlassen, nicht einmal eine einzige Sekunde lang, und in denen sie niemandem ohne ihre Maske hatte gegenübertreten dürfen.

Und was war mit jenen sechs Jahren, die ihr gegeben waren, bevor sie ihre Lehrzeit bei ihm antrat? Sie konnte sich an kaum etwas aus diesen Tagen erinnern. Sie versuchte es tausendmal, aber der größte Teil dieser Erinnerungsspanne war so taub wie Narbengewebe. Manchmal, nur selten, war sie davon überzeugt, dass sie einzelne Bilder oder Eindrücke wiederbeleben konnte, aber es war ihr nicht möglich, sie so zu beschreiben, dass sie einen Sinn ergaben.

Dunkelheit. Eine leuchtende Spirale aus purpurfarbenem Rauch, die nach oben stieg und sie einhüllte. Bitterkeit auf ihrer Zunge. Das waren ihre einzigen Erinnerungen an ihre verlorene Vergangenheit, wenn es denn tatsächlich Erinnerungen waren.

Keines Menschen Geist bleibt auf ewig eine leere Seite, egal wie sorgfältig man ihn vor der Welt verschließt. Neverfell hatte aus ihrem Geist ein Notizbuch gemacht und füllte es eifrig mit den Anekdoten, Geschichten, Gerüchten und Berichten, die sie den Botenjungen entlockte, die den bestellten Käse abholten oder Milch und Proviant ablieferten, vermischt mit den wilden Kritzeleien ihrer eigenen Fantasie.

Als sie das Kicheralter von ungefähr zwölf Jahren erreicht hatte, wusste sie alles über Caverna, was es durch gespitzte Ohren, ein gutes Gedächtnis, nie versiegende Fragen und eine überbordende Einbildungskraft zu lernen gab. Sie wusste über den glitzernden und funkelnden Hof Bescheid, über die Höflinge, die stets über das dünne Seil der Launen des Grand Steward balancierten. Sie wusste von den endlosen Kamelkarawanen, die die Wüste durchquerten, um die riesigen Vorräte und Waren nach Caverna zu bringen und im Gegenzug die winzigen Mengen an Luxusgütern mitzunehmen, die von den Handwerkern Cavernas gefertigt wurden und von denen jedes einzelne Stück sein Gewicht in Diamanten wert war. Die Oberirdischen hatten ihre eigenen Hersteller von Delikatessen, doch nur in Caverna gab es die Meister der Künste, die in der Lage waren, Weine herzustellen, die das Buch der menschlichen Erinnerung neu schrieben, Käse, die Visionen hervorriefen, Gewürze, welche die Sinne schärften, Parfüms, die den Geist umnebelten, und Salben, die das Fortschreiten des Alters verzögerten.

Aber Hörensagen war kein Ersatz für einen wirklichen, lebendigen Gesprächspartner.

«Wann kommt sie? Darf ich den Tee zubereiten? Habt Ihr gesehen, dass ich den Boden gefegt und alle Lampen gefüttert habe? Ich darf doch den Tee servieren, nicht wahr? Soll ich die Datteln holen?» Fragen waren etwas, das zu groß und mächtig war für Neverfells Geist. Sie bekam sie nie unter Kontrolle; sie entflohen ihr und sausten ständig hin und her wie ein wild gewordenes Pferdegespann. Fragen waren etwas, das Meister Grandible nicht leiden konnte, und sie merkte, dass sie ihn verärgerte, aber trotzdem konnte sie einfach nicht anders. Sogar sein grimmiges, warnendes Schweigen weckte in ihr den Wunsch, die Stille mit Fragen anzufüllen. «Darf ich …?»

«Nein!»

Neverfell zuckte zurück. Sie lebte in der stillen, aus Erfahrung begründeten Angst vor jenen seltenen Momenten, in denen ihre Beharrlichkeit oder ihre welpenhafte Ungeschicklichkeit Meister Grandibles ehrlichen Zorn erregte. Sie hatte zwar eine Art Vorahnung für seine Launen entwickelt, die aber zeigten sich niemals in seinem Antlitz, das immer düster, starr und runzlig blieb wie ein alter Türklopfer. Wenn sein Temperament mit ihm durchging, dann geschah es meist unvermittelt, und es ließ sich dann oft tagelang nicht mehr zügeln.

«Nicht für diesen Besucher. Ich will, dass du dich auf dem Hochboden versteckst, bis sie weg ist.»

Diese Ankündigung traf Neverfell wie ein Schlag in die Magengrube. In dem langweiligen und miefigen Kalender ihres Lebens war ein Besucher mehr als ein Festtag. Es war eine gesegnete Lichterscheinung, es war Leben, Luft, Farbe – und Neuigkeiten. Bereits viele Tage vor einem solchen Besuch war ihre Vorfreude fast schmerzvoll überschäumend, und in ihrem Kopf schwirrte es vor lauter Erwartungen wie in einem Hornissennest. Tage danach atmete sie leichter und unbeschwerter, und in ihrem Kopf waren neue Erinnerungen und Gedanken, mit denen sie spielen und die sie umschichten und neu sortieren konnte wie ein Kind einen Haufen neuer Geschenke.

Im letzten Moment zu erfahren, dass sie einen Gast nicht kennenlernen durfte, war eine Qual. Zu erfahren, dass sie diesem besonderen Besucher nicht begegnen durfte, war schier unerträglich.

«Ich … ich habe die Böden gefegt …», kam es als jämmerliches, zitterndes, gebrochenes Wimmern. Neverfell hatte ihre Pflichten in den vergangenen zwei Tagen ganz besonders sorgfältig erledigt und sogar noch weitere Arbeiten gesucht und gefunden, damit Meister Grandible ganz bestimmt keinen Grund hatte, sie wegzusperren, ehe der Besucher eintraf.

Sie fühlte, wie ihre Kehle eng wurde, und sie musste blinzeln, um die Tränen zu unterdrücken, die ihr den Blick verschleierten. Meister Grandible starrte sie an; nichts veränderte sich in seinem Gesicht. Kein Leuchten trat in seine Augen. Vielleicht würde er sie schlagen. Oder vielleicht dachte er auch bloß an den Cheddar.

«Geh und leg deine Maske an», knurrte er, drehte sich um und schlurfte durch den Gang davon. «Und kein Geplapper, wenn sie da ist.»

Neverfell verschwendete keine Zeit mit der Frage, warum er es sich anders überlegt hatte, sondern sauste davon, um ihre schwarze Maske aus dem Stapel von Werkzeugen, zerfledderten Katalogen und zerlegten Uhren hervorzuziehen, der sich unter ihrer Hängematte aufhäufte. Der einstmals weiche Samtstoff war hart und flach geworden durch die jahrelange Berührung mit fettigen Händen.

Es war eine Maske, die das ganze Gesicht bedeckte, mit silbernen Augenbrauen und einem silbernen Mund, der in Form eines höflichen Lächelns gestickt war. Sie hatte gemalte Augen mit jeweils einem kleinen Loch in der Mitte, durch das man blicken konnte. Neverfell schob ihre Rattenschwänze nach hinten und band die Maske mit den zerschlissenen schwarzen Bändern am Hinterkopf fest.

Ein einziges Mal, vor vielen Jahren, hatte sie gewagt zu fragen, warum sie eine Maske tragen musste, wenn Besucher kamen. Grandibles Antwort war unverblümt gewesen und ätzend wie Säure.

Aus demselben Grund, warum eine Wunde mit einem Schorf bedeckt ist.

In diesem Augenblick war ihr klar gewesen, dass sie widerwärtig sein musste. Sie hatte nie wieder gefragt. Von da an hatte sie in ständiger Furcht vor ihrem eigenen verschwommenen Spiegelbild gelebt, das sie in den Kupfertöpfen sah, war vor dem bleichen und schwankenden Gesicht zurückgeschreckt, das ihr aus der Molke entgegenblickte. Sie war abstoßend. So musste es sein. Sie war so hässlich, dass sie Grandibles Tunnel nicht verlassen durfte. Aber tief in dem Labyrinth, aus dem Neverfells Geist bestand, lag ein kleiner Knoten aus neugierigem Starrsinn. Die Wahrheit war, dass sie sich niemals der Vorstellung hingegeben hatte, ihr Leben eingesperrt zwischen Käselaiben zu verbringen. Und als sie herausgefunden hatte, wer die Frau war, die sich eigenmächtig zum Tee eingeladen hatte, war in Neverfells Gedanken eine kleine Hoffnung aufgekeimt.

Neverfell warf die Lederschürze beiseite, zog eilig ihre Jacke über und knöpfte sie zu, sogar beinahe ganz richtig. Sie hatte kaum Zeit, um sich ein wenig herzurichten, als sie die Türglocken hörte, die die Ankunft von Madame Vesperta Appeline verkündeten, der gefeierten Mienenschmiedin.

Mienenschmiede gab es nur in Caverna. Die äußere Welt hatte keine Verwendung für sie. Nur in den weit verzweigten Höhlen und Gängen der unterirdischen Stadt Caverna wurden Babys geboren, die nicht lächelten.

In der oberirdischen Welt fanden die Babys, die in die Gesichter ihrer Mütter starrten, nach einiger Zeit von selbst heraus, dass die beiden strahlenden Sterne, die sie über sich sahen, Augen waren wie ihre eigenen und dass das breite, gebogene Ding ein Mund war, wie auch sie ihn hatten. Ohne überhaupt darüber nachzudenken, bogen sie ihre Münder auf die gleiche Art und spiegelten so das Lächeln ihrer Mütter wider. Wenn sie Angst hatten oder unglücklich waren, wussten sie, wie sie ihre Gesichter verziehen und weinen mussten. Babys in Caverna taten nichts dergleichen, und niemand wusste, warum das so war. Sie blickten ernst in die Gesichter über ihnen und sahen Augen, Nase und Mund, aber sie ahmten die Gesichter nicht nach. Mit ihren Gesichtszügen war alles in Ordnung, aber aus irgendeinem Grund fehlte eins der winzigen silbernen Glieder in der Kette ihrer Seelenverbindung. Sie mussten gezwungen werden, Ausdrücke zu lernen, einen nach dem anderen, langsam und mühselig. Andernfalls blieben ihre Gesichter so glatt und ausdruckslos wie Eierschalen.

Diese sorgfältig einstudierten Ausdrücke waren die Mienen. In den Kinderkrippen der Armen lehrte man nur eine Hand voll Mienen, denn mehr war in einer niederen gesellschaftlichen Stellung nicht nötig. Reichere Familien gaben ihre Kinder in bessere Horte, wo sie zwei- oder dreihundert Mienen lernten. Die meisten Einwohner Cavernas mussten mit den Mienen auskommen, die sie in ihrer Kindheit gelernt hatten, aber die wohlhabende Elite beauftragte Mienenschmiede, Künstler, die Gesichter entwarfen, damit sie ihnen neue Ausdrücke beibrachten. Der Adel Cavernas war für eine neue, schöne oder interessante Miene mehr zu begeistern als für eine Kette aus schwarzen Perlen oder einen gewagten Hut.

Neverfell hatte noch nie einen Mienenschmied kennengelernt, und ihr Herz hämmerte vor Aufregung gegen ihren Brustkorb, während sie zurück zu ihrem Herrn sauste.

«Darf ich die Tür aufschließen?», fragte sie, wobei ihr durchaus bewusst war, dass sie ihr Glück möglicherweise überstrapazierte.

Käsemeister Grandible bewahrte die Schlüssel zur Eingangstür stets im Geheimen auf, außerhalb von Neverfells Reichweite, und holte sie nur hervor, wenn sich ein Besucher angekündigt hatte. Heute warf er ihr den mächtigen Schlüsselring ohne ein weiteres Wort zu, und sie rannte damit zur Tür. Das kalte Gewicht der Schlüssel sorgte für eine wohlige Erregung in ihren Fingerspitzen.

«Lass sie nur ein, wenn sie allein ist – und vergiss nicht zu schnüffeln, ehe du die Tür aufmachst!», bellte ihr Grandible durch den Gang nach. Der Käsemeister betrachtete jeden Eindringling von außen als potenzielle Gefahr, selbst wenn es bloß ein Botenjunge war.

Neverfells Finger zappelten vor Aufregung, als sie die gewachsten Tücher aus den Schlössern zog, mit denen man sie gewöhnlich verstopfte, um Giftgas und Glisserschleichen abzuhalten – jene blinden Schlangen, die hin und wieder durch Felsspalten glitten, wobei sie ihren unglaublichen Geruchssinn einsetzten, um etwas zum Beißen zu finden. Neverfell öffnete die sieben Schlösser, zog vierunddreißig der fünfunddreißig Riegel zurück und hielt dann gehorsam inne, um auf Zehenspitzen durch den Türspion zu blicken.

In dem kleinen Gang auf der anderen Seite der Tür stand eine einzelne Gestalt. Eine Frau. Ihre Taille war so schlank, dass sie aussah, als würde sie jeden Moment in der Mitte durchbrechen. Sie trug ein dunkelgrünes Gewand mit einem mit silbernen Perlen bestickten Mieder und einem hochstehenden Spitzenkragen. Ihr mahagonifarbenes Haar war fast völlig unter einem Wald aus Federn verborgen, die in einem strahlenden Grün und Schwarz schillerten und die sie größer aussehen ließen, als sie war. Neverfells erster Gedanke war, dass die Dame geradewegs von einem rauschenden Fest kam.

Um Madame Appelines Hals war ein nachtschwarzes Tuch geschlungen, sodass ihr bleiches Gesicht wie gemeißelt wirkte. Neverfell fand, dass es das schönste Gesicht war, das sie je gesehen hatte. Es war herzförmig und vollkommen glatt. Während die Dame wartete, wechselten beständig die Ausdrücke auf ihrem Gesicht, ein ungewohnter und faszinierender Anblick nach Grandibles stets mürrischem Gesicht. Ihre Augen waren lang gezogen, leicht schräg stehend und grün, und ihre Augenbrauen schwarz. Nur eine kleine Kerbe im Kinn verhinderte, dass man ihr Gesicht als vollkommen ebenmäßig bezeichnen konnte.

Neverfell, die an Grandibles Befehl dachte, öffnete eine kleine, von außen nicht sichtbare Luke und sog rasch die Luft durch die Nase ein. Ihr geübtes Käsemacher-Riechorgan nahm lediglich Haarpuder, Eile und einen Hauch von Veilchen wahr. Die Dame hatte einen Blütenduft aufgelegt, aber kein Parfüm. Ein angenehmes Aroma, aber keines, das den Geist versklaven konnte.

Neverfell zog den letzten Riegel zurück, zerrte an dem großen Eisenring und öffnete die Tür. Bei ihrem Anblick zögerte die Frau kurz, bevor ihre Züge weich wurden. Sie blickte amüsiert und überrascht, gepaart mit einer gewissen Freundlichkeit.

«Kann ich mit Käsemeister Moormoth Grandible sprechen? Ich glaube, er erwartet mich.»

Noch niemals war Neverfell mit einem so sanften Blick bedacht worden. Ihr Mund wurde trocken.

«Ja … Ich … Er … er ist im Salon.» Dies war der goldene Moment, der es ihr ermöglichte, ein paar Worte mit der Mienenschmiedin zu wechseln, und ausgerechnet jetzt schien sie vergessen zu haben, wie man Sätze bildete. Sie fühlte, wie ihr Gesicht unter der Maske heiß wurde, während sie sich verstohlen umblickte. «Ich … ich wollte Euch etwas fragen …»

«Neverfell!», ertönte die raue Stimme ihres Herrn aus dem Salon.

Neverfell erinnerte sich an die weitere Anordnung des Käsemeisters: Kein Geplapper. Vermutlich meinte er damit, dass sie ganz ihren Mund halten sollte.

Sie zögerte kurz, dann verbeugte sie sich leicht und trat zurück, gab den Weg frei. Kein freundliches Schwätzchen also. Diesen Gast musste man gut behandeln und ihm mit Aufmerksamkeit begegnen, ihm aber nicht das Gefühl geben, er sei willkommen. Also wartete Neverfell, bis Madame Appeline eingetreten war, schloss die Tür hinter ihr und zeigte ihr dann den Weg zum Salon, ein braves kleines Püppchen mit weißen Augen und einem silbernen Lächeln.

Das Licht im Gang war schwach, ein deutliches Zeichen für die Abwesenheit von Menschen. Genauso wie die Menschen darauf angewiesen waren, dass die kleinen fleischfressenden Fliegenfallen in den Karnivoren-Lampen ihre abgestandene, ausgeatmete Luft einatmeten und sie in frische, sauerstoffreiche Luft umwandelten, so brauchten die Fliegenfallen Menschen, die abgestandene, ausgeatmete Luft produzierten, damit sie selbst existieren konnten. Wenn keine Menschen in der Nähe waren, ging ihnen die schlechte Luft aus, sie löschten ihr Licht und gingen schlafen. Die kleinen Fliegenfallen sahen aus wie blinde, bleiche und getupfte Pilze, und ihre aufgerissenen Münder wirkten eher so, als würden sie vor Langeweile gähnen, anstatt darauf zu hoffen, dass eine dicke Höhlenmotte von ihrem schlammgelben Licht angezogen wurde.

Glücklicherweise hielt sich Madame Appeline dicht hinter Neverfell und machte keinerlei Anstalten, irgendetwas anzufassen oder herumzuschnüffeln. Grandible misstraute jedem Besucher, und er hatte ganz gewiss alle Fallen aktiviert. Die Türen waren geschlossen, und ihre Griffe waren mit einer Schicht Hasenporen-Stilton beschmiert, deren Berühren irreparable Lähmungserscheinungen hervorrief. Abgesehen davon gab es noch die üblichen Gefahren, die stets im Reich eines Käsemeisters lauerten. Wenn man die falsche Tür öffnete, konnte es sein, dass man sich einem Regal mit spuckenden Feta-Käsen gegenübersah, die auf ihren Betten aus Taubenfedern lagen und eine feine Säuregischt durch die Poren in ihrer Rinde verströmten, oder ein paar großen moosigen Rädern Krepierfleckkäse, deren Duft allein eines Menschen Gehirn zum Schmelzen bringen konnte wie ein Pfund Butter über dem Feuer.

Die gemütliche Kammer, die Grandible als Empfangssalon benutzte, war der einzige Ort, der Besuchern zugänglich war. Hier war der Käsegestank nicht ganz so schlimm wie im Rest von Grandibles Reich. Als Neverfell sie hineingeleitete, richtete sich die Mienenschmiedin auf und änderte gänzlich ihre Haltung. Plötzlich war sie grandios und strahlend und schien tatsächlich ein paar Zentimeter gewachsen zu sein.

«Käsemeister! Ich habe Gerüchte gehört, dass Ihr noch am Leben seid! Wie erfreulich, dass sie sich als wahr herausstellen!» Elegant schwebte die Mienenschmiedin in den Raum, wobei die am höchsten aufragende Feder ihres Kopfschmucks die Decke der Kammer liebkoste. Sie schälte die gelben Handschuhe von ihren Fingern und ließ sich auf dem Besuchersessel nieder, der in der genau abgemessenen Entfernung von acht Schwertlängen neben Grandibles mächtigem Holzstuhl stand. «Nach Eurem dramatischen und spurlosen Verschwinden war die Hälfte meiner Freunde davon überzeugt, dass Ihr am Leben verzweifelt seid und Euch etwas angetan habt.»

Grandible betrachtete den Ärmelaufschlag seines langen grauen Mantels, den er nur anlegte, um Besucher zu begrüßen. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, sondern schien sich für einen Moment noch zu vertiefen.

«Tee», war alles, was er sagte. Der Ärmelaufschlag reagierte nicht; vermutlich war ihm klar, dass die Anordnung nicht ihm selbst galt, sondern Neverfell.

Den Raum in einem solchen Moment zu verlassen, bedeutete eine Höllenqual für Neverfell, die gehofft hatte, endlich etwas über die Hintergründe zu erfahren, die Grandible dazu veranlasst hatten, sich vom Hof zurückzuziehen. Die einzige Aristokratie in Caverna waren die Handwerker, die Hersteller der meisterhaften Köstlichkeiten, die in der Lage waren, die hauchfeine Grenze zwischen überwältigender Kunstfertigkeit und Magie zu überschreiten. Als Käsemeister war Grandible ein Mitglied der Handwerkerzunft, aber er hatte Neverfell niemals verraten, warum er seinen rechtmäßigen Platz bei Hofe aufgegeben hatte.

In der felsigen kleinen Küche zog Neverfell an einem Hebel an der Wand, um heißes Wasser zu verlangen. In den Heizhöhlen irgendwo weit über ihr ertönte nun eine kleine Glocke. Nach einer oder zwei Minuten fing die Wasserleitung an zu summen und zu surren und zu zittern. Neverfell zog ihre Schutzhandschuhe an, drehte den grauen und gefurchten Wasserhahn auf und füllte die Teekanne mit einem Strom dampfenden Wassers.

Sie bereitete den Tee zu, wobei sie sich in ihrer Hast verbrannte, und als sie wieder im Salon erschien, befanden sich Gast und Gastgeber mitten im Gespräch. Neverfell stellte eine Tasse mit Pfefferminztee und einen Teller mit Datteln auf den Tisch neben Madame Appeline, die mitten im Satz innehielt und Neverfell mit einem kleinen, süßen Dankeslächeln bedachte.

«… ein sehr guter Kunde», fuhr die Mienenschmiedin dann fort, «aber auch ein guter Freund, was der Grund ist, warum ich versprach, ihm zu helfen. Ihr versteht gewiss seine Sorge, nicht wahr? Das ist ein so ungeheuer wichtiges diplomatisches Ereignis, und der arme junge Mann möchte sich vor dem Grand Steward und dem gesamten Hof nicht entehren. Könnt Ihr es ihm verübeln, wenn er sichergehen möchte, dass er die richtigen Mienen vorbereitet hat?»

«Ja.» Grandibles stummelkurze Nägel klopften auf die Armlehne seines Sessels, ganz in der Nähe des Schalters für das Geheimfach. «Das kann ich. Es sind närrische Tölpel wie dieser, die den Markt für Mienen erst befeuern, obwohl doch jedermann weiß, dass zweihundert Mienen für einen Menschen völlig ausreichend sind. Ach was sage ich – zehn wären genug!»

«Oder … zwei?» Madame Appeline verengte ihre länglichen, schräg stehenden Augen. Ihr Lächeln war wissend, doch es lag auch ein Hauch Wärme und Mitgefühl unter der spöttischen Oberfläche. «Käsemeister, ich weiß, dass Ihr dies als eine Sache von Prinzipien betrachtet, aber Ihr solltet wirklich überlegen, ob es klug ist, tagaus, tagein dieselbe Miene zu tragen. Sie brennt sich in das Fleisch ein. Eines Tages wollt Ihr vielleicht eine andere Miene benutzen und müsst erkennen, dass Eure Muskeln Euch nicht mehr gehorchen.»

Grandible starrte sie an, das Gesicht so mürrisch wie eine Galgenschlinge. «Ich finde diese Miene durchaus passend für die meisten Gelegenheiten und für die meisten Leute, denen ich begegne.» Er seufzte. «Ich weiß wirklich nicht, warum Ihr mich sprechen wolltet, Mienenschmiedin. Wenn dieser Welpe hundert neue Ausdrücke lernen will, damit er auf jede Schattierung der Farbe Grün reagieren kann, wenn er ihrer gewahr wird, dann bitte schön: Bringt sie ihm bei, verkauft sie ihm.»

«Wenn es um die Farbe Grün ginge, dann wäre es tatsächlich ein Leichtes für mich. Spottet, so viel ihr wollt, aber In Betrachtung von Kupfergrün und Das Erahnen eines Apfelbaumzweigs sind im Augenblick sehr beliebt. Nein, das Problem ist das Bankett. Wenn er zeigen will, dass er alle Feinheiten und Köstlichkeiten zu schätzen weiß, dann muss er in der Lage sein, auf jedes Gericht richtig zu reagieren. Ahnt Ihr jetzt, worauf ich hinauswill, Käsemeister?»

«Es ist mehr als eine Ahnung.»

«Ich habe ihn bereits unterwiesen, mit welcher Miene er auf die vier Weine reagieren muss, die Suppe, die Pastete, die Singvogel-Sülze, den Kräuterlikör, die Eiskrem und jede einzelne kandierte Frucht. Aber Euer Stackfalter Sturton wird an diesem Abend sein Debüt geben. Wie kann ich die korrekte Miene modellieren für etwas, das ich nicht kenne?»

«Dieser Käse wurde von dem Grand Steward in Auftrag gegeben. Er ist sein alleiniges Eigentum.»

Madame Appeline ließ nicht locker. «Aber es gibt doch immer den einen oder anderen Krümel, nicht wahr?», sagte sie. «Beim Anbohren, vielleicht ein Scheibchen, ein Raspelstückchen hier und da? Mein Freund braucht doch nur einen winzigen Krumen. Lasst Euch erweichen und gebt mir ein einziges Stückchen. Mein Freund wäre zutiefst dankbar.»

«Nein.» Die Antwort kam leise, aber sie war endgültig wie das Erlöschen einer Kerze. Madame Appeline schwieg lange Zeit, und als sie wieder sprach, klang ihre Stimme sehr ernst. Ihr Lächeln war melancholisch.

«Lieber Käsemeister, ist es Euch nie in den Sinn gekommen, dass Ihr eines Tages vielleicht an den Hof zurückkehren wollt – wie unwahrscheinlich Euch dieser Gedanke auch heute vorkommen mag? Dass Ihr vielleicht zurückkommen müsst? In Eurem Versteck mögt Ihr euch sicher fühlen, aber Ihr seid es nicht. Eure Feinde haben Hunderte von Gelegenheiten, gegen Euch zu intrigieren, die richtigen Worte in die richtigen Ohren zu flüstern. Das macht Euch verletzlich, und wenn Ihr eines dunklen Tages Eure Position verliert, werdet Ihr nicht einmal hier sicher sein. Und Ihr habt nun noch jemanden …» – ihr Blick zuckte zu Neverfell – «… an den Ihr denken müsst.»

«Ich bin sicher, dass Eure Worte etwas bedeuten.» Grandibles Hände fummelten an den Armlehnen herum, und Neverfell erkannte plötzlich, dass er nervös war, nervöser, als sie ihn jemals erlebt hatte.

«Sie bedeuten, dass früher oder später Ihr und Euer Schützling Verbündete braucht, aber Ihr habt seit Jahren jeden von Euch gestoßen, der den Versuch gemacht hat, sich Euch freundschaftlich zu nähern. Was ist, wenn Ihr es wieder mit dem Hof zu tun bekommt? Wie wollt Ihr zurechtkommen, ohne Freunde und mit nur zwei Mienen?»

«Ich habe auch letztes Mal überlebt», murmelte Grandible.

«Und vielleicht gelingt es Euch auch ein zweites Mal», fuhr Madame Appeline fort, «oder Ihr könnt Euch von mir helfen lassen. Ich kenne eine Menge Leute und könnte Euch einführen. Ich könnte sogar einen neuen Stil für Euch kreieren, um es leichter für Euch zu machen.» Sie legte ihren herzförmigen Kopf schräg und betrachtete Grandible mit ihren länglichen grünen Augen. «Ja, ich denke, Ein Aufblitzen von spöttischem Charme würde Euch gut stehen. Oder vielleicht Welterfahrenheit, mit einem Hauch Traurigkeit und einem treuen und standfesten Kern. Vielleicht auch Amüsierte Verschrobenheit mit einem Quell tiefer Weisheit? Käsemeister, ich weiß, dass Ihr meiner Zunft nicht traut, aber die Wahrheit ist, dass ich Euch eine gute Freundin sein kann, und es ist wirklich nützlich, mich zu kennen.»

«Kekse», sagte Grandible giftig.

In ihrer Eile stolperte Neverfell über die Teppichkante in der Küche, fiel über einen Stuhl und verbrachte etliche kostbare Sekunden damit, die auf dem Boden verstreuten Kekse wieder einzusammeln und die Staubflocken abzuwischen. Als sie in den Salon zurückkam, war das Gespräch beendet. Mit einem Stich der Verzweiflung im Herzen sah sie, wie die Mienenschmiedin wieder zur Eingangstür mit den fünfunddreißig Schlössern zurückschwebte, auf dem Gesicht einen Ausdruck der Belustigung, des Bedauerns, Mitgefühls und der Entschlossenheit.

Atemlos rannte Neverfell hinter ihr her und sank dann in einer tiefen Verbeugung zu Boden. Sie fühlte, wie das Lächeln der Mienenschmiedin über ihre Gestalt tanzte, so sanft und schillernd wie die Federn, die über die Decke des Salons gestreift waren. Neverfells Herz taumelte bei dem Gedanken, dass sie gegen die Befehle ihres Herrn verstieß, aber sie würde nie wieder die Gelegenheit bekommen, mit einer Mienenschmiedin zu reden, und bereits jetzt drohte diese eine Chance, ihr durch die Finger zu schlüpfen.

«Mylady!», flüsterte sie drängend. «Wartet! Bitte! Ich … Ihr habt gesagt, Ihr könntet Mienen erfinden, mit denen Meister Grandible gut aussähe, und ich wollte bloß wissen …» Sie holte tief Atem und sprach die Frage aus, die ihr seit Monaten im Kopf herumschwirrte. «Könntet … könntet Ihr eine Miene gestalten für jemanden, der nichts dergleichen hat – nichts, was den Namen ‹Gesicht› verdient? Ich meine … für jemanden, der so hässlich ist, dass er sich verstecken muss.»

Ein paar Sekunden lang betrachtete die Mienenschmiedin Neverfells Maske. Ihr Gesicht war völlig reglos. Dann verwandelte es sich in eine schimmernde Lieblichkeit, wie ein Tropfen, der sich an der Spitze eines tauenden Eiszapfens bildet. Sie streckte die Hand nach der Maske aus, offensichtlich um sie abzunehmen, aber Neverfell wich zurück. Sie war noch nicht bereit, dieser wunderschönen Frau zu zeigen, was sich dahinter verbarg.

«Du willst nicht, dass ich dich ansehe?», flüsterte Madame Appeline. «Nun gut, ich habe nicht die Absicht, dich zu ängstigen.» Sie schaute sich verstohlen im Gang um und beugte sich dann zu Neverfell vor.

«Es kamen schon viele Leute zu mir, die hässlich genannt wurden, und jedes Mal ist es mir gelungen, ihnen eine Miene zu entwerfen, durch die ihr Äußeres angenehmer für das Auge wurde. Es ist niemals hoffnungslos. Egal, was man dir gesagt hat, niemand muss hässlich sein.»

Neverfell fühlte, wie ihre Augen anfingen zu brennen. Sie musste schlucken. «Es tut mir leid, dass Meister Grandible so grob war. Wenn es an mir gewesen wäre …»

«Danke.» In Madame Appelines Augen funkelten Flecken, schillernd wie Pfauenfedern, wie sorgfältig facettierte grüne Edelsteine. «Ich glaube dir. Wie war doch gleich dein Name? Nannte Meister Grandible dich nicht Neverfell?»

Neverfell nickte.

«Es ist schön, dich kennenzulernen, Neverfell. Nun, ich werde mich daran erinnern, dass ich eine kleine Freundin in diesen Käse-Tunneln habe, auch wenn dein Meister beharrlich jedermann misstraut, der dem Hof angehört.» Madame Appeline warf einen Blick in Richtung des Salons. «Pass gut auf ihn auf. Er ist verwundbarer, als er glaubt. Es ist gefährlich, sich so abzuschotten und nicht mehr zu wissen, was draußen vor sich geht.»

«Ich wünschte, ich könnte in die Stadt gehen und Dinge für ihn in Erfahrung bringen», flüsterte Neverfell. Ihre Motive waren nicht gänzlich uneigennützig und sie wusste, dass das Verlangen in ihrer Stimme sie verriet.

«Verlässt du denn niemals das Reich deines Meisters?» Madame Appelines schwarze Augenbrauen hoben sich graziös, als Neverfell den Kopf schüttelte. Ihr Ton war leicht schockiert. «Niemals? Aber warum um alles in der Welt?»

Neverfells Hände zuckten entschuldigend zu ihrer Maske und dem ungeliebten Gesicht, das sich dahinter verbarg.

«Oh.» Madame Appeline stieß einen sanften Seufzer des Begreifens aus. «Willst du damit sagen, dass er dich hier eingesperrt hat wegen deines Aussehens? Aber das ist ja schrecklich! Kein Wunder, dass du dir eine neue Miene wünschst.» Sie streckte eine gelb behandschuhte Hand aus und strich sanft über die Wange von Neverfells Maske. Ihr Finger schabte hörbar über den Samt. «Armes Kind. Nun, verzweifle nicht. Vielleicht werden wir beide Freunde, du und ich, und vielleicht habe ich eines Tages die Möglichkeit, ein neues Gesicht für dich zu erfinden. Würde dich das glücklich machen?»

Neverfell nickte stumm. Sie hatte das Gefühl, dass ihre Brust gleich bersten würde.

«In der Zwischenzeit», fuhr die Mienenschmiedin fort, «kannst du mir jederzeit eine Nachricht zukommen lassen. Meine Tunnel liegen ganz in der Nähe des Samphire-Distrikts, wo Tythemans Tritt und die Schanze aufeinandertreffen.»

Im Salon ertönte eine Glocke, und Neverfell wurde klar, dass Grandible ungeduldig wurde. Widerstrebend entriegelte sie die Tür und zog sie auf, sodass Madame Appeline hinausgleiten konnte.

«Auf Wiedersehen, Neverfell.»

In der vergänglichen Sekunde, bevor sich die Tür zwischen ihnen schloss, erhaschte Neverfell einen Ausdruck, der ihr Herz stolpern ließ. Madame Appeline bedachte sie mit einem Blick, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Nichts dergleichen gab es in den Katalogen der Mienenschmiede, die Neverfell als ihren kostbarsten Schatz hütete, und die Miene war auch nicht glatt und wunderschön wie all die anderen, die Madame Appeline während ihres Besuches aufgelegt hatte. Ein Lächeln lag darin, aber eins mit einer Welt aus Erschöpfung hinter dem Strahlen und Traurigkeit jenseits der Güte. Um die Augen hing etwas Verhärmtes, das von Schlaflosigkeit sprach, von Geduld und Schmerz.

Im nächsten Moment war das Bild verschwunden, und Neverfell starrte die Tür an, die zugeschlagen war. In ihrem Geist wirbelten Farben und Gedanken durcheinander. Es dauerte ein paar Momente, ehe sie sich daran erinnerte, dass sie die Riegel vorschieben musste.

Jene letzte, außergewöhnliche Miene war wie ein Blitz in ihre Seele gefahren, wie eine Windböe, die eine Harfensaite zum Klingen brachte. Etwas daran war vertraut, das verriet ihr lautstark ihr Herz. Neverfell war kurz davor, die Tür wieder aufzureißen, ihre Arme um die Mienenschmiedin zu schlingen und in Tränen auszubrechen. Und sie hatte keine Ahnung, warum.

Eine Wendung zu viel

In dem Moment, in dem sie die Maske abnahm, wurde Neverfell klar, dass sie Ärger zu erwarten hatte. Grandibles grauer Blick fiel auf sie und verhärtete sich zu Eis.

«Was ist los?» Eine seiner breiten, schwieligen Hände umfasste ihr Gesicht, während die andere die Lampe hob, sodass das grünliche Pflanzenlicht auf ihre Wangen fiel. «Du verbirgst etwas!»

Wieder einmal mit der unheimlichen Fähigkeit ihres Meisters konfrontiert, ihre Gedanken zu lesen, blieb Neverfell nichts weiter, als zu stottern und zu stammeln.

«Was hast du getan?» In Meister Grandibles rauer Stimme lag ein furchtsamer Unterton, der Neverfell verwirrte. «Du hast mit ihr geredet, nicht wahr?», sagte er.

«Sie …»

«Hast du deine Maske abgenommen?»

Neverfell schüttelte den Kopf, so gut sie es vermochte, während Grandibles schwielige Hand ihr Kinn festhielt. Seine Augen huschten über ihr Gesicht, als ob die Wahrheit dort eingeritzt wäre.

«Hast du ihr irgendetwas über dich verraten? Irgendetwas über mich oder die Tunnel? Irgendetwas?»

«Nein!», quietschte Neverfell und zerbrach sich den Kopf, ob sie es nun getan hatte oder nicht. Nein, sie hatte der schönen Dame fast nichts erzählt, sie hatte nur Fragen gestellt und hin und wieder genickt. «Ich habe nichts verraten. Ich habe ihr nur gesagt, dass … dass es mir leid tut.»

«Dass es dir leid tut? Was tut dir leid?»

Dass Ihr so grob und unhöflich wart, dachte Neverfell.

«Dass Ihr so grob und unhöflich wart», sagte Neverfell.

Grandible schwieg einen Moment, dann stieß er einen langen Seufzer aus und ließ ihr Kinn los.

«Warum habt Ihr ihr nicht gegeben, was sie wollte?», fragte Neverfell. Ihre Füße vollführten einen kleinen Tanz. Hin und her. Scheue Schritte rückwärts, ungeduldige Schritte vorwärts. «Wir haben doch einen Rest von dem Stackfalter Sturton, so groß wie meine Faust – das kleine Stückchen, das wir abgezweigt haben, damit wir merken, wann der große Käse reif ist. Warum geben wir ihr nicht ein oder zwei Stückchen davon?»

«Aus demselben Grund, warum ich keinen Faden aus einem Spinnennetz löse, um meine Socken damit zu flicken», knurrte Grandible. «Wenn man an einem Faden zieht, fällt das ganze Netz auseinander. Und dann kommen die Spinnen …»

Selbst wenn Meister Grandible eine Frage beantwortete, war das Ergebnis nicht immer zufriedenstellend.

Während der nächsten Woche war Neverfell eine wahre Plage. Sie konnte sich auf nichts konzentrieren. Sie löffelte Elchspucke auf einen Barkbent-Käse anstatt Rentiertränen, und der Käse wehrte sich gegen diese Misshandlung, indem er einen Strom von ätzendem Dampf ausstieß, der ihr den Arm verbrannte. Sie vergaß, die Laibe des Bärendreck-Bettelkäses von dem Regal neben den Kühlrohren zu nehmen, und dachte erst wieder daran, als sie schon zitternd gegen das Holz schlugen.

Die seltsame und wunderbare Madame Appeline hatte gesagt, dass sie vielleicht in der Lage war, eine Miene für sie zu erfinden, die sie weniger hässlich wirken ließ. Dieser Gedanke erfüllte Neverfell mit einer warmen Welle der Hoffnung, doch dann erinnerte sie sich an die düsteren Worte der Mienenschmiedin über den Hof, und das gute Gefühl wich einer undeutlichen und ängstlichen Vorahnung. Meister Grandible war so eisern und stoisch in seiner Haltung, dass sich Neverfell überhaupt nicht vorstellen konnte, wie ihm etwas zustoßen sollte – genauso wenig wie sie sich vorstellen konnte, ohne die felsige Decke zu leben, die ihrer Welt ein schützendes Dach war. Aber die Mienenschmiedin hatte angedeutet, dass sich Meister Grandible in Gefahr begab, gerade indem er sich dem Hof verschloss, und dass andere gegen ihn intrigierten. Konnte das möglich sein? Er hatte darauf keine Antwort gegeben. Konnte irgendjemand ihrem Herrn in seiner uneinnehmbaren milchigen Festung ein Leid zufügen?

«Was ist in dich gefahren?», knurrte Grandible.

Neverfell wusste nichts darauf zu erwidern, denn sie hatte keine Ahnung, was in sie gefahren war. Aber etwas war es ganz sicher, denn sie fühlte, wie es im Kochtopf ihrer Gedanken brodelte und schmorte und kleine Bläschen aus Erregung an die Oberfläche stiegen. Sie hatte eine halbe Idee, sie hatte das Samenkorn eines Plans, obwohl es vielleicht falsch war zu sagen, dass sie es hatte, denn es fühlte sich eher an, als ob es umgekehrt war: Es hatte sie. Aber zum ersten Mal hielt sie einen schleierhaften Gedanken fest, den sie Grandible nicht anvertraute, ganz einfach weil sie nicht genau wusste, was es war oder was sie dazu sagen sollte.

«Siehst du?», brummte Grandible. «Ein Blick in die Welt dieser Frau, ein Hauch bloß … es ist wie eine ansteckende Krankheit. Du hast jetzt ein Fieber, und du kannst dich glücklich schätzen, wenn das alles ist, was du dir eingefangen hast.» Allerdings behandelte er sie nicht wie eine Kranke, im Gegenteil: Er schien entschlossen zu sein, Neverfell von früh bis spät zu beschäftigen.

Konnte Neverfell Madame Appeline vertrauen? Wieder und wieder kehrten ihre Gedanken zu jener letzten Miene zurück, die sie auf dem Antlitz der Frau gesehen hatte, zu diesem müden und liebevollen Ausdruck ohne jeden Glanz. So sehr sie auch versuchte, sich vom Gegenteil zu überzeugen, sie glaubte einfach nicht, dass es bloß eine leere Maske war.

Um eine solche Miene zu erfinden, muss man fühlen, was man zeigt, sagte sie sich.

Dieser Gedanke schwirrte ihr immer noch durch den Kopf, als Erstwhile drei Tage später kam und Fässer mit frischer Milch lieferte, eine Kiste mit sauberen Taubenfedern und sechs Flaschen Lavendelwasser, mit dem man einem Toten die Füße gewaschen hatte. Erstwhile war ein hagerer, leicht pockennarbiger Botenjunge und der regelmäßigste Besucher in Grandibles Tunneln. Er war etwa ein Jahr älter als Neverfell, allerdings vier Zentimeter kleiner, und erklärte sich oft bereit, ihr ein bisschen von seiner Zeit zu gönnen und ihre Fragen zu beantworten, allerdings auf eine recht hochtrabende Art. Neverfell hatte den Verdacht, dass er es genoss, wie sie an seinen Lippen hing, und er sich in dem Bewusstsein gefiel, als Besucher sehr wichtig für sie zu sein.

«Erstwhile, was weißt du über Madame Appeline?»

Die Frage war aus ihr heraus, noch bevor er sich hingesetzt hatte.

Erstwhile verfügte nicht über eine wütende oder verärgerte Miene. Arbeiterfamilien brachte man solche Gesichter nicht bei, denn man nahm an, dass sie keine Verwendung dafür hatten. Nichtsdestotrotz bemerkte Neverfell, wie sich seine Schultern versteiften, und sie spürte, dass sie ihn gekränkt hatte. Er war voller Stolz hierher gekommen und hatte ihr etwas erzählen wollen, und jetzt hatte sie ihn verstimmt, weil sie ihn nach etwas ganz anderem gefragt hatte. Aber er taute wieder ein wenig auf, als sie ihm eine Tasse Ingwertee brachte.

«Hier, schau dir das an.» Er hielt ihr etwas vor das Gesicht, nur für den Bruchteil einer Sekunde, lange genug, damit sie erkennen konnte, dass es ein kleines, vergilbtes Gemälde einer oberirdischen Szenerie war. Dann schob er es wieder in seinen Mantel. «Ich muss das einem Händler im Torftopf ausliefern, aber für drei Eier darfst du es dir vorher anschauen.»

Als Neverfell ihm die drei eingelegten Eier brachte, die immer noch in ihren blauen Schalen lagen, reichte er ihr das Bild. Es zeigte ein kleines Haus, das vorsichtig hinter einem Schleier aus Bäumen hervorlugte. Hinter dem Haus erhob sich ein bewaldeter Hügel, und im Himmel gähnte ein weißliches Licht, das heller war als alles andere.

«Das ist die Sonne, nicht wahr?», sagte sie und deutete darauf.

«Ja, deshalb ist auf dem Bild auch niemand im Freien. Du weißt doch Bescheid, oder? Die Sonne verbrennt Menschen. Und trotzdem müssen viele draußen auf den Feldern arbeiten, aber wenn sie so lange in der Sonne bleiben, wird ihre Haut rot und tut weh, und dann fällt sie ab. Und man kann nicht nach oben blicken, weil die Sonne so hell ist und die Augen ausbrennt, und dann ist man blind.»

Er warf Neverfell einen Blick aus den Augenwinkeln zu, während er eins der Eier schälte und allmählich das zarte Schneeflockenmuster auf der karamellfarbenen Oberfläche freilegte.

«Schau dich nur an, du bist so zappelig wie eine kranke Ratte. Weißt du, es ist nur gut, dass ich ab und zu hierher komme, ansonsten würdest du ja durchdrehen. Grandible wird es eines Tages bereuen, dass er dich hier unten ganz allein einsperrt. Du wirst verrückt und bringst ihn um.»

«Sag doch so was nicht!», quiekte Neverfell. Ihre Stimme war schrill vor Angst, aber es lag auch Wut darin. Sie hatte Erstwhile viel zu viel von sich erzählt, und nur deshalb wusste er, dass sie manchmal tatsächlich ein bisschen verrückt wurde, wenn sie sich besonders eingeengt oder hoffnungslos fühlte oder wenn die Tunnel noch dunkler und stickiger waren als sonst oder wenn sie an einer engen Stelle stecken blieb. Manchmal passierte es auch völlig grundlos. Sie fühlte, wie eine schreckliche Panik ihr die Brust zerquetschte, wie ihr Herz anfing zu galoppieren, und dann musste sie nach Luft ringen … Und dann erholte sie sich wieder, zitternd und mit einem flauen Gefühl im Magen. Ringsum lag alles in Trümmern, und ihre Fingernägel waren gesplittert von dem Versuch, sich damit durch die felsigen Wände zu graben.

Nach diesen Anfällen konnte sie sich an nichts mehr erinnern, nur noch an das verzweifelte Verlangen nach Licht und Luft. Nicht nach dem grünlichen Lampenlicht oder dem trüben Rot der Feuersglut, sondern nach einer eiskalten, sengenden Unglaublichkeit, die vom Himmel auf sie niederblickte. Nicht nach der vertrauten, miefigen Luft der Käse-Tunnel, sondern nach einer Luft, die riesig schmeckte und ständig irgendwo anders sein wollte. Nach einer Luft, die rauschte und brüllte.

Erstwhile kicherte über ihre Verzweiflung. Seine gute Laune kehrte wieder.

«Das reicht jetzt. Das war lange genug.» Er nahm ihr das Bild aus den Händen, steckte es in seine Jacke und schnitt dann das Ei in zwei Hälften. Der cremige, dunkeltürkisfarbene Eidotter kam zum Vorschein. «Du willst etwas über Madame Appeline wissen?»

Neverfell nickte.

«Kein Problem. Über sie weiß ich alles. Sie ist eine der bekanntesten Mienenschmiede in Caverna. Schätzungsweise siebzig Jahre alt, dabei ist sie seit vierzig Jahren nicht mehr gealtert. Die anderen Mienenschmiede hassen sie wie die Pest – sogar noch mehr, als sie einander hassen –, weil sie keine Lehrzeit durchlaufen hat, wie es üblich gewesen wäre. Noch vor sieben Jahren war sie ein Niemand, nur irgendeine Hinterhöhlengrimassenschneiderin, die hier und da für wenig Geld ein hübsches Lächeln lehrte. Und dann, ganz plötzlich, erfand sie die Tragik-Kollektion.»

«Die Tragik-Kollektion?» Neverfells Gedanken zuckten zu dem abgehärmten Ausdruck, den sie einen Moment lang hinter Madame Appelines Lächeln wahrgenommen hatte.

«Ja. Weißt du, davor hat man Mienenschmiede angeheuert, weil man das neueste und strahlendste Lächeln haben wollte oder den hochmütigsten Blick. Aber die Tragik-Kollektion war ganz anders. Sie beinhaltete traurige Mienen. Verletzte Mienen. Tapfere Mienen. Sie waren nicht immer hübsch anzusehen, aber sie ließen die Leute interessant und faszinierend wirken, als ob sie ein düsteres Geheimnis hüten würden. Der Hof ist schier durchgedreht deswegen. Und sie ist seitdem eine Berühmtheit.»

«Aber wie ist sie so? Ich meine … ist sie nett? Kann man ihr vertrauen?»

«Vertrauen?» Erstwhile stocherte zwischen seinen Zähnen herum. «Sie ist eine Mienenschmiedin. Alles an ihr ist eine Lüge. Und diese Lüge steht auch noch zum Verkauf.»

«Aber … Mienen müssen doch irgendwo herkommen, nicht wahr?», beharrte Neverfell. «Aus den Gefühlen, die dahinterstecken. Vielleicht … vielleicht ist vor sieben Jahren etwas passiert, etwas Tragisches, und deshalb hat sie plötzlich all diese Gesichter erfunden.»

Erstwhile zuckte mit den Schultern. Das Gespräch über Madame Appeline langweilte ihn.

«Ich kann nicht den ganzen Tag lang hier sitzen und mit dir schwatzen.» Er ließ die Eierschalenkrümel in Neverfells Hände gleiten. «Und du solltest auch nicht so herumsitzen wie ein Fleischklops. Du musst noch den kostbaren Käse für das Bankett fertig machen, oder etwa nicht?»

Die Vorbereitungen für ein großes Bankett verbreiteten jedes Mal Schauder der Aufregung in den unterirdischen Gängen von Caverna. In einem Teil der Stadt ließen maskierte Parfümeure einen einzigen Tropfen einer seidig schimmernden Flüssigkeit in eine große Voliere fallen, um zu beobachten, wie viele Kanarienvögel von dem Duft ohnmächtig wurden. Anderswo häuteten Kürschner sorgfältig Dutzende Maulwürfe und nähten Handschuhe aus ihren winzigen Pelzen. Tausend kleine Kostbarkeiten wurden mit äußerster Sorgfalt getestet, um herauszufinden, welche davon für den Hof zu gewöhnlich waren und welche so exquisit, dass man ihren Genuss nicht überlebte.

Für Grandible und Neverfell bedeutete das Bankett vor allem eines: das Debüt des Stackfalter Sturton. Es war ein Käse von monströsen Ausmaßen, der so viel wog wie Neverfell. Sturtons waren berühmt für die besonderen Visionen, die sie hervorriefen. Sie besaßen die Eigenart, den Menschen die Wahrheiten vor Augen zu führen, die sie im Grunde bereits kannten, sich aber noch bewusst machen mussten, die sie vergessen hatten oder sich weigerten anzuerkennen. Es erforderte höchste Handwerkskunst, einen Sturton-Käse herzustellen, ohne dass Opfer zu beklagen waren, und so legten Grandible und Neverfell ihre ganze Kraft und Energie in den Stackfalter Sturton, auf dass er bereit sei für seinen großen Auftritt. Der Käse wurde behandelt wie eine Braut, die man für eine Hochzeit hätschelt und ausstaffiert, damit sie im besten Licht erscheinen möge.

Jeden Tag musste die weiß und apricotfarben gefleckte Haut des Stackfalter Sturton mit einer Mischung aus Schlüsselblumensaft und Moschusessenz bestrichen werden, und die langen, feinen Mooshaare, die auf ihm wuchsen, wurden vorsichtig gebürstet. Wichtiger noch war es, den mächtigen Käse alle hunderteinundvierzig Minuten zu drehen, und da er drei Ellen im Durchmesser hatte, waren dazu zwei Personen und viel Ächzen und Stöhnen nötig. Aus diesem Grund mussten sowohl Neverfell als auch Grandible alle hunderteinundvierzig Minuten wach sein.

In der sonnenlosen Welt von Caverna gab es weder Tag noch Nacht, aber die Bewohner der Stadt richteten sich alle nach der Vierundzwanzig-Stunden-Uhr. In den Käse-Tunneln musste immer jemand wach sein, und daher schliefen Grandible und Neverfell niemals gleichzeitig, sondern in Schichten. Sie hielten sich an verschiedene Uhren, wie man hier sagte. Grandible schlief für gewöhnlich von sieben bis dreizehn Uhr und Neverfell von einundzwanzig bis vier Uhr. Aber es war schlicht unmöglich, den Sturton allein zu wenden.

Nachdem sie drei Tage lang nie mehr als zwei Stunden am Stück geschlafen hatten, wurden ihnen die Glieder schwer und die Knie weich. Zu allem Überfluss kamen auch kurz vor dem Bankett unentwegt andere Bestellungen herein. Die Hochwohlgeborenen hatten von dem Debüt des Sturton gehört, und plötzlich waren Grandibles Waren heiß begehrt. Es gab unzählige kleine Aufträge von Damen mit wichtig klingenden Namen, einschließlich Madame Appeline, die allerdings nur nach einem kleinen Stück des Zuckenden Zephurta-Käses verlangte. Obwohl die Mienenschmiedin ihre Bitte nach einer Kostprobe des Sturton anscheinend aufgegeben hatte, klammerte sich Neverfell wie eine Ertrinkende an die Hoffnung.

«Können wir nicht Madame Appeline ein Krümelchen von dem Stackfalter Sturton schicken? Bitte! Bitte, bitte! Wir können ihr etwas von dem Probekäse abschaben!» Neben dem eigentlichen Sturton lag ein viel kleineres Abbild desselben, wie ein ungleichmäßiges Ei eines seltsamen Vogels. Dieses Ei würde aufgeschlagen werden, kurz bevor man den Sturton in die Welt hinausschickte, um Ruhm und Ehre zu erwerben. An dem kleinen Käse wurde geprüft, ob er die richtige Reife erlangt hatte.

«Nein.»

Schließlich steuerte alles auf eine Krise zu. Die anderen Käselaibe hatten die Favoritenstellung des Sturton bemerkt und fingen an, sich über ihre Vernachlässigung zu beklagen. Wütende Camemberts zerschmolzen aus Protest. Ein Knallender Karwendel ging unerwartet los und war schon halb durch den Tunnel geschossen, ehe es Neverfell gelang, ein nasses Handtuch über den Laib zu werfen und die Flammen zu ersticken. Die wenigen Augenblicke, die sich Grandible für ein Nickerchen stahl, wurden regelmäßig von Neverfells verzweifelten Hilfeschreien unterbrochen oder dem Klatschen, mit dem sie die unzähligen Butterfliegen erschlug.

«Meister, Meister, darf ich die Mangel auseinandernehmen? Denn dann können wir den Käse zwischen zwei Servierbretter legen, und ich kann einen Kurbelgriff machen, und dann kann einer von uns allein den Käse drehen, während der andere schlafen kann. Meister Grandible, darf ich das versuchen?»

Und Grandible, der ungeduldig Hunderte von undurchführbaren Vorschlägen abgelehnt hatte, zögerte und kratzte sich am Kinn.

«Hm. Erzähl mal.»

Wie sich herausstellte, wurde die Mangel nicht umsonst geopfert. Es gab etliche Fehlversuche und eingequetschte Finger, aber wie so viele von Neverfells mechanischen Experimenten funktionierte auch der Kurbelgriff-Käsewender. Als Neverfell ihn schließlich präsentierte, beobachtete Meister Grandible sie mit scharfen Augen, jederzeit bereit, ihre Bemühungen als Kinderei abzutun. Doch dann nickte er langsam.

«Geh schlafen», war alles, was er sagte. Und er strubbelte Neverfell mit seiner großen und rauen Hand so grob durch ihr Nest aus Rattenschwänzen, dass es sich wie ein Schlag anfühlte. Sie stolperte davon und fiel in ihre Hängematte mit der Gewissheit, dass sie Meister Grandible ausnahmsweise eine große Freude gemacht hatte. Der Schlaf verschluckte sie wie ein Teich einen hineingeworfenen Kieselstein.

Zwei Stunden später erwachte sie mit einem Ruck und starrte hinauf gegen die felsige Decke des Tunnels. In ihren Ohren klingelte es, als ob jemand dicht vor ihrem Gesicht mit den Fingern geschnippt hätte. Sie wusste gleich, dass es vierundzwanzig Uhr sein musste – oder «die Stunde Null». Wenn die Uhr mit dem silbernen Zifferblatt in Grandibles Salon die Stunde Null anzeigte, gab sie ein leises Klicken von sich, mit dem das Uhrwerk einen neuen Zyklus begann. Aus irgendeinem Grund wurde Neverfell stets von diesem Klicken wach, nicht vom Schlagen der Uhr beim Anzeigen der anderen Stunden.

Und auch diesmal hatte das Klicken sie aus dem Schlaf gerissen, trotz ihrer Erschöpfung. Sie stieß ein kleines verzweifeltes Stöhnen aus und kauerte sich zu einer Kugel zusammen, aber es nutzte nichts. Sie war hellwach und so zappelig wie ein Grashüpfer.

«Das ist nicht fair», flüsterte sie, als sie sich aus ihrer Hängematte herauskämpfte. «Einfach nicht fair! Bitte lass meine Uhr nicht drunter und drüber geraten sein. Nicht schon wieder!»

Weil es weder Nacht noch Tag in Caverna gab, kamen manche Leute hin und wieder durcheinander. Ihre inneren Uhren liefen «drunter und drüber». Die Zyklen von Wachsein und Schlafen verwirrten sich, und manchmal konnten sie überhaupt nicht schlafen, sondern quälten sich hundemüde, aber wach durch endlose trübe und elende Stunden. Neverfell war besonders anfällig dafür.

Machen, machen, machen. Was kann ich machen?