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Nachdem eine unbekannte Krankheit diejenigen, die man allgemein die 'Unbegabten' nennt (Menschen ohne magische Fähigkeiten), zu einem Großteil getötet hat, gehört die Welt nun den Magiern. In dieser Welt, in der Magie zur Norm geworden ist, macht sich eine Gruppe von jungen Magiern in London auf, ein Medaillon zu finden, welches selbst den mächtigsten Magiern Respekt einflößt. Bald schon erkennen sie, dass sie nicht nur Spielfiguren sind, in einem Spiel, dessen Regeln sie nicht kennen... das Medaillon scheint auch mehr mit ihren Leben zu tun zu haben, als sie jemals hätten erraten können.
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Seitenzahl: 244
Veröffentlichungsjahr: 2020
S.A. However wurde in Mettmann geboren und hat auf dem Immanuel-Kant-Gymnasium in Heiligenhaus ihr Abitur abgeschlossen. Jetzt studiert However Literaturwissenschaft in Siegen.
Das Medaillon der Engel ist Howevers erster Roman und ein jahrelang erarbeitetes Herzensprojekt.
Gewidmet an Annika und Hannah. Ohne euch hätte diese Geschichte keinen Anfang gehabt Und kein Ende gefunden.
Oh my darling, oh my darling. Oh my darling, Clementine. You are lost and gone forever, dreadful sorrow, Clementine. - Traditional American Western Folk Ballad.
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Jede Geschichte hat einen Anfang. Diese Geschichte jedoch, sie hat viele Anfänge.
Aber sie hat nur ein Ende.
Endgültig.
Das mag paradox klingen, eine unausgesprochene
Ironie mag dahinterstecken. Aber manche Geschichten sind so. Paradox und voller Ironie.
Ich kann Ihnen kaum erklären, was mich schließlich dazu geritten hat, diese Geschichte in ihrer Gänze niederzuschreiben, noch bin ich in der Lage, Ihnen zu sagen, wie es dazu kommen konnte, dass diese Dinge überhaupt geschehen sind. Diese Geschichte lässt viele Fragen offen und scheint nach einer Erläuterung zu verlangen. Die Wahrheit ist, dass nicht einmal ich das Geschehene auch nur im Ansatz verstehe.
Selbst nach all den Jahren, allen Büchern, die ich gelesen und all den Orten, die ich besucht habe, die entscheidenden Fragen bleiben unbeantwortet.
Eines glaube ich jedoch, lehrt uns das Folgende ganz eindeutig. Ihnen, weil Sie diese Geschichte lesen und mir, weil es, nun ja, mein Leben ist.
Mein Leben war, vor langer Zeit.
Die Vergangenheit, meine Vergangenheit, lehrt uns, dass wir allesamt unwissend sind. Die Komplexität des Lebens umfängt uns, erschüttert uns und zerreißt uns.
Oder glauben Sie etwa, dass Sie wissen was Gut und was Böse ist?
Denken Sie, Sie könnten richtiges von falschem Handeln unterscheiden und, dass Sie in der Lage sind, die Schuldigen und die Unschuldigen auseinander zu halten?
Ich verrate Ihnen etwas: Es gibt kein Schwarz, kein Weiß.
Dies ist die eine unumstößliche Erkenntnis, die mein Leben mir geschenkt hat und die mein Lebenswerk Ihnen schenken sollte.
Sie können mir widersprechen, wenn Sie möchten.
Nur zu.
Lesen Sie in Ruhe, bilden Sie sich ein eigenes Urteil, beweisen Sie mir, dass ich mich irre.
Ich bitte Sie sogar darum. Ich bitte Sie, zu urteilen.
Denn egal wie oft ich es versuche, ich kann es nicht.
Ich bleibe dabei. Niemand kann Schwarz von Weiß unterscheiden, in einer Welt, in der es nur Grautöne gibt.
„Chris!“
Louise hob ihre Hand und winkte dem blonden Jungen auf der anderen Straßenseite zu, in dem Versuch seine Aufmerksamkeit zu erlangen.
Es war ein milder Sommertag, 1993, etwa 23 Jahre nachdem die Seuche ihr umstrittenes Ende gefunden hatte und Lou, eine junge Magierin stand neben einer Ampel in London.
Chris wandte sich um, erblickte sie und überquerte die Straße mit ein paar schnellen Schritten.
„Lou, von dir hat man länger nichts mehr gehört.“, begrüßte er sie, nicht ohne ihr einen schnellen Kuss auf die Wange zu geben.
Es stimmte, Louise war erst seit wenigen Tagen zurück in England.
Die letzten Monate hatte sie in den Sümpfen von Südamerika zugebracht, um dort nach einem geheimen Staatsgefängnis zu suchen, von dem Johnathan ihr erzählt hatte. Nur um festzustellen, dass es weder ein Gefängnis in diesen Sümpfen gab, noch etwas anderes, was auch nur im Ansatz mit Magie zu tun hatte.
Während sie Chris von ihren höchst frustrierenden Erfahrungen erzählte, liefen die beiden Freunde nebeneinander die Straße hinab bis sie in eines der hübscheren Wohnviertel gelangten.
Es war mittlerweile einige Jahre her, dass in diesen Häusern die Unbegabten, also Menschen, die keine magischen Fähigkeiten besaßen, gelebt hatten. Wenn die große Seuche sie nicht niedergestreckt hatte, waren es die Magier gewesen, die vor etlichen Jahren aus dem Untergrund aufgestiegen waren und in einigen großen Kriegen auf der ganzen Welt Unbegabte gejagt und abgeschlachtet hatten.
Weder Lou noch Chris hatten diese Ereignisse miterlebt, sie waren in die letzten Atemzüge des Krieges hineingeboren worden und konnten sich an keine Welt erinnern, die nicht von Magiern regiert wurde.
Noch immer gab auf dem Planeten verteilt kleine Unbegabten-Völker, doch diese wurden nach und nach gefunden und vernichtet. Diese Erde gehörte nun den Magiern.
„Wenn du mich fragst, verliert John so langsam seinen Verstand.“, kommentierte Chris das Gehörte und es fiel Louise schwer, ihm zu widersprechen.
Sie respektierte Johnathan und würde seine Befehle niemals öffentlich infrage stellen, doch in letzter Zeit schien er immer häufiger falsch zu liegen oder sich von gemurmelten Gerüchten beeinflussen zu lassen.
Er wirkte zu oft abgelenkt oder unkonzentriert, Zustände, die Lou zunehmend Sorge bereiteten.
„Er wird seine Gründe haben.“, entgegnete sie dennoch.
Sie öffnete die Tür zu ihrem Apartment und setzte sich mit Chris auf die weiße Ledercouch im Wohnzimmer.
Durch die große Fensterfront zu ihrer rechten strahlte die Nachmittagssonne und tauchte den Raum in ein helles oranges Licht.
„Du vertraust ihm zu sehr.“
Da mochte Chris recht haben, Louise vertraute Johnathan bedingungslos. Bisher hatte es ihr allerdings nur selten einen Nachteil eingebracht.
„Vielleicht gibt es doch ein magisches Gefängnis da unten und sie verstecken es nur sehr gut.“, lachte Lou und Chris stieg mit ein.
Die kleine Gruppe, in der sie arbeiteten, erlaubte sich keine Fehler. Jahrelang waren sie trainiert worden, sie gehörten zu den mächtigsten Magiern des Landes. Johnathan war ihr Lehrer, ihr Mentor, ihr Vorgesetzter.
Sie waren alle ein Produkt, seines Talentes. Ihre eigenen Fähigkeiten anzuzweifeln, würde bedeuten, Johns Fähigkeiten anzuzweifeln. Die Vorstellung also, dass Louise ein existierendes magisches Gefängnis einfach nicht gefunden hatte, war bizarr und gefährlich.
Wenn sie es nicht fand, gab es auch keines. So einfach war das.
„Sag mal.“, setzte Chris an und nickte in Richtung des Klaviers, welches kunstvoll auf einem Podest in der Ecke des Zimmers stand und im Licht elegant glänzte, „Spielst du noch?“
Statt eine Antwort zu geben, stand Lou auf und band im Gehen ihre schwarzen Locken in einem Zopf zusammen. Sie ließ sich auf den Klavierhocker fallen und für einen Moment schwebten ihre Finger über den Tasten.
Dann spielte sie.
Die Melodie erfüllte die Luft mit ihren süßen Klängen und verwandelte die Atmosphäre des Raumes spielend leicht, in einen Moment unfassbarer Schönheit. Leider hielt dieser nicht so lange an, wie Louise es sich gewünscht hätte.
Das Telefon klingelte. Louise unterbrach ihr Spiel und lief hinüber zum Wandtelefon. Es war ein Glück, dass es da draußen Magier gab, die sich darin spezialisiert hatten die technischen Spielereien der Unbegabten weiterzuführen und weiterhin zu entwickeln, denn es war außer Frage, dass einige dieser Erfindungen ihr Leben sehr viel einfacher gestalteten.
Die meisten Magier fühlten sich so sicher, so gut, alleine wegen der Tatsache, dass sie Magie in sich trugen. Wer musste da die Magie schon wirklich verwenden können, wenn man sich den Alltag auch leicht gestalten konnte? Hochmut machte die Magier faul, was im Grunde schade war.
Magie lebte davon, genutzt zu werden. Ohne Übung wurde sie schwach und kraftlos. Aber so waren Menschen eben, selbstgefällig und träge.
Lou nahm den Hörer ab und wurde unterbrochen, bevor sie auch nur ein 'Hallo' herausbekam.
„Louise, mein Vater verlangt nach dir.“
Es war Doreas Stimme, die an Lous Ohr drang. Louise seufzte und legte auf ohne etwas zu sagen.
„Samuel?“, hörte sie Chris fragen und nickte.
Seit sie zurückgekehrt war, hatte Lou es vermieden Samuel zu treffen, aber sie konnte es wohl nicht länger vor sich hinschieben.
„Na dann beeilen Sie sich besser, meine Dame. Wir wollen doch nicht, dass Sie beim sehr geehrten Herrn Samuel in Ungnade fallen.“
Louise verdrehte die Augen. Chris lachte.
Er hatte sich breit über ihr Sofa gelegt und Lou ahnte, dass er sich dort für ein Nickerchen einrichten würde, sobald sie gegangen war.
„Mach nur nichts kaputt, solange ich weg bin.“, knurrte Louise missgelaunt und schlug auf ihrem Weg nach draußen die Haustür etwas fester zu, als notwendig.
Der Wind war erstaunlich frisch für die Jahreszeit und Samuels Anwesen befand sich beinahe am anderen Ende des Ortes. Die Straßen waren ähnlich leer, wie zuvor und je näher sie dem Stadtrand kam, desto leiser wurden die Geräusche um sie herum, fast so als würde die dunkle Aura dem Alltag mit Absicht jeglichen Wert stehlen wollen.
Die Häuser in dieser Gegend waren zu einem Großteil verlassen, die Natur holte sich Stück für Stück zurück, was ihr einst gehört hatte, sodass viele Gebäude mit Moos und Efeu bewachsen waren. Die Straßen waren von alten Pfandflaschen und Tüten bedeckt. Hier hatte sich niemand die Mühe gemacht, die letzten Spuren der Seuche und des darauffolgenden Elends zu verdecken.
Lous Schritte halten von den einsamen Wänden wieder, doch langsam schien sie den unbelebten Teil der Stadt überwunden zu haben, denn sie konnte aus der Ferne den bekannten, stetig lauter werdenden, belebten Lärm hören. Musik und Stimmengewirr drangen an ihr Ohr, als Louise das Ortseingangsschild passierte, aufgestellt zur Warnung an unwissende Mitbürger.
Willkommen in der Höhle des Löwen.
Sie musste lächeln, als sie sich an den Tag erinnerte, an dem sie und Daphne diesen Satz mit schwarzer Farbe an das vergilbte Straßenschild gesprüht hatten.
Es wunderte sie, dass es bisher niemand abgenommen hatte.
Andererseits musste jeder, der diese Stelle passierte, den Beiden vermutlich im Stillen Recht geben. Vielleicht stand es aus diesem Grund noch dort.
Mit einmal kam es Louise vor, als wäre sie durch einen Schleier in eine andere Welt getreten.
Samuels Welt.
Von allen Häusern blinkten bunte Lichter, es war Laut und Menschenmassen tummelten sich auf den Straßen, jeder bunter angezogen und aufwendig geschminkter, als der andere. Sowohl das Lachen, als auch das grauenerregende Schreien von Leuten, prasselte im selben Maße auf Lou ein, während sie sich zielstrebig einen Weg bahnte. Dieses Viertel kannte kein Gesetz, keine Regeln. So etwas, wie 'außer Kontrolle raten' gab es hier nicht. Hier kamen Leute her, wenn sie genug hatten, vom engen Gürtel der Moral und Normen. Wenn sie sich nichts sehnlicher erträumten, als im puren Chaos, sich selbst zu verlieren.
Lou ließ die zahlreichen Clubs links liegen und erreichte schließlich ihr Ziel: Samuels Anwesen.
Das Haus, wenn man es denn überhaupt so nennen wollte, war an Protzigkeit nicht zu übertreffen.
Es war ein ehemaliges Herrenhaus, die Tür und Fensterrahmen waren mit Gold überzogen worden, künstlerische Verzierungen säumten die Außenwände, der Garten war aufwendig gepflegt. Mit goldenem Brunnen und Engelsstatuen glich er eher einem Museum, als einer Parkanlage.
Lou blieb an dem goldenen Tor stehen und streckte ihre Hand aus. Ein schwarzer Nebelschleier erschien, wirbelte umher und verschwand wieder, Lou öffnete das Gitter und trat hinein.
Die Sicherheitserkennung ließ jeden durch, sie war nicht dazu gedacht Besucher draußen zu lassen, zumindest im Moment nicht.
Sie sollte Besucher registrieren, damit Samuel zu jedem Zeitpunkt wusste, wer sich wann in seinem Zuhause aufhielt.
Der Weg zum Eingang war schier endlos und als Lou die letzte der vielen Treppenstufen erreicht hatte, legte sie ihre Handfläche auf die Stelle der Türe, wo sich eigentlich die Klinke hätte befinden müssen, doch stattdessen gingen beide Hälften der Tür nahtlos ineinander über.
Erst als Louises Haut das Gold berührte, glitten sie auseinander und gaben den Zutritt frei.
Wieder keine Absperrung, nur eine Registrierung.
Auch im Inneren bewegten sich Menschen, laute Musik wurde gespielt und alles um sie herum blinkte und blitzte in den unterschiedlichsten Farben.
Entschlossen ging Lou die Treppen hinauf, durchschritt den Saal am Ende des Flures und schob den schweren Samtvorhang beiseite.
In diesem Teil der Unterkunft war es ruhiger, der Lärm der Menge gedämpft.
Der lange Gang, den Louise nun entlang schritt, war rechts und links mit teuer aussehenden Gemälden dekoriert worden. Am Ende des Korridors befand sich eine Glastür, die Lou zügig hinter sich ließ. Der Raum der dahinter folgte, sah aus, wie der etwas zu aufwendig gestaltete Eingangsbereich eines Zahnarztes. Hinter der beleuchteten Holztheke stand eine junge Frau mit bleicher Hautfarbe, deren schwarze Locken sie mit pinken Haarspangen hinterm Ohr befestigt hatte.
Sie war offenbar gestresst und bemerkte Lou erst, als diese direkt vor ihr stand.
„Ach Louise, wie schön, dass du es so schnell geschafft hast.“
Dorea lächelte gezwungen freundlich.
Dorea Adamson war die Tochter von Samuel Adamson, doch hatte zum Glück kaum etwas vom Charakter ihres Vaters geerbt. Sie war grundlegend ehrlich, fröhlich und stets fleißig und engagiert.
Offiziell war sie Samuels Sekretärin und Empfangsdame, doch wofür sie wirklich verantwortlich war hatte Louise nie komplett verstanden.
„Ist alles in Ordnung?“, hakte Lou nach und Doreas Gesicht wurde ein wenig blass.
„Vater hat keine gute Laune, Heute.“, erklärte sie.
Sie tat Louise leid, niemand sonst in England musste Samuel und seine Launen so häufig ertragen wie Dorea und trotzdem schaffte sie es immer jedem den sie traf, ein Lächeln zu schenken.
„Ich geh dann mal besser rein.“
Dorea zwinkerte ihr aufmunternd zu und Lou atmete einmal tief durch, drehte sich um, schob einen weiteren Vorhang zur Seite und begab sich mit langsamen Schritten an den grausamsten Ort der Welt.
Samuels Büro.
Samuel saß aufrecht an seinem Schreibtisch, die Hände gefaltet vor sich liegend.
Jedes Detail an diesem Mann war furchterregend und selbst nach all den Jahren, in denen Louise ihn bereits kannte, jagte der bloße Anblick ihr jedes Mal aufs Neue einen kalten Schauer über den Rücken.
Sein langes graues Haar und sein Schnurrbart waren kaum zu erkennen, zwischen all dem Haarschmuck und den glitzernden Edelsteinen. Seine Kontaktlinsen waren jeden Tag von einer anderen Farbe, heute waren sie giftgrün passend zu den Lederhandschuhen, die er trug. Sein von tiefen Falten gezeichnetes Gesicht war bemalt in grellen Gelb- und Rottönen.
Lou trat zwei Schritte vor und kniete sich nieder, so wie es sich gehörte, in der Anwesenheit eines Königs.
Sie hörte wie Samuel aufstand, um den großen Tisch herumging, der etwa ein Drittel des Zimmers einnahm und etwa einen Meter von Lou entfernt stehen blieb.
„Steh auf, mein Engel.“
Seine Worte waren getränkt in einer ekelhaften Süße und als sie stand, war er so nah, dass sie sein schweres Parfüm riechen konnte. Ihr wurde schlecht.
Louise zwang sich geradewegs in Samuels kalte Augen zu sehen, so wie es der Respekt verlangte.
„Warum nur, Engel? Warum nur tust ausgerechnet du mir so etwas an?“, säuselte er leise in ihre Richtung und streichelte mit seiner behandschuhten Hand ihr Kinn.
Wie fast jedes Mal, wenn Samuel sprach, wusste Lou nicht im Geringsten wovon er redete und da sie nicht wusste, was sie auf seine Frage erwidern sollte, schwieg sie und neigte ihren Kopf Richtung Boden.
Sie riskierte ihn mit dieser Geste zu verärgern, aber Louise konnte das Gefühl ihn anzusehen einfach nicht länger ertragen.
Glücklicherweise nahm er wieder etwas Abstand zu ihr und ging zurück auf seinen Stuhl, hinter dem Tisch.
Lou blieb stehen. Der Kronleuchter an der Decke flackerte.
„Weißt du, warum ich dich hergebeten habe?“
„Ich fürchte nicht, mein Lord.“
Es nahm ihre ganze Willenskraft in Anspruch, das Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken.
Samuel bestrafte Unsicherheit. Seiner Meinung nach, waren nur Feiglinge und Verräter von Zweifeln und Angst geplagt.
„Mon Dieu! Was für ein tragisches Schicksal.“, rief er aus und Louise hob ihren Blick.
Samuel hatte seinen rechten Zeigefinger hoch in die Luft gestreckt und seinen Fokus darauf gerichtet, während er sprach.
„Zwei alte Freunde, getrennt von der schrecklichen Gier nach Leid, in einem immer gleichen Spiel.“
Louise ging ein Licht auf. Es gab nur eine Person, die Samuel jemals als alten Freund bezeichnen würde.
„Es geht um Johnathan, nicht wahr mein Lord?“, fragte sie, die Antwort bereits kennend.
„Oh, tut es das nicht ständig, mein Engel?“
Samuel senkte seine Hand.
„Haben Sie beide sich gestritten, mein Lord?“
„So muss man es wohl ausdrücken.“
Lou schluckte. Das war eindeutig nicht gut.
Ein Streit zwischen Samuel und John? Das konnte in einem nationalen Krieg enden, wenn es zum schlimmsten kam.
Johnathan hatte Samuel nie sonderlich gemocht, doch war John zu schlau, um es sich mit diesem Mann zu verderben. Solange man klug blieb und die richtigen Dinge sagte, konnte Samuel einem in diesem Land zu sehr viel Macht verhelfen.
Wenn Johnathan allerdings in Samuels Anwesenheit seine Geduld verloren hatte, würde das fatale Konsequenzen mit sich bringen.
Louise musste herausfinden, was passiert war.
„Darf ich fragen, worum es in diesem Streit ging, mein Lord?“, versuchte sie es, mit einem leichten Knicks um ihre Höflichkeit trotz dieser forschen Frage zu unterstreichen.
Zunächst reagierte Samuel nicht auf sie und starrte weiter seine Hände an.
Dann fing er aus heiterem Himmel lautstark zu lachen an, so laut, dass Lou überrascht zusammenzuckte.
Als er sich wieder beruhigt hatte, wartete sie angespannt auf eine Antwort, die sie, natürlich, nicht bekam. Stattdessen kehrte wieder Stille ein.
Ein paar Minuten verstrichen, ohne, dass ein Wort gesagt wurde.
Gerade, als Louise wieder etwas sagen wollte, stand Samuel auf und schlenderte hinüber zum Bücherregal. Lou war so abgelenkt gewesen, dass sie jetzt erst bemerkte, dass Samuel einen komplett hellgelben Anzug trug.
Er zog ein dickes, in blaues Leder gebundenes Buch heraus. Louise erkannte es sofort.
Auf dem Buchdeckel stand kein Titel geschrieben, stattdessen war ein Mädchen darauf zu sehen, welches auf einer Lichtung stand. Um sie herum standen dichte Nadelbäume und sie streichelte einen großen grauen Wolf mit der einen und ein kleines Lamm mit der anderen Hand. Es war ein Märchenband, aus dem Samuel ihr oft vorgelesen hatte, als sie noch kleiner gewesen war.
Samuel setzte sich auf die Tischkante und schlug das Buch auf.
Er räusperte sich, dann begann er zu lesen: „Der Fuchs und der Wolf am Brunnen.“
Lou kannte die Geschichte, wie eben alle anderen, die in jenem Buch standen. Sie war von Jean de La Fontaine geschrieben worden, wenn sie sich nicht ganz irrte, und musste etwa um 1690 entstanden sein.
Der Sinn, warum man ihr jetzt eine Fabel vorlas, erschloss sich ihr nicht, doch sie fragte nicht danach.
Sie lauschte der Geschichte in ihrer vollen Gänze.
„Es war eine klare Vollmondnacht. Ein Fuchs strolchte durchs Dorf und kam zu einem Ziehbrunnen. Als er hinunterblickte, traute er seinen Augen nicht; da lag ein großer, runder goldgelber Käse. Er kniff die Augen zu und öffnete sie wieder. Nein, es war kein Traum.
Der Fuchs besann sich nicht lange, sprang in den Eimer, der über dem Brunnenrand schwebte, und abwärts ging die Fahrt. Ein zweiter Eimer schaukelte aus der Tiefe empor, an ihm vorbei.
Unten angekommen, wollte der hungrige Fuchs sich sofort auf den fetten Käse stürzen. Aber was war denn das? Seine Nase stieß in eiskaltes Wasser, der Käse verformte sich und verschwand.
Verblüfft starrte der Fuchs ins Dunkel, und langsam kehrte der Käse unversehrt zurück. Jetzt begriff er seinen Irrtum. Wie konnte er nur so schwachköpfig handeln! Nun saß er in der Patsche.
Er schaute zum Brunnen hinauf. Niemand war da, der ihn aus dem Schlamassel befreien konnte. Nur der Vollmond lächelte ihm hell und freundlich zu.
Viele Stunden saß der Fuchs in dem kühlen, feuchten Eimer gefangen und schlotterte vor Kälte und Hunger. Da kam ein Wolf an dem Brunnen vorbei. Der Fuchs dachte: „Warum sollte dieser Nimmersatt klüger sein als ich?“ Und mit fröhlicher Stimme rief er ihm zu: „Schau, mein Freund, welch herrlichen Käseschmaus ich gefunden habe. Wenn du mein Versteck nicht verrätst, so darfst du zu mir herunterkommen und dir auch ein gutes Stück von meinem Käse abbrechen. Den Eimer dort oben habe ich für dich bereitgehalten, mit ihm kannst du zu mir herunterfahren.“
Der Wolf, der nie über Mangel an Hunger klagen konnte, leckte sich die Lippen, und seine Augen traten hervor; der Käse, den der Fuchs entdeckt hatte, sah wirklich appetitlich aus. Ohne zu überlegen, kletterte er in den Eimer, und da er viel schwerer als der Fuchs war, sauste er hinab in die Tiefe und zog den Eimer mit dem Fuchs hinauf.
Der Fuchs rettete sich sofort auf sicheren Boden und lachte sich eins ins Fäustchen. „Wohl bekomm's!“, rief er spöttisch und eilte davon.“
Samuel hielt inne, bevor er das Buch wieder zuklappte, nicht die geringste Andeutung machend, sich zu erklären.
Nach einem schmerzhaft langen Schweigen sagte er: „Du kannst jetzt gehen.“
Louise verbeugte sich und verließ den Raum so schnell sie konnte. Sie würde nicht eine Sekunde länger mit Samuel verbringen, als sie musste.
Sie wollte zu Johnathan, sofort. Sie hatte keine Zeit, über Fabeln nachzudenken, nicht, wenn England möglicherweise an der Schwelle zu einer Katastrophe stand.
Lou war mehr als nur leicht beunruhigt.
Sie nickte Dorea flüchtig zum Abschied zu und eilte durch die schier endlosen Gänge des Palastes, hinaus in den Garten, durch das Tor und lief hastig durch das Viertel.
Die Menge feierte um sie herum, wie zu jeder Tages, Monats und Jahreszeit seit Louise sich erinnern konnte.
Es war ein ewiger Strom aus Glanz und Musik, voller Menschen, die trunken von Glück durch die Gassen tanzten, während zur selben Zeit alle paar Meter ein Mann gefoltert oder einer Frau erstochen wurde. Als würde man mitten in Samuels Herz blicken müssen.
Johnathans Büro lag nicht weit entfernt.
Er hatte ein kleines Appartement in dem verlassenen Teil des Viertels eingerichtet, dort hatte er keine nervigen Nachbarn und musste nicht einmal seine Türen abschließen, es kam ja außer seinen Schützlingen sowieso niemand her.
John stand an dem Fenster hinter seinem Schreibtisch und sah hinaus, ein Glas Wein in den Händen haltend. Er wandte sich um, als er Louise hörte und begrüßte sie freundlich.
„Guten Tag, wie geht es dir?“
Lou ließ sich von seiner Gelassenheit nicht anstecken. Ihr Gesicht war steinhart und Johnathan stellte sein Glas, mit einem Seufzen, ab.
„Was habe ich getan?“
„Das würde ich gerne von dir wissen.“, erwiderte Lou kalt.
Sie war nicht für einen Kaffeeklatsch herkommen, das dämmerte auch John und er wischte sich das schiefe Grinsen aus dem Gesicht.
„Ich nehme an, du hast mit Samuel gesprochen.“, stellte er fest, jetzt in einem ähnlich trockenen Tonfall wie Louise.
„Er hat mir eine Fabel vorgelesen.“, bestätigte Lou.
Johnathan plumpste wie erschlagen auf seinen Lederstuhl.
„Natürlich hat er das.“, murmelte er.
„Wenn du mir etwas verschweigst...“, setzte sie an.
„Wenn ich dir etwas verschweige, dann was?“, unterbrach Johnathan sie.
Er blickte sie mit einem durchdringenden Blick an, ein Blick der selbst dem mutigsten Soldaten Bescheidenheit beibringen konnte. Ein Blick, den sie nicht oft bei John bewundern konnte.
„Ich habe keine Geheimnisse vor dir, Louise. Aber ich stehe nicht in der Pflicht, dir von allem zu berichten, was ich tue.“
Ein frostiges Schweigen umhüllte sie.
Lou bereute ihre dreisten Worte, aber sie war noch immer durch den Wind von dem Gespräch mit Samuel. Unter normalen Umständen hätte sie sich eine solche Respektlosigkeit nicht getraut. Als John weitersprach, war seine Stimme um einiges wärmer geworden.
„Ich kann dir nicht sagen, worüber ich mit Samuel gesprochen habe.“
„Okay.“, flüsterte Louise und trat einen Schritt zurück.
Was sollte sie auch sonst sagen?
Sie dachte über Samuel nach und darüber, wie sie ihm vom ersten Tag an nicht vertrauen konnte. Sie musste auch daran denken, wie oft sie sich mit Johnathan schon über Samuel gestritten hatte. John war der einzige Grund, aus dem Lou sich regelmäßig mit Samuel traf und sich so unterwürfig, wie nur möglich gab, wenn immer sie mit ihm redete.
Mit jedem Jahr war ihr Misstrauen zu Samuel gewachsen.
Und jetzt?
Sie konnte es kaum fassen, dass Samuel und John gemeinsam ein Geheimnis vor ihr bewahrten.
Johnathan bemerkte ihren Unmut augenscheinlich.
„Erinnerst du dich an den Tag, als ich dir Samuel zum ersten Mal vorgestellt habe? Weißt du nicht mehr, was ich dir versprach?“
Louise runzelte ihre Stirn. Natürlich wusste sie es noch, wie könnte sie diesen Tag jemals vergessen. Allerdings hatte sie es nicht für möglich gehalten, dass er es auch noch wusste.
„Du willst dein Versprechen halten?“
Positive Aufregung breitete sich in ihr aus, ihre schlechte Laune verblasste, ohne, dass sie etwas dagegen tun konnte. Die Vorstellung war zu überwältigend. Konnte John das wirklich ernst meinen? Oder trickste er sie nur aus?
Johnathan bemerkte ihren Stimmungswechsel und auch in seinen Zügen wich die Anspannung, das schiefe Grinsen kehrte zurück auf seine Lippen.
„Ich werde mein Versprechen halten.“, versicherte er ihr.
Der Tag, an dem sie Samuel das erste Mal getroffen hatte, war einer dieser Tage, den sie niemals würde vergessen können.
Es war einer der heißesten Tage des Jahres gewesen, 1984.
Louise, Anne, Chris, Julian und Daphne waren allesamt 8 Jahre alt gewesen und John hatte sie auf einem weiten Feld nebeneinander aufgestellt, wo die Sonne gnadenlos auf sie niedergeknallt hatte und sie, egal wo sie hinsahen, geblendet worden waren.
Samuels Erscheinungsbild war an jenem ersten Tag auffallend unauffällig gewesen.
Sein Lächeln war freundlich, sein dunkelgrüner Anzug und das weiße Hemd waren schlicht gewesen und sogar auf Schmuck oder Make-up hatte er damals verzichtet.
Sie hatten sich verunsichert hinter Johnathan gedrängt, wie unschuldige kleine Lämmer, die sich vor dem großen Bösen Wolf fürchteten.
Etwas an Samuel, und keiner von ihnen hätte sagen können was es war, hatte sie eingeschüchtert.
Samuel hatte Johnathan die Hand gereicht, sie hatten sich begrüßt.
Die Kinder waren abseits stehengeblieben, sich gegenseitig fest an den Händen haltend.
Samuel hatte sie betrachtet, als wären sie Waren, die er ausreichend prüfen musste, bevor er sie kaufte.
„Das sind sie also.“, hatte er gewispert und war näher auf sie zugekommen, um seine behandschuhten Finger über sie gleiten zu lassen.
Es war der kleinen Lou wie eine Ewigkeit vorgekommen, in der Samuel sie begutachtet hatte, wie Möbelstücke. Minute um Minute war so vergangen.
Er hatte nichts weiter gesagt.
Irgendwann hatte er sich von den Kindern abgewandt, hatte John etwas zugeflüstert, was sie nicht verstehen konnten und war verschwunden.
Trotz der Jahre, die seitdem vergangen waren, hatte Louise kein Detail vergessen.
Genauso wenig hatte sie vergessen, wie Johnathan sie an dem Abend zur Seite genommen hatte und wie sie ihm zum ersten Mal gesagt hatte, dass sie Samuel nicht leiden konnte.
Lou erinnerte sich genau daran, wie John ihr ruhig und geduldig erklärt hatte, dass sie keine Wahl hatten, dass sie Samuel vertrauen mussten, dass sie tun mussten, was er ihnen sagte.
Und dann hatte Johnathan die Sätze gesagt, die sich für alle Ewigkeiten fester in ihr Gedächtnis eingebrannt hatten, als alles andere, was an jenem Tag geschehen war.
„Ich verspreche dir, dass der Tag kommen wird, an dem es keinen Grund mehr für uns gibt, Samuel die Macht über uns zu geben. Und wenn es so weit ist, dass Samuel und ich getrennte Wege gehen, dann darfst du ihm alles antun, was du willst. Er gehört dir.“
In dieser Stunde hatte John ihr ein Versprechen gegeben. Ein Versprechen, welches auf Außenstehende höchst unangebracht gewirkt hätte, um es einem Kind zu geben. Er hatte ihr versprochen, dass Samuel durch ihre Hand sterben würde. Sein Blut würde an ihren Händen kleben und an niemandes sonst.
Deswegen hatte sie alles geduldig über sich ergehen lassen, was Samuel ihr über die Jahre angetan hatte. Stetig die Hoffnung hegend, dass sie eines Tages ihre Rache erhalten würde.
War es bald soweit? Würde Samuel sterben?
„Wann?“, hauchte sie erwartungsvoll.
„Der Zeitpunkt wird schneller kommen, als du denkst.“
Lou konnte in Johnathans Augen sehen, dass er die Wahrheit sprach.
Sie lächelte, ihre Zunge fuhr über die vollen Lippen, ihr Puls stieg in die Höhe, ihre Augen funkelten. Sie konnte es sich vor ihrem inneren Auge schon ausmalen. Alleine die Vorstellung fühlte sich unglaublich an.
In Johns Gesichtsausdruck meinte sie Anerkennung zu finden. So kannte er seine Schüler, so hatte er sie erzogen. Mit der Leidenschaft zum Verwerflichen.
„Bringe die anderen heute Abend, um 21 Uhr, in die Hütte. Es gibt Neuigkeiten für euch alle.“, trug Johnathan ihr noch auf, nahm sein Weinglas wieder an sich und ging zurück zum Fenster.
Louise ging wortlos und ließ ihn alleine mit seinen Gedanken.
Als sich der Nachmittag zu Ende neigte, trat Louise hinaus, um sich mit den anderen in der alten Hütte zu treffen. Die Straßen glühten Golden im Licht der schräg stehenden Sonne, während Lou die wenigen Gehminuten zum großen Wald auf sich nahm. Der Waldboden war trocken und mit jedem ihrer Schritte zerbrachen heruntergefallene Äste der Bäume unter ihrem Gewicht, während sie immer weiter in die Natur eindrang. Die Pflanzen wuchsen hier dichter, die Baumkronen ließen nur spärliches Licht durch und sie hörte von überall das Rascheln von Tieren. Es war zweifellos ein hübscher Ort, den Johnathan hier geschaffen hatte.
Denn John hatte nicht nur die Hütte errichtet, die sich im Herzen dieses Waldes befand. Er hatte den kompletten Wald erschaffen.
Louise, Daphne, Anne, Julian und Chris waren zunächst im Haus von Johnathans Vater und danach in diesen Wäldern aufgewachsen, nachdem Johnathan sie als Kinder aus ihren Familien geholt hatte. Sie alle waren nach Talent ausgewählt worden, John hatte sie handverlesen, nach Wunsch von Samuel.
Hier hatten sie alles erlernt, was sie nun wussten. Sie waren trainiert worden und hatten Fangen und Verstecken gespielt, wenn ihnen vom Training langweilig geworden war.
Louise hatte diesen Wald immer gemocht, der Ort strahlte eine eigenartig mystische Aura aus. Dabei lag kaum etwas Geheimnisvolles in diesem Wald, außer den Geheimnissen, die sie ihm selber gegeben hatten.
Je tiefer Lou ging, desto kahler wurden die Bäume um sie herum, nach und nach verstummten auch die Geräusche der Tiere und die, des trockenen Unterholzes. Das war keine Illusion, es war der Schutzkreis, den Johnathan um die Hütte gezogen hatte.
