Das Medaillon der Engel Band II - S.A. However - E-Book

Das Medaillon der Engel Band II E-Book

S.A. However

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Beschreibung

Das Spiel hat begonnen. Doch jetzt, wo das Medaillon der Engel mehr ist, als eine Geschichte die ruhelos in ihrem Geist herumspukt, muss Louise sich plötzlich Entscheidungen gegenüberstellen, die nicht nur ihr Leben, sondern vielleicht das Schicksal des ganzen Landes beeinflussen könnten. Wem kann sie in diesen schwierigen Zeiten noch vertrauen? Während die Grenzen zwischen Freunden, Feinden und Fremden verwischen und Alpträume tiefer in die Realität hineinsinken, steht für sie nur eines fest: Louise muss tun, was auch immer notwendig ist, um das magische England vor dunklen Zeiten des Krieges zu bewahren. Auch, wenn das bedeutet, dass sie ihren eigenen Gedanken nicht mehr vertrauen darf...

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Seitenzahl: 268

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Gewidmet an meinen Bruder. Ich hab dich lieb, für immer und ewig.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Dorea

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Jonathan

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Nic

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Chris

Kapitel 16

Kapitel 1

Louise hielt ihren Atem an.

Dort stand sie, noch immer halb an das Fenster in Julians Wohnzimmer gelehnt und blickte hinab auf ihre Hände. Oder eher auf das, was dort in der Mitte ihrer Handflächen lag und matt im Mondlicht schimmerte. Das Medaillon der Engel war so viel schöner, als eine Abbildung oder Zeichnung es je hätte darstellen können.

Das Silber war sorgfältig zu der Form einer geöffneten Rose gefertigt. Jedes einzelne Blütenblatt wirkte wie Seide, war jedoch zugleich hart und kalt. In der Mitte war ein ovaler Bernstein eingefasst, wie ein Tropfen goldener Honig. Die Kette, an welcher der Anhänger hing, bestand aus groben aneinander gereihten Kettengliedern, stark und schwer.

Sie konnte ihre Augen nicht davon lösen.

Wie sollte sie jemals wieder einen anderen Gegenstand ansehen, ohne daran zu denken, wie unfassbar reizlos er war? Der Rest der Welt war eine Beleidigung aller Sinne, lediglich existent damit das Medaillon darin existieren konnte. Lou schüttelte sich.

Ihre eigenen Gedanken jagten ihr Angst ein. Sie wusste, dass sie das Medaillon loswerden musste, bevor jemand herausfand, dass sie es besaß. Doch wie sollte Louise das anstellen, wenn alleine die Vorstellung daran ihre Seele in tausende Stücke zerriss?

Sie musste einen Weg finden. Sie musste einfach.

Louise schloss ihre Augen und spürte, wie sich das Medaillon zwischen ihren Fingern in Rauch auflöste.

Ihr Magen zog sich zusammen.

Sie fragte sich, ob Thomas Stone noch lebte. Konnte ein Mann wie er, so etwas überleben? Immerhin, Stone hatte es geschafft, das Medaillon viele Jahre bei sich zu tragen und allein deswegen war er sicherlich ein talentierter Magier, aber dennoch …

Eigentlich hätte es Lou schon klar werden müssen, nachdem Johnathan zum ersten Mal das Medaillon erwähnt hatte. Spätestens nach ihrem ersten Gespräch mit Nic. Sie hatte zu viel Zeit damit verschwendet darüber nachzudenken, wo die Finder des Medaillons es verstecken würden und dabei vollkommen das übersehen, was John ihr ganz am Anfang schon gesagt hatte: Es ging um das, was das Medaillon wollte.

Viel zu spät hatte Louise versucht aus der Perspektive des Medaillons zu denken. Nach dieser Erkenntnis hatte der Rest ganz schnell Sinn ergeben.

Das Medaillon war von dem Team der Regierung aus dem Ozean gezogen und nach Frankreich verschickt worden. Dort hatte es die Zeit und Möglichkeit gehabt, sich Stone anzueignen, mit dem es dann floh, als sich die Gelegenheit bot.

Natürlich war sie nie davon ausgegangen, dass Nics Dokumente recht hatten und Stone verstorben war.

Doch warum nicht? Warum war Stones Leiche nie gefunden worden?

Natürlich. Für das Medaillon war es viel einfacher gewesen, den armen Magier am Leben zu lassen. Als Objekt alleine kam es nicht weit, aber mit Stone konnte es sich versteckt halten und abwarten.

Am Ende war Stone gefunden worden und das Medaillon hatte sich versteckt. Die Regierung konnte kaum davon ausgegangen sein, dass der verwirrte Mann, den sie auffanden, noch die Kraft dazu gefunden hätte, seine Magie zu verwenden, um ein derart mächtiges Artefakt verschwinden zu lassen. Wenn sie denn überhaupt so weit über die Details informiert gewesen waren. Sie waren definitiv nicht davon ausgegangen, dass ein solcher Gegenstand sich selbstständig verstecken konnte.

Danach hatte Lou ein wenig die Sorge gehabt, es könnte schwierig werden, das Medaillon einzustecken ohne, dass die Anderen es bemerken würden. Es war dann aber doch ziemlich leicht gewesen, sie davon zu überzeugen, dass Medaillon sei zerstört worden. Was für eine mächtige Waffe Vertrauen sein konnte.

Louise fühlte sich nicht gut dabei, ihre Freunde anzulügen.

Die Wahrheit wäre zu diesem Zeitpunkt aber zu kompliziert gewesen. Louise würde es ihnen sagen, früher oder später. Wenn sie wusste, was genau sie ihnen sagen wollte.

Sie sah auf und blinzelte.

Erste Sonnenstrahlen schlichen sich über den Horizont und trafen ihre müden Augen. Wie lange hatte sie dort gestanden? Hatte sie nicht gerade erst das Bett verlassen, um sich an das Fenster zu stellen?

„Oh hey, schon wach?“

Julian. Louise hatte glatt vergessen, dass sie sich nicht in ihrer eigenen Wohnung befand.

Mit dem Versuch, sich den Stress der letzten Nacht nicht anmerken zu lassen, wandte sie sich zu ihm um.

„Hey. Ich wollte dich nicht wecken.“

Julian nickte verschlafen, schlurfte zu ihr hinüber und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, bevor er an ihr vorbei zur Küche ging. Lou zwang sich ihren Atem ruhig zu halten.

Eine Dusche. Nach einer Dusche würde sie sich bestimmt besser fühlen.

Während Julian sich Mühe gab nicht mit dem Kopf auf der Arbeitsplatte einzuschlafen, ging Louise also ins Badezimmer.

Das heiße Wasser hatte tatsächlich eine therapeutische Wirkung.

Louise spürte die einzelnen Wassertropfen, die ihre Beine hinab rollten und roch den Lavendel des Badeöls, mit welchem sie ihren Körper einrieb. Zwischen dem Dampf und der Hitze verzog sich sogar das Medaillon an den Rand ihrer Gedanken.

Lou bliebt dort stehen und verlor sich in der angenehmen Stille ihres Verstandes, bis ihr schwindelig wurde. Dann schloss sie widerwillig den Wasserhahn und trocknete sich mit dem flauschigsten Handtuch ab, welches sie finden konnte. Sie fühlte sich nahezu… normal.

Leider hielt die Ruhe nicht lange an.

Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie zurück in die Küche. Julian wirkte ein wenig wacher und sah sie mit einem Ausdruck an, der nur eines Bedeuten konnte.

„Samuel verlangt nach uns.“, bestätigte er ihre Vermutung.

Es war zu erwarten gewesen, dass Samuel sie zusammenrufen würde. Die politische Lage war immer noch angespannt. Wie würde Samuel auf Adalar reagieren? Was, wenn er von ihnen verlangte gegen Adalar vorzugehen?

Johnathan hatte es ihnen mehr oder weniger verboten, doch gab John wirklich noch die Befehle?

Sie verschob diese Frage auf einen anderen Zeitpunkt und machte sich mit Julian gemeinsam auf den Weg, um Samuel zu treffen.

Daphne, Anne und Chris standen im Wartebereich vor Samuels Büro. Dorea lief umher und verteilte Kekse.

Als sie Louise und Julian ankommen sah, strahlte sie.

„Lou! Julian! Hier, nehmt euch was.“

Dorea hielt ihnen den Teller hin und Louise nahm sich einen Keks. Dorea war eine ziemlich gute Bäckerin. Schon, als Louise noch ein Kind gewesen war, hatte sie ihr zu jedem Geburtstag einen Kuchen oder ein paar Kekse geschenkt. Dorea war überhaupt immer äußerst nett zu ihr gewesen.

Nicht, dass Lou ansonsten eine besondere Verbindung zu Samuels Tochter hatte. Es war nur schön ab und zu ein fröhliches Gesicht zu sehen.

Offiziell war Dorea die Thronfolgerin ihres Vaters, weshalb sie Johnathan ein Dorn im Auge war. Oder gewesen war. Solche Umstände, die vor wenigen Monaten noch viel Gewicht gehabt hatten, wirkten mittlerweile recht irrelevant. Ob Dorea starb oder lebte hätte Louise zum jetzigen Zeitpunkt ehrlicherweise nicht gleichgültiger sein können, höflicher Umgangston hin oder her.

„So gut gelaunt? Ist was Besonderes passiert?“, erkundigte Julian sich und wischte sich Schokoladenkrümmel aus den Mundwinkeln.

Dorea lief leicht rosa an.

„Über solche Dinge redet eine Lady nicht.“, erwiderte sie.

Bevor noch jemand etwas dazu sagen konnte, kam Samuel hinein. Er durchschritt die Tür hinter ihnen, lief an ihnen vorbei ohne sie zu beachten und betrat wortlos sein Büro.

Sie seufzten synchron, Lou etwas leidender als die Anderen. Ihr letztes Treffen mit Samuel setzte Louise immer noch zu und brachte ihre Wangen zum Brennen. Es half nichts.

Gemeinsam folgten sie Samuel durch den Vorhang.

Für sie alle war es in dem kleinen Raum etwas eng, sodass sie sich aneinander Reihen mussten, Schulter an Schulter.

Während die anderen Vier sich hinknieten, blieb Louise stehen. Sie hatte vor Samuel keine Angst mehr. Nicht nach den letzten Monaten. Ihre Ängste waren im Moment nämlich sehr viel gravierender, als ein alter Mann mit Gotteskomplex.

Samuel stand hinter seinem Schreibtisch, mit dem Rücken zu ihnen, sodass sie nur seine lange blonde Perücke und seinen grünen Mantel sehen konnten.

„Erhebt euch.“, sagte er. Nein, er sang es fast.

Er war guter Laune. Louise wünschte sich fort, weit fort.

Ihr Wunsch blieb unerfüllt.

Neben ihr erhoben ihre Freunde sich vom Boden und warfen ihr überraschte Blicke zu. Seit wann war Louise so ungehorsam und warum schien es Samuel nicht zu stören?

Diesen Eindruck, etwas verpasst zu haben, den sie nun in den Anderen erkannte, kam ihr allzu bekannt vor. Sie verdrängte die aufkochenden Schuldgefühle.

„Ich habe eine Aufgabe für euch.“, verkündete Samuel, ohne Wenn und Aber, und drehte sich zu ihnen um.

Lou schien nicht die einzige zu sein, bei der sich etwas verändert hatte.

Nicht nur, dass Samuel direkt zum Punkt kam, nein.

Er trug kein Make-up und keine Verschleierungen, bis auf die stechend gelben Kontaktlinsen und die Perücke. Sein Gesicht war glatt rasiert. Der Schnurrbart war fort.

„Wir ihr sicherlich wisst, hat sich eine gewisse… Situation ergeben.“

Er sah Louise nicht direkt an. Ob er auch an den vorherigen Tag denken musste? Ob ihn die Erinnerung daran auch von Innen heraus auffraß? Wahrscheinlich nicht.

Beschäftigte es ihn überhaupt?

„Diese ganze König-Angelegenheit ist misslich für mich und für euch, selbstverständlich. Doch kein Grund zu verzagen. Ich meine sogar, wir können aus dieser unglücklichen Lage noch einen Vorteil ziehen.“

Jetzt sah Samuel Louise an. Er blickte ihr direkt in die Augen.

So eindringlich, so intensiv, dass Lou unwillkürlich die Luft anhielt. Es war ein eisiger Blick, einer bei dem ihr plötzlich unfassbar kalt wurde. Ihre Gliedmaßen zitterten.

Denke an das, was du in diesem Augenblick am meisten willst. Stelle es dir vor.

Louise hörte Samuels Stimme in ihrem Ohr, obwohl sie wusste, dass er nicht sprach. Das Medaillon sackte zurück in ihren Verstand, rutschte durch die Lücken ihrer Gedanken und setzte sich fest in jeder leeren Ecke, die es finden konnte.

Ihre Sicht verschwamm leicht.

Wann sie wohl das Medaillon wieder sehen würde? Louise konnte es nicht einfach überall herausholen, sie musste vorsichtig sein. Warten bis sie alleine war.

Beinahe meinte sie bereits vergessen zu haben, wie es aussah und das, obwohl das Bild des Medaillons in derselben Sekunde nur wenige Zentimeter vor ihr schwebte, als könne sie es berühren, sollte sie ihre Hand ausstrecken. Das Metall glänzte leicht im Kerzenlicht und der Bernstein in der Mitte leuchtete, doch die Umrisse waren unscharf.

„Und dann …“

Schwer und süß drang Samuels Stimme zu ihr durch und verjagte ihre Hirngespinste. Seine Stimme war lauter geworden, was daran lag, dass er näher an sie herangekommen war. Samuel stand nun direkt vor Louise und sah auf sie hinab. Er war nur etwa einen halben Kopf größer als sie, doch aus dieser Perspektive kam er ihr riesig vor.

„Holen wir sie uns wieder zurück.“

„Wir holen was zurück?“, murmelte Lou verwirrt und Samuel schüttelte lachend den Kopf.

„Na, die Krone natürlich. Was soll ich denn sonst meinen, mein Engel?“

Die Krone zurückholen. Louise nickte.

Wovon sollte Samuel auch sonst reden? Sie musste sich zusammenreißen. Vage hörte Lou Samuel zu, der ihnen seinen Plan erklärte, während sie sich sammelte.

Wie lange konnte sie die Fassade aufrechterhalten? Nicht sehr lange, offensichtlich. Louise musste jemandem von dem Medaillon erzählen, bevor sie noch verrückt wurde. Nur wem?

„Nachdem ihr mit ihm gesprochen habt, gehe ich davon aus, dass ihr mir Bericht erstattet.“

Damit beendete Samuel seinen Vortrag und obwohl Lou kaum etwas mitbekommen hatte, fragte sie nicht nach. Sie verließ den Raum vor den Anderen, die sich noch verabschiedeten und verbeugten.

Gott, wie sehr sie Samuel verabscheute.

Mehr noch als vor wenigen Wochen. Louises Geduld hing an einem seidenen Faden, der kurz davor war zu reißen. Geistesabwesend wechselte sie ein paar unbedeutende Phrasen mit Dorea und wartete auf ihre Freunde.

Chris kam als erster heraus.

Er griff Lou am Arm und zog sie ein Stück mit sich, außer Hörweite von Dorea.

„Was zum Teufel ist mit dir los?“

Sein Tonfall war ernst. Ihr wurde klar, wie schlecht sie ihren Zustand vertuscht haben musste. Oder kannte Chris sie einfach so gut, dass es ihm schneller auffiel, wenn es ihr schlecht ging?

Es waren erst wenige Stunden vergangen, nicht einmal ein ganzer Tag, seitdem sie das Medaillon bei sich hatte. Sie hatte es gesehen, berührt und gehalten. Es hatte sie eingenommen und sehnte sich bereits nach mehr …

Und dann platze es aus Louise heraus, bevor sie sich auf die Zunge beißen konnte.

„Ich habe das Medaillon der Engel. Ich habe es bei mir.“

Sie sah den Schock in Chris‘ Augen und bereute ihre Worte sofort.

Sein Mund klappte auf, aber er kam nicht dazu etwas zu sagen, denn hinter ihm tauchten Julian, Daphne und Anne auf.

Lou sah ihn eindringlich an, betend, dass er sie nicht verraten würde und lächelte dann denn anderen zu, als wäre nichts gewesen.

„Es scheint, als würden wir doch noch die Chance bekommen, den neuen König persönlich zu sprechen.“, meinte Daphne fröhlich und Louise nahm an, dass Samuel ihnen gesagt hatte, sie sollen sich mit Adalar treffen.

Sie hatte niemandem erzählt, dass sie Adalar bereits getroffen hatte. So viele Geheimnisse hatten sich in Lou angestaut. Merkwürdig, wie das Blatt sich wenden konnte.

„Sag mal, was ist denn mit dir los?“, merkte Julian an und stupste Chris seinen Ellenbogen in die Rippen, als dieser nicht reagierte.

Chris war weiß um die Nase, seine Stirn leuchtete Rot. Er zwang sich zu einem leisen Lachen.

„Samuel hat sie doch nicht mehr alle. Mit dem König reden, nichts einfacher als das. Also wirklich.“

Sie alle lachten, außer Anne.

Louise atmete erleichtert auf.

„Wie er wohl ist, der König?“, fragte Anne sich laut.

Ja, das würde Lou auch gerne wissen.

Wer war Adalar? Wo kam er her, was wollte er von ihr? Was war er überhaupt?

Zu viele Rätsel, keine Lösungen. Wann hatten sich ihre Probleme so hoch aufgetürmt?

Adalar, Samuel, das Medaillon, Johnathan …

Johnathan. Das hatte sie beinahe vergessen.

Louise musste mit ihm reden, sie konnte ihm nicht ewig aus dem Weg gehen. Ob sie es über sich bringen konnte ihn anzusehen? Sie hatte so viele Fragen an ihn, war sich allerdings nicht sicher, ob sie die Antworten hören wollte.

Sie verließen den Empfangsraum und stiegen nebeneinander die Treppen zum Hauptraum hinab, während Lou sich in schmerzhaften Gedanken verstrickte.

Seit Samuel zurückgekehrt war, war wieder ein wenig Leben in das Haus gekommen. Trotzdem blieb die Luft angespannt. Man konnte die Unsicherheit des Volkes in der Umgebung förmlich riechen.

„Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was Samuel sich davon verspricht, wenn wir mit dem König reden. Was sollen wir dem denn schon sagen?“, warf Julian berechtigterweise ein.

Louise konnte sich nicht auf die Unterhaltung konzentrieren.

Ob sie Julian von dem Medaillon erzählen sollte? Nein, das würde ihn in Gefahr bringen.

Sie hätte auch Chris nichts verraten dürfen.

Andererseits, wenn sie sich einer einzigen Person auf der Welt anvertrauen konnte, dann doch Julian, oder etwa nicht?

„Ist doch egal, was Samuel denkt. Lass uns mit dem Mann reden und dann haben wir unseren Job gemacht. Fertig.“

Daphne klang so ruhig, so sicher. Sie wäre nicht so unbekümmert, wenn sie die Gedanken hören könnte, die Lou ununterbrochen durch den Kopf rauschten. Vermutlich würde sie Louise umbringen, wenn sie …

„Hey, ist das dahinten nicht Nic?“

Sie hatten das Anwesen hinter sich gelassen, drängten sich durch die Menge und tatsächlich, als Lou in die Richtung sah, in die Chris zeigte, erkannte sie das schwarze Haar und das schmale Gesicht von Johnathans kleinem Bruder.

Nic hatte sie noch nicht erblickt. Er stand vor einem der Lokale und unterhielt sich mit einem Mann, der so aussah, als könnte er Nic zum Abendessen verspeisen.

Sie liefen hinüber zu ihm.

„Genau deswegen… Oh, hey!“

Nic unterbrach sich, als er sie bemerkte und begrüßte sie.

„Das hier,“, sagte er unaufgefordert und zeigte auf seinen Begleiter, „…ist Oslo. Oslo ist ein alter Bekannter. Wir haben uns aus Zufall hier getroffen, nicht wahr?“

Oslo nickte ihnen zu. Sein Gesicht und seine Arme waren von schwarzen Tattoos übersät und eine lange Narbe zog sich von seinem Mundwinkel hinüber zu seinem rechten Ohr.

Louise entschied sich, nicht weiter nachzuhaken. Stattdessen erwiderte sie: „Nic, was machst du hier?“

Nic deutete Oslo, dass er gehen konnte und mit einem Schnauben verschwand dieser in einer Bar auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

„Ich habe ehrlich gesagt nach dir gesucht.“, wandte Nic sich dann an Lou.

Louise musterte Nic und mit einem Schlag wurde ihr klar, dass er ihr Onkel war.

Sie waren verwandt.

Blutsverwandt. Lou hatte es gewusst, mindestens seit einem Tag, aber in diesem Moment wurde es ihr zum ersten Mal wirklich klar und sie versuchte in seinen Augen ihre eigenen wiederzuerkennen.

„Nach mir?“, echote sie leicht abwesend.

„Ja, ich wollte sehen wie es dir geht.“

Wie es ihr ging? Niemand flog über den halben Planeten um zu sehen, wie es jemand anderem ging. Warum sagte Nic ihr nicht, was er tatsächlich wollte?

„Hätte ein Anruf es nicht getan?“, sprach Daphne das aus, was Louise gedacht hatte.

Nic blickte einmal in die Runde.

„Könnte ich einen Augenblick mit Louise alleine reden?“

Auf Lous Schulterzucken hin verzogen Chris, Julian, Daphne und Anne sich.

Nic wartete eine Weile, nachdem ihre Freunde gegangen waren. Suchte nach den richtigen Worten, vielleicht, sowie John es manchmal tat, wenn er etwas Wichtiges zu sagen hatte.

Dann setzte er an: „Louise, ich habe die letzte Nacht wach gelegen. Und mir wurde klar, dass ich nicht zur Ruhe komme, bevor ich nicht mit eigenen Augen gesehen habe, dass es dir gut geht.“, erklärte er und besah sie sich prüfend.

Sie fragte sich nicht einmal, wie Nic es so schnell nach England geschafft hatte. Durch Louise schoss nur ein einziger Gedanke: Weiß er es?

Eigentlich war es unmöglich, das wusste Lou. Woher sollte er es auch wissen?

Dennoch, er war extra von Kanada angereist, nur um sie zu fragen, wie es ihr ging. Also musste er zumindest etwas ahnen.

Wie viel konnte er vermuten? War es nur ein vages Gefühl, dem er nachging, oder mehr?

Louise hatte keine Wahl, sie musste es abstreiten.

„Die Mühe hättest du dir wirklich sparen können. Wie Daphne schon meinte, ein Anruf hätte es getan. Denn wie du siehst, geht es mir gut.“

Nic wirkte nicht überzeugt. Er rümpfte die Nase.

„Meine Leute wissen, dass ihr in Frankreich wart. Man weigert sich allerdings bisher, meiner Behörde genaueres zu sagen. Deswegen frage ich dich und ich frage nur einmal. Was ist in Frankreich passiert? Was ist wirklich passiert?“, setzte Nic hinzu.

Nicht für einen Moment unterbrach Nic den Augenkontakt. Lou drehte sich weg.

„Was passiert ist?“, wiederholte sie laut.

Die Frage klang lachhaft in ihren Ohren. Was passiert war? Selbst, wenn sie Nic die Wahrheit hätte verraten wollen, was sollte sie nur auf diese Frage antworten?

Louise entschied sich das zu sagen, was der Realität am fernsten war: „Nichts ist passiert.“

Alles war passiert. Einfach alles.

Alle Erinnerungen, alle Gefühle, alle Entscheidungen und Gedanken. Jede einzelne Sekunde ihres Lebens hatte hingeführt, zu dem, was in Frankreich passiert war.

Die Angst, die ihr die Kehle zuschnürte. Der Stolz, der dafür sorgte, dass sie nicht zusammenbrach. Das Glück, welches durch ihre Venen strömte, gemischt mit dem Triumph. Die lähmende Beklommenheit. Der ständige Zustand zwischen Traum und Erwachen, zwischen Illusionen und Realität, in dem sie sich befand. Doch für nichts davon konnte Lou Worte finden.

Sie schreckte zusammen, als Nic mit seinen kalten Händen nach ihren griff.

Louise sah ihn an. Seine hellen blauen Augen waren dieselben, die Frank hatte. Vielleicht fiel es ihr deshalb so schwer, die Lüge aufrechtzuerhalten, als Nic seine Abschiedsworte sprach.

„Falls sich deine Antwort zu meiner Frage jemals ändern sollte, oder du über etwas anderes reden willst, melde dich. Bitte. Ich kann dir helfen, wenn du es zulässt.“

Und nachdem er ein letztes Mal innegehalten hatte, drehte er sich um und tauchte in der Menge der feiernden Wahnsinnigen unter.

In der Sekunde, in der sie Nic aus den Augen verlor, überkam Lou ohne jegliche Vorwarnung eine ergreifende Erschöpfung. Für den Bruchteil einer Sekunde, drohten ihre Beine nachzugeben. Sie stolperte einige Schritte nach hinten und ihr Rücken traf auf die Außenwand der Kneipe. Menschen wichen ihr aus, fluchten und wandten sich wieder ihren Gesprächen zu.

Louise war sich sicher, ihr Bewusstsein zu verlieren. Sie blinzelte, doch es wurde nicht dunkel. Im Gegenteil, es wurde heller. Nicht viel, nur leicht. So leicht, dass es kaum auffiel.

Lou atmete ein. In ihre Nase drang kalte Luft, floss durch sie hindurch und erfüllte ihre Lunge mit kleinen schwingenden Bewegungen.

Das Stimmengewirr um sie herum wurde lauter. Nein, nicht lauter…

Deutlicher.

Die Geräuschkulisse veränderte sich. Aus dem Gemurmel drangen einzelne Stimmen hervor. Als würden ihr die Menschen, all die Menschen, die sich hier im Getümmel umherschlichen, direkt ins Ohr sprechen. Doch nicht störend. Nicht einmal anstrengend.

Das Licht brach sich, die Farben summten flatternd in einer gleichmäßigen Vibration vor ihr her.

Nichts davon passierte plötzlich und dennoch konnte es nur wenige Sekunden gedauert haben.

Dann, im nächsten Augenblick, kehrte Normalität ein.

Louise lehnte an der Außenfront des Lokals hinter ihr, das Blut rausche in ihren Ohren und ihr Atem ging stoßweise.

Sie beruhigte sich, schüttelte das unbekannte Kribbeln in ihrem Nacken ab und stieß sich von der Wand ab. Vermutlich einfach der Schlafmangel, der Stress.

Nichts weiter.

Lou sprach sich stumm Mut zu, nickte bestätigend und schaffte genau zehn Schritte durch die Menge, bevor ihre Beine weich wurden und sich ihre Umgebung in Schwarz tauchte.

Kapitel 2

Stechendes Weiß, beißende Kälte.

Louise erwachte und wusste, dass sie träumte. Sie wusste zudem, wo sie sich befand.

Die Umrisse der kleinen Zelle waren verschwommen und trotzdem wusste Lou zweifelsfrei genau wo sie war.

Das Metall, auf dem sie saß, schmerzte. Ihre Haltung war aufrecht, doch es war nicht ihre eigene Kraft, die ihren Rücken gestreckt hielt. Fremde Fäden zogen ihren Kopf nach oben und hielten ihre Augen geöffnet.

Obwohl ihre Stirn brannte und heiße Tränen wie flüssiges Feuer ihre Wangen herunterliefen, fror sie. Wenn sie ihre Glieder hätte bewegen können, hätte sie gezittert.

Doch sie zitterte nicht, sie saß ganz still.

Ihre Brust hob und senkte sich regelmäßig, doch die Luft war dünn. Mehr Staub, als Sauerstoff erreichte sie. Louise wünschte sich ein Fenster, oder eine Tür, aber sie konnte nicht einmal die Wände sehen. Alles, was sie sah, war weißes Nichts. Farblose Verdammnis. Die Hölle.

Und bewegen, um ein Fenster oder eine Türe zu öffnen, konnte sie sich ohnehin nicht. Lou war dazu verurteilt, zu sitzen und zu warten.

Worauf warten? Darauf, dass sie der Vision entfliehen konnte?

Jeder einzelne Gedanke, den Louise fasste erforderte ihre höchste Konzentration. Es fiel ihr zunehmend schwer, ihre Aufmerksamkeit auf ihren eigenen Verstand zu richten, wenn es doch so verlockend war, der anderen Stimme zuzuhören. Dem leisen Flüstern, dem Wispern, der unsichtbaren Schatten.

Sie wusste, dass sie nicht nachgeben durfte. Sie wusste nur nicht warum.

Ihre Gedanken zerflossen, schmolzen und verwischten.

Durcheinander, ineinander. Leere.

Das Flüstern blieb, konnte die Leere jedoch nicht füllen. Nur einzelne Worte, Klänge und Töne stahlen sich zu ihr durch, ohne einen Sinn für sie zu ergeben. Ihren Namen wusste sie nicht mehr.

Namen waren unbedeutend, sie gehörten nicht zur Realität. Abstrakte Konzepte der menschlichen Vorstellung.

Warum dachte sie an solche Dinge? War es überhaupt sie selbst, die dachte?

Ihr Herz schlug wild und verängstigt. Sie hatte Angst.

Angst vor sich selbst und Angst vor den Narben, die dieser Traum in ihrer Seele hinterlassen würde. Denn durch all die Verwirrung kam kein Zweifel daran auf, dass sie sich in einem Traum befand.

Traum oder Realität. Wo lag da wirklich der Unterschied? Die Träume schienen ihr nicht weniger bedeutsam zu sein, als die Realität. Waren sie nicht vielleicht noch bedeutsamer?

Graue Streifen zogen sich an den Wänden entlang und füllten den Boden mit düsteren Tropfen. Langsam vertrieb das schmutzige Grau die strahlende Helle des bedrohlichen Weißes. Nicht nur die Wände, auch die Böden und die Decken. Alles wurde in einen grauen Ton gehüllt, ummantelt mit Schwere.

Das Atmen fiel ihr schwer.

Das Grau wurde dunkler. Die kommende Dunkelheit legte sich um ihren Körper. Die Kälte wich aus der Umgebung, aber nicht aus ihren Knochen. Sie schwitzte, als die Schwärze sich enger um sie zog, doch zugleich fror sie noch immer.

Die Hitze, die Kälte, die Dunkelheit … Sie versuchte Luft zu holen, aber da war nichts.

Keine Luft. Sie würde ersticken.

Starb sie? Es fühlte sich nicht an, wie sterben. Nicht so, wie sie sich sterben vorgestellt hatte.

Es war eher wie einschlafen. Ein sehr unangenehmes Einschlafen. Doch die Taubheit war dieselbe. Das tiefe Gefühl, in die Müdigkeit hinabzusinken.

Louise schlief ein. Und erwachte.

Jede einzelne Zelle ihres Körpers schrie vor Schmerzen auf, als Louise ihrem Alptraum endlich entfloh. Ihre Augenlider klappten auf und ihr Rücken krümmte sich, als sie panisch nach Luft japste.

Lou setzte sich auf, halb eingesunken und hustend, mit trockener Kehle. Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und in einem Anflug von Furcht zuckte sie zurück.

„Alles in Ordnung, du bist in Sicherheit.“

Sie blickte auf, in Johnathans Gesicht. Er lächelte sanft, seine Augen allerdings waren gefüllt von Unbehagen.

Louise konnte sich nicht erklären, wie sie hergekommen war, auf das Sofa in Johns Büro. Sie konnte sich außerdem nicht erklären, was genau ihr passiert war. Und sie konnte sich die Angst nicht erklären, die bebend durch ihre Adern drang.

Wovor fürchtete sie sich so sehr? Was auch immer es war, es ließ die Wut auf Johnathan für den Moment erlöschen und in ihrer neuartigen Verzweiflung fiel sie in seine Arme.

So saßen sie dort auf dem Sofa, Lou krallte sich an John fest mit aller Stärke, die sie aufbringen konnte und er machte halbwegs überforderte Versuche sie zu trösten.

Louise nahm sich einige Minuten, um ihre Fassung zurückzuerlangen.

Sie hätte sich wirklich gerne noch länger in ihrem eigenen Selbstmitleid gebadet, nur funktionierte das Leben leider nicht so. Es gab Dinge zu erledigen, wichtige Dinge. Dinge, von denen das Schicksal des Landes abhängen konnte und niemand würde auf sie warten, nur weil ihr Verstand beschlossen hatte, sich langsam in kleine Stücke aufzulösen.

‚Den Verstand verlieren‘ hatte sowieso nicht auf ihrer ToDo-Liste gestanden.

Lou löste sich von John, trocknete ihre Tränen und zögerte.

Als sie so neben ihm saß und ihn von der Seite her ansah, seine Hand noch immer auf ihrem Rücken, konnte sie nicht anders. Der Zeitpunkt war denkbar unpassend, aber sie musste etwas sagen.

„Ich weiß es. Ich weiß, dass du …“

Louise beendete ihren Satz nicht. Zum einen, weil sie die Worte nicht über die Lippen brachte und zum anderen, weil Johnathan schon längst begriffen hatte.

Er nickte.

„Es tut mir leid, dass ich es dir nicht früher erzählt habe.“, setzte John an und aus Lou drang ein verächtliches Schnauben.

Oh, da war sie wieder. Die Wut.

„Es tut dir leid? Wirklich? Was Besseres fällt dir nicht ein?“

Ihre Stimme war heiser und sie klang nicht ganz so aufgebracht, wie sie tatsächlich war.

Sie war müde. Zu müde, um jetzt diesen Streit zu haben.

Es war egal. Das Leben wartete nicht.

„Ich weiß, ja. Ich weiß.“

Johnathan stand auf. Er lief hinüber zu seinem Weinschrank, ließ seine Hand für einen Moment über den Flaschen schweben und zog sie dann zurück. Er drehte sich zurück zu Louise.

„Als deine Mutter mir sagte, dass sie schwanger war… Ich konnte nichts anfangen mit einem Baby und ich wusste, dass deine Mutter verheiratet war und schon einen Sohn hatte. Natürlich würde sie das Baby dort aufziehen, mit dem Mann den sie liebte und dem älteren Bruder und nicht mit mir.“

Die Erklärungen prallten an Lou ab. Sie hatten keinen Wert für sie.

Was brachten ihr die Entschuldigungen schon? Sie hörte es sich trotzdem an und schwieg.

John setzte sich wieder zu ihr und rang mit sich selbst.

„Ich habe den Blutvertrag unterschrieben, bevor ich dich kannte. Es fiel mir nicht schwer das Leben eines Fremden zu verkaufen, verdammt. Ich wusste gerade einmal, dass ich eine Tochter hatte. Eine, die ich nicht einmal zu Gesicht bekommen hatte.“

Der Blutvertrag.

Noch so eine Sache, die Louise fast verdrängt hatte.

Mit einem Blutvertrag konnte man Seelen eintauschen, gegen eine Dienstleistung. Das klang nach Wahnsinn und das war es auch. Man konnte seine eigene Seele verkaufen, oder die einer Person, mit der man sich dasselbe Blut teilte oder, dessen Blut man hatte und rein theoretisch konnte man jede Bedingung an die Seele knüpfen. Solche Verträge gab es nicht sehr oft, vor allem, weil es den meisten Magiern rätselhaft erschien, wofür sie eine Seele brauchen konnten oder was eine Seele überhaupt war.

Flüche, die mit Seelen zu tun hatten, waren längst vergessene und vergrabene Bereiche der Magie.

Was Samuel wohl mit ihrer Seele angestellt hätte? Louise besaß keine genaue Vorstellung davon, wie Seelen funktionierten.

Eines wusste sie allerdings: Der Vertrag hatte zu dem Zeitpunkt seine Gültigkeit verloren, indem Louise davon erfahren hatte. Man konnte zwar die Seele eines unwissenden verkaufen, aber nicht die, eines unwilligen. Wenn sie sich richtig erinnerte. Und selbst wenn nicht. Die Bedingung müsste erfüllt werden und Lou würde nicht zulassen, dass das geschah.

Also blieb ihre Seele sicher. Glaubte sie. Wie gesagt, sie war sich nicht hundertprozentig sicher, wie der Handel mit Seelen funktionierte.

„Als ich dich fand, auf der Suche nach Kindern für Samuels aberwitzige Idee Soldaten im jungen Alter auszubilden, als ich dich sah, ich habe dich sofort erkannt. Du siehst deiner Mutter so ähnlich. Aber was hätte ich schon sagen können?“, beendete Johnathan seine kleine Rede und vergrub sein Gesicht in den Händen.

Louise hatte kein Mitleid mit ihm. Die Hälfte seiner gemurmelten, flehenden Bitten um Vergebung hatte sie nicht verstanden. Sie hatte kaum zugehört. Und selbst wenn er es noch einmal und noch einmal gesagt hätte, wäre es nicht von Bedeutung gewesen. Sie stand auf.

Lou schaute John eine Weile lang an. Er brachte es nicht über sich, sie anzusehen.

Schließlich ging Louise.

Sie hatte ihm nichts zu sagen.

Johnathan mochte seine Gründe haben. Erklärungen, die er sich seit Jahren selbst zusprach, um sich besser zu fühlen. Es war nicht Lous Aufgabe, ihn von seinen Fehlern freizusprechen.

Dafür gab es eine andere Person, der sie eine Erklärung schuldete.

Gerade als sie das Gebäude verlassen hatte und auf die Straße hinaus getreten war, klingelte ihr Handy.

„Hör mal Chris, ich bin schon auf dem Weg …“

„Was zum …? Lou. Was …? Was soll das überhaupt bedeuten, du hast das Medaillon? Kannst du mir mal…“

Lou stöhnte ein: „Sag mal, kannst du das vielleicht noch lauter schreien?“ dazwischen.

„Wieso erzählst du mir so was? Verflucht, Lou.“

Chris verstummte. Louise lief mit schnellen Schritten durch die leeren Gassen.

„Chris?“

„Ja? Oh, ich … Entschuldigung. Ich dachte nur, das Wort ‚Verflucht‘ hat jetzt doch wirklich eine neue Bedeutung bekommen.“

Leises Kichern drang durch den Hörer.

Lou schüttelte den Kopf, obwohl Chris sie nicht sehen konnte. Er war der einzige Mensch auf dem Planeten Erde, der in einer solchen Situation einen derart schlechten Witz machen konnte.

„Ich bin in ein paar Minuten bei dir. Warte einfach auf mich.“, sagte sie noch und legte dann auf.

Das neue Jahr hatte begonnen und 1994 zog mit frischer Kälte in England ein.

Der Winter erreichte seinen Höhepunkt und gerade als Louise die Stufen zu der Haustür des Penthouse hinaufstieg, in dem Chris wohnte, fielen die ersten Schneeflocken des Monats auf ihre schwarzen Locken.

Chris erwartete sie bereits und winkte sie hektisch hinein.

Er wirkte gestresst und wer konnte es ihm verübeln? Louise fühlte sich überraschend ruhig, trotz des Alptraums und Johns Worten, die ihr nachhingen.

Lou mochte Chris‘ Apartment. Es war groß, elegant und besaß so gut wie jeden Luxus, den es für Geld zu kaufen gab. Außerdem bat es genug Platz, sodass Chris nun nervös umherlaufen konnte, sich dabei die strohblonden Haare raufend.

Die erste Frage, die er stellte, noch bevor Louise etwas sagen konnte, war: „Weiß es sonst noch jemand?“

Wortlos verneinte sie.

Seit dem Traum war sie sich auch absolut sicher, dass sonst niemand davon erfahren durfte. Es war ihr bei Chris herausgerutscht, so etwas durfte ihr nicht wieder passieren.

„Chris.“