Das Meer der Legenden 1 - Babsi Schwarz - E-Book
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Das Meer der Legenden 1 E-Book

Babsi Schwarz

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Beschreibung

Unbekannte Gewässer, ein Schiff voller Piraten und ein großes Geheimnis. Schmuckmacherin Mavi ist eine Halbnixe und damit eine kostbare Seltenheit. Auf ihrer Flucht vor einem skrupellosen Marinearzt schleicht sie sich als blinde Passagierin ausgerechnet auf ein Piratenschiff. Das gehört niemand Geringerem als dem berüchtigten Kapitän Tayon. Er gibt Mavi eine Chance sich zu beweisen und sie merkt bald, dass hinter der Fassade des ruchlosen Piraten etwas schlummert, das sie in seinen Bann zieht. Doch die Marine ist ihnen dicht auf den Fersen und der Wind treibt sie in Richtung Abenteuer… Nur wenn Mavi lernt, zu vertrauen und ihre Ängste zu besiegen, kann sie ihr wichtigstes Gut schützen – ihre Freiheit.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltshinweis

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

Epilog

Danksagung

Die Autorin

Babsi Schwarz

Das Meer der Legenden: Nixenwunsch

Urheberrechtlich geschütztes Material

Alle Rechte am Text liegen bei Babsi Schwarz

Meer der Legenden: Nixenwunsch

Band 1

2.Auflage | Februar 2024

© Babsi Schwarz

Umschlaggestaltung: © Nadine Wahl

Unter Verwendung von Stockdaten:

© AdobeStock: afe207, RonDale, samiramay, normallens, robert, kokotewan, warmtail

Buchsatz & Innengestaltung: © Juliana Fablua - Grafikdesign

Unter Verwendung von Stockdaten:

shutterstock.com: Vera Petruk, Julia Henze; bogadeva1983; freepik.com

Lektorat & Korrektorat: Lucinda Flynn (2023), Jade S. Kye (2021)

Sensitivity Reading: Jade S. Kye

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks

in jeglicher Form, sind vorbehalten. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen

Personen, sowie Orten und sonstigen Begebenheiten sind rein zufällig

und nicht beabsichtigt.

Impressum

Veröffentlicht über tolino media

Babsi Schwarz

c/o Block Services

Stuttgarter Str. 106

70736 Fellbach

Kontakt: [email protected]

ISBN: 9783757961022

Inhaltshinweis

Dieses Buch enthält Szenen und behandelt Themen, die für manche Lesenden belastend sein können. Eine Liste mit möglichen Triggern in diesem Buch findet ihr auf meiner Homepage babsi-schwarz.de - oder ganz einfach per QR-Code.

Für Mama und Papa – für immer mein sicherer Hafen

Prolog

Mit der Nacht brach der Sturm herein und die Wellen schleuderten die kleine Nussschale umher. Kein Hoffnungsschimmer am Horizont, nur dunkle Wolken mit keifenden Winden, krachendem Donner und gleißend hellen Blitzen.

"Das war eine bescheuerte Idee!", fluchte er, und klammerte sich mit seiner rechten Hand an der Reling fest.

Immer wieder klatschte ihnen kaltes Meerwasser ins Gesicht.

Beide waren nass bis auf die Haut und durchgefroren. Geschüttelt von Winden, gebeutelt von der Irrfahrt und hilflos gegenüber den Kräften der Natur. Sie hatten ihren Freund immer noch nicht gefunden. Was, wenn er längst ertrunken war?

"Wir werden es schaffen! Ich bin mir sicher, dass …" Ihre Worte verhallten im Donner. Die nassen Haare klebten ihr im Gesicht und bei jedem Wort, das ihre Lippen verließ, prustete sie salziges Wasser hervor.

"Was hast du gesagt?", krächzte er und kniff die Augen zusammen, um im dichten Regen etwas sehen zu können.

"Da vorne. Wir sind gleich …"

Das winzige Boot glitt über einen Wellenkamm, sauste hinunter in die Tiefe und verschwand in der wogenden See.

1. Kapitel

Mit schrumpeligen Händen schälte Mavi eine weitere Kartoffel. An ihrem Daumen hatte sich bereits eine Brandblase gebildet.

„Du unfähiger Bengel schneidest zu viel ab“, herrschte ein glatzköpfiger Pirat den schmächtigen Jungen neben Mavi an. Vor Schreck schnitt er sich in den Finger, sodass auf das klägliche Häufchen geschälter Kartoffeln zu seinen Füßen Blut tropfte.

„Elender Nichtsnutz“, schimpfte der Pirat, packte den Jungen am Kragen und schleifte ihn mit sich. „Geh die Flure und das Deck schrubben, vielleicht taugst du ja dazu etwas.“

Die anderen Gefangenen sahen den beiden besorgt hinterher, eine Frau seufzte. Doch niemand wagte es, zu protestieren, denn in der Ecke des Raumes saß ein weiterer Pirat, der zwar nur noch ein Auge hatte, dieses aber wachsam auf sie richtete. Die Gefangenen mussten unter Deck bleiben und arbeiten, ohne Decken auf dem Boden des Gemeinschaftsraumes schlafen und erhielten nur Reste zu Essen.

„Wir werden alle sterben“, murmelte ein Mann, dessen Hände zitterten.

„Aber bisher haben sich die Piraten doch zurückgehalten“, flüsterte eine Frau neben ihm. „Wir sind seit einer Woche hier. Ich habe bisher nur von ein paar gebrochenen Knochen und blaue Augen gehört.“

„Wie naiv Sie sind, gute Frau“, mischte sich ein anderer ein. „Natürlich halten die Piraten sich noch zurück, bis sie am Übergabeort sind. Sie brauchen schließlich Arbeitskräfte, um zwei Schiffe zu manövrieren. Wahrscheinlich bringen sie uns zur Launischen Insel und verkaufen uns dort ans Kolosseum oder schlimmer noch an irgendein Medizinlabor in Wù. Weiß doch jeder, dass da Menschen bei lebendigem Leibe aufgeschnitten werden.“

Mavi schauderte bei dem Gedanken. Die Erinnerung an kalte Klingen und Instrumente auf ihrer Haut lag nur wenige Jahre zurück. Auch die Frau, die eben noch ruhig gewirkt hatte, wurde bleich.

„Wir sind die Gefangenen von Tayon. Dem Tayon. Sein Name ist doch ständig in der Zeitung, er entwischt der Marine immer wieder wie ein glitschiger Fisch. Er will uns nur in Sicherheit wiegen. Ich habe allerlei scheußliche Geschichten gehört, wie er Frauen und Kinder …“, raunte ein anderer Gefangener.

„Schnauze!“, herrschte der Wächter sie an und das Gemurmel verstummte.

Mavi kniff die Lippen zusammen, setzte ihre Arbeit fort und schälte heiße Kartoffeln. Ihre Fingerspitzen fühlten sich schon ein wenig taub an. Sie wünschte sich, man hätte sie über die Planke geschickt. Für Mavi wäre es die Rettung, aber für die vielen Familien und älteren Menschen der sichere Tod. Das Meer war im Moment launisch, die Winde trieben das Wasser zu haushohen Wellen, die erbarmungslos jede Jolle verschluckten.

Mavi hasste es, nicht selbst Herrin ihres Kurses zu sein. Mit der Hoffnung, ihren Schmuck gewinnbringend in einer großen Stadt zu verkaufen, war sie an Bord des Handelsschiffes gegangen. Keine drei Tage auf hoher See, dann hatten die Piraten zugeschlagen. Nun hatte sie all ihre Besitztümer verloren. Ob sie ihr Leben behalten durfte, vermochten wohl nur die Staubgötter zu sagen.

Die frische Meeresluft fehlte ihr. Mavi fühlte sich ausgetrocknet wie eine Dörrpflaume. Gewaschen hatte sie sich seit sechs Tagen nicht mehr. Ihr Kopf und ihre Füße begannen bereits zu jucken. Das heiße Wasser der Wäsche, mit dem sie sich absichtlich bespritzte, wenn sie konnte, reichte nicht aus, um ein Gefühl von Sauberkeit zu erzeugen oder ihre Schmerzen zu lindern. Bald würden sich an ihren Füßen und Fingern Brandblasen bilden, dann würde die Haut anschwellen, sich abschälen und unsagbar schmerzen. Wenn sie noch länger vom Meer getrennt war, würde sie hohes Fieber bekommen. Spätestens dann würde irgendjemand Fragen stellen.

Was sollte sie den Leuten sagen? Dass sie krank war?

Ihr Rücken schmerzte, sie saß schon über drei Stunden auf der Stelle und schälte Kartoffeln. Sobald der Bottich voll war, wurden die Knollen weggetragen und nachdem ein kleines Mädchen die Kartoffelschalen mit einem Besen beiseite gefegt hatte, musste Mavi von vorne anfangen. Gegenüber saß eine alte, schwerhörige Dame, mit der man sich nicht wirklich unterhalten konnte. Die Stille und die Monotonie machten Mavi zusätzlich müde und ließen ihre Lider schwer werden. Als endlich alles für das Essen geschält, geschnitten und vorbereitet war, setzte Mavi sich auf. Sie lockerte ihre verspannten Glieder mit einigen Dehnübungen. Die klebrigen Finger wischte sie notdürftig an ihrer ohnehin verdreckten Hose ab. Dann half sie der alten Dame, die offenbar ohne Gesellschaft reiste, auf die Beine und klopfte ihr aufmunternd auf den Rücken.

Die Tür zur Kombüse schwang auf und alle zuckten zusammen.

„Was für eine stickige Luft!“

Tayon, der Kapitän der Piraten. Er trug ein dunkelrotes Hemd aus Seide und einen reich verzierten Säbel an seinem Gürtel. Auf den ersten Blick wirkte er freundlich, aber hinter der Fassade lauerte etwas Gefährliches. Mavi erinnerte sich noch gut an den Tag des Überfalls, an dem er einen vorlauten Kaufmann niedergestochen hatte. Tayon war jung, vielleicht ein paar Jahre älter als Mavi. Seine rötlich braune Haut war von tiefschwarzen Tattoos und Mustern überzogen und die dunklen Haare, die zu langen Locs gerollt waren, reichten ihm bis über die Brust. Dunkelbraune Augen sondierten den Raum wachsam und ein Grinsen schlich sich auf seine Lippen. Am rechten Mundwinkel zog sich eine helle Narbe bis unter das Kinn. Offensichtlich belustigte ihn die Furcht seiner Gefangenen. Mavi hätte ihm nur zu gerne die Nase gebrochen. Ihr linker Haken war zwar nicht zu unterschätzen, aber vermutlich hätte sie sich damit selbst mehr geschadet als ihm.

„Jetzt schaut doch nicht so ernst“, sagte er. „Ich habe eine schöne Überraschung für euch.“

Er trat näher und teilte die Menge mit einer ausholenden Geste.

„Die Hälfte von euch darf sich heute waschen, damit meine Crew nicht vor lauter Gestank eingeht. Schickt zuerst die Kinder und die Alten.“

Zögerlich lösten sich einige ältere Menschen aus der Menge.

„Macht schon“, schnauzte der sitzende Pirat und ein paar weitere Personen sammelten sich. Eltern umklammerten schützend ihre Kinder. Der Kapitän kniete sich vor einen Jungen, der sich hinter den Beinen seiner Mutter versteckte und breitete freundschaftlich die Arme aus.

„Na kommt schon. Ich bin ganz zahm.“

Der Junge vergrub das Gesicht am Rock seiner Mutter und Tayon trat mit einem tiefen Seufzen einen Schritt zurück. Mavis Kehle war ganz trocken. Die Anspannung im Raum fühlte sich explosiv an. Tayon schritt vor den Gefangenen auf und ab. Die meisten wandten den Blick ab.

„Ihr traut euch nicht recht, was? Wir haben noch etwas Platz. Frisches Wasser, Seife – das klingt doch herrlich, oder?“

Mavi wägte ab. Würden die Piraten ihr Versprechen halten und die Leute wirklich zu den Waschzubern lassen? Ihre Füße und Hände brannten und juckten so sehr, allein der Gedanke an Wasser ließ einen wohligen Schauer durch ihren Körper fahren. Der Piratenkapitän schnaufte, dann zog er sich ein paar Personen aus der Masse und schob sie bestimmt in Richtung der Waschgruppe. Mavi stutzte, als die alte schwerhörige Dame ihr mit der Hand bedeutete, herüberzukommen. Ihr Puls raste.

„Na komm, du auch“, rief der Kapitän und Mavi zuckte unter seinem unsanften Griff zusammen. Seine Finger waren rau, seine Haut ganz warm, als hätte er länger in der Sonne gelegen. Ihr Herz beruhigte sich erst, als er sie endlich losließ. Sie drückte erleichtert den Arm der älteren Dame. Waschen. Was für ein wundervoller Gedanke.

„Korn, ich schick dir gleich Jurd und Derek, dann kannst du dich für heute aufs Ohr hauen.“

„Aye, Käpt’n“, murrte der Hüne auf dem Stuhl.

„Vorwärts, Marsch!“, herrschte der Kapitän das Grüppchen an und trieb sie wie Vieh vor sich her.

Im Gang standen weitere Piraten, die meisten breit und muskulös, von der Sonne gebräunt und mit Spuren aus allerlei Schlachten. Niemand aus der Gruppe wagte, einen Fluchtversuch zu unternehmen. Mavi stützte die ältere Dame beim Gehen und hielt die Hand eines kleinen Mädchens mit zerzaustem Haar, das vergeblich versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten. Durch die engen Gänge tappten sie in die Waschküche des Schiffes. Die Luft war feucht, Laken und Kleider hingen auf Leinen quer durch den Raum. Eine füllige Frau mit breiten Oberarmen trat zwischen den Zubern hervor. Ihre schwarzen Haare waren zu einem strengen Knoten zurückgebunden. Ihre schmalen Augen waren mit dunklem Kajal umrandet und endeten an ihren Schläfen. Diese Art der Gesichtsbemalung war üblich in Nebelwalden. Offensichtlich hatten die Piraten Leute aus der ganzen Welt entführt.

Wie lange sie wohl schon die Meere bereisten?

Die Piratenangriffe hatten zugenommen, seit der berüchtigte Kapitän Kematian vor vielen Jahren einen Großteil der kaiserlichen Flotte an den Tigerklauen-Stromschnellen versenkt hatte. Piraterie versprach große Schätze, Freiheit, Abenteuer … und eine Menge Gewalt. Piraten waren keine Abenteuerhelden wie in den Romanen. Mavi erinnerte sich dumpf an eine brennende Taverne in ihrem Heimatdorf und ein kleines Schiff mit roten Segeln, das bedrohlich im Hafen lauerte.

Sie rieb sich über die juckende Haut.

„Eure schmutzigen Klamotten auf einen Haufen. Jeder bekommt von mir ein Stück Seife. Dann nehmt ihr einen kleinen Zuber und spült euch damit ab. Da hinten liegen frische Sachen. Nehmt, was passt. Alle brav in einer Reihe. Nicht trödeln“, sagte die Piratin und beobachtete mit mürrischer Miene die Waschprozedur. Niemand sagte etwas, alle waren froh, die verschwitzten Sachen loszuwerden. Die Jüngeren zierten sich ein wenig, aber letztlich siegte der Wunsch nach Sauberkeit über die Scham, sich vor Fremden auszuziehen. Mavi legte mit zitternden Fingern ihre schmutzigen Kleider ab und verzog sich mit ihrem Zuber in eine Ecke. Sie versuchte, sich vor dem Blick der Piratin zu verstecken und seifte sich ein. Der Geruch überdeckte bald den Schweiß, auch wenn sie ihre Füße ziemlich schrubben musste, um den Schmutz abzubekommen. Möglichst langsam und bedächtig wusch sie den Schaum ab, um kein Wasser zu verschwenden.

Das kühle Nass linderte den Schmerz der trockenen, geschundenen Haut. Eine einzelne Schuppe schimmerte verräterisch auf ihrer Haut, doch das gefilterte Meerwasser reichte nicht aus, um die Verwandlung auszulösen, die aus ihrem Unterleib einen Fischschwanz machte. So sah man Mavi nicht an, dass sie nur zur Hälfte ein Mensch war. Sie hatte einen schlanken Körperbau, lange Beine und angenehme Rundungen. Die üppigen Kurven ihrer Mutter hatte sie leider nicht geerbt. An guten Tagen wellten sich ihre langen dunkelbraunen Haare. Ihre Haut hatte die Farbe von dunklem Sand, aber vermutlich war ihr Teint gerade alles andere als frisch. Ihre Nase war lang und spitz, zu groß für ihr Gesicht, wie sie fand. Sie benetzte Wangen und Stirn mit Wasser, fühlte ein wohliges Schaudern, doch ein Funken Angst blieb. Der Zuber war leer und Mavis Haut juckte und ziepte noch immer. Sie lenkte sich ab, indem sie der älteren Dame dabei half, den Schaum aus dem Haar zu spülen.

„Ich muss schleunigst ins Meer“, murmelte Mavi und suchte sich aus einem Stapel Kleidung ein Wickelkleid und ein Schultertuch. Sie wurden zurück in den Gemeinschaftsraum geschickt, wo der Boden mit einigen Tüchern und Kissen ausgelegt war. Müde ließ Mavi sich nieder und betrachtete ihre nackten Füße. Sie waren immer noch rot und heiß. Lange würde sie es nicht mehr aushalten. Sie musste es ins Meer schaffen. Nur wie?

Mavi hatte gerade die Augen geschlossen und sich zusammengerollt, als wieder einer der Piraten Befehle in den Raum brüllte.

„Hey, faules Pack. Aufstehen! Der Kapitän möchte Gesellschaft“, blaffte ein großer Mann mit einem Schwert am Gürtel. Seine Haut war weiß wie Kalk und seine Haare rotblond. Er sah aus wie ein Gespenst. Mavi schauderte und versuchte, sich mit der Decke zu verhüllen. Der Pirat zeigte auf ein paar Personen, die angstvoll wimmerten. Doch er brauchte nur seine Hand auf den Schwertknauf zu legen und sie leisteten seinen Befehlen folge. Mavi wich seinem Blick aus.

„Du da. Du auch!“, brüllte er. Köpfe wandten sich zu ihr und sahen sie besorgt an. Mavi knirschte mit den Zähnen und ihre Knie schlotterten, als sie sich langsam erhob. Der Kapitän wollte Gesellschaft. Der blasse Pirat pickte sich junge, gesunde Menschen heraus. In Mavis Kopf spielten sich Horrorszenarien ab. Hatte er deswegen so viele Leute zu den Waschzubern gelassen? Wollte er seine Beute sauber? Mavi würde lieber sterben als sich von diesem Kerl anfassen zu lassen. Gemeinsam mit acht anderen Menschen wurde sie zur Kapitänskajüte geleitet. Hinter der Holztür war Gelächter und Gerede zu hören, Gläser klirrten und es klang nach einer feuchtfröhlichen Gesellschaft. Mavi sah sich um, suchte nach einer Möglichkeit zu fliehen. Eine schwere Hand legte sich auf ihre Schulter.

„Versuch’s gar nicht erst, Mäuschen“, raunte der Pirat, „Der Kapitän ist vielleicht nett zu dir, wenn du ihn so ängstlich anwinselst, aber das gilt nicht für mich.“

Mavi biss sich auf die Lippe, eine andere Frau wimmerte. Der Pirat stieß die Tür auf, warme Luft schlug ihnen entgegen. Der Raum war voller Menschen und in der Mitte saß der Kapitän breitbeinig auf einem Sofa. Tayon trug einen prächtigen Hut, den er sicherlich einem Kaufmann entwendet hatte. Das rote Seidenhemd war aufgeknöpft und gab den Blick auf seine muskulöse Brust frei. In seinen Armen lag eine leicht bekleidete Frau und aß Trauben. Mavis Mund wurde zu einem Strich. Ekel überkam sie, ließ ihren Magen schwer wie einen Stein werden. Sie ballte die Hände zu Fäusten, ihre Fingernägel drückten sich schmerzhaft in ihre Handballen. Wenn dieser Widerling sie irgendwo anfasste, würde sie ihm die Hand abbeißen.

Sein Blick traf Mavi und er lächelte.

2. Kapitel

Blau. Die Sehnsucht nach den azurblauen Untiefen, den tanzenden Lichtstrahlen, die immer weiter verblassten, je tiefer man tauchte. Das endlose Dunkel, die Stille, das ruhige Gluckern in den Ohren. Kühles, salziges Wasser, das die Lungen flutete und die fiebrige Hitze aus dem Kopf verbannte.

Ozeanblau war der Drink, den der Kapitän der Piraten in der Hand hielt. Das Getränk feuerte die Sehnsucht nach dem Wasser in Mavi erneut an. Ihre Kehle war trocken. Wie konnte sie entkommen? Einige Personen lümmelten auf Sitzsäcken und in Hängematten. Die leicht bekleidete Frau, die sich an der Schulter des Kapitäns anlehnte, lächelte. Mavi würde jedem die Augen auskratzen, der ihr zu nahetrat.

„Kommt ruhig näher, ihr braucht keine Angst zu haben. Niemand wird euch ein Haar krümmen oder irgendetwas tun, was euch zuwider wäre. Setzt euch, nehmt euch etwas zu trinken und zu essen“, verkündete Kapitän Tayon mit einem Lächeln und deutete auf Sitzkissen und umgedrehte Kisten, auf denen Teller mit Brot, Käse und Trauben lagen. In einer Hängematte, die an zwei Balken befestigt war, faulenzte ein junger Mann mit dunklem Haar und wachen Augen, der die Gruppe neugierig beäugte.

„Harten Alkohol gibt’s auch, falls ihr die Visage von Käpt’n Tayon nicht ertragen könnt“, rief er von seiner Position aus. Die Piraten lachten alle, nur Tayon rollte mit den Augen.

„Skip. Charmant wie immer. Wenigstens du findest mich schön, oder Sumiré?“

Die leicht bekleidete Frau kicherte nur schelmisch und ließ ihn sitzen, um sich Wein nachzuschenken.

„Keine Angst, die Jungs tun euch nichts“, sagte sie im Vorbeigehen und ließ sich schwungvoll auf einem Sitzkissen nieder, was den Wein beinahe über den Rand ihres Glases schwappen ließ. Die Perlenketten um ihre Hüften klimperten bei jeder Bewegung. Mavi entdeckte eine ihrer eigenen Schmuckkreationen am Handgelenk der Frau. Die kleinen weißen Muscheln bildeten einen angenehmen Kontrast zu der gebräunten Haut. Zögerlich setzten die Gefangenen sich ebenfalls, versuchten, möglichst viel Abstand zu den Piraten zu halten. Niemand wagte es, die Getränke oder das Essen anzurühren, als wären es Opfergaben auf einem Schrein der Staubgötter.

Mavi kniete sich hin, um ihre geröteten Füße zu verbergen und nicht in Versuchung zu geraten, an der Haut zu kratzen und zu zupfen. Die Sehnsucht nach dem Meer wurde immer stärker. Um ihren Durst nach Wasser zu beruhigen, fasste sich Mavi ein Herz und nahm etwas von dem Wein, nachdem sie die Frau namens Sumiré ebenfalls davon trinken sah.

„Was wollt ihr von uns?“, fragte eine der Gefangenen unsicher. Tayon grinste und beugte sich vor. Sofort wichen alle ein Stückchen zurück und er hob beschwichtigend die Hände, bevor er aufstand. Aus nächster Nähe konnte Mavi ihn besser inspizieren. Die schwarzen Tätowierungen auf seinen Armen waren eng ineinander verschlungen: Seemonster, Anker und Wörter, die Mavi aus der Ferne nicht entziffern konnte. Sie bemerkte auch Narben in unterschiedlichen Schattierungen – einige davon schienen noch recht frisch zu sein. Seine Locs hatte er mit einem Band zu einem losen Zopf gebunden. Die weichen Gesichtszüge und das strahlende Lächeln würden sie jedenfalls nicht blenden. Er war ansehnlich und sah gepflegter aus als man es von einem Seefahrer erwarten würde. Er hatte gerade Zähne und noch alle Finger und Zehen. Vorsichtig ließ er sich in der Nähe von Mavi nieder und zog einen Teller mit Früchten und Brot heran. Er aß etwas davon, wie um zu zeigen, dass keinerlei Gift oder Drogen beigemischt worden waren.

„Ich möchte euch ein Angebot machen. Mein neues Piratenschiff ist groß und wir brauchen jede helfende Hand, die wir kriegen können“, erklärte er und tunkte eine Ecke Brot in eine Schüssel mit Hummus. „Ich frage das nicht nur euch, sondern alle an Bord, die mir vielversprechend erscheinen. Vielleicht leidet ihr unter einem strengen Lehrmeister, einem aufdringlichen Ehemann oder den Zwängen in euren kleinen Dörfern. Daher lade ich euch ein: Wer möchte, kann sich meiner Crew anschließen. Egal, was ihr könnt, wir finden eine Arbeit und einen Platz für euch.“

Ein Gefangener runzelte irritiert die Stirn, eine Frau beugte sich zu ihrem Nachbarn und flüsterte etwas. Tayons Augen leuchteten und er lehnte sich vor, als er fortfuhr. „Abenteuer! Unbekannte Länder! Schätze! Alles, was in Büchern steht, könnt ihr selbst hautnah erleben. Ihr wärt keine Diener, keine Arbeiterinnen, keine Bauern oder irgendjemandes Ehefrau. Nein. Ihr hättet einen Namen und eine Bedeutung. Und dieselben Rechte wie jeder andere auf dem Schiff. Ihr würdet euren Anteil der Beute erhalten. Und ihr könnt gehen, wann immer ihr wollt. Freiheit. Freiheit ist mir das höchste Gut. Deswegen heißt mein Schiff auch so: Ominira.“

Mavi war zufrieden als Schmuckmacherin und ihr gefiel es nicht, wenn jemand dieses einfache und ehrliche Leben herabwürdigte. Er romantisierte seine Verbrechen.

„Und der Haken?“, fragte Mavi skeptisch. Sie erstickte den winzigen Teil von ihr, der diesen irrwitzigen Träumen glauben wollte. Die Meere zu besegeln, hörte sich verlockend an, aber unter den blutroten Flaggen eines Piraten lebte man nicht in Freiheit, sondern auf der Flucht. Wenn Käpt’n Tayons Worte ehrlich gemeint waren, war er ein verträumter Tölpel. Schlimmstenfalls ein hinterlistiger Tyrann.

„Du wirst im Nu Falten bekommen, wenn du immer so ein finsteres Gesicht ziehst“, sagte er und tippte ihr an die Stirn.

Mavi wollte ihn anzischen, doch sie hielt sich zurück und zog die Augenbrauen noch fester zusammen. Tayon stand auf und umkreiste die Gruppe mit federnden Schritten. Zwei junge Männer redeten leise über das Angebot, verstummten jedoch, als Tayon sich näherte.

„Und wenn wir eurer Crew nicht beitreten wollen?“, fragte eine Blondine.

„Dann esst und trinkt und geht zurück in eure Kajüte. Morgen früh legen wir in Sonnenfels an und geben das Schiff mit den Geiseln – also euch – gegen Gold und Vorräte an die Hafenwache von Port Bravidor.“

Die Frau runzelte besorgt die Stirn. „Wird das denn gut gehen?“

Tayons Grinsen wurde noch breiter. Die Piraten tauschten amüsierte Blicke aus.

„Wer weiß?“, flötete der Mann mit den stechenden Augen aus der Hängematte.

„Skip, mach ihnen keine unnötige Angst“, sagte Sumiré mit einem Gähnen und streckte sich.

Mavi beäugte die Piraten misstrauisch. Was für einen seltsamen Haufen hatten sie hier vor sich? Einerseits redeten alle von Abenteuern, Freiheit und Schätzen wie kleine Kinder, gleichzeitig strahlten sie eine kühle Professionalität aus. Zumindest Tayon schreckte auch nicht davor zurück, sein Messer einzusetzen. Skip, der Mann mit den wachen Augen thronte in der Hängematte wie ein hungriger Berglöwe. Die Frau namens Sumiré bewegte sich wie eine Katze und ihr Körper war kurvig, aber muskulös. Die Schwielen an ihren Händen und vereinzelte Narben auf ihrer goldbraunen Haut ließen darauf schließen, dass sie eine Kämpferin war. Oder auf seltsame Vorlieben der Piraten. Beides verhieß nichts Gutes.

Mavi überlegte, wie sie entkommen konnte, aber die Angst erstickte alle aufkeimenden Pläne. Würde morgen bei der Geiselübergabe alles gut gehen? Nicht selten brannten nachher sowohl das Handels- als auch das Piratenschiff lichterloh. Sie zählte im Kopf die verbleibenden Stunden, während ihre Füße und Finger weiter vor schmerzender Hitze pochten. Sie hatte vielleicht noch zwei Tage bevor es gefährlich für ihre Gesundheit wurde. Sie musste ins Meer. Bald.

Was, wenn sich die Geiselnahme hinzog? Wenn die Soldaten der Hafenwache sie verhören würden? Wenn sie noch mehrere Tage unter Deck festsaß? Mavi erschrak, als sich Tayon wieder direkt neben ihr niederließ. Er verströmte den Duft warmen Holzes und frischer Meeresbrise. Ihr Inneres zog sich schmerzhaft zusammen in dem Verlangen, endlich wieder Meerwasser zu kosten.

„Na, überlegst du, wie du am besten fliehen kannst?“, fragte er mit einem neckischen Lächeln und trank einen großen Schluck Wein. Mavi wich ein Stück zurück, die Hitze, die er ausstrahlte, ließ ihre Haut noch mehr jucken.

„Am einfachsten wäre es, mich betrunken zu machen. Und dann, wenn ich wehrlos im Bett liege - zack!“, er zeichnete mit seinem Daumen eine gerade Linie an seiner Kehle entlang, „Bin ich tot.“

„Dann habe ich eine Leiche. Und ein Schiff voller Piraten gegen mich aufgebracht“, erwiderte Mavi. Musste er sich ausgerechnet mit ihr unterhalten? Sie verspürte Angst, aber auch Zorn. Wie flapsig er mit den Geiseln umging, obwohl er wusste, welche Angst und Qualen sie durchleiden mussten.

„Ha, du hast Recht. Also würdest du mich, den Geiselnehmer, als Geisel nehmen? Und dann? In einem Beiboot kämst du nicht weit. Oder meinst du, du könntest mit mir den ganzen Weg nach Port Bravidor rudern? Ich finde, das klingt spannend. Willst du es auf einen Versuch ankommen lassen?“

Mavi starrte auf ihre Finger. Er wollte sie aushorchen. Sie würde ihm nicht den Gefallen tun, weiter zu plappern. Vor ihm würde sie keine Schwäche zugeben, auch wenn ihr Herz wild klopfte. Wein machte sie nicht redselig, sondern schenkte ihr ein wenig Mut. Beherzt leerte sie ihren Becher.

„Ich denke, ich gehe schlafen“, sagte sie und stand auf.

„Wie, du willst nicht meiner Crew beitreten? Ziehst du den armen, eintönigen Alltag dem Reisen vor?“, fragte Tayon empört.

„Ja“, sagte Mavi und erneut brachen die Piraten in Gelächter aus. Drei Frauen schlossen sich ihr an, die anderen schienen bleiben zu wollen. Mavi konnte es ihnen nicht verübeln. Das Angebot klang verlockend, aber es war wie der Pakt mit einem dunklen Magier. Mavi wollte nicht alles aufs Spiel setzen, das sie sich nach dem Tod ihrer Mutter erarbeitet hatte. Sie war eine selbstständige Schmuckmacherin, die seit kurzem endlich von ihrer Arbeit leben konnte. Ihr Leben war einfach, aber gut. Sie brauchte niemanden, der sie mit süßen Versprechungen umspülte und feine Risse im Fundament öffnete, das sie so mühevoll aufgebaut hatte. Der alles in Frage stellte, nachdem sie sich selbst seit Jahren nur zögerliche Antworten gab.

„Eiskalt wie ein Fisch. Hat dich wohl abblitzen lassen, die Hübsche. Was, Tay?“, spottete Sumiré.

„Tröstest du mich, liebste Sumiré?“, fragte Tayon und streckte wie ein Kleinkind die Arme nach ihr aus.

„Vergiss es!“

Mavi rieb sich die trockenen Augen. Der Lärm und die Hitze dröhnten. Hinter der Tür wartete derselbe Pirat, der sie herbegleitet hatte. Mit einem Schnauben trieb er sie vorwärts, zurück ins Gemeinschaftsquartier. Eine der Frauen fing leise an zu weinen.

„Halte noch ein bisschen durch“, sagte Mavi zu ihr und zu sich selbst. Im Gewirr des morgigen Tages konnte sie vielleicht unbemerkt ins Meer huschen. Zähne zusammenbeißen und durch. Wie seit zwei Jahren. Irgendwann würde es sich auszahlen.

Inzwischen fühlte es sich an, als würde sie über heiße Kohlen gehen, so sehr brannten ihre Füße. Die Dunkelheit in dem engen Gang schien sie einzuschließen, die stickige Luft schnürte ihr die Kehle zu. Zwei andere Frauen tuschelten über das Angebot von Kapitän Tayon. Mavi konnte dem Gespräch nicht folgen. Waren die Laternen im Flur erloschen?

„He, Mädel!“

Ihr wurde schwarz vor Augen und in der nächsten Sekunde gaben ihre Beine nach. Mavi merkte nur noch, wie der Boden immer näher kam.

3. Kapitel

Hitze. Schmerzen.

Mit jedem Atemzug drang mehr glühender Rauch in Mavis Lungen. Jede Berührung fühlte sich an wie Eisen, das direkt aus dem Feuer geholt wurde; als würden sich die Finger, der Person, die sie vom Boden hochhievte, in ihr Fleisch brennen. Mavis Bewusstsein entglitt ihr immer wieder. Der Schweiß rann an ihren Gliedmaßen hinab und jede Bewegung schmerzte.

„Bei den Staubgöttern, sie glüht!“, hörte sie eine Frauenstimme sagen.

Kurz darauf fühlte Mavi, wie man ihr ein nasses Tuch auf die Stirn drückte. Das kühle Wasser tat gut, aber es war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Meerwasser. Sie brauchte Meerwasser.

„Mehr Wasser?“, fragte die Frau und bellte dann eine Anweisung. Ein Becher wurde an Mavis Lippen geführt und sie trank gierig. Die Hälfte rann über ihre Wangen nach unten. Ihre Sinne fühlten sich klebrig und zäh an wie Honig. Vanilleduft, ein Windhauch, Stimmen. Da waren noch mehr Personen im Raum. Ein Mann.

„Sumiré, was hat sie?“

„Ich weiß es nicht. Sie fiebert. Ich mache ihr kühle Wadenwickel. Füllt mir einen Zuber mit kühlem Wasser. Ihre Haut ist ganz rot. Als läge sie seit Tagen in der Wüstensonne. Was habt ihr mit ihr gemacht?“

Die Frau klang wütend, doch niemand konnte ihr eine Antwort geben.

„Vielleicht eine seltene Krankheit? Ob es ansteckend ist?“, sorgte sich jemand.

„Das werden wir noch rausfinden“, schnaubte Sumiré und strich Mavi mit dem nassen Tuch übers Gesicht. „Liebes? Kannst du mich hören?“

Mavi wollte antworten, aber ihr Mund war immer noch ausgedörrt, als hätte sie Sand geschluckt.

„Meerwasser“, stöhnte sie mühevoll. Wieder bekam sie zu Trinken und nun wickelte jemand kühle Tücher ihre Arme. Die Hitze ließ nach, es linderte die Schmerzen ein wenig. Ihre Haut schien das Wasser aufzusaugen wie ein Schwamm.

„Müssen wir uns wirklich um sie kümmern? Morgen können sich die Ärzte der Hafenwache um sie sorgen. Das Mädel ist nicht mal eine wichtige Geisel.“

„Derek“, ermahnte ihn eine dunkle Männerstimme wütend.

„Raus hier, Derek. Du solltest dich schämen!“, fauchte Sumiré.

„Wie ihr meint“, antwortete Derek unbekümmert und seine Schritte verklangen in der Ferne. Mavi blinzelte, doch ihre Augenlider waren schwer. Das kühle Tuch bedeckte Stirn und Augen, besänftigte die Schmerzen und lud Mavi ein, ins süße Traumland zu gleiten.

„Ach Liebes, du hättest sagen sollen, dass es dir nicht gut geht“, seufzte Sumiré und tupfte über ihren Brustkorb. Das Wasser tat so unendlich gut.

„Natürlich hat sie nichts gesagt. Wir sind Piraten und sie ist eine Geisel. Die Leute fürchten sich, egal was ich ihnen sage oder anbiete.“

„Das weiß ich doch, Tay. Halt das kurz.“

Also gehörte die dunkle Stimme zu Kapitän Tayon. Sumirés Finger rieben beständig, aber sanft über Mavis Körper.

„Ich spüre keine Schwellungen oder inneren Verletzungen. Aber die Haut an Armen und Beinen sieht nicht gut aus. Ob sie sich irgendwo verbrüht hat?“

„Heute Nachmittag schien alles in Ordnung zu sein. Das Waschwasser war bestenfalls lauwarm“, seufzte Tayon. „Vorhin ging es ihr auch noch gut. Verdammt. Ich hoffe, sie schafft es.“

„Ich auch“, murmelte Sumiré. „Wobei zwei Tote bei einer Geiselnahme immer noch ein guter Durchschnitt sind.“

„Der Vorkoster des Wesirs von Tigerfell hat es aber verdient, ein Messer zwischen die Rippen zu bekommen. Im Gegensatz zu ihr. Seine Neffen werden sich uns anschließen. Willst du wissen, was dieser Furunkel mit ihnen gemacht hat?“

„Lieber nicht“, antwortete Sumiré knapp.

Mavi versuchte ihren Arm zu bewegen, um sich das Tuch vom Gesicht zu nehmen.

„Nicht bewegen“, herrschte sie der Kapitän an und drückte ihren Arm wieder nach unten. Mavi schnaufte angestrengt. Sumiré führte erneut einen Becher mit Wasser an ihre Lippen. Die Tür schwang auf und Schritte näherten sich. Etwas Schweres wurde auf dem Boden abgestellt, Flüssigkeit schwappte über den Rand und klatschte auf den Holzboden.

Mavi sehnte sich nach Meerwasser und doch hoffte sie, dass es keines war. Ihre Angst, enttarnt zu werden klammerte sich auch jetzt an die letzten Reste ihres Bewusstseins. Die Stimme ihrer Mutter war klar zu hören: „Lass nicht zu, dass dich jemand so sieht. Zeig es nur Leuten, denen du vollkommen vertraust.“

„Sehr gut. Wir müssen sie vorsichtig reinlegen, bis sich ihre Temperatur gesenkt hat. Und danach gut abtrocknen und warm einpacken, sonst holt sie sich noch den Tod.“

„Ich mach das“, verkündete Tayon und Mavi spürte, wie sich zwei Hände unter ihren Körper schoben.

„Vorsicht, junge Dame. Das könnte jetzt kalt werden.“

Scheinbar mühelos hob der Piratenkapitän sie hoch, doch seine warmen Hände brannten in ihren Kniekehlen. Behutsam ließ er sie ins Wasser gleiten und das Tuch rutschte Mavi von ihrem Gesicht. Es dauerte einen Moment, bis sich ihre Augen wieder an die Helligkeit gewöhnt hatten. Der Badezuber war nicht groß genug, um komplett darin unterzutauchen. Ihre Knie und ihr Kopf lugten aus dem Wasser hervor, aber das angenehme Gefühl des Wassers wusch Mavis Schmerzen hinfort. Ganz leise spürte sie die letzten Wehen des Meeres darin. Erleichtert atmete sie auf als der Schmerz abebbte. Trotzdem musste sie dem Drang widerstehen, unterzutauchen und ihre Lungen mit Wasser zu füllen. Unmöglich konnte sie sich vor den Piraten ihrer Verwandlung unterziehen. Durch die Wickel um ihre Arme und Beine wurden hoffentlich die Schuppen verdeckt, die sich bildeten, wenn sie länger mit Wasser in Kontakt war. Kapitän Tayon kniete sich neben den Zuber und lächelte sie an. „Na, fühlst du dich schon besser?“

Mavi war zu geschwächt, um etwas Bissiges zu erwidern, aber sie legte die letzten Fetzen ihres Ärgers in einen finsteren Blick. Jetzt, wo er ihr so nah war, konnte sie sein Gesicht besser sehen. Kleine Narben, die markante Nase leicht krumm – vermutlich von einem Bruch. Dazu ein großer, vorlauter Mund mit sanft geschwungenen Lippen, einer weiteren Narbe und der blanken Reihe weißer Zähne. Was bedeutete, dass die Raubzüge der Piraten erfolgreich genug verliefen, um sich ordentliche medizinische Behandlungen leisten zu können.

„Hör auf sie zu ärgern, ich glaube sie hat Angst vor dir“, tadelte ihn Sumiré. Sie trug immer noch die bunten Tücher, die sich an ihre Hüften schmiegten und bei jeder Bewegung ein anderes Stück Haut ihrer langen Beine freilegten. Sie wühlte in einer großen ledernen Tasche und packte einige Ampullen und Werkzeuge zurück in den Koffer.

„Sie sind Leibärztin?“, krächzte Mavi. Ihre Stimme war trocken. Sumiré drehte sich mit einem Lächeln um. „Damit hättest du nicht gerechnet, oder?“

„Danke für Ihre Hilfe.“

Sumiré kam mit langen Schritten auf sie zu und tätschelte ihr die Hand. „Nicht doch, Liebes. Geht es dir ein wenig besser? Hast du noch andere Symptome als das Fieber? Husten, Schnupfen, Magenweh?“

Kraftlos schüttelte Mavi den Kopf.

„Na gut, dann mach ich mich mal vom Acker, wenn es der kleinen Wassernymphe wieder besser geht“, sagte Tayon und erhob sich.

Mavi zuckte bei der Bezeichnung zusammen.

Das war nur ein Scherz, oder? Er konnte nichts ahnen. Nicht nach so kurzer Zeit.

„Mach dir keine Sorgen. Ich werde meinen Kameraden sagen, dich einfach schlafen zu lassen. Morgen werdet ihr alle wieder frei sein“, sagte Tayon und ließ sie mit Sumiré allein.

„Für Piraten seid ihr ganz schön freundlich“, murmelte Mavi. Eigentlich hatte sie sich nicht auf ein Gespräch einlassen wollen, aber sie hatte Angst vor der Dunkelheit, die an ihrem Bewusstsein zupfte. Sie wollte nicht ohnmächtig werden.

„Auch wir sind nur Menschen, die ihren Berufen nachgehen“, meinte Sumiré mit einem Schulterzucken. Sie war umhüllt von einer Duftwolke aus verschiedensten Ölen, Mandel und Vanille stachen hervor.

„Den Schmuck da“, erzählte Mavi und deutete auf den Armreif aus Perlen, glitzernden Steinfragmenten und Muschelscherben an Sumirés Handgelenk, „den habe ich gemacht.“

Mavi musste noch fiebertrunken sein, denn sie konnte sich nicht erklären, warum sie auf einmal so redselig war. Sumiré betrachtete ihr Armband interessiert.

„Es ist wirklich schön. Man sieht, mit wie viel Liebe es gemacht wurde. Es war in einer der Kisten im Frachtraum. Möchtest du es zurück?“

Mavi schüttelte den Kopf.

„Nein. Ich danke dir, dass du dich um mich gekümmert hast. Das ist nicht selbstverständlich.“

Sumiré wandte sich mit einem Lächeln ab und begann wieder, in ihrer Tasche zu räumen. Sie sortierte Mullbinden, Verbände und einige Tinkturen und verstaute sie in kleinen Beuteln. Vermutlich für den morgigen Kampf. Dabei summte sie eine alte Melodie, die Mavi irgendwie bekannt vorkam.

Das kühle Wasser im Zuber fühlte sich gut an. Wie eine Wolke hüllte sie das sanfte Schaukeln der kleinen Wellen im Bottich ein. Die Tropfen, die an ihren Beinen herunterliefen, waren wie zarte Liebkosungen.

Irgendwann musste Mavi eingenickt sein, denn als sie aufwachte, fand sie sich im Gemeinschaftsraum wieder. Jedoch hatte sie, wie einige ältere Menschen oder werdende Mütter, eine dünne Matte als Unterlage bekommen. Um sie herum herrschte reges Treiben, der Saal war gefüllt von Menschen, die tuschelten oder nervös auf und ab liefen. Die alte Dame von neulich saß neben ihrem Bett und befühlte ihre Stirn.

„Du bist wach, das ist gut. Deine Temperatur ist gesunken, den Göttern sei Dank. Du hast viel geschlafen.“

„Was ist los? Sind wir schon in Port Bravidor?“, fragte Mavi und setzte sich mühsam auf. Das kleine Bad hatte ein wenig geholfen, dennoch spannte ihre Haut an Händen und Füßen unangenehm. Träge schlug sie die dünne Decke zurück und stand auf. Sie trug noch dasselbe kratzige Wickelkleid. Auf diese Handelsreise hatte sie kaum wichtige Besitztümer mitgenommen, doch ihre liebste Halskette mit einem Aquamarin als Anhänger war irgendwann im Getümmel der letzten Tage verloren gegangen. Genau wie ihre Ware, die Arbeit mehrerer Jahre, mit denen sie sich etwas Eigenes hatte aufbauen wollen.

„Ja, wir sind vor Anker gegangen. Aber die Piraten haben alle hier eingesperrt und die Tür verriegelt. Anscheinend verhandeln sie mit der Hafenwache über einen Austausch. Ich bete zu den Staubgöttern, dass alles gut geht und wir endlich von diesem Schiff herunterkommen“, erklärte ein Mann, der neben ihr saß.

Draußen ertönten mehrere Kanonenschüsse und plötzlich wurde es laut im Raum. Schreie, panisches Getuschel, Wimmern. Die alte Dame klammerte sich an Mavi. Mütter und Väter legten schützend die Arme um ihre Kinder, manche kauerten sich auf den Boden, andere erhoben die Fäuste. Als etwas Schweres gegen die Türe donnerte, wichen die Menschen zurück.

„Hier ist die kaiserliche Marine. Treten Sie von der Tür zurück!“, tönte es von draußen. Ein Raunen ging durch die Menge.

„Die kaiserliche Marine? Seit wann sind die denn in Port Bravidor stationiert?“

„Ist doch egal, die holen uns hier raus und machen Sandkörner aus den Piraten“, rief jemand.

Es donnert erneut gegen die Tür. Das schwere Holz knackte.

„Normalerweise sichern sie nur die Gewässer um die Kaiserstadt, oder? Warum sind die hier?“

„Befindet sich etwa jemand von der kaiserlichen Familie an Bord?“

Mit einem Krachen gab die Tür schließlich nach, das Holz splitterte und regnete auf den Boden. Die ersten Jubelrufe waren zu hören und Leute drängten sich nach vorne.

„Niemand bewegt sich!“, brüllte einer der Marineoffiziere und betrat den Raum mit erhobener Muskete. Seine Augen suchten den Raum grob ab, doch als sich niemand rührte, winkte der Offizier seinen Leuten und ein Trupp Soldaten stürmte den Raum.

Die Marine versorgte nach und nach alle mit Wasser, Medizin und Suppe. Das Chaos und die Unsicherheit der Leute wichen Erleichterung und Erschöpfung. Einige Soldaten glichen die Geiseln mit den Passagierlisten ab, bevor sie von Bord gehen durften.

Mavi tappte ungeduldig umher. Was wohl mit den Piraten geschehen war? Hatten es alle zurück auf ihr Schiff geschafft? Befanden sie sich noch im Gefecht mit der Marine oder ruhten Trümmer und Knochen bereits auf dem Meeresboden? Hier und da bekam sie Gesprächsfetzen mit, die auf ein Gefecht und die erfolgreiche Flucht der Piraten hinwiesen. Mavi hätte kein Mitleid mit ihnen gehabt, wenn sie am Meeresgrund gelandet wären. Nur um Sumiré hätte es ihr ein wenig leidgetan.

Warum so eine fähige Frau wohl mit Piraten die Weltmeere besegelte?

Die Gedanken an die Piraten lenkten sie von ihren eigenen Sorgen ab. Wie würde es weitergehen? Wie kam sie wieder nach Hause?

Endlich wurde Mavis Name aufgerufen und erleichtert folgte sie den Soldaten. Durch endlos scheinende Korridore ging es über viele Stufen Richtung Deck. Mavi konnte das Meer schon riechen, die Wellen gegen den Rumpf klatschen hören. Ihre Sinne trugen sie an Deck, wo die Möwen kreischten und viele Stimmen sich zu den Geräuschen des Meeres mischten. Trotz des geordneten Ablaufs lag Spannung in der Luft.

Die Sonne brannte grell in Mavis Augen. Es kam ihr vor wie mehrere Jahre, die sie fernab des Tageslichts in einer finsteren Höhle verbracht hatte, dabei war es vielleicht eine Woche gewesen. Sie hob den Arm, um ihre Augen abzuschirmen. Der Soldat schob sie weiter in Richtung der Treppe, die sie von diesem götterverdammten Schiff wieder auf festen Boden bringen würde. Hoffentlich musste sie nicht länger warten und lästige Fragen beantworten. Die Menschen waren ihr zu viel, die Unsicherheit zu groß. Vielleicht würde Mavi sich eine Nacht zum Ausruhen gönnen und dann den Rückweg nach Ular Tidur antreten. Am Meeresgrund entlang, wo keine Menschen ihre Spielchen trieben. Es war ein langer Weg, aber aktuell hätte jede noch so schnittige Jolle wie ein dunkles Verließ auf sie gewirkt.

Mavi fuhr sich durch die strähnigen Haare und lächelte. Die Sonne und das Meer schenkten ihr neuen Lebensmut. Vielleicht fand sie hier an der Küste vor Sonnenfels auch einige besondere Muscheln oder Perlen für ihren Schmuck? Sie würde einfach neu anfangen. Den Staubgöttern sei Dank - diese Tortur war glimpflich für sie ausgegangen.

„He, Soldat. Warten Sie!“, bellte jemand. Der Mann, der sie begleitete, blieb abrupt stehen und salutierte. Die Stimme kam Mavi seltsam bekannt vor und sie drehte sich neugierig um.

„Guten Tag, Herr Admiralstabsarzt.“

Es war, als würde der Blitz in ihren Leib einschlagen, als sie den besagten Marinearzt erblickte. Die vertrauten kantigen Gesichtszüge, das rotbraune Haar und die eiskalten, grauen Augen. An seiner weißen Jacke prangten zahlreiche Abzeichen. Bei ihrer letzten Begegnung hatte er noch keinen so hohen Rang bekleidet. Unter seinem Blick fühlten sich Mavis Beine plötzlich so glibberig an wie der Körper einer Qualle.

„Nixenblut. Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns ausgerechnet hier wiedertreffen. Dieser Tag birgt also doch noch etwas Gutes“, sagte er und kam mit einem Lächeln auf sie zu. Auf andere mochte es warm und freundlich wirken, doch die Freude erreichte seine Augen nicht. Wie lange war es her? Drei Jahre? Er war kräftiger geworden, seine Haut war immer noch weiß wie der Bauch eines Buckelwals.

„W-Wayland“, stammelte Mavi hilflos.

„Geht es dir gut? Du siehst müde aus. Wann warst du zuletzt im Meer? Ich hoffe, dieses verdreckte Piratenpack hat dir kein Haar gekrümmt. Keine Sorge, in meinem Labor befindet sich ein Becken mit Meerwasser, in dem du dich erholen kannst. Unser letztes Treffen ist ein wenig missglückt, aber diesmal werde ich behutsamer sein“, erklärte Wayland freundlich und ruhig. Mavis Unterlippe zitterte und sie fühlte sich wie ein Fisch im Fangnetz. Hilflos zappelnd im Angesicht des Todesgottes. Sie trat einen Schritt zurück, doch der Soldat stand immer noch neben ihr. Überall waren Schergen der Marine, die seinen Befehlen Folge zu leisten hatten. Niemand würde ihr glauben, niemand sie retten.

„Lass mich dir helfen“, sagte Wayland.

Er griff nach ihr und seine Finger schlossen sich wie Eisenketten um ihren Oberarm. Als er sie mit sich von Bord zog, wünschte Mavi, die Piraten hätten ihr eine Kugel in den Kopf gejagt.

4. Kapitel

Die Kanonenkugeln donnerten über das Schiff hinweg. Nur um Haaresbreite schossen sie an ihrem Ziel vorbei, unter dem Stag, dem queren Balken, an dem das Hauptsegel befestigt war, hindurch. Tayon duckte sich, als eine Kugel das Schiff knapp verfehlte und in einiger Entfernung ins Meer einschlug. Die Explosion riss ein Loch in die Wellen und das Wasser spritzte meterweit.

„Die Mistkerle sind hartnäckig“, fluchte Derek. Mit zusammengekniffenen Augen sah er sich um, versuchte die Schäden abzuschätzen, die am Schiff entstanden waren. In den engen Hafenbecken von Port Bravidor hatten mehrere Kanonenkugeln ihr Ziel getroffen. Die Staubgötter mussten ihnen gewogen sein, dass diese waghalsige Flucht aufs offene Meer hinaus gelungen war, nachdem die Marine schon mit Enterhaken und gezogenen Säbeln an Bord gestanden hatte.

„Das ist Barrys Schiff, der hat ein persönliches Anliegen mit mir. Vor allem, nachdem ich ihn vorhin mit meiner Faust von Bord befördert habe. Leider scheinen seine Leute ihn aus dem Meer gefischt zu haben“, sagte Tayon mit einem Lachen und spähte mit dem Fernrohr auf das kleiner werdende Schiff der kaiserlichen Marine.

„Wenn wir keine Kugel mehr kassieren, haben wir sie bald abgehängt“, sagte Korn, während er das Steuerrad herumriss, um mit dem Wind zu fahren.

„Das lief fast schon zu gut diesmal, oder?“, spottete Skip und erntete einen finsteren Blick von Korn, dem der Schweiß von der Stirn lief.

„Dafür, dass die Marine uns im Hafen überrascht hat? Auf jeden Fall“, antwortete Tayon und bemerkte zufrieden, wie das andere Schiff beidrehte. Mit nur zwei Masten waren sie deutlich unterlegen, doch Tayon wusste, dass Barry wie ein tollwütiger Hund war, der sich an seiner Beute festbiss. Tayon tastete nach seiner verwundeten Schulter. Sein Hemd war nass vom Blut.

„Es ist ein Wunder, dass wir da rausgekommen sind“, knurrte Korn finster.

„Wenn ich einen Sandschlecker wie Barry mit meinem Schlag über Bord befördern darf, ertrage ich gerne die ein oder andere Blessur.“

Tayon wusste, dass es knapp gewesen war. Ein paar Kanonenkugeln, Enterhaken und Marinesoldaten mehr und es wäre nicht so glimpflich ausgegangen. Zum Glück liebte Barry dramatische Auftritte und hatte seine Leute zurückgehalten. Tayon hoffte, dass der gezielte Schlag ins Gesicht ihm die Nase gebrochen hatte.

Der Wind blähte ihr Segel auf und schob sie weiter über die Wellen. Bald würde das Marineschiff nur noch ein Staubkorn am Horizont sein. In der Ferne konnte man bereits die dichte Nebelwand erahnen, die den Eingang zu den Gewässern markierte, die man die Ungeheuren Quellen nannte. Gefährliches Terrain, gefüllt mit Geschichten von riesigen Monstern, Mahlströmen und Stürmen. Perfekt, um lästige Verfolger abzuhängen.

„Lass die Wunde lieber verarzten, auch wenn es ein glatter Durchschuss ist“, meinte Skip zu Tayon.

Derek schnappte sich das Fernrohr und nickte dann.

„Jepp, scheint, sie haben uns aufgegeben. Wir können uns vorerst entspannen.“

Korn atmete auf und streckte sich.

„Ich könnte jetzt einen Krug Rum und ein Fladenbrot vertragen“, brummte er und überließ Skip das Ruder.

Tayon schlurfte widerwillig ins Lazarett und ließ sich von Sumiré verarzten. Sie drückte ihm einen alkoholgetränkten Lappen gegen die Wunde, ehe sie diese mit zwei Stichen zunähte. Er zischte und verzog das Gesicht vor Schmerz.

„Du hast mal wieder Glück gehabt. Scheint, die Staubgötter können noch eine Weile auf dich verzichten“, murrte Sumiré, während sie Tayons Schulter mit Mullbinden umwickelte.

„Aber kein Glück mit den Frauen“, brummte Tayon und seufzte schwer. „Unsere süße Fieberpatientin wollte sich uns nicht anschließen.“

Sumiré betrachtete mit einem Schmunzeln die filigran geschmiedete, mit Muschelsplittern verzierte Kette um ihr Handgelenk.

„Vielleicht ist das besser so. Sie schien mir recht starrköpfig. Und du weißt, wie es mit deiner letzten Flamme in der Crew lief. Eine so gute Späherin wie Carmen werden wir nie wieder finden.“

„Gibst du mir immer noch die Schuld daran, dass sie abgehauen ist?“, fragte Tayon und atmete scharf ein, als Sumiré den Verband fest anzog. „Ich kann doch nichts dafür, dass sie mehr von mir wollte, als ich ihr geben konnte.“

„Jaja, spar mir das Gesäusel. Ich weiß, dass du lieber ungebunden bist. Vielleicht wäre es besser ausgegangen, wenn du Carmen gegenüber wenigstens offen gewesen wärst. Liebe ist nicht die Fußfessel, für die du sie hältst.“

Sumiré wusch sich die Hände und räumte ihre Utensilien auf, während Tayon prüfend seine Schulter kreisen ließ.

„Danke für den Vortrag. Ich denke, Carmen hätte es nicht verstanden. Wenn sie etwas wollte, hat sie es sich genommen.“

Sumiré seufzte schwer und Tayons Brauen verzogen sich voller Sorge als er merkte, dass diese Konversation nicht das übliche, geschwisterliche Gezanke war, dass sie seit ihrer Kindheit begleitete.

„Aber genug von mir. Dich bedrückt doch irgendwas, oder?“, fragte er.

„Ich sorge mich um dich“, sagte Sumiré und sah ihn an. Tayon schluckte, denn ihr Blick war klar und voller Traurigkeit.

„Manchmal scheint es mir, dass du alle Wurzeln so verabscheust, dass du im nächsten Moment einfach davonfliegen und nie zurückkehren könntest.“

Tayon rieb sich die Stirn und dachte einen Moment über ihre Worte nach. „Das stimmt nicht. Ich habe Wurzeln und die sehe ich nicht als Fesseln. Im Gegenteil. Ohne euch wäre ich aufgeschmissen! Du und Skip. Unsere Mütter in Umbuye. Derek, André und Korn, Chi. Euch kann ich jederzeit bedingungslos vertrauen.“

„Trotzdem merke ich, dass du dich in letzter Zeit von der Crew abkapselst. Das mit Carmen hat alte Wunden aufgerissen, oder? Es ging doch gar nicht um sie, sondern um deine Erinnerung an die Sache mit Bonny. Tay, du musst das loslassen. Du gibst dich offen, aber dein Vertrauen wächst nur langsam, weil du es nicht gießt, sondern den Boden absichtlich trocken hältst.

---ENDE DER LESEPROBE---