Das Meer der Legenden 2 - Babsi Schwarz - E-Book
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Das Meer der Legenden 2 E-Book

Babsi Schwarz

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Beschreibung

Gefährliche Stromschnellen, alte Flüche und neue Feinde. Mit einem sagenumwobenen Kompass in ihrem Besitz stürzen sich Tayon, Skip und die Crew in neue Abenteuer. Tayon steht seine schwierigste Zeit als Kapitän bevor und ein magischer Neuankömmling vernebelt Skip die Sinne. Doch in den gefährlichsten Gewässern der Welt kann sich die Crew weder Ablenkungen noch Streitereien erlauben, wenn ihnen ihr Leben lieb ist. Der zweite und abschließende Band der „Meer der Legenden“ Dilogie!

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltshinweis

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30 Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

Epilog

Danksagung

Die Autorin

Babsi Schwarz

Das Meer der Legenden 2: Piratenherz

Impressum

Urheberrechtlich geschütztes Material

Alle Rechte am Text liegen bei Babsi Schwarz

Meer der Legenden: Piratenherz

Band 2

1.Auflage | Februar 2024

© Babsi Schwarz

Umschlaggestaltung: © Nadine Wahl

Unter Verwendung von Stockdaten:

© AdobeStock: afe207, RonDale, samiramay, normallens, robert, kokotewan, warmtail

Buchsatz & Innengestaltung: © Juliana Fabula - Grafikdesign

Unter Verwendung von Stockdaten:

shutterstock.com: Vera Petruk, Julia Henze; bogadeva1983,

Barashkova Natalia, Macrovector; freepik.com

Lektorat: Lucinda Flynn

Korrektorat: Anabelle Stehl

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher

Form, sind vorbehalten. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen,

sowie Orten und sonstigen Begebenheiten sind rein zufällig

und nicht beabsichtigt.

Impressum

Veröffentlicht über tolino media

Babsi Schwarz

c/o Block Services

Stuttgarter Str. 106

70736 Fellbach

Kontakt: [email protected]

ISBN: 9783757942205

Inhaltshinweis

Dieses Buch enthält Szenen und behandelt Themen, die für manche Lesenden belastend sein können. Eine Liste mit möglichen Triggern in diesem Buch findet ihr auf meiner Homepage babsi-schwarz.de.

Für die Crew, die mit mir allen Stürmen und Winden trotzt: Lucinda, Liza, Anabelle, Mikkel. Danke euch.

Prolog

Ein Dolch im Rücken. Meuterei. Nach und nach verließen ihn alle. Gingen fort. Doch er wollte nicht, durfte nicht allein sein. Sie waren alles, was er hatte. Alles, was er wollte. Er war so hungrig, so durstig. Wann hatte er das letzte Mal etwas gegessen? Es spielte keine Rolle. Wichtig war, dass er diesen Zauber vollendete. Damit sie noch mehr Zeit zusammen hatten. Damit sie weder von Alter, Krankheit oder dem Tod bedroht wurden. Damit er nicht allein war. Er rieb sich die trockenen Augen und fuhr über das goldene Gehäuse, während er seine Magie kanalisierte. Irgendetwas stimmte nicht. Die Magie, die sich sonst geschmeidig und sanft anfühlte, pochte und pulsierte wie Kopfschmerzen. War er nicht mächtig genug? Nein, unmöglich. Er konnte selbst den Gezeiten trotzen.

Hinter ihm hallten Schritte von den Höhlenwänden wider. War sie das?

Sie durfte ihn nicht von seinem Vorhaben abhalten. Er musste sich beeilen. Er würde sie nicht verlieren. Um keinen Preis.

1. Kapitel

Die Sonne brannte vom Himmel herab, doch eine kühle Brise wehte aus dem Norden. Gutes Wetter, um in See zu stechen. Mavi ließ sich noch einen Moment von der Strömung treiben, dann schlug sie kräftig mit ihrer Schwanzflosse und tauchte ein letztes Mal unter dem Schiffsbug hindurch. Von außen sah alles gut aus. Keine Luftblasen oder Strömungen, die auf undichte Stellen im Holz hindeuteten. Auch wenn der Bug ohne Algenablagerungen und Muscheln etwas zu sauber wirkte. Prustend tauchte Mavi aus dem Wasser auf.

"Wie sieht’s aus?", rief Sumiré vom Deck herunter. Sie trug ein gelbes Tuch um ihre braunen Haare geschlungen und ihre goldenen Ohrringe funkelten im Licht, als sie sich über die Reling beugte.

"Alles in Ordnung. Wir sind abfahrbereit", antwortete Mavi und winkte Tayon zu, der am Steuer stand. Der weiße Verband um seinen Arm hob sich von seiner dunklen, rotbraunen Haut ab. Sie glaubte, ihn grinsen zu sehen, als er ebendiesen Arm emporstreckte.

"Anker lichten!", rief er aus voller Kehle. Die Crew an Bord jubelte. Vier Leute stemmten sich gegen die Apparatur und holten die schwere Kette rasselnd ein.

"Setzt die Segel!"

Auch diesen Befehl des Kapitäns setzte die Crew prompt um, sodass die weinroten Segel sich entrollten und mit der Brise füllten. Die Crew applaudierte, im Hafen ertönten freudige Rufe und Glückwünsche. Die Piraten waren wieder seetauglich, bereit, zu neuen Ufern aufzubrechen. Und Mavi würde sie begleiten.

Das war nicht Teil ihres Plans gewesen. Ebenso wenig wie den grausamen Marinearzt Wayland wiederzutreffen und vor ihm aufs offene Meer zu fliehen. Oder als Passagierin an Bord des Piratenschiffes zu landen, das zuvor ihre Fähre überfallen hatte. Und sich überdies in den Kapitän der Bande zu verlieben. Aber sie hatte in den Piraten und im Kraken Burrhus – ebenfalls ein Opfer des besessenen Arztes –Freunde gefunden. Echte Freunde, die ihr Leben für sie aufs Spiel gesetzt hatten und sie akzeptierten, wie sie war. Ob an Land, mit Beinen und dünnen Armen, oder im Meer mit Kiemen, Fangzähnen und Fischflosse.

Die gemeinsamen Abenteuer hatten Mavi Mut gemacht und sie aus einem Strudel der Einsamkeit und Trauer gerissen. Noch hatte sie sich nicht für einen endgültigen Kurs entschieden – aber noch eine Weile bei den Piraten zu bleiben, fühlte sich richtig an.

"Kommst du an Bord oder muss ich die Angel auswerfen?", neckte sie Skip, der auf der Reling saß und die Beine baumeln ließ. Sein schnippisches Grinsen wirkte warm und freundlich. Die Narbe an seinem Hals war kaum noch zu sehen, dennoch verspürte Mavi Unbehagen, weil es sie an eine der schlimmsten Situationen ihres Lebens erinnerte. Die Gefangenschaft an Bord des Marineschiffes. Ein Gedanke, den sie am liebsten aus ihren Gedanken spülen wollte.

Mavi tauchte unter und sah Burrhus, der dem Schiff eifrig hinterherschwamm. Mit seinen riesigen Fangarmen bewegte er sich inzwischen flink und furchtlos durchs Meer.

"Soll ich dich an Deck befördern?", fragte er und Mavi nickte. Sie konnte mit ihrer Flosse zwar höher springen als Delfine – und es war ihr ein Leichtes, an Bord zu springen –, nur die Landung gelang nicht so elegant. Also hielt sie sich an einem der acht Saugnapfarme fest und ließ sich von Burrhus auf das Deck hieven. Oben angekommen lehnte sie sich gegen die Reling, atmete tief durch und genoss die Sonne. Die meisten Piraten hatten aufgehört ihre Verwandlung anzustarren. Es war ebenso alltäglich geworden wie das Flicken der Segel, das Schrubben des Decks oder das Reinigen der Kanonenrohre. Die Nixenschuppen blätterten ab wie Sandkörner und auch wenn es hier und da etwas ziepte und zog, war die Verwandlung ihrer Fischform zurück in die menschliche angenehmer als andersherum.

Skip ließ sich neben ihr auf den Boden sinken und pflückte einige Schuppen auf. Ihr Fischkleid war gemustert wie das eines Kois, silbrig weiß mit einigen rotgoldenen und schwarzen Tupfen.

"Du solltest die Schuppen eigentlich sammeln, die sind wunderschön. Vielleicht sind sie auch was wert", sagte Skip und hielt eine gegen die Sonne.

"Da bin ich dir um einiges voraus", erklärte Mavi schmunzelnd. "Ich verziere meinen Schmuck oft damit."

Skip sah zu ihr und grinste. "Eine wahre Geschäftsfrau. Meinst du, du kannst schon wieder aufstehen?"

Mavi wackelte prüfend mit den Zehen, nickte und ließ sich von Skip aufhelfen. Es dauerte stets einige Minuten, bis ihr Körper sich wieder ans Gehen gewöhnt hatte. Die meisten Kinder von Meerwesen und Menschen überlebten diese Verwandlungen nicht allzu lange. Doch Mavi war wie dafür gemacht. Obwohl es schmerzte, erholte sie sich jedes Mal wieder davon. Das war auch der Grund, warum der Marinearzt Wayland sie gejagt hatte. Nur, dass Mavi nicht mehr willens war, sich jagen zu lassen.

Barfuß tapste sie an Deck entlang in Richtung Steuer, an dem Tayon stand und das Gesicht in die Sonne hielt. Sie hatten nicht viel Zeit zu zweit gehabt, seit sie sich ihre Liebe gestanden hatten. Mavi fühlte sich manchmal noch unbeholfen wie eine Jugendliche, die ihrem Schwarm gegenüberstand. Ihr Geheimnis hatte die meisten Beziehungen beendet, ehe sie richtig begonnen hatten. Tayon war offener und ungenierter als die meisten Menschen, die sie kannte. Er hatte ihre Natur hingenommen, stellte keine komischen Nachfragen und akzeptierte sie, wie sie war. Als Mavi neben ihm ans Steuer trat, griff er direkt nach ihrer Hand, um ihre Finger mit seinen zu verschränken. Seine Hand war viel größer als ihre, die Innenfläche rau und schwielig von der harten Arbeit an Deck. Mavi genoss die Berührung, auch wenn all diese Nähe zu Menschen immer noch ein wenig ungewohnt war.

Tayon hatte den Arm ums Steuer gelegt und hielt den Kurs, in seiner Hand lag der Kompass, mit dem seine Reise begonnen hatte. Es hatte einige Strapazen gekostet, ihn von der Marine zurückzuholen, aber letztlich war Tayons ärgster Rivale Barry zu den Fischen gegangen. Das Glas hatte einen Sprung, die Kompassnadel war jedoch noch erkennbar. Die rote zeigte nach Norden und die blaue schwankte gen Südosten.

"Meinst du, der Kompass führt uns wirklich in ein bisher unentdecktes Land?", fragte Mavi und legte ebenfalls eine Hand ans Steuer, um Tayon beim Lenken zu helfen.

Tayon richtete seinen Blick in die Ferne, auf seiner Stirn bildeten sich Sorgenfalten.

"Mit Gewissheit kann ich es nicht sagen. Aber ich habe Hoffnung. In den Geschichten, die man sich über Kematian erzählt, hat er die Tigerklauen-Stromschnellen bezwungen und dahinter eine neue Insel gefunden. Er kehrte nur einmal zurück, um einen weiteren grandiosen Beutezug zu machen – und dann ein für alle Mal im Staub der Zeit zu verschwinden", erzählte Tayon. Seine Augen glitzerten bei der Geschichte, als würde er ein Märchen erzählen, das ihn seit seiner Kindheit faszinierte.

"Das klingt, als könnte er es wirklich durch die Stromschnellen geschafft haben", merkte Mavi an und streichelte mit ihrem Daumen über Tayons Haut.

"Es gibt auch Stimmen, die bezweifeln, dass dieser große letzte Überfall wirklich auf Kematians Kerbholz geht. Ich hoffe, dass wir nicht nur einem alten Märchen auf der Spur sind."

Unsicherheit schwang in Tayons Stimme mit. Er war niemand, der sich von Abers und Vielleichts, von Zauderern und Zweiflern aus der Ruhe bringen ließ. Die Verletzungen der Crew – inklusive Tayons – zu behandeln und die Reparatur des in Mitleidenschaft gezogenen Schiffs hatten fast einen Monat gedauert. Die Crew war heiß darauf, wieder auf hoher See zu sein. Tayon hingegen wirkte aus unerfindlichen Gründen besorgt.

"Ist alles in Ordnung mit dir?", fragte Mavi. Tayon drehte sich zu ihr und zog einen Mundwinkel nach oben.

"Dir entgeht auch nichts, oder?"

Mavi sah ihn an, wich seinem Blick nicht aus. Sie erwartete eine Antwort von ihm. Tayon war der Erste, der wegsah. Als er sich ihr wieder zuwandte, zierte ein Lächeln sein Gesicht, doch es erreichte seine Augen nicht. Er hob Mavis Hand und hauchte einen sanften Kuss darauf.

"Die letzten Wochen haben einige schlafende Hunde aus meiner Vergangenheit geweckt. Jetzt, wo wir wieder auf See sind, schlagen sie Alarm. Aber damit werde ich fertig. Gib mir ein paar Tage, dann bin ich wieder ich selbst", erklärte Tayon. Mavi wollte nachhaken, aber Sumiré winkte ihr vom Unterdeck aus zu.

"Möchtest du später darüber reden?", fragte Mavi noch, ehe sie sich von Tayon löste.

"Nimm’s mir nicht übel, aber das will ich mit mir selbst ausmachen. Oder ich lasse mir von Skip den Kopf waschen."

Mavi nickte zögerlich und eilte mit flinken Schritten die Treppe herunter. Sie respektierte seinen Wunsch, trotzdem zog sich ihr Herz zusammen. Warum wollte er nicht mit ihr darüber reden?

~*~

Tayon sah aufs Meer hinaus, genoss den Fahrtwind. Er warf einen Blick zurück, die Umrisse der Küste wurden immer kleiner. Das war Freiheit. Mit dem Wind über die Wellen zu fliegen, neuen Abenteuern entgegen. Endlich hielt er Kematians Kompass in den Händen. Sie hatten nicht nur einen Kurs, sondern das Puzzlestück einer Legende. Ein Indiz dafür, dass die Geschichten real waren. Dass es möglich war, die Tigerklauenstromschnellen zu überwinden. Neue unentdeckte Inseln voller Schätze, unbekannter Wesen und Pflanzen zu erreichen. Eine Welt ohne den Einfluss des Kaisers und seiner Schoßhunde der Marine. Es war all die Strapazen wert. Und davon hatten sie in letzter Zeit reichlich gehabt. Prüfend ließ er seine Schulter kreisen. Nur noch ein leichtes Ziepen, dort wo Barrys Schwert ihn vor Wochen durchbohrt hatte. In ein, zwei Wochen wäre diese Verletzung auch nur noch eine kleine Narbe mit einer großen Geschichte. Tayon hatte seinen ärgsten Rivalen Barry besiegt, sie hatten Kematians sagenumwobenen Kompass zurück und waren wieder auf hoher See. Die Schlacht hatte Opfer gefordert, aber dank Mavi und dem Kraken war sie glimpflich ausgegangen. Und nun wartete der Horizont. Tayon hätte glücklich sein sollen. Ein Teil von ihm war es auch. Aber je weiter das Festland in den Wellen versank, desto höher schwappte die Angst.

Die letzten Wochen hatten Spuren hinterlassen. Die Sorgen bauten ein Nest in seinem Kopf. Es war bereits einen Monat her, doch die grausigen Bilder hatten sich festgesetzt. In seinen Träumen, im Alltag. Die Qualen in der Marinegefangenschaft, Mavis angsterfüllter Blick, die klaffende Wunde in Skips Kehle. Die Durchquerung des Dschungels, verschwommen im Fieberwahn. Wie seine Freunde angeschossen, verletzt und getötet wurden. Er wollte seine Crew beschützen. Er wollte die Welt besegeln, neue Orte entdecken und Abenteuer erleben. War er geeignet, ein Kapitän zu sein? War er aus dem richtigen Holz geschnitzt oder dazu verdammt, wie ein dürrer Ast einzuknicken? Konnte er seine Crew zu diesem legendären Meer führen?

"Du bist ein Feigling, Tayon. Du rennst weg, aber du merkst es gar nicht!"

Seine Exfreundin Carmen hatte ihm diese Worte an den Kopf geworfen, bevor sie der Crew den Rücken gekehrt hatte. Noch folgten sie ihm auf der Jagd nach einer Legende, an die er seit Kindheitstagen glaubte. Mavi begleitete sie, doch sie wollte keine Piratin sein. Würde sie diesen Schritt mit ihm gehen? Träumten die anderen seinen Traum mit bis zum bitteren Ende? Was, wenn es wirklich nur eine Legende war und er alle in den sicheren Tod führte? War das Risiko es wirklich wert?

Tayon seufzte laut und drehte das Steuerrad, um den Kurs anzupassen.

"Du bist ein echter Stimmungskiller, du Miesmuschel."

Tayon zuckte zusammen und fuhr zu Skip herum, der neben ihm aufgetaucht war.

Sein bester Freund trug wie immer ein süffisantes Grinsen auf den Lippen, doch seine dunklen Augen waren ernst.

"So offensichtlich?"

"Wie ein rotes Kreuz auf einer Schatzkarte", sagte Skip und tätschelte die verletzte Schulter. "Du bläst Trübsal. Nicht auszuhalten. Hast du schon was gegessen?"

"Nein", sagte Tayon und ließ den Kopf kreisen. "Keinen Hunger."

"Soll ich Sumiré Bescheid sagen?", drohte Skip und Tayon ächzte.

"Schon gut. Ich mache eine Pause." Zerknirscht löste er sich vom Steuer und warf einen prüfenden Blick auf die Kompassnadel. "Sie zeigt beständig nach Südosten. Aber wir sollten vermutlich einen Zwischenstopp machen. Port Bravidor würde ich vermeiden, also vielleicht Port Mìmì?"

"Das ist auch in der Nähe von Mavis Heimatstadt, wenn ich mich recht erinnere", sagte Skip. "Falls sie nach Hause möchte."

Ein weiteres unsichtbares Gewicht auf Tayons Schultern.

"Ja … Das entscheiden wir, wenn wir ein paar Tage auf See sind. Vielleicht finden wir ja auch ein geeignetes Schiff zum Überfallen."

"Aye, Käpt’n. Jetzt sieh zu, dass du was zwischen die Kiemen bekommst. Und zieh nicht so ein Gesicht!"

Tayon schnalzte mit der Zunge und ging in Richtung Unterdeck.

Derek kletterte gerade vom Krähennest herunter, sein linker Arm zitterte. Den Bruch hatte Derek sich in der Schlacht mit der Marine geholt, als er Tayon hatte beschützen wollen. Der Knochen würde nie wieder ganz verheilen, hatte Sumiré gesagt. Schuld und Reue drückten Tayon den Atem weg, doch er zwang sich, seinem Navigator zuzulächeln.

"Käpt’n", begrüßte ihn Derek und nickte ihm zu. "Auch auf dem Weg zur Kombüse?"

"Ja. Hab Mordshunger!", log er und folgte Derek in den Schiffsbauch.

~*~

Der Traum wiederholte sich. Seit er das erste Mal wieder die Augen aufgeschlagen hatte und wusste, dass er lebte. Rauch, Kanonenkugeln, Holzsplitter und Trümmer. Dieser unerträgliche Lärm, das Chaos um ihn herum. Die Arme des Kraken, die aus dem Wasser nach dem Schiff haschten. Das Meer war so unberechenbar und so unzähmbar. Er würde es nie greifen, nie kontrollieren, nie verstehen können. Das Schiff versank. Er versank. Es zermalmte und zerriss ihn. Das Schiff kenterte, sein Arm war eingeklemmt zwischen Resten des Mastes und der Reling. Meerwasser, das seine Lungen mit Tod füllte. Eine kleine Gestalt, die ihren Dolch zog, den Arm sauber abtrennte und ihn nach oben mitnahm. Die Schlieren von Blut trieben im Wasser, dann breitete sich Schwärze aus. Schwarz wie Tinte, schwarz wie ihr Haar. Ein Stück von ihm verloren. Glitzernde Sterne in der Finsternis und Schuppen im Wasser verflüchtigten sich, während es um ihn herum heller wurde und er aufwachte. Die Zimmerdecke über ihm war trist.

Leere, wo sich sein rechter Arm befinden sollte.

Wie lange war er schon in diesem Bett?

Er konnte aufstehen, aber ihm war nicht danach.

Leere. Das Gefühl war ihm nicht fremd. Doch der Funke fehlte. Der Zorn, der Antrieb, die Motivation, sogar der Blutdurst. Das, was ihn angetrieben hatte, Tag für Tag. Warum lebte er? Wofür lebte er?

Er hatte alles für seine Forschung gegeben. Um den perfekten Organismus zu kreieren, der den Gezeiten trotzte. Hatte Amphibien studiert, Meereswesen und eine Halbnixe. Hatte besitzen und kontrollieren wollen.

Das Meer hatte ihm eine Antwort gegeben – und ihn verschluckt.

Vielleicht konnte er klarer denken, wenn diese Träume aufhörten. Doch er wusste nicht, was er tun sollte, außer zu schlafen.

Also schloss Wayland erneut die Augen.

2. Kapitel

Mavi wartete, bis sie Sumirés und Chi Shuas gleichmäßigen Atem hörte, bevor sie leise wieder aus dem Bett kletterte. Es weckte Erinnerungen an längst vergangene Tage auf dem Schiff, als alles noch neu und sie eine Fremde gewesen war. Aber trotzdem gab es Dinge, die auch heute besser vom Mantel des Schweigens umhüllt blieben – zumindest, wenn es nach Mavi ging.

Die Flure waren in das schummrige Licht von Gaslaternen getaucht. Mavi fand ihren Weg durch die Gänge problemlos. Morgen hatte sie die Spätschicht auf dem Krähennest, es blieb ihr also nur heute Nacht. Vor Tayons Kabine blieb sie stehen, wollte klopfen und hielt dann doch inne, um zu lauschen. Zweifel wallten in ihr auf.

Tayon hatte ihr gesagt, er wollte nicht mit ihr über seinen Gemütszustand reden. Aber auch beim Abendessen war ihr der Schimmer von Traurigkeit nicht entgangen. Dass er nicht mit ihr darüber reden wollte, hielt sie jedoch nicht davon ab, für ihn da sein zu wollen.

Er hatte sie an der Hand genommen und mit ihr getanzt, bis ihre Dämonen entkräftet am Boden gelegen hatten. Für laute Musik und wilde Hebefiguren war es zu spät, aber wenn es Mavi gelang, nur ein paar seiner Sorgen für einen Moment fortzuscheuchen, dann war es das wert.

Mavi fasste sich ein Herz und klopfte.

"Ja?"

Er klang nicht so, als hätte sie ihn aus dem Schlaf gerissen. Mavi steckte den Kopf zur Tür herein. Tayon stand am Fenster und hatte einen Krug in der Hand. Vermutlich Rum.

"Oh. Hey Mavi."

Mavi blieb etwas unschlüssig im Türrahmen stehen. Was sollte sie ihm sagen? Sie wollte ihn nicht überfallen oder ihm ein schlechtes Gewissen machen.

"Äh, ich wollte einen Gute-Nacht-Kuss."

Tayons Augen weiteten sich.

"Bitte", schob sie eilig hinterher.

Tayon runzelte die Stirn, aber dann musste er lächeln. Ehrlich.

Er umrundete den Schreibtisch, stellte seinen Krug ab und Mavi trat ein und schloss die Tür hinter sich. Tayon blieb vor ihr stehen und sah zu Mavi herunter. Sie war nur einen halben Kopf kleiner als er, aber weitaus schmaler. Die Tage, an denen er sie eingeschüchtert hatte, waren längst vorbei. Er sah sie einfach an und lächelte.

"Du willst einen Kuss? Hol ihn dir", sagte Tayon und Mavi fühlte, wie ihr wärmer wurde. Sie nahm einen tiefen Atemzug, stellte sich auf Zehenspitzen und drückte Tayon einen flinken Kuss auf den Mund. Seine Lippen fühlten sich so weich und vertraut an. Er schmeckte leicht nach Rum und Kirschen. Ein wohliges Kribbeln breitete sich auf ihrer Haut aus und ihr Herz war wie ein glühender Kern aus Lava.

"Ich möchte noch einen", sagte Tayon.

"Dann hol ihn dir", neckte Mavi ihn. Sie hatte nicht mit seiner Reaktionsgeschwindigkeit gerechnet. Er legte seine Arme um sie und zog sie für einen stürmischen Kuss an sich.

Mavis ganzer Körper prickelte vor Glück und sie schmiegte sich an ihn. Mit beiden Händen umfasste Tayon ihre Taille, zog sie mit sich, bis sie gegen den Schreibtisch stießen. Sie lösten sich voneinander, um Luft zu holen. Mavi fühlte sich glücklich und leicht. Jedes Mal verdrehte ihr Tayon den Kopf. Mit glasigen Augen sah er sie an, ein zufriedenes Lächeln auf seinen Zügen. Fast glaubte sie, ihn schnurren zu hören. Sie lehnte sich an seine Brust und lauschte. Sein Herz schlug ebenso schnell wie ihres. Er streichelte ihr über den Rücken.

"Bleibst du hier?", flüsterte er an ihrem Ohr.

Mavis ganzer Körper kribbelte und sie legte die Arme um ihn. Die Beziehung zwischen Tayon und ihr war kein Geheimnis. Während das Schiff repariert worden war, waren sie oft turtelnd am Strand entlang spaziert und stundenlang im Dschungel verschwunden. Aber nun waren sie zurück auf dem Schiff mit beengten Gängen, ohne Möglichkeiten, sich aus dem Weg zu gehen. Sumiré würde vermutlich nur wissend lächeln, aber Skip war nie um einen frechen Spruch verlegen.

"Machst du dir Sorgen um die anderen?", fragte Tayon. Mit dem Daumen zeichnet er Kreise auf Mavis Schulter.

"Sorgen ist zu viel gesagt. Ich bin mir nur nicht so sicher, ob ich mit der Aufmerksamkeit der anderen umgehen kann. Aber du weißt ja, meine Gedanken berechnen immer den schlimmsten Kurs. Es wird sicher alles gut."

"Falls Skip auf die glorreiche Idee kommen sollte, einen unangebrachten Kommentar abzulassen, bekommt er eine aufs Maul", sagte Tayon und drückte einen Kuss auf Mavis Stirn. Sie lächelte und nahm seine Hand, drückte ihre Lippen auf seine Knöchel.

"Ich werde mich schon an seine Sticheleien gewöhnen. Wenn ich nicht darauf eingehe, verliert er schnell das Interesse."

Tayon stupste Mavi mit der Nase an. "Lass uns nicht mehr über Skip oder über die anderen reden."

Mavi lächelte und ihre Lippen fanden seine.

~*~

Das Sonnenlicht, das durch die Fenster fiel, und das geschäftige Trappeln an Bord weckten Tayon. Er blinzelte und rollte sich auf den Rücken. Die Geräusche des Meeres, das Knacken der Balken, der Anblick der Holzmaserung über ihm. Zuhause.

Die Ominira trug sie sicher durch die Wellen. Sein Herz war friedlich, wenn er hier aufwachte.

Tayon drehte sich zur Seite. Neben ihm lag Mavi und schlief. Ihre Brust hob und senkte sich regelmäßig, sie sah zufrieden aus. Ihre Haare waren ein wildes Durcheinander. Behutsam strich er ihr einige Strähnen aus dem Gesicht. Sie kräuselte die Nase, schlief aber weiter.

Er war gestern schroff zu ihr gewesen, dabei wollte sie ihm nur helfen. Sie sorgte sich um ihn und das machte ihn unglaublich glücklich. Dass sie noch hier war. Dass sie keine schlimmen Verletzungen aus der Schlacht davongetragen hatte. Für ihn waren es nur ein paar neue Narben. Doch er riskierte nicht nur sein eigenes Leben. Beinahe hätte Barrys Flotte sie versenkt. Tayon musste den Staubgöttern danken, dass sie so glimpflich davongekommen waren. Doch der Kompass war nicht die einzige Beute. Statt Stolz und neuem Mut schleppte Tayon nun einen Sack voll Albträumen und Zweifeln. Wie Skips Kehle durchtrennt wurde. Blutflecken, die sich auf Dereks Hemd ausbreiteten. Mavi mit einer Pistole an der Schläfe. Diese Tage im Verlies in völliger Dunkelheit und Ungewissheit. Die Staubgötter waren ihnen hold gewesen. Doch diesmal erholte sich Tayon einfach nicht wie gewohnt. Die Angst war ein ständiger Begleiter geworden. Und das Schlimmste war, dass er sie nicht vor den anderen verbergen konnte. Dabei war er doch der mutige, verwegene Kapitän. Der neuen Abenteuern hinterherjagte. Wenn es eine Person an Bord gab, die keine Angst und keine Zweifel haben sollte, dann er. Wie sollte er für die Crew stark sein? Wie sollte er sie durch die gefährlichste See der Welt lotsen, wenn er dabei zitterte wie Thunfische vor einem Hai? Er musste zu Sinnen kommen. Sein altes Ich wiederfinden. Doch als er die Augen schloss, sah er erneut Blut, sah Flammen. Die Gesichter der Menschen, die gestorben waren. Die ihn verlassen und beschimpft hatten. Wie tief sein altes Ich wohl unter all diesen Bildern verborgen war? Er seufzte und kuschelte sich tiefer in die Decke. Am liebsten wollte er Mavi in die Arme ziehen, fürchtete jedoch, sie aufzuwecken. Glücklicherweise murrte sie und rutschte näher zu ihm.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken und Mavi aus dem Schlaf.

"Ja?", sagte Tayon heiser und richtete sich auf.

"Kapitän, ich bin’s, André."

"Ah ja. Moment, ich muss mich noch anziehen. Hab verschlafen."

Tayon sprang auf, streifte sich eilig saubere Kleidung über und riss die Fenster auf, um frische Luft hereinzulassen. Mavi blinzelte verschlafen und gähnte wie eine träge Katze im Sonnenschein. Der Anblick ließ ihn schmunzeln.

Tayon öffnete die Tür und ließ den Schiffsgärtner herein. André bewegte sich immerzu elegant wie fließendes Wasser. Die langen blonden Haare hingen offen über die schmalen Schultern.

"Ich wollte dir die neue Sorte Kräuter zeigen, die ich angebaut habe", sagte er und hielt ein Bündel langer Blumen hoch. Sie hatten zahlreiche kleine grüne Blätter am Stiel und gelbe sternförmige Blüten.

"Oh, die sehen schön aus. Was machen die?", fragte Tayon.

"Ich bin noch in der Experimentierphase, aber ich erhoffe mir eine energetisierende Wirkung", sagte André und schritt zielstrebig zur Kommode, auf der ein Bunsenbrenner stand. Er zupfte ein paar Blätter und Blüten ab und gab sie in den Glaskolben, ehe er das Feuer mit einem Streichholz entzündete.

"Guten Morgen, Mavi", sagte er beiläufig, ein schmales Grinsen auf den Lippen.

Mavi errötete leicht und zog die Decke höher. Tayon rieb sich müde übers Gesicht.

"Als Tee schmeckt es vermutlich eher bitter und ich muss die Wirkung und Dosierung noch genauer untersuchen."

André strich mit den Fingern über die übrigen Kräuter in seiner Hand. Ein sanftes Funkeln, kaum sichtbar, umgab die Blüten und sie richteten ihre Köpfe auf. Dank seiner Magie war das Schiff begrünt und stets gegen Skorbut gewappnet.

"Und ich soll dein Versuchskaninchen sein?", fragte Tayon.

Natürlich war sein Gemütszustand André ebenfalls aufgefallen. Dabei blieb er ruhig und freundlich, im Gegensatz zu Skip und Sumiré, über deren forsches Nachfragen Tayon sich wenigstens ärgern konnte. Hiergegen war er machtlos.

Mavi richtete sich auf und sah sich im Raum um.

"Soll ich dir einen Orangenblütentee aufbrühen, Mavi?", fragte André, ohne Tayons Frage zu beantworten.

"Nein danke", krächzte sie und blieb beschämt im Bett sitzen. André wandte sich ab, damit sie sich ebenfalls anziehen konnte. Sie warf Tayon einen verunsicherten Blick zu, als sie ihr Kleid glattstrich. Doch sie flüchtete nicht, sondern näherte sich ihm und griff nach seiner Hand. Tayon setzte ein halbherziges Lächeln auf und drückte Mavis Finger sanft.

"Mavi, hast du Lust, mir nach dem Frühstück im Gewächshaus zu helfen? Sumiré meinte, du interessierst dich dafür", sagte André und goss das heiße Wasser über die Blüten. Er murmelte etwas in seine geschlossene Hand und warf ein paar weitere Blätter in den Tee.

"Ich weiß nicht sonderlich viel über Heilpflanzen, aber mich fasziniert dein Gewächshaus. Du ziehst sie mit Magie auf?"

"Ja. Aber ich kann nichts Spektakuläres wie Flüche, Segen oder dergleichen. Unter meinen Händen gedeihen Pflanzen besser. Das ist alles", sagte er, bescheiden wie immer, und band sich die blonden Haare zusammen. Unter den langen hellen Wimpern funkelten seine grünen Augen freundlich hervor.

"Das finde ich ziemlich spektakulär. Wie hast du das herausgefunden? Wie lernt man Magie? Ich weiß fast gar nichts darüber."

Tayon schmunzelte. Dass Mavi sich für die Crew interessierte, stimmte ihn glücklich.

"Ich kann dir gerne später mehr darüber erzählen. Lass mich dich zum Frühstück begleiten", schlug André vor und hielt Mavi den Arm hin. Sie sah kurz zu Tayon, der ihr einen Kuss auf den Scheitel hauchte und ihre Hand losließ.

"Bis später", sagte er.

"Lass es noch ein paar Minuten ziehen. Und sag mir Bescheid, wie es war", sagte André, bevor er die Tür schloss.

Unschlüssig starrte Tayon auf das Gebräu, das ein würziges Aroma verströmte. Durch das geöffnete Fenster begleiteten Gelächter und Gesänge von Deck das beständige Rauschen des Meeres. Tayon straffte die Schultern und atmete tief durch. Er wollte zurück zu alter Form finden. Der Käpt’n sein, den seine wunderbare Crew verdiente. Diese Leute, die bedingungslos hinter ihm standen, selbst wenn eine Flaute ihre Geldbeutel und Mägen leerte. Diese Leute, die seine waghalsigen Pläne und Unternehmungen mittrugen. Er zweifelte daran, dass ein simples Kraut dieses Loch in seiner Seele flicken konnte, aber wenn die Chance bestand, damit die Fassade aufrecht zu halten, dann würde er sich auch darin baden.

3. Kapitel

Mavi folgte André nach einem kurzen Frühstück zum Gewächshaus. Dem geheimnisvollen Ort, der sie bereits bei ihrer ersten Tour an Deck fasziniert hatte.

"Danke, dass ich mitkommen darf", sagte Mavi.

Mit André hatte sie bisher eher wenig gesprochen. Er hielt sich oft bedeckt, verschwand stundenlang im Gewächshaus und wollte nicht gestört werden.

"Gerne doch. Ich weiß auch, dass du geschickte Hände hast und nicht direkt eine meiner Pflanzen ausreißen würdest", erwiderte André lächelnd und bat sie herein.

Ehrfürchtig trat Mavi über die Schwelle in ein anderes Reich. Die Luft war warm und feucht. Ein wenig wie die sumpfigen Dschungel von Nebelwalden, die sie auf der Flucht vor der Marine durchquert hatten.

Bis unter die Decke wucherten Pflanzen mit großen herzförmigen und gezackten Blättern. Jeder Millimeter des kleinen Raumes wurde genutzt. In Hochbeeten wuchsen auf der einen Seite Tomaten, Salatköpfe und Karotten und auf der anderen süße Beeren und Kräuter.

"Wie ist es möglich, dass all diese Pflanzen gleichzeitig wachsen? Macht das deine Magie?", fragte Mavi fasziniert und beugte sich vor, um die langsam errötenden Beeren am Strauch einer Erdbeerpflanze zu bestaunen.

"Ich helfe nach", sagte André und holte neben einem Blumentopf eine kleine Gießkanne hervor. Er goss die Pflanze, die er Tayon gebracht hatte, und ließ seine Finger über die Schnittstelle tanzen. Gebannt sah Mavi zu, wie die Pflanze sich seiner Berührung entgegenstreckte.

Mavi wurde ganz warm ums Herz. "Das ist wundervoll. Was für eine wertvolle Gabe."

André reichte Mavi lächelnd die Gießkanne und nahm eine kleine Schere, um das Gemüse zu stutzen.

"Gießt du die Tomaten, bitte?"

Mavi nickte und machte sich ans Werk. Von der Decke baumelte ein Windspiel, das ganz sanft klimperte. Obwohl sie nur eine Wand aus Glas von Deck trennte, war es ruhiger hier. Sie arbeiteten eine Weile nebeneinanderher, doch Mavi bemerkte immer wieder Andrés Blick auf sich.

"Was ist los?", fragte sie.

"Ich sorge mich um Tayon", sagte André. "Tut mir leid, dich damit so zu überfallen. Aber ich denke, dass Tayon gerade am ehesten auf dich hören würde."

"Schon gut", sagte Mavi. "Ich merke ja auch, dass Tayon nicht ganz derselbe ist. Er wollte auch mit mir nicht mehr darüber reden. Alles, was ich tun kann, ist, ihm beizustehen und zu hoffen, dass dein Tee hilft."

André nickte ernst, legte die Gartenschere beiseite und ließ Erde durch seine Finger rieseln.

"Meine Magie mag wertvoll sein, aber ich frage mich, ob ich mehr tun könnte, wenn ich es versuchen würde. Ich kann die Teile meines Körpers nicht verändern, die ich nicht mag", sagte André und deutete auf die leichte Wölbung seiner Brust. "Ich kann unser Schiff nicht vor Naturgewalten schützen. Ich kann Skips Fluch nicht auflösen. Sumiré ist eine herausragende Ärztin, aber sie kann Tayons Seele nicht heilen. Alles, was ich tun kann, ist weiter Pflanzen zu züchten und auf ein Wunderkraut zu hoffen."

Mavi schwieg. Ihr wurde schwer ums Herz. Wenn nicht einmal Tayons engste Freunde ihm helfen konnten, wer oder was dann? Hilflosigkeit war ein vertrautes Gefühl und es tat ihr leid, André so zu sehen.

"Aber wenn er bei dir ist, leidet er weniger", sagte André und Mavi sah überrascht auf. "Deswegen muss ich wissen, ob du gedenkst uns … ihn zu verlassen."

Ein Satz wie ein Kanonenschuss.

"Wir steuern Port Mìmì an. Von dort ist es nicht weit bis nach Ular Tidur oder zu deinem Heimatort. Du bist nur Piratin auf Zeit – und das vor allem wegen Tayon, oder nicht? Ist es das, was du sein willst?", fuhr André fort.

"Ich … Ich weiß es nicht", sagte Mavi ehrlich. "Ich liebe Tayon. Ich mag die Crew. Aber die Piraterie? Ich weiß nicht, ob das ein Leben für mich ist."

"Also würdest du lieber in einem Hafen auf ihn warten und sehnsüchtig jeden Tag den Horizont anstarren?", fragte André weiter. Seine Stimme war ruhig, dennoch fühlte sich Mavi wie eine Verbrecherin. Er befeuerte ihre Schuldgefühle, ihre eigenen Zweifel. Er wollte nur Tayons Bestes, das wusste sie. Aber ob das auch für sie das Beste sein würde, dessen war Mavi sich noch nicht sicher.

"Ich weiß es nicht", wiederholte Mavi.

André seufzte und kniff die Augen zusammen, dann setzte er wieder ein freundliches Lächeln auf.

"Tut mir leid. Es ist nicht fair, dich damit so zu überrumpeln. Ich will auch nicht, dass du dich aus Mitleid für irgendetwas entscheidest. Aber es sind vielleicht nur noch Tage und Wochen bis wir anlegen und du eine Entscheidung bezüglich deiner Heimat treffen musst."

Heimat.

Was für ein schweres Wort.

"Ich kenne meine Antworten noch nicht. Mavi lachte bitter auf. "Und glaub mir, das hat mich zermürbt. Denn ich suche seit langer Zeit danach. Aber ich habe durch Tayon lernen dürfen, dass ich diese Antworten gar nicht allein und sofort finden muss. Und Tayon zu verletzen, ist das Letzte, was ich möchte."

"Das merkt man", sagte André mit einem sanften Lächeln. "Und dieses Gespräch hat mich beruhigt. Du scheinst zu dir zu finden. Vielleicht hilfst du Tayon dadurch ebenso."

"Das wäre schön", meinte Mavi und die letzten Tropfen aus der Gießkanne tropften auf die durstige Erde.

~*~

Tayon hatte den bitteren Tee ausgetrunken. Bisher merkte er nichts, außer einem leichten Magengrummeln, das ebenso gut Hunger sein mochte. Gemeinsam mit Sumiré, Derek und Korn stand er in seiner Kajüte über seinen Schreibtisch mit der gemalten Karte gebeugt und schob kleine Figuren hin und her.

"Wir könnten nach Port Mìmì wieder eine der Fähren von Pelabuhan zum Schildkröten-Archipel überfallen", schlug Sumiré vor. "Das letzte Mal haben wir dort einen Schatz namens Mavi gefunden."

Sie schmunzelte und warf einen vielsagenden Blick zu Tayon. Er rollte lächelnd mit den Augen.

"Zu riskant, wenn du mich fragst", sagte Korn. "Wahrscheinlich haben die Reedereien ihre Sicherheitsmaßnahmen verstärkt. Und ich habe keine Lust, wieder ein ganzes Schiff voller Geiseln mitzunehmen. Das war eine beknackte Idee."

Tayon hob verteidigend die Hände. "Das Lösegeld, das wir von der Hafenwache kassiert haben, war es wert. Ich würde von einer Wiederholung aber auch lieber absehen. Was ist denn mit den Erzschiffen von Pelabuhan in Richtung Kaiserstadt? Die segeln aus Angst vor Überfällen immer bei Nacht recht nah am Krallenriff entlang."

"Hm", machte Derek. "Das Riff und die Strömungen können uns gefährlich werden. Andererseits segeln die Schiffe meistens allein, um weniger aufzufallen."

"Mit den Erträgen könnten wir unsere Vorräte und Waffen aufstocken. Die Reparaturen am Schiff haben uns ziemlich blank zurückgelassen", ergänzte Sumiré. "Die Moral in der Crew ist gut, weil wir wieder auf See sind, aber es wird Frust und Zank geben, wenn es beim nächsten Landgang nicht mal für ein ordentliches Bier reicht."

"Falls wir uns wirklich demnächst die Tigerklauenstromschnellen vornehmen, brauchen wir sowohl Vorräte als auch Geld und Verbesserungen am Schiff", sagte Tayon. "Wir könnten einen Teil der Erze behalten und eine Schmiede in Yildiziki beauftragen, die Außenwände des Schiffsbauchs damit zu verstärken."

Tayon versuchte abzuwägen, doch, egal welche Idee er hatte, sofort kamen ihm all die Risiken in den Sinn. Vor seinem inneren Auge malte er sich zahlreiche Schreckensszenarien aus. Immer wieder schoben sich Erinnerungen an die Gefangenschaft auf dem Marineschiff dazwischen. Gewürzt mit einer Prise Vergangenheit. Er, als hilfloser Jugendlicher mit schmächtigen Ärmchen in einem Meer aus Feuer, in dem seine Jugendliebe starb. Er, als junger Pirat, der das erste Mal von einer Pistolenkugel getroffen wurde. Er, der im ersten großen Sturm um sein kleines Schiff und die Crew bangte. Die Gedanken überforderten ihn, sodass es ihm schwerfiel, dem Gespräch der anderen zu folgen. Als trüge er gefüllte Wasserfässer auf dem Rücken, die er nicht abstellen konnte. Wie lange war das Glück noch auf seiner Seite? Konnte er so bedeutsame Entscheidungen treffen, in der Hoffnung, dass sie immer glimpflich davonkommen würden? Was, wenn beim nächsten Mal das Messer an Sumirés oder Mavis Kehle liegen würde?

"Tayon", rief Sumiré ihn ungewöhnlich sanft zurück in die Realität. "Wir müssen uns nicht sofort entscheiden. So oder so ist es sinnvoll, nach dem Abstecher in Port Mìmì nach Südosten zu segeln. Vielleicht hast du morgen einen klareren Kopf."

"Mein Kopf ist klar", schoss Tayon entnervt zurück, obwohl es eine Lüge war.

Sumirés Blick wurde streng und sie verschränkte die Arme vor der Brust.

"Den Eindruck machst du aber nicht."

Tayon fiel keine Antwort darauf ein. Er wusste selbst nicht, warum er so gereizt reagierte. Stattdessen presste er die Lippen eng aufeinander, um seine Wut herunterzuschlucken. Er wollte kein Waschlappen sein, schließlich war er der Kapitän. Wenn er sich weiter so zaghaft verhielt, konnte er das Kommando gleich komplett an Sumiré abtreten. Es reichte nicht ein zaudernder junger Mann zu sein, er musste ein legendärer Kapitän sein – wie Kematian. Er packte den Dolch, der an seinem Gürtel steckte und versenkte ihn kraftvoll auf der Karte auf dem Tisch.

Derek runzelte die Stirn, Korn rückte seine Augenklappe zurecht und sah auf den Punkt, den Tayon markiert hatte. Sumiré nickte mit säuerlichem Gesichtsausdruck.

"Wir segeln nach Port Mìmì und dann kapern wir Erzschiffe bei Yildiziki."

~*~

Tayon trank eine zweite Tasse des bitteren Tees, den André ihm aufgebrüht hatte.

"Bist du krank, Käpt’n?", fragte Lauchlin neugierig mit einer aufgeschlagenen Kokosnuss in der Hand. Etwas Saft lief an seinem Kinn herunter.

"Nein, nur ein bisschen Bauchweh", wich er aus. Im Aufenthaltsraum war es gewohnt heiter und laut. Sumiré spielte Karten mit Aruna und Emirea. Die beiden Frauen ließen sie absichtlich gewinnen, aber es schien ihr nicht aufzufallen. Um Arunas Hals zogen sich Narben wie ein feiner Kranz, die durch das Sklavenhalsband entstanden waren. Es hatte Stunden gekostet, dieses verfluchte Ding zu entfernen. Auch nach einem Monat waren die Spuren kaum verblasst. Skip machte ein Nickerchen in der Hängematte. Gelächter ertönte von einem anderen Tisch, Korn und Chi prosteten sich mit Rum zu.

"Ich hoffe, es wird bald besser", sagte Lauchlin mit einem Grinsen und nahm einen weiteren Biss von seiner Kokosnuss. Er war schlank und hatte lange Gliedmaßen, war fast ein bisschen mager. Aber seine Erscheinung war kein Vergleich zu jenem Tag, als sie ihn grün und blau geprügelt und ausgehungert in den Zellen eines Marineschiffs gefunden hatten. Emirea lachte auf, als sie eine Karte auf den Tisch klatschte. Sumiré und Aruna warfen ihr Blatt ab und schoben Emirea den Wetteinsatz in Form von Bonbons herüber. Tayon lehnte sich auf den Tisch. Der Schmerz in seiner Schulter war nur noch ein leichtes Ziehen. Nur eine neue Narbe für ihn. Aber was, wenn die Marine Emirea oder Sumiré in die Finger bekam? Was, wenn sie schwer verletzt wurden? Was, wenn sie sterben würden? Die Welt wurde enger und schneller. Drückend. Es war stickig und schnürte Tayon die Kehle zu. Er stand auf.

"Ich gehe ein wenig frische Luft schnappen", murmelte er und stellte den leergetrunkenen Becher beiseite.

Tayon taumelte an Deck. Es war eine neblige Nacht, der Himmel war wolkenverhangen und der Wind schob die Ominira beständig voran. Kjanja summte am Steuer ein paar alte Seemannslieder, während die lichtspendende Laterne gemächlich schaukelte. Sie winkte Tayon zu und er lächelte gequält zurück.

Bei den Staubgöttern!

Er war nicht er selbst. Launisch, ängstlich und in Gedanken versunken. Das war nicht er. Das war nicht Tayon und das war vor allem kein Piratenkapitän. Er spielte nur eine Rolle. Doch ein Holzschwert und ein großer Hut machten ihn noch lange nicht zu einem Nachfolger des legendären Kematians. Wer war er denn? Wann hatte er sich selbst verloren? Lag es an der Gefangenschaft der Marine, an Barrys Folter und Schikane? Er rieb sich übers Gesicht und ging zur Reling. Das Meer klatschte gegen den Bug, ließ das raue Holz unter Tayons Händen knarren.

Dasselbe Meer.

Dasselbe Schiff.

Derselbe Himmel.

Er hatte sich verändert.

Rückschritte gemacht, gestand er sich ein. Diese ängstliche Seite war ein Teil von ihm. Schon immer gewesen. Direkt nach Bonnys Tod war es genauso gewesen. Fast hätte er sich damals von seinem Traum verabschiedet, sich selbst und seine Freunde enttäuscht. Er hatte eine wunderbare Crew, Kematians Kompass und alles, was er brauchte, um den Spuren seines Idols zu folgen. Und jetzt fehlte ihm der Mut?

Was hatte ihm damals geholfen, sich aus dem Dreck zu ziehen? Sein Verstand war so träge. Es musste doch einen Weg geben, aus diesem negativen Strudel zu fliehen.

"Tayon?", hörte er eine leise Stimme über sich im Wind. Er blickte nach oben und sah einen Schemen vom Krähennest zu ihm herabblicken.

"Ach Mavi", sagte er, dankbar für die Ablenkung. "Du hast ja Spätschicht. Alles klar bei dir? Ist dir kalt? Ich kann dir eine Decke bringen."

"Eine Decke wäre nett", antwortete sie. "Ansonsten ist alles ruhig. Keine Stürme, Felsen oder andere Schiffe in Sicht. Auch wenn das im Dunkeln recht schwer einzuschätzen ist."

Mit einer weichen Decke ausgerüstet trat Tayon den Weg über die Takelage und Leitern am Hauptmast nach oben an. Das Krähennest bot gerade genug Platz, damit zwei Erwachsene dort sitzen konnten.

"Danke", sagte Mavi. Sie hatte die Haare zusammengebunden und dennoch waren sie vom Wind zerzaust. Als er die Decke um ihre Schultern legte, zog sie den Kopf ein wie eine Schildkröte, um möglichst viel Wärme zu sichern.

"Darf ich ein wenig hier oben bleiben?", fragte er.

"Na klar", sagte Mavi und kuschelte sich leicht an ihn. "Ist wärmer so."

Eine Weile saßen sie schweigend beisammen und sahen in die dunkle Ferne. Ein trostloser Anblick so ohne Sterne und Mond. Nur Kjanja am Steuer wusste, ob sie überhaupt noch in die richtige Richtung fuhren.

"Wir werden in wenigen Wochen in Port Mìmì ankommen", sagte Tayon. Vielleicht würde Mavi gehen. Wie eine Sternschnuppe, ein heller Schimmer am Horizont, so wundervoll und doch unerreichbar. Er wusste nicht, ob er es ertragen konnte, wenn sie das Schiff verließ. Ihn verließ. Er fühlte sich so zerbrechlich. Mavi seufzte und griff nach seiner Hand. Ihre Finger waren ganz kalt. Tayon umklammerte sie, als könne er sie damit für immer festhalten.

"Ein Teil von mir sagt, ich solle vernünftig sein. Ein Teil von mir klammert sich an mein altes Leben, an die gewohnten Strukturen, die Sicherheit. Ein Teil von mir möchte zurück. Aber der andere Teil, der zieht mich hinaus aufs Meer. Dieser Teil versteht, was dich und die Crew antreibt. Wie zwei Fische in einem runden Teich, die nicht in dieselbe Richtung schwimmen."

Tayon nickte. "Ich verstehe dich gut. Vielleicht besser als vorher."

"Geht es dir gerade genauso?", fragte Mavi vorsichtig.

Tayon nickte. Heiße Tränen brannten in seinen Augen und ein Schrei bahnte sich den Weg durch seine Kehle nach oben. Doch er hielt ihn zurück, schnappte nach Luft und presste den Kiefer fest zusammen. Heraus kam nur ein Wimmern.

"Ich fühle mich hilflos und so schwach. Wie ein kleiner Junge. Wie damals."

"Damals?"

"Bevor wir Piraten geworden sind. Skip, Sumiré und ich. Es gab noch jemanden. Ihr Name war Bonny", sprudelte es aus Tayon heraus. "Ein Mann erzählte uns, er hätte ein Schiff und er würde es uns überlassen, wenn wir etwas für ihn stehlen würden. Naiv wie ich war, habe ich ihm vertraut. Aber es war natürlich ein abgekartetes Spiel. Wir waren nur das Ablenkungsmanöver. Am Ende brannte das Gebäude, in dem wir waren, lichterloh. Trümmer schlugen neben uns ein, alles brach nach und nach zusammen. Bonny wurde eingequetscht. Ich hab’s nicht geschafft, sie rauszuziehen."

Mavi strich ihm behutsam über die Schulter. Er drückte ihre Hand noch fester, war dankbar, dass sie einfach da war. Er erlaubte sich, auszusprechen, was er lange niemandem mehr erzählt hatte.

"Ich habe versprochen, dass ich Hilfe hole. Ich hab versprochen, dass ich sie nicht im Stich lasse. Ich hab es rausgeschafft. Als ich wieder rein wollte, mit einem Werkzeug, um sie zu befreien, haben meine Beine gezittert wie die eines Feiglings. Mein Zögern war ihr Untergang. Die Decke ist eingestürzt und hat alles unter sich begraben. Am nächsten Morgen war nur noch ein riesiger Haufen Asche übrig. Bonny ist meinetwegen mitgekommen. Sie ist gestorben, weil ich zu feige und gutgläubig war."

"Und das kommt gerade wieder hoch?"

"Ja. Ein Teil von mir möchte wegrennen und sich unter der Bettdecke verkriechen. Möchte das ganze Piratendasein Leuten überlassen, die klüger, mutiger und stärker sind."

"Ich denke, dass du wirklich mutig bist. Und stark. Auch wenn du das gerade nicht so siehst."

Mavi lehnte den Kopf an seine Schulter und rieb über seinen Arm. Sie sagte ihm nicht, dass er sich zusammenreißen musste. Sie ließ ihm seinen Schmerz. Ertrug es mit ihm. Tayon war überfordert und doch so dankbar. Er weinte leise.

4. Kapitel

Tayons Tränen waren versiegt, als ein Crewmitglied namens Wondrek am Krähennest nach oben kletterte, um Mavi abzulösen.

"Oh, ich wollte euch Turteltauben nicht stören", sagte er. "Seid ihr in Ordnung?"

"Alles gut so weit. Fühlst du dich fit für deine Schicht?", fragte Tayon.

Wondrek nickte. "Klar Käpt’n. Hab mich nach dem Grog noch mal kurz aufs Ohr gehauen und bin hellwach."

"Sehr gut."

Tayon streckte seine müden Glieder und half Mavi auf die Beine. Der Wind zerrte an der Takelage und vorsichtig traten sie den Abstieg an.

Unten angekommen schlang Mavi die Arme um ihren Körper. Sie zitterte ein wenig.

"Ist dir sehr kalt?"

"Es geht. Aber ich freue mich jetzt auf mein warmes Bett", antwortete sie und lief zielstrebig zur Tür, die unters Deck führte. Tayon folgte ihr.

Auch er fror ein wenig, aber er wusste nicht, ob er bereit war, hineinzugehen. Zurück in seine Kajüte, die in letzter Zeit Nest und Käfig zugleich war. Mavi öffnete die Tür, sodass das Licht der Laternen ihn blendete. Tayon kniff die Augen zusammen, sah nur noch Mavis Umrisse. Sie wandte sich zu ihm um.

"Kommst du mit rein? Du bist sicher auch ziemlich durchgefroren und müde."

Tayon blieb einen Moment verloren stehen. Er wollte nicht, dass Mavi ging. Ihre Nähe fühlte sich heilsam an. Vor ihr konnte er seine Mauern fallen lassen. Wie lang hatte er nicht mehr geweint? Es hatte sich befreiend angefühlt, aber vor seiner Crew würde er nie diese Art von Tränen vergießen. Was würden sie über ihn denken? Belastete er sie damit nicht zu sehr?

"Schläfst du heute Nacht wieder in deiner Koje?", fragte Tayon zögerlich.

"Ich … kann auch bei dir schlafen", sagte Mavi.

Tayon wurde ein wenig wärmer bei dem Gedanken an letzte Nacht. "Das würde mich freuen."

Mavi lächelte. "Alles klar. Na, dann komm."

Sie griff nach seiner Hand und zog ihn aus der kalten Nacht mit ins helle, warme Schiffsinnere.

~*~

Wayland blinzelte mühsam dem fahlen Licht der Lampen auf der Untersuchungsstation entgegen. An der Stelle, an der sich einst sein rechter Arm befunden hatte, schmerzte es. Ein Prickeln, das durch Glieder fuhr, die es nicht mehr gab.

Vielleicht hätte er etwas wie Verbitterung spüren sollen, aber da war nur Leere. Seine Kreation, Mavi, das Schicksal – alles hatte sich gegen ihn gestellt. Er würde nie wieder mit derselben Präzision operieren oder behandeln können. Dass er mit dem Leben davongekommen war, mochte ein Wunder sein. Diba, die seltsame junge Frau, die Barry und er auf dem Sklavenmarkt als Söldnerin gekauft hatten, hatte ihn aus den Trümmern des sich mit Wasser füllenden Schiffs gezerrt. Was war ein Leben gegen einen Arm? Rational wusste er das, er war schließlich Arzt. Dennoch hatte er sich noch nie so machtlos gefühlt.

Hatte er die falschen Karten gespielt? Was hätte er ändern können? Hatte sich Mavi so gefühlt als er sie auf seinen Operationstisch gespannt hatte? Woher hatte sie die Kraft genommen, so unerbittlich dagegen anzukämpfen? Warum hatte sie sich wehren müssen?

"Admiralstabsarzt Wayland?", fragte eine Stimme und Wayland blickte auf.

Vor ihm stand eine kurvige Frau mit dunkelbrauner Haut und feuerroten Haaren. Als sie sich bewegte, sah Wayland mechanische Beine aufblitzen.

"Man nennt mich Read. Ich bin eigentlich Medizintechnikerin, aber Sie haben Glück, dass ich was von amputierten Gliedmaßen verstehe! Ich stelle diese Dinger hier her", erklärte sie und klopfte auf eines ihrer Beine.

Sie zog einen Rollwagen heran und hob ein Tuch an. Darunter lag ein mechanischer Arm.

Wayland drehte leicht den Kopf.

"Ihre Eltern haben mich damit beauftragt. Es wird nicht dasselbe Gefühl sein, aber die Prothese ist sehr nützlich im Alltag. Wenn ich das so sagen darf, ist das hier mein Meisterstück. Exquisite Bambusfasern vom Archipel für die Beweglichkeit, Vulkangold für die Scharniere und Gelenke – stabil, langlebig gleichzeitig flexibel. Außerdem eine doppelte Ummantelung aus Tigerstahl, extra dünn ausgerollt. Damit kann man Schwerter und Pistolenkugeln abwehren. Etwas wetteranfälliger als eine Prothese aus Holz, dafür funktional und weniger oft durch Termiten bedroht."

Sie lachte. Ihre Stimme war kraftvoll und warm. Wayland setzte sich auf. Immer noch hingen ihm die Träume nach. Er hatte die Tage nicht gezählt, aber er lag schon eine Weile auf der Krankenstation. War überhaupt noch Zeit, die Prothese anzupassen, oder war der Heilungsprozess schon zu weit fortgeschritten? Wie lange dauerte es, sich an eine Prothese zu gewöhnen? Wie präzise waren die Bewegungen damit? Würde er wieder operieren oder sezieren können?

"Meine Eltern haben den Auftrag gegeben?", fragte Wayland stattdessen nur und richtete sich auf.

"Korrekt. Ihre Mutter hat auch einen Brief geschickt und Ihr Vater lässt Genesungswünsche ausrichten."

"Wie formell", sagte Wayland. Aber Geld war nun mal die einzige Form von Zuneigung, die seine Eltern ihm erwiesen. In ihren Augen musste er ein Versager sein. Barry war tot – er konnte nicht mehr für diese spektakuläre Niederlage der Marine und den Verlust eines brandneuen Kriegsschiffs geradestehen. Die Marine würde ihn entlassen, sobald er fit genug war, einer offiziellen Anhörung beizuwohnen.

Er rieb sich müde die Augen und Read legte ihm mitfühlend eine Hand auf die gesunde Schulter.

"Ziemlich viel zu verarbeiten, oder? Sie können sich mit der Entscheidung ruhig etwas Zeit lassen.

---ENDE DER LESEPROBE---