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Jeder Mensch, so Max Frisch, erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält. Doch was geschieht, wenn in dieser Geschichte ein ganzer Erzählstrang fehlt, der für eine andere Person wichtig ist? Iris, seit einigen Jahren im Ruhestand, entdeckt in einer Buchhandlung die Autobiografie von Silvan, mit dem sie vor dreissig Jahren liiert war. Sie stellt fest, dass er sie mit keinem Wort erwähnt, dass ihre Beziehung nicht einmal am Rande angedeutet wird. Es ist, als hätte sie in seinem Leben niemals existiert. Diese Erkenntnis erschüttert sie zutiefst, denn für sie wäre es undenkbar, ihre eigene Lebensgeschichte zu erzählen, ohne Silvan zu erwähnen. Also beginnt Iris, sich in seine Biografie hineinzuschreiben. Dabei wird ihr zunehmend klar, was sie damals für ihn aufgegeben hat.
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Seitenzahl: 173
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Cover
Impressum
Titel
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Über die Autorin
Über das Buch
Alexandra von Arx
Das mit uns
Autorin und Verlag danken für die Unterstützung:
Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2025 unterstützt.
Das im Buch verwendete Zitat von Max Frisch erfolgt mit freundlicher Genehmigung aus: Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1975. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
© 2025 Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, BaselAlle Rechte vorbehaltenLektorat: Alisa ChartéKorrektorat: Anna Katharina MüllerUmschlaggestaltung: irameBook-Produktion: 3w+p, Rimpar
Herstellerinformation: Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG,Grellingerstrasse 21, CH-4052 Basel, [email protected] Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH,Marienstraße 28, D-10117 Berlin, [email protected]
Alexandra von Arx
Das mit uns
Roman
Für Dich
Jeder Mensch erfindet sich früher oder spätereine Geschichte, die er für sein Leben hält.
Max Frisch
Wer sich erinnert, verwandelt Wirklichkeit in Fiktion.
In den ersten Monaten nach meiner Pensionierung bog ich beim Stadtturm links ab, wenn ich zum Markt ging. Es war ein Umweg, der an meinem letzten Arbeitsplatz vorbeiführte. Ein kleiner Umweg nur: eine Gasse hinunter, quer über einen Platz, eine andere Gasse wieder hinauf.
Meist hielt ich auf dem Platz kurz inne, um den Brunnen zu betrachten, den ich jahrzehntelang von meinem Pult aus gesehen hatte. Oder ich schaute in die andere Richtung, zum prunkvollen Gebäude, hinter dessen mit Fahnen und Geranien dekorierter Fassade ich den größten Teil meines Berufslebens verbracht hatte. Manchmal ging ich so nahe am Eingang dieses Gebäudes vorbei, dass sich die große Tür aus dunklem Holz knarrend öffnete.
Und während ich an der offenen Tür vorbeiging, huschte ich in Gedanken hinein, an der Loge vorbei in den ersten Stock, wo gewiss Bernhard am Kopierer stand und mit Thomas redete, der in einem Gesetzbuch blätterte. Ich flitzte unbemerkt an den beiden vorbei ins Sekretariat und sah, wie Thivya dem Amtsvorsteher die Post übergab. Wie Kevin dem Amtsvorsteher die Post übergab. Wie Sarah dem Amtsvorsteher die Post übergab. Wie Erika. Wie Frau Kunz. Wie Frau Luginbühl. Wie Fräulein Burkhard.
Wie einem Rückwärtsfilm schaute ich der Vergangenheit zu und stellte mir vor, dass ich derweil im Sekretariat ein paar welke Blätter von den Pflanzen zupfte, um die sich wohl niemand mehr kümmerte, seit ich im Ruhestand war. Dabei hörte ich das leise Geräusch des Zupfens, das mich beruhigte, mich schon immer beruhigt hatte, auch in meinen turbulenten Jahren, als ich mich von der Liebe in ungeahnte Höhen hatte wirbeln lassen, bis ich den Boden unter den Füßen und meine Ziele aus den Augen verloren hatte, Jahre, in denen mich Frau Kunz zunächst belustigt, dann stirnrunzelnd und schließlich besorgt beobachtet hatte.
In meinem Kopfkino warf ich die gezupften Blätter in den Abfallkorb neben dem Aktenschrank, klopfte die Hände ab und öffnete die Tür ins schmucke Nebenzimmer, das Büro mit Blick auf den Brunnen, wo meine Nachfolgerin am Pult saß. Auch dort zappte ich mich durch die Jahre und sah, wie der Computer einer Schreibmaschine wich. Wie plötzlich ein Telefonbuch auf dem Regal lag, daneben ein Karteikasten. Wie das Faxgerät kam und ging, auch der Sitzball kam und ging. Doch lange verweilten meine Gedanken nicht in diesem Raum, zu lange hatte ich dort ausgeharrt.
Stattdessen geisterte ich weiter, ins Büro der Stagiaires, wo Herr Dr. Rufer gerade einen Monolog hielt, dort, wo Herr Dr. Rufer immer Monologe hielt, gehalten hatte, halten würde. Nur die gelangweilten Gesichter der Stagiaires wechselten alle paar Monate.
Nebenan, bei Céline, öffnete ich lautlos die Tür, schaute ihr beim Übersetzen über die Schulter, schnippte mit den Fingern und schaute Luc über die Schulter, schnippte noch einmal und schaute François über die Schulter, Catherine, Yves, dann Mademoiselle Dumont, die wir Fräulein vom Berg genannt hatten. An den Namen des kauzigen Monsieurs aus meiner Anfangszeit kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber auch ihm schaute ich über die Schulter, auf der immer ein paar Schuppen gelegen hatten.
Wie ein kleines Gespenst flog ich im Amt durch Raum und Zeit, tummelte mich in Erinnerungen und lächelte nicht selten dabei. Ich düste durch das düstere Treppenhaus in den zweiten Stock, in den dritten, schließlich ins Dachgeschoss, den größten Raum, wo Sitzungen und Feiern gehalten wurden, einmal, als Daniel Vater geworden war, sogar eine Babyvorführung.
Auch meine Abschiedsfeier fand im Dachgeschoss statt. Dort, wo eben noch ein Baby herumgereicht und als niedlich bezeichnet worden war, bis es geschrien hatte, stand nun eine alte Schreibmaschine, exakt das Modell, auf dem ich in den späten Achtzigerjahren im Amt die Korrespondenz erledigt hatte. Hierfür habe sie tief ins Archiv steigen müssen, erzählte Thivya den Anwesenden, während ich auf der Schreibmaschine tippte und mit dem Glockenklang am Zeilenende die Stagiaires zum Lachen brachte. Der Amtsvorsteher hob das Glas und holte zu einer Rede aus, an deren Ende er betonte, dass er mehr als einmal versucht habe, mich zum Bleiben zu veranlassen. Doch irgendwann habe er sich damit abgefunden, sich vielmehr damit abfinden müssen, dass ich bereits mit sechzig in den Ruhestand treten wollte. «Mit sechzig», sagte der Amtsvorsteher, «fängt das Leben erst richtig an!» Darauf wurde angestoßen.
Bis ich in Gedanken das Klirren der Gläser hörte, war ich wieder beim Stadtturm und ging weiter zum Markt.
Ich genoss es, den Arbeitsweg zu gehen, ohne zur Arbeit zu gehen. Immer wieder: eine Gasse hinunter, quer über den Platz, dort so tun, als ob, dann aber doch nicht, stattdessen eine andere Gasse wieder hinauf, dabei die Freiheit spüren und die Zeit, die ich plötzlich zur Verfügung hatte, Zeit, die ich bewusst nicht verplant hatte.
Ganz anders Barbara und Walter, die einen Tag nach seinem Letzten mit dem Wohnmobil losfuhren und sich dabei fühlten wie damals, als sie einen Tag nach der Hochzeit in die Flitterwochen aufgebrochen waren. Sie erlebten ihren zweiten Frühling, nannten die Reise einen «Roadtrip», Erlebnisse entweder «Abenteuer» oder «Challenges», je nachdem, ob sie schön waren oder unangenehm, und hielten alle Details auf ihrem Blog fest, auch die Benzinpreise.
«Wenn nicht jetzt, wann dann?», fragte mich Bea, bevor sie wenige Wochen nach der Pensionierung zu ihrer Freundin nach Frankreich auswanderte. Claudia zog ins Tessin, um in der Nähe ihrer Enkelkinder zu sein, Philipp in die Berge, wo er Hüttenwart wurde. Ein Ruck ging durch mein Umfeld, gestaffelt, da wir nicht alle gleichzeitig in den Ruhestand traten, doch kontinuierlich, bis «kein Stein mehr auf dem anderen war», wie Diana einmal nachdenklich bemerkte. Fast alle stürzten sich in Projekte und Beschäftigungen, um sich vor der Leere zu schützen, die nach dem Erwerbsleben drohte.
Doch nicht allen gelang es, von der fernen Zukunft in die Gegenwart zu wechseln und die Sätze entsprechend umzuformulieren. Sie sagten weiterhin «irgendwann» anstatt «jetzt» und glaubten vielleicht selbst nicht mehr daran. Erst recht Edith nicht, die mitten in der Scheidung war. Und Diana nicht, die in der Nähe ihres dement gewordenen Vaters bleiben wollte.
Die hier Gebliebenen lebten einen Alltag, der ihnen vertraut war, auch wenn sie jetzt mehr Freiheiten hatten. Der Wecker klingelte nicht mehr um sechs, sondern um sieben, die Einkäufe erledigten sie nicht mehr nach Feierabend, sondern tagsüber, und die Wäsche ebenso. An den Wochenenden trafen sie sich mit denen, die noch arbeiteten und die Tage bis zur Pensionierung zählten. Der frühe Tod eines Bekannten hätte sie an die Sanduhr erinnern können, die im Hintergrund leise rieselte, doch sie hörten das Rieseln nicht. Oder sie taten zumindest so.
Ich meinerseits hatte meine großen Projekte längst aufgegeben und wollte einfach den Moment leben, offen sein für Veränderungen, aber nicht enttäuscht, wenn sich keine ergeben würden. Ich hatte Zeit und zelebrierte sie. Jedenfalls in den ersten Monaten nach meiner Pensionierung.
In den ersten Monaten nach meiner Pensionierung bog ich manchmal auch dann beim Stadtturm links ab, wenn ich nicht zum Markt ging. Ich schlenderte die Gasse hinunter zur Bäckerei und von dort mit einer vollen Tüte quer über den Platz zum prunkvollen Gebäude, dessen schwere Holztür sich knarrend öffnete. Ich huschte hinein, an der Loge vorbei in den zweiten Stock, wo ich mein ehemaliges Team im Pausenraum mit frischem Gebäck überraschte.
Hin und wieder wollte jemand von mir wissen, wo ein Dokument abgelegt ist oder wie ich in einem bestimmten Projekt vorgehen würde und ob ich nach der Pause rasch Zeit hätte, um es zu besprechen. Nicht selten blieb ich länger als eine Stunde, ging von Büro zu Büro und kümmerte mich auch um die Pflanzen im Sekretariat. Einmal nahm ich sogar an einer Sitzung teil, bei der es um die amtsinterne Bibliothek ging, für die ich in den letzten Jahren unter anderem zuständig gewesen war. Kurz: Mein Wissen und meine Erfahrung waren gefragt, meine Anwesenheit wurde geschätzt.
Doch mit der Zeit brauchte es meine Ratschläge immer seltener. Es kamen neue Gesichter ins Amt und mit ihnen neue Lösungen. Ich konnte nicht mehr mitreden, weil ich nicht wusste, welche Bereiche, Zuständigkeiten und Abläufe sich verändert hatten. Auch mit den Tücken der neuen Software war ich nicht vertraut. Private Gespräche hatte ich früher am Pausentisch gemieden, weshalb ich auch jetzt nicht auf solche Themen umschwenken konnte. Immer öfter schwieg ich, meine Besuche wurden rarer und kürzer, die Pflanzen im Sekretariat verkümmerten.
Dann kam die Pandemie. Der Zutritt ins Gebäude war zuerst nicht mehr erwünscht, später nicht mehr erlaubt. Ein Zettel an der Eingangstür wies darauf hin. Fast das ganze Amt war im Homeoffice.
Auch ich blieb zu Hause und las mich durch die Klassiker der deutschsprachigen Literatur. Dabei folgte ich einer Liste, die ich in den Neunzigerjahren zusammengestellt hatte. Werk für Werk arbeitete ich mich durch die Liste, hakte Titel um Titel ab und näherte mich allmählich dem Leseziel, das ich mir Mitte dreißig gesetzt hatte.
Währenddessen verschlechterte sich meine Sehschärfe, als würde sie sich dem neuen Bewegungsradius anpassen. Meine Wohnung verließ ich nur noch selten. Tat ich es, so erkannte ich die Leute nicht mehr auf der Straße. Den Termin beim Optiker schob ich bis nach der Pandemie auf und blieb bis dahin wie durch eine Milchscheibe vom Rest der Welt getrennt.
Irgendwann war die Sehschärfe korrigiert, der milchige Schleier hob sich und ich bog eines Tages beim Stadtturm wieder links ab, ging eine Gasse hinunter, quer über den Platz zum prunkvollen Gebäude, dessen große Tür aus dunklem Holz sich knarrend öffnete.
Ich trat ein.
In der Loge stand ein junger Mann, den ich nicht kannte. Als ich ihm erklärte, wer ich bin, sagte er, dass unangemeldete Besuche nicht möglich seien. Ich behauptete, dass mich der Amtsvorsteher erwarte und nannte dessen Namen. Er kannte den Namen nicht und fand ihn auch nicht im Verzeichnis. Ob ich mich nicht im Gebäude geirrt habe, fragte er. Das hier sei das Amt Soundso. Ich nuschelte eine Entschuldigung und machte mich davon.
Seither biege ich beim Stadtturm nicht mehr links ab, wenn ich zum Markt gehe, sondern setze meinen Weg geradeaus fort. So auch heute, an diesem kühlen und bewölkten Frühlingstag. Nur noch wenige Meter vom ersten Marktstand entfernt bin ich, als ich hinter mir eine Stimme höre, die meinen Namen ruft: «Iris!» Und noch einmal: «Iiiiris!»
Ich bleibe stehen, drehe mich um und sehe Liselotte, die aus einiger Distanz winkt und lacht, als wären wir beste Freundinnen. Dabei kenne ich sie nur flüchtig vom Lesezirkel, der sich einmal monatlich um den Diwan unserer gemeinsamen Freundin Diana schart und deshalb DiDian heißt.
Ich kann mich nicht erinnern, mit Liselotte je ein längeres Gespräch geführt zu haben. Natürlich hätte ich sie auf der Straße gegrüßt und wäre vermutlich kurz stehen geblieben, um mit ihr ein paar Worte zu wechseln. Aber von Weitem ihren Namen gerufen hätte ich nicht. Dass sie es tut, überrascht mich.
Dass sie es tut, überrascht mich nicht. Denn ich weiß, dass DiDian verbindet. Einmal setzte ich mich nach dem Lesezirkel im Bus neben Edith, die ich damals ebenfalls nur flüchtig kannte. Wir redeten über das Buch, das wir an jenem Abend besprochen hatten, auch über das Gespräch über das Buch redeten wir und über die Verfilmung, die wir beide noch nicht gesehen hatten. Zwei Tage später gingen wir zusammen ins Kino, sahen vor dem Film die Vorschau eines anderen Films, für den wir zwei Wochen später wieder ins Kino gingen, wo wir die Vorschau eines anderen Films sahen, für den wir zwei Wochen später wieder und wieder und wieder. Heute ist Edith eine meiner besten Freundinnen.
«Zum Glück sehe ich dich!», keucht Liselotte, als sie vor mir steht und mir ein leichter Knoblauchgeruch in die Nase steigt. «Ich muss mit dir über den Lesezirkel reden. Diana hat mich gestern daran erinnert, dass ich für den nächsten Büchervorschlag zuständig bin und das Gespräch moderieren soll. Leider fehlt mir die Zeit, mich darum zu kümmern. Kannst du übernehmen?»
«Natürlich, kein Problem. Geht’s dir gut?»
Die Frage habe ich eher aus Höflichkeit denn aus Interesse gestellt, doch Liselotte nimmt sie ernst, stößt einen Seufzer aus, haucht mir dadurch noch mehr Knoblauchgeruch ins Gesicht und verspricht, mir ein andermal zu erzählen, was passiert ist. Sie müsse jetzt los, ihr Zug fahre in zehn Minuten.
Ich bleibe noch eine Weile stehen und schaue Liselotte hinterher, die in Richtung Bahnhof davoneilt.
Ein Buch soll ich also vorschlagen.
Ich beschließe, nicht sofort zum Markt, sondern zuerst in die Buchhandlung zu gehen, die nur ein paar Gehminuten entfernt in der Fußgängerzone liegt. In Gedanken versunken mache ich mich auf den Weg.
Kultur baut Brücken!
So hieß die mehrtägige Veranstaltung, bei der ich Diana kennengelernt habe. Jahrzehnte liegt das schon zurück. Ich wollte damals Germanistik studieren und hielt mich bei allerlei kulturellen Anlässen auf, vor allem im Theater und bei Lesungen. DiDian ist ein Überbleibsel aus jener Zeit und die Begegnung mit Liselotte eine Erinnerung daran, dass Kultur verbindet. Ich sollte öfter daran denken, denn Verbindungen fehlen mir.
Kontakte ergeben sich seit der Pensionierung nicht mehr spontan.
Als ich noch berufstätig war, musste ich mich nie darum bemühen. Im Büro war ich eingebettet in ein Team, das sich regelmäßig austauschte. Hinzu kamen die Kolleginnen aus der ämterübergreifenden Arbeitsgruppe. Mich mit ihnen zu treffen war unkompliziert. Es genügte ein interner Anruf zwischen elf und zwölf – «Thai?», «Pizza?» oder «Sushi?» – und schon war ich verabredet.
Seit ich nicht mehr arbeite, habe ich mich nur noch einmal mit ihnen verabredet, nicht mehr spontan, sondern Tage im Voraus. Dadurch erhielt das Treffen eine Wichtigkeit, der unsere oft belanglosen Gespräche nicht gerecht wurden. Für mich war das Mittagessen der einzige Termin an einem sonst leeren Tag. Mich brüskierte deshalb, dass sich eine der Kolleginnen schon kurz vor eins verabschiedete, um ihre Sollarbeitszeit zu erreichen. Sie sei im Minus, entschuldigte sie sich, als sie eine Zwanzigernote und etwas Kleingeld auf den Tisch legte und aufstand. Die anderen waren zehn Minuten später ebenfalls weg.
Ich war, wie man so schön sagt, in einem anderen Film. Nach und nach passte ich meine Gewohnheiten diesem neuen Film an. Ich verzichtete auf die Mittagessen mit den ehemaligen Kolleginnen und meldete mich stattdessen öfter bei Leuten, die ebenfalls im Ruhestand waren.
Einmal verabredete ich mich mit Edith zum Mittagessen in meinem Lieblingsrestaurant. Auf dem Weg dorthin fiel mir auf, dass ich mich nicht mehr wie einst geschmeidig durch die Menschenmasse bewegte, die mittags in der Innenstadt unterwegs ist. Mehrmals musste ich jemandem im letzten Moment ausweichen oder abrupt anhalten, um einen Zusammenstoß zu vermeiden.
Mein Fahrlehrer hatte mir stets gesagt, dass man entgegenkommende Fahrzeuge nicht fixieren, sondern an ihnen vorbeischauen sollte, da man sonst auf sie zusteuere. Jetzt tat ich genau das: die Entgegenkommenden anschauen, in der Hoffnung, jemanden zu kennen, ein Lächeln zu erheischen, gegrüßt zu werden. Dadurch steuerte ich, ohne es zu wollen, auf sie zu.
Nach zahlreichen Ausweichmanövern kam ich erschöpft im Restaurant an und beschloss, wochentags nur noch dann in die Innenstadt zu gehen, wenn die meisten Leute bei der Arbeit sind: morgens zwischen neun und halb zwölf, nachmittags zwischen zwei und halb fünf.
Dass ich auf der Straße angesprochen werde, ist deshalb selten geworden. Beinahe hätte ich vergessen, wie schön es ist. Von Catherine, die mir vor vielen Jahren bei der Vorbereitung auf ein Französischdiplom half, weiß ich, dass reconnaître nicht nur wiedererkennen bedeutet, sondern auch anerkennen. Das sei kein Zufall, erklärte sie mir, denn wer wiedererkannt werde, erfahre eine gewisse Anerkennung. Tatsächlich fühle ich mich nach dieser kurzen Begegnung mit Liselotte reconnue im doppelten Sinne.
Beschwingt gehe ich weiter. Wäre ich jünger, würde ich hüpfen. Vielleicht dazu pfeifen. Immerhin pfeifen darf ich in meinem Alter noch. Und so pfeife ich, vermutlich etwas zu forte, zu forsch oder zu falsch, denn zwei Schüler drehen sich nach mir um und tuscheln. Ich würde sie am liebsten anlächeln, aber gleichzeitig lächeln und pfeifen geht nicht. Stattdessen gehe und pfeife ich weiter, während ich überlege, welches Buch ich für den nächsten Lesezirkel vorschlagen könnte.
Mir fällt eine junge Schweizer Autorin ein, über deren neues Buch ich vor Kurzem einen ansprechenden Artikel gelesen habe. Sie ist Reiseleiterin und hat ihre berufliche Erfahrung in Kurzgeschichten verwoben, die allesamt in Armenien spielen. Ihr Name ist mir entfallen, doch mit etwas Glück werde ich das Buch trotzdem finden. Und vielleicht wäre die Autorin sogar bereit, bei DiDian einige Passagen vorzulesen und Fragen zu beantworten. Daraus könnte sich eine Diskussion ergeben, die viel interessanter wäre als die neuliche Besprechung eines Bestsellers.
Ausgerechnet Diana hatte einen Roman vorgeschlagen, der im Schaufenster jeder Buchhandlung auflag und eine starke Medienpräsenz hatte. Alles, was man über den Roman denken konnte, war schon zigfach gesagt und geschrieben worden. Das Grüppchen rund um Dianas Diwan wiederholte denn auch nur, was andere schon formuliert hatten. Die Runde wirkte gelangweilt und uninspiriert. Der nächste Lesezirkel soll anders werden. Das jedenfalls nehme ich mir vor, als ich die Buchhandlung betrete.
Ich gehe zum Regal mit der Überschrift Schweizer Autoren. Etwas planlos ziehe ich das erstbeste Buch heraus und betrachte das Titelbild. Ein Junge im Vorschulalter, der mich angrinst, als würden wir uns kennen.
Der Titel lautet: Auf Umwegen zum Erfolg.
Wohl ein Ratgeberbuch, nehme ich an. Jedenfalls nicht das, wonach ich suche. Ich schiebe das Buch zurück ins Regal, neige den Kopf leicht nach links und lese die Titel anderer Bücher, während mein Zeigefinger noch immer über den Rücken des Buches mit dem Titel Auf Umwegen zum Erfolg fährt, um es mit einem sanften Druck zwischen zwei Bücher zu stoßen. Dabei spüre ich unter der Fingerkuppe das feine Relief eingestanzter Buchstaben, was ich als unangenehm empfinde. Rasch ziehe ich den Zeigefinger zurück und schaue irritiert auf den Buchrücken. Erst jetzt sehe ich den Namen des Autors. In goldenen Lettern steht er auf dunkelgrauem Hintergrund geschrieben: Silvan J. Mueller.
Ich zucke zusammen. Dann fahre ich noch einmal mit dem Zeigefinger darüber, als müsste ich mich vergewissern, dass dort wirklich dieser Name steht. Tatsächlich: Silvan J. Mueller, Auf Umwegen zum Erfolg. Ich ziehe das Buch wieder heraus und drehe es um. Auf der Rückseite ist ein alter Mann abgebildet. Darunter lese ich: Mit über 85 Jahren schaut der Autor auf sein Leben zurück und ...
Dann verschwimmen die Buchstaben vor meinen Augen. Erst jetzt bemerke ich, dass meine Hände zittern und mein Herz pocht. Mein Herz pocht. Pocht.
Wenig später sitze ich auf einer Bank vor der Buchhandlung und atme tief durch. Mit meinen Füßen wippe ich, um Blut in meinen Kreislauf zu pumpen.
Ich sei bleich, hat mir der Buchhändler an der Kasse gesagt, als ich wie in Trance das Buch bezahlt habe. Meine Ohren rauschten, ich nahm kaum etwas wahr. Ob alles gut sei, meine ich durch das Ohrenrauschen gehört zu haben, aber ich war unfähig, darauf zu reagieren.
Ob alles gut ist, werde ich ohnehin erst sagen können, wenn ich das Buch gelesen habe, wenn ich weiß, ob ich einer der Umwege in Silvans Leben war. Ein Umweg auf seinem Weg zum Erfolg. Ein Abweg, ein Irrweg vielleicht. Oder eine Sackgasse, aus der sich Silvan abrupt befreite, indem er plötzlich zurückkrebste, als habe er sich verirrt.
Ähnlich wie ich als Kind im Irrgarten neben dem Schloss, wo ich in Panik geraten war, weil ich den Spielplatz in der Mitte, die eigentliche Attraktion des Irrgartens, nicht gefunden hatte. «Wenn es nicht mehr weitergeht, musst du einfach zurück zur letzten Abzweigung und einen anderen Weg ausprobieren», erklärte mir meine Tante und bestand darauf, dass ich es noch einmal versuche. Und noch einmal. Bis ich den Spielplatz in der Mitte gefunden hatte. Danach war ich so glücklich, dass ich nicht mehr nach Hause wollte.
