Ein Hauch Pink - Alexandra von Arx - E-Book

Ein Hauch Pink E-Book

Alexandra von Arx

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Beschreibung

Eine Geschichte voller Gefühle, Zweifel, Abschied und Neubeginn. Vielleicht heisst sie nicht mehr Buchmüller. Er kann sie sich zwar nicht verheiratet vorstellen, aber sie sich ihn wahrscheinlich auch nicht. Wer hätte sich damals schon vorstellen können, je verheiratet zu sein. In der Personalabteilung einer grossen Versicherung zu arbeiten. Jeden Morgen aufzustehen. Den Bus zu nehmen. Ein Sparkonto zu führen. Erwachsen zu sein und Kinder grosszuziehen. Wenn sie nicht mehr Buchmüller heisst, wird er sie nie finden. Er versucht es trotzdem mit anderen Suchbegriffen. Olivia und 1980. Olivia und Punk. Olivia und London. Genau das ist das Leben des 54-jährigen Markus. Seit auch die Tochter das Elternhaus verlassen hat, ist Markus mit einer Leere konfrontiert, in welche sich die Erinnerung an ein traumatisches Erlebnis aus seiner Jugend einnistet: der Verlust seiner Freundin Olivia, die sich damals, mit 15 Jahren, als Punk radikalisierte und dann plötzlich weg war. Markus versucht herauszufinden, was damals mit Olivia geschehen war und was aus ihr geworden ist. Dabei sieht er sich zunehmend mit der Frage konfrontiert, was eigentlich aus ihm geworden ist. Als würde Olivia ihm einen Spiegel vorhalten, schaut Markus sich selbst zu, wie er in einem Alltag steckt, aus dem er jetzt am liebsten ausbrechen würde.

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Seitenzahl: 175

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Hey you! Out there in the cold Getting lonely, getting old Can you feel me?

Pink Floyd, The Wall

 

Inhalt

Über das Buch

Textbeginn – «Ein Hauch Pink»

Über die Autorin

 

Über das Buch

Eine Geschichte voller Gefühle, Zweifel, Abschied und Neubeginn. Vielleicht heisst sie nicht mehr Buchmüller. Er kann sie sich zwar nicht verheiratet vorstellen, aber sie sich ihn wahrscheinlich auch nicht. Wer hätte sich damals schon vorstellen können, je verheiratet zu sein. In der Personalabteilung einer grossen Versicherung zu arbeiten. Jeden Morgen aufzustehen. Den Bus zu nehmen. Ein Sparkonto zu führen. Erwachsen zu sein und Kinder grosszuziehen. Wenn sie nicht mehr Buchmüller heisst, wird er sie nie finden. Er versucht es trotzdem mit anderen Suchbegriffen. Olivia und 1980. Olivia und Punk. Olivia und London. Genau das ist das Leben des 54-jährigen Markus. Seit auch die Tochter das Elternhaus verlassen hat, ist Markus mit einer Leere konfrontiert, in welche sich die Erinnerung an ein traumatisches Erlebnis aus seiner Jugend einnistet: der Verlust seiner Freundin Olivia, die sich damals, mit 15 Jahren, als Punk radikalisierte und dann plötzlich weg war. Markus versucht herauszufinden, was damals mit Olivia geschehen war und was aus ihr geworden ist. Dabei sieht er sich zunehmend mit der Frage konfrontiert, was eigentlich aus ihm geworden ist. Als würde Olivia ihm einen Spiegel vorhalten, schaut Markus sich selbst zu, wie er in einem Alltag steckt, aus dem er jetzt am liebsten ausbrechen würde

 

Textbeginn – «Ein Hauch Pink»

Sie fällt ihm nicht sofort auf, wie sie etwas abseitssteht und so wirkt, als gehörte sie nicht zur Gruppe. Erst als er nachzählt – eins, zwei, drei, vier, fünf – und feststellt, dass eine Person fehlt, sieht er sich um. Und bemerkt sie, die ihm direkt in die Augen schaut. Er steht auf dem Treppenabsatz etwas oberhalb der Eingangshalle, von wo er gewöhnlich unbeobachtet die neuen Mitarbeiter ausmachen kann. Ihr Blick irritiert ihn. Er geht die paar Stufen hinunter in die Eingangshalle, an der Gruppe vorbei direkt auf sie zu. Direkt auf sie zu, obwohl es einfacher gewesen wäre, zuerst die Gruppe zu begrüssen. Aus den Augenwinkeln sieht er, wie die fünf Personen ihm zuschauen und sich wohl fragen, ob er die Person ist, auf die sie warten. Und dann, wer die Person ist, auf die er zugeht.

«Fiona Fahrni. Ich beginne heute in der Rechtsabteilung.» Der Händedruck ist warm, die Stimme rau. Selbstsicher, etwas zu souverän vielleicht. Und da ist noch etwas, eine leise Vertrautheit, als hätte er sie schon einmal gesehen. Er kann sich an kein Vorstellungsgespräch mit ihr erinnern. Vielleicht hat er sie an einer Jobbörse gesehen oder bei einer Informationsveranstaltung. Oder ganz woanders. «Haben wir uns schon einmal gesehen?» Sie schaut ihn prüfend an, scheint eine Antwort abzuwägen und entscheidet sich dann für ein «Nein. Nicht, dass ich wüsste.» Irgendetwas irritiert ihn. Das leicht spöttisch wirkende Lächeln vielleicht, der Blick vorhin, mit dem sie ihn ertappt hat, oder die ungewöhnlich grünen Augen.

Die Gruppe, er muss sich um die Gruppe kümmern. «Kommen Sie bitte mit. Sie sind sechs neue Mitarbeiter.» Er stellt zuerst sie der Gruppe vor: «Das ist Fiona Fahrni. Sie beginnt heute in der Rechtsabteilung.» Sie schüttelt allen die Hand. Eine, zwei, drei, vier, fünf Hände. Dann stellt er sich vor: «Mein Name ist Markus Lüthi. Ich bin von der Personalabteilung.» Auch er schüttelt allen die Hand. Eine, zwei, drei, vier, fünf Hände. Dabei vergisst er, hinzuhören, als sich die neuen Mitarbeiter vorstellen. Er ist unkonzentriert. Fiona Fahrni, Fiona Fahrni. Wer ist diese Fiona Fahrni?

Ausser Markus scheint niemandem der durcheinander geratene Empfang aufzufallen. Und falls doch, so wird es mit einem Lächeln überspielt. Auch er setzt ein Lächeln auf. «Herzlich willkommen bei uns in der Versicherung! Meine Aufgabe ist es, Sie durch den ersten Morgen zu begleiten.» Markus stellt seine Funktion vor, gibt das Programm des Vormittages bekannt und findet dabei Halt in Sätzen, die er in- und auswendig kennt, da schon viele Male gesagt. Was nun folgt, ist Routine, wiederholt sich fast jeden Monatsanfang, manchmal auch an anderen Tagen. Sechs neue Mitarbeiter ist oberer Durchschnitt, oft sind es nur drei oder vier, manchmal lediglich zwei Personen, selten eine allein. Die Fluktuation hat in den letzten Jahren zugenommen und Neuanfänge sind keine Besonderheit mehr. In drei Jahren arbeiten mindestens vier der sechs neuen Mitarbeiter nicht mehr hier. Doch jetzt stehen sie vor Markus, als würden sie nie woanders arbeiten wollen. Als würden sie arbeiten wollen. Sie schauen Markus erwartungsvoll an. Und Markus? Markus sieht aus, als würde er sie in den Betrieb einführen wollen. «Folgen Sie mir bitte!» Mit einer Handbewegung dreht er sich ab und geht voraus.

Rund eineinhalb Stunden werden sie im Sitzungszimmer verbringen, wo Kaffee, Orangensaft und ein Krug Wasser bereitstehen. Dazu wird Markus einen Korb mit Gebäckstücken zirkulieren lassen, die er eigens auf dem Weg zur Arbeit in einer Bäckerei besorgt hat. Es wird eine Vorstellungsrunde geben, dann ein bisschen Smalltalk, bevor Markus zu einem Vortrag über die Versicherung ansetzen wird. Unternehmensgeschichte, Organigramm, Zahlen und Fakten. Auf diese Weise gelingt es ihm meistens, das Eis zu brechen und die Gruppe zu einer kleinen Einheit zu verschmelzen. So auch heute. Es ist eine einfache, geschmeidige Gruppe. Vier Männer, zwei Frauen, alle zwischen 25 und 45. Interessiert und motiviert. Höflich lächelnd, wenn er scherzt. Ansonsten konzentriert, etwas angespannt vielleicht. Bald werden sie auf verschiedene Abteilungen verteilt, dort von Fachkollegen eingearbeitet und nur selten mit Markus zu tun haben. Doch er wird derjenige bleiben, der sie am ersten Arbeitstag empfangen und ihnen den Einstieg angenehm gestaltet hat. Und er wird derjenige sein, der ein offenes Ohr hat, falls es Probleme gibt. Er, Markus, 54, schwarze Jeans und kariertes Hemd, darüber ein dunkelgraues Sakko.

Zum Schluss führt Markus die kleine Gruppe durch das Versicherungsgebäude. Auf diesem Rundgang, zwischen Registratur und Bibliothek, tippt Fiona Fahrni an seinen Arm. Es ist nicht eigentlich ein Tippen, vielmehr legt sie ihre Hand auf seinen Arm. «Habe ich Zeit, kurz auszutreten?» Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwindet sie hinter einer Türe. Er führt die Gruppe ein paar Meter weiter zu den Liften und erklärt ihnen dort den Standort, als hätte er dies ohnehin tun wollen. Er zeigt den Korridor entlang zur Kantine, auf der anderen Seite geht es zur Bibliothek weiter. Fünf Augenpaare schauen in den Korridor zur Kantine, dann auf die andere Seite zur Bibliothek. Nun sind sie auf ihn gerichtet. Er erzählt eine Anekdote, damit das Warten auf die Arbeitskollegin für niemanden zur Last wird. Es ist die Anekdote von einem Regierungsrat, der hier im Lift stecken blieb. Genau hier. Der Vorfall liegt Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte zurück, und Markus erinnert sich nicht mehr an den Namen des Regierungsrates. Wann hat er diese Anekdote zum letzten Mal erzählt? Egal. So egal wie die Anekdote selbst. Hauptsache, die Warterei wird für niemanden mühsam. Dann entsteht doch eine Gesprächspause, bevor Fiona Fahrni zurückkommt und sagt: «Entschuldigen Sie, dass ich den Ablauf gestört habe. Shame on me.»

Shame on me! Jetzt weiss Markus, an wen sie ihn erinnert.

Olivia Buchmüller. Markus tippt den Namen ein. Es ist halb zwei und das dunkelgraue Sakko hängt jetzt am Garderobenständer neben dem Aktenschrank. Beim Tippen spricht er jeden Buchstaben einzeln aus. O-l-i-v-i-a-B-u-c-h-m-ü-l-l-e-r. Dann drückt er die Entertaste. Keine passenden Suchresultate. Er ersetzt ü durch ue und drückt erneut die Entertaste. Auch keine Resultate. Vielleicht heisst sie nicht mehr Buchmüller. Er kann sie sich zwar nicht verheiratet vorstellen, aber sie sich ihn wahrscheinlich auch nicht. Wer hätte sich damals schon vorstellen können, je verheiratet zu sein. In der Personalabteilung einer grossen Versicherung zu arbeiten. Jeden Morgen aufzustehen. Den Bus zu nehmen. Ein Sparkonto zu führen. Erwachsen zu sein und Kinder grosszuziehen. Wenn sie nicht mehr Buchmüller heisst, wird er sie nie finden. Er versucht es trotzdem mit anderen Suchbegriffen. Olivia und 1980. Olivia und Punk. Olivia und London. Er klickt wahllos auf einen Link, auf einen zweiten, dann erscheint «Punk’s not dead» auf dem Bildschirm, wie eine Botschaft aus einer anderen Welt. Die Suche ist umsonst, er weiss es, hat das alles vor Jahren schon einmal durchgespielt. Er schliesst das Suchfenster, alle übrigen Fenster auch, trinkt den letzten Schluck Kaffee, wirft den Becher in den Abfallkorb unter dem Pult und steht dann auf, als müsste er das Ende der Suche durch eine Bewegung betonen. Bewusst zu einer anderen Tätigkeit übergehen, das hat er mal in einem Kurs gelernt. Nicht einfach sitzen bleiben und aus dem Fenster schauen. Später: Nicht einfach sitzen bleiben und im Internet surfen. Er geht zum Aktenschrank, sucht nach dem Personaldossier Fiona Fahrni, findet es nicht, braucht es aber auch nicht, gibt deshalb diese Suche ebenfalls auf, setzt sich wieder, krempelt die Hemdsärmel nach hinten, noch so eine Bewegung, dann räuspert er sich, blickt auf die Uhr, 13:45, trägt diese Uhrzeit in das Zeiterfassungssystem ein und öffnet die Präsentation, welche er überarbeiten sollte: «Eine Einführung der Lehrlinge ins Personalwesen der Versicherung».

 

Kannst du bitte Brot einkaufen?» Markus hat die Nachricht seiner Frau erst gesehen, als er bereits im Bus sass, die Hälfte der Strecke hinter sich. Auch die Bäckerei, deren Brot er am liebsten mag, lag hinter ihm. Bleibt die Bäckerei beim Stadtpark, in die er selten geht. Er schaut auf den Streckenplan und überlegt, wie er am schnellsten dort sein kann. Wenn er in drei Stationen aussteigt, zwei früher als vorgesehen, dann der Hauptstrasse entlanggeht bis fast zum Park, ist die Bäckerei in der zweiten Querstrasse links. Von dort sind es zu Fuss fünfzehn Minuten bis nach Hause. Draussen ist es eisig kalt. Er würde die Nachricht lieber übersehen haben und sitzen bleiben, aber schreibt: «Kein Problem. Bis gleich.»

Beim Aussteigen fällt ihm der LIPSTICK ein. Der Laden liegt an derselben Haltestelle wie die Bäckerei, aber auf der anderen Seite der Hauptstrasse. Markus beschliesst, einen kleinen Umweg zu machen, um zu schauen, ob es den LIPSTICK noch gibt. Er war seit Jahren, vielleicht auch seit Jahrzehnten nicht mehr in dieser Strasse. So jedenfalls kommt es ihm vor. Das Schaufenster sieht er schon von Weitem. Es ist das einzige in dieser Strasse, die eigentlich zu einem Wohnquartier gehört. Darf man hier überhaupt einen Laden betreiben, noch dazu so einen? Markus stellt sich die Frage zum ersten Mal, kann sich aber auch nicht daran erinnern, als Erwachsener je vor dem Schaufenster gestanden zu sein. Als Jugendlicher ist er immer nur am Schaufenster vorbei und rasch in den Laden gehuscht. Denn der LIPSTICK hatte einen schlechten Ruf. Man erzählte sich, dass hier auch Drogen verkauft würden. Damit wollte er nicht in Verbindung gebracht werden. Es war deshalb besser, nicht vor dem Laden gesehen zu werden. Heute ist das unwichtig. Heute kann er in Ruhe stehen bleiben und die Auslage im Schaufenster betrachten.

Die Auslage im Schaufenster: Auf einem schwarzen Tuch liegen ein paar Nietengürtel, mehrere Armbänder, vielleicht sind es auch Halsbänder, alle aus Leder, einige mit Spikes. Dazwischen Sicherheitsnadeln in allen Grössen. Und Lippenstifte, natürlich, Lippenstifte in ungewöhnlichen Farben. Blau, grün, schwarz. Dazu passender Nagellack. Blau, grün, schwarz. Haarsprays auch. Und Haarfärbemittel. Blau, grün, pink. Die Artikel wirken wie zufällig hingeworfen. Im oberen Teil des Schaufensters hängen Schallplatten. Ramones, Sex Pistols, The Clash. So muss das Schaufenster schon damals ausgesehen haben. Es ist das Inventar seiner Jugendträume. Nein, stimmt nicht. Es ist das Inventar von Olivias Jugendträumen. Und Olivia war sein Jugendtraum.

Sein Blick streift noch einmal über die Artikel. Erst jetzt bemerkt er den Staub zwischen den Lippenstiften, den Nietengürteln und den Haarprodukten. Das Schaufenster wirkt veraltet. «Retro», würde sein Sohn sagen. «Cool», seine Tochter anfügen. Ihm fällt das Gespräch mit seiner Frau ein, das sie vor ein paar Monaten geführt haben, als sie an einem regnerischen Sonntag damit begannen, den Estrich aufzuräumen. Er wollte den Plattenspieler entsorgen, allenfalls im Internet ausschreiben. Doch sie bestand darauf, ihn zu behalten, schlug sogar vor, ihn wieder ins Wohnzimmer zu stellen. Der Plattenspieler gehöre zu ihrem Leben, sagte sie. Nicht mehr, winkte er ab. In all den Jahren, seit sie auf CD umgestellt und den Plattenspieler im Estrich versorgt hatten, haben sie ihn nur einmal heruntergeholt, um ihn den Kindern zu demonstrieren. Nicht Punk spielten sie ihnen vor, denn solche Schallplatten hatte er gar nie, seine Frau erst recht nicht. Bruce Springsteen legten sie auf. «Born in the USA». Er wippte dazu mit dem Fuss, seine Frau löste ihren Haarschwanz und schüttelte den Kopf nach vorne, aber nicht so wie früher, sondern übertrieben. Sie stiess Markus an, als Aufforderung, mitzumachen. Er zog eine Augenbraue hoch, bewegte den Mund und spielte Luftgitarre. Die Kinder mussten lachen. Sie auch. Dann war die Vorführung zu Ende.

Das schwarze Tuch ist im Schaufenster so ausgelegt, dass man von aussen nicht ins Ladeninnere sehen kann. Auch die Eingangstüre ist verdunkelt. Das war schon damals so. Niemand konnte von der Strasse aus sehen, was sich im Laden abspielte. Daher wohl auch die Gerüchte über Drogen. Es brauchte ein bisschen Mut, in den Laden einzutreten. Jetzt nicht mehr. Markus drückt die Türfalle hinunter, ohne zu wissen, ob er wirklich eintreten will. Die Türe ist geschlossen. Öffnungszeiten sind keine zu sehen. Früher kannte er sie auswendig: Dienstag bis Freitag 14 Uhr bis 18 Uhr 30, Samstag 10 Uhr bis 16 Uhr. Oft kamen sie nach der Schule hierher, nicht nur Punks, sondern alle, die sich für Musik interessierten und die neuesten Plattencovers sehen oder auch nur die ausgefallenen Accessoires aus London bewundern wollten. Meist war der Laden gut besetzt. Aus ihrer Klasse waren Olivia und er die Einzigen. Sie, Olivia, hatte lange, braune Haare und war unauffällig gekleidet, als Markus sie kennenlernte. Und er, Markus, war ein unscheinbarer Junge, daran änderte sich auch später nichts, obwohl er innerlich rebellierte. Die Unscheinbarkeit hat ihn geschützt, denkt er manchmal. Olivia war das Gegenteil. Sie begann eines Tages, ihre Rebellion nach aussen zu tragen, und provozierte, mit ihrem Verhalten und mit ihrem Aussehen. Dadurch exponierte sie sich. Unnötig, wie Markus fand.

An die erste Begegnung mit Olivia ausserhalb der Schule kann sich Markus genau erinnern. Er war ihr gefolgt. Ihr, Olivia, die neu in der Klasse war und über die kaum jemand etwas wusste. Sie interessierte ihn. Nicht nur, weil sie hübsch war mit ihren langen, braunen Haaren und den grünen Augen. Hübsch waren andere Mädchen auch. Olivia jedoch wirkte apart. Ihre Bewegungen waren anders als die der übrigen Mädchen der Klasse. Ihre Art zu reden auch. Und ihr Blick, der zwischendurch auf ihm ruhte. Auf ihm, Markus, 15 Jahre alt, der ihr nach der Schule folgte und sah, wie sie in den Laden verschwand, vor dem er jetzt steht. Hinein konnte er ihr nicht folgen, das wäre aufgefallen. Also wartete er an der nächsten Strassenecke, bis sie den Laden wieder verliess. Dann schlich er eine Weile durch das Quartier, bis er sich endlich getraute, in den Laden einzutreten. Er sah sich um und beschloss, in einer Woche vor ihr hier zu sein.

Eine Woche später war er vor ihr hier, blätterte durch die Alben und schaute kaum auf, als sie hereinkam. Er nickte ihr nur kurz zu und tat so, als sei er Stammkunde, ging sogar an die Theke, um irgendwas zu fragen. Dabei spürte er ihren Blick, bemühte sich, ihn nicht zu erwidern, und verliess kurz darauf den Laden. Er rannte zum Stadtpark, legte sich auf die Wiese und hörte, wie sein Herz pochte. Wie sein Herz pochte! Er wollte schreien und lachte stattdessen laut. Ein paar Tage später kam Olivia in der Schule auf ihn zu, kam Olivia in der Schule auf ihn zu, kam Olivia in der Schule auf ihn zu und fragte ihn, ihn, ihn, ob er nach dem Unterricht noch in den LIPSTICK komme. Warum nicht, antwortete er so gleichgültig er konnte und seine Stimme kam ihm verzerrt vor, so, als sei die Geschwindigkeit des Plattentellers falsch geregelt. Er, Single, der im Tempo einer Langspielplatte gespielt wurde. Doch dann wechselte die Geschwindigkeit auf 45 Umdrehungen pro Minute und noch mehr. Denn schon bald standen sie, Olivia und Markus, Olivia und Markus, Olivia und Markus, beim Durchblättern der Alben im LIPSTICK dicht nebeneinander, besprachen Plattencovers und reichten sich beim Musikhören an der Theke gegenseitig die Kopfhörer. So wurden sie zu Verbündeten. Irgendwann muss sie ihm gesagt haben, dass sie zu Hause neue Schallplatten habe, Direktimport aus London, vom Bruder oder Halbbruder, der dort lebte. Vielleicht war es auch nur ein Cousin. Wenn es um die Familie ging, blieb Olivia immer sehr vage. Die Mutter sei Französin, hat sie einmal gesagt. Gesehen hat Markus sie nie. Überhaupt war nie jemand zu Hause, wenn er nach der Schule oder an den Mittwochnachmittagen zu Olivia ging. Er klingelte aber auch nur zu fest vorgegebenen Zeiten. «Keine Überraschungsbesuche», hatte sie ihm einmal gesagt. Er hat sich immer daran gehalten. Ausser einmal, als er sich Sorgen um sie machte.

Olivia wohnte in einem modernen Mehrfamilienhaus am Stadtrand. Oberste Klingel, rechts davon das Namensschild: Buchmüller. Daneben ein Blümchen, von Olivia gezeichnet. Markus sieht die Klingel und das Namensschild noch genau vor sich. Das Blümchen vor allem. Das Blümchen, das immer weniger zu Olivia passte. Oder Olivia, die immer weniger zum Blümchen passte.

Stundenlang sass er bei ihr auf dem Bett und hörte Musik. Olivia wählte eine Schallplatte, am liebsten eine der Sex Pistols, legte sie auf, drückte einen Knopf und schaltete manchmal einen Hebel, bis die Platte im richtigen Tempo drehte, setzte den Tonkopf an und wartete die ersten Gitarrenklänge ab. Schon das Intro elektrisierte sie. Sie hüpfte auf und ab, stampfte den Rhythmus und wedelte mit den Armen. Dann sang sie mit: «God save the Queen, the fascist regime», und manchmal sang auch Markus mit: «Don’t be told what you want. Don’t be told what you need. There’s no future. No future. No future for you!» Besonders gefiel ihm die Zeile: «When there’s no future, how can there be sin?», welche Olivia einmal zum Anlass nahm, ihn zu küssen, richtig zu küssen. So kam er, Markus, 15, zu seinem ersten Kuss, der eine Ewigkeit und doch nicht lange genug dauerte. Am nächsten Tag, in der Schule, machte Olivia einen grossen Bogen um Markus, wartete dann aber doch nach dem Unterricht auf ihn. Punk war ihr kleines Geheimnis. Die Küsse auch.

Die Vibration in seiner Manteltasche lässt Markus aufschrecken. Er schaut nach. Eine Push-Nachricht: «Schnee und Eis auf der Fahrbahn. Fahren Sie vorsichtig!» Erst jetzt bemerkt er, dass es angefangen hat zu schneien. Er wischt mit der Hand über seinen Ärmel. Der Schnee wird nicht haften, auf seinem Mantel nicht und auf der Strasse nicht. Es ist nasser Schnee, der über Nacht die Strassen vereisen wird. Markus löst sich vom Schaufenster und geht in Richtung Bäckerei. Punk gefällt ihm schon lange nicht mehr. Falls ihm Punk überhaupt je gefallen hat. Und an Olivia denkt er selten. Dass sie ihm seit ein paar Tagen wieder durch den Kopf geistert, irritiert ihn ein bisschen, amüsiert ihn aber auch. «Shame on you!», hatte sie oft gesagt, wenn Markus eine Band nicht kannte oder einen Songtext nicht verstand. Olivia, die ausgeflippte Olivia! Was wohl aus ihr geworden ist? Als er sie zum letzten Mal sah, hatte sie ihre kurzen Haare pink gefärbt. Das war im Januar 1980, kurz vor den Winterferien. Dann war sie weg. Einfach weg.

 

Der Optiker stellt sich dicht vor Markus, setzt ihm vorsichtig die Brille auf, tritt einen Schritt zurück, geht leicht in die Knie und schaut ihn prüfend an. Dabei macht er eine fast nicht wahrnehmbare Kaubewegung, und Markus riecht Pfefferminze. Dann stellt sich der Optiker rechts neben Markus, hebt dessen Ohr leicht an und schaut dahinter. Dasselbe auf der anderen Seite, bevor er bemerkt: «Sitzt perfekt. Ich musste nur die Bügel etwas enger fassen. Gut so?» Ja, gut so. Alles gut. Markus nickt. «Hatten Sie Reaktionen auf Ihre neue Brille?» – «Komplimente meinen Sie? Ach, wissen Sie, in meinem Alter …» Hat Markus das wirklich gesagt? Der Optiker lacht. Der Optiker, knapp 30, hat gut lachen. Markus lacht mit. Und lacht noch immer, als der Optiker ihm die Türe öffnet und ihn verabschiedet.

Es stimmt gar nicht, dass Markus keine Reaktion auf die neue Brille hatte. Seiner Frau gefällt die Brille, sie hat es mehrmals gesagt. Doch seine Frau gilt nicht. Gilt seine Frau nicht?

Seine Frau: Lisa, 52 Jahre alt, halblanges Haar und immer ein paar Strähnen im Gesicht, obwohl sie ihre dunklen Haare morgens mit einer raschen Geste in eine Spange klemmt, manchmal zu einem Rossschwanz bindet, nur selten offen trägt. Ihre Garderobe, so nachlässig zusammengestellt sie sein mag, hat immer Stil. Lisa hat «Style»