2,99 €
Als bei einem grausamen Anschlag auf das Volk der Schutzengel auch Portias Beschützerin ums Leben kommt, wird die telepathische Hexe plötzlich von den Gedanken ihrer Mitmenschen überflutet. Ausgerechnet der Erzengel Raphael stellt sich als ihr neuer Beschützer zur Verfügung, doch er verlangt etwas von ihr, das Portia längst verlernt hat – bedingungsloses Vertrauen. Aber wie soll sie einem Mann vertrauen, der sie nicht in seine Gedanken blicken lässt? Und hat sie wirklich eine Wahl, solange der Attentäter noch auf freiem Fuß ist und sich jederzeit ein neues Ziel aussuchen könnte? Anmerkung: Es handelt sich um eine Neuauflage des 2016 unter demselben Titel beim Verlag LYX.digital erschienenen Buchs.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2021
(Band 1 der Mondfeuer-Reihe)
Vanessa Hillmann
Als bei einem grausamen Anschlag auf das Volk der Schutzengel auch Portias Beschützerin ums Leben kommt, wird die telepathische Hexe plötzlich von den Gedanken ihrer Mitmenschen überflutet. Ausgerechnet der Erzengel Raphael stellt sich als ihr neuer Beschützer zur Verfügung, doch er verlangt etwas von ihr, das Portia längst verlernt hat – bedingungsloses Vertrauen.
Aber wie soll sie einem Mann vertrauen, der sie nicht in seine Gedanken blicken lässt?
Und hat sie wirklich eine Wahl, solange der Attentäter noch auf freiem Fuß ist und sich jederzeit ein neues Ziel aussuchen könnte?
© 2021 Vanessa Hillmann
c/o Herberts Gnadenhof e.V.
Zaining 1
84332 Hebertsfelden
Umschlaggestaltung: © Guter Punkt, München / www.guter-punkt.de
Umschlagmotiv: © Guter Punkt unter Verwendung eines Motivs von conrado/shutterstock und thinkstock
Lektorat: Astrid Gärtner
Korrektorat: Sabine Weber
Anmerkung: Es handelt sich um eine Neuauflage des 2016 unter demselben Titel beim Verlag LYX.digital erschienenen Buchs.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Verlust eines nahen Angehörigen
Trauer
Der Tod stand neben Phobos Sullivans Körper und machte eine kurze, fließende Handbewegung in der Luft. Dann steckte er seine Hand wieder zurück in die Hosentasche seines weißen Anzugs und beobachtete mit gewohnter Routine, wie sich die Seele des Toten über seinem Körper manifestierte. »Hallo, Phobos.«
Der Geist sah zwischen seinem ehemaligen Körper, der bewegungslos auf dem Boden der Gasse lag, und dem Tod hin und her. »Oh nein«, seufzte er. »Ich bin tot, nicht wahr?«
»Das ist korrekt.«
Ein weiterer Seufzer. »Verdammt.« Er blickte zurück zu seinem Körper. »Wie ist das passiert? Und wie komme ich hierher? Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist, dass ich meine Schuhe angezogen habe, weil ich mich in der Bar mit ein paar Freunden treffen wollte …«
»Ich weiß es nicht. Die Seele vor deiner versuchte, mit mir zu diskutieren, daher kam ich erst hier an, als du schon tot warst.« Das geschah manchmal, wenn die Seelen, die der Tod abholen musste, versuchten, ihn zu überreden, ihnen ihr Leben zurückzugeben. Manche flehten ihn sogar an, doch das kümmerte ihn nicht. Er hatte kein Mitleid mit ihnen, war nicht in der Lage, Mitleid zu empfinden, so wie er nicht in der Lage war, überhaupt irgendetwas zu empfinden.
Und abgesehen davon, selbst wenn er ihnen ihr Leben zurückgeben wollte, könnte er es nicht. Es war nicht seine Aufgabe, zu entscheiden, wer lebte und wer starb. Er nahm nur jenen das Leben, die auf seiner Liste standen, und brachte ihre Seelen in die Totenwelt. Und dasselbe würde er nun mit Phobos Sullivan senior tun.
»Aber wenn du nicht gesehen hast, wie ich gestorben bin, und ich mich nicht daran erinnere, wie soll ich dann herausfinden, was passiert ist?«, fragte der Geist nun.
»Du wirst dich daran erinnern, wenn du so weit bist«, antwortete der Tod, denn er wusste, dass die frisch verstorbenen Seelen häufig vergaßen, wie sie gestorben waren. Wahrscheinlich eine instinktive Reaktion der Psyche. »Die Umstände deines Todes sind jedoch ohnehin irrelevant. Du kannst nichts mehr daran ändern. Du bist schon tot.«
»Ich weiß. Ich dachte nur …« Phobos senior schüttelte den Kopf. »Ich dachte nur, ich hätte mehr Zeit.« Diesen Satz hörte der Tod nicht zum ersten Mal. Das Überschätzen ihrer Zeit in der Welt der Lebenden war ein Fehler, den viele Wesen begingen. »Ich dachte, ich könnte Phoebe helfen, wenn die Zeit kommt, in der sie gebraucht wird. Wenn das Mondfeuer in ihr erwacht.«
Das Mondfeuer, das wusste der Tod, da er jede einzelne der vorherigen Inkarnationen persönlich in die Totenwelt gebracht hatte, war eine der ältesten Mächte, die existierten. Es manifestierte sich nur in jemandem, wenn den Welten eine große Gefahr drohte. Allerdings war die Inkarnation bis zum Eintreten dieser Gefahr nur ein normales magisches Wesen, das die Kraft des Mondfeuers zwar innehatte, sie aber noch nicht nutzen konnte. Genauso war es im Augenblick bei Phobos’ Tochter Phoebe. Sie trug das Mondfeuer in sich, doch es war sozusagen noch im Tiefschlaf.
»Du kennst dich doch mit dem Mondfeuer aus«, sagte Phobos senior nun. »Kannst du sie nicht ein bisschen im Auge behalten?«
Dem Tod waren das Mondfeuer und die magische Welt gleichgültig. Seine Existenz war nicht an die Magie gebunden, sondern an das Leben selbst. Solange es existierte, würde auch er existieren. Und wenn er irgendwann das letzte Leben genommen hatte, würde er ganz einfach aufhören, zu existieren. Doch den Tod kümmerte auch das nicht, denn er hatte keine emotionale Bindung zu seiner Existenz, wie sie viele Seelen offenbar zu ihrem Leben hatten.
Dennoch zog er in Erwägung, auf Phobos’ Bitte einzugehen, denn er hatte der vorherigen Inkarnation des Mondfeuers ein Versprechen gegeben – und im Gegensatz zu den meisten Lebewesen gedachte der Tod, sich an sein Versprechen zu halten. Wenn er die Situation richtig einschätzte, würde ihm dazu wohl ohnehin nichts anderes übrig bleiben, als zu beobachten, wie sich die Geschehnisse um das Mondfeuer und seine Inkarnation entwickelten. »Das werde ich.«
Phobos senior warf ihm einen Blick zu, den der Tod als verwirrt interpretierte, bevor er schließlich nickte. »Also … Danke. Mit deiner Zustimmung hatte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet. Aber dann bin ich jetzt wohl bereit, mit dir zu gehen.«
Da Phobos ihm keine Frage gestellt hatte, antwortete der Tod nicht, sondern führte seinen Geist schweigend durch den Limbus, eine Zwischenebene, und hinüber in die Totenwelt. Dort warteten bereits Phobos’ Vorfahren auf ihn, um ihn zu empfangen, wie es in dieser Welt üblich war, wenn ein weiteres Familienmitglied zu ihnen stieß.
Nachdem er damit seinen Auftrag erledigt hatte, kontrollierte der Tod die mentale Liste, die ihm all diejenigen zeigte, deren Leben bald zu Ende sein würde. Es war normal, dass die Namen auf der Liste sich ständig selbst aktualisierten, wenn er oder einer seiner untergebenen Todesengel eine Seele geholt oder das Schicksal über das Ableben weiterer Personen entschieden hatte. Ungewöhnlich war jedoch, dass nun nicht nur ein paar Namen, sondern knapp sechshunderttausend auf einmal auftauchten.
Der Tod kontrollierte es zweimal, um sicherzugehen, dass er sich nicht irrte – was ihm noch nie passiert war – und stellte fest, dass er das auch dieses Mal nicht tat.
Etwa sechshunderttausend Schutzengel würden in den nächsten zwölf Stunden sterben.
Raphael stand in seinem Wohnzimmer und sah durch die weite Glasfront, die ihm einen faszinierenden Blick über die Stadt Chi bot, die Hauptstadt der Welt der Schutzengel. Sie lag in einem ausgedehnten Tal zwischen vier Bergen, und auf dem Gipfel jedes Berges wohnte einer der vier Erzengel.
Er war einer von ihnen, und als solcher war es seine Aufgabe, diese Stadt, diese Welt und ihr Volk zu beschützen, so wie es die Aufgabe jedes Schutzengels war, seinen Schützling zu beschützen. Erst wenn ihr Schützling ins Bett ging, kamen die Engel zurück in ihre eigene Welt. Nachdem diese Schlafenszeit davon abhängig war, in welchem Teil der Menschenwelt der Schützling lebte, war Chi im wahrsten Sinne des Wortes eine Stadt, die niemals schlief, ihre Straßen und der Himmel darüber zu jeder Tages- und Nachtzeit bevölkert von Millionen von Engeln.
Raphael selbst hatte keinen Schützling, da er ein Erzengel war, doch er hatte sich entschieden, seinen persönlichen Rhythmus von Arbeit, Freizeit und Schlaf dem seiner Schwester Malaika anzupassen, die mit ihm in diesem Haus auf dem Gipfel des südlichen Bergs lebte. Im Moment wartete er darauf, dass sie nach Hause kam, damit sie miteinander zu Mittag essen konnten, denn diese Nacht war eine Tagnacht für sie, eine Nacht in der sie nicht schliefen, da es für die meisten Engel ausreichte, dies jede zweite Nacht zu tun.
Ein leises Flügelrascheln hinter ihm verriet Raphael, dass seine Schwester sich hereinteleportiert hatte. »Tut mir leid, dass ich zu spät bin«, entschuldigte sie sich und stellte sich neben ihn, den Blick ebenfalls auf die Engel gerichtet, die über der Stadt unter ihnen flogen, die unzähligen Flügel ein im Mondlicht schimmerndes Meer verschiedenster Farben.
Doch Raphael war der besorgte Tonfall seiner Schwester nicht entgangen. »Was ist passiert?«
Malaika seufzte. »Phoebe«, sagte sie und meinte damit ihren Schützling, »und Portia wollten gerade ins Bett gehen, als Phobos junior sich ins Haus teleportiert und ihnen erzählt hat, dass ihr Vater tot aufgefunden wurde, aber niemand weiß, was passiert ist. Er lag einfach da, als würde er nur ein Nickerchen machen.«
»Das ist seltsam.« Raphael schüttelte den Kopf. »Phobos senior war nicht nur ein Sullivan, sondern auch der Hüter der Ängste, so jemand fällt nicht einfach ohne Grund tot um.« Die Gabe, Ängste zu kontrollieren und zu manipulieren, lag schon seit Jahrhunderten in der Familie Sullivan und machte denjenigen, der sie innehatte, zum Hüter der Ängste und damit zu einem der mächtigsten Wesen der Welt. »Sie denken, er wurde umgebracht, nicht wahr?«
Aus den Augenwinkeln sah er Malaika nicken. »Ja, das vermuten sie. Aber er hatte keine offensichtliche Wunde oder irgendetwas, das erklären würde –« Der Rest ihrer Worte ging in einem ohrenbetäubenden Knall unter, der den Boden unter ihren Füßen zum Beben brachte. Ein gigantischer Feuerball, so groß wie Chi selbst, schien die Nacht zum Tag zu machen und verschlang dabei alles, das sich ihm in den Weg stellte.
Es dauerte nur eine Sekunde, doch für Raphael spielte sich alles in Zeitlupe ab. Mehrere Detonationen folgten der ersten, verteilt über das ganze Stadtgebiet. Gebäude um Gebäude, Leben um Leben verschwand in den Flammen, die sich unaufhaltsam ausbreiteten. Die Welle der Explosion riss erbarmungslos Hunderte Engel vom Himmel, hinab in den sicheren Tod. Die Hochhäuser, die das Feuer noch nicht erreicht hatte, fielen wie Kartenhäuser in sich zusammen, als die Druckwelle sie traf, und begruben jeden unter sich, der sich in ihrem Inneren befunden hatte. Direkt vor Raphael und Malaika zersprang die Glasfront in winzige Scherben, und die beiden wurden von der Wucht der Explosion zu Boden gerissen. Instinktiv breitete Raphael seine Flügel aus, um seine Schwester vor den Glassplittern abzuschirmen, die auf sie herabprasselten und in seinen Körper schnitten. Die Druckwelle war selbst hier oben noch so stark, dass Raphael wusste, dass kein Engel, der über der Stadt geflogen war, eine Chance gehabt hatte, zu entkommen.
»Bist du verletzt?«, fragte er, als er sich wieder aufrichtete und vorsichtig die Scherben aus seinen Flügeln schüttelte.
»Nein, mir geht es gut, aber du –«
»Das ist nichts«, unterbrach er sie. Seine Wunden waren schon dabei, zu verheilen. »Bleib hier.« Ohne auf ihre Antwort zu warten, drehte er sich um und flog hinaus in die Nacht, die nun taghell war, erleuchtet von einem Flammenmeer, das die ganze Stadt verschlang.
Der Geruch von geschmolzenem Stahl und verbranntem Fleisch kroch in seine Nase, als er flog, doch Raphael ignorierte das, seine Sinne auf der verzweifelten Suche nach irgendeinem Lebenszeichen in dieser brennenden Hölle. Gleichzeitig versuchte er, die anderen Erzengel über das mentale Band zu erreichen, das sie miteinander teilten. Nach wenigen Sekunden spürte er Mikhails Präsenz, gleich darauf Uriels, doch sie waren beide so gedämpft, dass Raphael wusste, dass die Erzengel bewusstlos waren.
Raphael, hörte er dann Gavriels Stimme in seinem Kopf, bist du in Ordnung?
Ja, antwortete Raphael, erleichtert, dass zumindest einer der anderen Erzengel bei Bewusstsein war. Du? Die Familie?
Mir geht es gut, und die Familie ist in Sicherheit. Ashtad ist noch bei ihrem Schützling und die Kinder sind in der Akademie.
Gut. Damit beendete Raphael die telepathische Kommunikation, denn er hatte jemanden inmitten der Flammen stehen sehen.
»Azrael!«, rief er den blonden Mann im weißen Anzug, der von dem Feuer nicht verletzt zu werden schien, obwohl es über seinen ganzen Körper kroch. Es war ein seltsamer Anblick, doch Raphael hatte schon erwartet, ihn hier anzutreffen. Schließlich war dieser Mann der Tod höchstpersönlich, Azrael nur der Name, den die Engel für ihn benutzten. Und natürlich konnte nichts, nicht einmal diese Hölle auf Erden, ihn davon abhalten, seine Arbeit zu tun.
Nun sah er auf. »Raphael.«
Raphael versuchte, ein Stück zu ihm hinab zu fliegen, doch die Flammen versengten die Spitzen seiner Flügel, als er ihnen zu nah kam. Fluchend benutzte er seine Kontrolle über das Element Feuer, eine Macht, die ihm im Blut lag, um es wieder zurückzudrängen. »Wie viele?«
»In etwa dreihunderttausend unmittelbar bei den Explosionen«, antwortete der Tod, nicht einmal eine Spur von irgendwelchen Emotionen in seiner Stimme. Diese Zahl, die Raphaels Brust schmerzen und sein Blut kochen ließ, war offensichtlich nichts als eben das für ihn – eine Zahl.
»Allerdings werden noch einmal ebenso viele innerhalb der nächsten Stunden sterben, die wahrscheinlich zu schwer verwundet sind, um geheilt zu werden. Was in den nächsten paar Tagen mit den übrigen Verletzten geschieht, ist noch nicht entschieden.«
Raphael atmete einmal tief durch und versuchte, den Schmerz über den Verlust so vieler Engel für den Moment in den Hintergrund zu drängen. »Ich brauche ihre Namen«, sagte er dann, denn er wusste, dass es niemandem helfen würde, jetzt um die Toten zu trauern. Jetzt musste er versuchen, Leben zu retten. Das Trauern musste warten. »Kannst du eine Liste an Malaika schicken?« Sie mussten wissen, wer tot war, damit sie Ersatzengel für die nun ungeschützten Schützlinge bereitstellen konnten, zumindest so viele wie möglich, denn die Zahl der verfügbaren Ersatzengel lag gerade einmal knapp über zweihunderttausend. Und mindestens genauso wichtig war es, auch wenn das grausam scheinen sollte, zu wissen, wer diese Nacht nicht überleben würde, damit die Heiler nicht ihre Kräfte an sie verschwendeten.
»Sie sollte sie in diesem Moment von einem meiner Untergebenen erhalten.«
Raphael nickte zum Dank, obwohl er keine Ahnung hatte, ob der Tod diese Geste überhaupt verstand, und flog wieder höher in den Himmel hinauf. Gavriel, wir müssen das Feuer stoppen.
Ich weiß, antwortete der andere Erzengel, aber ich kann meine elementaren Kräfte nicht einsetzen. Genau wie Raphael bis zu einem gewissen Grad Kontrolle über das Element Feuer besaß, konnte Gavriel die Luft kontrollieren. Ich würde jeden möglichen Überlebenden ersticken, wenn ich versuche, das Feuer zu ersticken.
Das mochte wahr sein, dachte Raphael, aber bedachte man die Zahlen, die der Tod ihm gerade genannt hatte, bezweifelte er, dass es überhaupt Überlebende in den Flammen gab. Ich fliege zu dir und helfe dir, das wird sowieso besser funktionieren, und wir haben eine größere Chance, Überlebende zu entdecken, wenn ich das Feuer erst zurückdränge, bevor du es erstickst. Und wir müssen versuchen, Mikhail wachzukriegen, wir könnten seine Wasserkräfte wirklich brauchen.
Gavriel sendete ihm mental seine Zustimmung, und so arbeiteten die Erzengel stundenlang Hand in Hand, löschten unermüdlich Flamme für Flamme, bis schließlich, als die Sonne am Horizont aufging, nicht einmal mehr ein Funke in der rauchenden Asche glühte, die über den Ruinen ihrer einst so lebendigen Hauptstadt lag.
Als Portia an diesem Samstagmorgen erwachte, spürte sie, dass irgendetwas nicht stimmte, noch bevor sie überhaupt die Augen aufgeschlagen hatte. Da war eine ungewohnte Leere in ihr, als würde ihr etwas Essentielles fehlen, doch gleichzeitig waren ihre magischen Sinne so überladen, dass es wie ein Tinnitus in ihren Ohren pfiff. »Was zur Hölle?«, murmelte sie verschlafen, setzte sich auf und hielt sich den Kopf, während sie versuchte, das Chaos in ihrem Inneren zu sortieren.
Zuerst fielen ihr die Ereignisse des gestrigen Abends wieder ein, und damit auch der Grund für diese Leere in ihr. Ihr Vater war nicht hier und er würde auch nie wieder zurückkommen. Dabei war er doch nur wie so oft an einem Freitagabend aufgebrochen, um sich mit seinen Freunden in einer Bar zu treffen. Aber dort war er nie angekommen. Stattdessen war er tot in einer Gasse liegend aufgefunden worden, weitab von seinem eigentlichen Weg. Niemand wusste, was er dort gewollt hatte, und wahrscheinlich würde er jetzt noch da liegen, wenn Portias und Phoebes älterer Halbbruder nicht den Moment seines Todes gespürt und die Werwölfe im Rathaus alarmiert hätte.
Danach war er zu ihnen gekommen und hatte ihnen die Nachricht überbracht. Portia hatte es nicht glauben können, nicht glauben wollen. Während Phoebe sofort geweint hatte, war Portia nur dagestanden wie in einer Schockstarre. Und irgendwie, ja, irgendwie hatte sie fest daran geglaubt, wenn sie heute Morgen aufwachte, würde sich herausstellen, dass sie alles nur geträumt hatte.
Aber so war es nicht. Der Tod ihres Vaters war kein Albtraum gewesen. Das machte die Leere in ihrem Inneren, wo sie sonst immer seine gutmütige Präsenz gespürt hatte, ihr schmerzhaft bewusst.
Portia schloss die Augen, atmete tief ein und versuchte, sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Wieso nahmen ihre magischen Sinne so viel wahr, dass sie sich regelrecht überladen anfühlten? Es war normal für sie, hier und da Gedanken und vor allem Gefühle anderer aufzufangen, aber nicht so stark wie heute. Sie konnte fühlen, wie aufgewühlt und ängstlich die Nachbarn waren, empfing so viele ihrer Gedanken, dass ihre Telepathie es gar nicht verarbeiten konnte und sie stattdessen nur einen Pfeifton hörte. Was war da nur los? Ob sie auch schon vom Tod ihres Vaters gehört hatten? Aber trotzdem hätten die mentalen Schilde, die Portias Schutzengel Seraphina für sie aufrechterhielt, doch das meiste abfangen und von ihrer bewussten Wahrnehmung fernhalten müssen.
In diesem Moment fiel es Portia wie Schuppen von den Augen. Die Leere, die sie gespürt hatte, war nicht nur die fehlende Präsenz ihres Vaters gewesen. Auch Seraphina fehlte in ihren Sinnen. Wie hatte sie das übersehen können?
Ein ungutes Gefühl stieg in ihrem Magen auf. Ihr Schutzengel verspätete sich sonst nie. Panisch tastete sie mental nach der Schützlingsbindung, die sie beide seit Portias Geburt verband – und fand sie nicht.
»Seraphina …«
Nein, das konnte nicht sein! Die Bindung war immer da gewesen, sie konnte sich nicht einfach auflösen. Es sei denn … War Seraphina etwas zugestoßen?
Portia versuchte, ruhig zu bleiben und logisch zu denken. Die einzige, die etwas über Seraphinas Verbleib wissen und ihr damit vielleicht helfen konnte, war Malaika, der Schutzengel ihrer Schwester. Aber, das verrieten ihr ihre magischen Sinne, Phoebe schlief noch, darum war Malaika noch nicht hier.
Zuerst wollte Portia ihre Schwester telepathisch wecken, doch etwas an Phoebes Präsenz fühlte sich seltsam anders an als bisher, und nach allem, das gestern passiert war und was sie heute Morgen schon von den Nachbarn wahrgenommen hatte, war sich Portia nicht sicher, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war.
Beunruhigt sprang sie aus dem Bett, rannte in den Flur und die Treppe hoch ins Dachgeschoss. Sie war schon fast oben, da blieb ihr rechter Fuß an einer Stufe hängen. Sie verlor das Gleichgewicht und fiel nach vorne, versuchte noch, sich irgendwie abzufangen oder festzuhalten, doch ihre Reaktion war viel zu langsam. Sie schlug unerwartet hart auf dem Boden auf, erwischte mit dem Knie noch die Kante der letzten Stufe, die sich spitz wie ein Messer anfühlte, und für einen Moment blieb ihr die Luft weg vor Schmerz.
Wie hatte sie nur so unvorsichtig sein können, ohne Seraphina einfach loszulaufen? Ja, auch in Anwesenheit des eigenen Schutzengels konnte man stürzen, denn sie konnten einen nicht vor allem beschützen, aber zumindest die gröbste Tollpatschigkeit konnten sie einem nehmen – und einen Teil des Schmerzes. Den Unterschied, den das machte, spürte Portia nun am eigenen Leib, und auf diese Erfahrung hätte sie gern verzichtet.
»Portia?«, kam Phoebes entsetzter Ruf aus der Richtung ihres Schlafzimmers. »Alles klar bei dir?«
Mühsam setzte Portia sich auf und zog sich am Geländer hoch, obwohl ihre Beine noch wacklig waren. »Es geht schon.« Sie sah hinüber zu ihrer Schwester, die mit zerzausten Haaren im Flur stand und sie besorgt musterte, und plötzlich war der Schmerz vergessen. »Heilige Trollkacke.«
Die Sorge im Blick ihrer Schwester wich Irritation. »Was?«
»Deine Augen … Phoebe, sieh in den Spiegel, deine Iris glüht förmlich.«
»Bist du sicher, dass du dir nicht den Kopf gestoßen hast?« Dennoch ging sie zurück in ihr Schlafzimmer und Portia folgte ihr vorsichtig.
»Meine Güte, du hast recht!« Ungläubig betrachtete Phoebe ihr Spiegelbild, wandte den Kopf und blinzelte ein paar Mal, doch das rötlich-braune Glühen blieb in ihren Augen. »Wir müssen sofort mit Vater reden. Es könnte das Mondfeuer sein, oder nicht? Er weiß bestimmt –« Sie brach den Satz ab, trat zurück zu ihrem Bett und setzte sich, den Kopf in den Händen.
Portia spürte ihren Schmerz, spürte, wie er sich zu ihrem eigenen hinzugesellte und ihr Herz schwer werden ließ. In ihren magischen Sinnen nahm sie auch Malaikas Anwesenheit wahr, doch wie üblich verbarg diese ihre Gefühle vor ihnen. Zum ersten Mal, seit ihr Halbbruder ihnen die Nachricht überbracht hatte, stiegen Portia Tränen in die Augen, doch sie wischte sie fort, bevor sie an ihren Wangen hinabrollen konnten, setzte sich neben Phoebe und nahm sie in den Arm. Sie musste stark sein und für ihre Schwester da sein, so wie ihr Vater immer für sie da gewesen war.
Er hatte sie fast allein großgezogen und zu den Hexen gemacht, die sie heute waren. Er hatte sie gelehrt, mit ihren Fähigkeiten umzugehen, sie richtig zu gebrauchen und für Gutes zu nutzen. Er hatte ihnen immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden, hatte auf alles eine Antwort gewusst oder ihnen geholfen, eine zu suchen, wenn er selbst keine gehabt hatte. Doch jetzt war er nicht mehr da, und was das bedeutete, begann Portia erst langsam zu begreifen.
»Wenn das Mondfeuer wirklich erwacht ist«, meinte Phoebe nach ein paar Minuten, »denkst du, dass Vaters Tod der Auslöser sein könnte?«
Portia überlegte einen Moment und versuchte, dabei ihre Trauer außenvor zu lassen und sich auf die magischen Tatsachen zu konzentrieren. »Ich weiß nicht …« Ja, er war der Hüter der Ängste gewesen, aber nach seinem Tod war diese Kraft – und damit die Ängste selbst – nicht freigesetzt worden, sondern auf ihren älteren Halbbruder Phobos junior übergegangen. »Rein von der magischen Seite betrachtet, denke ich nicht, dass sein Tod so große Auswirkungen hat.«
Vor ihnen entfalteten sich in der Luft zwei golden schimmernde, weiße Flügel und enthüllten eine Frau mit hüftlangen blonden Haaren. Phoebes Schutzengel. Ihre hellbraunen Augen wirkten traurig und ihre Gesichtszüge müde und erschöpft. »Der Tod eures Vaters allein vielleicht nicht, aber gestern Nacht ist noch etwas anderes passiert«, sagte Malaika mit belegter Stimme. »Es gab einen Anschlag auf die Schutzengel.«
Portia rutschte das Herz in die Hose. »Seraphina …?«
»Es tut mir leid, Portia. Sie ist tot.«
Eine halbe Stunde und eine Tasse Kaffee für Phoebe später betraten die beiden Schwestern die Eingangshalle des Rathauses von Shahr durch das riesige mittelalterliche Doppeltor, das wie üblich weit offen stand. Wie einige Gebäude in der Hauptstadt der magischen Welt kombinierte das Rathaus viele verschiedene Stile aus verschiedenen Jahrhunderten. Es gab zahlreiche römische und griechische Säulen, dazwischen gotische Fenster, kunstvolle Wandverzierungen und eine barocke Treppe, die ins obere Stockwerk führte. Für Archäologen und Architekten wäre es ein Paradies gewesen, doch heute war hier niemandem nach Jubel oder Begeisterung zumute.
Schon auf ihrem vorsichtigen Weg durch die Stadt – Portia hatte es tatsächlich geschafft, nur dreimal zu stolpern – hatte sich gezeigt, dass sich die Nachricht des Anschlags auf das Volk der Schutzengel verbreitet hatte wie ein Lauffeuer. Jeder, dem sie begegnet waren, redete darüber, fast jeder verspürte Angst, Anspannung oder Beunruhigung.
… tot …
… wer …
… Angst …
… passiert …
Portia drückte ihre Finger an ihre Schläfen und versuchte erfolglos, die Gedanken all dieser Leute um sie herum zu blockieren, doch ohne Seraphinas Energie für ihre Schilde waren ihre empathischen und telepathischen Kanäle weit geöffnet, und die Gefühle und Gedanken jeder Person in ihrer Nähe flossen ungehindert in sie hinein. Ihr Kopf war angefüllt mit Rauschen, geflüsterten Worten und einer Suppe von Emotionen, die ihr den Magen umdrehte.
Als sie endlich die große Treppe erreichten, wurden sie von einem jungen Werwolf namens Skoll begrüßt, der im Moment alle Hände voll zu tun hatte, die Menge davon abzuhalten, nach oben zu rennen.
»Gut, dass ihr da seid.« Seine verschiedenfarbigen Augen – eines blau, eines bernsteinfarben – wirkten sehr wölfisch in seinem menschlichen Gesicht und bildeten einen starken Kontrast zu seiner dunklen Haut. »Die anderen sind –« Er unterbrach sich und knurrte jemanden an, der gerade versucht hatte, an ihm vorbeizuschleichen, während er mit Portia und Phoebe sprach. Der Mann stolperte sofort rückwärts davon. »Wo war ich? Ach ja, die anderen sind im großen Besprechungszimmer.«
»Danke, Skoll«, sagte Phoebe, als sie an ihm vorbeiging, und Portia ließ sich von ihr mitziehen, ihre andere Hand am Geländer, um nicht noch ein zweites Mal an diesem Morgen die Treppe hinaufzufallen.
»Übrigens, Phoebe«, fügte Skoll noch hinzu und sein Tonfall verriet, dass er grinste. »Schicke Augen. Eiferst du mir nach?«
Phoebe lachte nur, und obwohl ihre Gefühle mittlerweile vor Portia verborgen waren, sah diese, wie bei Skolls gutmütigem Kommentar ein wenig Anspannung aus den Schultern ihrer Schwester wich.
»Und schickt mir Phobos hier runter!«, rief er ihnen nach, als sie schon oben angekommen waren. Als neuer Hüter der Ängste hatte ihr Bruder nun die Macht, diese zu kontrollieren. Das bedeutete, er konnte die Situation in der Eingangshalle entspannen, indem er den magischen Wesen, die sich dort tummelten, ihre Angst nahm oder sie zumindest so abschwächte, dass die Betroffenen allein damit umgehen konnten. Er könnte aber auch, und darum durfte diese Gabe niemals in falsche Hände geraten, genau das Gegenteil tun und damit viel Schaden anrichten.
»Machen wir.« Die beiden Schwestern betraten das Besprechungszimmer, in dem drei Personen an einem langen hölzernen Tisch saßen, der genauso mittelalterlich aussah wie die Tore zur Eingangshalle.
Eine dieser drei Personen war wie erwartet ihr Halbbruder Phobos. Er hatte die gleichen schwarzen Haare und blauen Augen wie ihr Vater, doch da endete die Ähnlichkeit zwischen ihnen auch schon. Sein Gesicht war schmaler, wie das seiner Mutter, von der er auch die vampirische Blässe geerbt hatte, die seine Haut so hell wirken ließ.
Neben ihm saß Skolls älterer Bruder Hati, neben diesem wiederum Nessie, eine große, schlanke Frau mit blutrotem Haar. Ihre Augen waren smaragdgrün und verrieten sofort, dass sie nicht menschlich war – obwohl sie das genau genommen schon war, zumindest zum Teil. Genau wie bei Portia und Phoebe war auch Nessies Mutter ein Mensch gewesen, während ihr Vater ein Zauberer gewesen war, doch sie waren beide schon vor über zweieinhalb Jahrtausenden gestorben.
Was Portia anging, so hatten die drei Personen in diesem Raum einen großen Vorteil: Sie waren genau wie Phoebe mächtiger als sie und konnten ihre eigenen Gedanken und Gefühle abschirmen, sodass Portia diese nicht hören oder fühlen musste, selbst wenn ihre Sinne wie jetzt auf vollen Empfang geschaltet waren. Ihr Empfang reichte sogar so weit, dass sie immer noch ein rauschendes Murmeln hören und die wilde Mischung der Gefühle spüren konnte, die aus der Eingangshalle heraufdrangen.
»Du bist auch betroffen«, erkannte Nessie sofort.
Portia nickte und war dankbar, die Worte nicht aussprechen zu müssen. Die Erkenntnis, dass sie Seraphina, die sie vom ersten Moment ihres Lebens an begleitet hatte, nie wieder sehen, nie wieder an ihrer Seite spüren würde, war noch zu frisch, zu schmerzhaft, um sie laut auszusprechen. »Und ich bin offensichtlich nicht die Einzige.« Sie stolperte zum erstbesten Stuhl. »Da unten ist die Hölle los.«
Phobos junior seufzte. »Wir versuchen schon die ganze Zeit, eine Lösung zu finden, wie wir allen Schutz bieten können, aber das ist nicht so einfach, wie es sich anhört.« Er deutete auf eine große Papyrusrolle auf dem Tisch, die jede Sekunde weiter anzuwachsen schien. »Das ist die Liste der toten und zum Sterben bestimmten Engel, die Malaika uns heute Morgen gebracht hat. Es werden immer mehr und mehr.«
Ein lautes Knurren hallte durch das Gebäude.
»Ehe ich es vergesse«, warf Phoebe daraufhin schnell ein. »Skoll braucht deine Hilfe da unten.«
Hati nickte zustimmend. »Ja, es wäre wirklich gut, wenn du die Leute etwas beruhigen und ihre Ängste mildern könntest. Oder mein Bruder wird noch den großen bösen Wolf spielen und jemanden fressen müssen, damit sie weggehen.«
Über Phobos’ Gesicht huschte ein Lächeln, doch es verschwand bei seinen nächsten Worten. »Ich wünschte, Vater wäre noch hier …« Dann verließ er den Raum und schloss die Tür hinter sich. Natürlich hätte er auch aus dem Besprechungszimmer heraus seine Kräfte nutzen können, doch es war besser, wenn er sich dabei in der Eingangshalle zeigte. Allein ihn dort zu sehen, würde das Volk ein wenig beruhigen, weil sie automatisch davon ausgingen, dass der Hüter der Ängste ihnen helfen konnte.
»Nichts für ungut«, begann Phoebe, als sie sich auf den frei gewordenen Stuhl ihres Halbbruders setzte, »aber es war nicht eure beste Entscheidung, Mr Verrückte-Augen da unten hinzustellen.«
Hati lachte bei dieser Beschreibung seines Bruders. »Eigentlich dachten wir, die Leute hätten Angst vor ihm und würden Abstand halten, wie sie das normalerweise tun, wenn er ohne seine Sonnenbrille unterwegs ist.« Die Augen waren gerade in der magischen Welt oft ein Indikator für die Macht eines Wesens, darum fürchteten die meisten den Werwolf mit den verschiedenfarbigen Augen, der bereits jetzt mit seinen 22 Jahren als kommender Alpha-Wolf seines Rudels gehandelt wurde. »Aber heute scheint ihre Angst davor, ungeschützt zu sein, größer zu sein als ihre Angst vor seinem Wolf.« Er lehnte sich nach vorn und legte in wölfischer Manier den Kopf leicht schief. »Wo wir gerade von verrückten Augen sprechen, deine glühen, falls es dir noch nicht aufgefallen ist.«
»Ihre Augen sind der Grund, warum wir hier sind«, erklärte Portia trocken. »Mir wäre es ja lieber gewesen, im Bett zu bleiben, bis ihr eine Lösung gefunden habt. Aber wir mussten unbedingt Nessie sehen.«
Hati fiel die Kinnlade herunter. »Es ist das Mondfeuer.« Er war einer der wenigen, die dieses Geheimnis kannten. »Es ist erwacht, nicht wahr?« Sein Blick wanderte zu Nessie, die, wie sie alle wussten, schon der letzten Inkarnation des Mondfeuers vor fast 600 Jahren helfend zur Seite gestanden hatte.
Die rothaarige Frau war einen Moment lang still und starrte in Phoebes Augen, als würde sie dort jemand anderen sehen. Dann kehrte der geschäftliche Ernst in ihr Gesicht zurück. »Ja. Jeannes Augen waren genauso, als damals das Mondfeuer in ihr erwacht ist.«
Sie hatte den Satz kaum beendet, da wurde ihre Unterhaltung von einer Präsenz unterbrochen, die den Raum von einer auf die andere Sekunde vollkommen ausfüllte und alles andere in Portias magischen Sinnen in den Hintergrund drängte.
Im nächsten Moment entfalteten sich vor ihren Augen wie aus dem Nichts vier Paar Flügel, die zuerst um etwas geschlungen zu sein schienen und sich dann aufspannten und so vier Männer enthüllten, die zuvor in den Flügeln verborgen gewesen waren wie Malaika, als sie sich vorhin sichtbar gemacht hatte.
Die Erzengel.
Der Anblick dieser vier Gestalten war atemberaubend. Wie sie einfach nur dastanden, ihre Flügel so majestätisch hinter sich ausgebreitet, wirkten sie zum einen so mächtig und doch zugleich so mystisch und geheimnisvoll, ja beinahe irreal.
»Gavriel, Uriel, Mikhail, Raphael«, begrüßte Nessie die Erzengel der Reihe nach. Diese antworteten mit einem Kopfnicken.
Portia musterte sie fasziniert. Der Erste war Gavriel. Seine ganze Erscheinung, von seinen Augen über seine Haare bis hin zu seinen Flügeln, war ein einziges Farbenspiel aus den verschiedensten Weiß- und Grautönen, doch das Grau wirkte keineswegs schmutzig oder alt, sondern besaß vielmehr einen silbrigen Glanz.
Der Nächste war Uriel, dessen braune Augen, Haare und Flügel schimmerten, als wären sie mit Bronzestaub bedeckt.
Neben ihm stand Mikhail, der auf den ersten Blick schneeweiße Flügel zu haben schien, doch tatsächlich wies jede Feder kleine blaue Schattierungen entlang der Federkiele auf.
Der Erzengel jedoch, an dem Portias Blick hängen blieb, war der Vierte von ihnen: Raphael. Seine Augen waren braun und durchzogen mit tausend winzigen, schimmernden Goldfäden verschiedenster Facetten. Auch in seinem Haar setzte sich das schillernde Farbenspiel der Goldfäden in jeder einzelnen Strähne fort, als würden sie darum konkurrieren, welche von ihnen am meisten glänzte. Wie alle Engel hatte er breite Schultern, die in starke, männliche Arme übergingen, und sein Oberkörper war muskulös gebaut, um seine beeindruckenden Flügel tragen zu können. Diese waren von einem unglaublich strahlenden Weiß, wobei jede Feder auf ihre eigene Weise noch weißer zu sein schien als die anderen, sodass es beinahe in den Augen wehtat, sie anzusehen, so hell strahlten sie.
Kurz gesagt, dieser Erzengel war das schönste Geschöpf, das Portia je gesehen hatte.
In dem Moment, in dem er seine Flügel im Besprechungszimmer entfaltet hatte, hatte der Alarm, der letzte Nacht in seinem Hinterkopf zum Leben erwacht und vor etwas mehr als einer halben Stunde schlagartig lauter geworden war, aufgehört, und Raphael hatte das eigenartige Gefühl, er wolle ihm damit sagen, dass er nun dort war, wo er sein sollte. Das machte überhaupt keinen Sinn für ihn – bis sein Blick auf die junge Frau fiel, die ihre hellbraunen Haare zu einem strengen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Ihre dunklen Augen wirkten so verfolgt und geplagt, dass er gewusst hätte, dass sie eine Telepathin sein musste, selbst wenn er sie nicht sofort als Portia Sullivan, die Schwester von Malaikas Schützling Phoebe, identifiziert hätte, die er bisher nur von Fotos kannte.
Ihr Schutzengel war Seraphina gewesen, doch Seraphina war tot.
Und jetzt reagierten Raphaels Beschützerinstinkte auf sie, drängten ihn dazu, zu ihr hinüberzugehen und seinen Platz hinter ihr einzunehmen, so wie Malaika hinter Phoebe stand. Er widerstand dem Drang, denn er wusste, diese Reaktion musste entweder ein Fehler seiner Instinkte oder eine Missinterpretation seinerseits sein. Denn geborene Erzengel hatten ganz einfach keine Schützlinge. Das war unmöglich.
Ein dumpfer Schmerz in seinem Hinterkopf folgte diesem letzten Gedanken.
»Gavriel, Uriel, Mikhail, Raphael.« Er nickte als Antwort auf Nessies Begrüßung und zwang seinen Blick weg von Portia, obwohl seine Aufmerksamkeit bei ihr blieb. Seine Instinkte waren sich jeder ihrer Bewegungen bewusst, jedes Atemzugs, jedes Herzschlags. Und er war sich bewusst, dass sie ihn immer noch anstarrte. Ob sie auch etwas spürte?
»Wie schlimm ist es?«, fragte Nessie nun.
»Was denkst du denn?«, antwortete Mikhail bitter, sein Schmerz und sein Ärger eine pulsierende Macht im Band der Erzengel. »Du hast die Liste gesehen.« Er nickte in Richtung der kontinuierlich wachsenden Papyrusrolle auf dem Tisch, die die Namen aller Schutzengel trug, die sie verloren hatten oder bald verlieren würden – einschließlich der Namen von Mikhails Eltern.
»Wir haben nicht einmal genug Ersatzschutzengel, um die Hälfte der Schützlinge der Toten zu versorgen«, fuhr Gavriel fort, »und dabei haben wir die Schützlinge der Engel, die zu schwer verletzt sind, um in absehbarer Zeit wieder arbeiten zu können, noch nicht mit einbezogen.«
Hati nickte. »Wir haben schon versucht, über eine durchführbare Lösung nachzudenken, aber wir können keine Möglichkeit finden, die Schützlingsbindung zu umgehen.« Die Schützlingsbindung war das unzerstörbare Band zwischen einem Engel und seinem Schützling, das dem Engel erlaubte, zu spüren, wenn Gefahr drohte, war es nun ein rutschiger Fußboden oder ein Autounfall.
Diese Verbindung war so tief in ihnen verankert, dass der Engel mit seinem Schützling starb, unfähig den Verlust des Bandes zu überleben, das von ihrem innersten Urinstinkt gebildet wurde. Der Schützling konnte diesen Verlust zwar überleben, aber ohne einen Schutzengel war es nur eine Frage der Zeit, bis er so unglücklich stolperte, dass er sich dabei das Genick brach.
»Es gibt keine Möglichkeit«, erklärte Uriel. »Die Bindung bildet sich aus, sobald ein Schutzengel Umgang mit seinem Schützling hat. Das können wir nicht aufhalten oder beeinflussen. Und selbst wenn wir das könnten, wäre es unsinnig, das zu tun, weil kein Schutzengel seinen Schützling ohne dieses Band richtig beschützen kann.«
»Was ist mit den Nephilim?«, schlug Nessie vor und meinte damit die Halbengel, die geboren wurden, wenn Engel mit anderen magischen Wesen oder sogar Menschen zusammen waren anstatt mit anderen Engeln. »Können wir sie nicht einsetzen, um einen Teil der Ungeschützten zu versorgen?«
Die vier Erzengel tauschten einen Blick. »Es wäre eine Möglichkeit«, sagte Gavriel.
Mikhail schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust. »Das Risiko ist zu groß. Wir wissen nicht, wie gut ihre Engelskräfte funktionieren.«
»Die meisten von ihnen waren auf der Akademie, sie haben dieselbe Ausbildung wie die normalen Schutzengel«, widersprach Uriel.
»Ich denke nicht, dass wir eine Wahl haben, Mikhail«, sagte Raphael ernst und versuchte, sich auf die Unterhaltung zu konzentrieren anstatt auf Portia, doch seine Instinkte waren immer noch auf sie fokussiert. »Wir müssen etwas tun, bevor es zu spät ist. Es mag ein Risiko sein, die Nephilim einzusetzen, aber wie Uriel gesagt hat, sie sind genauso gut ausgebildet wie normale Schutzengel. Sie verdienen schon lange eine Chance, sich zu beweisen, und es sieht so aus, als wäre jetzt die Zeit gekommen, ihnen diese Chance zu geben.«
»Wir sind seiner Meinung, Mikhail«, stimmte Gavriel zu.
Wir wissen nicht einmal, ob die Nephilim in der Lage sind, eine voll funktionsfähige Schützlingsbindung auszubilden, die es ihnen überhaupt erst erlaubt, wirklich auf ihren Schützling aufzupassen, wandte Mikhail telepathisch über das Band ein, das die Erzengel teilten.
Der Alarm in Raphaels Hinterkopf schaltete auf Alarmstufe Rot, und er wusste sofort und ohne Zweifel, dass das etwas mit Portia zu tun hatte. Sie griff sich mit beiden Händen an den Kopf und drückte die Finger gegen ihre Schläfen, ihre Augen zusammengekniffen, ihre Zähne aufeinandergepresst vor Schmerz. Ihre Herzfrequenz hatte sich so stark erhöht, dass es schon nicht mehr gesund sein konnte, und war ungleichmäßig, und ihr Atem war so gepresst, als müsste sie um jeden einzelnen Atemzug kämpfen.
Der Drang, zu ihr hinüberzugehen und sie vor dem zu beschützen, was diesen Schmerz in ihr auslöste, war unerträglich, doch Raphael zwang sich, seinen Blick wieder Mikhail zuzuwenden. Er wusste, er musste diese Meinungsverschiedenheit gewinnen, wenn er zumindest einige der Ungeschützten retten wollte. Wir können es nicht wissen, solange wir es nicht versuchen. Und selbst wenn ihre Schützlingsbindung nicht voll funktionsfähig, sondern nur im Ansatz da wäre, ist das immer noch besser als gar kein Schutz.
Zustimmung strömte von Gavriel und Uriel in das Band, bis Mikhail schließlich seufzte. Also gut, in diesem Punkt habt ihr recht. Trotz dieser Worte spürte Raphael immer noch seine Skepsis. Aber die Nephilim sind auch nur etwas mehr als einhunderttausend. Das ist nicht genug, nicht einmal, wenn jeder von ihnen sich dazu entscheidet, einen Schützling zu übernehmen. Das ist übrigens wieder etwas, das wir noch nicht mit Sicherheit wissen.
Die Nephilim sind zur Hälfte Schutzengel, vergiss das nicht. Es liegt ihnen im Blut. Und jeder Schützling, den wir retten können, ist ein Schlag in das Gesicht dieses feigen Attentäters. Sollte er jemals herausfinden, wer diese Person war, würde Raphael ihm mit Freude jedes Glied einzeln ausreißen, sowie die Druckwelle der Explosionen so viele seines Volkes buchstäblich auseinandergerissen hatte. Das war eine ungewöhnliche Fantasie für einen Erzengel, denn die Engel waren dafür bekannt, die friedfertigsten Wesen zu sein, die es gab, doch die vielen unschuldigen Leben, die durch den Anschlag ausgelöscht worden waren, schrien förmlich nach Vergeltung.
»Wir werden es mit den Nephilim versuchen«, sagte Mikhail laut. »Aber damit ist das Problem noch nicht gelöst. Uns bleiben immer noch etwa dreihunderttausend weitere dauerhaft Ungeschützte. Die Nephilim sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.«
Raphael fiel auf, dass Portia sich ein wenig entspannte. Ihre Hände fielen in ihren Schoß, doch ihr Gesichtsausdruck war erschöpft, ihr Herzschlag immer noch zu schnell. Da fiel ihm wieder ein, was seine Schwester ihm einmal über Portia erzählt hatte: Sie war nicht in der Lage, ihre mentalen Schilde ohne die Hilfe ihres Schutzengels aufrechtzuerhalten – und dieser Schutzengel war tot. Also war es seine telepathische Kommunikation mit den anderen Erzengeln gewesen, die ihr so viel Schmerz bereitet hatte …
»Ein Zauber könnte funktionieren«, schlug Malaikas Schützling Phoebe vor und unterbrach damit seine Gedanken.
Gavriel schüttelte den Kopf. »Dieser Zauber müsste zu viele Ungeschützte erreichen. Wir sind nicht mächtig genug für einen solchen Zauber.«
»Vielleicht müssen wir das nicht«, sagte Raphael. Es war eine grausame Entscheidung, die er da ansprach, doch sie war nötig. Sie konnten nicht alle retten, dieser Wahrheit mussten sie ins Gesicht sehen, auch wenn es wehtat. »Wenn wir die Ersatzschutzengel und die Nephilim ihren Schützlingen zuteilen, werden wir nicht nur alle auslassen, die schon auf Azraels Liste stehen, sondern auch alle, die eher früher als später darauf auftauchen werden.«
»Du sprichst von Kranken?«, fragte Uriel, seine Stimme nicht verurteilend, sondern nachdenklich.
»Ja. Und Alten. Auf diese Art und Weise müssten wir weitaus weniger Ungeschützte erreichen. So ein Zauber könnte uns gelingen, wenn wir zusammenarbeiten.«
Portia riss den Kopf hoch. Ärger war in ihren dunkelbraunen Augen zu erkennen. »Willst du etwa sagen, dass ihre Leben es nicht wert sind, beschützt zu werden, nur weil sie alt oder krank sind?«
Seine erste Absicht wäre gewesen, sie zu fragen, ob sie lieber die Engel aus den letzten Klassen der Akademie einsetzen und so die Neugeborenen der nächsten Jahre ungeschützt lassen würde, doch dann trafen sich ihre Blicke, und ein plötzliches Gefühl von absoluter Richtigkeit füllte seinen Körper und seinen Geist. Für einen Moment war es ihm unmöglich, zu denken, und dann war der Moment vorbei, und zurück blieb nur ein Gefühl, dass sich irgendetwas Grundlegendes in ihm verändert hatte. »Nein. Ich will sagen, dass sie sich, wenn du ihnen die Wahl lassen würdest, freiwillig dazu entscheiden würden, jemand anderen zu retten, weil sie wissen, dass ihnen ohnehin nicht viel Zeit bleibt.«
Portia öffnete den Mund, um zu antworten, doch Mikhail kam ihr zuvor. »Wir könnten auch die halb-menschlichen magischen Wesen ungeschützt lassen.« Nur Menschen und halb-menschliche Wesen wie die beiden Sullivan-Schwestern brauchten einen Schutzengel, magische Wesen ohne menschlichen Elternteil nicht, denn ihre magischen Grundinstinkte übernahmen die Schutzfunktion der Engel. Doch wie Nessie, deren Schutzengel seit fast zweieinhalbtausend Jahren tot war, gezeigt hatte, konnten auch halb-menschliche Wesen diese Instinkte von selbst so weit entwickeln, dass sie allein ausreichten.
»Hey, dir ist schon klar, dass ich eines dieser ungeschützten halb-menschlichen Wesen bin?«, fragte Portia aufgebracht.
Mikhail nickte. »Das ist mir durchaus bewusst. Aber deine Instinkte werden sich anpassen.«
Sie funkelte ihn böse an. »Du hast keine Ahnung, wovon du da sprichst!«
»Sie ist eine Sullivan, Mikhail«, sagte Raphael. Der bloße Gedanke daran, Portia ungeschützt und ohne Schilde zu lassen, verletzlich auf jeder Ebene, ließ einen plötzlichen Ärger in seinen Adern auflodern, bis er spürte, wie sein inneres Feuer in seine Augen stieg und die Goldfäden darin verflüssigte. »Und die Sullivans haben die Angewohnheit, Gefahren förmlich anzuziehen.« Jeder wusste, dass die Gabe der Angstkontrolle in ihrer Familie lag, darum gab es im Grunde in jeder Generation jemanden, der es auf ihr Leben abgesehen hatte, um die Ängste freizusetzen und die Welt so in nicht enden wollende Panik zu stürzen. Genau das würde passieren, wenn die drei noch lebenden Sullivan-Geschwister kinderlos starben, denn es gab niemandem mehr, der eng genug mit ihnen verwandt war, um die Kräfte zu erben. »Sie brauchen den besten Schutz, den wir bieten können. Oder warum haben unsere Eltern wohl damals Phoebe Malaika zugeteilt?«
»Die Sullivans sind aber auch eine der mächtigsten Familien in der Geschichte der Magie. Portia wird lernen, ihre menschliche Ungeschicklichkeit zu überwinden.«
»Aber dieser Prozess braucht zu viel Zeit.« Und jede Sekunde davon wäre eine Gefahr für ihr Leben. Er konnte und würde das nicht akzeptieren. Portia musste in Sicherheit sein. »Du kannst nicht einfach einen Schalter umlegen und, voilà.«
»Euch beiden ist doch klar, dass ich immer noch hier bin und dass es mein Leben ist, über das ihr da entscheidet, oder?«, unterbrach Portia ihn. »Sollte ich da nicht auch ein Wörtchen mitzureden haben?«
»Beruhige dich, Portia«, sagte Nessie sanft. »Ich denke nicht, dass du dir Sorgen machen musst.« Mit ernstem Blick wandte sie sich wieder den Erzengeln zu. »Ihr könnt die halb-menschlichen Wesen nicht ungeschützt lassen. Ich weiß, ihr denkt, das geht, weil ich ohne Schutzengel überleben kann, aber sie sind nicht wie ich. Ich hatte drei Jahrhunderte, bevor ich nach dem Fluch das erste Mal aus dem Loch Ness herausgekommen bin, und mein Schutzengel war zu diesem Zeitpunkt schon mindestens zwei Jahrhunderte tot. Also hatten meine Instinkte mehr als genug Zeit, sich in der Sicherheit des Sees an die neue Situation anzupassen. Die Ungeschützten heute haben weder so viel Zeit noch eine so sichere Umgebung.«
»Sie hat recht«, stimmte Gavriel zu, und das Feuer in Raphael beruhigte sich ein wenig. »Und davon abgesehen, denkt doch nur daran, wie es für die magische Welt aussieht, wenn wir die halb-menschlichen Wesen sich selbst überlassen. Es würde den Ruf unseres gesamten Volkes ruinieren.«
Darüber hatte Raphael nicht einmal nachgedacht, so sehr war er auf Portia fokussiert. Seinen Beschützerinstinkten war alles und jeder außer ihr vollkommen egal.
»Vielleicht müsst ihr niemanden komplett ungeschützt lassen, wenn ich euch bei dem Zauber helfe«, bot Phoebe an, und Raphael fiel erst jetzt das eigenartige Glühen in ihren Augen auf. »Ich bin schließlich die Inkarnation des Mondfeuers, und es ist letzte Nacht erwacht. Das muss doch irgendeinen Effekt auf die Stärke meiner magischen Kräfte haben.«
»Einen Versuch ist es wert«, sagte Uriel. Die Erzengel wussten über das Mondfeuer Bescheid, seitdem Nessie und Phobos senior nach Phoebes Geburt darum gebeten hatten, ihr einen besonders guten Schutzengel zukommen zu lassen. Das war ein weiterer Grund gewesen, warum ihr Malaika zugeteilt worden war.
»Aber zuerst müssen wir Kontakt mit den Nephilim aufnehmen und die Ersatzschutzengel zusammenrufen.« Mikhail drehte sich zu ihm um und warf Raphael einen genervten Blick zu. Dann kannst du ja sehen, ob du einen geeigneten Kandidaten für die Gefahr anziehende Sullivan-Hexe findest.
Raphael konnte sich nur mit Mühe davon abhalten, seine Hände zu Fäusten zu ballen. Erneut spürte er Portias Schmerz durch Mikhails Nutzung der Telepathie und sein Ärger über die respektlosen Worte seines Erzengel-Kollegen pulsierte in seinen Adern. Gleichzeitig durchzuckte ihn die plötzliche Erkenntnis, dass er niemand anderem, weder Engel noch Nephilim, erlauben würde, Portia zu beschützen. Das war seine Aufgabe. Er musste sie beschützen.
Nein. Nein, das konnte er nicht tun. Er konnte sie nicht beschützen, egal wie sehr seine Instinkte gegen seine Weigerung rebellierten, indem sie Schmerzen in seinem Kopf auslösten. Nein. Er war ein Erzengel. Und Erzengel hatten keine Schützlinge. Nicht, wenn sie nicht schon einen gehabt hatten, als sie unerwartet zum Erzengel wurden, weil das ältere Geschwisterkind, das der geborene Erzengel gewesen war, starb.
Doch diese Ausnahme traf auf ihn nicht zu. Er war der ältere, ein geborener Erzengel, und hatte dieses Amt von seinem Vater übernommen, als er alt genug dafür geworden war. Er hatte nie einen Schützling gehabt, war nicht dazu bestimmt, jemals einen zu haben. Seine Beschützerinstinkte sollten nicht so auf jemanden reagieren, und mit Sicherheit nicht so stark wie auf Portia.
»Gut, dann lasst uns gehen. Phoebe, wir melden uns, wenn wir anfangen, an dem Zauber zu arbeiten«, sagte er, während er versuchte, den Schmerz in seinem Kopf zu ignorieren. Er konnte nur hoffen, dass seine Instinkte, wenn er einmal von Portia weg und zurück in seiner Welt war, bemerken würden, dass sie einen Fehler gemacht hatten.
Denn er konnte einfach nicht tun, was seine Instinkte von ihm verlangten.
Er konnte nicht ihr Schutzengel werden.
Portia ließ ihren Oberkörper nach vorne fallen und stützte ihren Kopf in die Hände, während ihre Finger einen leichten Druck auf ihre Schläfen ausübten. Ihre Kopfschmerzen waren entsetzlich.
Sie hatten begonnen, als die Erzengel zum ersten Mal angefangen hatten, sich, wie Portia vermutete, telepathisch zu unterhalten. Sie hatten sich wieder ein wenig gebessert, als die Engel wieder laut gesprochen hatten, doch Sekunden bevor sie verschwunden waren, waren die Schmerzen wieder so stark gewesen wie vorher, ihr Kopf hatte sich angefühlt, als würde er jede Sekunde explodieren, und das heulende Pfeifen in ihren Ohren war so laut geworden, als stünde sie neben einem abhebenden Flugzeug.
Langsam, ganz langsam, wurde es wieder besser, jetzt, da die Erzengel nicht mehr hier waren, doch ihr Kopf tat immer noch höllisch weh.
»Alles in Ordnung bei dir?«, fragte Nessie besorgt.
Portia antwortete nicht, konnte nicht antworten. Der Schmerz war zu heftig, diese Mischung all der Gefühle der Wesen unten in der Eingangshalle wieder zu durcheinander, ihre Gedanken wieder zu laut in ihrem bereits verwirrten Geist. Während die Erzengel hier gewesen waren, waren diese Gedanken und Gefühle leiser und gedämpfter gewesen, unterdrückt von ihrer Präsenz.
Nein, nicht von ihrer Präsenz.
Von seiner Präsenz.
Von Raphaels Präsenz, so mächtig und so dominant in ihren Sinnen, dass alles andere in den Hintergrund gedrängt worden war. Sie hatte keine Ahnung, ob er das mit Absicht getan hatte oder ob er sich dessen überhaupt bewusst gewesen war. Und genauso wenig wusste sie, was sie davon halten sollte, hin- und hergerissen zwischen Dankbarkeit und einem intensiven Gefühl von Unbehagen in ihrer Magengegend.
Noch nie war jemand anderes als Seraphina in der Lage gewesen, ihre telepathischen und empathischen Sinne von den Gedanken und Gefühlen, die auf sie eindringen wollten, abzuschirmen, und heute hatte es ein Erzengel getan, den sie nicht einmal gekannt hatte, bis er sich in das Besprechungszimmer teleportiert hatte. Und er hatte es auch nicht auf die gleiche Art und Weise getan wie Seraphina, die immer Portias eigene Schilde mit ihrer Energie gespeist hatte, um sie aufrechtzuerhalten. Nein, Raphael hatte ihre Sinne mit seiner Präsenz gefüllt, bis sie sich davon überwältigt gefühlt hatte und … erstickt.
Dieses Gefühl war sogar noch stärker geworden, als er sie angesehen hatte, nachdem sie ihn empört angesprochen hatte, seine Präsenz hatte sich noch enger um sie gelegt, war in sie hineingekrochen, hatte sich in jede ihrer Zellen eingebrannt. Sie konnte ihn dort sogar jetzt noch spüren.
Seine Präsenz war tief in ihr zurückgeblieben, obwohl er schon vor über einer Minute verschwunden war – und das machte ihr einerseits fürchterliche Angst.
Doch andererseits machte es sie auch neugierig. Sie wollte mental nach Raphaels Präsenz greifen, wollte austesten, ob es nur ein zurückgebliebenes Echo war oder ob mehr dahinter steckte, wollte erforschen, was das alles zu bedeuten hatte. Hatte seine Präsenz auch etwas zu damit zu tun, dass sie den Blick nicht von ihm hatte abwenden können? Es war gar nicht ihre Art, einen Mann so anzustarren, auch nicht, wenn er so attraktiv war wie Raphael. Aber gerade eben war sie wie gebannt gewesen, fasziniert und irritiert zugleich von ihm und von ihrer eigenen Reaktion.
Vielleicht machte sie sich aber auch ganz umsonst Gedanken. Vielleicht würde dieses Gefühl seiner Präsenz genauso plötzlich, wie es gekommen war, auch wieder aus ihrem Kopf verschwinden. Vielleicht war in den letzten zwölf Stunden auch nur alles etwas viel für sie und ihre magischen Sinne gewesen.
Seine Beschützerinstinkte waren nicht sonderlich erfreut darüber, dass Raphael Portia ungeschützt zurückgelassen hatte, und bestraften sein unverantwortliches Verhalten mit Schmerzen. Die Alarmglocke in seinem Hinterkopf läutete und läutete, das Geräusch so schrill, dass es seine Trommelfelle irreparabel zerstört hätte, wäre es von außen gekommen und nicht aus seinem eigenen Inneren. Raphael versuchte, sowohl die Schmerzen als auch den Alarm zu ignorieren, doch das schien sie nur noch stärker, lauter, penetranter zu machen.
Erst als er und die anderen Erzengel sich am Nachmittag in das Haus der Sullivan-Schwestern in der magischen Welt teleportierten, nachdem sie mit den Nephilim und den Erzsatzschutzengeln fertig waren, hörte der Alarm schlagartig auf und der Schmerz reduzierte sich zu einfachem Kopfweh.
Natürlich hing das wieder mit Portia zusammen, denn er hatte unbeabsichtigt genau das getan, was seine Instinkte von ihm verlangten: Er war zu ihr zurückgekehrt, denn sie saß mit ihrer Schwester Phoebe, mit deren Hilfe sie sich nun an einem Schutzzauber versuchen wollten, im Wohnzimmer.
»Ich verschwinde dann«, sagte sie nicht einmal eine Zehntelsekunde, nachdem er seine Flügel entfaltet hatte.
»Warte, wo gehst du hin?«, fragte Phoebe verwirrt.
Portia zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, vielleicht gehe ich eine Runde klettern im Grand Canyon?« Sie rollte mit den Augen. »Natürlich in unser Haus in der Menschenwelt, wohin sollte ich wohl sonst ohne Seraphina gehen?«
Raphael wusste von seiner Schwester Malaika, die hinter dem Sofa stand, auf dem Phoebe saß, dass die beiden Schwestern ein zweites, identisches Haus in der Menschenwelt besaßen, in dem sie unter der Woche lebten. Das Haus in der magischen Welt, in dem sie nun waren, war nur das Wochenendhaus. Eine Idee ihres Vaters, damit seine Töchter in beiden Welten aufwachsen und leben konnten.
»Ich schätze, ich habe sowieso schon etwa zwanzig verpasste Anrufe, weil sie mich bei der Arbeit gebraucht hätten, damit ich mich um die ganzen traumatisierten Menschen kümmere, die in irgendwelche Unfälle geraten sind, weil sie sich unbedingt ohne Schutzengel auf der Straße herumtreiben müssen. Das kann nicht gut enden.«
»Du darfst diese Anrufe auf keinen Fall beantworten«, sagte Raphael, noch bevor er sich überhaupt bewusst war, diesen Gedanken formuliert zu haben, die Worte gesprochen von demselben Teil von ihm, der auch den stillen Alarm ausgelöst hatte. »Es ist zu gefährlich für dich, ungeschützt aus dem Haus zu gehen oder gar in die Stadt zu fahren. Du musst unbedingt zu Hause bleiben und extrem vorsichtig sein, bis wir Schutz für dich gefunden haben.«
Ein mentaler Tritt folgte seinen Worten auf dem Fuße. Seine Instinkte wollten ihn daran erinnern, dass ihr Schutz bereits gefunden war, dass er dieser Schutz war, und niemand sonst. Er hatte schon den ganzen Tag versucht, nicht auf diese innere Stimme zu hören und ihr einen der Ersatzschutzengel zuzuteilen, doch er hatte es einfach nicht geschafft. Seine Stimmbänder hatten die Worte nicht geformt, als würde jeder Teil von ihm gegen den bloßen Gedanken rebellieren, dass jemand anderes über sie wachen könnte.
Nun sah Portia ihn genervt an, doch er konnte spüren, dass hinter diesem Blick mehr steckte, allem voran Unbehaglichkeit und Angst, beides Gefühle, die seinen Instinkten gar nicht gefielen. Sie wollten, dass er sie ihr nahm, obwohl er keine Ahnung hatte, wie er das anstellen sollte, besonders da sie diese Gefühle ja ihm gegenüber hatte. Er wusste nicht, woher dieses plötzliche Wissen kam, aber er wusste, dass es stimmte. Sie hatte Angst vor ihm.
»Ich habe meinen Schutzengel verloren, nicht mein Gehirn«, konterte Portia. »Natürlich bleibe ich zu Hause.« Dann stürmte sie an ihm vorbei durch die Terrassentür nach draußen, zu der kleinen Gartenlaube, in der die Schwestern ihr Portal zur Menschenwelt versteckten. Sie rannte weg, wie Raphael in diesem Moment bewusst wurde, und es fühlte sich an wie ein Tritt in den Magen. Sie rannte vor ihm weg.
Kaum war sie verschwunden, kehrte der strafende Schmerz zurück, seine Instinkte zerrten an ihm, drängten ihn dazu, ihr zu folgen, egal wie ihre Gefühle ihm gegenüber auch aussehen mochten.
Nein, sagte er zu sich selbst, er konnte das nicht tun, nicht nur weil sie aus irgendeinem Grund offensichtlich Angst vor ihm hatte oder weil er ein Erzengel war, sondern weil er und seine Kollegen im Moment etwas anderes zu tun hatten, etwas, das Hunderttausende von Leben retten konnte, wenn es ihnen gelang. Für den Zauber, den sie geplant hatten, brauchte er all seine Kräfte und all seine Macht, jeden Funken seiner Konzentration. Er konnte nicht zulassen, dass seine offenbar verwirrten Instinkte ihn ablenkten, wenn so viele Leben auf dem Spiel standen.
Natürlich hatte Portia keineswegs vor, zu Hause zu bleiben. Sie wurde bei der Arbeit gebraucht, wie die entgangenen Anrufe – sogar zwei mehr als sie geschätzt hatte – deutlich zeigten. Allesamt waren von Keiko, ihrer besten Freundin bei der Polizei. Sie war ebenfalls eine Hexe, doch ihr besonderes Talent lag in der eher seltenen Kraft der Psychometrie. Das bedeutete, sie konnte in Gegenständen lesen, was mit ihnen geschehen war – eine äußerst nützliche Kraft als Polizistin.
Genau wie Portias Telepathie, doch sie hatte sich gegen eine richtige Polizeikarriere entschieden. Ihre mangelhafte Fähigkeit, ihre mentalen Schilde aufrechtzuerhalten, war in einem Außeneinsatz ein zu großes Risiko für sie. Gar nicht auszudenken, was passieren konnte, wenn mitten in einer Schießerei plötzlich alle Gefühle und Gedanken ihrer Kollegen und der gegnerischen Schützen auf sie einstürmten. Sie wäre so desorientiert und überfordert, dass sie ein leichtes Ziel abgeben würde.
Also hatte Portia sich für eine andere Methode entschieden, wie sie den guten Menschen helfen und die bösen hinter Gitter bringen konnte: Sie hatte Psychologie studiert und war nun als Psychologin bei der Polizei angestellt, um sowohl den Polizisten mit ihren Problemen oder nach traumatischen Situationen zu helfen, als auch bei Befragungen von Zeugen oder Tatverdächtigen etwas genauer hinzuhören, als die Ermittler das konnten.
Der Grund, warum sie heute gebraucht wurde, obwohl sie für gewöhnlich an den Wochenenden frei hatte, waren vermutlich die Opfer etlicher Verkehrsunfälle, ausgelöst durch all die ungeschützten Menschen auf den Straßen, die nun ihre Hilfe brauchten.
»Keiko, was ist los?«, fragte Portia nun, als sie den nächsten Anruf ihrer Freundin schließlich angenommen hatte. »Du weißt doch, dass ich am Wochenende in der magischen Welt bin und mein Telefon da keinen Empfang hat.«
»Ja, ich weiß, aber höre ich mich so an, als hätte ich Zeit für einen Abstecher in die magische Welt?«, konterte Keiko gehetzt. »Ich habe gerade mal genug Zeit, dich auf dem Weg zwischen zwei Büros anzuklingeln – Entschuldigung, Sir, nur eine Minute, ich bin gleich da!« Ein Seufzer. »Sag mir bitte, dass du Zeit hast, herzukommen. Wir hatten heute schon zwei Massenkarambolagen auf der Autobahn, und das ist nur der Gipfel des Eisbergs. Ich weiß wirklich nicht, was heute los ist.«
Offenbar war die Nachricht von dem Anschlag auf die Schutzengel bei den magischen Wesen, die in der Menschenwelt lebten, noch nicht angekommen. Kein Wunder, schließlich war es für sie normal, keinen eigenen Schutzengel und dadurch auch keinen Kontakt zu fremden Schutzengeln zu haben. Unter Keikos Freunden – zumindest denen, die Portia kannte – war sie die Einzige mit einem menschlichen und einem magischen Elternteil. »Es gab einen Anschlag auf die Schutzengel, bei der etwa sechshunderttausend von ihnen gestorben sind«, fasste sie kurz das Wichtigste für Keiko zusammen, obwohl es wehtat, die Worte so sachlich auszusprechen, als würden dahinter nicht sechshunderttausend aus dem Leben gerissene Seelen, trauernde Verwandte und Freunde und schutzlose Menschen stecken, die vielleicht auch noch ihr Leben verlieren könnten. Das Herz in Portias Brust schmerzte allein bei dem Gedanken daran, schmerzte noch mehr bei dem Gedanken an Seraphina. Wie sehr wünschte sie sich, sie könnte jetzt einfach aufwachen und feststellen, dass alles nur ein schlimmer Traum gewesen war. Doch leider ging das nicht. Was geschehen war, war die traurige Realität, und nichts konnte ihr ihren Vater und Seraphina wiederbringen.
Am anderen Ende der Leitung herrschte einen Moment lang Stille, bevor ein fassungsloses »Was?« erklang. Dann folgte ein tiefer Seufzer, während Keiko sich zu sammeln schien. »Das erklärt zumindest einiges …«
»Ja, und da ist noch etwas. Seraphina …« Portia schluckte schwer. »Sie ist auch tot. Ich bin im Moment also auch ungeschützt, darum würde ich mich nur ungern selbst ins Auto setzen.«
»Oh, Portia! Das tut mir so leid! Du musst natürlich nicht –«
»Doch, ich will euch helfen. Ich kann nicht untätig zu Hause sitzen.« Natürlich wäre es vernünftiger, keine Frage. Aber sie konnte es nicht. Und das nicht nur, weil es ihr ein schlechtes Gewissen gemacht hätte, ihre Freundin und die Menschen, die ihre Hilfe brauchten, im Stich zu lassen. Hier zu Hause waren auch die Erinnerungen an ihren Vater und an Seraphina überall, in jedem Zimmer, jedem Gegenstand. Das ertrug sie heute einfach nicht.
»Bist du sicher?«
»Ja. Ich halte es nicht aus zu Hause.« Hier gab es nichts, das sie von ihrem Schmerz ablenken konnte – und von Raphael. Seit sich im Rathaus von Shahr ihre Blicke getroffen hatten, hatte seine Präsenz sie nicht mehr losgelassen, war auch nicht aus ihren Sinnen verschwunden, nachdem die Erzengel in ihre Welt zurückgekehrt waren. Und als Raphael sich mit seinen Kollegen vor wenigen Minuten in das Wohnzimmer ihres Hauses in der magischen Welt teleportiert hatte, hatte sie sich wieder so eng um Portia geschlungen, dass es ihr beinahe die Luft zum Atmen genommen hätte.
Deshalb war sie so schlagartig geflüchtet. Sie hielt es nicht aus, in Raphaels Nähe zu sein, seine Präsenz war zu mächtig, zu allgegenwärtig, zu erdrückend. Selbst jetzt war sie immer noch da, wie ein Parasit, der sich in ihre Zellen gefressen hatte.
