Galatea - Vanessa Hillmann - E-Book

Galatea E-Book

Vanessa Hillmann

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Beschreibung

Die Geschichte des Monsters von Loch Ness Nach 2547 Jahren ist Nessie fest entschlossen, ihrem verfluchten Leben ein Ende zu setzen. Doch als die magische Welt von einem Attentäter bedroht wird und Nessie ihre alten Beziehungen spielen lassen muss, um ihm auf die Spur zu kommen, muss sie sich auch ihrer Vergangenheit stellen: Loge, Anführer der Feuerriesen, mächtig, temperamentvoll und brandgefährlich. Und der einzige Mann, den Nessie in ihrem viel zu langen Leben je geliebt hat. Seit ihrer Trennung versucht Nessie, ihre Gefühle für Loge zu ignorieren. Doch als Loges Feuer außer Kontrolle gerät, sind es genau diese alten Gefühle und die winzige Flamme der Hoffnung in ihr, die die Welt noch vor einem Hölleninferno retten könnten – und die Macht haben, Nessie und Loge in den Abgrund zu reißen …

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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GALATEA
Das Buch
Impressum
Triggerwarnungen
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Epilog
Der Anfang der Mondfeuer-Reihe
Über die Autorin
Danksagung
Herberts Gnadenhof e.V.
Triggerwarnungen

GALATEA

 

Ein Mondfeuer-Roman

 

(Band 2 der Mondfeuer-Reihe)

 

Vanessa Hillmann

Das Buch

 

Die Geschichte des Monsters von Loch Ness

 

Nach 2547 Jahren ist Nessie fest entschlossen, ihrem verfluchten Leben ein Ende zu setzen. Doch als die magische Welt von einem Attentäter bedroht wird und Nessie ihre alten Beziehungen spielen lassen muss, um ihm auf die Spur zu kommen, muss sie sich auch ihrer Vergangenheit stellen: Loge, Anführer der Feuerriesen, mächtig, temperamentvoll und brandgefährlich. Und der einzige Mann, den Nessie in ihrem viel zu langen Leben je geliebt hat.

 

Seit ihrer Trennung versucht Nessie, ihre Gefühle für Loge zu ignorieren. Doch als Loges Feuer außer Kontrolle gerät, sind es genau diese alten Gefühle und die winzige Flamme der Hoffnung in ihr, die die Welt noch vor einem Hölleninferno retten könnten – und die Macht haben, Nessie und Loge in den Abgrund zu reißen …

Impressum

 

 

 

© 2017 Vanessa Hillmann

c/o Herberts Gnadenhof e.V.

Zaining 1

84332 Hebertsfelden

 

Umschlaggestaltung: © Guter Punkt, München / www.guter-punkt.de

Umschlagmotiv: © Guter Punkt unter Verwendung von Motiven von thinkstock

Lektorat: Silvana Schmidt

Korrektorat: Sabine Weber

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

 

Triggerwarnungen

 

 

 

In diesem Buch werden sensible Themen behandelt.

Da sie jedoch teils extreme Spoiler enthalten, findet Ihr die Triggerwarnungen auf der letzten Seite des Buches.

Prolog

 

 

 

Die Zeit heilt alle Wunden. Wie oft hatte sie das schon gehört. Doch sie wusste es besser. Sie wusste, dass das nichts als eine Lüge war. Denn wenn überhaupt, dann machte die Zeit alles nur noch schlimmer.

 

Es geschah drei Monate nach Galateas siebtem Geburtstag. Sie spielte fröhlich am Ufer des Sees, an dem sie mit ihren Eltern wohnte, als vor ihr wie aus dem Nichts eine fremde Frau auftauchte.

Das kleine Mädchen sah sie mit großen Augen an. Noch nie hatte sie jemanden gesehen, der sich teleportieren konnte. Nicht einmal ihr Vater besaß diese Fähigkeit, und er war ein mächtiger Zauberer. Was für ein Wesen mochte diese Frau sein? Und was wollte sie hier? »Wer bist du?«

Die fremde Frau warf ihr einen hasserfüllten Blick zu, und Galatea wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, als sie auch auf mentaler Ebene von dieser Welle des Hasses überrollt wurde. »Vater!«, schrie sie ängstlich und rannte zurück zu der kleinen Hütte.

»Was ist denn, Gala–« Ihr Vater kam ums Haus und erstarrte, als er die fremde Frau erblickte. Mit ernstem Gesicht legte er eine Hand auf Galateas Schulter. »Geh bitte ins Haus, Galatea.«

Sie nickte und flüchtete in die Arme ihrer Mutter, die bereits im Hauseingang auf sie wartete. »Sie ist böse«, flüsterte Galatea ihr mit zitternder Stimme zu. Sie spürte die Angst und die Sorge ihrer Mutter über ihre empathischen Kräfte, die es ihr erlaubten, die Gefühle anderer wahrzunehmen. »Wer ist sie, Mutter?«

Ihre Mutter antwortete nicht, doch dafür begann ihr Vater zu sprechen. »Was willst du hier?«

Die fremde Frau kam näher und ignorierte seine Worte. »Einen kleinen Bastard hast du mit deinem Menschenweib also auch gezeugt«, sagte sie mit hörbarer Abscheu in der Stimme, die Galatea einen kalten Schauer über den Rücken jagte. »Du bist eine Schande für unser Volk.«

»Was willst du hier?«, wiederholte Galateas Vater und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ich werde deine Schande beseitigen.«

»Bist du sicher, dass es dir nicht nur um deine persönliche Rache geht, weil ich dich verlassen habe?«

»Du hast nicht nur mich verlassen, du hast die Magie verraten – für einen Menschen! So etwas muss bestraft werden.« Sie hob die Hand und ein greller Blitz schoss aus ihrer Handfläche, genau in Galateas Richtung. Ihre Mutter drückte sie fest an sich und drehte sie so, dass ihr eigener Körper als Schutzschild für den ihrer Tochter diente.

Doch der Blitz traf sie nicht. Als Galatea vorsichtig über die Schulter ihrer Mutter blickte, sah sie, dass ihr Vater ebenfalls eine Hand gehoben und so wahrscheinlich den Blitz mit einem eigenen abgewehrt hatte.

»Lass meine Familie in Ruhe!«, sagte er in einem todernsten Tonfall, den Galatea so noch nie von ihm gehört hatte. »Wenn du Rache willst, nimm mich.«

»Das hättest du wohl gerne, nicht wahr?« Ein eiskaltes Lächeln trat auf das Gesicht der fremden Frau, und dieses Lächeln hatte nichts Freundliches an sich, sondern transportierte nur puren Hass. »Aber so einfach werde ich es dir nicht machen.« Sie sah an ihm vorbei, direkt zu Galatea herüber, die sofort ihr Gesicht in den Haaren ihrer Mutter versteckte. »Komm her, kleiner Bastard.«

»Finger weg von meiner Tochter!«

»Halt dich da raus!«, fuhr die fremde Frau ihn an, und im nächsten Moment hörte Galatea, wie ihr Vater laut aufschrie vor Schmerzen.

»NEIN!« Der Körper ihrer Mutter verkrampfte sich um Galateas, und das kleine Mädchen spürte, dass ihre Mutter hin- und hergerissen war zwischen dem Drang, ihrem Mann beizustehen und ihre einzige Tochter zu beschützen.

»Komm raus, komm raus«, rief die fremde Frau mit zuckersüßer Stimme. »Du willst doch nicht, dass ich deinem geliebten Vater wehtue, oder?«

»Tu es nicht, Galatea – AH!«

Galateas Hände ballten sich so fest zu Fäusten, dass ihre kleinen Fingernägel schmerzhaft in ihre Handflächen schnitten. Dennoch wand sie sich aus dem Klammergriff ihrer Mutter. »Ich werde gehen«, murmelte sie, um ihre Mutter zu beruhigen, obwohl sie selbst so große Angst hatte wie noch nie zuvor in ihrem Leben.

»Nein, Galatea!« Ihre Mutter wollte ihre Hände wieder nach ihr ausstrecken, um sie zurück in ihre Arme zu ziehen, doch Galatea nutzte beinahe instinktiv ihre telekinetischen Kräfte, um sie abzuwehren.

»Tut mir leid, Mutter«, entschuldigte sie sich sofort. Sie hatte eigentlich versprochen, nie ihre Kräfte gegen ihre Eltern einzusetzen, doch sie konnte nicht zulassen, dass auch ihre Mutter sich in Gefahr begab. Ihre Mutter war nur ein Mensch, sie hätte keine Chance, sich gegen die fremde Frau zu wehren. Galatea wusste natürlich, dass auch sie selbst mit ihren sieben Jahren ihr unterlegen sein würde, aber vielleicht würde sie wenigstens von ihrem Vater ablassen, wenn Galatea sich ihr stellte.

Mit zitternden Knien setzte sie langsam einen Fuß vor den anderen und ging auf die fremde Frau zu.

Ihr Vater lag auf dem Boden und krümmte sich vor Schmerzen. »Geh wieder ins Haus, Galatea!«

Starr vor Angst blieb Galatea vor der fremden Frau stehen und schluckte. »Hör auf, meinem Vater wehzutun.«

Die fremde Frau lachte ein bösartiges Lachen, und Galatea hätte sich am liebsten auf der Stelle umgedreht, um zurück zu ihrer Mutter zu laufen, doch sie blieb, wo sie war. Ihr Vater sollte nicht ihretwegen leiden müssen. Sie ertrug es nicht, ihn schreien zu hören, während sie in den Armen ihrer Mutter in Sicherheit war.

»Sieh an, dein kleiner Bastard hat mehr Rückgrat als du.« Ihr Vater blieb schwer atmend am Boden liegen, als die fremde Frau den Arm senkte und damit offenbar den Zauber beendete, der ihm solche Schmerzen bereitet hatte. »Was hast du mit ihr vor?«, keuchte er.

»Ich werde sie zu dem machen, was sie ist.« Die fremde Frau sah Galatea mit einem Blick an, der ihr den Magen umdrehte. »Eine Missgeburt.«

Dann streckte sie Galatea beide Hände entgegen und sprach die Worte aus, die das Leben des siebenjährigen Mädchens für immer verändern sollten.

Doch Galatea hörte die Worte nicht mehr. Sie spürte nur eine Explosion entsetzlichen, quälenden Schmerzes in ihrem ganzen Körper, sie hatte das Gefühl, er würde von innen heraus zerreißen, als würde sie bei lebendigem Leib in Millionen kleine Stücke zerfetzt werden, bis ihr Körper in einer völlig neuen Form wieder zusammengesetzt wurde, bei der keine Zelle mehr da war, wo sie hingehörte.

Galatea hatte sich in eine Bestie verwandelt.

 

Diese Bestie sollte ihr später den Namen Nessie, das Monster von Loch Ness, einhandeln.

 

Und heute jährte sich dieser Tag zum 2540. Mal.

Kapitel 1

 

 

 

Langsam hob Nessie die Pistole und führte sie an ihre Schläfe. Das Metall des Laufs war kühl auf ihrer Haut. Ihre Hand war ruhig. Ihr Atem war gleichmäßig. Ihr Blick war starr auf den Spiegel an ihrem Schrank gerichtet.

Und ihr Finger war um den Abzug gelegt.

Sie musste ihn nur noch durchdrücken und ihr Leben wäre beendet. All die Qualen und das Leid wären vorbei. Der Fluch wäre gebrochen. Sie wäre frei.

Endlich frei.

Doch ihr Finger bewegte sich nicht.

So sehr sie es auch versuchte, so sehr sie es auch wollte, er rührte sich keinen Millimeter. Einige Minuten saß sie nur so da, mit Gewalt darauf konzentriert, den Abzug zu drücken.

Ohne Erfolg.

Sie konnte es nicht. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich zu sterben, und doch schaffte sie es nicht, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Frustriert und wütend auf sich selbst starrte sie ihr Spiegelbild an und erst jetzt fiel ihr auf, dass sie weinte.

»Warum?«, schrie sie verzweifelt und warf die Pistole gegen den Spiegel, der krachend in tausend kleine Scherben zersprang. »Warum kann ich es nicht …?«

 

Loge stand wie vereinbart am Fuße des Vulkans, der das Zuhause der Feuerriesen war, als er in der Ferne seinen Informanten entdeckte, einen Panoti.

Panoti waren Wesen mit schwachen magischen Kräften, aber dafür überproportional großen Ohren – sowohl körperlich als auch im übertragenen Sinne. Wenn in der magischen Welt etwas hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde, wussten es die Panoti keine fünf Minuten später. Aufgrund ihrer schwachen Kräfte erlangten sie schnell das Vertrauen anderer Wesen, die in ihnen keine Gefahr sahen, und sie waren Profis darin, sich unbemerkt irgendwo einzuschleichen – was der Panoti, der jetzt hier war, wieder einmal unter Beweis gestellt hatte, indem er sich an den Wachen vorbeigestohlen hatte.

Kurz gesagt: Die Panoti waren die perfekten Spione.

Loge war gespannt, welche Neuigkeiten sein kleiner Informant heute für ihn hatte. Denn wenn man den Berichten und Gerüchten der letzten Wochen glauben konnte, ging es in der magischen Welt gerade drunter und drüber.

Alles hatte noch recht unspektakulär mit einem Mord und einem versuchten Mord an zwei Mitgliedern der Familie Sullivan begonnen. Doch obwohl in der Magie dieser Familie eine mächtige Gabe weitergegeben wurde, die viel Unheil anrichten konnte, wenn sie in die falschen Hände geriet, wäre das allein noch kein Grund für Loge gewesen, die Situation genauer im Auge zu behalten.

Aber fast zeitgleich war noch etwas weitaus Schlimmeres geschehen: ein Bombenanschlag auf die Hauptstadt der Schutzengel. Hunderttausende ihres Volkes waren dabei gestorben, Unzählige verletzt worden, was auch für viele ihrer plötzlich unbehüteten Schützlinge – zumeist Menschen – den Tod bedeutet hatte.

Sollten diese Taten tatsächlich nichts miteinander zu tun haben, wäre das schon ein sehr großer Zufall. Und Loge glaubte nicht an Zufälle. Er vermutete vielmehr, dass hier jemand versuchte, größtmögliches Chaos anzurichten, um so selbst an die Macht zu kommen.

Dafür sprachen auch zwei weitere Taten, die dem Attentäter unterstellt wurden: Angeblich hatte er auch versucht, die Büchse der Pandora zu stehlen, und hatte den Erzengel Raphael angegriffen. Beides waren bisher nur Gerüchte, aber vielleicht konnte ihm der Panoti dazu nun Genaueres sagen.

»Was hast du für mich?«, fragte Loge, als der kleine Mann mit den großen Ohren, der ihm wie die meisten Wesen nur etwa bis zum Knie reichte, in Hörweite kam.

»Du erinnerst dich an die Gerüchte die Büchse der Pandora betreffend? Und den Angriff auf Raphael?«

Loge nickte. »Haben sie sich bestätigt?«

»Das nicht. Aber ich habe neue Gerüchte zu diesem Thema«, antwortete sein Informant. »Angeblich soll der Erzengel Mikhail beide Angriffe verübt haben. Manche glauben sogar, er hätte auch etwas mit dem Anschlag auf die Schutzengel zu tun.«

»Das kann ich mir nicht vorstellen.« Als Anführer der Feuerriesen wusste Loge, was es bedeutete, die Verantwortung für ein Volk zu tragen. Und Mikhail war ebenso wie Raphael ein Erzengel, einer der vier Anführer der Schutzengel. Sie waren sein Volk. Er hätte sie niemals angegriffen. Und auch nicht seinen Kollegen. Da musste mehr dahinterstecken.

»Ich sage ja, es sind nur Gerüchte. Aber Fakt ist, niemand hat ihn seither gesehen. Er ist wie vom Erdboden verschluckt. Es geht sogar das Gerücht um, dass er tot ist, vielleicht getötet durch den eigentlichen Attentäter, aber das halte ich für sehr unwahrscheinlich.«

Loge sagte nichts dazu, doch er teilte die Meinung des Panoti. Auch wenn es eine bekannte Charakterschwäche der Riesen war, alle anderen Wesen für minderwertig zu halten, war sich Loge bewusst, dass die Erzengel Macht besaßen und es nicht leicht war, sie zu töten. Darüber hinaus wäre es aufgefallen, wenn Mikhails jüngerer Bruder plötzlich seinen Platz als Erzengel eingenommen hätte, dieses Gerücht war also offensichtlich nicht wahr.

»Ein anderes Gerücht besagt, dass ein unbekannter Verrückter sein Unwesen treibt und hinter den Anschlägen steckt«, berichtete der Panoti weiter. »Angeblich hat er eine Art Gedankenkontrollkraft. Es heißt, dass er auf diese Weise Mikhail unter Kontrolle hatte, als dieser Pandora und Raphael angegriffen hat. Das scheint mir ehrlich gesagt am plausibelsten, aber das ist nur meine Meinung.«

»Interessant.« Langsam begann die ganze Geschichte, Sinn zu ergeben. Allerdings brauchte es schon ein sehr, sehr mächtiges magisches Wesen, um die Kontrolle über einen Erzengel übernehmen zu können …

»Welchen Standpunkt vertritt das Rathaus?« Das Rathaus der magischen Welt, das diese nicht regierte, sondern zwischen allen magischen Wesen vermittelte, hatte mit Sicherheit eine Meinung zu den Vorkommnissen. Wahrscheinlich kannte ein kleiner Kreis von Mitarbeitern sogar die Wahrheit, schließlich hatte auch der getötete Sullivan-Zauberer dort gearbeitet.

Darüber hinaus kannte Loge eine Person im Rathaus, die immer in Angelegenheiten wie diese involviert war – besonders wenn das Mondfeuer, eine der stärksten Mächte dieser Welt, mit von der Partie war. Und laut den Gerüchten, die man hörte, war das in diesem Fall so.

Wie es ihr wohl damit ging, wieder mit dem Mondfeuer zu tun zu haben, nachdem sie hatte mit ansehen müssen, wie die letzte Inkarnation dieser Macht auf dem Scheiterhaufen verbrannt war? Kam sie damit zurecht? Hatte sie jemanden, bei dem sie Halt finden konnte, wenn es sie zu sehr erschütterte?

Seine Hand ballte sich unwillkürlich zur Faust, als er daran dachte, dass ein anderer Mann das Recht haben könnte, ihr Fels in der Brandung zu sein, derjenige, zu dem sie kam, wenn ihre unglaubliche innere Stärke nicht mehr ausreichte.

»Aus dem Rathaus gibt es noch keine offizielle Aussage.«

Loge nickte und zwang sein inneres Feuer zur Ruhe. »Halte die Ohren offen und informiere mich, sobald du mehr weißt.«

 

Während alle um ihn herum in eine Diskussion darüber vertieft waren, wie sie sich in der Öffentlichkeit zu den Vorkommnissen um den Anschlag auf das Volk der Schutzengel und Mikhails anschließende Entführung durch den Attentäter äußern sollten, beobachtete der Tod, der durch seine Beteiligung an Mikhails Rettung ebenfalls zur Besprechung ins Rathaus gebeten worden war, aufmerksam die rothaarige Frau, die ihm gegenüber saß: Nessie.

Im Augenblick erklärte sie gerade, dass es ihrer Meinung nach am besten war, wenn Raphael derjenige war, der sich offiziell zu allem äußerte, da er wie Mikhail ein Erzengel und damit einer der Anführer des Volks der Schutzengel war, was ihn in dieser Situationen am glaubhaftesten erscheinen ließ. Dabei klang ihr Tonfall wie immer, wenn es um das Geschäft ging, ernst und durchdacht.

Der Tod beschäftigte sich erst seit kurzer Zeit aufmerksam mit der menschlichen Art der verbalen und nonverbalen Kommunikation, aber er kannte Nessie seit etwa zweieinhalb Jahrtausenden, sodass ihre Mimik, Gestik und Ausdrucksweise ihm durchaus vertraut waren. Dennoch fiel ihm heute nichts an ihr auf, das auch nur im Entferntesten vermuten ließ, was Nessie noch vor wenigen Stunden zu tun versucht hatte.

Aber der Tod wusste es trotzdem. Er hatte ihre Absicht vernommen, als sie es versucht hatte, ihren Willen, ihr Leben aufzugeben, ihren verzweifelten Wunsch, dass er bei ihr auftauchen und sie in die Totenwelt bringen würde. Er kannte das bereits von ihr, denn seit sie verflucht worden war, versuchte Nessie immer wieder, sich das Leben zu nehmen, doch es war ihr nie gelungen. Es schien irgendetwas in ihr zu geben, das jedes Mal verhinderte, dass sie den letzten Schritt tat, etwas, das verhinderte, dass der Tod in Ausübung seiner Pflicht zu ihr kommen musste.

Mal war sie näher am Erfolg, mal erreichte ihn kaum ihr Todeswunsch. Er wusste nicht, ob ihre Selbstmordversuche lediglich an Ernsthaftigkeit und damit an Intensität gewonnen hatten, sodass er es öfter bemerkte, oder ob Nessie es tatsächlich häufiger versuchte, aber ihm war in den letzten Wochen eine deutliche Zunahme ihrer Selbstmordversuche aufgefallen. So viele Versuche wie in letzter Zeit hatte er das letzte Mal vor über 500 Jahren von ihr vernommen, nachdem er ihr das Einzige hatte nehmen müssen, das sie an ihrem unnatürlich langen Leben hätte festhalten lassen.

»Gut, dann fasse ich noch einmal zusammen«, sagte Nessie schließlich und wiederholte, was die Gruppe soeben besprochen hatte. Raphael sollte sowohl im Namen des Rathauses als auch in seiner Funktion als Erzengel öffentlich Stellung zu der Situation nehmen. Der Inhalt dieser Stellungnahme hatte jedoch wenig mit der Wahrheit zu tun, um die Öffentlichkeit nicht in Panik zu versetzen. »Sind wir uns darin einig?«

Der Tod sah kurz in die Runde, während alle nickten, und kam zu dem Schluss, dass keiner von ihnen bemerkt hatte, wie verzweifelt und hoffnungslos Nessie war. Kein Wunder, sie war eine exzellente Schauspielerin, schließlich hatte sie zweieinhalb Jahrtausende Erfahrung darin, andere Leute über ihren Gemütszustand hinwegzutäuschen.

Es hatte etwas Ironisches an sich, dass gerade der Tod, der bis vor Kurzem nicht einmal verstanden hatte, was Gefühle überhaupt waren, der Einzige zu sein schien, der wusste, wie es wirklich in ihr aussah. Doch obwohl er ihren innersten Wunsch kannte, war er nicht in der Lage, ihn ihr zu erfüllen. Nicht, solange es nicht ihr Schicksal war.

»Dann kommen wir zu Punkt zwei«, fuhr Nessie mit geschäftlichem Ernst fort. »Da dieser Verrückte immer noch frei herumläuft und Mikhails Hinweis, bevor er wieder ins Koma gefallen ist, uns nicht weitergeholfen hat, werden wir leider nicht länger vermeiden können, die Anführer aller magischen Völker vor ihm zu warnen und sie zu befragen.«

»Das sage ich doch schon die ganze Zeit«, stimmte Phobos Sullivan junior zu.

»Nein, du sagtest die ganze Zeit, wir sollten die Bevölkerung warnen und miteinbeziehen, das ist etwas völlig anderes«, korrigierte Skoll Themba ihn. Da sie hier unter sich waren, hatte er seine verschiedenfarbigen Augen ausnahmsweise nicht hinter einer Sonnenbrille verborgen, sodass sie geradezu aus seinem dunkelbraunen Gesicht herausstachen. »Die Bevölkerung darf auf keinen Fall die Wahrheit erfahren, und das wissen die Anführer. Sie werden ihrem Volk nichts von dem sagen, was wir ihnen anvertrauen, weil sie genau wie wir keine Panik auslösen wollen.« Er und sein älterer Bruder Hati waren die Söhne des Alpha-Wolfs eines Werwolfrudels, daher wusste er, wovon er sprach.

»Ja, ja, schon gut«, winkte Phobos ab. »Nessie, du hast doch sicher gute Beziehungen zu einigen magischen Wesen, oder?«

»Kann man sagen«, nickte sie und zählte den Großteil der existierenden magischen Wesen auf, sodass sofort klar war, dass sie auch den Hauptteil der Arbeit machen würde.

Das überraschte den Tod nicht im Geringsten.

Die restlichen Wesen waren schnell verteilt, bis auf zwei, die offenbar Härtefälle darstellten, wie Pandora, die Hüterin der Büchse, es soeben genannt hatte. Als der Tod sie das letzte Mal gesehen hatte, waren ihre Haare noch schwarz gewesen, heute hingegen blond.

»Kennt einer von uns irgendjemanden, der einen guten Draht zu den Sirenen hat?«, fragte sie nun, und diese Frage war durchaus berechtigt, wie der Tod wusste, denn aufgrund ihrer Psychomanipulationskräfte vertraute fast niemand den Sirenen, was dazu führte, dass die meisten sich so weit wie möglich von ihnen fernhielten. Darum gab es so gut wie niemanden, der eng genug mit den Sirenen befreundet war, dass sie eine Warnung ernst nehmen würden.

Phobos schüttelte den Kopf. »Nachdem mein Onkel eine von ihnen geschwängert und dann umgebracht hat, sollte wohl besser kein Sullivan in die Nähe einer Sirene gehen.« Dem konnte der Tod nur zustimmen. Besagter Onkel, Deimos Sullivan senior, war damals aus Rache von einem der Sirenenmänner getötet worden.

»Ich kann mit ihnen reden«, bot der Tod an, obwohl so etwas normalerweise nicht in seinen Aufgabenbereich fiel. Rein logisch betrachtet war dies aber die vernünftigste Lösung.

»Du?«

»Ihre Kräfte wirken nur bei Lebenden. Da ich kein lebendiges Wesen bin, bin ich immun dagegen«, argumentierte er sachlich. Doch logische Argumente hin oder her, noch vor wenigen Wochen hätte er nicht einmal darüber nachgedacht, sich für so eine Aufgabe zur Verfügung zu stellen. Dass er es nun dennoch tat, war allein Phoebe Sullivan zu verdanken, die neben ihm saß. Sie war Phobos’ jüngere Halbschwester, ihre Verbindung der gemeinsame Vater, der das erste Opfer des Attentäters gewesen war.

»Gut, danke für deine Hilfe«, nahm Skoll das Angebot an, bevor Phobos etwas erwidern konnte. »Bleiben nur noch die Riesen.«

Ihm gegenüber zuckte Nessie sichtbar zusammen, doch außer dem Tod schien das niemandem aufgefallen zu sein, da alle immer noch Skoll ansahen, der fortfuhr: »Bei den Riesen bist du schon mal raus, Phobos. Dein vampirisches Temperament und ihre riesigen Egos sind keine gute Mischung.«

»Ihr seid alle raus«, sagte Nessie nun, und der Tod bemerkte, dass ihr Tonfall mit einem Mal lebloser klang. »Pandora, für dich wäre das Risiko zu groß. Und der Rest von euch, ihr seid alle Hybride. Die Riesen würden es als Beleidigung empfinden, zu einer Besprechung mit einem Mischwesen aufgefordert zu werden. Vermutlich würden sie gar nicht erst auftauchen. Und Schutzengel verdienen in ihren Augen keinen Respekt, da sie den Menschen dienen. Die Panoti können wir zwar dazu benutzen, die Riesen um ein Treffen zu bitten, aber sie ersetzen leider auch kein persönliches Gespräch. Außerdem wäre es fatal, wenn die Panoti die ganze Wahrheit kennen würden und nicht nur Gerüchte. Dann könnten wir es gleich auf dem Marktplatz verkünden.« Ihre Hand zog sich für einen Moment zusammen, als wollte sie sich zur Faust ballen, doch dann entspannte Nessie sie offenbar bewusst wieder. »Ich werde es machen müssen.«

»Du bist ebenfalls ein Hybrid«, stellte der Tod trocken fest. Wie Phoebe war auch Nessie keine reinblütige Hexe. Während ihre jeweiligen Väter Zauberer gewesen waren, hatten sie von ihren Müttern menschliches Blut mit auf den Weg bekommen.

»Aber die Riesen kennen mich.« Nun sah sie ihn zum ersten Mal an, und an ihrem Blick erkannte er, dass sie wusste, dass ihm ihr Selbstmordversuch nicht entgangen war. »Ich bin schon seit Jahrhunderten für sie zuständig. Aegir und Kari«, nannte sie die Anführer der Meer- und der Windriesen, »sind zumindest so weit, dass sie mich im Moment nicht umbringen wollen. Thrymir« – der Anführer der Eisriesen – »hasst mich, und das ist eigentlich noch untertrieben, aber er ist in der Unterzahl. Und mit Log– Mit dem Feuerriesen komme ich schon zurecht.«

Dass alle zustimmend nickten und die Besprechung sich daraufhin langsam auflöste, verriet dem Tod, dass niemand in diesen Worten gehört hatte, was er gehört hatte. Natürlich nicht, denn niemand kannte ihre Vergangenheit so gut wie er.

 

Nessie hatte gehofft, dass dieser Kelch an ihr vorübergehen würde, doch in dem Moment, in dem Skoll die Riesen erwähnt hatte, war ihr klar geworden, dass sie keine Chance hatte, dem zu entgehen. In den Augen der Riesen waren im Grunde alle anderen Wesen minderwertig, Mischwesen und Schutzengel erst recht.

Und der Tod … Was machte der eigentlich noch hier? Alle anderen waren doch bereits gegangen oder hatten sich wegteleportiert. Sie hatte gedacht – gehofft –, dass auch er verschwinden würde, um seine Arbeit zu tun.

»Du hast es heute Morgen wieder versucht«, stellte er trocken fest und sah sie an. Früher waren seine Augen schwarz gewesen, ein schwarzes Nichts, er selbst ein Wesen ohne Gefühle. Doch nachdem er mit Phoebe im Limbus, der Zwischenwelt zwischen dieser und der Totenwelt, gewesen war, um Mikhail zu retten, hatten seine Augen ein eigenartiges Dunkelblau angenommen – und sahen viel zu viel.

Nessie seufzte. Natürlich hatte er es gemerkt. Er merkte es fast jedes Mal, wenn sie es versuchte. »Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du viel weniger nervig warst, als du einfach nur unbeteiligt Seelen geholt hast und ohne Gerede wieder verschwunden bist?«

»Nein, du bist die Erste«, antwortete er sachlich auf ihre eigentlich rhetorisch gemeinte Frage, doch das war sie von ihm bereits gewohnt. »Du musst das nicht tun, Galatea«, sagte er dann, und Nessie zuckte unwillkürlich zusammen, als er ihren richtigen Namen benutzte. Fast niemand, der heute noch lebte, kannte ihn noch. Eigentlich nur die Drachen und die Riesen, doch mit ihnen hatte sie seit Jahrhunderten keinen Kontakt mehr gehabt. Hier im Rathaus hatte sie nur Phoebes Vater seit einiger Zeit so genannt, doch auch er war mittlerweile tot.

»Ich kann für dich mit den Riesen sprechen.«

So gern sie sein Angebot auch angenommen hätte, sie wusste, dass es nicht funktionieren würde. Also schüttelte sie langsam den Kopf. »Sie würden nicht auf dich hören.« Die Riesen waren die mit Abstand arrogantesten Wesen der magischen Welt. Sie hatten vor niemandem Respekt, nicht einmal vor dem Tod. Was vermutlich daran lag, dass sie bis zu zehntausend Jahre alt werden konnten.

»Werden sie auf dich hören?«, gab er zu bedenken.

»Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht.« Das wusste sie wirklich nicht. Sie wusste zwar, wie sie mit den Riesen reden musste, damit sie sich zumindest anhörten, was sie zu sagen hatte, aber ob sie auch darauf hören würden, war eine ganz andere Sache. »Aber ich muss es versuchen.«

»Mein Angebot bleibt gültig, falls du es dir anders überlegst.« Der Tod stand auf, steckte die Hände in die Hosentaschen seines unnatürlich weißen Anzugs und wandte sich zum Gehen – durch die Tür.

»Warte«, hielt Nessie ihn zurück, als er schon fast an der Tür war. »Wieso tust du das?«

»Ich versuche mir anzugewöhnen, Türen zu benutzen«, erklärte er. »Phoebe mag es nicht, wenn ich immer unangekündigt mitten im Raum auftauche und ebenso schnell wieder verschwinde.«

In Nessies Hals bildete sich ein Kloß. Obwohl sein Körper nur eine Illusion war und er nie wirklich ein Mensch sein würde, versuchte er, sich menschlicher zu verhalten. Für Phoebe. »Das habe ich nicht gemeint.«

Er sah sie für einen langen Moment an, und Nessie erkannte ein kurzes, helles Funkeln in seinen blauen Augen – eines der seltenen Zeichen, dass er nicht mehr so kalt war wie früher, obwohl sein ausdrucksloser Tonfall das vermuten ließ. »Wenn ich dir dein Leben nicht nehmen kann, wie du es dir wünschst, kann ich wenigstens versuchen, es dir zu erleichtern.«

Kapitel 2

 

Ca. 200 Jahre v. Chr.

 

Die kleine Hütte, in der Galatea bis zu diesem schicksalhaften Tag mit ihren Eltern gelebt hatte, war verlassen und von Wind und Wetter verwüstet, als es Galatea in einer sternenklaren Vollmondnacht das erste Mal gelang, wieder ihre menschliche Gestalt anzunehmen und den See zu verlassen, in dem sie sich versteckt gehalten hatte.

Galatea wusste nicht genau, wie viel Zeit sie in diesem See verbracht hatte. Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Ihre einzigen Anhaltspunkte waren ihre Eltern gewesen, doch die waren längst tot. Galatea vermutete deswegen, dass sie selbst in ihrer Menschengestalt nun auch alt und grau war, doch im Augenblick konnte sie das noch nicht kontrollieren. Jede einzelne Zelle ihres Körpers bestand nur aus purem, erbarmungslosem Schmerz, ausgelöst durch die Verwandlung und die nach so langer Zeit so ungewohnte menschliche Form.

Galatea fiel am Ufer des Sees auf die Knie, stützte sich auf ihre Hände und rang keuchend nach Luft. Sie wusste, sie durfte nicht in Ohnmacht fallen. Sie musste wach bleiben, musste ihre Konzentration behalten, damit sie nicht wieder zu der Gestalt wurde, die sie seit diesem verhängnisvollen Tag gewesen war.

Langsam beruhigte sich ihre Atmung, und es gelang Galatea schließlich, die Augen wieder zu öffnen, die sie vor Schmerzen zugekniffen hatte. Sofort fiel ihr Blick auf ihre Hände. Sie waren etwas größer, als sie sie in Erinnerung gehabt hatte, doch sie waren immer noch klein, ihre Haut glatt. Es waren Kinderhände.

Aber das war unmöglich. Sie hatte vom See aus mit angesehen, wie ihre Eltern alt geworden waren und der Tod sie geholt hatte, sie konnte also kein Kind mehr sein.

Auf allen vieren drehte Galatea sich um und kroch zurück zum Wasser. Dann lehnte sie sich nach vorne, bis sie schwach ihr Spiegelbild auf der dunklen, vom Mond beschienen Oberfläche des Sees erkennen konnte. Ein etwa zehnjähriges Mädchen starrte sie aus großen, selbst in diesem Licht smaragdgrün funkelnden Augen an, ihre immer noch nassen roten Haare fielen in wilden, ungezähmten Locken bis hinunter zur Wasseroberfläche.

Galatea zog den Kopf zurück und blieb fassungslos auf dem kühlen Boden sitzen, die Beine von sich gestreckt. Sie konnte nicht glauben, was sie gesehen hatte. Dieses Mädchen – das konnte unmöglich sie sein.

Langsam hob sie ihren Arm und betrachtete noch einmal ihre Hand. Die Hand eines Kindes. Galatea ließ den Arm wieder sinken und folgte ihm mit ihrem Blick, um an ihrem Körper hinabzusehen. Sie trug dasselbe Gewand, das sie damals getragen hatte, doch es reichte ihr nicht mehr bis zu den Füßen, sondern nur bis zur Hälfte ihrer Schienbeine. Ihre Füße selbst waren nackt – und klein. Kinderfüße.

Aber wie war das nur möglich? Es konnten nicht nur ein paar Jahre vergangen sein. Dann wären ihre Eltern nicht alt geworden und gestorben, sondern immer noch jung und am Leben. Aber wenn mehr Zeit vergangen war, wieso sah ihr Spiegelbild dann aus, als wäre sie kaum älter geworden?

Hatte der Fluch etwa noch mehr an ihr kaputtgemacht, als sie gedacht hatte?

Kapitel 3

 

 

 

Nachdem ihre Schwester mit Raphael nach oben gegangen war, um telepathisch mit den anderen Erzengeln in Kontakt zu treten, begann Phoebe, unruhig im Wohnzimmer auf und ab zu laufen. Dieses dunkle, schwere Gefühl, das sie im Rathaus wahrgenommen hatte, ließ ihr keine Ruhe. »Tod?«, sagte sie schließlich laut und wartete.

»Phoebe.« Seine vertraute, neutrale Stimme – natürlich hinter ihr. Er schaffte es immer wieder, hinter ihr aufzutauchen, sodass sie sich jedes Mal aufs Neue erschreckte.

Mit einem tadelnden Blick drehte sie sich zu ihm um. Er stand im Türrahmen zur Küche. »Du sollst dich nicht immer so anschleichen.«

»Ich schleiche nicht«, korrigierte er. »Die Definition von sich anschleichen beinhaltet die Tatsache, dass der Überraschte nichts von demjenigen weiß, der sich ihm genähert hat. Du hingegen hast mich hergerufen, daher solltest du damit rechnen, dass ich auftauche.«

Phoebe verdrehte die Augen, sagte jedoch nichts weiter dazu, sondern setzte sich auf die Couch. Dem Tod bot sie keinen Platz an, da sie wusste, dass Sitzen für ihn nicht von Bedeutung war. Er war kein Mensch, sein Körper nur Illusion, sodass er keine Müdigkeit oder Erschöpfung verspüren konnte, die ihn dazu gezwungen hätten, sich zu setzen.

Zu Phoebes Überraschung nahm er dennoch im Sessel ihres verstorbenen Vaters Platz. »Warum hast du mich gerufen?«

»Es geht um Nessie«, kam sie gleich auf den Punkt, da sie bei ihm nicht lange um den heißen Brei herumreden musste. »Ich habe heute so ein ganz eigenartiges Gefühl von ihr gespürt. Zumindest glaube ich, dass es von ihr gekommen ist … Und mir ist aufgefallen, dass du sie beobachtet hast.« Während der gesamten Unterhaltung hatte er unentwegt Nessie angesehen, als würde er etwas an ihr beobachten, das niemand sonst bemerkt hatte.

»Und jetzt hoffst du, dass ich deine Vermutung hinsichtlich des Gefühls bestätigen kann«, schloss er.

Phoebe nickte. »Kannst du das?«

Erstaunlicherweise antwortete er nicht auf ihre direkte Frage, sondern stellte ihr stattdessen eine Gegenfrage, was Phoebe mehr als stutzig machte. »Was hast du gespürt?«

Sie beschrieb ihm, so gut sie konnte, was ihre Empathie wahrgenommen hatte, obwohl es ihr schwerfiel, Worte dafür zu finden. Es war eine unterschwellige und dennoch bleierne Schwere gewesen, die sich auf ihre empathischen Sinne gelegt hatte, sodass sich die ganze Welt mit einem Mal trist und düster angefühlt hatte. Eine Traurigkeit, die so tief saß, dass sie eigentlich kein Gefühl mehr war, sondern vielmehr ein dunkler Schleier, der alles grau und farblos gemacht hatte. »Also, was sagst du? Dir ist doch auch etwas an ihr aufgefallen, sonst hättest du sie nicht die ganze Zeit so aufmerksam beobachtet.«

»Du hast recht. Ich habe in der Tat ihre Körpersprache beobachtet«, gab der Tod zu. »Ihr Menschen redet sehr viel mit eurer Mimik und Gestik.«

Ein kurzes Lächeln huschte über Phoebes Gesicht. »Schön, dass dir das auch endlich auffällt.« Dann wurde sie wieder ernst. »Also? Was hat ihre Körpersprache dir gesagt?«

Der Tod schwieg einen Moment, bevor er antwortete. »Dass es ihr heute nicht gut geht«, sagte er schließlich, doch für Phoebe hörte sich das nach einer sehr diplomatischen Wortwahl an. Das bestätigte auch der helle Schimmer, der kurz in seine blauen Augen trat.

Also steckte noch mehr dahinter. Etwas, das er ihr nicht sagen wollte. Oder vielleicht hatte er Nessie auch versprochen, es niemandem zu sagen. Phoebe wusste, dass er sie seit zweieinhalb Jahrtausenden kannte und darum ihr gegenüber ein hohes Maß an Loyalität besaß – auch wenn er das natürlich niemals zugeben würde. Aber das war kein Grund für Phoebe, eifersüchtig zu sein. Ganz im Gegenteil, sie war froh, dass er zu einer so tiefgehenden Loyalität fähig war, denn es war eines der wenigen Dinge an ihm, die zeigten, dass er nicht so gefühllos war, wie er selbst es offenbar dachte.

»Dann könnte es also tatsächlich sein, dass dieses Gefühl von ihr gekommen ist?«

»Das halte ich für sehr wahrscheinlich.«

Phoebe schwieg und wandte den Blick nachdenklich zu Boden. Einerseits wollte sie den Tod nicht weiter über Nessie aushorchen, aber andererseits hatte sie ein ganz schlechtes Gefühl bei der Sache, als würde bald etwas Schlimmes passieren. »Du würdest doch merken, wenn ihr etwas passiert, oder?«, fragte Phoebe und sah wieder auf.

»Nur sofern sie dabei ihr Leben verliert«, grenzte der Tod ein, und wieder war in seinen Augen kurz ein Schimmern zu erkennen.

Phoebe nickte und beschloss, es für heute dabei zu belassen. Er hatte sie gewarnt, als Mikhail im Sterben gelegen hatte. Sie vertraute ihm, dass er das auch bei Nessie tun würde, sollte ihr Bauchgefühl sich tatsächlich als begründete böse Vorahnung herausstellen.

Und solange sie nicht durch eine Traumvision einen genaueren Hinweis bekam, blieb ihr sowieso nichts anderes übrig, als abzuwarten. Auch wenn es ihr schwerfiel.

 

Loge war nicht überrascht, seinen Informanten bereits nach zwei Tagen erneut zu treffen. Es überraschte ihn auch nicht, dass der Panoti ihm von einer öffentlichen Stellungnahme des Rathauses zu den Ereignissen um den Erzengel Mikhail berichtete, schließlich war das längst überfällig gewesen. Der Inhalt der Stellungnahme war allerdings eine Überraschung. Angeblich hatten die Ermordung von Phobos Sullivan senior und der Mordversuch an seinem Sohn Phobos junior nichts mit dem Anschlag auf die Schutzengel zu tun, sondern waren nur zufällig zur selben Zeit passiert. Und Mikhail war laut Aussage des Rathauses verschwunden, weil er den Attentäter verfolgte, der sein Volk angegriffen hatte.

Das klang für Loges Ohren sehr danach, als wollte das Rathaus die ganze Angelegenheit herunterspielen. Was die Frage aufwarf, wie brenzlig die Situation wirklich war. Doch bevor Loge sich darüber Gedanken machen konnte, überraschte der Panoti ihn mit einer weiteren Nachricht, die all seine Sinne sofort in höchste Alarmbereitschaft versetzte und zugleich sein Herz schneller schlagen ließ. »Das Rathaus hat mich außerdem darum gebeten, dir eine Einladung zu überbringen. Es bittet alle Anführer der Riesengeschlechter um ein Treffen auf neutralem Land.«

Das war ungewöhnlich. Die Lage schien tatsächlich deutlich ernster zu sein, als die öffentliche Stellungnahme des Rathauses die Allgemeinheit glauben machen wollte. Das bekräftigte das Gerücht, dass das Mondfeuer wieder aktiv war. Als er, seine Halbbrüder und dieser Trottel von Eisriese sich vor fast 600 Jahren, 1429, auf Wunsch des Rathauses getroffen hatten, hatte sich herausgestellt, dass die damalige Inkarnation des Mondfeuers, Jeanne d’Arc, sich bald in den Hundertjährigen Krieg einmischen würde.

Loge nickte und musste sich zwingen, beim Thema zu bleiben, obwohl seine Gedanken, seit der Panoti das Rathaus in einem Atemzug mit einem Treffen erwähnt hatte, nur noch um eine einzige Person kreisten. Eine Person, die vor mehr als einem halben Jahrtausend sein Herz gestohlen und es nie zurückgebracht hatte. »Hat das Rathaus einen Termin vorgeschlagen?«

»In zwei Tagen. Dienstag, acht Uhr am Morgen.« Das war genau die Zeit, die er und seine Brüder sich seit zwei Jahrtausenden jede Woche für kurzfristige Besprechungen freihielten. Dass das Rathaus genau diese Zeit vorgeschlagen hatte, konnte Zufall sein – oder jemand, der die Riesen sehr gut kannte, hatte diesen Vorschlag gemacht.

Es würde wehtun, sie nach so vielen Jahrhunderten wiederzusehen, aber er brachte es nicht über sich, Surtur an seiner Stelle zu schicken. Er musste sie mit eigenen Augen sehen. Sehen, dass es ihr gut ging.

»Richte ihnen aus, ich akzeptiere.«

Kapitel 4

 

Ca. 100 Jahre v. Chr.

 

Schwach schleppte sich Galatea in das kleine Dorf unweit des Sees, der ihr als Versteck diente, wenn es ihr nicht länger gelang, ihre menschliche Gestalt beizubehalten. Fast ein Jahrhundert, nachdem sie den See zum ersten Mal wieder verlassen hatte, schaffte sie es schon ein paar Tage lang, sich nicht zurückzuverwandeln, doch wie lang genau war jedes Mal unterschiedlich. Es hing davon ab, wie gut ihre Konzentration war und wie viel Kraft sie hatte.

Und im Augenblick hatte sie nur wenig Kraft. Durch die vielen Verwandlungen war ihr Körper zu sehr geschwächt. Auch ihre Nahrungsquelle im See reichte nicht mehr aus, um ihren wachsenden Hunger zu stillen. Sie brauchte mehr. Sie brauchte richtige Nahrung. Ein richtiges Bett. Gesellschaft. Die Einsamkeit zerstörte sie.

Sie konnte keinen Tag länger in diesem See überleben.

»Hilfe«, keuchte Galatea tonlos und versuchte, sich an einer Wand abzustützen, um nicht umzufallen. Sie durfte jetzt nicht umfallen. Sie musste bei Bewusstsein bleiben, sonst würde sie sich zurückverwandeln. Sie durfte sich jetzt nicht zurückverwandeln. Die Menschen in diesem Dorf mussten glauben, sie wäre eine von ihnen. Sie durfte sich nicht vor ihren Augen verwandeln.

Obwohl ihre Knie bei jedem Schritt nachgaben und sie sich nur durch reine Willenskraft aufrecht halten konnte, schleppte Galatea sich weiter.

Plötzlich spürte sie, wie eine Hand sie am Arm packte und sie stützte. »Mein Gott, was ist mit dir passiert?«, fragte eine Frauenstimme. Es waren die ersten menschlichen Worte, die Galatea seit dem Tod ihrer Eltern gehört hatte. »Ganz ruhig, hier bist du in Sicherheit.«

 

Das Nächste, woran Galatea sich erinnern konnte, war der Duft von Essen, der ihr in die Nase stieg. Schockiert öffnete sie die Augen, setzte sich auf und sah an sich hinunter. Ein Menschenkörper. Sie war immer noch in ihrer Menschengestalt, obwohl sie zwischenzeitlich ohnmächtig geworden war.

Erleichtert atmete sie ein paarmal tief durch, um ihr rasendes Herz zu beruhigen, als sie hinter sich wieder die sanfte Frauenstimme hörte, von der sie gedacht hatte, sie wäre nur Einbildung gewesen. Eine Illusion, eines der Trugbilder, die sie schon so oft im See gesehen hatte, nur um aufzuwachen und zu merken, dass es nur ein Traum gewesen war.

»Oh, du bist wach. Sehr gut, ich habe für dich einen Kessel Suppe auf dem Feuer.« Die Frau setzte sich neben sie. »Was ist mit dir passiert, Kleines? Wo sind deine Eltern?«

Galatea öffnete den Mund, um zu antworten, doch dann schloss sie ihn wieder und sah zu Boden. Sie wusste nicht, ob sie und die Frau die gleiche Sprache sprachen. Sie konnte zwar verstehen, was die nette Frau sagte, doch das konnte auch daran liegen, dass sie als magisches Wesen grundsätzlich jede Sprache verstand. Nur selbst sprechen konnte sie sie trotzdem nicht. Aber wenn sie der Frau, die Galatea so bereitwillig mit in ihr Heim genommen hatte, in einer für sie fremden Sprache antwortete, würde das alles zerstören.

Also schwieg Galatea.

Zehn Tage lang.

Doch am elften Tag änderte sich alles.

Es geschah am Abend. Sie saß gemeinsam mit der kleinen Familie, die sie bei sich aufgenommen hatte, bei Tisch, als plötzlich ein stechender Schmerz durch ihren Körper zuckte.

»Alles in Ordnung?«, fragte der Vater der Familie, doch Galatea schüttelte den Kopf und rannte nach draußen, als sie der Schmerz ein zweites Mal traf wie ein Blitz, der in ihren Körper einschlug.

Nein! Nein, das durfte jetzt nicht passieren! Sie musste schleunigst hier weg. Die Menschen durften nicht sehen, wie sie sich verwandelte.

»Warte, wo willst du hin?« Die Stimme der Mutter. Sie folgten ihr. Nein! Nein, nein, nein, sie durften ihr nicht folgen, dann würden sie es sehen … »Was ist los?«

Galatea antwortete nicht, sondern rannte nur, so schnell sie ihre Füße tragen wollten. Sie musste weg von hier, weg, bevor –

Doch es war zu spät. In einer Explosion aus purem, entsetzlichem Schmerz riss es ihren menschlichen Körper auseinander.

Hinter sich hörte sie die Familie und die herbeigelaufenen Dorfbewohner schreien.

Galatea versuchte, sich durch den Schmerz hindurch auf ihre Menschlichkeit zu konzentrieren, versuchte, die Verwandlung aufzuhalten, versuchte, nicht wieder zu der Gestalt zu werden, die sie so lange Zeit gezwungen hatte, sich versteckt zu halten. Sie wollte nicht wieder zurück in diesen See. Zurück in die Einsamkeit und Isolation. Sie war es leid, sich verstecken zu müssen.

Nach endlosen Minuten, in denen sie bereits mehrmals die flossenartigen Gliedmaßen ihrer anderen Gestalt gespürt hatte, blieb Galatea schließlich erschöpft auf dem Boden liegen – als Mensch.

Doch es war trotzdem zu spät.

»Sie ist der Teufel!«

»Eine Bestie!«

»Was zur Hölle bist du?«

»Verschwinde von hier!«

»Ungeheuer!«

»Ein Dämon!«

»Ausgeburt der Hölle!«

Steine trafen ihren Körper, Werkzeuge, Holzscheite, alles, was die Menschen greifen konnten, warfen sie nach ihr, und sie hörten nicht auf, bis Galatea sich blutend und mit letzter Kraft in die Schatten des nächtlichen Waldes gerettet hatte, wo sie sich in einem hohlen Baumstamm verkroch und weinte.

Es war das erste Mal, dass Galatea sich nichts sehnlicher wünschte, als tot zu sein.

Kapitel 5

 

 

 

Nach ihrem Gespräch mit den Drachen brauchte Nessie ein paar Minuten, um sich wieder zu sammeln. Es war seltsam gewesen, sie zu sehen, besonders Rhea, die Anführerin der Walddrachen, bei denen Nessie mehrere Jahrhunderte gelebt hatte. Rhea hatte sie damals aufgenommen, nachdem sie 400 Jahre lang heimatlos durch die Menschenwelt und die magische Welt geirrt war. Sie hatte ihr zum ersten Mal seit dem Fluch ein Zuhause gegeben. Eine Familie.

Nessie wusste, dass Rhea ihr während des Gesprächs angesehen hatte, dass es ihr nicht gut ging. Die Anführerin der Walddrachen hatte sie in ihren dunkelsten Momenten gesehen, als sie vor mehr als 500 Jahren zu ihr geflüchtet war, nachdem – Nein.

Sie durfte nicht daran denken.

Sie durfte nicht daran denken.

Sie durfte nicht daran denken.

Der Schmerz war selbst nach dieser langen Zeit noch so stark, dass es ihr jedes Mal das Herz aus der Brust riss, wenn ihre Gedanken auch nur in diese Richtung schweiften.

Sie atmete einmal tief durch, um sich genug konzentrieren zu können, um die verbotenen Gedanken an damals wieder wegzusperren. Sie durfte sich nicht von der Vergangenheit ablenken lassen. Sie hatte eine Aufgabe zu erfüllen, Arbeit zu erledigen. Und dazu musste sie funktionieren.

Ihre Gefühle und Erinnerungen erneut hinter einer dicken Wand verborgen, nahm Nessie den Anhänger der Kette in die Hand, mit deren Hilfe sie sich teleportieren konnte – ein Geschenk von Rhea. »Rathaus«, murmelte sie und schon stand sie vor der Tür zu einem der Besprechungszimmer, in dem bereits die Feenkönige und -königinnen auf sie warteten.

Nur noch ein paar Stunden, flüsterten ihre Erinnerungen ihr hinter der Wand zu, noch eine schlaflose Nacht, dann musste sie die Riesen wiedersehen.

Loge wiedersehen …

 

Als Phoebe am nächsten Morgen unsanft von ihrem Wecker aus dem Schlaf gerissen wurde, fühlte sie sich wie gerädert. Die ganze Nacht war sie von diesem Gefühl verfolgt worden, das sie schon vor vier Tagen bei der Besprechung im Rathaus gespürt hatte. Es war allgegenwärtig gewesen und hatte ihr Unterbewusstsein in einen dunklen Strudel gezogen, an dessen Rand eine Traumvision umhergeschwirrt war, doch Phoebe war nicht in der Lage gewesen, nach ihr zu greifen, um zu sehen, was sie ihr zeigen wollte. Dabei hatte sie das Gefühl, dass es wichtig war, so unglaublich wichtig …

Frustriert fuhr sie sich mit der Hand durch die Haare und machte sich auf den Weg nach unten in die Küche.

Sie brauchte jetzt dringend einen starken Kaffee.

 

Doch Phoebe ließ dieses dunkle Gefühl keine Ruhe. Als sie es bei ihrer Besprechung im Rathaus gespürt hatte, war sie sich sicher gewesen, dass es von Nessie gekommen war. Der Tod hatte ihr das zwar nicht direkt bestätigt, aber er hatte ihr gesagt, dass es Nessie nicht gut ging.

Was, wenn diese Stimmung anhielt? Oder wenn ihr etwas zugestoßen war? Der Tod hatte zwar versprochen, Phoebe Bescheid zu geben, wenn Nessie etwas zustieß, aber was, wenn er es gar nicht erst bemerkte, weil sie nicht im Sterben lag?

»Tod?«, sagte Phoebe leise, nachdem sie mit einer kurzen Handbewegung ihre Bürotür verschlossen hatte, damit nicht auf einmal ein Kollege hereinplatzte. Der Tod war zwar für menschliche Augen unsichtbar, aber wenn sie jemand dabei erwischte, wie sie scheinbar Selbstgespräche führte, warf das auch kein besonders gutes Licht auf sie.

Sekunden später saß der Tod in dem Stuhl des zweiten Schreibtisches, der eigentlich für ihren Stellvertreter reserviert war – allerdings war diese Stelle seit einer gefühlten Ewigkeit unbesetzt. »Phoebe.«

Sofort trat ein Lächeln auf ihr Gesicht, als sie ihn hinter dem Schreibtisch sitzen sah und sich für einen Augenblick der Illusion hingab, die dieses Bild erzeugte: Menschlichkeit. »Weißt du etwas Neues von Nessie?«, fiel Phoebe dann direkt mit der Tür ins Haus.

Er sah sie einen Moment lang stumm an, bevor er sprach. »Wieso fragst du?«

Phoebe berichtete ihm von dem Gefühl, das sie die ganze Nacht gespürt hatte, und der auf sie wartenden, aber nicht greifbaren Vision. »Es kommt von ihr, nicht wahr?«

Phoebe hatte mit einem einfachen Ja oder Nein gerechnet, doch der Tod schwieg, und sie wusste, dass er wieder genau abwog, was er sagte, genau wie er es schon das letzte Mal getan hatte, als sie ihn auf Nessie angesprochen hatte. »Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ich kann dir nur sagen, dass Nessie heute ihr Treffen mit den Riesen hat«, antwortete er schließlich, und Phoebe sah in seinen dunkelblauen Augen das verräterische Aufblitzen des hellen Schimmers, der das einzige sichtbare Anzeichen dafür war, dass mehr in ihm steckte als der emotionslose Seelensammler.

Und genau dieses mehr hatte ihr mit diesem Satz etwas sagen wollen. Es war eine Andeutung gewesen. Aber was sollte sie damit anfangen? Nessie hatte also heute ihr Gespräch mit den Riesen … Phoebe erinnerte sich an das, was Nessie im Rathaus gesagt hatte, als sie überlegt hatten, wer mit den Riesen sprechen sollte, und plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. »Zwischen den Riesen und ihr ist irgendetwas vorgefallen.«

»Das habe ich nicht gesagt«, stellte der Tod sachlich fest. »Das ist lediglich deine Interpretation meiner Worte.«

Phoebe nickte. Sie hatte schon bei ihrer letzten Unterhaltung das Gefühl gehabt, dass er aus Loyalität zu Nessie so verschlossen war, und sein Verhalten jetzt bestätigte diese Vermutung. »Du weißt, was passiert ist«, sagte sie, doch es war kein Vorwurf. Im Gegenteil. »Aber du hast ihr versprochen, nicht darüber zu reden. Habe ich recht?«

Der Tod schwieg ein paar Sekunden, doch das reichte Phoebe. »Die gleiche Frage hat dein Vater mir vor einigen Jahren auch gestellt«, sagte er dann, und Phoebe verstand.

Es sah wohl so aus, als wäre es an der Zeit, auszuprobieren, ob der Geist ihres Vaters mittlerweile in der Lage war, für kurze Zeit einer Beschwörung aus der Totenwelt zu folgen.

 

Nachdem er aus Phoebes Büro verschwunden war, tauchte der Tod in Nessies Büro im Rathaus von Shahr wieder auf. Sie hier zu finden, obwohl sie nicht auf seiner Liste stand, war nicht weiter schwer gewesen, denn genauso wie er gerade Phoebes Rufen gefolgt war, hatte er auch jetzt nur Nessies Todessehnsucht folgen müssen. Sie wollte lieber sterben, als sich gleich mit den Riesen zu treffen, das spürte der Tod sehr deutlich, doch diesen Wunsch konnte er ihr nicht erfüllen.

»Was willst du hier?«, fragte Nessie, während sie hinter ihrem massiven Marmorschreibtisch auf und ab lief. Ein eindeutiges Zeichen der Nervosität, wie er mittlerweile wusste. »Wenn du nicht hier bist, um mich endlich mitzunehmen, kannst du eigentlich gleich wieder gehen. Ich muss in ein paar Minuten zu den Riesen.«

»Phoebe spürt, dass es dir nicht gut geht.«

Wie angewurzelt blieb Nessie stehen und sah ihn schockiert an. »Was?«

Der Tod berichtete ihr, was Phoebe ihm erzählt hatte. Als er geendet hatte, ließ Nessie sich seufzend auf ihren Stuhl fallen und stützte den Kopf in die Hände, sodass ihr Blick zu Boden gerichtet war. »Du hast ihr doch nichts gesagt, oder?«

»Natürlich nicht.« Er hatte ihr bereits vor über 500 Jahren versprochen, dass niemals jemand etwas von ihm erfahren würde. Und er pflegte, seine Versprechen zu halten. Er hatte auch Phobos Sullivan senior nichts erzählt, als dieser ihn vor einigen Jahren auf Nessie angesprochen hatte. »Aber ich kann nicht verhindern, dass Phoebe Traumvisionen hat. Du weißt, das Mondfeuer hat seinen eigenen Kopf.« Der Tod musterte Nessie, und was er sah, würde Phoebe nicht gefallen, wenn sie es sehen könnte. »Mein Angebot steht noch, Galatea«, sagte er ruhig. »Du musst das nicht selbst tun. Ich kann für dich mit den Riesen sprechen.«

Nessie fuhr sich mit der Hand durch die Haare und schüttelte den Kopf. »Nein.« Sie seufzte wieder und sah schließlich auf. »Du hast keine Ahnung, wie gerne ich dein Angebot annehmen würde, aber das geht nicht. Die Riesen erwarten mich. Wenn stattdessen du bei ihnen auftauchst, werden sie das als Zeichen meiner Schwäche sehen. Und ich kann es mir nicht erlauben, vor den Riesen Schwäche zu zeigen. Nicht vor ihnen.«

Wohl eher, ergänzte der Tod in Gedanken, nicht vor Loge.

Kapitel 6

 

Ca. 100 Jahre n. Chr.

 

Galatea spähte vorsichtig um den Felsblock, hinter dem sie sich versteckt hatte, und beobachtete, wie der Mann, den sie seit einer Stunde verfolgte, im Schatten des Waldrands verschwand. Dann wartete sie noch einige Sekunden, bevor sie sich von dem Felsblock löste und so leise wie möglich zu den Bäumen hinüberlief. Sie durfte den Mann nicht aus den Augen verlieren. Er war ihre erste echte Gelegenheit, in die magische Welt zu gelangen. Nach jemandem wie ihm suchte sie schon seit über zwei Jahrhunderten.

Überhaupt ein magisches Wesen zu finden, das in der Menschenwelt lebte, war selbst über 600 Jahre nach dem Tag, der ihr Leben für immer verändert hatte, noch eine ausgesprochene Seltenheit. Auf ein magisches Wesen zu treffen, das zudem hin und wieder in die magische Welt zurückkehrte, grenzte schon an ein Wunder.

Dazu kam aber noch, dass Galatea nicht wusste, wie man ein Portal zwischen den Welten erschaffte, darum musste sie ein Wesen finden, das für seine Besuche ein festes Portal installiert hatte. Gleichzeitig durfte dieses Wesen aber keinerlei empathische oder telepathische Fähigkeiten besitzen, damit sie ihm unbemerkt folgen konnte.

Umso erstaunlicher war es, dass Galatea nun in gebührendem Abstand diesem fremden Mann in den Wald folgte. Sie hatte ihn vor etwa zwei Monaten getroffen, und ihre empathischen Kräfte hatten sofort seine Magie wahrgenommen – etwas, worin Galatea mittlerweile sehr gut geworden war.

Also hatte sie ihn wochenlang heimlich beobachtet, um mehr über ihn herauszufinden, wie sie das immer tat, wenn sie ein magisches Wesen ausfindig gemacht hatte. Bei ihrer Beobachtung hatte sie schließlich herausgefunden, dass er ein einfacher Zauberer ohne spezielle Kräfte wie Empathie war. Außerdem verschwand er einmal in der Woche für mehrere Stunden im Wald, und wenn er wieder zurückkam, trug er andere Gewänder, obwohl der nächste Ort hinter diesem Wald zwei Tagesmärsche entfernt lag.

Galatea vermutete also, dass er irgendwo im Wald ein Portal in die magische Welt installiert hatte. Sie hatte den ganzen Wald abgesucht, hatte jeden Stein umgedreht, hatte sogar in den Baumkronen gesucht – nichts. Sie hatte kein Portal finden können. Aber so leicht gab sie nicht auf. Sie hatte zu lange auf so eine Gelegenheit gewartet, um jetzt einfach aufzugeben.

Sie hielt es in der Menschenwelt nicht mehr aus. Hier musste sie sich jedes Mal verstecken, wenn ihr die Kraft ausging und sie sich zurück in die Gestalt verwandelte, die der Fluch ihr beschert hatte. Hier musste sie ihre magischen Kräfte verstecken.

Und hier musste sie ständig von Ort zu Ort ziehen, weil sie nirgendwo lange bleiben konnte. Die Menschen wurden spätestens nach einigen Monaten instinktiv misstrauisch, weil Galatea sich nicht veränderte, wie es normale Menschen taten.

Diese kleinen, nur unterbewusst wahrnehmbaren Veränderungen, die der Alterungsprozess der Menschen gerade bei Kindern in diesem Zeitraum mit sich brachte, fehlten bei Galatea. Ihr Körper alterte, wie sie mittlerweile herausgefunden hatte, in einhundert Jahren nur um etwa ein einziges Jahr.

Wäre sie schon erwachsen, würde wahrscheinlich nicht so schnell auffallen, dass sie nur sehr langsam alterte, sodass sie wenigstens einige Jahre an einem Ort hätte verbringen können. Aber Galateas Körper war der eines Kindes. Betrachtete man ihr Äußeres, wirkte sie wie ein dreizehnjähriges Mädchen. Und als solches müssten sich ihre Gesichtszüge viel stärker verändern, als sie das taten, sodass Galatea höchstens ein halbes Jahr an einem Ort bleiben konnte.

Aber vielleicht würde in der magischen Welt alles anders werden. Sie wusste, dass es Wesen gab, die anders alterten als Menschen. Vielleicht konnte sie dort Anschluss finden. Vielleicht konnte sie dort endlich sie selbst sein. Vielleicht musste sie sich dort nicht mehr ständig verstecken.

Doch dafür musste sie erst einmal in die magische Welt gelangen. Und sie hoffte, dass dieser Mann sie dorthin bringen konnte.

Nachdem sie ihm noch fast zwanzig Minuten lang tiefer in den Wald hinein gefolgt war, machte er nun halt vor zwei alten Bäumen, deren Stämme gerade nach oben wuchsen und die etwa einen halben Meter auseinanderstanden. Dort hob er einen Ast vom Boden auf und verkantete ihn in zwei Astgabelungen, sodass er eine Brücke zwischen den beiden Bäumen bildete. Dann sah der Mann sich noch einmal um, um sicher zu gehen, dass er alleine war, doch Galatea schaffte es, sich rechtzeitig hinter einem dichten Busch zu verstecken, sodass sie unentdeckt blieb. Erst nach mehreren Sekunden wagte sie es, vorsichtig über den Busch zu blicken.

Der Mann hatte seine Hände flach an die Baumstämme gelegt, zwischen denen plötzlich eine spiegelartige Wand entstand, die etwa zwei Meter hoch reichte, bis zu dem losen Ast, den er gerade dort eingeklemmt hatte. Kaum war die Wand aufgetaucht, löste der Mann seine Hände von den Baumstämmen und trat hindurch. Dann erlosch die Wand wieder.

Galatea trat hinter dem Busch hervor und ging nun selbst zu den Bäumen hinüber. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, so aufgeregt war sie, dass sie endlich ein Portal gefunden hatte. Zitternd legte sie ihre Hände an die Baumstämme, wie es der Mann getan hatte, und griff nach ihrer Magie.

»Bitte«, murmelte sie mit geschlossenen Augen und konzentrierte sich so sehr sie konnte auf ihren Wunsch, in die magische Welt zu gelangen.

Sie brauchte länger als zehn Minuten, so lang, dass sie schon fast aufgeben wollte, doch dann spürte sie endlich diese Energie unter ihren Händen, und als sie die Augen vorsichtig öffnete, sah sie vor sich die gleiche spiegelartige Wand wie zuvor.

Obwohl sie so sehr gehofft hatte, dass diese Wand entstehen würde, sprang Galatea vor Schreck einen Schritt zurück. Die Wand blieb, wo sie war, und bildete eine sich in trägen Wellen bewegende, aber stabile Oberfläche.

Ein Portal.

Sie stand tatsächlich vor einem Portal.

Zerrissen in Glück, Hoffnung, Angst und Unsicherheit atmete Galatea einmal tief durch und trat mit einem entschlossenen Schritt durch die Wand.

Kapitel 7

 

 

 

Nessie stand weit entfernt von der Stadt auf einem großen Stein mitten in einer wild wachsenden Wiese. Rings um sie herum war, so weit das Auge reichte, nichts als grünes Gras mit ein paar bunten Tupfern durch die Blumen, die in den Wiesen wuchsen. Nur ganz in der Ferne konnte man die Gebirgszüge am Horizont erkennen.

Diese weite Graslandschaft hier gehörte niemandem, keiner Familie, keinem Stamm und keinem Wesen. Das hier war neutrales Land, darum wurde es oft für Verhandlungen genutzt, die nicht im Rathaus von Shahr geführt werden konnten, wie die gestrige mit den Drachen aufgrund ihrer Größe. Außerdem war es der ideale Treffpunkt für Wesen, die sich weigerten, in die Stadt zu kommen.

Bei den Riesen war beides der Fall. Das Rathaus war zwar so gebaut, dass auch Wesen von enormer Körpergröße es betreten konnten, allerdings gab es keinen Raum, in dem alle Anführer der Riesengeschlechter auf einmal bequem Platz gefunden hätten.

Bisher standen vor ihr Aegir, der Anführer der Meerriesen, und Kari, der Anführer der Windriesen. Es hätte sich eigentlich gehört, die beiden zu begrüßen und etwas leichte Konversation mit ihnen zu betreiben, doch Nessie war nicht in der Lage, auch nur ein einziges Wort herauszubringen.

Sie verfluchte sich dafür, dass sie das Angebot des Todes nicht angenommen und ihn diese Unterhaltung hatte führen lassen. Sie hatte die Riesen das letzte Mal vor über einem halben Jahrtausend gesehen, und die Erinnerungen an diese Zeit hatte sie bis heute versucht, aus ihrem Gedächtnis zu verbannen, weil sie zu schmerzhaft waren. Dass jetzt und hier wieder zwei der vier Oberhäupter der Riesengeschlechter vor ihr standen, brachte Nessie vollkommen aus dem Gleichgewicht. In ihrem Inneren tobte ein Kampf zwischen all den alten Gefühlen, die sie mit den Riesen und der Zeit damals verband, und ihrem Verstand, der ihr sagte, dass sie nicht zulassen durfte, dass diese Dinge wieder an die Oberfläche kamen, wenn sie halbwegs gesunden Geistes wieder aus dieser Unterhaltung hinausgehen wollte.

Und dabei waren die Riesen, die bereits auf der neutralen Wiese eingetroffen waren, die beiden, mit denen sie damals am wenigsten zu tun gehabt hatte. Nessie wusste nicht, wie sie erst reagieren würde, wenn gleich die anderen beiden Riesen hier auftauchen würden.

Als im nächsten Moment vor ihr eine Feuersäule aus dem Boden schoss, blieb ihr beinahe das Herz stehen, doch nicht, weil sie sich erschreckt hatte, sondern weil sie wusste – über ihre empathischen Sinne sogar spürte –, wer gleich aus dieser Feuersäule auftauchen würde.

Ein stechender Schmerz schoss von ihrem Herz ausgehend durch ihren Körper, und Nessie schaffte es nur mit allergrößter Mühe, dem Drang zu widerstehen, sich mit beiden Händen an die Brust zu fassen und vor Schmerz gekrümmt zu Boden zu sinken. Stattdessen ballte sie nur ihre Hände zu Fäusten, doch sie verbarg diese verräterische Geste, indem sie die Hände hinter ihrem Körper verschränkt hielt, wie sie es schon die ganze Zeit getan hatte.

Aus den Augenwinkeln sah sie, dass die Feuersäule erloschen war und an ihrer Stelle nun ein Riese stand, doch Nessie vermied es, ihn anzusehen. Sie konnte es nicht. Die Hitze seiner Anwesenheit strömte bereits in all ihre Poren, ihn jetzt auch noch anzusehen, würde sie nicht aushalten. Der Schmerz saß zu tief. Also starrte sie weiterhin geradeaus, blickte zwischen den Knien der Riesen hindurch, die sich auf ihrer Augenhöhe befanden.

»Aegir, Kari«, hörte sie die tiefe, ihr nur zu vertraute Stimme des zuletzt aufgetauchten Riesen, als er seine Halbbrüder begrüßte. »Galatea.«

Der Geschmack von Blut füllte ihren Mund, und erst jetzt fiel Nessie auf, dass sie ihren Körper so sehr angespannt hatte, dass sie sich dabei auf die Zunge gebissen hatte. Ihr Herz pochte in einem schnellen, ungleichmäßigen, stotternden Rhythmus, und sie musste sich bewusst auf jeden ihrer Atemzüge konzentrieren, um nicht vor Anspannung die Luft anzuhalten, bis sie ohnmächtig wurde.

»Loge«, erwiderten seine Brüder die Begrüßung, doch Nessie schwieg weiterhin. Sie konnte nichts sagen. Sie konnte es einfach nicht. Und sie hatte auch noch keine Ahnung, wie sie gleich, wenn alle vier Riesen versammelt waren, mit ihnen reden sollte, wenn sie nicht einmal in der Lage war, eine einfache Begrüßung auszusprechen.

Plötzlich wurde es eiskalt.