Verlag: Hybrid Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
30 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 471

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Das Nadelöhr - Kristiane Kondrat

Nach einer Umweltkatastrophe sind nur noch wenige Distrikte bewohnbar. Unüberwindliche Mauern teilen das Land in Zonen unterschiedlicher Verwendung. In einem Krankenhaus werden die erinnerungslosen "grauen Frauen" festgehalten. Warum, wissen sie selbst nicht. Auch Alfred und Lotte aus den technisierten Gebieten stellen sich Fragen. Sie alle begeben sich auf die Suche nach einem mysteriösen Dorf mit archaischer Lebensweise …

Meinungen über das E-Book Das Nadelöhr - Kristiane Kondrat

E-Book-Leseprobe Das Nadelöhr - Kristiane Kondrat

 

HYBRID VERLAG

Ebookausgabe

10/2018

 

 

 

 

© by Kristiane Kondrat

© by Hybrid Verlag, Homburg

 

Umschlaggestaltung: © 2018 by Creativ Work Design

Lektorat: Diana Spitzer, Matthias Schlicke

Autorenfoto: Sonja Menhard

 

 

Coverbild ›Die Melderin‹

© by Katharina Netolitzky, Bilder: Stocksnap.io

 

Coverbild ›Dangerous Person‹

© by Barbara Zurek

 

ISBN 978-3-946-82044-4

 

www.hybridverlag.de

www.hybridverlagshop.de

 

 

 

 

Kristiane Kondrat

 

Das Nadelöhr

Ein Zukunftsroman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dystopie

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Das Krankenhaus in der Zwischenzone

Der Besuch im Tierpark

Eine Frau ist verschwunden

Das Gerücht

Ein Geschehen auf der Bühne

Ein verhängnisvoller Morgen

Die Prozession der grauen Mantelfrauen

Unterwegs durch eine fremde Landschaft

Das weiße Haus erregt Erstaunen

Die alte Frau und ihre Tochter

Lotte bekommt einen kurzen Brief

Alfred trifft eine Entscheidung

Der junge Forscher findet ein Bündel

Als zögen dieselben Bäume vorbei

Die Begegnung im Wald

Das nächtliche Dorf

Die Regenwolke

Der Weg zur Dorfschule

Alfred verhält sich schweigsam

Lotte und der magische Tee

Versammlung der stillen Zugvögel

Leon hat eine Sehnsucht und Lotte macht einen Besuch

Alma erfährt ein Geheimnis

Leg des Königs Rock ab und komm mit uns

Ein windiger Tag

Wie es die Gründer bestimmten

Das neue Kleid

Möchtest du, dass ich hier bleibe?

Das Fest

Auf Michaels Acker

Der zweite Schnee

Der Wintersturm

Die Versammlung

Der Winter kehrt zurück

Sie kam als Fremde zu uns

Alfred hat einen Verdacht

Zeit des Abschieds

Der Weg zurück durch die Wälder

Ankunft zu Hause

 

Spätes Wiedersehen

Alfred nimmt eine Einladung an

Vielleicht sind alle Spuren schon verwischt

Die Frau auf dem Foto

Das Chaos schlägt zu

Alfred erinnert sich an ein Ritterspiel

Ein merkwürdiger Bruder

Ein Name ohne Gesicht

»Selekt« wird getestet

Der Unfall an der Kreuzung

Ein Schlüsselbund ist verloren gegangen

Der Wettlauf

Die letzte Tür

Ende des Wettlaufs

Oberinspektor Mühlhans hat einen Verdächtigen

Alfred zweifelt an seiner Unschuld

Ich wollte kein alter Indianer sein

Was tust du mit dem Ausdruck?

Waldmann, Dominik und ein Mann mit Hut

Das Nadelöhr

Ein letzter Blick auf die Uhr

Epilog

 

Prolog

 

 

Am 12. April im Jahr 2145 nach Christus, um 11 Uhr mitteleuropäische Zeit, begannen im Südwesten Deutschlands in allen Ortschaften die Sirenen zu heulen: fortwährend, über den ganzen Tag. Die Signale der Sirenen reihten sich, wie immer in der letzten Zeit, zu Morsezeichen, die die Bevölkerung gut beherrschte und verstand.

Jedes Kind musste sie lernen. Jeder Bürger wusste, was er in der jeweiligen Gefahrensituation zu tun hatte, wie er sich schützen und seine Familie in Sicherheit bringen sollte.

An diesem 12. April aber gab es mehrere Warnungen hintereinander. Sie kündeten von Giftaustritt, Strahlen und auch möglichen Bränden. Verunsicherung ergriff die Menschen, so manche nahmen die Warnungen nicht ernst und vermuteten eine Fehlfunktion des Systems. So viele unterschiedliche Warnungen hintereinander konnte es gar nicht geben, so etwas war bisher nie passiert.

Die Mehrheit der Bevölkerung jedoch nahm die Zeichen ernst. Kleine Gruppen flüchteten in die Berge, versteckten sich in engen Tälern und in den Wäldern, wo sie sich sicherer und geschützt fühlten. Die meisten Menschen wurden evakuiert und ärztlich versorgt, einige aber starben an Vergiftungen oder an der Strahlenkrankheit, ihr Erbgut wurde geschädigt, viele gaben die an jenem Tag erworbenen Krankheiten weiter an die folgenden Generationen.

Achtzig Jahre mussten vergehen, bis einige begriffen, was geschehen war. Der Großteil der Bevölkerung jedoch wurde nicht informiert. Man wolle die Menschen nicht verunsichern, hieß es.

Das Land zerfiel. Es gab wieder Zonen, die hohe Mauern trennten.

Eine dieser abgespaltenen Zonen wurde nie wieder betreten, da sie als unwiederbringlich verseucht und unbewohnbar galt.

Die Verursacher übernahmen endgültig die Führung im Land, niemand wurde zur Verantwortung gezogen. Man fand eine Umschreibung, die das Geschehene bezeichnen sollte, eine sehr allgemeine Umschreibung ohne einen einzigen Namen zu nennen: Man nannte den Verursacher allgemein Menschliches Versagen. Niemand durfte die wahren Ursachen erfahren. Die Vernetzung der Konzerne, die die Macht an sich gerissen hatten, ermöglichte es zu verhindern, dass jemand nach den Hintergründen recherchierte.

Die Schwäche des Menschen trüge die Schuld an der Katastrophe, gab man offiziell bekannt. Die naturgegebene Psyche des Menschen, sonst niemand: Die große Zeit der Genforscher brach an. Und somit entstand auch eine Allianz von Forschung, Genforschung im Besonderen, und Industrie. Nach dem Prinzip Der Zweck heiligt die Mittel scheute man auch nicht davor zurück, sich im Dunstkreis der Kriminalität zu bewegen.

In einem abgelegenen Krankenhaus begann die Elite der Genforscher, ihre abstrusen Ideen zur Rettung der Menschheit zu verwirklichen, das Unheil nahm seinen Lauf.

Achtzig Jahre nach der großen Katastrophe hat sich daran nichts geändert.

 

Das Krankenhaus in der Zwischenzone

 

 

Alma weiß nicht, seit wann sie hier in diesem weißen Zimmer ist. Ein gewöhnliches Krankenzimmer, nüchtern und steril. Mit einem winzigen Nebenraum hinter einer weißen Tür: Badezimmer mit Waschbecken und Dusche. Die beiden anderen Frauen wissen auch nicht, seit wann sie hier sind. Sie kennen nie das Datum des Tages, den Verlauf der Jahreszeiten verfolgen sie am Fenster. Nur die genaue Uhrzeit können sie vom Zifferblatt der Wanduhr ablesen.

Die Frauen haben ihre Kleider am Tag ihrer Ankunft bei der Aufnahme abgeben müssen und tragen seitdem die hellgraue Krankenhauskleidung. Mit Bestimmtheit wissen die drei Frauen nur, dass sie nicht am gleichen Tag hier angekommen sind. Es lässt sich jedoch in ihrer Erinnerung nicht mehr genau wiederherstellen, in welcher Reihenfolge sie kamen. Im Laufe der Jahre schrumpften die Zeitabstände zwischen den einzelnen Ankünften so zusammen, dass nun alle drei davon überzeugt sind, kurz hintereinander in diesem Zimmer angekommen zu sein. Jeden Tag debattieren sie darüber, wer zuerst hier gewesen ist.

»Ich bin vor Alma da gewesen«, behauptet Agnes wieder einmal. »Ich kann mich ganz genau an den Tag erinnern, als sie Alma zur Tür hereingezerrt haben. Ich stand am Fenster, als die Tür aufging, zwei Schwestern hielten Alma an den Oberarmen fest. Sie ließen Alma an der Tür stehen und sind gegangen.«

»Ja, ich weiß«, sagt Trude zu Alma, »du bist lange vor der Tür g’standen und hast dich net g’traut, einen Schritt zu gehen. Ich bin dann mit dir zum Bett ’gangen.«

»Aber, meine Lieben«, widerspricht Alma, »ich weiß doch genau, wie Agnes an ihrem ersten Tag dalag. Die Schwester brachte sie herein und setzte sie auf das leere Bett in der Mitte. Dann drückte sie Agnes’ Oberkörper aufs Kissen, hob die Beine aufs Bett und deckte sie bis zum Kinn zu. Du sollst eine Stunde lang liegen bleiben, ohne dich zu bewegen. Nach einer Stunde komme ich und lege dich auf die Seite, sagte sie. Nach einer Stunde habe ich geklingelt. Mit einem hochroten Gesicht kam die Schwester zur Tür hereingestürmt. Es war dieselbe Schwester, die Agnes befohlen hatte, unbewegt auf dem Rücken liegen zu bleiben. Sie war sehr aufgeregt und hat ganz laut geschrien: »Wer hat da geklingelt?«

»Ja, ja«, stimmt ihr Trude bei, »ich hab eine Gänsehaut gekriegt, so hat die gebrüllt.«

»Die Augen der Schwester gingen hin und her zwischen mir und Trude. Ich fürchtete jeden Moment, dass diese Blicke aus dem verbiesterten Gesicht, in dem jeder Muskel fest und endgültig eingerastet war, herausspringen und uns beide treffen könnten.«

Alma erzählt weiter, wie sie damals, um den strafenden Blicken der Schwester zu entgehen, die Augen schloss. Sie glaubt sich zu erinnern, dass Agnes von dem Kreischen aufwachte.

Sobald Agnes wach gewesen sei, fühlte sie sich nicht mehr so allein der Wut der Schwester ausgeliefert. Sie antwortete der Schwester, dass diese doch selbst Agnes in die Seitenlage betten wollte.

»Daraufhin legte die Schwester ihre Stirn in Falten«, erzählt Alma weiter, »ihr Gesicht verzerrte sich zu einem neuen Muster des Hasses. Ihre Lippen wölbten sich zu einem Trichter, das Kinn schnellte nach oben: Dann dreh dich doch um!, giftete sie Agnes an und ging. Schlug die Tür hinter sich zu.«

Alma erzählt jeden Tag neue Einzelheiten zu jenen Geschehnissen aus der Vergangenheit des Krankenzimmers. Die Einzelheiten fallen ihr im Laufe des Erzählens ein, und jeden Tag werden es mehr.

Sie glaubt, sich daran zu erinnern, die Erste in diesem Zimmer gewesen zu sein. Sie muss hier lange allein gelegen haben. Eine schlimme Zeit, irgendetwas beschäftigte sie, etwas, das sie nicht verstehen konnte und nicht wahrhaben wollte.

Jetzt weiß sie nicht mehr, was das gewesen sein könnte. Der Inhalt jener hoffnungslosen Grübeleien ist ausradiert. Nur die Erinnerung, dass sie da irgendetwas gequält hatte, ist geblieben. Der weiße Fleck lässt sich jedoch leichter ertragen, als das andere, das damals noch frisch und quälend dastand. Links und rechts von ihr standen die beiden Betten, weiß und unberührt: Eine Zeit, aus der sie sich nur der Leere und des Alleinseins erinnert.

Alma versucht immer wieder, die beiden Frauen von ihren eigenen Erinnerungen an dieses Krankenzimmer zu überzeugen, um eine gemeinsame einheitliche Vergangenheit zu schaffen, an der sie sich festhalten können. Festhalten können, um nicht abzudriften und schwerelos in einem fremden Meer zu schweben. Sie hat gelernt, immer nur an das zu glauben, was sie heute und hier sieht. Was sie gestern oder an einem anderen Tag in diesem abgegrenzten Raum oder draußen auf dem Flur gesehen hat, zieht sie immer mehr in Zweifel. Manchmal fragt sie sich, ob das, was sie sieht, wahrhaftig oder nur in ihrer Vorstellung existiert. Sie versucht, sich auch von dem, was auf sie zukommt, abzugrenzen, es nicht heranzulassen. So unternimmt sie den Versuch, die Wahrnehmungsfähigkeit ihrer Sinne zu überprüfen. Sie möchte feststellen, ob das, was außerhalb ihrer Person zu existieren scheint, noch besteht, wenn sie sich zurücknimmt.

Eine ganze Weile antwortet sie nicht mehr auf die Fragen der beiden Frauen, die in den Betten links und rechts von ihr zu liegen scheinen. Sie reagiert nicht mehr auf die Geschichten, die jene Frau rechts von ihr erzählt und die von der anderen Frau Agnes genannt wird.

Die andere, die von Agnes Trude genannt wird, kommt an ihr Bett und beugt sich über sie. Sie zeigt ein besorgtes Gesicht und fragt, ob es ihr nicht gut gehe. Diese Frau muss in irgendeiner Beziehung zu ihr stehen, wenn sie wissen will, ob es ihr gut oder schlecht gehe. Und sie muss gemerkt haben, dass Alma dabei ist, eine Verbindung einzureißen, die sie, Trude, womöglich eine wahrhaftig existierende Frau, wiederherstellen möchte. Ihr Kopf ist eine dunkle Scheibe im Sonnenlicht, das durch das Fenster einfällt und das Zimmer überflutet. Der Kopf mit dem über Alma hängenden Gesicht nimmt ihr einen Teil der Tageshelle weg. Also muss es sie, wenn sie das Licht verdrängt, doch geben, diese rundliche, gute Trude.

Der große dunkle Fleck vor dem Fenster nimmt allmählich weibliche Formen an, und Alma kann nun das volle Gesicht mit dem staunenden, halb geöffneten Mund sehen. Die hellen Augen glänzen im Schatten, als wären es dunkle. Alma gibt die Abgrenzungen auf. Sie muss wohl alles wahrnehmen, wie es sich ihr bietet, ob es sich nun um ein Trugbild handelt oder nicht. Sie muss alles, was auf sie zukommt, als tatsächlich und wahrhaftig annehmen.

An den letzten Sonntag erinnert sich Alma gerne. Schwester Gerda hatte gesagt, es sei Pfingsten, und es gab ein Festessen. Die Schwestern verhielten sich herablassend-fröhlich und brachten den Frauen einen reichlichen Nachtisch, statt Kräutertee gab es einen richtigen Kaffee.

»Es muss ewig lange her sein, als ich so etwas getrunken habe«, kommentierte sie das Ereignis.

Schwester Gerda, die zu Pfingsten Dienst tat, hatte ihr Sonn- und Feiertagsgesicht aufgesetzt, das Tablett mit den Arzneien feierlich umhergetragen und mit präzise gezielter Fröhlichkeit die Spritzen verabreicht.

»So, macht das Po-po-chen frei, jetzt kriegen wir das Pii-ik-sel!«, zwitscherte sie, während sie mit Schwung die Tür öffnete und kurz darin stehen blieb.

Aus dem fensterlosen Flur drang für einen Moment das gesiebte Licht der Lampen ins Zimmer, die milchig-weiß von der Decke herabhängen. Mit den kugelrunden Leuchten hinter ihrem Kopf sah Schwester Gerda in ihrem Türrahmen aus wie eine Heiligenfigur mit Brille. Sie trat herein, schloss die Tür hinter sich und der Heiligenschein verschwand. Sobald aber der Heiligenschein weg war, schmetterte Schwester Gerda erneut ihr Lied vom Popopiksel in den Raum. Sie trägt es immer wieder in einem Singsang vor, indem sie die zweite Silbe des Worts Popochen, als wichtigsten Teil der musikalischen Darbietung, melodisch betont. Wie eine Koloratur-Sopranistin steigt sie die Tonleiter hoch und atmet bei -chen wieder aus, um als nächstes das Piksel stimmlich in Angriff zu nehmen.

Die Flure in diesem Haus sind verzweigt und unübersichtlich. Man kann nirgendwo eine noch so entfernte abschließende Wand erspähen. Es muss ein unvorstellbar großes Gebäude sein. Jeder Flur ist die Wiederholung eines anderen Flurs, und die Wiederholungen scheinen unendlich zu sein. Tausende von Patienten müssen hier in Drei-Betten-Zimmern leben. Irgendwo in diesem Haus müsste es auch eine Männerstation geben. Vielleicht gibt es auch größere oder kleinere Krankenzimmer als jene, die Alma kennt.

Die Patientinnen dürfen nur bis ans Ende ihres Flurs auf und ab gehen, nur bis zur nächsten Kreuzung. Dort kehren sie um und spazieren bis an die andere Grenze, die ein anderer durchkreuzender Flur bestimmt. Ein Mal ging Alma, trotz Verbots, weiter.

Sie lief über die Kreuzung, bog immer wieder nach links und nach rechts ab, immer in jene Richtung, aus der sie keine Stimmen hörte und keinen Schatten sah. Nachdem sie bereits mehrere Male in fremde Flure eingebogen war, stellte sie fest, dass sie sich verlaufen hatte. Sie fürchtete, dass es ihr schwerfiele, das eigene Zimmer wiederzufinden. Sicherlich war Trude und Agnes ihr langes Wegbleiben aufgefallen.

Die fremden Flure zeigten sich genau so sauber und glänzten im gleichen Dunkelblau wie der heimische Flur, es hingen auch die gleichen runden Lampen von der weißen Decke. Ein Flur sah wie der andere aus. Und an jeder Kreuzung zeigte der große Würfel einer Uhr, der genau über der Mitte der Kreuzung von der Decke herabhing, nach jeder Seite hin die gleiche Zeit an. Die Zeit, die für Alma keine Bedeutung mehr hatte und die sie deshalb ignorierte. Sie nahm nur den Kubus wahr, der ihr schon von Weitem signalisierte, dass es dort eine neue Kreuzung gab. Auf den Fluren selbst gab es nur die runden Beleuchtungen, die aussahen wie müde Vollmonde.

Links und rechts sah sie nur noch fremde Zimmer mit fremden Zahlen. Alma merkte es an den Metall-Zahlen der Zimmertüren, dass sie sich bereits weit von ihrem Zimmer entfernt hatte. Ihr Zimmer trug die Nummer 218. Nun ging sie gerade an Zimmer 480 vorbei, und noch immer nahmen die Flure kein Ende. Nirgendwo sah sie eine abschließende Wand oder ein Fenster am Ende eines Flurs. Sie begegnete niemandem. Immer wieder mündete ein Flur in einen anderen, und Alma ging weiter. Es ergriff sie ein Zwang, immer so weiterzugehen, so lange, bis eine abschließende Wand sie zur Umkehr veranlasste. Doch sie fand keine, so weit sie auch ging.

Alma wurde müde. Sie stand ratlos vor dem Zimmer mit der Nummer 492 und fragte sich, wie sie jetzt den Weg zurückfinden könnte. Wenn sie im Kreis gegangen sein sollte, könnte der Weg zurück von hier aus kürzer sein. Wenn es 500 Zimmer gäbe, dürfte der Abschluss, irgendein Abschluss, wie immer er aussehen mochte, nicht mehr weit sein. »Es wäre aber auch möglich, dass es über 500 oder gar tausend Zimmer gibt«, dachte Alma. Wenn sie jetzt umkehrte und sich auf dem Rückweg verirrte? All diese Möglichkeiten gingen ihr durch den Kopf, als sie vor der Tür mit der Nummer 492 stand. Nur an die eine Möglichkeit, hier doch noch jemandem zu begegnen, dachte sie nicht mehr.

Sie hatte bisher gut aufgepasst, gespäht und gehorcht. Der scheinbar so leichte Weg verleitete sie zu Nachlässigkeit und Leichtsinn. Es musste mittlerweile spät geworden sein, sie hatte das Zeitgefühl verloren. Der Uhrzeit, die die großen Würfeluhren zeigten, traute Alma nicht. Vielleicht dämmerte es inzwischen schon, und Trude und Agnes saßen zu zweit am Tisch vor dem Abendessen und fragten sich, wo Alma verblieben sein mochte. Der Küchengeruch, den sie plötzlich wahrnahm, weckte wohl diese Vorstellung in Alma.

Das Rollen des Speisewägelchens und die Schritte der Schwestern hörte sie erst, als es bereits zu spät war: Zwei Schwestern kamen an der Kreuzung, die Alma schon passiert hatte, um die Ecke und schoben ein Gestell mit dem Essen für die Patienten in den Flur. Ob es sich um das Mittagessen oder das Abendessen handelte, konnte Alma nicht beurteilen.

Die Schwestern schoben den rollenden Karren in das erste Zimmer des Flurs, während Alma in die entgegengesetzte Richtung floh. Sie kam nur bis in die Mitte des Gangs. Aus dem Zimmer, an dem Alma gerade vorbeigehen wollte, kam eine Schwester heraus und fragte sie, wo sie hingehöre.

Im ersten Augenblick wusste Alma nicht, was sie der Schwester antworten sollte, das Wort hingehören verwirrte sie. Alma wusste nicht mehr, wo sie hingehörte. Man hatte sie vor langer Zeit hierher gebracht, sie wusste nicht einmal aus welchem Grund. Erst allmählich begriff Alma, dass die Schwester ihre Zimmernummer meinte. Als sie diese nannte, schlug die Schwester die Hände über ihrem von einem hellblauen Häubchen gekrönten Scheitel zusammen.

»Wie bist du denn hierhergekommen?«, feixte sie, »Du gehörst ja zu einem ganz anderen Flur!« Sie kam aus ihrem Staunen und ihrem großen Entsetzen gar nicht mehr heraus:

»Wie schafft es nur eine Patientin, sich so weit von ihrem Flur zu entfernen?!«, schrie sie Alma an.

Es schien, als bräche die Welt für sie zusammen, weil sie keine Antwort auf diese Frage wusste und von Alma auch keine bekam. Diese Frau, die sich so weit zu entfernen gewagt hatte, sah die Schwester gar nicht an. Alma ignorierte sie einfach, ging lediglich neben ihr einher, als wäre sie ein zwar anwesendes, jedoch nicht zu beachtendes Etwas. Alma weilte tatsächlich mit ihren Gedanken weder bei der Schwester, noch hörte sie deren Worte. Sie gewahrte auch nicht mehr die Flure, die sowieso alle gleich aussahen. Ihre Gedanken entfernten sich, suchten nach etwas, das sie sich nicht erklären konnte. Sie wachte erst auf, als ihre Begleiterin eine Tür öffnete. Sie traten beide in einen kleinen Raum. Ein Schwesternzimmer.

»Ich musste so unendlich lange rennen, nur weil sich diese Frau unerlaubterweise von ihrem Flur entfernt hat!«, rief die Schwester in den Raum.

»So etwas ist seit Jahren nicht mehr vorgekommen!«, wusste eine ältere Schwester zu berichten. Die jüngeren aber, die jetzt alle zur gleichen Zeit miteinander, aneinander vorbei und schließlich durcheinander schnatterten, konnten sich an so einen Vorfall überhaupt nicht erinnern.

Dass Alma hier aufgetaucht war, schien die Schwestern in große Aufregung zu versetzen. Anscheinend verursacht so ein unerlaubter Ausflug schwerwiegendere Komplikationen, als sie sich Alma in ihrer Unwissenheit vorstellen konnte. Durch ihr Unwissen hatte Alma die gesamte Schwesternschaft jenes Flurs in die absolute Ratlosigkeit gestürzt. Sie wussten nicht, was sie mit Alma anfangen sollten. Schließlich erklärte sich, nach zähen Verhandlungen, eine von ihnen bereit, Alma in ihr Zimmer zurückzubringen.

Auf dem Rückweg ins Zimmer 218 fiel Alma auf, dass diese Schwester, genau so, wie sie es auch selbst auf ihrem Weg durch die Flure getan hatte, immer wieder an den Kreuzungen stehen blieb, spähte, horchte, und nur dann mit Alma weiterging, wenn sie nichts sehen oder hören konnte. Wovor sich die Schwester ängstigte, konnte sich Alma nicht erklären.

Auch Agnes und Trude konnten dafür keine Erklärung finden, als ihnen Alma am nächsten Tag beim Frühstück von dem Abenteuer berichtete.

»Die zweite Begleitschwester«, erzählte ihnen Alma, »sprach mit einer angenehmeren Stimme, oder aber sie schien mir angenehm im Vergleich mit der Stimme der vorherigen.«

Die Stimme jener Schwester aber, die sie gestern vor der Tür mit der Nummer 492 überrascht hat und die ihr immer noch in den Ohren klingt, erinnert Alma an eine Begebenheit, die sich irgendwann in ihrem Leben zugetragen haben muss, lange Zeit vor ihrem Aufenthalt in diesem Krankenhaus. Oder aber es handelt sich um einen ihrer Träume, aus einer dieser Nächte, als sie die Schmerzen immer wieder aus dem Schlaf rissen.

Es hat ihr viel geträumt in jenen Nächten und Tagen, sodass sie nicht mehr weiß, was sich während dieser Zeit tatsächlich zugetragen hat und was nur in ihren Träumen.

 

Der Besuch im Tierpark

 

 

Die Begebenheiten jenes Tages in einem roten Stadtbus blieben bis zur Begegnung mit der schrillen Schwesternstimme vor dem Zimmer 492 verschollen. Erst die Stimme der Schwester weckte die Erinnerung plötzlich wieder. So eine blecherne Stimme hatte Alma zum ersten Mal in jenem Bus gehört. Sie war mit einem kleinen Jungen in den Bus gestiegen, vielleicht vier Jahre alt, womöglich ihr Sohn. Als sie einstiegen, gab es nur noch vereinzelte freie Plätze im Bus, sodass sie getrennt voneinander zu sitzen kamen, sie und der kleine Junge. Neben Alma saß eine dunkelhaarige Frau, so um die Vierzig. Durch das offene Fenster drang eine Wespe in den Bus ein. Die Frau fürchtete sich vor Wespen.

Während Alma ihren beiden Zimmergenossinnen die Stimme der Schwester beschreibt, die sie vor dem Zimmer 492 überrascht hat, und dann anfängt, von den Begebenheiten in jenem roten Bus zu erzählen, versucht sie gleichzeitig, sich zu erinnern, ob sie jemals einen Sohn gehabt hat. Es gelingt ihr nicht, sich Klarheit zu verschaffen, ihr Erinnerungsvermögen gibt nur spärliche Auskünfte: Es steigen Gesichter und Wörter an die Oberfläche. Alma sieht das schmale Gesicht des Jungen mit den grünen Augen vor sich und hört das Summen der Wespe, die sich in den Bus verirrt hat.

Das Summen der in Panik geratenen Wespe unterbrachen immer wieder die dumpfen Schläge des Tieres an die Fensterscheiben. Mit dem Eindringen der Wespe löste eine leichte Unruhe die dösende Monotonie im Inneren des Busses ab. Plötzlich aber zerriss dann diese blecherne Stimme das fragile Gewebe von Summen und dumpfen Schlägen an die Fensterscheiben. Die blecherne Stimme im Bus gehörte zu einer alten Frau. Den Wortlaut verstand Alma nicht, der aggressive Blechton verschluckte die Worte. Kurz danach kam der kleine Junge zu ihr. Seine tränengefüllten Augen glänzten in einem sehr hellen, strahlenden Grün. Er setzte sich auf ihren Schoß.

Nach einem erneuten Zusammenstoß der Wespe mit der Fensterscheibe kam das Tier ins Trudeln und taumelte knapp vor dem Gesicht der dunkelhaarigen Frau, die einen Schrei ausstieß und aufgeregt mit den Armen fuchtelte. Da ertönte wieder jenes Blechorgan der alten Frau, die ganz vorne saß und nun aufgestanden war und sich der mit den Armen um sich schlagenden Dunkelhaarigen zuwandte.

»Töten Sie bloß die Wespe nicht!«, schrie sie, diesmal konnte Alma die Worte verstehen. Die Stimme überschlug sich und ging in ein unverständliches Brodeln über. Dann trat Stille ein. Bald aber fing das Summen wieder an, die Wespe, offensichtlich vom letzten Zusammenprall mit der Fensterscheibe erholt, flog wieder kreuz und quer durch den Bus. Der kleine Junge, der Almas Sohn gewesen sein mochte, hörte nicht auf zu weinen.

Die alte Frau stand noch immer halb umgedreht und beobachtete mit bösen Augen die Dunkelhaarige und den Flug der Wespe. Sie trug ein rosa Kleid mit weißem Kragen. Der kleine Junge auf Almas Schoß schluchzte und schniefte. Alma streichelte ihm über das Haar, sagte kein Wort. Das Weinen wurde immer leiser, schließlich blieb nur noch das Schniefen, sie putzte ihm die Nase. Er schlief ein.

Alma kümmerte sich nicht weiter um die alte Frau. An der letzten Haltestelle weckte sie den Jungen, sie stiegen aus.

Das eiserne Gittertor des Tierparks stand weit offen. Erst nachdem sie sich aus dem Pulk der sich hereindrängenden Menschen lösen konnten und dem Wolfsgehege zustrebten, fiel Alma wieder die Wespe ein. Sie fragte sich, ob das Insekt hatte entkommen können.

Der Junge blieb lange vor dem Zebra-Gehege stehen, dann fütterte er die Fische.

Jedes Mal, wenn er Futter ins Wasser streute, stürzte sich ein dichter Schwarm Fische darauf, Rücken an Rücken, metallblau. Mag sein, dass die Fische um das Futter kämpften. Der kleine Junge freute sich darüber.

Den Kopf in den Nacken gelegt, schlenderten sie später unter exotischen Bäumen durch die Voliere. Der Junge lachte über die seltsamen Vogelrufe, die sich anhörten, als machten sich die Vögel über die Besucher lustig. Vielleicht taten sie das auch. Der Junge antwortete den Vögeln mit den gleichen Rufen und streckte ihnen die Zunge heraus.

Vor Alma und dem Jungen ging die ganze Zeit ein Mann mit einem kleinen Mädchen. Alma nahm die beiden nur als Schattenrisse wahr, ihre Aufmerksamkeit richtete sich die ganze Zeit auf die Vögel im Geäst. Dann hörte Alma plötzlich wieder die blechernen Schreie der alten rosa Frau. Aber auch einer dieser seltsamen Vögel kam als Ursache des Lärms in Betracht. Doch es rief tatsächlich die Alte aus dem Bus. Der Mann und das Mädchen gingen weiter, die Frau folgte ihnen. Draußen, im Freien, setzten sich Alma und der Junge auf eine Bank. Der Junge beobachtete lange Zeit einen Käfer, der sich durch das Gras am Wegrand hindurchkämpfte.

Vielleicht gab es tatsächlich einen Tag, an dem Alma mit einem kleinen Jungen in einem roten Bus zum Tierpark gefahren ist. Die Wespe und die alte rosa Frau gab es womöglich auch. Und die Stimme der Schwester vor dem Zimmer 492 erinnerte sie an die blecherne Stimme der alten Frau im Bus.

»Ist es möglich, dass es mir von einer Busfahrt und einem Tierpark träumt, wenn ich noch nie mit einem Bus gefahren bin und noch nie einen Tierpark gesehen habe?«, fragt Alma ihre beiden Zimmergenossinnen. Keine antwortet.

»Ihr wisst es auch nicht, stimmt’s?«

 

Eine Frau ist verschwunden

 

 

Etwas muss Trude aus Almas Erzählung falsch verstanden haben, sie fragt immer wieder nach der alten Dame, die eines Tages verschwunden war.

»Weißt du etwas darüber, Alma? War die das vielleicht?«, fragt sie.

»Aber nein, nicht von dieser alten Dame, die aus dem Krankenhaus verschwunden ist, habe ich erzählt. Jene, die ich meinte, war keine Dame aus dem Krankenhaus, es war überhaupt keine Dame, bloß eine alte Frau in einem roten Bus, die ein rosa Kleid trug.«

Trude erzählt oft von der alten Dame im Zimmer nebenan, die eines Tages einfach verschwunden ist.

»Im Zimmer nebenan ist sie g’wesen, und dann war sie einfach nicht mehr da, niemand hat sie wieder g’sehn, und dann ist Agnes ’kommen, die dann statt der Frau da war, gell?«, bekräftigt Trude noch einmal das Verschwinden der alten Dame.

»Das kann nicht ganz stimmen«, wendet Alma ein, »Agnes kann nicht den Platz der verschwundenen Frau eingenommen haben, denn dann müsste sie jetzt im Nebenzimmer liegen und nicht hier.« Sie grübelt darüber nach, wo Trude diese Geschichte gehört haben könnte, und kommt zur Schlussfolgerung, dass nur auf dem Flur diese Möglichkeit besteht. Dort bietet sich nicht selten, wenn gerade niemand vom Pflegepersonal zugegen ist, die Gelegenheit, mit Patientinnen aus anderen Zimmern des Flurs zu sprechen. Es gibt zwar kein ausdrückliches Verbot miteinander zu sprechen, doch, aus irgendeinem Grund, scheuen sich die Patientinnen davor.

Anders verhält sich das mit Patientinnen fremder Flure. Man spricht sich nicht an, wenn man sich, aus verschiedenen Fluren kommend, zufällig an einer der beiden Kreuzungen sieht. Weil es eindeutig verboten ist. Misstraut auch fremden Gesichtern.

Es könnte jemand den Annäherungsversuch an das Pflegepersonal melden. Im Zimmer schräg gegenüber liegt eine sehr geschwätzige Frau, die eine Schwester bei dem Versuch, eine fremde Frau aus einem anderen Flur an der Kreuzung anzusprechen, überraschte. Am Tag darauf operierte man die geschwätzige Frau. Seitdem verständigt sie sich mit den anderen nur durch Zeichen. Ob ihr die Stimme fehlt oder der Mut zu sprechen, kann niemand beurteilen. Nach diesem Zwischenfall brachte man an jede Zimmertür innen ein Schildchen mit der Aufschrift Das Ansprechen flurfremder Personen ist nicht gestattet an.

Trude hält sich daran, ist aber innerhalb des eigenen Flurs in allen Zimmern ein gern gesehener Gast. Ihre unbedarfte, liebenswerte Art scheinen auch die Schwestern und Pfleger als harmlos einzustufen, denn niemand hat sie wegen dieser Besuche jemals gerügt.

Dennoch dämpft Trude mitunter ihre Stimme, wenn sie mit den anderen Frauen spricht. Sie zeigt ein Gespür dafür, bei welchen Gesprächsthemen man sich am besten nur im Flüsterton unterhält. Man kann sich auf Trudes Instinkt verlassen und auch darauf, dass sie nie irgendein Gespräch an das Pflegepersonal meldet.

Seitdem Alma vor dem Zimmer 492 auf jenem fremden Flur von einer entsetzt schreienden Schwester überrascht worden ist, wagt sie es nicht mehr, bei ihren täglichen Spaziergängen bis an die Kreuzungen an den Enden des Flurs zu gehen. Bereits einige Meter davor kehrt sie um. »Unser Flur«, sagte Agnes, als Alma von ihrem Ausflug berichtete, »unser Flur liegt, nach den Baumkronen geschätzt, die wir aus dem Fenster sehen können, im zweiten oder dritten Stock.«

Agnes bringt stets alles auf den Punkt, so als betrachte sie es als ihre Aufgabe, die Schlussfolgerungen zu ziehen.

Die Frauen zweifeln nicht daran, dass es noch weitere Stockwerke über ihnen gibt. Und, wie es der ausgedehnte Ausflug Almas vermuten lässt, muss das Labyrinth der Flure in jedem Stockwerk unendlich sein.

Bei offenem Fenster, wenn es draußen warm ist, können die drei Frauen Stimmen hören, die von oben, aber auch von weit unten kommen könnten. Die Richtungen, aus denen die Stimmen kommen, sind schwer zu orten. Schwerelos schweben Wortfetzen, aus irgendeinem Fenster geworfen oder einem fremden Gespräch entwichen, um die Baumkronen herum.

Alma konnte einmal, als ein Pfleger die linke der beiden dunkelgrünen, sonst stets verschlossenen Metalltüren auf dem Flur aufgeschlossen und kurz geöffnet hat, dort hineinschauen. Der Pfleger knipste das Licht an, verschwand hinter der Tür und schloss sie sogleich wieder ab. Sie konnte nur sehen, dass hinter der Tür Stufen nach unten führten. Was sich hinter der anderen Metalltür am anderen Ende des Flurs verbirgt, weiß sie nicht, vermutlich auch Stufen, die entweder nach unten oder nach oben gehen.

In letzter Zeit ist kein neues Gesicht mehr auf dem Flur erschienen. Draußen in den Baumkronen zeigte sich zwei Male der Sommer, seitdem diese neue Frau aufgetaucht und bald darauf wieder verschwunden ist. Nicht einmal Trude, die so oft die Nachbarzimmer besucht, hat sie mehr irgendwo gesehen.

»Sie haben sie mit ihrem Bett aus dem Zimmer gerollt«, erzählte eine Frau aus dem Nebenzimmer. »Wir dachten, sie rollen sie zu einer Operation, sie haben sie aber nicht mehr zurückgebracht.«

»Wenn das stimmt, was Trude über die neue Frau erzählt, müsste es schon die Zweite sein, die verschwunden ist«, sinniert Alma. »Vielleicht aber sind andere davor auch schon verschwunden.«

Von den altbekannten Gesichtern jedoch fehlt sonst keines, und sie sind auch nicht viel älter geworden. Immer wieder dieselben Gesichter auf dem Flur. Es gab anscheinend seit Monaten keine Aufnahmen mehr.

Jede Patientin wird in regelmäßigen Zeitabständen von einer Schwester oder einem Pfleger abgeholt und zum Arzt gebracht.

Wenn die Abendschwester bekannt gibt, dass für eine von ihnen am nächsten Morgen die Untersuchung ansteht, herrscht Beklemmung im Krankenzimmer. Es finden dann immer wieder die gleichen Beschwichtigungszeremonien statt. Die für den nächsten Tag Bestellte wird mitunter sehr redselig, nachdem sie sich von dem ersten Schreck erholt hat. Und jede der beiden anderen spielt die Rolle, die sie in solchen Fällen immer übernimmt.

»Bisher ist doch immer alles glatt gelaufen«, sagt dann Agnes.

»Ich habe ein gutes Gefühl«, sind Almas Worte.

Trude aber streicht der zur Untersuchung Bestellten über das Haar und drückt sie fest an sich.

Am Morgen findet immer wieder die gleiche Zeremonie statt. Die Frauen bekommen ihre Rationen an Tagestabletten, von denen sie nicht wissen, wozu sie sie nehmen müssen. Dann folgt die Frage der Morgenschwester nach dem Wohlergehen mit der darauf folgenden und immer gleich lautenden Antwort: Danke, es geht gut.

»Immer sagen, es geht dir gut«, hat Alma Trude eingeschärft. »Auch dann, wenn es dir nicht so gut geht. Es ist besser, dass du die Schmerzen erträgst, solange du kannst, als dass du der Schwester etwas davon sagst.«

Irgendwann plagten Trude heftige Zahnschmerzen. Sie hatte lange mit sich selbst und mit ihrem Zahnweh gerungen, bis sie endlich nach der Tagesschwester klingelte. Man brachte sie zum Zahnarzt, und sie kehrte von dort auch wieder zurück.

Agnes und Alma waren erleichtert und froh, sie wieder zu sehen. »Warum habt ihr denn so Angst gehabt?«, fragte Trude.

»Sie hätten dich vielleicht in ein anderes Zimmer gebracht, zu anderen Zahnschmerzleidenden«, antwortete Alma.

Trude gab sich mit dieser Antwort zufrieden und umarmte Alma.

»Diese Trude kann einen zu Tränen rühren«, sagte Alma später zu Agnes, als sie beide ihre Runden auf dem Flur drehten. Alma berührt es jedes Mal etwas peinlich, wenn sich Trude in einem ihrer heftigen Gefühlsausbrüche zu ungestümen Umarmungen hinreißen lässt.

Vor solchen hautnahen Kontakten schreckte sie, soweit sie sich erinnern kann, immer schon zurück. Eigentlich kann sie sich nur an das erinnern, was geschehen ist, seitdem sie hier in diesem Zimmer lebt. Mit Sicherheit, so denkt sie, gab es zuvor noch etwas, etwas Verlorenes. Oder man nahm es ihr weg. Wenn sie von draußen, aus den Baumkronen vor dem Fenster, Vogelgezwitscher hört, fühlt es sich an, als sähe sie ein Haus vor sich. Ein ebenerdiges, geweißtes Haus mit einem kleinen Vorgarten. Und sie hört Stimmen im Hintergrund des Vogelgezwitschers: eine männliche Stimme und die Stimme eines Kindes. Wem diese Stimmen gehören, daran kann sie sich nicht erinnern. Doch diese Trude, die gute Trude, ihretwegen ärgert sie sich oft.

Nein, Almas Wut richtet sich nicht gegen Trude, Trude kann man nichts verübeln, das ist es eben. Sie ist wütend auf sich selbst. Über ihre zu großzügig gesteckte Toleranzgrenze Trude gegenüber. Seit einer Woche geht das nun schon so. Seitdem Schwester Nora diese dumme rechteckige Musikkiste auf den Tisch gestellt hat. »Damit sich die Damen nicht langweilen«, sagte sie.

Trude hört seit einer Woche immer wieder dieses nervtötende Geplärre, das aus der Kiste kommt, und vertreibt die beiden anderen aus dem Zimmer. »Die arme, gute Trude«, so heißt es immer. Alma könnte der Armen in solchen Momenten wie diesem den Kopf einschlagen oder sonst irgendwelche unfeinen Gegenmaßnahmen ergreifen.

»Das wäre Notwehr«, sagt sie zu Agnes. Aber nein, anstatt ihr den Schädel einzuschlagen, ergreife ich die Flucht und marschiere den Flur auf und ab, während die gute Trude diese hirntötende Musik hört.

Alma muss fliehen oder den Mist mit anhören und unsäglich darunter leiden. »Wenn Trude nicht so voller Güte und Einfalt wäre!«, ruft sie mit einem Seufzen aus.

Jedes Mal, wenn ihr etwas Unangenehmes widerfährt, macht sich Alma Vorwürfe. So als hinge es allein von ihr ab, was ihr der Tag beschert. Sie fühlt sich dafür verantwortlich, dass es um sie und die anderen Patientinnen schlecht bestellt ist, dass der Flur Grenzen hat. Auch dafür, dass vor einigen Tagen ein fürchterlicher Schrei ertönte, der irgendwo herkam und in allen benachbarten Fluren als Echo widerhallte. Sie glaubt, dass an all dem ihre Nachlässigkeit schuld sei. Sie glaubt fest daran, dass, wenn sie es wollte, wenn sie es nur intensiv genug und richtig wollte, es keine Missgeschicke mehr gäbe und alles um sie schöner wäre. Vielleicht gäbe es dann auch dieses Gebäude nicht, in dem sie mit Agnes, Trude und vielen anderen eingesperrt ist. Da müsste sie auch nicht Trudes Lieblingsmusik mit anhören. Sie schreibt alles Unbehagen und die Bedrängnis ihrem schwachen Willen zu, der Tatsache, dass sie sich nicht genügend wehren kann.

Alma sitzt jetzt in der Badewanne und genießt das warme Wasser. Während dieses Genießens gehen ihre Gedanken zurück an den Tag ihres Ausflugs über die Flure, als sie sich verlief und nicht mehr zurückfinden konnte. Nach diesem Tag durfte sie eine Woche lang das Zimmer nicht verlassen. Niemand sagte ihr, warum sie ihre Tage hier verbringen muss und nicht woanders. Auch nicht, wozu diese Medikamente dienen, die sie täglich einnehmen muss. Auch nicht, weshalb sie operiert worden ist. Sie weiß genau so wenig wie die anderen Frauen hier, was da draußen gewesen sein mochte, bevor sie hierherkam. Sie hat aber keine Zweifel daran, in irgendeinem Zusammenhang mit dem Draußen jenseits des Fensters zu stehen.

 

Das Gerücht

 

 

Alle Frauen hier tragen diese langen, weiten Hemden, hellgrau. Man merkt den Kleidern die häufigen Waschgänge an. Anscheinend wird hier genauso oft gewaschen wie operiert. Immer wieder kommen die Patientinnen in den Operationssaal. Zuerst dachte Alma, nur sie sei operiert worden. Als man aber auch Trude in den Operationssaal brachte, fragte Alma eine Frau aus einem Nebenzimmer, ob auch sie mal in den OP-Saal gebracht worden sei.

»Alle werden operiert, alle«, flüsterte ihr die Frau zu, wobei sie die Augen weit aufriss und die Augenbrauen bedeutungsvoll hochzog. Woher die Frau das wissen mag? Zuweilen sickern aus einer unbekannten Quelle Gerüchte herüber in den Bereich der Patientinnen. Nachprüfen kann man das Herübergesickerte nicht.

Als Alma zum ersten Mal unter das Messer kam, gingen dem tagelange Untersuchungen voraus, daran kann sie sich genau erinnern. Man verabreichte ihr Tabletten und untersuchte sie dann wieder: bis zum Tag der Operation. Sie fragte den Arzt, was man jetzt mit ihr tun würde, er antwortete jedoch nicht auf ihre Frage. In dem Moment kam ein zweiter Arzt hinzu, dem der erste mit einem spöttischen Augenzwinkern zuraunte: »Sie will wissen, was man mit ihr tut.«

Beide lachten lange und ausgiebig. Alma wagte es nicht, weitere Fragen zu stellen, es wäre mit Sicherheit auch vergeblich gewesen. Die Ärzte unterhielten sich noch lange und erzählten sich Witze. Ab und an fragte einer der beiden, wie es ihr gehe und ob sie noch mehr wissen wolle, um dann in ein schallendes Lachen auszubrechen. Almas Wissbegierde schien die beiden Ärzte sehr zu belustigen. Der Zweite fragte schließlich, ob sie den Ärzten wohl auch Ratschläge geben wolle, was sie mit ihr tun sollen.

Sie zeigten sich sehr vergnügt und amüsierten sich prächtig. Dann schlief Alma ein.

Als sie aufwachte, plagten sie Schmerzen, die sie nicht orten konnte: Es schien, als kämen sie von überall und wühlten sich durch ihren ganzen Körper. Glatte, weiße Pillen brachten ihr die nächsten Tage etwas Erleichterung. Dann gingen die Schmerzen allmählich zurück. Seit diesem Tag bekommt sie regelmäßig die kleinen rundlichen Pillen.

Auch als Alma vor einigen Monaten das zweite Mal operiert worden ist, sagte ihr niemand, warum. Diesmal stellte sie keine Fragen mehr, hatte aber auch nicht mehr so viel Angst wie das erste Mal. Die Ärzte kannte sie nicht. Und die Schwestern, die um ihr Bett herum standen, trugen alle so einen bedeutungsschweren Gesichtsausdruck und verhielten sich schweigsam. Sie konnte auch von den anderen Frauen nichts über deren Operationen erfahren. Keine erzählt, warum man bei ihr einen Eingriff vorgenommen hat, sie werden es wohl auch nicht wissen.

»Wir müssen uns beeilen«, sagte der Arzt zu einer Schwester, als man sie in den OP-Saal rollte. Sie weiß bis heute nicht, was der Arzt damit gemeint hat.

Es gehen Gerüchte um, von Zimmer zu Zimmer. Von einem Ende des Flurs bis zum anderen. Dann kommen sie, in einer etwas veränderten Form, wieder zurück.

Wenn ein Arzt oder jemand vom Pflegepersonal auf dem Flur erscheint, verstummen die flüsternden Frauen. Es muss eines dieser hartnäckigen Gerüchte gewesen sein, das im Laufe der Jahre zu einer Legende geworden ist. Eine Legende aus den Tagen vor Almas Zeit hier. Man erzählt sie sich nur flüsternd, so schaurig hört sie sich an. Wenn Alma Frauen auf dem Flur sieht, die mit weit aufgerissenen Augen heiser flüsternd herumstehen, weiß sie, dass es jene Geschichte ist, die jeder Neuankömmling irgendwann erfährt. Die erschrockenen Augen der flüsternden Frauen werfen dann flüchtige Blicke um sich, so unstet wie zuckende Irrlichter.

Ein Geschehen auf der Bühne

 

 

Man erzählt sich, dass es irgendwann wieder Alarm geben wird. Seit einigen Wochen flüstern die Frauen häufiger auf dem Flur als sonst. Alma ist es zum ersten Mal an jenem Nachmittag aufgefallen, als ihr die große, schlanke Frau aus dem Zimmer gegenüber begegnete. Es war nicht das gewohnte Begrüßungslächeln, das freundlich ankommt, während man selbst noch unterwegs ist. Nein, es zeigte sich ein etwas anderes Lächeln im Gesicht dieser Frau: Es stand nicht still, es flatterte. Es zuckte unruhig um ihre Lippen. Alma blieb vor ihr stehen und fragte stumm zurück. Die Frau seufzte auf, dann glätteten sich ihre Züge. Sie beugte sich vor und fragte Alma in einem beinahe belustigten Ton, so als wollte sie einen Witz loswerden: »Hast du das mit den Pflegern schon gemerkt?«

»Ich habe nichts Besonderes bemerkt, worum geht es?«

»Auch das mit den Schwestern nicht?«, entgegnete die Frau.

»Es ist mir nur aufgefallen, dass Schwester Hanna und Schwester Wally schon lange nicht mehr hier gewesen sind, vielleicht machen sie Urlaub.«

»Aber die bekommen doch keinen Urlaub!«, sagte die große Frau. »Es gibt statt der beiden Schwestern zwei neue Pfleger, damit sind es insgesamt fünf männliche Pfleger auf dem Flur. Ich verstehe nicht warum.«

Alma indes verstand nicht, weshalb sich ihre Gesprächspartnerin darüber aufregte, es war doch völlig egal, ob das männliche oder das weibliche Pflegepersonal die Überzahl stellt.

»Ich habe auch festgestellt, dass es zwei neue Pfleger gibt«, pflichtete ihr Alma bei. Es schien die fremde Frau sehr zu beruhigen, dass Alma das Gleiche wie sie festgestellt hatte und gar nichts Ungewöhnliches daran fand.

»Ich bin die Elisabeth«, sagte sie fast heiter und reichte Alma die Hand. Alma nannte auch ihren Namen, und die beiden Frauen gingen eine Weile zusammen auf dem Flur auf und ab.

»Es sollen noch mehr kommen«, fuhr die Frau, die sich Elisabeth nannte, nach einer Weile unvermittelt fort. Alma, die den Faden des Gesprächs verloren hatte, staunte über diese Bemerkung.

»Wer soll denn kommen?«, fragte sie.

»Krankenpfleger selbstverständlich«, antwortete Elisabeth.

Da Alma darauf nichts zu erwidern wusste, wiederholte Elisabeth: »Es sollen noch weitere Pfleger kommen.«

»Warum? Woher weißt du das?«

»Ich habe es irgendwo gehört.«

»Von deinen Zimmernachbarinnen?«

»Nein.«

»Wer sind deine Zimmernachbarinnen?«

»Die halten mich für ihre Lehrerin, was immer das sein soll«, sagte Elisabeth und brach in ein unbefangenes lautes Lachen aus. Alma riss es mit. Das Lachen der beiden aber nahm so plötzlich ein Ende, wie es angefangen hatte.

Es gab eigentlich nirgendwo einen Anschlag, dass lautes Lachen verboten sei, auch hatte das nie irgendein Pfleger oder eine Schwester verordnet. Die Frauen wussten nicht, weshalb sie über ihre Fröhlichkeit erschrocken waren. So, als stünde sie unter Verbot. Es gehörte sich einfach nicht, auf dem Flur laut zu lachen. Schweigend trennten sich die beiden Frauen, jede ging in ihr Zimmer.

Elisabeth sollte Recht behalten. In den nächsten Tagen verschwanden weitere Schwestern und es kamen statt ihrer Pfleger hinzu, junge Burschen, die sehr beflissen, mit forschen Schritten und immer in Eile von einem Zimmer ins andere stürmten. Sie taten nichts anderes als das, was ihre weiblichen Kolleginnen getan hatten, es blieben die immer gleichen Verrichtungen. Nur trugen diese Burschen in ihren Gesichtern jene Entschlossenheit, die nur aus einer tiefen und unbedingten Überzeugung kommen konnte.

Die gewichtigen Mienen und die Bedeutsamkeit, die diese Burschen in ihre Gesten legten, waren den banalen Tätigkeiten, die sie zu verrichten hatten, nicht angemessen. Diese Unstimmigkeit machte Alma betroffen.

Elisabeth jedoch irrte, als sie dachte, alle Schwestern würden durch Pfleger ausgetauscht.

Alma fragte nach: »Wie bist du eigentlich auf diesen Gedanken gekommen?«

»Vielleicht habe ich das irgendwo gelesen, vor sehr langer Zeit. Oder auf einer Bühne gesehen.« Das Wort Bühne schoss Elisabeth ganz unvermutet durch den Kopf: »Irgendwo auf einer Bühne sind Schwestern durch Pfleger ausgetauscht worden.«

Vier Schwestern blieben auf dem Flur. Die älteren unter ihnen. Sie tragen, im Unterschied zu den beflissenen Pflegern, Langeweile in ihren Gesichtern. Ihre Gesten verlangsamen sich von Tag zu Tag, so als wäre in ihrem Inneren eine Feder am Ablaufen, und sie bliebe sehr bald für immer stehen. Als sogar eine neue Schwester hinzukommt, gewinnt Elisabeth die Überzeugung, dass die Pfleger wieder von Schwestern abgelöst werden sollen. Aber auch diesmal irrt sie sich: Einige Wochen nach der Ankunft der neuen Schwester fehlt noch immer niemand vom Pflegepersonal. Hinzugekommen ist lediglich eine seltsame Erscheinung, die Alma als Erste entdeckt hat. Sie machte auch Elisabeth auf den kleinen Mann aufmerksam.

Unter den neuen Pflegern ist Alma ein gedrungener, dunkelhaariger Mann im mittleren Alter aufgefallen. Der Mann wirkt wie das genaue Gegenteil von jenen übrig gebliebenen Schwestern mit den fast abgelaufenen Federn. Auch erweckt er keinesfalls den Eindruck, als Sklave seiner Überzeugung zu dienen wie die jungen Pfleger.

Er bemüht sich stets, absolute Souveränität zu signalisieren. Sein kleiner Wuchs ist nicht das Auffälligste an ihm. Obwohl man vermutlich gerade darin die Ursache und die Triebkraft seiner aufgesetzten Geschäftigkeit findet: Das Bestreben, den zu kleinen Wuchs durch ein energiegeladenes Auftreten zu kompensieren. Seine Auftritte sind heftig, und er tritt immer unerwartet auf und verschwindet im gleichen Augenblick, um an anderer Stelle wieder in Erscheinung zu treten.

»Schau dir den an!«, ruft Alma Elisabeth zu, als er wieder einmal über den Flur blitzt. Bevor sie jedoch ihren Satz zu Ende führen kann, ist er wieder verschwunden.

Dieser kleinwüchsige Pfleger trägt seinen blauen Kittel stets offen. Sichtbar wird zwischen den flatternden Kittelschößen seine blaue Jeans, die ihm viel zu eng die Hüfte umspannt. Besonders gut zur Geltung kommt aber der am Hosengürtel klimpernde Schlüsselbund. Der besteht aus einem Autoschlüssel nebst weiteren zwei Schlüsseln. Die beiden Schlüssel öffnen vermutlich Räume, die nur er betreten darf. Der klimpernde Bund unterstreicht die forschen Schritte seines stolzen Besitzers, die im Labyrinth der Flure verklingen. Vor einigen Tagen hätte der Mann Alma fast umgerannt. Sie konnte sich noch rechtzeitig mit einem Schritt nach rechts in Sicherheit bringen und einen Zusammenstoß vermeiden. Er kam ihr betont geschäftig entgegen marschiert, kam mit gehobenem Kinn geradeaus stampfend, während der Schlüsselbund im Takt der Schritte auf seinem Bauch tanzte.

Patientinnen und Schwestern hüpfen beiseite und geben den Weg frei, wenn er in Sicht kommt, denn von seiner vorgezeichneten Bahn weicht der kleine Mann mit den flatternden blauen Kittelschößen keinen Millimeter ab. Die jungen Pfleger verdrücken sich, wenn sie das Klimpern seines Schlüsselbunds hören. Seine Augen kann niemand sehen, er trägt stets eine verdunkelte Brille.

Allem Anschein nach dürfte er nicht zu den gewöhnlichen Pflegern zählen, vielmehr zu jenen, die organisieren, koordinieren, die Pfleger und Schwestern aller Flure ihren Aufgaben zuführen. Dafür spricht auch sein Handy, dem sein Besitzer Anweisungen erteilt oder aber Order von höherer Stelle empfängt. Immer wieder klingelt es in seiner Kitteltasche. Und jedes Mal fischt er mit gewichtiger Miene das schrillende Gerät aus der Tasche heraus und führt es mit einer eleganten Bewegung ans rechte Ohr.

Wozu diese Erscheinung dient und ob nun alles anders laufen soll als bisher, weiß niemand. Jeden Tag stampft der hurtige Organisator mit unverbrauchter Energie aufs Neue durch die Flure. Im Gegensatz zu dieser hin- und herschießenden Erscheinung des Organisators mit dem klimpernden Schlüsselbund vollzieht sich die Grundbewegung des Krankenhauses eher getragen. Es scheint so, als drehe sich alles in einem immer noch zweckmäßigen Kreis, nur mit verlangsamten Gebärden. Ein Mühlenrad kurz vor seinem Stillstand. Diese Trägheit ist schwerer und drückender geworden, seitdem sich die Pfleger und Schwestern immer häufiger in ihrer vollen Zahl auf dem Flur aufhalten.

Erst wenn die Nachtschwester mit den Schlaftabletten kommt, gilt der Tag als offiziell abgeschlossen. Sobald die Schwester das Licht ausgeknipst und die Tür hinter sich geschlossen hat, versucht Elisabeth wieder in ihren Traum hineinzuschlüpfen.

 

Ein verhängnisvoller Morgen

 

 

Wenn Elisabeth in ihrem Traum die Pappel erreicht, liegt die Hälfte des Wegs schon hinter ihr. So sieht es ihr Traum vor. Es träumt ihr immer wieder das Gleiche.

Als sie die Pappel erreicht, hört sie von Weitem einen Zug pfeifen. Der Zug nähert sich, das Rattern der Räder füllt das ganze Tal mit seinem Lärm. Der Zug pfeift noch immer, hört nicht auf zu pfeifen, das Pfeifen wird immer lauter. Es geht über in einen lang gezogenen Heulton, dringt wie eine Nadel in Elisabeths Kopf ein. Sie schreit laut auf.

Schreiend erwacht sie, liegt in ihrem Bett, will weglaufen, kann nicht aufstehen. Vor ihrem Bett steht, in Tränen aufgelöst, durchgeschüttelt von einem heftigen Weinkrampf, Trude. Ausgeliefert und hilflos steht sie da und versteht die Welt nicht mehr. Aufgeschreckt vom Heulen der Sirene, ist sie kopfüber aus ihrem Zimmer auf den Flur und in das Zimmer gegenüber gerannt, um bei Elisabeth Zuflucht zu suchen. Warum gerade bei Elisabeth, weiß sie nicht.

Elisabeth gelingt es nun, sich in ihrem Bett aufzurichten und versucht, die zu Tode erschreckte Trude zu beruhigen. Trudes Schluchzen wird immer leiser, doch plötzlich hört sie ein Stöhnen und schreit kurz auf. Das Stöhnen scheint aus dem Boden zu kommen. Elisabeth steht auf, schaut sich im Zimmer um und stellt fest, dass ihre Zimmernachbarinnen verschwunden sind. Da das Stöhnen nicht aufhört, macht sie sich auf die Suche. Sie entdeckt schließlich Laura und Dina unter ihren Betten. Sie liegen da, ganz steif, mit geschlossenen Augen, und wagen nicht einmal die leiseste Bewegung. Dina stöhnt ab und zu wie im Schlaf. Als Elisabeth sie anspricht, hört sie auf zu stöhnen, sagt aber kein Wort.

Draußen auf dem Flur wartet indes Alma vor der Tür ihres Krankenzimmers darauf, dass man sie wieder einlässt. Als sie von dem Heulton aus dem Schlaf gerissen wurde, sah sie Trude durch die geöffnete Tür aus dem Zimmer laufen. Sie lief ihr nach, holte sie auf dem Flur ein und versuchte sie festzuhalten. Trude jedoch riss sich los und rannte ins Zimmer gegenüber. Als Alma in ihr Zimmer zurückkehren wollte, verwehrte ihr Schwester Jutta den Zugang und hieß sie draußen auf dem Flur zu warten. Sie solle sich hier gedulden, bis sie neue Anweisungen erhielte, sagte Schwester Jutta. Obwohl die Pflegerin kurz darauf ins Schwesternzimmer verschwand, wagte es Alma nicht, das Verbot zu übertreten.

Kurze Zeit darauf kamen zwei Pfleger aus einem anderen Flur um die Ecke und traten ins Krankenzimmer. Nun steht Alma schon eine ganze Weile vor der Tür und wird immer unruhiger.

Trude aber steht noch immer vor Elisabeths Bett. Ihr Weinen ist in ein trockenes Schluchzen übergegangen, das sich wie ein Schluckauf anhört. Nun nimmt Elisabeth sie in die Arme und versucht, sie zu beruhigen. In diesem Augenblick hebt die Sirene wieder an, ihr Heulton dringt überall ein, kein Versteck schützt davor. Trude hält sich krampfhaft an Elisabeth fest und versteckt ihr Gesicht in deren weitem Ärmel. Ihr Schreien geht im Heulton der Sirene unter.

Als das Heulen aufhört, meldet sich wieder Dinas Stöhnen. Elisabeth löst sich von Trude, geht an Dinas Bett, bückt sich und ruft ihr zu: »Es heult nicht mehr! Es heult nicht mehr!«

Dina öffnet die Augen und starrt Elisabeth an.

»Es heult nicht mehr!«, wiederholt Elisabeth. Dina starrt sie noch immer mit unbewegten Augen an, so als habe sie ihre Worte nicht verstanden.

»Ich möchte heim …«, wimmert Trude leise. Elisabeth dreht sich um, legt die Arme um Trudes Schulter und begleitet sie zur Tür.

»Möchtest du in dein Zimmer?«, fragt sie Trude. »Ich möcht’ heim, ich möcht’ heim …«, antwortet diese.

Als die beiden Frauen die Tür öffnen, steht eine Schwester davor, eine neue, unbekannte. »Ihr müsst vorläufig hier bleiben«, sagt die unbekannte Schwester, »ihr dürft jetzt nicht heraus.«

Während dieser Zeit steht Agnes im Waschraum hinter der rechten Tür ihres Krankenzimmers vor dem Spiegel und stützt sich mit den Händen am Rand des Waschbeckens ab. Neben dem Tisch im Zimmer warten zwei Pfleger darauf, dass sie ihre Morgentoilette beendet. Sie stehen mit über der Brust gekreuzten Armen an die Wand gelehnt und mustern den Raum.

Im Zimmer gegenüber aber liegen Laura und Dina noch immer unter ihren Betten. Weder Elisabeths Zureden, noch die neue unbekannte Schwester, die ins Zimmer gekommen ist, können sie dazu bewegen, ihre Stätten der Zuflucht zu verlassen. Da holt die Schwester Verstärkung. Schwester Dorothea, die die Frauen heimlich die dicke Dora nennen, tritt mit stampfenden Schritten ein. Hinter ihr trippelt die Neue her. Schwester Dorotheas rundes Gesicht ist zu einer Maske der Entschlossenheit eingerastet: Einer Steigerung dessen, was ihr energiebetontes Türöffnen bereits angedeutet und der feste Schritt bekräftigt haben.

Mit einer für ihre Körperfülle erstaunlichen Wendigkeit bückt sie sich zu Lauras Unterschlupf. Ihre Hände fassen mit fachmännischem Griff zu, legen sich um Lauras Knöchel und halten sie in der Zange ihrer Finger. Dorothea jedoch schafft es nur, Laura etwas zu drehen und deren Füße unter dem Bett hervorzuholen. Dann schreit Laura auf, Dora lässt die Füße der Patientin fallen und gibt auf.

Laura öffnet die Augen, einen dünnen Spalt nur, schließt sie gleich wieder und bleibt dann mit fest und trotzig zusammengekniffenen Augenlidern liegen. Bei Dina versuchen es beide Schwestern mit vereinter Kraft, es gelingt ihnen lediglich, die sich mit ihrem ganzen Gewicht dagegen stemmende Frau um einige Zentimeter zu bewegen.

Dann verlieren die beiden Schwestern plötzlich das Gleichgewicht und taumeln durch den Raum.

Im Waschraum des Zimmers gegenüber steht Agnes noch immer vor dem Spiegel. Aus dem Spiegel über dem Waschbecken schauen sie zwei sehr dunkle Augen an. Sie kann sich nicht erinnern, jemals so dunkle Augen gehabt zu haben. Agnes kann sich von diesen so ungewöhnlich dunklen Augen nicht losreißen. Sie sieht sie so lange an, bis alles vor ihren Augen verschwimmt. Als der Boden unter ihren Füßen zu schaukeln beginnt, geht sie vor ihrem Spiegelbild in die Knie und verliert das Bewusstsein.

 

Die Prozession der grauen Mantelfrauen

 

 

Als Doras Hände ihre Knöchel ergreifen und festhalten, sticht ein plötzlicher Schmerz durch Lauras ganzen Körper bis in den Hinterkopf. Sie schreit spitz auf. Die Schwester lässt erschreckt los und Lauras Schmerz löst sich auf, eine wohltuende Wärme rieselt durch ihre Glieder. Sie öffnet die Augen, um sie gleich wieder zu schließen. Vergeblich.

Das Bild, das sie gesehen hat, bleibt auch bei geschlossenen Augen vor ihr stehen: Sie selbst steht mitten im Bild. Nur steht sie in diesem Bild mit den Fußsohlen auf der weißen Zimmerdecke, und über ihrem Kopf wölbt sich der blaue Kunststoffboden des Krankenzimmers. Sie öffnet wieder die Augen, guckt unter der Bettleiste hervor und sieht zum Fenster. Im Fensterrahmen hängen die Baumkronen nach unten. Laura weiß nicht mehr, was oben und was unten ist. Der Blickwinkel, aus dem Laura den Raum sieht, ändert sich jede Sekunde. Alles dreht sich, die Zimmerecken verschieben sich, der Raum weitet und verengt sich immer wieder in einer konvulsiven Bewegung.

Zwei Schwestern schweben durch den Raum, eine dünne und eine dicke. Mal stehen sie Kopf, um dann wieder nach oben zu hechten. Ab und an nähert sich eine der Schwestern Laura, kommt ganz nahe an ihr Gesicht und schaut ihr in die Augen. Die Augen der Schwester sind riesengroß, die Nase breit, die Füße aber weit weg und winzig klein. Es ist für Laura lustig anzusehen, wie die runde Schwester Dorothea sich zwischen Fenster, Betten und Tisch hindurch dreht. Sie sieht, wie diese durch den Raum krault, da und dort mit den Fingern oder mit den Zehenspitzen an Möbeln und Wänden Halt sucht und immer wieder abrutscht.

Als das große Zittern erneut durch den Fußboden und die Wände geht, verliert Alma das Gleichgewicht. Sie greift nach der Türklinke, stürzt mit der Tür ins Zimmer und fällt den beiden Pflegern in die Arme. Sie gehen alle drei zu Boden.

Währenddessen halten sich Trude und Elisabeth im Zimmer gegenüber fest umschlungen. Sie warten darauf, dass die Wände bersten, sich ein Graben auftut und sie verschluckt oder dass die Zimmerdecke über ihnen einstürzt. Nichts von dem geschieht. Es geschieht überhaupt nichts mehr. Der Boden unter ihren Füßen hat sich wieder beruhigt und hält still.

Die beiden Schwestern sind verschwunden. Laura und Dina liegen noch immer unbewegt unter ihren Betten. Trude fängt leise an zu weinen. Sie wendet sich von Elisabeth ab, lässt sich auf das Bett in der Mitte fallen, ringelt sich auf dem Laken ein, verschränkt ihre Arme über dem Gesicht und wimmert ins Kissen. Die Bettdecke liegt auf dem Boden.

Elisabeth möchte nach Alma und Agnes sehen. Als sie die Tür öffnet, steht ein Pfleger davor und weist sie an, im Zimmer zu bleiben, bis es soweit sei. Elisabeth fragt nicht, was soweit sein solle und wie weit, sie weiß um die Sinnlosigkeit der Frage. Sie bekäme keine Antwort. Sie geht zurück und setzt sich zu Trude. Man hört wieder Dina unter dem Bett stöhnen. Ein stämmiger Pfleger mit kurz geschnittenem Haar tritt ein, gefolgt von einem sehr jungen Kollegen mit blassem Gesicht. Dann öffnet sich wieder die Tür und eine neue Schwester kommt herein.

Der stämmige Pfleger spricht sie mit Natalie an: »Natalie«, fragt er nach einem suchenden Blick in den Raum, »wo sollen wir anpacken?« Schwester Natalie weist mit einer Handbewegung auf die unter ihren Betten liegenden Patientinnen. Händereibend und ein kräftiges »So!« ausstoßend geht der kurze, aber kräftige Mann ans Werk.

Der blasse Jüngling fasst auch an.

Gemeinsam gelingt es ihnen schließlich, die verängstigten, am Boden verkrampften Patientinnen unter ihren Betten hervorzuziehen und sie auf die Stühle zu setzen.

Der Stämmige seufzt genussvoll auf. Über sein breites, vom Schweiß der Anstrengung glänzendes Gesicht zieht sich schräg ein stolzes Grinsen. Dann verlässt der Sieger triumphierend den Raum. Der blasse junge Kollege sieht sich noch einmal unschlüssig um und folgt dann. Schwester Natalie aber bleibt im Zimmer und weist die Patientinnen an, die warmen Mäntel anzuziehen, die sie selbst aus dem Wandschrank einzeln herausnimmt.

»Wir werden jetzt zu den anderen Frauen auf den Flur gehen, die warten bereits«, fügt sie noch hinzu. Sie gebraucht das krankenhausübliche Wir, das eigentlich nur die Patientinnen meint.