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Beschreibung

Die Corona-Krise stellt für unsere Gesellschaft eine "kopernikanische Wende" dar. Auch wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen, ein Zurück zum vorherigen Zustand wird es nicht geben. Unser Leben folgt einer neuen Normalität, nichts ist wie zuvor. In diesem Buch schildern Künstler und Experten aus Ökonomie, Virologie, Neurologie, Ethik und den Erziehungswissenschaften den jeweiligen Wandel aus ihrer Sicht. Sie entwerfen Szenarien, wie die Pandemie uns und unser Leben verändert und was sie für die Zukunft bedeutet. Es kommen zu Wort: Thomas Brussig, Gerald Hüther, Christian Jassoy, Manfred Prenzel, Bernd Raffelhüschen und Helmut Schleich.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Impressum

Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist nicht gestattet,

dieses Werk oder Teile daraus auf fotomechanischem Weg zu vervielfältigen oder in Datenbanken aufzunehmen.

Das Neue Berlin – eine Marke der

Eulenspiegel Verlagsgruppe Buchverlage

Alle Rechte der Verbreitung vorbehalten.

ISBN E-Book 978-3-360-50185-1

ISBN Print 978-3-360-02802-0

© 2021 Eulenspiegel Verlagsgruppe Buchverlage GmbH, Berlin

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin

unter Verwendung einer Illustration von Oskar Fabritz

www.eulenspiegel.com

Inhalt

Leben und Überleben

Was macht Corona mit uns, was machen wir mit Corona?

Thomas Brussig:Die Ohnmacht des demokratischen Pandemie-Bekämpfers

Gerald Hüther:Wir stehen vor einer zweiten kopernikanischen Wende

Christian Jassoy:Das Coronavirus wird nicht wieder verschwinden

Manfred Prenzel:Das eigene Lernen organisieren

Bernd Raffelhüschen:Die ökonomischen Konsequenzen der Pandemie

Helmut Schleich: Ein riesiges Loch gerissen

Die Interviewten

4

Leben und Überleben

Was macht Corona mit uns,was machen wir mit Corona?

Seit Beginn der Pandemie machen sich die Menschen weltweit Gedanken über die Bedrohung, die ein neues Virus ausgelöst hat. Nach mehr als einem Jahr ist SARS-Co V-2, wie das Coronavirus wissenschaftlich korrekt bezeichnet wird, einmal um die Welt gezogen. Normalerweise sind die Coronaviren für Erkältungskrankheiten verantwortlich. Sicher war das ein Grund, warum viele Menschen das Virus anfänglich nicht besonders ernst nahmen. Wer erinnert sich nicht an den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der Corona lange bagatellisierte und zum Beispiel das Tragen einer Maske ablehnte. Nach 15 Monaten Pandemie sind an dem Virus weltweit über drei Millionen Menschen gestorben, allein die USA verzeichnen mehr als eine halbe Million Opfer. In Deutschland mussten wegen des Virus mehr als 80000 Menschen sterben, über 3,5 Millionen infizierten sich insgesamt.

Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens schildern im Folgenden, welche Wirkung aus ihrer Sicht die Pandemie für die Deutschen und das Land in den zurückliegenden Monaten hatte. Sie machen sich darüber hinaus Gedanken, welche Konsequenzen das Virus für die Zukunft der Gesellschaft haben wird.

Für den Neurobiologen Gerald Hüther ist die Corona-Krise der Beginn einer Zeitenwende, wie die Menschen sie seit Kopernikus nicht mehr erlebt haben. Auch wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen sollten, ein Zurück zum vorherigen Zustand wird es demnach nicht geben. Unser Leben wird einer neuen Normalität folgen.

Große Herausforderungen sieht der Ökonom Bernd Raffelhüschen auf uns zu kommen. Schließlich hat die Pandemie unser Wirtschaftsleben in noch nie gekannter Weise durchgerüttelt. Ob es um die Entwicklung am Arbeitsmarkt geht oder die Existenz der Rentner in der Zukunft, die Herausforderungen nach überstandener Coronakrise sind groß.

Dass auch unser Bildungssystem vor großen Herausforderungen in der Zukunft steht, ist für den Erziehungswissenschaftler Manfred Prenzel nicht von der Hand zu weisen. Gerade in den Lockdowns zeigt sich die Notwendigkeit des digitalen Lernens für die Zukunft. Aber er macht Kindern und Jugendlichen auch Hoffnung. Ausgefallener Lehrstoff lässt junge Menschen in Corona-Zeiten nicht gleich zu Versagern werden.

Der Schriftsteller Thomas Brussig zieht aus der Pandemie den Schluss, dass nur konsequentes Handeln des Staates größeren Schaden für die Gesundheit der Gesellschaft abwenden kann. In der Zukunft sieht er die digitale Nachverfolgung der Infektionswege als den wichtigsten Beitrag, um flächendeckende Infektionen zu verhindern.

Der Virologe Christian Jassoy geht wie alle Wissenschaftler davon aus, dass wir mit dem Coronavirus werden leben müssen. Es wird sich verändern, aber bleiben. Für die Zukunft müssen wir gewappnet sein. Pandemien können sich immer wieder entwickeln.

Viel zu wenig hat die Politik während der Pandemie den Menschen als soziales Wesen beachtet. Das ist die Meinung des Münchner Kabarettisten Helmut Schleich, der sich mit der Beobachtung auseinandersetzt, dass Meinungsvielfalt während der letzten Monate einen bemerkbaren Rückgang in unserer Gesellschaft erlebt hat.

Wer immer sich zu der Pandemie und ihren Folgen seine Gedanken macht, alle sind sich in einem Punkte einig: Nichts wird so sein wie vorher. Dabei sollten wir als Menschen ehrlich sein. Wirklich genau wissen wir heute nicht mehr, wie unser Leben vor der Pandemie war. Wir erinnern uns kaum noch daran, dass während des ersten Lockdowns die Meinung dominierte, in wenigen Wochen sei der ganze Spuk vorbei. Wer dem nicht folgen wollte, galt als Pessimist.

Vielleicht bleibt in der Erinnerung, dass Menschen Meister in der Kunst des Verdrängens sind. Schon nach vier Wochen Lockdown hätte die Politik konsequent über die wirtschaftlichen Folgen durch Corona sprechen können. Denn vier Wochen vermindertes Bruttosozialprodukt beeinträchtigen alle finanziellen Pläne unseres Gemeinwesens für Jahre. Nur wenige sprachen zu Beginn davon.

Stattdessen lebten wir von Durchhalteparolen: Wir sind ein starkes Land. Niemand muss sich Sorgen um seinen Lebensstandard machen. Wir helfen allen, die wegen Corona in eine Krise geraten sind. So lauteten die Statements der Beruhigung nach wenigen Wochen Pandemie, die ihre Wirkung taten. Bis zum Ende der dritten Infektionswelle sind diese Versprechen nicht eingelöst. Der Beweis muss noch erbracht werden, dass viele Menschen ohne wirtschaftliche Krise wieder aus der Pandemie kommen.

In Berlin zeigte sich die Politik jedoch schon zu Beginn der Krise zufrieden mit dem allgemeinen Verhalten seiner Bürger. So fasste der gemeinsame Krisenstab von Innen- und Gesundheitsministerium in einem Lagebild knapp zwei Monate nach Beginn der Pandemie die Stimmung im Land wie folgt zusammen: »Durch die Veränderungen des täglichen Lebens verändert sich auch die Kriminalitätslage. Es kommt zum Anstieg einzelner Deliktarten, insbesondere von Betrugsdelikten und Cyberkriminalität. Mittelfristig sind Auswirkungen auf den Menschen- und Drogenhandel, langfristig auf Steuerstraftaten und Korruption wahrscheinlich. Die Bevölkerung befolgt in der Regel die geltenden Kontakt-/Ausgangsbeschränkungen. Insgesamt ist die Sicherheitslage weitgehend ruhig.« (5. Mai 2020)

Es herrschte also Ruhe im Land. Daraus sollte sich über die Monate nicht viel ändern. Selbst auf­se­hen­er­re­gende Querdenker-Demonstrationen mit mehr als zehntausend Menschen im August rüttelten nicht an diesem Lagebild.

Andererseits gab es bereits zu Beginn der Pandemie mahnende Worte, die den aufkeimenden Unwillen der Bürger vorwegnahmen, wie er mindestens seit Dezember 2020 zu spüren war. Denn bereits am 13. April 2020 formulierte die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina überaus deutlich: »Die staatlich verordneten Maßnahmen, die mit Blick auf die Pandemie den Schutz von Leben und Gesundheit bezwecken, ziehen Einschränkungen anderer Rechtsgüter nach sich. Diese dürfen bei der Verhältnismäßig­keitsprüfung nicht ausgeblendet, sondern müssen in einer Gesamtabwägung mit betrachtet werden. Erst die Einbeziehung der nicht-intendierten Nebenfolgen macht die ganze Komplexität der Abwägung kollidierender Güter deutlich. Die aktuellen politischen Entscheidungen zur Bewältigung der Krise müssen die Mehrdimensionalität des Problems anerkennen, die Perspektiven von unterschiedlich Betroffenen und unterschiedlich Gefährdeten berücksichtigen sowie die jeweiligen Abwägungsprozesse offenlegen und entsprechend kommunizieren. So wäre etwa eine vorbeugende Segregation einzelner Bevölkerungsgruppen, beispielsweise älterer Menschen, allein zu deren eigenem Schutz als paternalistische Bevormundung abzulehnen.«

In diesen wenigen Sätzen steckt nicht nur die Forderung, die Kasernierung in Altenheimen aus Respekt vor den dort lebenden Menschen zu verhindern. Es ist ebenfalls die Aufforderung, Aktionen etwa von Schauspielern wegen der Corona-Politik zuzulassen. Hätten sich Medien und Twitter-­Gemeinde an diese Sätze der Leopoldina erinnert, eine reflektierte Reaktion wäre möglich gewesen.

Ähnlich verhält es sich mit dem »Manifest der offenen Gesellschaft«vom März 2021, in dem der Historiker ­René Schlott, die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, der Medienforscher Michael Meyen und andere eine Kommunikation beklagen, die mit ihrer Aggressivität die Risse in der Gesellschaft vertieft. Damit erneuern sie die Mahnung der Leopoldina nach einem Dialog auf Augenhöhe, der keinesfalls extremen Gruppen und Verschwörungstheoretikern überlassen werden sollte.

Zur Mitte des Jahres 2021, also mehr als anderthalb Jahre nach den ersten Corona-Fällen in Deutschland scheint jedoch unstrittig: Corona ist kein harmloses, Schnupfen verursachendes Virus. Das haben sogar viele der anfänglichen Skeptiker erkannt, manche nur zähneknirschend. Im Weiteren kann nicht geleugnet werden, dass SARS-Co V-2 den Menschen erhalten bleiben wird. Welche Hygienemaßnahmen deshalb weiterhin gelten müssen, trotz flächendeckender Impfungen und Schnelltests, genau können dies nicht einmal Virologen voraussagen. Es wäre sicher auch vermessen, solange das Virus in Indien oder Brasilien weiterhin wütet.

Die Menschheit ist global wie in Deutschland deshalb ebenso mit der Erkenntnis konfrontiert, dass es eine neue Bedrohung für das Leben gibt, von der wir im Dezember 2019 vielleicht eine leise Ahnung hatten, wenn wir uns mit Viren und ihren Gefahren auskannten. Der Rest der Menschheit musste noch warten, bis er den Begriff der Pandemie mit allem Nachdruck kennenlernen sollte.

2020: Ein Jahresbeginn ohne besondere Vorkommnisse

Corona hat nach vorherrschender Meinung seinen Ursprung in Wuhan, einer Stadt in der chinesischen Provinz Hubei. Dort sind Ende 2019 mehrere Fälle einer Lungenentzündung aufgetreten, deren Ursache sich die Ärzte nicht erklären konnten. Dann identifizierten sie bei einem Patienten das neuartige Coronavirus.

Die Deutschen waren auf ein wenig spektakuläres Jahr 2020 eingestellt. Die wesentliche Frage lautete: Wird die Große Koalition halten? Der deutschen Wirtschaft traute niemand große Sprünge zu. Nur Donald Trump sorgte wie immer für höheren Blutdruck. Gerade hatte er den Iran-Konflikt angeheizt. Die Krise im Nahen Osten drohte einmal mehr zu eskalieren. Die Welt schaute auf Teheran und Washington. Der deutsche Außenminister bemühte sich um Entspannung.

Der wirkliche Belastungstest der deutschen Politik nahm zu dieser Zeit seinen Anfang auf dem Münchner Flughafen. Dort landete am 19. Januar eine Geschäftsfrau aus Shanghai. Sie wollte bei einem Zulieferer der Autoindustrie Workshops veranstalten. Drei Tage später hatte die ahnungslose Frau mindestens 16 Menschen aus ihrem Arbeitsumfeld mit dem Coronavirus angesteckt.

Das Virus war zu diesem Zeitpunkt in Deutschland immerhin bekannt. In den Nachrichten gab es Meldungen über eine Epidemie im chinesischen Wuhan. Dort wurde die gesamte Provinz Hubei mit ihrer Hauptstadt Wuhan am 23. Januar unter Quarantäne gestellt. Zusammen mit den angrenzenden Regionen waren mehr als 60 Millionen Menschen betroffen.

Infektion in Oberbayern

Am 27. Januar 2020 stellten Mediziner in Oberbayern die ersten Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus fest. Es war das erste Mal, dass ein Berliner Virologe vor einer möglichen weltweiten Ausbreitung von COVID-19 warnte. Nicht einmal der Virologe Prof. Dr. Christian Drosten selbst wusste zu diesem Zeitpunkt, dass nur wenige Monate später sein Name den Bekanntheitsgrad der Bundeskanzlerin erreichen werde.

Drei Tage später stellte die Weltgesundheitsorganisation eine Notlage von internationaler Tragweite fest. Jetzt stand fest: Corona wird die Schlagzeilen nicht mehr verlassen. Allerdings brachte diese Meldung die Nation noch nicht aus dem Gleichgewicht. Sogar Christian Drosten vertrat damals den Standpunkt, freiwillige Kontaktbeschränkungen würden eine dramatische Infektionswelle verhindern. Als Vergleich diente ihm die SARS-Epidemie in Hongkong zu Beginn des Jahrtausends.

Es dauerte nur sechs weitere Wochen, und die tatsächliche Dramatik der Corona-Pandemie hatte sich in Deutschland und damit für den Bundestag offenbart. Zuerst wurde ein Notfallplan für Krankenhäuser verabschiedet. Planbare Operationen sollten verschoben werden. Die Zahl der Intensivbetten für Corona-Patienten verdoppelte sich damit.

Das Ende des normalen Lebens

Am 22. März einigten sich Bund und Länder auf den ersten Lockdown. In der Öffentlichkeit durften sich die Deutschen jetzt bloß noch allein bewegen. Mit einer weiteren Person konnte man sich außerhalb der eigenen vier Wände nur sehen lassen, wenn dieser Mensch ebenfalls dort wohnte. Diesen Lockdown setzten die Deutschen mit großer Motivation um, inspiriert nicht zuletzt von einer Kanzlerin, die im Fernsehen an das Verantwortungsbewusstsein aller Bürger appellierte. Es war auch die Zeit, in der das Abstandhalten ohne Maske Ärzten wie Politikern ausreichend erschien. Sogar das Robert-Koch-Institut in Berlin, immerhin oberste Bundesbehörde in Sachen Überwachung von Krankheiten, sah das Tragen von Masken mit kritischem Blick. Die Menschen könnten sich wegen des Atemschutzes fälschlicherweise in Sicherheit wiegen. Immerhin, sinnvoll seien die Masken für jene, die sich bereits mit dem Virus angesteckt hätten.

Trotzdem – die konsequenteren Schutzmaßnahmen warfen ihre ersten Schatten. Denn wenige Tage nach dem Beginn des ersten Lockdowns, am 27. März, beschlossen die Bundestagsabgeordneten mehrheitlich, dass der Bundes­gesundheitsminister durch Rechtsverordnungen für genügend medizinische Produkte in Deutschland sorgen kann, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Dazu gehörte das massenweise Bestellen von Atemschutzmasken.

Das ganze Land befand sich in den ersten Monaten des Jahres 2020 in einer Lernkurve. Vielerorts herrschte noch die Meinung, SARS-Co V-2 sei ein harmloses Schnupfenvirus, das nur ganz wenigen und ganz alten Menschen etwas anhaben könne.

Andererseits: Hätte man das Tragen des Atemschutzes bereits in diesen letzten Tagen des März 2020 zur Pflicht gemacht, Chaos wäre ausgebrochen im Land. Kaum jemand hätte noch seine Lebensmittel einkaufen können, der erste Lockdown wäre aus heiterem Himmel über die Menschen gekommen. Denn Masken gab es zwar im fernen China, nicht aber im gesundheitsbewussten Deutschland. Sogar das Horten von Toilettenpapier, Mehl und Spaghetti wäre ausgefallen ohne die heute selbstverständliche Maske.

Die Hamsterkäufe trafen den Einzelhandel unvorbereitet. Die leeren Regale beim Toilettenpapier stellten sogar Psychologen vor Herausforderungen. Ihre Erklärungsansätze fielen unterschiedlich aus: Von Sicherheitsbewusstsein war die Rede oder dem Unterdrücken von Ekelgefühlen, ausgelöst durch das Virus. Sogar die eine oder andere Prügelei wegen des begehrten Hygieneartikels ist aus dieser Zeit verbrieft.

Der Blick auf die leeren Regale im ersten Lockdown genügte jedenfalls, um zu wissen, die Menschen nahmen Corona mittlerweile ernst. Wer im März oder April 2020 mit einer Maske ein Geschäft betrat, wurde noch skeptisch angeschaut. Doch jeder ahnte, die Zeit des allgemeinen Tragens einer Mund-Nasen-Bedeckung war nicht allzu fern. Schließlich boten viele Geschäfte die Teile bereits an, die zu dieser Zeit noch aus Stoff sein durften. Medizinische FFP 2-Masken waren vorerst Mangelware und deshalb keine Pflicht.

Das Land der Maskenträger

Die einzelnen Bundesländer empfahlen seit Mitte April dringend, im öffentlichen Personennahverkehr und in den Geschäften eine Alltagsmaske zu tragen. Auch wenn mit dem Mai der erste Lockdown offiziell beendet war, so handelte es sich im erlebten Alltag um eine Mogelpackung. Treffen mit Bekannten und Freunden waren wieder möglich, Kinder besuchten wieder ihre Schule zur eigenen und der Freude ihrer Eltern.

Ein Begleiter hat sich allerdings in die neu gewonnene Freiheit geschlichen. Der Mund-Nasen-Schutz ist seit dem 29. April 2020 ein nicht wegzudenkendes Accessoire, in Bussen und Bahnen seitdem Vorschrift und in den offenen oder ab Sommer 2020 wieder geöffneten Geschäften ebenfalls. Der Kontakt zu unbekannten, sympathischen Mitmenschen ist ab jetzt auf den Blick reduziert. Ob hinter der Maske jemand lächelt, das ist Interpretationssache. Das sogenannte »alte Leben« haben die Menschen mit Beendigung des ersten Lockdowns nicht zurückbekommen.

Mit den neuen Regeln des allgemeinen Miteinanders fühlte sich die Lockdown-freie Sommerzeit nicht ganz so frei an. Social Distancing ist nicht nur ein Schlagwort, es ist die gelebte Realität seit Beginn des ersten Lockdowns im März 2020. Corona dominiert das Zusammenleben auch in den Zeiten zwischen Lockdown eins, zwei oder drei. Die damalige Unterscheidung zwischen dem »Lockdown light« ab 2. November 2020 und dem dritten Lockdown ab dem 16. Dezember wird für Historiker eine Spitzfindigkeit von geringer Relevanz sein.

Die Menschen nicht nur in Deutschland haben sich mit der Tatsache abzufinden, dass ein Virus innerhalb weniger Wochen ihr Leben grundlegend verändert hat. Nach etlichen Monaten in der Pandemie verbreitet sich langsam die Erkenntnis: Dieses Virus wird das Land lange nicht mehr los.

Ein Leben zu Hause

Damit nicht genug: Deutsche Urlauber sehen sich ab Mitte März 2021 mit einer weltweiten Reisewarnung konfrontiert. Mitarbeiter in den Reisebüros haben für die wenigen Kunden plötzlich sehr viel Zeit. Berliner in der Einflugschneise des Flughafens Tegel könnten glauben, der Airport sei endlich und sogar vor dem 31. Oktober erfolgreich nach Schönefeld umgezogen.

Am Himmel über Deutschland herrscht plötzlich wohltuende Stille. Klimaschützer sind begeistert, Piloten haben jetzt einen Krisenjob. Neun Milliarden Euro muss sich die Lufthansa vom Staat leihen, damit das Überleben des Unternehmens gesichert ist. Es waren nur wenige Tage nach der Pandemie, da schaute der Vorstand der Lufthansa noch optimistisch in die Zukunft. Von einer baldigen Erholung des Konzerns war die Rede.

Das war ein Irrtum. Ein Jahr später ist klar, die Lufthansa hat 2020 fast sieben Milliarden Euro Verlust eingeflogen. Dabei handelt es sich um ein schiefes Bild, denn das riesige Minus wurde durch Flugzeuge am Boden verursacht. Nur 37 Millionen Passagiere saßen 2020 in den Fliegern des Konzerns, ein Viertel der Kunden aus dem Vorjahr. Besonders bitter: 137000 Mitarbeiter hatte die Lufthansa 2019. In diesem Jahr wird die stolze Zahl um fast 30 Prozent zurückgegangen sein. Fast 30000 Angestellte weltweit traf die Kündigung bereits im letzten Jahr, 10000 werden es 2021 in Deutschland sein. Und die wirtschaftlichen Erfolge vor der Pandemie werden noch lange ein Wunschtraum bleiben. Verglichen mit jener Zeit ist im Jahr 2021 die Hälfte der Auslastung aller Kapazitäten ein realistisches Ziel geworden.

Der wirtschaftliche Niedergang der Lufthansa ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Kraft des unsichtbaren Virus. Von einem Tag auf den anderen wird im Vorfrühling 2020 ein Geschäftsmodell eingefroren. Es betrifft die gesamte Reisebranche, denn auch die TUI muss mit fast fünf Milliarden Euro gestützt werden.

Die Infrastruktur für die Reiselust der Deutschen dürfte auf diese Weise erhalten worden sein. Die Zukunft wird es zeigen. Die Zukunft wird vor allem noch etwas anderes in aller Deutlichkeit preisgeben: Wie viele Menschen werden in den nächsten Jahren tatsächlich in die Arbeitslosigkeit fallen? Am Beispiel der Lufthansa wird es deutlich. Je weniger Bedarf bei den Fluggesellschaften, umso weniger auch auf den Flughäfen, bei den Autovermietern, den Hotels. Es sind zahlreiche Branchen, in denen Arbeitsplätze seit vielen Monaten mit Kurzarbeitergeld aufrechterhalten werden. In Wahrheit werden viele dieser Stellen künftig wegfallen. Da Kurzarbeiter nicht in der Arbeitslosenstatistik auftauchen, zeigt der Arbeitsmarkt noch ein freundliches Bild.

Ein echtes Drama

Neben dem Reisen bleibt den Deutschen seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie zusätzlich der Besuch im Restaurant oder der Stammkneipe verwehrt. In den deutschen Gaststätten und Restaurants arbeiten normalerweise 2,4 Millionen Menschen. Bislang erwirtschaften die Hotels und Gaststätten im Jahr etwa 100 Milliarden Umsatz.